Ein kleines Ei ist auch ein Huhn - Katrin Ludwig - E-Book

Ein kleines Ei ist auch ein Huhn E-Book

Katrin Ludwig

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Beschreibung

Essen und Trinken hält Leib und Seele zusammen, heißt es. Dieses Buch erzählt von jüdischen Feiertagen, Mahlzeiten, Sitten und Gebräuchen. Küche, Kochen, Kochrezepte, Familie und Feste - zu diesem oder jenem ist es zu befragen. Geschichten von Menschen sind darin verwoben, zum Beispiel die der alten Mara, denn Familienfeste und Festtafeln sind ein Urgrund langlebiger Geschichten, wie sie von meiner Mutter, einer russischen Jüdin, erfahren und erzählt wurden, ein Leben lang. Das Scheunenviertel in Berlin, das "Schtetl und die Mulackei" sind der lokale Hintergrund, doch die Küche und ihre Gesetze sprengen Grenzen und Zeiten und verweisen auf Geschichte und Herkunft der Juden.

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Seitenzahl: 181

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Katrin Ludwig

Ein kleines Ei ist auch ein Huhn

Von jüdischen Feiertagen und Kochtöpfen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Koscher - t'rejfe - parewe

Sabbat heißt ruhen

Selbst der ärmste Jude hat ein Sabbat-Huhn

Sabbat-Speisen und ihre Rezepturen

Der jüdische Kalender

Rosch ha-Schana

Jom Kippur

Sukkot - das Laubhüttenfest

Chanukka

Chanukka-Rezepte

Purim oder das Losfest

Rezepte zu Purim

Pessach oder auch Passahfest

Rezepte für Pessach

Schawuot

Die Namensgebung

Bar Mizwa

Verlobung und Hochzeit

Von Tod und Trauer

Zitierte Quellen

Impressum neobooks

Vorwort

Essen und Trinken schaffen Erinnerungen und verankern sie im Menschen.Das ist eine andere Art von Heimat,die man in sich trägt und jederzeit lebendig sein lassen kann.

Dieses Buch ist kein Lehrbuch, es versammelt keinen Kodex. Einen "Küchen- und Feiertagsblick" wollte ich geben, in einen anderen Kulturkreis, der uns so fremd nicht ist, wenn man seine liebenswerten,duftenden,schmeckenden,fremdartigen und dochnicht unvertrauten Genüsse einmal erfahren hat und den Glanzseiner Feste.Kochrezepte sind Wegweiser zur Geschichteeines Volkes.Sie können Brücken sein zum gegenseitigenVerständnis.

Ich weißvon den Grenzen dieses Buches, wie sollte auch die Kultur von Jahrhunderten auf ein paar Seiten passen.BerlinundseinScheunenviertellebendig zu erhalten,gibt esviele Möglichkeiten. Dieses Buch isteine Bescheidene,doch hat sie einen praktischen Erfahrungswert, der nachzuempfinden ist am eigenen Herd,in den Restaurants des Scheunenviertels, unter den Menschen, diein Berlin leben.

Um allen unterschiedlichen Schreibweisen gerecht zu werden,richtet sich dieses Buch nach dem "Neuen Lexikon desJudentums"(München1992)und erhofft sich damit eine Verständigungsmitte.Die Zitate folgen der Schreibweise des jeweiligen Autors.

Zu danken ist liebenFreunden für Gedanken und Geschichten. Zu wünschen ist, dass dieses Buch dazu verführt, Kulinarischesund Kulturelles aufzunehmen, sich einfach daran zu erfreuen und den Blick für das Scheunenviertel in Berlin auf neue Weise zu erfahren.

K. L.

Sehnsucht nach Zeugnissen und die Erinnerungen an ein früheres Leben führen die alte Mara durch die grauen, wenig belebten, aber doch geschichtsbewegten Straßen des Scheunenviertels. Sie verlangt trostlosen, steinernen Zeugen, die sie wiederzuerkennen meint, Beweise ab, die so schnell nicht zu belegen sind. So bleibt es eher bei Wunschbildern, auf graues BerlinerPflaster projiziert.

