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Der Roman spielt in Schottland des 19. Jahrhundert. Die junge Frau Mina, das Kind der Natur, wird bis zu ihrer Hochzeit begleitet. Die Handlung ist in die Lebensweise und Sitten der Highländer dieser Zeit eingebunden.
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Seitenzahl: 523
Veröffentlichungsjahr: 2020
ein Roman
von
Robert Williams Buchanan
Originaltitel: A Child of Nature
aus dem Englischen
von
Peter M. Richter
Nach
Chatto & Windus, Piccadilly, London
1896
für meine Frau Antje
Kap. I Ein weißes Segel in einer grauen Einöde
II Der hübsche Lotse
III Ein alter Brief
IV Musik, Mondschein und ein Bittgebet
V Ein Interieur in holländischem Stil
VI Doktor für die Seele und Doktor für den Körper
VII Angus mit den Hunden
VIII Verirrte und herrenlose Hunde
IX Der Wanderer findet ruhige Quartiere
X Eine Jagdepisode und ihr Ende
XI Im Pfarrhaus
XII Minas Fragen
XIII Schloß Coreveolan
XIV Grahams Heimkehr
XV Am häuslichen Herd
XVI Koll
XVII Jahrmarkt in Storport
XVIII Kleider machen Leute
XIX Galgenpeter
XX Schließlich Lord Arranmore
XXI Die Maske fällt
XXII Arranmore kommt heim
XXIII Eine rätselhafte Botschaft
XXIV Minas Verabredung
XXV Das Heidehäuschen – Glenheather Lodge
XXVI Graham wird bezaubert
XXVII Kolls Zauberkraft
XXVIII Der Verwalter und der Lord
XXIX Ein Liebessturm
XXX Ein Treffen und eine Trennung
XXXI Schatten im Pfarrhaus
XXXII Koll ist auf der Hut
XXXIII Die Teufelsbrücke
XXXIV Graham kommt zu Hilfe
XXXV Kolls Axt
XXXVI Der Traum zerrinnt
XXXVII Mina ist genesen
XXXVIII Graham und Arranmore
XXXIX Durchkreuzte Absichten
XL Sonnenschein und Sturm
XLI Kolls Tribut
XLII Eine Hochlandkirmes
XLIII Ethel und Mina
XLIV Ein wenig Sonnenschein
XLV Ein Vorschlag
XLVI Coreveolan ist verlassen
XLVII Ethel spricht den Epilog
Ein weißes Segel in einer grauen Einöde
Am Nachmittag eines Sommertages erscheint eine kleine Zweimasteryacht mit gerefften Segel in der langen Mündung von Loch Uribol, einem Fjord im entlegenen Norden von Schottland. Während die Yacht auf der offenen See zwischen den südlichen Böen der benachbarten Berge hin und her geworfen wird, hißt man die rote flatternde Flagge am Fockmast, als Zeichen, daß die Insassen an Bord Hilfe benötigen.
Es ist ein dunkler, trockener Tag. Der Wind bläst ständig frisch und stark aus Südost. Die Yacht, ein winziges Ding von fünfzehn oder sechzehn Tonnen und einer kleinen Kommandobrücke, hatte am frühen Morgen Kap Wrath umschifft, kreuzte das aufgewühlte Wasser, welches die dunklen zerklüfteten Berge Schottlands von der entfernten Küste Norwegens trennt. Leicht wie ein Vogel springt sie über die großen Wogen der See, wird von vorn bis hinten mit Schaum bespritzt, aber selten kommt ein Tropfen des grünen Wassers an Bord. Der Wind bläst meist von vorn, so daß ihr Fortkommen wirklich sehr langsam ist.
Die Zeit verstreicht. Die düsteren Klippen des wilden Nordkaps können bald nicht unterschieden werden. Die Ufer der Nordküste, welche zuerst am Horizont schwach zu unterscheiden waren, verschwimmen allmählich. Die Yacht nimmt eine einsame Richtung, an den hohen Bergen des Ben Derg, an den Mietskasernen von Roan vorüber, welche die dunklen und steinigen Landzungen der Kliffs säumen.
Nicht einmal an diesem langen Tag kommt die Sonne hervor. In der Atmosphäre ist ein gleißendes Silberlicht und der Himmel scheint dicht über der Erde zu sein. Die Wellen der See, die nicht gebrochen und zu weißem Schaum wurden, sehen ungewöhnlich schwarz und unheimlich aus. Es ist sicher ein passender Tag zum Segeln. Der farblose Ton aller Dinge – der See, das entfernte Land und der Himmel – sind nicht ohne Charme für Leute, die die neutrale Färbung der Melancholie der Nordküste lieben.
Aber als sich der Abend nähert, die Sonne aus einer Schlucht der abgelegenen Berge ein gespenstisches Licht über die tanzende See verbreitet und die weißen Segel der kleinen Yacht rosafarben erleuchtet, ist sie nur wenige Meilen vor der gefährlichen Küste entfernt.
Gerade zu dieser Zeit richtet der wetterfeste Hochländer, der das Schiff steuert, seinen Blick zum Sonnenuntergang und überläßt das Ruder einem jungen Mann, der neben ihm auf der Brücke sitzt und sagt ruhig:
„Sie geht unter, um die Winde im Osten zu entfesseln, denn Loch Uribol ist ein schrecklicher Ort für Stoßwinde. Wir werden das Focksegel ganz und gar einziehen und sie mit Großsegel und Klüver segeln lassen.“
Kaum hatte der Sprecher mit Hilfe eines anderen Mannes, der träge im Vorderteil des Schiffes gelegen hatte, die Vorsichtsmaßnahme ausgeführt und das Focksegel eingezogen, als der erste Stoßwind weißen Schaum über die Brücke des Schiffes legt. Bö auf Bö folgt, während das Licht des Sonnenuntergangs zu hell leuchtendem Rot wächst. Der Wind weht und türmt riesige Wolken über die unermeßlichen Berge im Südosten auf. Die Yacht ist zu leicht mit Leinenstoff beladen und mehr als einmal ergreift der Wind das Schiff so brutal, als droht er es völlig zu versenken. Das Wasser ergießt sich auf der dem Wind abgekehrten Seite des Decks in grünen, reißenden Strömen und durchnäßt den Steuermann bis auf die Haut.
Jetzt ist die See verhältnismäßig ruhig, dank der Deckung durch die Berge. Aus den dunklen Schluchten und nebligen Abgründen aber schießen die Windstöße mit aller Kraft der Verzweiflung hervor. Nur jemand, der an dieser Küste ein kleines Schiff navigieren kann, ist in der Lage das Schiff hier sicher zu führen. Mit der Wut des Hasses und der Verzweiflung sozusagen, greift ein Windstoß nach dem anderen den Schoner wie ein wildes Tier an, das sich bemüht, es wütend in Stücke zu reißen. Laut lachend streicht sich der Steuermann die nassen Haare aus dem Gesicht und blickt angespannt in Richtung Land.
„Wo ist nun das Uribol-Land?“ ruft er dem alten Kelten, der zuerst sprach, zu: „Kannst du die Einfahrt zur Bucht ausmachen?“
Der alte Mann schüttelt den Kopf.
„Ich denke sie liegt irgendwo dort drüben,“ sagt er, „aber ich habe niemals die Einfahrt passiert. Näher an den Wind, Sir, näher an den Wind! Wir werden direkt darauf zu steuern – dort ist ein gefährliches Wasser voraus!“
Der junge Mann am Steuer stößt einen Ausruf der Ungeduld aus.
„Hier Calum, nimm das Steuer und laß mich einen Blick auf die Seekarte werfen.“
Während er das sagt, übergibt er das Ruder dem alten Mann und taucht in die Treppe zu den Kajüten, kehrt aber mit der Seekarte in seiner Hand schon bald zurück. Er breitet sie aus und folgt mit dem Finger der Küstenlinie und studiert sie aufmerksam. Hin und wieder wirft er flüchtig einen Blick zum Land, während die Yacht sich seitlich legt und durch jeden Windstoß näher und näher an die Küste kommt.
Er ist ein Mann von acht- oder neunundzwanzig Jahren mit einem ziemlich hübschen Gesicht, breiten hohen Augenbrauen, einer griechischen Nase und einem stolzen, sarkastischen Mund. Seine Haut ist dunkel und gegerbt, als ob er lange Zeit in der Sonne wärmeren Klimas gelebt hat. Er ist sauber rasiert, ausgenommen die Oberlippe, wo er einen dicken eleganten Schnurrbart trägt, seine Augen sind blau und sehr groß, obgleich er die Gewohnheit hat, sie zusammen zu kneifen, wenn er irgendeine Person ansieht. Seine ganze Person und in jeder seiner Gesten strahlt er ein besonderes Flair aus, welches die Geburt des Gentlemans verrät. Sein Ausdruck letztendlich ist von Keckheit und Hochmut geprägt und sein Lachen hat nicht die klingende Klarheit der Jugend, sondern klingt zuweilen hohl, eine Art krampfhafter Fröhlichkeit, die sein Gesichtsausdruck nicht teilt.
