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Die Idee der sympathischen, lebensklugen Denise von Schoenecker sucht ihresgleichen. Sophienlust wurde gegründet, das Kinderheim der glücklichen Waisenkinder. Denise formt mit glücklicher Hand aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. »Noch nicht umkehren«, bettelte Heidi, ein entzückendes kleines Mädchen von fünf Jahren. Sie drängte sich an Schwester Regine heran. »Bitte, bitte, gehen wir noch bis zum Bach. Dort haben wir das letzte Mal die Enten gesehen.« Schwester Regine strich der Kleinen über das hellblonde Haar, das zu zwei Rattenschwänzchen gebunden war, dann sah sie die anderen Kinder an. Sie waren in verschiedenem Alter und kamen alle aus dem Kinderheim Sophienlust. Dort gab es Kinder, die dauernd in dem Heim wohnten, aber auch solche, die nur vorübergehend Aufnahme fanden, weil ihre Eltern sich aus irgendwelchen Gründen eine Zeitlang nicht um sie kümmern konnten. »Ja, bitte, gehen wir noch weiter«, rief nun auch Vicky Langenbach. Sie gehörte mit ihrer um zwei Jahre älteren Schwester Angelika ebenfalls zu den Dauerkindern von Sophienlust. Die beiden hatten ihre Eltern vor einigen Jahren durch ein Lawinenunglück verloren, fühlten sich aber – genau wie die anderen Kinder – in Sophienlust sehr wohl. Im Grunde wollte keines der Kinder irgendwo anders leben. Nicht umsonst wurde Sophienlust ›Das Heim der glücklichen Kinder‹ genannt. Dazu trug zweifellos auch Regine Nielson bei, die Kinder- und Krankenschwester von Sophienlust. Sie war erst achtundzwanzig Jahre alt, hatte aber bereits großes Leid erfahren. Durch einen Unfall hatte sie ihren Mann und ihr dreijähriges Töchterchen verloren. In Sophienlust hatte sie eine neue Aufgabe gefunden und ging nun ganz in der Fürsorge um die Schützlinge des Heims auf. »Gut, gehen wir noch bis zum Bach. Dort können wir dann aber nicht lange bleiben, sonst wird es zu spät«
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2020
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»Noch nicht umkehren«, bettelte Heidi, ein entzückendes kleines Mädchen von fünf Jahren. Sie drängte sich an Schwester Regine heran. »Bitte, bitte, gehen wir noch bis zum Bach. Dort haben wir das letzte Mal die Enten gesehen.«
Schwester Regine strich der Kleinen über das hellblonde Haar, das zu zwei Rattenschwänzchen gebunden war, dann sah sie die anderen Kinder an. Sie waren in verschiedenem Alter und kamen alle aus dem Kinderheim Sophienlust. Dort gab es Kinder, die dauernd in dem Heim wohnten, aber auch solche, die nur vorübergehend Aufnahme fanden, weil ihre Eltern sich aus irgendwelchen Gründen eine Zeitlang nicht um sie kümmern konnten.
»Ja, bitte, gehen wir noch weiter«, rief nun auch Vicky Langenbach. Sie gehörte mit ihrer um zwei Jahre älteren Schwester Angelika ebenfalls zu den Dauerkindern von Sophienlust. Die beiden hatten ihre Eltern vor einigen Jahren durch ein Lawinenunglück verloren, fühlten sich aber – genau wie die anderen Kinder – in Sophienlust sehr wohl. Im Grunde wollte keines der Kinder irgendwo anders leben. Nicht umsonst wurde Sophienlust ›Das Heim der glücklichen Kinder‹ genannt. Dazu trug zweifellos auch Regine Nielson bei, die Kinder- und Krankenschwester von Sophienlust. Sie war erst achtundzwanzig Jahre alt, hatte aber bereits großes Leid erfahren. Durch einen Unfall hatte sie ihren Mann und ihr dreijähriges Töchterchen verloren. In Sophienlust hatte sie eine neue Aufgabe gefunden und ging nun ganz in der Fürsorge um die Schützlinge des Heims auf.