Mara gehört zu jenem Typ kleiner Frauen,hinter deren Zartheit und Zerbrechlichkeit ihre Stärke und Kraft stecken.Sie ist unerbittlich im Suchen ihrer Vergangenheit, auch wenn es zuweilen mehr Schmerz, als Freude bereitet.Sie erkennt in den Häusern noch die winzigen, muffigen, feuchten Kellerläden. Sie kennt nochdie "Mulackritze"in der Mulackstraße 15, das "Pritzkow", ältestes Kino in Berlin. Die Fleischerei an der Ecke Grenadier- und Hirtenstraße, vom Meier Silberberg die jüdische Leihbibliothek, die hebräische Buchhandlung in der Grenadierstraße, die Bäcker-,Obst- und Gemüsewagen, die Kleintierhandlung in der Hirtenstraße, in der doch vornehmlich Tauben in Käfigen auf Käufer warteten, die Lumpenhändler, die kleinen Kolonialwarenläden und das vegetarische Restaurant an der Neuen Schönhauser - ein Film läuft vor Maras Augen,der die Straßen, durch die sie geht, verwandelt, nahbar macht.

"Das Alter zwingt einen in die Spur", sagt sie. "Da gibt es fast eine Sucht nach dem Wunder der Erinnerung."

Mara guckt, erzählt, geht zu sich selbst, wo immer sie sich zu finden glaubt.

Vier Kinder hat sie dem Mann geboren, einfache Leutesind sie gewesen und doch reich genug, die Kinder groß werden zu lassen. Das Scheunenviertel war Heimat, hatte ihnen vier Wände und ein Dach geboten. Mara hatte getan, was zu tun von ihr erwartet wurde, und was sie als Mädchen gelernt hatte.Gelernt hatte durchs Zugucken, Zuhören, und von den Brüdern wusste sie die Vorschriften. Zu viel lernen verdirbt den Charakter, sagte die Mutter immer.

Kochen ist Maras Leben gewesen und ein wenig noch geblieben, obwohl die Kräfte den Töpfen und Pfannen, den Riten und Bräuchen, den Gesetzen und Wünschen nicht mehr so gewachsen sind. Sie kennt alles, was die strenge jüdische Küche ausmacht.Sie kennt die Speisen in "ihren Gewändern". Das will auch sozial verstanden sein, die armen oder die reichen Küchen, die strengen oder die vermischten.

"Damals",sagt Mara seufzend, "damals lerntest du zu kochen, den Haushalt zu führen, auf den Mann zu warten, den der Tate (der Vater) und der Schadchen(der Heiratsvermittler) anbrachten.Dann bekamst du Kinder, hast gekocht, den Haushalt geführt und wieder auf den Mann gewartet, der da irgendwo unterwegs war.Eine jüdische Frau ist doch etwas sehr anderes als ein jüdischer Mann. Das beginnt schon mit der Geburt.Ist es ein Sohn, scheint die Sonne, ist's eine Tochter, wird's dunkel, sagt man.

Freilich gab's später ein Fest in der Synagoge, der Vater durfte während des Gottesdienstes aus der Thora lesen und auf der Bimah (Plattform) stehen.War es ein Mädchen, dann bekam eshier seinen Namen. War es aber ein Junge, gab es ein extra Fest und ein Festessen,so üppig, wie man es sich eben leisten konnte, aber daran mochte man erkennen, wer hier das Leben bestimmt hat.Jedenfalls die Weltfragen, wie man so sagt; zu Hause - das ist etwas anderes! Da ist die Frau das Haus des Mannes. Wer sonst sollte ihm zur Seite stehen?"

Kochen war für Mara Pflicht und Kür, Sieg oder Niederlage, ihre schönste Möglichkeit, der Familie Liebe zu zeigen, aber auch Trost in der Eintönigkeit, der Einsamkeit eines Frauenlebens.