„Warum, zum Teufel, bin ich hierher ohne einen Lotsen gekommen?“ ruft er, „sieh her, Calum. Die Einfahrt der Bucht ist voller versunkener Felsen in jeder Richtung. Weiter weg, rechter Hand, ist Bo Scarbh, ein bekanntes Riff, bei Flut drei Fuß unter Wasser. Sieh, dort dicht dabei ist ein anderes, dort ist ein halbes Dutzend Felsen. Die Krone des Ganzen ist, das Wasser ist dort an der tiefsten Stelle der Durchfahrt nur sechs Fuß tief. Und, beim heiligen Georg, der Durchfahrkanal selbst ist an der engsten Stelle ungefähr nur zwei Kabel breit. Ohne Lotsen werden wir wohl sicher ein Schiffswrack sein, wenn wir da durchfahren. Was können wir tun?“
Calums Antwort auf diese Frage war, die Empfehlung weiter Signale zur Küste zu geben, daß man einen Lotsen braucht.
So wird die kleine Yacht weiter vom Wind hin und her geworfen und Richtung Küste getrieben. Auf diese Weise kommt sie dichter unter die Berge. Sie konnten gerade noch etwa eine Meile voraus etwas unterscheiden. Nur wenige Yards gegenüber sehen sie den silbernen Schimmer der Einfahrt zur Bucht, die aus der Entfernung tatsächlich sehr schmal aussieht. Sie wissen, daß in der Bucht ein geschütztes Becken liegt, nahe der gegenüberliegenden Seite des ‚Dorfes‘.
Eine Stunde geht in großer Aufregung vorüber und es gibt von der Küste keine Antwort auf ihr Signal. Jeden Augenblick werden die Windböen schrecklicher, bis es scheint, das kleine Schiff sei wirklich verloren. Das Schlimmste von allem ist, daß die Nacht nah ist, denn die Berge sind bereits in der Dämmerung.
„Es ist eine furchtbare Küste“,sagt Calum, als das Boot von einer gefährlichen Bö durchgeschüttelt wird, „ich denke eins der Hundert-Tonnen-Fischerboote ist gerade hier gesunken. Und es war nicht in irgendeiner See. Sie fuhr in den Süden mit Hering und hatte zwei oder drei leere Fässer an Deck, von den Bergen drüben kam der Wind auf und es sank wie ein Löffel in eine Schüssel mit Milch. Ich würde nicht für einen Haufen Geld mit einem offenen Boot segeln.“
„Nicht einer scheint von uns Notiz zu nehmen“, sagt der junge Mann, „was ist zu tun? Das Boot wird nicht standhalten.“
„Das Boot ist ein gutes Boot“, sagt Calum, „aber die Nacht wird schlecht sein und keine Yacht dieser Größe kann überleben, wenn sie in einen Sturm kommt. Wenn kein Mann von der Küste kommt werden wir zum Loch Uish fahren, gerade die Küste runter. Es ist nicht ungefährlich in der Dunkelheit, dort ist der Mackenzie-Felsen und das Riff, wo Sandie Gow die Wellen bricht und dort vorbei sind die Black Rocks, aber wir werden unser Bestes tun.“
„Wird gemacht! Denn es ist die einzige Chance, heil aus diesem verdammten Schlamassel zu kommen.“
„Oh ja, nur eine Chance“, sagt Calum trocken und in einem unbewegten phlegmatischen Ton, „die Leute werden beim Fischen sein, aber es ist eine schlechte Nacht für ein Boot wie dieses in der offenen See.“
Dies erregte die Aufmerksamkeit des Anderen. Der junge Mann starrt ihn einige Zeit, halb heiter, halb höhnisch verwundert an. Er schaut in ein grimmiges, wettergestähltes, völlig unbewegtes Gesicht. Er muß laut lachen.
„Du nimmst es um jeden Preis gelassen genug“, sagt er.
„Und warum sollte ich es nicht gelassen nehmen? Ich bin nur ein gemeiner Mann und muß die Winde nehmen wie sie kommen und mein Brot verdienen.“
„Kannst Du schwimmen?“
„Keinen Zug“, antwortet Calum und vergräbt sein Gesicht, in seinen Händen seine kurze, schwarze Pfeife. Der Mann im Vorderschiff, der gegen die Taue lehnt, summt in tiefen Tönen das traurige schöne Lied ‚Ghillie Callum‘.
Insgeheim amüsieren sich seine Kameraden in ihrer Dummheit, der junge Mann lacht wieder und geht noch einmal in die Kajüte. Er kehrt mit einer Schrotflinte zurück und feuert zwei Schüsse in die Luft. Kaum hatte er es getan, als ein enorm großer Hund aufspringt, zur Reling rennt und begierig auf das Wasser starrt.
„Runter, Nero, runter!“ schreit der junge Mann, „er denkt, ich habe etwas geschossen. Die Schüsse haben ihn zur Wachsamkeit animiert. Schaut da drüben!“
Auf einer kleinen Anhöhe, die die Einfahrt zur Bucht überragt sind zwei oder drei Gestalten undeutlich zu sehen, aber es ist schon zu dunkel, um sie auszumachen oder zu erkennen wer sie sind. Das Zwielicht ist zu ende und der Wind ist mit Wut wieder aufgekommen.
„Wartet noch zehn Minuten, wenn niemand kommt, müssen wir es riskieren an der Küste entlang zurück zu fahren.“
Der Steuermann nickt. Das Schiff ‚umlegen‘ und wieder durch den Wind fahren. Man konnte sehen wie die Windböen windwärts die See weiß färben, wenn sie das Wasser ergriffen. Aber jeder konnte schon das Land ausmachen. Zehn Minuten gingen vorüber und der Befehl ist bereits gegeben, das Schiff mit einem freien Segel zu wenden, als Calum leewärts die Asche aus seiner Pfeife klopft und ruhig sagt:
„Wartet noch eine Minute! Ich höre Rudergeräusche zwischen uns und der Küste.“
Der hübsche Lotse
Alle horchen intensiv und hören das Platschen der Ruder näher und näher kommen. Unverzüglich darauf schießt aus dem Schatten der Felsen ein kleiner Kahn, gerudert von einer einzelnen Person. Es scheint ein einfaches flaches Fischerboot zu sein, ganz der Barmherzigkeit des Windes ausgesetzt, aber sehr gewandt geführt wird. Während Calum das Boot in den Windschatten bringt, lehnt sich der junge Mann über die Reling des Schiffes und gibt gespannt auf das kleine Boot acht. Jetzt stößt er einen Fluch aus und wendet sich zu Calum um:
„Sieh her! Beschämende Idioten! Sie haben nur eine Frau gesandt.“
Calum, der ganz erstaunt ist, zeigt mehr Selbstkontrolle, er ist nicht sauer.
Das Boot wird wirklich von einer Frau gerudert, eine junge energische Erscheinung, ihr Kopf mit einer dunklen Kapuze bedeckt, so daß sie nicht das Gesicht sehen können. Calum begrüßt die Fremde auf Gälisch. Sie antwortet in hellem Ton in der selben Sprache. Und bevor er noch ein weiteres Wort sagen kann, ist das Fischerboot längsseits am Schiff. Eine leichte und mädchenhafte Gestalt springt mit unglaublicher Schnelligkeit und perfekter Behändigkeit an Bord. Es ist zu dunkel, um ihre Gesichtszüge zu unterscheiden, aber sie scheint gut auszusehen und sehr jung zu sein. Ihre Kapuze streift sie ab und ihr Gesicht und Haar sind feucht von der Gischt. In totalem, höchsten Erstaunen über die ungewöhnliche Erscheinung, steht der junge Mann mit offenem Mund starrend da, während die Fremde und Calum miteinander gälisch reden.
„Was sagt das Mädchen?“ erkundigt er sich letztlich ungeduldig, „kommt jemand, um uns in diese Einsiedelei zu lotsen?“
Calum wiederholt was er für wichtig hält:
„Das Mädchen sagt, daß kein Mann im Dorf ist in dieser Nacht, um ein Ruder zu führen oder ein Netz auszuwerfen. Das ganze Dorf ist auf Heringsfang im Loch Uish. Es ist niemand da, außer Ehefrauen, Kinder und alte bettlägerige Männer.“
Ein wütender Windstoß ergreift das Schiff, während Calum spricht und beinahe wird es umgeworfen und hätte fast den Weg verloren. Wieder in Gälisch an Calum gewandt sagt das Mädchen etwas, schiebt ihn beiseite und nimmt das Ruder.
„Hallo! Was machen Sie?“ ruft der junge Mann, „Sie glauben doch nicht, daß das Boot einem Mädchen wie Ihnen anvertraut wird?“
Das Mädchen scheint entweder zu verstehen, was gesagt wurde oder vermutet die Bedeutung, weil sie lacht. Nun gleitet das Schiff wieder schnell durch das Wasser, gesteuert von der Fremden.