»Gut, gehen wir noch bis zum Bach. Dort können wir dann aber nicht lange bleiben, sonst wird es zu spät«, entschied Schwester Regine.
Den letzten Einwand beachteten die Kinder nicht. Sie stürmten davon. Schmunzelnd beschleunigte auch Schwester Regine ihren Schritt.
»Wir können ja auch ein Lied singen«, schlug ein dreizehnjähriges Mädchen vor.
»Ich gebe das Zeichen«, rief Heidi sofort eifrig. Und schon begann sie: »Laa, Laaaa.«
»Was willst du eigentlich singen?« erkundigte sich Angelika, Vickys Schwester.
Irritiert sah die Kleine in die Runde. »Ein Männlein steht im Walde. Ist das nicht schön?«
»Schon, aber aus deinem Lalala konnte man das nicht entnehmen.«
»Du hast nur nicht richtig zugehört«, meinte Heidi selbstbewußt. »Onkel Wolfgang sagt, daß ich sehr schön singe. Er muß es ja wissen, denn er ist Musiklehrer.«
»Auch Zeichenlehrer«, warf Fabian ein.
Heidi durchbohrte den Jungen geradezu mit ihrem Blick. »Wollen wir jetzt singen oder streiten?«
»Singen«, kam einstimmig die Antwort der Kinder, und gleich darauf ertönte aus vielen Kehlen das bekannte Lied. Auch Schwester Regine sang mit.
Plötzlich brachen die Stimmen ab.
»Oh!« ertönte es statt dessen. Die Kinder verharrten erschrocken.
»Er muß gestürzt sein«, rief Pünktchen. So wurde die dreizehnjährige Angelina Dommin von allen genannt. Sie verdankte diesen Spitznamen ihren unzähligen Sommersprossen. Zusammen mit Schwester Regine eilte sie jetzt auf den Jungen zu, der regungslos am Boden lag.
»Da ist sein Fahrrad«, rief Fabian. Mit großen, erschrockenen Augen kam er ebenfalls heran.
»Die Mütze gehört sicher auch ihm.« Heidi zeigte auf die karierte Kappe, die unweit des Fahrrades im Gras lag. Da niemand auf sie achtete, fragte sie: »Schläft er?«
Schwester Regine hatte sich bereits über den Jungen gebeugt. Nun sah sie hoch. »Er ist bewußtlos«, erklärte sie. »Wir müssen ihn ins Haus schaffen und Frau Dr. Frey verständigen.«
»Tut ihm etwas weh?« fragte Heidi mitleidig.
»Jetzt spürt er nichts.« Schwester Regine strich dem Jungen das Haar aus der Stirn. Eine Platzwunde wurde sichtbar. »Er muß mit der Stirn auf einen Stein gefallen sein«, meinte sie. Dann sah sie die Kinder fragend an. »Kennt jemand von euch den Jungen?«
Alle schüttelten verneinend den Kopf.
»Ich laufe zum Haus zurück und hole die Liege«, erbot sich Fabian.
»Ich komme mit.« Angelika lief hinter ihm her.
»Können wir sonst etwas tun?« fragte Pünktchen.
»Ich glaube, er kommt gleich zu sich«, sagte Schwester Regine. Sie hatte den Jungen flüchtig abgetastet. »Gebrochen dürfte nichts sein.«
Mit Tränen in den Augen hatte sich Heidi niedergehockt. »Kommt er nun in den Himmel?« fragte sie mit erstickter Stimme.
»Nein«, beruhigte Schwester Regine sie und schenkte ihr ein Lächeln. »Er muß nur einige Tage im Bett liegen.«
»Da, er bewegt sich!« rief Heidi erleichtert.
Die Kleine hatte recht. Die Augenlider des Jungen zuckten. Er stöhnte.
»Es tut ihm doch weh!« rief Heidi bestürzt.
Da schlug der Junge die Augen auf. Seine Hand fuhr zum Kopf.
»Nicht, du mußt ruhig liegenblieben«, sagte Schwester Regine.
»Mein Kopf, er tut weh.« Der Junge verzog sein Gesicht.