Koscher - t'rejfe - parewe

Die jüdische Küche trägt, vielleicht wie keine andere, die Geschichte ihres Volkes in sich, seine Wanderungen durch die Länder dieser Welt, seine Verzweigtheit, seine biblische Geschichte. Ein Grund mehr vielleicht für die Unerbittlichkeit und Strenge seiner Speisegesetze. Speisegesetze, wie sie Moses lehrte und wie sie von Generation zu Generation überliefert wurden. Wenn auch durch Generationen und Zeiten die Bräuche gelockert sein mögen.

Koscher (oder rein) ist das Fleisch aller vierbeinigen Säugetiere, deren Hufe gespalten und die Wiederkäuer sind.

T'rejfe (oder unrein) und deshalb untersagt ist das Fleisch von Schweinen, Raubvögeln, Fischen ohne Schuppen und Flossen (z. B. dem Stör), weiterhin Muscheln und Krustentiere. Ebenfalls verboten ist das Fleisch von gerissenen Tieren.

Parewe - also neutral- sind Nahrungsmittel wie Eier, Obst und Gemüse, Mehl, Brot, Gewürze oder Getreide. Sie dürfen nur in Pflanzenfett gegart oder in Wasser gedünstet werden. So können sie dann sowohl zu milchigen oder fleischigen Speisen gegessen werden, denn das ist die andere elementare Unterscheidung: milchig oder fleischig.

Ließen es die sozialen Möglichkeiten zu, gab es das gesamte Küchengeschirr doppelt. Wo nicht, wurde es abgewaschen und auch dieses getrennt, je nach dem Charakter der Mahlzeit.

Nur zu Ostern - da wurde ein gesondertes Geschirr ausgepackt, zweifach geführt, diente es den milchigen und fleischigen Speisen.

Um koscheres Fleisch zu gewährleisten, wurden die Schlachttiere geschächtet. Mit einem speziellen Messer durchschnitt ein ritueller Fleischer (der Schojchet) die Halsschlagadern der Tiere. Das musste rasch und sicher geschehen, denn der Blutverlust betäubte die Tiere schnell. Die weitere Bearbeitung des Fleisches erfolgte durch einen gewöhnlichen Schlächter der koscheren Fleischerei.

Mara koscherte zu Hause nach, wie sie es durch die Mutter gelernt hatte.

Sie wässerte das Fleisch etwa eine halbe Stunde, und wenn kein Tropfen Blut mehr im Fleisch war, salzte sie es und begann es zuzubereiten.

Jedes Organ hat seine Art, nachgekoschert zu werden: Leber wird kreuzweise aufgeschnitten, gesalzen und über dem Feuer geröstet. Das Herz wird der Länge nach aufgeschnitten, Blutstreifen und Adern werden entfernt. Tierfett wird enthäutet. Fleisch und Knochen werden getrennt gekoschert. Fisch hingegen ist neutral, soweit er überhaupt erlaubt ist, also Schuppen und Flossen hat, und kann mit Milchigem oder Fleischigem vereint sein. Ebenfalls Eier, die jedoch keine Blutflecken im Eidotter enthalten dürfen.

Schwierig eine Begründung für die Strenge dieser Unterscheidung zu finden. Maras Lesart stimmt mit der überein, die darin vor allem einen Schutz für das beginnende Leben sieht. Das 5. Buch Mose sagt: Du sollst das Böcklein nicht in der Milch seiner Mutter bereiten. Martin Luther interpretierte dies als Schutz des jungen Tieres: Du sollst das Böcklein nicht schlachten, dieweil es an der Mutter saugt.

So mag der Ursprung solcher Gesetzgebung in einer Schutzfunktion zu suchen sein. Sie ist der Grund für die Doppelung zumindest des Geschirrs, unter Umständen auch der Schränke, in denen es aufbewahrt wurde, in orthodoxen jüdischen Haushalten bis heute. Mara jedenfalls hält daran fest.