„Das Mädchen sagt“, bemerkt Calum phlegmatisch, „es gibt keinen besseren Lotsen hier als sie selbst. Und wenn wir ihr erlauben das Boot zu führen, wird sie uns wohl geborgen führen. Die Gezeiten führen Wasser, sagt sie, und wir haben Glück mit dem Wasser in den Engen.“
„Aber es ist nahezu stockfinster und dies ist nichts als ein Kind.“
„Haben Sie keine Angst, Sir. Sehen Sie! Sie weiß wie ein Schiff gesteuert wird und ich gebe mein Wort dafür, sie wird uns sicher leiten. Ich habe schlechtere Lotsen als sie gehabt. Sie ist ein kühnes Mädchen und eine Könnerin und besser als irgend ein Mann.“
Ein lauter Ruf des Mädchens unterbricht ihn. Sie scheint Befehl in ihrer Sprache zu geben. In dem Moment stürzt er vor und legt mit den anderen Hand an das Topsegel, während das Mädchen das Ruder herumreißt, gerade noch wenige Fuß von einem großen schwarzen Felsen, der aus der See ragt.
„Das ist Maßarbeit“, sagt der Gentleman nervös, „ich war erschrocken, daß uns etwas passiert.“
Das Mädchen spricht wieder mit Calum und er übersetzt:
„Das ist Dhu Squr, sagt sie. Aber dort sind drei Faden Wasser über der scharfen Kante des Riffs. Wir kommen an die Engpässe heran und wir benötigen jeden Zentimeter.
Ein weiterer Ruf des Mädchens und das Steuer wird wieder herumgerissen, um zu lavieren. Sie sind nun ganz im Schatten der Berge. Alles scheint in Dunkelheit und Verwirrung, besonders die ungewöhnlichen Gefühle des jungen Mannes. Für ihn scheint das Land auf allen Seiten verschlossen. Über ihnen türmen sich die Berge, der Wind kommt aus allen Richtungen. Ein wildes Brüllen liegt in der Luft und das Wasser scheint unter ihnen mit beängstigender Lautstärke zu wirbeln und zu kochen.
„Wir sind nun in den Engen“, sagt Calum, „das ist das Kochen der Flut.“
Der Wind ist außerhalb der Einfahrt zur Bucht heftig aufgefrischt und wieder und wieder wird das Ruder von dem Mädchen herumgerissen, so schnell, daß sie kaum etwas um sich wahrnimmt. Aus diesem Grund verweigert sie dem Steuermann in dieser Situation des Durchkommens zu antworten. Es scheint, als driften sie rechts neben den Felsen des Kanals. Im Moment richtet Calum auf Befehl des Mädchens das Stagsegel mit einem Brüller windwärts aus und das Steuer komplettiert die Steuerbewegung. Alles scheint im Schatten der Berge, dunkler zu werden, aber bald sieht der junge Mann, daß sie mehr und mehr in das offene Wasser geraten und verschiedene Lichter des Dorfes am Ufer schimmern aus der Dunkelheit. Aber der Wind schreit noch laut.
„Alles ist nun sicher, Sir“, sagt Calum, „wir sind nun dicht bei der Einsiedelei, außer Gefahr.“
Er rennt vor und hilft seinen Seemannskameraden die Ketten an Deck zu holen, daß sie frei fahren können und den Anker am Bug hochziehen. Eine Minute später wird das Ruder in Windrichtung gebracht und das Schiff gleitet sicher etwa hundert Yards durch das ruhige Wasser, als das Mädchen den Mann her ruft und das Ruder übergibt. Die Yacht ist angehalten. Der Anker ist mit solch lieblichen Geräusch geworfen, das nur erschöpfte Segler kennen und lieben. Für einige Minuten herrscht Verwirrung in der Dunkelheit. Der junge Mann geht nach vorn, um zu sehen, daß alles wohl geborgen ist und um einen Blick in die nähere Umgebung zu tun. Soviel er in der Dunkelheit ausmachen kann, sind sie in einem schönen Naturhafen, auf jeder Seite von Bergen umgeben und nahezu vor dem Wind geschützt.
„Fünf Faden Wasser“, sagt Calum, die Meßleine einholend, „und ein feiner weißer Schlick unterm Kiel. Wir können nicht passender vor Anker liegen. Der junge Mann, der in tiefe Überlegungen eingetaucht ist, berührt ihn an der Schulter.
„Komm achtern mit mir, um mit dem Mädchen zu sprechen. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat sie unser Leben gerettet.“
Aber als sie ankommen, war sie bereits verschwunden und der alte Fischerkahn, den sie gerudert hatte, um zu helfen, war ebenfalls nicht mehr da. In der sie umgebenden Dunkelheit strengen sie ihre Augen an und lauschen auf Rudergeräusche, aber alles ist still und sie können nichts von dem fremden Mädchen entdecken.
Ein alter Brief
‚Mein lieber Freund,
Du wirst an der Überschrift und dem Poststempel merken, daß ich letztlich in Thule angekommen bin. Ich kaufte eine kleine Segelyacht, brandneu, für dreihundertfünfzig Pfund, stattete sie in Clyde ausreichend aus und begann meine Reise mit einer Mannschaft von zwei Mann, einer davon ist ein alter Fischer, der diese Küste kennt, wie die Falten im Gesicht seiner Mutter. Unser Weg begann in Iona. Bei gutem Wind ging es bis zum Essen in Loch Scavaik, Skye. Dann segelten wir von dort um Cap Wrath, dann erreichten wir Uribol in der fünften Stunde am Nachmittag. Die ganze Reise war ein großes Vergnügen, aber ich vermißte den Komfort einer Dinnertafel. Was ich zu essen hatte, mußte ich mir selbst kochen. Ich konnte den Männern nicht zumuten für mich zu kochen. So begnügte ich mich mit gekochten Eiern, harten Biskuits, gelegentlich etwas Fisch. Tee und Kaffee machte ich über der Spirituslampe. Und ich rauchte einige Zigarren. Ich nahm einige Dutzend Flaschen Rotwein in Clyde an Bord, aber sie verschwanden im Nu und seitdem bin ich beim ‚Nationallikör‘ stecken geblieben und er gefällt mir wirklich überaus. Der modus vivendi ist: den Kopf nach hinten zu werfen und einfach ein Glas Whisky auf einen Zug herunter zu schütten und dann mit tränenden Augen und brennendem Hals findet es in einem unbeschreiblichen Weg Beifall, durch das Heften der Zunge an den Gaumen.
Das Klima ist abscheulich, es stellt meine Stimmung auf die Probe. Seit ich an dieser Küste zu segeln begann, habe ich meine alte Freundin, die Sonne, kaum gesehen. Alles ist grau, melancholisch und dunkel. Von dem heftigen Regen abgesehen, bleibt der schottische Nebel ewig, das heißt ein heimtückischer, fallender Tau, der unsere Kleidung in eine nasse Pferdedecke verwandelt hat. So nimmt es kaum Wunder, daß so wenig Leute hier sind, wenn man die Trostlosigkeit aller Dinge berücksichtigt.
Für meinen Teil kann ich nicht verstehen wie Menschen für ein ganzes Leben in so kalten Temperaturen existieren können. Obgleich ich ein Schotte von Geburt bin, fließt mein Blut in südlicheren Breitengraden freier als hier. Wenn ich hier länger bleibe, würde ich phlegmatisch werden und, wie die Eingeborenen, abergläubisch sein.
Und nun, trotz allem, denke nicht, daß ich den Eindruck erwecken will, daß ich enttäuscht bin. Dieses Schicksal, Graue Einöde und einsame See, berührt mich mehr als Du Dir vorstellen kannst. Gerade wie manche alte Eingravierung mit ihrem einzigartigen Ausdruck, suchen mich eben die Vorstellungen mehr heim, als jedwedes schöne Bild. Ich habe Tuschzeichnungen in zwei oder drei Skizzen gemacht – eine von Loch Scaviag, eine andere von den Gipfeln von Sutherland usw. und sie scheinen sonderbar diese Landschaft wiederzugeben, ohne einen Schimmer von Farbe. Wenn Du schweigend intensiv in die Färbung der Berge, Seen und dem Meer schaust, dann ist da Farbe in der feinsten Art. Ich wußte noch nie, wie viele verschiedene Grau es hier gibt, bis ich diese Reise machte. Ihre Kombinationen sind außerordentlich und im künstlerischen Sinne sehr pathetisch.
Ich reiste weit, wie Du weißt, aber niemals, weder in der amerikanischen Prärie oder in den kanadischen Urwäldern, auf dem alten Kontinent, oder dem neuen, fand ich perfektere Schönheit als in der Umgegend hier. Wenige Schiffe kreuzen in der See, die Einwohner des Nordens sind wenig und weit verstreut und die ganze Landschaft scheint Jahrhunderte zurück geblieben zu sein. Ein Brief aus der entlegensten Hauptstadt in Europa würde Dich schneller erreichen, als von hier aus. Denke ich nur an die fünfhundert Meilen weit, die die Krähe fliegt, und das über Wasser, wie gefährlich bei der zerbrechlichen Kraft, welche sie über den Pazifik führt, was sind dagegen die großen Postdampfer. In der Tat, Livingstone in Afrika ist nicht viel weiter von der Zivilisation entfernt, als ich es im Moment bin! Ja, ich wandere wirklich wie ein einsamer Reisender. Mein Ziel kennst Du, ich brauche hier nicht darauf anzuspielen. Alles um mich herum ist fremd – die Landschaft, Sitten und Gebräuche und die Sprache. Mein alter Lotse ist der einzige Mann, der ein Wort auf englisch spricht.