»Das ist auch kein Wunder. Du scheinst genau auf den Kopf gefallen zu sein.«
»Gefallen?« Der Junge wollte sich aufrichten, doch Schwester Regine faßte zu.
»Du wirst dich schwindlig fühlen«, warnte sie und hatte recht. Der Junge schloß rasch wieder die Augen. Sein Kopf lehnte jetzt an der Schulter der Kinderschwester.
»Komm, Pünktchen, wir legen ihn ins Gras«, meinte Schwester Regine.
Sie hoben den Jungen vorsichtig hoch und betteten ihn ins Gras.
»Tut es sehr weh?« fragte die Kinderschwester dabei.
Langsam öffnete der Bub die Augen wieder. »Es geht«, meinte er tapfer. »Was ist mit meinem Kopf?«
»Du bist vom Fahrrad gefallen«, erklärte Schwester Regine.
»Vom Fahrrad«, wiederholte der Verletzte. »Aber warum?«
»Das kann ich dir leider nicht sagen.« Schwester Regine versuchte, nicht allzu besorgt dreinzusehen.
»Wer sind Sie? Wo bin ich?« Der Junge runzelte die Stirn. Gleich darauf stöhnte er jedoch wieder.
»In der Nähe von unserem Heim«, sagte Heidi. Ihrer Meinung nach war sie jetzt lange genug still gewesen. »Du brauchst keine Angst zu haben. In den Himmel mußt du noch nicht. Die Tante Doktor macht dich sicher wieder gesund.«
»Ich verstehe nicht. Was ist eigentlich los?«
Schwester Regine begann zu ahnen, daß der Junge sich nicht erinnern konnte. Dies kam bei einer Gehirnerschütterung des öfteren vor.
»Du hast wahrscheinlich eine Radtour gemacht. Warst du ganz allein unterwegs?« fragte sie.
»Ich weiß nicht«, kam nach kurzem Zögern die Antwort.
»Er muß doch allein unterwegs gewesen sein«, meinte Heidi. »Es ist doch sonst keiner da.« Trotzdem sah sie sich suchend um.
»Vielleicht wollte er nach Sophienlust«, mutmaßte Vicky. »Vielleicht kennt er Henrik. Er muß fast so alt sein wie er.«
Vicky setzte sich ebenfalls ins Gras. Sie wandte sich an den Jungen, der die Augen inzwischen wieder geschlossen hatte. »Wie alt bist du denn?«
Schwester Regine beobachtete den Verletzten aufmerksam. Auch sie wartete gespannt auf die Antwort.
»Ich weiß nicht«, wiederholte der Bub kläglich.
»Das gibt es doch nicht«, ereiferte sich Heidi. »Ich gehe noch nicht zur Schule, weiß aber, daß ich fünf Jahre alt bin.« Stolz auf ihre Leistung, streckte sie fünf Finger ihrer rechten Hand empor.
»Mir ist so schlecht«, klagte der Bub weinerlich.
»Da kommt Fabian schon zurück. Tante Isi ist auch dabei. Jetzt wird alles gut«, meinte Heidi und lief Denise von Schoenecker entgegen, die das Kinderheim Sophienlust verwaltete.
»Ich glaube, er ist sehr krank«, versicherte sie mit einem treuherzigen Augenaufschlag.
»Frau Dr. Frey ist schon verständigt«, sagte Denise. Flüchtig strich sie Heidi über die Wange, dann wandte sie sich an die Kinderschwester.
»Ich tippe auf Gehirnerschütterung. Außer der Platzwunde konnte ich sonst nichts feststellen«, gab diese Auskunft.
»Dann ist es ja halb so schlimm.« Denise half, den Jungen auf die Trage zu legen, die Angelika und Fabian gebracht hatten. Dann wandte sie sich an den fremden Jungen. »Ich bin Denise von Schoenecker, die Kinder nennen mich aber alle nur Tante Isi. Wir bringen dich jetzt nach Sophienlust. Dort wird dich Frau Dr. Frey untersuchen, und dann werden wir deine Eltern verständigen. Wie heißt du?«
Die Augen des Jungen wurden groß. »Ich…«, begann er. Verzweifelt schluckte er. »Ich weiß es nicht.«
»Das kommt bei einer Gehirnerschütterung manchmal vor und ist nicht weiter bedenklich«, erklärte Schwester Regine.