Sabbat heißt ruhen

"Mehr als Israel den Sabbat bewahrt hat, hat es der Sabbat bewahrt." (1)

Es ist der siebente Wochentag, der siebte Tag der Schöpfung. Auch Gott ruhte nach der Erschaffung der Welt an jenem siebten Tag. Ruhe gilt und das Studium der Schrift. Freude soll walten und Frieden, und es gilt das heilige Verbot der Arbeit, denn Sabbat, oder hebräisch Schabbat, heißt ruhen.

Doch vor dem Sabbat gibt es den Freitag, den Rüsttag vor dem Sabbat. Ein arbeitsreicher Tag, aber auch ein hoffnungsvoller. Er bringt alles hervor, was in Küche und Kammer über die Woche gesammelt wurde. Maras Woche war eher bescheiden, was den Küchenzettel anbetraf. Der Sabbat bestimmte das wöchentliche Essenangebot und auch der hatte so manches Mal nur einen Gang mehr als in der Woche.

Ein kleines Liedchen von Kartoffeln, die bulbes heißen, und eine Geschichte erzählen von nackter Armut, die herrschte:

Zintik bulbes,

Dinstik bulbes,

Mitvoch bulbes,

Dunerschtik in frajtik bulbes,

schabbes a novine: bulbenkigele,

Zintik vajter bulbes. (2)

Es war einmal ein bettelarmer Mann, der am Freitag nicht einmal einen Groschen hatte, um Fisch, Fleisch, Barches oder Lichter zu kaufen. Seiner Frau hatte er nicht gestattet, die Nachbarn um eine Mizwe, eine Guttat, zu bitten. So konnte ihm die verhärmte, kinderlose Frau nichts zum Schabbat vorsetzen.

Um den Schabbat dennoch zu heiligen, sprach er alle B'rachroth, die Segenssprüche, wie sonst, schnappte sich sein Weib und tanzte mit ihr eine Runde. Das war der erste Gang, der Fisch! Er tanzte wieder mit ihr, das war der zweite Gang, die Suppe. Und noch einmal schwang er sich fröhlich mit ihr in der Stube herum, das war der dritte Gang, das Fleisch. Diese Heiligung des Schabbat mit nichts als reiner Freude, war dem HERRN wohlgefällig. Die himmlischen Heerscharen jubelten und die Engel tanzten im Paradies. Zum Dank für seine Gottgefälligkeit wurde dem Paar ein Sohn geboren, der später ein berühmter Rabbi war. So jedenfalls wird die Geschichte erzählt. (3)

Der Freitag brachte den jüdischen Frauen und Mädchen die Arbeit von zwei Tagen und forderte das Essen für zwei Tage fertig auf dem Tisch oder im Ofen.

Dazu kam: Schön sollte alles sein, die Erinnerung an den Alltag sollte verdrängt werden von der Feierlichkeit des Sabbats. Keine Arbeit, kein Ärger, keine Trauer. Ein Tag der Freude und der Hingabe an Gott.

Am Freitag wurde die Wohnung aufgeräumt, sauber gemacht, gescheuert, geputzt. Zum Abend wurden die Feiertagskleider hervorgeholt oder auch nur die Schürzen abgelegt.

Im Ofen köchelten die Speisen, das Weißbrot war gebacken, das Huhn, der Fisch, der Wein standen bereit.

Waren der Mann und die Söhne zur Synagoge am Freitagabend, deckten Mara und die Mädchen die Festtafel. "Wir haben es Festtafel genannt. Ein Unterschied musste sein. Die Woche über deckten wir immer nur den Tisch; am Sabbat war es die Festtafel mit der schweren weißen Decke, dazu den geputzten siebenarmigen Sabbat-Leuchter, den ich von meinen Eltern selig geerbt habe. Ein Licht gab es für mich, die Hausfrau, zwei für die Kinder, und unser Salzfässchen, das durfte auf keinen Fall fehlen.