Ich bilde mir ein, ich sehe Dich voller Mitleid mit den Schultern zucken, wenn Du an meinen einsamen Zustand denkst und beeilst Dich am Nachmittag in rosigen Entzücken zu Fuß zu einer gewiß dunkelhaarigen und elegant gekleideten jungen Lady mit prächtigen Augen fortzukommen.
‚Armer Teufel!‘ höre ich Dich rufen, ‚nicht einmal eine schöne Frau spricht mit Dir.‘
Nicht so eilig, wie auch immer, sprich mir nicht von Deinen langweiligen Salonschönheiten, Deinen gezierten Träumern über das letzte neue Poem, Deine üblichen Puppen, die in der Sonne des Lebens schmelzen wie Wachs und nur im Gaslicht lächeln. Eher gib mir die mäßige Schönheit der amerikanischen Prärie, verehrungswürdig, nichts zurückweisend, nichts fordernd; oder die antilopenähnlichen Mädchen in den südlicheren Breiten. Eher gib mir eine der anspruchslosen Fischermädchen, hell, frisch, natürlich, anmutig wie ein Rehkitz und blühend wie eine Rose!
Hier scheine ich Dein zynisches Lächeln zu bemerken.
‚Ja, sagst Du, ‚die konventionellen Geschöpfe drittklassiger Gedichte und Novellen und ich, der sich gut mit der niederen Gesellschaft auskennt, ist niemals über die sylphenartigen(1) gestolpert. Fischermädchen, eben aus Newhaven, wo sie am besten blühen, haben häßliche Füße, harte Hände, wohlgestaltete Körper, ein gewöhnliches Gesicht und eine unsaubere Sprache.‘
Und, allgemein gesprochen, glaube ich, Du hast recht. Schönheit verbessert sich nicht durch raue Arbeit oder mit gänzlicher Untätigkeit, noch durch Geisteserleuchtung mit dem üblichen konventionellen Einhämmern auf den Gymnasien.
Schönheit, Bescheidenheit und Anmut sind spärlich im kärglichen Leben – irgendwie spärlich, weißt Du, so etwas wie Tugend existieren noch in manchen Lebenslagen des besseren Lebens. Hier wie dort in meiner kurzen Pilgerfahrt kreuzten irgendwelche Blumen von erstaunlicher Lieblichkeit, irgendwelche perfekte Exemplare der unkultivierten Natur von der unteren Schicht und anscheinend uninteressanter Boden, in welchen sie wuchsen. Ich weiß Deine Ohren schmerzen nun. Du hast recht. Ich habe einen Phönix aufgedeckt, oder so etwas Ähnliches. Es begann auf dem romantischsten Weg, wie Du hören wirst.
Am Nachmittag des 5., wie ich oben erwähnte, erreichten wir diese Küste – Wind, sehr steif - Windböen, schrecklich - die Nacht kam schnell über uns und die See um uns lag voller versunkener Felsen. Die Einfahrt von Loch Uribol ist sehr gefährlich. Ich vertraute der Hilfe eines Lotsen von der Küste, um uns in den Hafen zu bringen. Wir signalisierten wieder und wieder, inmitten eines gepfefferten Windes, aber nicht eine Seele kam uns zu Hilfe. Es wurde dunkel und wir wollten gerade weiterfahren, als eine Vorsehung eintrat und uns einen Erlöser in Gestalt einer jungen Eingeborenen schickte. Du errätst mein Erstaunen, als ein Mädchen im Teenager Alter an die Seite des Schiffes ruderte, an Bord springt, ohne zu fragen das Kommando über das Schiff nahm. Vor meiner Nase, gab sie ihre Kommandos in einer fremden Sprache und meine aufrührerische Mannschaft gehorchte, als ob sie ein Geist von einem anderen Stern wäre. Ich war einfach wie versteinert, meinen Blick auf der Erscheinung gerichtet. Es würde vergebens sein, das Folgende zu erklären, außer Du hättest eine Seekarte von Loch Uribol vor Dir und -kenntest all die Gefahren dieser Passage.
Es genügt zu sagen, daß das junge Mädchen, von dem ich spreche, mit einer nautischen Geschicklichkeit, die in mir die wärmste Bewunderung hervorrief, führte, und uns mit Sicherheit durch jede Gefahr brachte und platzierte das ganze Schiff, Fracht und Mannschaft korrekt im Hafen der Bucht.
So weit, so gut, ich kenne die Frage, die Dir auf der Zunge liegt, es ist eine alte Frage: ‚Sah das Mädchen gut aus?‘ und sollte ich negativ antworten? Sehe ich all Dein Interesse, an der sich in Rauch auflösenden Geschichte, verschwinden. So oberflächlich sind die Männer, so leichtgläubig ist der Eindruck, der nur oberflächlich ist. Wie auch immer, laß mich zu Deiner Befriedigung erzählen, daß diese junge Gestalt nicht nur gut auszusehen schien, sondern positiv anziehend und nicht nur mutig wie ein Adler, sondern anmutig wie ein wilder Schwan. Ich spreche bloß vom ersten Eindruck und möglicherweise zeigt sie sich ganz anders im Alltag. In der Dunkelheit der Berge in dieser Nacht schien sie von nahezu außerirdischer Liebenswürdigkeit.
Stell Dir die Situation vor! Eine stürmische Nacht – ein Schiff in Notlage – Gefahr auf jeder Seite – und das Auftreten eines Geistes, welcher in alten Zeiten zu Ulysses kam, als es noch Geister im Meer gab. Die ganze Begebenheit schien unreal – ein Bild, daß an Byron, oder an einen der deutschen Romanschriftsteller des ‚Sturm und Drang‘ erinnert. Alles was ich tun konnte war wie im Rauch – war wie ein heller Schein, ich stand auf der Brücke, starrte wie eine große Gans auf unseren dienstbaren Engel.
Natürlich, wenn es mir möglich gewesen wäre gälisch zu sprechen, hätte ich ein Gespräch angefangen. Niemals in meinem Leben bedauerte ich so meine Unkenntnis. Ich bildete mir ein, sie verstand mein Englisch zu einem bestimmten Grad, weil sie zu meinen Bemerkungen zu dem Lotsen lachte. Alles in Allem schien sie mich als eine Person von wenig Wichtigkeit anzusehen, sie wandte sich gänzlich an den alten Calum, nahm das Kommando meines Schiffes ohne mich zu beachten.
Ich denke, ich male ein Bild der ganzen Angelegenheit, wenn ich mehr Kenntnis der Farben habe.
Der Wind blies in ihr Gesicht und löste, von ihr unbeachtet, ihr Haar. Ihr Nacken war nach vorn gewölbt wie ein Schwan, dessen Kopf ungeduldig auf einen Punkt gerichtet ist, während ihre Blicke vorwärts in die Dunkelheit spähten. Sie stand auf der Brücke, umklammerte das Ruder mit einer Hand und drückt es mit ihrem Körper. Der ganze Blick und ihre Gestik waren prächtig. Ich konnte mich aber nicht darüber freuen, ich erwartete, daß wir jeden Moment zu Bruch gingen. Dann ihr schneller vogelähnlicher Befehlsruf zu dem Mann, ließ die Luft klingen! Ich dachte die gälische Sprache wäre sehr häßlich, bevor ich dieses Mädchen sprechen hörte. Sie sprach sehr weich und sehr deutlich, ohne anstößige Kehllaute der gewöhnlichen Eingeborenen.
In einem Moment schoß es mir durch den Kopf, daß irgend ein schöner Seevogel sich uns zuwendet und seinen eigenartigen Schrei ausstößt. Im nächsten Moment, als sie gerade das Ruder herumreißt und das Schiff um eine gefährliche Kurve steuert, wirkte die Gestalt steinhart, so fest und unbewegt war die ganze Gestalt bis die Gefahr vorüber war. Manchmal, besonders wenn sie irgendeine Erklärung an Calum richtete, ähnelte sie einer der früheren Seenymphen, funkelnd und zittern in der Gischt.
Das war, sage ich, mein Eindruck. Gegen die romantische Beschreibung hast Du die besonderen Fakten bekommen, meine Einbildungskraft wurde größtenteils durch die einsame Küste und der besonderen Gefahr hervorgerufen. Es war nicht leicht alles kritisch zu beurteilen. In Details bin ich mir so ungewiß, daß ich nicht schwören könnte, welche Farbe ihr Haar oder ihre Augen hatte, noch ihre Kleidung. Soweit ich mich erinnere trug sie zu ihrer dunklen Kapuze, eilig aufgesetzt, nur ein Kleid in blauer Seide oder Wolle und ein kurzes weißes Jackett, das bis zur Hüfte reichte, solches wie Du auf Bildern von schottischen Milchmädchen gesehen hast.
Du wirst Dich wundern, daß ich keine Vorsicht beim Erscheinen der hübschen Gestalt walten ließ, um alle Zweifel auszuräumen.
Nun gut, Fakt ist, mein Abenteuer endete so mysteriös wie es begann. Kaum hatten wir den Hafen sicher erreicht, hatten wir auch schon die Fremde vermißt. Sie nutzte den Vorteil der Dunkelheit und der Verwirrung und ruderte davon, bevor ich ihr für unsere Rettung danken konnte, oder ihr Belohnung oder Lohn anzubieten, denn das Mädchen war offensichtlich arm und ich fühlte mich dazu verpflichtet. Das Ungewöhnliche an der ganzen Angelegenheit verdiente Hochachtung. In diesem Land leistet sonst keiner einen speziellen Dienst, ohne dafür eine Bezahlung zu erwarten.