Denise nickte verstehend.
»Aber wie sollen wir ihn denn nennen?« fragte Heidi, um gleich darauf hinzuzusetzen: »Bleibt er bei uns?«
»Das wird sich alles finden.«
»Aber…«, begann der Junge, vollendete den Satz aber nicht. »Mein Kopf! Es geht alles durcheinander.«
»Denke nicht nach«, forderte Denise von Schoenecker ihn auf. »Wir tragen dich jetzt ins Haus. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Es kommt schon alles in Ordnung.«
»Wir passen auf dich auf«, versicherte Heidi treuherzig. »Bei uns ist es auch sehr schön. Zu essen gibt es immer nur gute Sachen.«
Ans Essen konnte der Junge im Moment aber überhaupt nicht denken. Er fühlte sich sehr elend und befürchtete, sich jeden Moment übergeben zu müssen.
»Ich will doch nicht essen«, stöhnte er.
»Wenn du nicht magst, dann kannst du deine Portion mir abgeben«, sagte Heidi sofort. »Ich gebe dir dann etwas anderes dafür. Vielleicht eine Glaskugel.«
Pünktchen tauschte einen Blick mit Denise von Schoenecker. Sie war von allen Kindern am längsten in Sophienlust und war ein lebhaftes, gescheites Mädchen. Wenn es notwendig war, half sie stets mit.
»Wir wollen den Jungen jetzt nicht mit Fragen löchern«, sagte sie energisch. »Ihr seht doch, daß ihm der Kopf weh tut. Ich schlage vor, wir lassen ihn erstmal in Ruhe.«
*
»Mama, du kannst nicht wegfahren.« Die kleine Felicitas Frey lief ihrer Mutter nach. »Du mußt doch Stoffel ansehen. Er ist krank.«
Dr. Anja Frey blieb stehen. »Aber Schatz, ich bin doch kein Tierarzt.«
Felicitas, sie war sechs Jahre alt, grinste. »Stoffel ist auch nicht richtig krank«, verriet sie augenzwinkernd. »Ich spiele doch nur so.«
»Ich habe jetzt aber keine Zeit zum Spielen.« Ärgerlich schüttelte Dr. Anja Frey den Kopf. »Ich habe es eilig. Ein Junge braucht meine Hilfe.«
Filzchen, dies war der Kosename der Kleinen, schob ihre Unterlippe vor. »Ich muß immer warten. Jetzt werde ich auch einmal krank.«
Hatte ihre Tochter nicht recht? Die Ärztin zögerte. »Willst du mitkommen?« fragte sie.
»Mit dir?« vergewisserte sich Filzchen. »Natürlich, das will ich doch immer.«
Anja schmunzelte. »Wir fahren nach Sophienlust.«
»Toll! Dann brauche ich ja gar nicht brav zu sein.« Begeistert hüpfte sie von einem Fuß auf den anderen.
»Was höre ich da?« Anja Frey legte ihr Gesicht in strenge Falten.
»Ich meine, dort ist immer etwas los«, verbesserte sich die Kleine und senkte ihren Blick. »Da störe ich dich auf keinen Fall. Ich spiele einfach, bis du kommst.«
»Trotzdem…«, begann Anja, wurde aber sofort von ihrem quicklebendigen Töchterchen unterbrochen.
»Worauf warten wir noch? Wir können doch schon fahren.« Sie lief an ihrer Mutter vorbei auf die Gartentür zu. Bellend kam Stoffel, ihr Spaniel, ihr nachgesprungen.
»Oh, den habe ich ganz vergessen. Wir nehmen ihn doch auch mit, Mami?«
»Nein, diesmal nicht.«
Die Stimme der Mutter hatte so bestimmt geklungen, daß Filzchen den Kopf einzog und nicht mehr bettelte.
Dr. Anja Frey hatte zusammen mit ihrem Mann Stefan eine Praxis in Wildmoos und war schon seit langem die ärztliche Betreuerin der Kinder von Sophienlust.