Der Vater hatte sein Weinglas, damit er den Weinsegen sprechen konnte. Dazu stellte ich die zwei Weißbrotzöpfe, die Berches oder auch Challes genannt, geflochten, goldgelb und mit Mohn bestreut. Mutter nannte sie auch Eierzöpfe und erzählte dazu die Legende vom Haaropfer, das die jüdischen Frauen früher am Tage ihrer Hochzeit der Fruchtbarkeitsgöttin brachten. Denn von nun an durften sie keine Haare oder nur sehr kurze tragen, bis an ihr seliges Ende. Tücher und Perücken bedeckten die kahlen Köpfe unserer Mütter. Die Perücken wurden Scheitl genannt und hatten, wenn irgend möglich, die Farbe des natürlichen Haares. In die Tränen der Bräute am Hochzeitstag mischten sich die Kummertränen um das verlorene Haar.

Zwei feine Servietten unter und über den Weißbroten erinnerten an das Manna, das Wunderbrot, das mit dem Tau vom Himmel gefallen war, als die Juden nach ihrer Flucht aus Ägypten in der Wildnis zu verhungern drohten."

Vor Sonnenuntergang, dem beginnenden Abend, wurden die Lichter angezündet. Im Schein der Kerzen trug Mara das Gebet an, all ihre Wünsche und ihre Sehnsüchte mag sie da hineingewoben haben, auch ihre Sorgen und ihre Hoffnungen. Dazu die Liebe zu den Kindern, die Ehrfurcht vor dem Mann, die Bitten um Vergebung für heimliche Sünden - all das erreichte den hellen Schein des Lichts. Gelobt seist Du, Ewiger, unser Gott, König der Welt ...

Maras Erinnerungen lassen Tochter Betty nie aus, die sich in den Sabbat-Gast verliebt hatte.

"Waren die Kerzen angezündet, warteten Betty, Fanny und ich auf die Rückkehr des Vaters mit den Söhnen und auf den Sabbat-Gast, den er mitbringen würde.

Das war eine gute Sitte, einen der am Freitagabend einsam, allein und fremd in die Synagoge kam, mitzubringen. Der Sabbat-Gast hatte seinen Platz an unserer Tafel.

Einmal kam einer, und unsere Betty hat sich in ihn verliebt. Haben sich schöne Augen gemacht, die beiden, und sich angeschaut, als könnten sie ohne einander nicht mehr weiterleben.

Was war der Tate ärgerlich. Mir hat sie leidgetan. Ich wusste schon noch wie das ist, wenn man einen lieb hat. Dreimal hat es der Junge geschafft, als Sabbat-Gast zu uns zu kommen, dann wurde Bettys Liebeskummer dem Tate zu viel.

Hat sie bald verheiratet. Hat den Schadchen, den Heiratsvermittler, geholt und meine Betty an einen älteren Mann vergeben. Der hat sie mitgenommen. All meine Tränen waren umsonst. Später aber war doch ein Segen dabei, denn die Betty hat es am Ende besser gehabt als wir alle. Er hatte genug Geld, um mit ihr auszuwandern, nach Amerika. Sie hat die schlimmen Jahre in Deutschland überlebt, ist nicht umgekommen. So ist mir von all meinen Kindern eine Tochter geblieben. Eine! Aber weit weg ist sie."

Das ist Maras Kummer. Die Tochter weit weg, nicht in Deutschland. Mara lebt allein, wartet allein auf den Tod. Es sind die Enkel, die zuweilen herbeigeflogen kommen. Nein, Betty betritt deutschen Boden nicht mehr. Und wenn die Mutter nicht zu ihr kommen will, muss sie wohl allein bleiben. Die Tochter ist so konsequent wie die Mutter - aber Mara ist eine alte Frau.