Gib zu, daß das ganze Abenteuer einzigartig war. Mit wirbelnden Kopf kehrte ich in meine Kajüte zurück, rauchte eine Zigarette nach der anderen und sah das Gesicht des Mädchens vor mir im Rauch. Während der Wind hin und wieder in die Takelage blies, erinnerte er mich in welcher Gefahr wir uns befanden. Zuletzt, erschöpft und ermattet, fiel ich in Schlaf und hatte wilde Träume in denen meine Befreierin vorkam. Zusammen mit ihr bestand ich unzählige Gefahren. Manchmal war sie eine Indianerin, nackt bis zur Hüfte und paddelt zu meiner Rettung, als ich kenterte in irgend einem amerikanischen See. Ein andermal saß sie vor mir auf einem fliehenden Pferd und wir galoppierten vor einer mörderischen Bande fort. Ich vermischte sie mit allen möglichen Szenen aus meinem vergangenen Leben und all den Nonsens, den ich in der Vergangenheit gelesen hatte. Natürlich war ich in meinen Träumen leidenschaftlich in sie verliebt, ohne praktische Bedeutung, hatte aber das Vergnügen meiner eigenen Leidenschaft.
Als ich am Morgen an Deck kam, schien es, gänzlich in einem Märchenland zu sein. Es war ein völlig ruhiger Sommermorgen und jeder Umriß der Berge spiegelte sich im stillen Wasser. Unsere Yacht war in einer schmalen Bucht und hatte die Segel zum trocknen gehißt. Das Land erstreckte sich auf jeder Seite sehr grün und wellig, von den Klippen aufsteigend mit aschgrauen Steinen und purpurner Heide und weit darüber der turmähnliche Ben Ival, eine wilde, gezackte Spitze, über welchen ein Adler aus der Entfernung ruft. Ein paar hundert Yards von unserem Ankerplatz war ein schöner Strand aus weißem Sand und genau darüber, weiträumig verstreut, das ‚Dorf‘, wenn ich es so hochtrabend betiteln will.
Stell Dir eine große Anzahl von gigantischen Felsbrocken vor, hohe Heide und hier und da eine Wiese, unterbrochen durch einen Hauch von blauem Dunst, der aus Erdlöchern herauskommt oder von natürlichem Feuer zwischen den Klippen herrührt. Als die Augen sich mehr an die Farben der Umgebung gewöhnt hatten, bemerkte ich, daß gewisse braune und grüne Gewächse, nicht unähnlich der Biberburgen, wo deren Population wohnt, aber sehr dicht über dem Grund. Heide, Gras und wilder Lauch wuchsen auf den Dächern, während hier und da eine Ziege, dicht am Erdloch, aus dem der Rauch entstieg, fraß.
Die Boote waren vom Fischfang gekommen und wurden auf den weißen Sandstrand geschleppt, während die Netze zum Trocknen am Strand aufgespannt wurden. Eine Menge wild aussehender Barbaren stand gruppenweise am Strand und schauten zur Yacht und ich fühlte nahezu, daß ich auf einer der pazifischen Inseln sei. Ich bedauerte, daß ich keine Glasperlen oder Messingringe zum Tauschen für die Bewohner hatte.
Nach dem Frühstück ging ich an Land und nahm Calum als Dolmetscher mit. Das Schauspiel eines Besuchers schien äußerstes Erstaunen zu erwecken. Solch ein Ereignis trat seit Menschen Gedenken nicht mehr ein. Die Wilden waren freundlich genug, aber umstanden mich ziemlich aufdringlich, untersuchten genau und vorsichtig mein Gesicht, Hände und Kleidung, von meinem Hut bis zu den Schuhen mit einem Ausdruck des Erstaunens und großem Interesse. Von den allgemeinen Anzeichen um mich herum folgerte ich, daß ihre Verwunderung hauptsächlich davon kam, daß sie das erste Mal einen Mann sahen, der sich selbst wusch. Sie gaben mir zu verstehen, daß Seife unbekannt ist und daß sie auf der Insel nur das Handtuch als Lappen benutzen, um den Fischgeruch, der den Heringen des Sunds der Landzunge anhaftet, zu begegnen. Desto mehr barbarisch die Einwohner mir schienen, desto himmlischer kam mir die Vision der vergangenen Nacht vor – das war ein dunkler Hintergrund, der mit einer Schönheit geschmückt war.
Als Antwort auf meine Frage, die ich durch Calum stellte, schüttelten die Männer die Köpfe und gaben nur wenig Information. Ich folgerte, daß das junge Mädchen keine Eingeborene des Dorfes sei, aber in einiger Entfernung im Innern des Landstrichs lebte, wohin sie letzte Nacht zurückgegangen sein könnte.
„Was mir die einfältigen Leute noch erzählten“, sagt Calum, „ ist, daß das Mädchen nicht ganz richtig im Kopf, nicht ganz gescheit wäre. Sie nennen sie in Gälisch: ‚Mina nan Oran‘, was soviel heißt: ‚Fair-Haired Mina of the Songs‘. Aber warum sie ihr solch ausländischen Namen gaben, kann ich nicht wiedergeben. Es hat mich verwirrt. Jedenfalls ist sie ein geschicktes und ein schnelles Mädchen – wertvoller als diese träge Masse Hochlandmänner hier.“
Ich sollte Dir übrigens noch sagen, daß Calum Coll, obgleich selbst ein Hochländer, zum Teil mit dem Akzent eines Lowländers, eine große Verachtung für seine nördlichen Landsleute hat, in deren Mitte er sich nun befand. Er sagt: Diese Männer bewegen sich nicht selbst und bringen nichts zustande. Er selbst gehört zu den südlicheren Inseln, wo die Dinge heller und vergnüglicher sind. Calum ist tatsächlich ein Mann ohne Poesie, eine sehr praktische und uninteressierte Person, deren Meinung von jeglicher sozialen oder ästhetische Frage entfernt und durch keine Autorität aufgeklärt ist. In manchen Dingen, zum Beispiel Seife und Wasser, ist er nicht weiterentwickelt, wie die Menschen, die er so sehr geringschätzt.
Die wenigen Informationen, die ich erhielt, erweckten meine Neugier. ‚Fair-haired Mina of the Songs‘! Dieser schöne Name ist die Poesie selbst. Ich beschloß jeden Aufwand an Zeit und Ärger auf mich zu nehmen, um mehr über das Mädchen zu erfahren. Sofern ich nicht erfolgreich war, sie wiederzutreffen, war ich nicht in Eile von dem Fleck abzureisen, wo ich solch gute Kurzweil hatte. Ich ging davon aus, letzten Endes erfolgreich zu sein.
Meine Position hier ist sehr eigentümlich und sehr reizvoll. Natürlich bin ich inkognito – nicht eine Seele hier weiß, wer ich bin. Für Calum Coll bin ich eben Mr. Edward Lawrance aus Oxford und London, Student und Tourist, der die Erlaubnis Lord Arranmores hat die Uribol - Heide zu erkunden, so lange der Herbst es erlaubt. Morgen in einer Woche ist der 12. August und ich werde beginnen einen der Wilden als Diener zu suchen. Ich habe noch kein Moorhuhn gesehen, aber sie sagten mir, daß einige wenige Schwärme weiter im Inland seien. Die ganze Insel ist voller Ungeziefer. Man kann ein Dutzend Yards gehen ohne ein Wiesel oder Iltis zu sehen. In Bezug auf die Otter, der ganz bescheidene Fluß, wenn man überhaupt Fluß dazu sagen kann, ist voll von ihnen. Nichtsdestotrotz bin ich kein gieriger Jäger und beabsichtige, mich selbst daran gründlich zu erfreuen.
Ich habe, wie Du weißt, mehrere ernste Objekte beim Besuch dieser Gegend. Es war ein Studium, welches früher oder später auf mich zukam und, obgleich ich davor lange Zeit zurückschreckte, bin ich jetzt froh, daß es dazu kam.
Wie sagt ein schottischer Poet:
„Auf dem Weg eines Landmanns sind viele Blumen, daß
Könige sich danach bücken.“
Nicht daß ich so eingebildet bin mich in irgendeiner Weise als König zu fühlen oder daß hier irgendwelche Blumen in der Bevölkerung sind. Was ich einfach meine ist: Mein Besuch hier begann mit einer Romanze und ich schaue nach vorn und werde nach und nach mehr Vergnügen und Aufregung haben.