»Wer ist denn krank?« fragte Filzchen, während sie mit ihrer Mutter dem Kinderheim entgegenfuhr.
Anja war gerade von der Hauptstraße abgebogen und antwortete daher nicht sofort. Ungeduldig beugte sich Filzchen vor.
»Ist es etwa wieder Heidi? Hat sie wieder einmal zuviel genascht?«
»Nein, es ist ein Junge, und er wohnt nicht in Sophienlust.«
»Aber warum fahren wir dann nach Sophienlust?«
»Weil der Junge im Moment dort ist, du kleines Fräulein Wißbegier.«
»Das verstehe ich nicht. Er ist dort, wohnt aber nicht dort. Wer ist er denn?«
»Das weiß ich auch nicht.«
»Und was fehlt dem Jungen? Tut ihm der Bauch weh? Hat er Fieber?«
»Keines von beidem. Er ist gestürzt und hat sich den Kopf verletzt.«
»Tut es ihm sehr weh?«
»Das werde ich jetzt gleich feststellen. Deshalb fahren wir ja hin.«
Endlich war Filzchens Neugierde befriedigt. »Du wirst ihn schon wieder gesund machen«, meinte sie und lehnte sich zurück.
Dr. Anja Frey fuhr durch das große schmiedeeiserne Tor, von dem eine Auffahrt bis zum Haus führte. Sie hielt vor der Freitreppe.
Heidi hatte dort bereits gewartet. Sie lief auf das Auto zu.
»Grüß Gott, Tante Doktor. Fein, daß du Filzchen mitgebracht hast. Diesmal können wir sicher lange spielen. Mit dem Jungen ist nämlich einiges nicht in Ordnung.«
»Wie meinst du das?« fragte die Ärztin.
»Er ist schon ein großer Junge und weiß nicht, wie er heißt«, erklärte Heidi. »Du mußt auch sehr lieb zu ihm sein. Er hat Kopfschmerzen.«
»Werde ich sein«, versprach Anja. Dann fragte sie: »Und was habt ihr inzwischen vor?«
Heidi und Filzchen sahen sich an.
»Wie wär’s mit dem Spielplatz?« fragte Filzchen.
Heidi nickte sofort begeistert. Wie auf Kommando faßten sich die beiden Kinder an den Händen und stürmten davon, denn zum Kinderheim Sophienlust gehörte nicht nur ein großer Park sondern auch ein schöner Spielplatz.
Kurz sah Dr. Anja Frey den beiden nach, dann stieg sie die Freitreppe empor und betrat durch das große Portal die Halle.
Denise von Schoenecker kam ihr entgegen. Die beiden Frauen reichten einander die Hände.
»Ich bin froh, daß Sie so schnell gekommen sind, Anja«, sagte Denise. »Wir haben den Jungen in das Krankenzimmer gelegt.«
»Wissen Sie tatsächlich nicht, wer er ist?« fragte die junge Ärztin. Dabei ging sie Denise voraus auf das Krankenzimmer zu.
»Nein. Zwar ist er nicht mehr bewußtlos, aber es scheint, daß er sich an nichts erinnern kann. Sehen Sie sich ihn am besten an. Schwester Regine ist bei ihm.«
Denise betrat zusammen mit der Ärztin das Krankenzimmer. Mit freundlichem Lächeln trat Anja an das Krankenbett. Sie war eine hübsche junge Frau und gewann das Vertrauen eines Kindes meist in kürzester Zeit.
»Der Kopf tut dir also weh? Das ist natürlich kein Wunder«, meinte sie, als sie die Platzwunde sah.
Der Junge sah die Ärztin von oben bis unten an. »Ich habe Sie noch nie gesehen«, stellte er fest.
»Das kannst du auch nicht. Ich wohne hier in Wildmoos. Wo bist du zu Hause?«
Der Junge sah an ihr vorbei. »Ich weiß es nicht«, sagte er.
Dr. Anja Frey packte ihre Arzttasche aus und setzte sich an den Bettrand.