Gut Schabbes - gut Schabbes! Das wünschten sie sich, wenn der Vater und die Söhne, Jakob und Josef, aus der Synagoge kamen, und dann begann, was jeden Sabbat- Vorabend begann, und immer wieder von Neuem, wie bei Schimmel Knofeles, von dem der jüdische Autor Sacher-Masoch in einer Geschichte, im 19. Jahrhundert in Galizien spielend, erzählt:

"Schon stand der Abendstern am Himmel, schon wurden in den hölzernen Häusern der kleinen Stadt die Lichter auf den Kronleuchtern angezündet, als sich Schimmel Knofeles endlich auf der Schwelle seines Hauses zeigte. Zebedia, seine Frau, hatte bereits Angst, dass er, der Fromme, Gewissenhafte, den Sabbat verletzen könnte, sie sah ihn noch mit dem Bündel auf dem Rücken durch den Staub der Landstraße waten, während Israel bereits im Festglanz prangte, aber da war er schon, Gott sei gedankt! und stand in der offenen Thüre mit seinem gutmüthig schalkhaften Lächeln. Zebedia hatte schon die große Stube und den Tisch hergerichtet, die Kinder angezogen und sich selbst mit dem Überrock von dunkelrother Seide und der Stirnbinde geschmückt. Der Rubinglanz ihres Gewandes und das Feuer der falschen Steine, die ihr Haupt umgaben, stimmte trefflich zu ihrer südlichen Schönheit, welche die Lieder des Hafis in das Gedächtnis zurückrief, zu ihrer üppigen Gestalt, ihrem weißen Teint, ihren rothen Lippen und den großen, schwarzen Augen. Das dunkle Haar war am Hochzeitstage unter der unerbittlichen Schere gefallen.

Schimmel lächelte noch immer, zuerst in seiner herzlichen Freude über das schöne, geliebte Weib und dann im Gefühl der Schätze, die er brachte ...

Der kleine magere Jude, dessen Nase wie vom Sturm geknickt herabhing und dessen Rücken gekrümmt war, als hätte ihn die Natur erschaffen, Lasten zu tragen, lief die ganze Woche umher, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Edelhof zu Edelhof, im Schneegestöber, im Regen, in der glühenden Sonnenhitze, schwer beladen mit seinen Waren ...

Wenn er aber am Freitag zurückkehrte und wieder im Kreise der Seinen beim Nachtessen sass, war er für alle Mühe, für alle Entbehrungen reichlich belohnt ...

Nachdem Schimmel sich gewaschen und das Wochenkleid mit dem seidenen Talar vertauscht hatte, traten alle zusammen an den Tisch, über dem die Sabbatlampe brannte und Schimmel begann das Sabbatgebet. Seine Stimme klang erst gedrückt, wie wenn er noch den Wochenstaub im Halse hätte, aber immer freier und mächtiger; der kleine Mann, der die Hände erhoben hatte und den Gott Abraham's, Isaak's und Jakob's anrief, schien mehr und mehr zu wachsen, und sein braunes Gesicht verklärte sich, der Schacherjude wurde zum Priester, zum Fürsten, zum Patriarchen.

Als das Gebet zu Ende war, brach er das Brod und Zebedia trug den Karpfen in der Rosinensauce auf, alle setzten sich an den Tisch und aßen und als Schimmel um sich blickte, stolz wie ein König, sah er, dass die Sabbatlampe nur zufriedene, glückliche Gesichter beschien." (4)

Maras Sabbat-Abend sah vielleicht ähnlich aus. Mit der Rückkehr des Vaters und der Söhne begann das Zeremoniell.

"Gut Schabbes!" - das ist der Gruß, mit dem der Vater das Zimmer betritt. Dann begrüßt sein Gebet den Sabbat-Engel. "Friede sei mit Euch, Ihr barmherzigen Engel, Boten des Allerhöchsten ..." Die Söhne tun es dem Vater gleich.

Sein zweites Gebet entstammt dem Kapitel "Lob für die tugendhafte Frau" aus den Sprüchen Salomos: "Eine Frau von Wert - wer kann sie finden? Denn ihr Preis ist höher als der für Rubine. Das Herz ihres Mannes vertraut auf sie ..."