Mit besten Grüßen etc.‘
Musik, Mondschein und ein Bittgebet
Es ist nötig, daß wir uns nun von den Beschäftigungen und Abhandlungen des Mr. Edward Lawrance abwenden, um kurz dem Schicksal seines unbekannten Retters folgen:
Leise zur Seite des Schiffes gleitend, das Fischerboot losmachend, stiehlt sich das Mädchen in der Dunkelheit hinweg, nicht in Richtung Küste, sondern sie rudert schnell in die entgegengesetzte Richtung. In einiger Entfernung hört sie auf zu rudern und lauscht. Sie kann deutlich Lawrances lebhafte Stimme von der Yacht hören, der verwundert über ihr Verschwinden ist. Nach einen Moment der Unschlüssigkeit rudert sie weiter. Jeder Winkel und Spalte der Küste scheint ihr bestens bekannt. Kaum schimmert es vor ihr, rudert sie schnell weiter. Das Fischerboot ist unförmig, aber klein und leicht zu rudern und die Ruder, obgleich roh gezimmert, lassen sich leicht bewegen. Das Mädchen rudert mit unbeschreiblicher Anmut und Leichtigkeit und ohne Anzeichen von Ermüdung. Hin und wieder hält sie inne, ihr ist warm und sie atmet schnell. Die Ruhepausen scheinen mehr Abstraktion, als eine Ermüdung des Körpers zu sein. Jetzt beginnt sie mit einer tiefen Stimme an zu summen, eine Hochland Schicksalsmelodie – eine dieser ausgezeichneten schönen Weisen, welche halb Rezitativ und halb Lied sind – die Musik wird durch eine Kapelle mit Rhythmus erst zu Glanz verholfen, gerade so wie die Spitze einer Fontäne sich versprüht. Als sie, im Einklang mit den Ruderschlägen, zu der melancholischen Weise, singt beginnt der Sommermond hinter den Bergen einen geisterhaften Schimmer zu werfen und plötzlich ist der Fjord rundum in Gelb getaucht, die Oberfläche des Wassers mit seinen Wellen ist hell überzogen. Durch diese beleuchtete Finsternis gleitet das Boot. Alles ist totenstill, nur unterbrochen von den Ruderschlägen, dem Kreischen der Brachvögel, die von einer geisterhaften Bucht zur anderen fliegen und das furchtsame Zirpen der Seevogelfütterung an der schwarzen Küste des Fjords. Loch Uribol, in dessen Wasser sie navigiert, ist eines der wildesten der unbekannten Seefjorde, welche an Schottlands Nordseite liegen. Weit ausgedehnte, schmale Arme der See, die mit ihren unzähligen Verzweigungen ihren Weg begleiten. Die Hauptfelsen repräsentieren den Hauptfjord und die zahlreichen Doppelfelsen und die übrigen breiten sich links und rechts der zahllosen Bays, Riffe und Minifjords auf jeder Seite aus. Der ‚Bootsmann‘ rudert direkt zu Loch Uribol und ist geradezu vertraut mit dem Wasser und wird die Spitze nach zehn Meilen erreichen. Aber ein Fremder, der das gleiche Kunststück zu vollbringen versucht, würde sich von links und rechts, durch diesen und jenen Weg verirren, so immer den richtigen Weg zur richtigen Passage verpassen, bis sein Eifer der Navigation in Verzweiflung mündet. Sieht man von der Höhe des ‚Ben Ruadh‘ oder des ‚Red Hill‘, die sich im Norden über dem Fjord erheben, scheint Loch Uribol ein verirrter Wasserarm zu sein, unterbrochen von zahllosen Buchten, grünen Inselchen und rauen Felsen.
Beginnend an der Nordküste, die durch die wilden Wasser des Nordens gespeist wird, die überall einfließen, bis in das Innerste des Landes, wo es pausiert, genährt durch den wilden Strom, der letztlich in einen tiefen und finsteren See aus Brackwasser mündet. Dieser letzte See, Loch Monadh genannt, der sich im Inland erstreckt, ist dann verbunden durch einen Fluß und einer Reihe prächtiger Seen. Der Fluß windet sich weiter unterhalb der Berge von Sutherland.
Es ist schwierig einem Fremden die Einsamkeit und Isolation der ganzen Landschaft, von der Loch Uribol ein Teil ist, zu vermitteln. Wild branden die Arme des Seewassers, grüne ungesunde Inseln, die bestreut mit widerlichen grauen Steinen sind. Weit erstreckt sich das niedrige Moorland, welches durch den weißen Schimmer der Frischwasserbuchten unterbrochen wird und von wo die wilden Seetaucher sich mit einem aufgescheuchten Schrei erheben. Größere Frischwasser-Lochs, sehr flach und schwarz, mit gigantischen Felsblöcken und Klippen, die sie wie gezackte Zähne überragen. Die höheren Berge, am Fuße bis zur Mitte mit purpurnen Heidekraut bewachsen, steigen plötzlich aus bleichem Granit zu ihren Gipfeln empor. Sie sind kennzeichnend und vermitteln dem Betrachte den Eindruck von lebloser Einöde. Das Vorherrschende von allem ist ein traumhaftes Grau – das Grau der Regenwolken, die über die Nordsee hierher ziehen und hier als dunkler Dunst sich zu wollweißen Nebel wandeln. Alles ist still, feierlich und farblos, ausgenommen wo die Sonne alles in außerordentliche Helligkeit verwandelt oder wenn ein Gewitter mit seinen Lücken und seinen gegabelten rötlichen Blitzen losbricht. Ausgenommen, wenn der Regenbogen erscheint und mit all seinen Färbungen des Prismas, beginnend auf See wie ein Geist, während, wie als eine Antwort des Zaubers, unzählige Regenbögen, als Resultat der niedrig liegenden Luftgebilde, sich selbst über die Seen im Inland glänzend ausbreiten. Auf jeder Seite erstreckt sich der Ozean mit seinen ruhelosen Stimmen, Richtung Norden die Nordsee, Richtung weit nach Westen der Atlantische Ozean, deren Wellen furchtbar auf den totenbleichen Sandstrand donnern.
Die Wohnsitze der Menschen sind wenige und liegen sehr verstreut in den einsamsten, unvermuteten Winkeln. Bei erster Annäherung ist dort kaum ein Zeichen menschlichen Lebens zu bemerken, außer natürlich die roten Segel der Fischerboote, die langsam zu den Hummerbänken in der See fahren, oder der Qualm der Heidefeuer, der von der Seite einzelner Berge aufsteigt. Die Nacht, die alle irdischen Dinge und Szenen vergeistigt, ist wunderschön in Loch Uribol und die wilden unterschiedlichen Konturen des Landes und des Wassers erscheinen furchtbar pathetisch im Silberlicht des Mondes und des unruhig bewegten, phosphoreszierenden Morgens.
Wie das Mädchen singend in seinem Boot sich am Fjord entlang schleicht, verändert sich die Landschaft um sie herum wie in einem Märchen. Schwärzliche Punkte rundum, wo die Kormorane ihre Flügel ausbreiten und im Mondschein ihr Gefieder putzen. Durch die flachen Buchten mit ihren sandigen Stränden waten die Fischreiher knietief mit ihren schwarzen Schatten im silbernen Wasser, wo die widergespiegelten Sterne wie glühende Perlen auf den Gezeiten schimmern. Sie fährt durch schmale schwarze Passagen, wo die Sea-pigs sich mit außergewöhnlichen Geräuschen wühlend zu schaffen machen. Sie fährt träumend weiter, ohne Überraschung über die Geräusche oder Erscheinungen zu zeigen, die jeden, aber keinen Inselbewohner, mit Bestürzung erfüllen würden. Die dunkle Szenerie um herum sie ist voller Leben. Tausend Klänge, bei Tag völlig still, unterbrechen die mitternächtliche Stille. Der Platz kann kaum einsam genannt werden, außer das Leben selbst ist Einsamkeit. Singend wie in einem Traum rudert das Mädchen weiter. Plötzlich hält es inne, als sie bemerkt, daß etwas dunkles im Mondlicht hinter ihr schwimmt. Ein kleines schwarzes Etwas, welches wie eine Lederflasche hin und her schwingt und hin und wieder mit einem Plätschern verschwindet. Als sie sich noch singend auf die Ruder lehnt, kommt es näher und es zeigt sich der Kopf eines im Wasser schwimmenden Tieres.
„Earach! Earach!“ ruft das Mädchen.
Das Tier kommt bis auf wenige Fuß näher zum Boot und zeigt den Kopf eines großen Seehunds, dessen Augen die die Sprecherin aufmerksam betrachten.
„Earach! Earach!“ wiederholt das Mädchen mit einer leisen zuredenden Stimme und sich über die Seite des Bootes lehnend, streckt sie ihre Hand zu dem Tier aus. Es ist ungewöhnlich, es schwimmt noch näher und gibt einen leisen Ton von sich, scheuert sich an der Bordwand des Bootes, erduldet, daß ihre Hand wieder und wieder über seinen glitschigen Kopf fährt. Es ist tatsächlich eine seltsame Situation, die von einem Fremden mißinterpretiert werden könnte.
Die Ansicht der fremden jungen Gestalt im einsamen Mondschein, ein Monster der Tiefe streichelnd, würde aufsehenerregende wilde Formen und Szenen von Märchen hervorbringen. Wie sie dort dahinschwebt, scheint sie eine Gestalt von zwei Elementen zu sein: ein schöner Geist der Luft, der die melancholische Nacht jagt, es ist auch ein Geist der Tiefe, auf die Stimme hörend und gehorsam Dienste eines Herrn leistet. So scheint es! Nein, sie ist es! Diese erstaunliche Welt der Tatsache ist, die mystischste Fabel von allem und zwei schöne Geister jagen das Mondlicht, nenne man es wie man will.
„Mein armer Earach!“ sagt das Mädchen auf Gälisch mit unbeschreiblicher Liebe, „wo warst du hin gewandert und wo waren deine Kameraden der See in dieser Nacht gewesen? Warst du auf der Jagd nach Heringsschwärmen rund um Crag Bahn gewesen, oder hast du auf die Lachsforelle am grünen Bach am Fuße des Wasserfalls gewartet? Es ist weit von zu Hause, wohin du nun wanderst, Earach, und wir fürchteten du seist krank, wenn du so lange umherstreifst.“
Ein ganz leiser, kaum hörbarer Ton, drückt Earachs Freude aus. Als das Tier angesprochen wird, schaut es mit großen, glänzenden, traurigen Augen in Minas Gesicht und preßt seinen Kopf dichter und dichter gegen ihre Hand, wie ein Hund der schmeichelt. Dann plötzlich, als ob er sein vergnügtes Wesen zeigen will, schlägt er mit seinem Schwanz das Wasser, schwimmt um und um und versucht in das Boot zu klettern. Immer und immer wieder mit seinen schlüpfrigen Flossen gegen die Bordwand stoßend.
„Runter, Earach, runter! Die Nacht ist kalt und du machst mich naß bis auf die Haut. Du bist nun bald ein alter Mann, solche Possen am Ende der Nacht zu spielen. Ich will für dich singen, wenn du ruhig und in Frieden folgst.“
Seine Bemühungen das Boot vergebens zu entern, läßt Earach nun ab und Mina nimmt ihre Ruder, singt laut, erhebt ihre Stimme und erfüllt die Luft mit einer fremden Melodie.
Still und brav wie ein Lamm schwimmt Earach an der Seite des Bootes nebenher, hebt seinen Kopf aus dem Wasser und schaukelt von einer Seite zur anderen, als ob er zuhört. Es ist offensichtlich, daß die Musik dem Tier Vergnügen bereitet. Nicht weniger Vergnügen scheint die Sängerin zu haben. Wenn sie singt, ist ihr Blick auf ihren Zuhörer gerichtet und die Seele der Musik hat von ihr Besitz ergriffen, ihr Herz ist voller Entzücken, Liebe und Freundlichkeit, die auf alle einfachen und niederen Kreaturen auf der Erde gerichtet sind. Diese Gefühle kann sie nicht in Worte fassen, aber nichts anderes erfüllt sie. Die Nacht, der Mondschein, der begleitende Gesang – all das vermischte sich in ein Mysterium, einer bewußten menschlichen Seele.
Wagen wir zu behaupten, daß sie sich nicht in das Leben der Kreatur einmischt, um an die Quellen der Spiritualität, die jenseits unserer Kraft reicht oder vermutet wird, zu gelangen?
Nein, nur für die besiegelte Liebe zum Gesang, die in Freude aufgenommen wurde. Als die Töne verklungen waren, schwimmt Earach noch einige Minuten träumend nebenher, als ob er darauf wartet, daß das Lied neu beginnt. Als er alles still findet, sinkt er wie ein Stein in die Tiefe und läßt sich nicht mehr sehen.
Ein Interieur holländischer Art
Still und schneller verfolgt nun das Mädchen seinen Weg. Nach ungefähr einer Meile an der Küste von der Bucht entfernt lenkt sie in eine schmale Bucht und macht das Boot am Ufer an einer groben Steinpier fest. Sie läuft dann schnell im Mondlicht davon.
Ihr Weg führt zwischen Klippen und Felsen, durch sumpfige Senken und über steinerne Stufen. Zuletzt steht sie vor einem erleuchteten Fenster eines Hauses. Es ist ein zweistöckiges Steingebäude, sehr vortrefflich in der üblichen Bauweise der Wohnhäuser in dieser Wildnis gebaut. Da das Fenster keine blinden Scheiben hat und bei ihrem Herannahen es still ist, schaut sie hinein.
In einem großen Vorraum oder Küche leuchtet ein hell brennendes Torffeuer auf der Steinplatte im Herzen eines enormen Kamins, wo verschiedene Figuren aufgereiht sind. In einem groben Sessel sitzt, mit dem Rücken zum Fenster, ein Mann mit schneeweißem Haar, bekleidet mit einem Anzug von schwarzen Stoff einer klerikalen Kleidung. Dicht bei ihm, an einem großen hölzernen Pflock hängt ein breiter verwitterter Schlapphut, in der Form eines mexikanischen Sombrero. Am selben Pflock lehnt ein enormer Wanderstock, mit einem Knauf, einem Hirtenstab ähnlich. Mitten in dem Raum sitzt eine Frau mittleren Alters am Spinnrad. Ihr Gesicht ist vom Feuer und einer alten Schiffslampe hell erleuchtet. Letztere brenn sehr matt und hängt von Deckenbalken herab, der von Alter und der Hitze schwarz wie Ebenholz geworden ist. Mit einem traurigen, sorgenvollen Ausdruck ist sie der dritten Person zugewandt, die eine schwarze Pfeife raucht, Grog aus einem Glas schlürft und redend in der Ecke beim Kamin sitzt. Dies ist wirklich ein sehr alter Mann, wenn man ihn nach dem Gesicht mit den vielen Falten und der gebeugten Haltung beurteilt. Aber seine Augen sind so hell und schwarz und sein Mund ist eindrucksvoll, daß es scheint der Jüngste im Raum zu sein. Er sitzt im vollen Schein des Lichts, mit dem Gesicht zum Fenster, spricht schnell und offensichtlich erzählt er Geschichten, denen die anderen mit größter Aufmerksamkeit zuhören.
Die Farben der gesamten Szene würde einen Schatten liebenden Maler erfreuen, so wie Rembrandt oder die Künstler der holländischen Interieurs. In der Dunkelheit erschaut das Auge matt ein Objekt nach dem anderen. Als erstes wird die Glut des Feuers wahrgenommen und sein Schein auf die Gesichter der Menschen, dann der große schwarze Kessel, der über dem Feuer hängt, das Spinnrad und die polierten Schüsseln, die hier und da die Wand dekorieren. Dann die glatten schwarzen Balken und zuletzt zurück zu den menschlichen Gesichtern, die dem Genrebild seinen Charakter und Lebendigkeit geben.
Der alte Mann spricht sehr schnell in einem seltsamen Hochlandakzent, nur dann und wann hält er inne, um schnaufend zu husten.
„Das Feuer in seinem Körper und der Tanz des St. Vitus in seiner ganzen Leidenschaft, das ist es, was ich von ihm weiß. Wenn der Tag kommt, möchte ich dabei sein, sich mit ihm zu vertragen und ihm seine Sünden aufzählen. Kirsty, Frau, warum schüttelst Du den Kopf zu dieser wahren Geschichte? All seine Bestien sind angehalten, nicht über seine Hähne und Hennen zu sprechen, und dem große Chef mit dem neuen Setsegel bin ich nur eine Halbjahresmiete schuldig.“
„Mark, mein Wort, Peter na Croiche will ein Stück Land für sein Vieh zum Grasen und deshalb ist er so hart zu den M‘Kinnons.“
„Peter Dougall ist ein harter Mann“, sagt der Geistliche, der mit dem Rücken zum Fenster sitzt, „ein harter Mann und es geht von ihm ein Fluch zur Armut aus. Aber sein Fehler ist geringer als dessen, der ihn zu dem machte, was er ist und das Unheil über ihn brachte. Wenn die Gutsherren hin und wieder kämen einen Blick auf ihr eigenes Land zu werfen, anstatt es in den Händen von ignoranten Männern zu lassen, welche es nur als Objekt ansehen das eigene Nest auszupolstern und seine eigene Lampe in ÖL zu halten. Das Hochland hielt sich besser davon fern.“
Er sprach in einer tiefen würdevollen Stimme, mit einem gewissen Raffinement und altehrwürdiger Art der Erhabenheit.
„Das wird niemals in unseren Tagen stattfinden“, entgegnet der andere, „es ist das Schaf und sein Hirte und Werkzeug eines Teufels wie Peter na Croiche, die den Norden in eine Wildnis verwandeln und jedes rechtschaffende Hochländerherz in das Land der Fremden verschiffen will. Wo ich vor vierzig Jahren hunderte von Familien sah, ich sah nicht alle, aber zwei oder drei und diese vor Hunger abgehärmt und einsam wie ein Gebirgsreh. Wenn Gott mir weitere zehn Jahre bewilligt und ich habe Geld, so würde ich kein Baby in die Welt setzen, kein Mann wird Uribol verlassen, der Vater wird. Denke daran, was ich vor langer Zeit war und schau mich nun an! Ich begann als Doktor die Körper von Männern und Frauen zu heilen, Menschen auf die Welt zu holen und half ihnen für wenig Geld. Ich ritt von Tür zu Tür auf meinem eigenen Pferd und hatte beide Hände voll vergnüglicher Arbeit. Und als die Cholera in den dreißiger Jahren grassierte, besuchte ich Tag und Nacht die Kranken und brachte ich sie durch? Gut, nun bin ich hier, siebzig Jahre alt und ich operiere noch, als wäre ich zwanzig und ich sehe die Wüste ringsum und höre die Bestien brüllen und wenn ich zu stolz gewesen wäre auch Arzt für Schafe und Kühe zu sein, würde ich an diesem Tag hungern. Einst konnte ich nicht in meinem Bett ruhen ohne mich erst erschöpft zu haben. Nein, ich kann bald schlafen, so lange es mir gefällt. Es scheint wie in alten Zeiten, als ich eines nachts wegen Red Johns Herde geweckt wurde, von der Callums-Farm im Tal. Ich beeilte mich und ging mit ihm dorthin und es war aber nur die scheckige Kuh zum arbeiten da und ich wollte sterben, wenn ich ihr nicht hätte helfen können.“
Ohne weiter zuzuhören geht das Mädchen am Fenster vorbei und geht zur Hintertür, drückt die Türklinke und tritt ein.
„Du bist spät, Miss Mina“, sagt die Frau und schaut schnell auf, als das Mädchen eintritt, „der Meister wunderte sich, was Dich aufhielt.“
Das junge Mädchen lächelt nur und nachdem sie dem Doktor die Hand gegeben hat, geht sie hinüber zu dem weißhaarigen Kirchenmann im Sessel, beugt sich über ihn und küßt ihn. Er schaut mit einem väterlichen Nicken auf und legt seine Hand auf ihr Haupt.
„Warum, wie war es, mein Kind?“ fragt er schnell, „ Dein Haar ist tropfnaß und Dein Kleid ist genauso bespritzt, was hielt Dich solange auf und wo warst Du gewesen?“
Das Mädchen antwortet nicht gleich. Sie steht ruhig vor dem Feuer, löst ihr Haar und läßt es über ihre Schultern fallen. Wie sie so dasteht, mit erhobenen Armen, die Haarflechten fallen lassend und die sich ergießende Bewegung über ihren Nacken, ist ihre perfekte Liebenswürdigkeit augenscheinlich. Sie ist ein blonder, untadeliger, skandinavischer Typ, den man selten hier im Norden findet und keinesfalls mit den sogenannten rötlich braunen oder rothaarigen Typ, der üblich ist, verwechselt werden kann. Ihr Gesicht ist ziemlich blaß für ein Landkind, obgleich die warmen Lippen und die klaren Augen von einer perfekten Gesundheit sprechen. Obwohl ihr Haar nahezu goldgelb ist und in wilden Locken fällt, sind ihre Augenbrauen ganz dunkel und ihre großen Augen sind wie glänzende Haselnüsse. Diese Augen kann man die Seele ihres Gesichts nennen. Ohne sie würde sie angenehm und hübsch gewesen sein, mit ihnen aber ist sie spirituell und liebenswürdig. Ihr Blick ist beständig, nicht wild, obgleich so hell wie möglich und ziemlich passiv und verträumt, als blendend und streng. Die Gestalt des Mädchens ist hager und groß, und deutet etwas von der geschmeidigen Kraft an, die sie zweifellos besitzt.
Der alte Doktor schaut mit der Bewunderung eines Siebenundzwanzigjährigen anstatt eines Siebzigjährigen auf sie.
„Wenn der Platz heller war, als das Moor und voller Leben, als er sein müßte“, bemerkt er, „ist es spät geworden, als ob sie durch die grünen Plätze mit einem Burschen zu Fuß heimgekommen wäre. Wir haben uns Sorgen gemacht, Mina, auch ich. Ich möchte Dir keinen Vorwurf machen, würde ich es selbst gewesen sein, ein Geist oder was es sonst war.“
Hier warf der weißhaarige Geistliche schnell ein:
„Es gibt viele Wege Gott zu dienen, als ihn zu heiraten oder die Ehe einzugehen, obgleich bei zu vielen Leuten ist es das Ende des Lebens – Schande auf sie! Komm, Mina, Du hast meine Frage nicht beantwortet. Du warst in Uribol gewesen?“
Mina nickt.
„Und Du sahst Allan na Hogh und gabst ihn den Flanell?“
„Ja.“
„Wie geht es ihm?“
„Schlecht, Onkel.“
„Seine Mutter denkt“, vermutet der Doktor, „ das es zurückgeht in die dritte oder vierte Generation. Es kommt durch das Gift, obwohl es niemals ein Haar auf dem Kopf einer Frau berührte. Aber ich will mein Bestes tun und versuche ihn durchzubringen.“
Nun ist hier Totenstille, in welcher der Geistliche Mina wieder und wieder anblickt, während die spinnende alte Frau mit einem sehr ernsten Ausdruck verstärkt das Gesicht des Mädchens fixiert. Daher drängt es Mina ihre Geschichte zu erzählen.
Sie sah die fremde Yacht, die Notsignal gab, daß kein Mann im Dorf war, nach langem Bedenken ruderte sie selbst in ihrem Boot hinaus. Ziemlich schnell geriet das Schiff in weitere Gefahr.
Ihr Bericht wird mit wenig Überraschung aufgenommen, der alte Doktor klatscht in die Hände und applaudiert stürmisch.
„Bei der Seele meines Vaters, aber das war gut gemacht!“ ruft er, „und Du brachtest sie sicher und gesund durch die Nairrows! Oh, das war gut! Eine Vergnügungsyacht mit einem Gentleman an Bord! Und Du sprachst mit ihm nur in Gälisch? Kann man Deine Verehrung heraushören?“
Der Geistliche schaut gedankenvoll.
„Eine fremde Yacht in Loch Uribol ist wirklich ein Wunder“, sagt er, „denn wenige Boote kommen auf diesem Weg wegen der Geschäfte und nicht aus Vergnügen. Was für eine Sorte Person war der Gentleman an Bord?“
„Ein junger Mann“, erwidert Mina, „und ein Engländer, denke ich. Ich bin mir sicher, daß er nichts verstanden hatte, was ich sagte und er sah mich an, als wäre ich ein Geist. Niemals sprach er ein Wort zu mir, solange ich an Bord war.“
„Hörtest Du nicht seinen Namen?“ erkundigte sich der Geistliche.
„Nein, aber ich bin mir sicher, daß er ein Fremder ist.“
Der Doktor schaut immer noch in Bewunderung auf das Mädchen.
„Und wie dachtest Du das Boot zu steuern, Mina Kind?“ sagt er, „diese verletzlichen Finger taugen mehr zu Näharbeiten an feinen Flachs, als ein Steuer anzupacken.“
Mina lacht und schaut gelegentlich zu ihrem Onkel.
„Ich würde nicht eines armen Fischermanns Pflegetochter sein, wenn ich nicht ein Boot im Wind steuern könnte. Obgleich ich vorher immer mein Herz auf der Zunge trug, seit mich Koll Nicholson ins Wasser brachte, während er im Mastkorb war und ich mich vor dem Geschmack von Mornig Dhu scheute. Es braucht nicht viel Kraft ein Boot zu steuern, aber flinke Augen und ein bißchen Praxis. Koll lehrte mir zuerst unten bei Ben Eval im Kahn das Ruder zwischen den Windböen in der Hand zu halten und seitdem bin ich nie mehr ängstlich, bei jedem Wetter.“ Hier unterbricht der Geistliche.
„Wenn es nach mir ginge, sollte an dieser Küste jede Frau drei Dinge lernen: zu steuern, zu rudern und zu schwimmen. Zu was sind sie jetzt in der Lage, wenn Gefahr droht? Ausgenommen um Hilfe zu rufen und die Männer zu behelligen. Noch können sie kein Boot führen. Eine Frau kann nichts verstehen wie ein Mann, wenn sie es nicht versucht. Schaut auf die alte Jean M‘Kinnon. Obgleich sie sechzig Jahre alt ist, steuert sie ein Boot und rudert wie der beste Mann in der Gemeinde. Sie fährt jedes Jahr mit ihrem Mann zum Fischen, bis er in Stornoway ertrunken ist. Ich möchte nicht, daß die Frauen die Arbeit der Männer machen und das Haus verlassen und alles zusammenbricht, aber ich hätte sie gern schlauer, als sie es in hundert verschiedenen Wegen sind.“
„Das ist wahr“, sagt der Doktor, „sie sollten trainieren, aber es ist dasselbe überall auf der Erde: wenn ein Mädchen oder Frau wäscht und kocht, dann ist das alles, was man von ihnen erwartet, außer sie ist eine feine Lady, die im Wohnzimmer sitzt und an ihren Piano träumt.“
„Und da ist Mina hier“, fährt der Geistliche warm fort, „Du meinst mir erzählen zu wollen, daß sie es wie jede nieder Frau es macht, weil sie steuern kann, wenn es nötig ist und sie selbst schwimmen kann, wenn sie ins Wasser fällt – wie Menschen in diesem Metier es an jedem Tag im Jahr erwarten? Nun, jetzt denken Sie selbst, Doktor, und erinnern sie sich, was für eine Art Kind sie war.“
„Ich müßte es wissen“, sagt der alte Blutegel, „weil ich sie noch vor ihrer Mutter und ihrem Vater sah, und was für ein Floh sie war, nicht viel größer als ein Däumling und rot wie ein eben gekochter Hummer. Wir haben nicht gedacht, daß Du leben wirst, Mina, ich auch nicht. Du warst so winzig und begannst zu weinen, weintest jeden Tag und in der Nacht – als ob Du ein ein unbekanntes Leiden in Dir trägst und wenn Du den Sirup bekamst, schliefst Du etwas.“