»Du bist also vom Fahrrad gestürzt? Bist du zu schnell gefahren?«
»Keine Ahnung. Die da haben behauptet, daß ich vom Fahrrad gestürzt sei.« Er zeigte auf Schwester Regine und Denise. »Sie waren plötzlich da.«
Dr. Anja Frey wußte nicht, was sie von diesen Antworten halten sollte. Sie griff nach dem Puls des Kindes. Er schlug langsam. Auch die Atmung ging flach. Es bestand kein Zweifel, der Junge hatte eine Gehirnerschütterung. Bewußtseinsstörungen und Erinnerungslücken konnte es da leicht geben, aber daß er sich an gar nichts mehr erinnern konnte?
Die Ärztin begann den fremden Jungen gründlich zu untersuchen.
»Was wird nun mit mir?« fragte er, als sie die Decke wieder über ihn zog. »Mir ist so übel. Ich habe das Gefühl, jeden Augenblick brechen zu müssen.«
»Das kommt von deinem Sturz und kann einige Tage andauern«, erklärte die Ärztin. »Die nächsten Tage hast du strikte Bettruhe.« Während sie das sagte, beobachtete sie den Jungen scharf. Wirkte er benommen?
»Oh, ich glaube, ich kann gar nicht aufstehen.« Schweiß stand jetzt auf seiner Stirn.
Die Ärztin nahm ein Tuch und tupfte ihm den Schweiß ab. Sie wußte, auch dieser war ein typisches Symptom für eine Gehirnerschütterung.
»Keine Sorge, junger Mann, das kommt schon wieder.« Anja fuhr ihm durch das Haar. »Jetzt wird zuerst einmal geschlafen.«
Der Junge nickte gehorsam. »Vielleicht kann ich dann wieder denken.«
»Ich sehe später nochmals nach dir«, versprach Anja.
»Dann würde ich vorschlagen, wir trinken inzwischen einen Kaffee«, meinte Denise von Schoenecker, als sie und Anja Frey wieder in der Halle standen. Dieser große Raum war der Mittelpunkt des Kinderheims, mit einem offenen Kamin, vor dem ein Bärenfell lag. Die Kinder hielten sich gern hier auf. Auch jetzt saßen sie auf dem hochlehnigen Sofa oder auf dem Bärenfell und sahen der Ärztin erwartungsvoll entgegen. Bis auf Heidi waren alle hier versammelt. Selbst Henrik und Nick, Denise von Schoeneckers Söhne, die auf dem nahe gelegenen Familiengut Schoeneich lebten, waren nun hier.
»Wißt ihr jetzt, wer der Junge ist?« fragte Dominik von Wellentin-Schoenecker und ging seiner Mutter entgegen.
»Nein, aber selbst ich als Laie sehe, daß er etwas benommen ist«, meinte Denise. »Er muß sich zunächst ausruhen.«
»Im Moment scheint er sich noch an nichts zu erinnern«, stimmte die Ärztin ihr zu.
Henrik, ein Lausbub von neun Jahren, drängte sich an seinem um sieben Jahre älteren Halbbruder Nick vorbei. »Habt ihr seine Taschen durchsucht? Ich meine, gründlich. Ich zum Beispiel habe stets etwas darin verborgen.«
»Die des Jungen waren aber leer«, sagte Schwester Regine und schmunzelte.
»Komisch! Kein einziges Stückchen Papier oder sonst was?« wunderte sich Henrik.
»Nicht einmal ein Taschentuch«, gab Schwester Regine erneut Auskunft.
Henrik dachte nach. Dann verkündete er: »Ich muß mir den Jungen ansehen. Vicky meint, er ist in meinem Alter. Vielleicht kenne ich ihn.« Er wollte an seiner Mutter vorbeistürmen, doch diese hielt ihn fest.
»Moment, mein Sohn. Etwas langsamer, wenn ich bitten darf. Du hast soeben gehört, daß der Junge sich ausruhen soll. Er ist müde und matt.«
»Aber Mutti, ich tue ihm doch nichts.« Henriks graue Augen sahen Denise empört an. »Ich will ja nur schauen.«