Der Tate schreitet auf und nieder, Frau und Töchter sitzen am Tisch.

Nun wird der zeremonielle Becher mit Wein von ihm gefüllt. Der Vater nimmt ihn in beide Hände und singt Kiddusch - das Gebet, das den Sabbat weiht - und den Segen über den Wein. Der Becher, bis zum Rand gefüllt, soll Reichtum symbolisieren. Während der Vater kiddusch macht, sind alle Familienmitglieder aufgestanden. Ist das Gebet beendet, trinkt der Vater einen Schluck und reicht den Becher an seine Frau weiter. Alle sprechen den Segen über den Wein, bevor sie einen Schluck trinken, aber nicht den Kiddusch, die Weihe. Das bleibt dem ältesten (oder auch dem gelehrtesten) Mann in der Familie vorbehalten.

Diese Zeremonie bringt der Familie die Gegenwart der Göttin Sabbat und die Teilnahme der Familienmitglieder an der Sabbatheiligkeit.

Jeder Sabbatmahlzeit geht die zeremonielle Waschung der Hände voraus, dreimal wird Wasser über die Hände gegossen und der Segen dabei gesprochen.

Die lange Mahlzeit beginnt mit dem Segnen des Brotes, der Berches. Der Vater nimmt die Serviette von den Broten weg, hält beide Brote hoch, legt sie gegeneinander, streicht mit dem Messer über das eine Brot und zerschneidet das andere. Jeder erhält eine mit Salz bestreute Scheibe und dazu den "Segen für das Brot". Dann kann das Mahl beginnen.

Vier Mahlzeiten sind es, die der Sabbat hat. "Sabbateingang", sagt Mara, "war der schönste Teil des Sabbats. Es ist ein heiteres Mahl. Wenn auch der Kopf des Fisches immer dem Vater vorbehalten war. Nie hat er ihn gegessen, immer hat er ihn mir gegeben. So hat er mir Liebe und Achtung vor allen erwiesen. Die Kinder lobten die Suppe und die Feinheit der Nudeln und wollten dem Vater in Freundlichkeit zu mir nicht nachstehen.

Wir haben uns mit dem Essen Zeit gelassen, sprachen mit den Kindern über unser Leben, hatten Zeit für ihre Fragen. Wir lasen die Schrift und machten uns Gedanken über die Worte und deren Auslegung. Und heiter waren wir, haben gelacht und gewitzelt.

Was war unser Tate auch für ein Geschichtenerzähler! Was konnte er lachen, dass ihm die Tränen über die Wangen liefen.

War ein letztes Mal Wasser über die Finger gelaufen und waren die Messer weggetragen, dann sangen wir Tischlieder, die Zemiroths, und jeder gab seine Schnurren zum besten von anderen Sabbatmahlzeiten. Am schönsten hat die Betty singen können, ich hab am besten zuhören können und mögen; nur der Tate, der konnte alles, singen, erzählen und zuhören."

Maras Augen tragen Sehnsucht und den Schmerz des Vergangenen, aber auch die Freude der nicht tilgbaren Erfahrung eines großen Glücks.

Waren die Sabbatkerzen heruntergebrannt, ging die Mahlzeit ihrem Ende entgegen.

Sabbatkerzen dürfen nicht gelöscht oder ausgeblasen werden, denn kein Jude darf am Sabbat mit dem Feuer in Berührung kommen. Ein Schabbes-goj, ein Gemeindediener nicht jüdischer Herkunft, ging in kleinen Gemeinden und Stadtvierteln umher und löschte das Licht in den Fenstern.

"Es ist", sagt Mara, "ein gutes Gefühl in dir, an jedem Sabbat, weil du weißt, alle haben es. Und du weißt, es ist irgendwie Freude bei allen. Mir hat es immer Kraft gegeben."

Heinrich Heines Geschichte von Moses Lump, den alle Welt nur Lümpchen nannte, lässt ähnliches anklingen: