Ein Klosterkrimi - Sybilla Wahl - E-Book

Ein Klosterkrimi E-Book

Sybilla Wahl

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Beschreibung

Mönche, Chorgebet, Noviziat, Klausur, Gregorianischer Choral … Kommissar Meinrad steht vor einer äußerst ungewöhnlichen Ermittlungssituation: Er wird in die Benediktiner-Abtei St. Georg gerufen, weil ein junger Mönch in seiner Zelle tot aufgefunden wurde. Der Kriminalist muss flexibel und einfühlsam agieren, vor allem, als klar wird, dass sich der Abt zum Dreh- und Angelpunkt der Ermittlungen entwickelt.

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Seitenzahl: 282

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Mönche, Chorgebet, Noviziat, Klausur, Gregorianischer Choral … Kommissar Meinrad steht vor einer äußerst ungewöhnlichen Ermittlungssituation: Er wird in die Benediktiner-Abtei St. Georg gerufen, weil ein junger Mönch in seiner Zelle tot aufgefunden wurde. Der Kriminalist muss flexibel und einfühlsam agieren, vor allem, als klar wird, dass sich der Abt zum Dreh- und Angelpunkt der Ermittlungen entwickelt.

Sybilla Wahl ist ein Pseudonym. Die Autorin (*1967) trat mit 38 Jahren in eine benediktinische Gemeinschaft ein.

U.i.o.g.D.

Vorbemerkungen

Orte, Ereignisse und Personen dieses Krimis sind völlig frei erfunden. Ähnlichkeiten jeder Art mit geschichtlichen oder gegenwärtigen Realitäten sind zufällig und unbeabsichtigt.

Was aber beabsichtig und mit Bedacht eingeflochten ist, sind Aspekte klösterlich-benediktinischen Lebens, wie es auch heute noch gelebt wird.

Benedikt von Nursia schrieb vor gut 1500 Jahren die nach ihm benannte Benediktusregel. Sie ist nicht das Werk eines Theoretikers, nicht ein Konstrukt von Vorschriften und Vorhaltungen, die eine unerreichbare Forderung an die Menschen stellt. Nein, sie ist das Werk eines realistischen Mannes, der durch Versuch und Irrtum, durch alltägliches Leben Weisheit und Einsicht erlangt hat, die er hier niederlegt.

Er ist nicht bestrebt, etwas Originelles zu schaffen, nein, er fügt vorhandenes Wissen, die Erfahrungen der Väter und vor allem Teile aus der Bibel zu einem wunderbaren und einzigartigen Regelwerk zusammen.

Nicht umsonst hat diese Regel das Mönchtum des Abendlandes entscheidend geprägt. Das Geheimnis der Zeitlosigkeit liegt in einem realistisch - optimistischen Menschen- und Gottesbildes.

Die klösterlichen „Fachausdrücke“ werden am Ende des Buches im Glossar erklärt.

Inhalt

Einleitung

Das Kloster soll, wenn möglich, so angelegt werden, dass sich alles Notwendige ... innerhalb des Klosters befindet und die verschiedenen Arten des Handwerks dort ausgeübt werden können. (RB 66,6)

1. Kapitel

Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben. (RB 4,47)

2. Kapitel

Er muss wissen, welch schwierige und mühevolle Aufgabe er auf sich nimmt: Menschen zu führen und der Eigenart jedes einzelnen zu dienen. (RB 2,31)

3. Kapitel

Alle Fremden, die kommen, sollen aufgenommen werden wie Christus. (RB 53,1)

4. Kapitel

Hört man das Zeichen zum Gottesdienst, lege man sofort alles aus der Hand und komme in größter Eile herbei, allerdings mit Ernst, um nicht Anlass zu Albernheiten zu geben. Dem Gottesdienst soll nichts vorgezogen werden. (RB 43,1-3)

5. Kapitel

Sind alle versammelt, halten sie die Komplet. Wenn sie dann aus der Komplet kommen, gebe es für keinen mehr die Erlaubnis, irgendetwas zu reden ..., ausgenommen, das Reden sei wegen der Gäste nötig, oder der Abt gebe jemandem einen Auftrag. Aber auch dann geschehe es mit großem Ernst und vornehmer Zurückhaltung. (RB 42,8.10.11)

6. Kapitel

Sie sollen einander in gegenseitiger Achtung zuvorkommen; ihre körperlichen und charakterlichen Schwächen sollen sie mit unerschöpflicher Geduld ertragen. (RB 72,4,5)

7. Kapitel

Der erste Schritt zur Demut ist Gehorsam ohne Zögern. Er ist die Haltung derer, denen die Liebe zu Christus über alles geht. (RB 5,1.2)

8. Kapitel

Stets rechne er mit seiner eigenen Gebrechlichkeit. (RB 64,13)

9. Kapitel

Kommt einer neu und will das klösterliche Leben beginnen, werde ihm der Eintritt nicht leicht gewährt, sondern man richte sich nach dem Wort des Apostels: "Prüfet die Geister, ob sie aus Gott sind." (RB 58,1.2)

10. Kapitel

Böse Gedanken, die sich in unser Herz einschleichen, sofort an Christus zerschmettern und dem geistlichen Vater eröffnen. (vgl. Psalm 137,9; RB 4,50)

11. Kapitel

Sooft etwas Wichtiges im Kloster zu behandeln ist, soll der Abt die ganze Gemeinschaft zusammenrufen und selbst darlegen, worum es geht. Er soll den Rat der Brüder anhören und dann mit sich selbst zu Rate gehen. Was er für zuträglicher hält, das tue er. (RB 3,1.2)

12. Kapitel

Er lasse sich vom Gespür für den rechten Augenblick leiten und verbinde Strenge mit gutem Zureden. Er zeige den entschlossenen Ernst des Meisters und die liebevolle Güte des Vaters. (RB 2,24.24)

13. Kapitel

Auch wenn sonst einer still für sich beten will, trete er einfach ein und bete. (RB 52,4)

14. Kapitel

Die Brüder sollen einander dienen. (RB 35,1)

15. Kapitel

Der Abt sehe es als eine Hauptsorge an, dass die Kranken weder vom Cellerar noch von den Pflegern vernachlässigt werden. Auf ihn fällt zurück, was immer die Jünger verschulden. (RB 36,10)

16. Kapitel

Der Mönch spricht, wenn er redet, ruhig und ohne Gelächter, demütig und mit Würde wenige und vernünftige Worte und macht kein Geschrei, da geschrieben steht: "Den Weisen erkennt man an den wenigen Worten." (RB 7,60.61)

17. Kapitel

Wer also den Namen "Abt" annimmt, muss seinen Jüngern in zweifacher Weise als Lehrer vorstehen: Er mache alles Gute und Heilige mehr durch sein Leben als durch sein Reden sichtbar. (RB 2,11.12)

Epilog

Dann wirst du schließlich unter dem Schutz Gottes ... ankommen. Amen. (RB 73,9)

Glossar

Einleitung

Das Kloster soll, wenn möglich, so angelegt werden, dass sich alles Notwendige ... innerhalb des Klosters befindet und die verschiedenen Arten des Handwerks dort ausgeübt werden können. (RB 66,6)

Ort des Geschehens ist das kleine unbedeutende Städtchen Auergries, irgendwo in der Mitte Deutschlands. Selbst die nächstgrößere Stadt ist im Vergleich zu den bekannten Größen auf der Landkarte verschwindend und nur Wenigen ein Begriff. Ebenso ist es mit dem Kloster, von dem unsere Geschichte erzählt. Es gehört nicht zu den großen bedeutenden benediktinischen Abteien, die unsere Kulturlandschaft mitgeprägt haben. Diese Abtei birgt keine Kunstschätze, hat keine großen Gelehrten oder herausragende Heilige hervorgebracht.

Eher im Gegenteil - das besondere Charisma dieser Gemeinschaft scheinen die Unscheinbarkeit und das Unspektakuläre zu sein.

Gestiftet wurde das Kloster 1746 von einigen reichen Kaufmannsfamilien im Umfeld des Städtchens Auergries. Dabei ging es weniger um religiöse Gründe als um die Notwenigkeit, eine gute Schulbildung für die Söhne zu sichern. Da die zur Verfügung stehenden Gelder begrenzt waren, wurde beschlossen, die Klostergebäude direkt an die kleine romanische Kirche „St. Georg“ anzugliedern - so ersparte man sich den Bau einer Kirche.

Die so entstandene Anlage von Haupt- und Gästehaus wurde im Verlauf der Jahrhunderte immer wieder um - und angebaut, handwerklich solide, aber keineswegs repräsentabel. Kleinod der Gemeinschaft war und ist die kleine romanische Kapelle, um die sich die bescheidenen Klostergebäude scharen. Mangels finanzieller Möglichkeiten wurde sie nie grundlegend saniert oder modernisiert. So hat sie ihren ursprünglichen Charme behalten. Die Zahl der Mönche stieg nie über zwanzig und fiel nie unter fünf.

Die heutigen Mönche ...

... in ihrer Chorordnung, d.h. nach der Reihenfolge ihres Klostereintrittes bzw. ihrer leitenden Aufgaben:

Abt Lukas (54 Jahre alt)

Er ist seit vier Monaten Abt der kleinen Gemeinschaft. Sein Heimatkloster ist das Stift Berg. Von hier aus wurde er entsandt, um dem Wunsch und der Bitte der Gemeinschaft in Auergries nachzukommen, die in den eigenen Reihen keinen geeigneten Bruder für das Amt des Abtes bestimmen konnten.

Pater Martinus ( 48 J.)

Er ist Prior der Gemeinschaft und vertritt den Abt, wenn dieser nicht im Haus ist. Außerdem ist er Sakristan und Zeremoniar der Gemeinschaft, was bedeutet, dass er für die Belange der Kirche und der Gottesdienste verantwortlich ist. Zusätzlich betreut er das gemeinschaftliche Archiv und führt die Annalen.

Bruder Coelestin (55 J.)

Er ist Subprior und damit zweiter Stellvertreter des Abtes. Als ausgebildeter Musiker ist er der Kantor der Gemeinschaft. Er trägt damit die Hauptverantwortung für den Gesang in der Liturgie - auch indem er mit den Brüdern regelmäßig Singstunden abhält und die jüngeren Brüder in die Gregorianischen Gesänge und das Singen einführt und sie schult.

Pater Severin (82 J.)

Nach abgeschlossener Schneiderlehre mit 18 Jahren ins Kloster eingetreten, ist er schon seit Urzeiten für den Bereich der Klosterwäsche verantwortlich. Als Vestiar reicht sein Aufgabenbereich vom Einkauf bis hin zum Flicken schadhafter Kleidungs- und Wäschestücke. Er ist auch für das Nähen des Habits (Ordenstracht) und der Kukulle (Übergewand für den Gottesdienst) zuständig, die für den jeweiligen Bruder maßgeschneidert werden. Seit vielen Jahren betreut er den Klostergarten und versorgt die Gemeinschaft mit Obst und Gemüse aus eigenem Anbau.

Pater Simon (79 J.)

Er war lange Jahre Magister (also zuständig für die Ausbildung und Begleitung der neueingetretenen Brüder) und führte das Lektorat, wobei er zuständig war für die Auswahl von Tisch - und Chorlesungen. Außerdem war er ein guter Organist. Vor gut einem Jahr wurde eine Krebserkrankung diagnostiziert, so dass er durch Operationen, Chemotherapie und Reha-Aufenthalte seine Aufgaben nicht mehr wahrnehmen kann.

Pater Nikodemus (71 J.)

Nach Abschluss seiner theologischen Doktorarbeit bat er, sich um die häuslichen Belange des Klosters kümmern zu dürfen. Seither wäscht er die Klosterwäsche und hält die gemeinschaftlichen Räume sauber. Er hat die Aufgabe des Lektorats von Pater Simon übernommen, solange dieser im Krankenstand ist.

Bruder Thomas (60 J.)

Als er eintrat, hatte er sein Medizinstudium vollständig abgeschlossen und übernahm den Dienst des Infirmars. Seit einiger Zeit hat er eine kleine hausärztliche Praxis in den Räumen der ehemaligen Schmiede auf dem Klostergelände. Er betreut auch die kleine hauseigene Bibliothek.

Bruder Hubert (55 J.)

Als Koch steht er der Küche des Klosters vor und ist damit mit einer sehr zentralen Verantwortung betraut. Er stellt nicht nur den Speiseplan zusammen, sondern ist auch für den Einkauf der Lebens- und Brauchmittel zuständig. Nebenbei ist er leidenschaftlicher Imker und hat sich im Lauf der Jahre, auch durch seine Kräutertees, die er anbaut, einen kleinen Kundenstamm in der Stadt aufgebaut und beliefert einen kleinen Bioladen mit Honig und Tee.

Pater Benno ( 45 J.)

Nachdem Pater Simon seinen Dienst als Magister nicht mehr versehen konnte, fiel Pater Benno dieses Amt zu. Er unterrichtet die jungen Brüder in Ordens- und Hausgeschichte, der Regel des Heiligen Benedikt und in Latein. Er ist auch Verwaltungschef (Cellerar) der Gemeinschaft und trägt für alle finanziellen Transaktionen Verantwortung.

Bruder Viktor (52 J.)

Der gelernte Zimmermann und Schreiner ist für die Hausmeisterei zuständig - das umfasst alle Arbeiten außerhalb und innerhalb der Klostermauern. In einer kleinen Werkstatt fertigt er freiberuflich Möbel nach Maß an.

Pater Jonas (64 J.)

Pater Jonas ist für die Gäste der Gemeinschaft zuständig. Sie sollen aufgenommen werden wie Christus selbst. Außerdem bekleidet er das Amt des Pförtners und ist damit die Schnittstelle zwischen Kloster und Welt.

Bruder Mathias (35 J.)

Seinem ausgesprochenen Talent für technische Geräte hat er die Zuständigkeit für die gesamte Haustechnik zu verdanken - das reicht vom Rasenmäher bis zu den Computern im Haus. Auch übernimmt er mit Geschick und Umsicht den Einkauf notwendiger Geräte. Hauptberuflich ist er Physiotherapeut mit einem Behandlungsraum in der kleinen hausärztlichen Praxis.

Bruder Samuel, Triennalprofesse (30 J.)

Er kam mit einer abgeschlossenen kaufmännischen Ausbildung ins Kloster und begann gleich nach seiner ersten Profess (den Gelübden von Gehorsam, klösterlichen Lebenswandel, Beständigkeit für drei Jahre) das Studium der Theologie mit dem Ziel, Priester zu werden.

Bruder Nikolaus, Novize (24 J.)

Seit ein paar Monaten ist der gelernte Bibliothekar als Novize in der Gemeinschaft. Die Hälfte des Tages hat er Unterricht in Latein, Choral, Ordensgeschichte und der Regel des Heiligen Benedikt bzw. Studienzeiten. Nachmittags arbeitet er in verschiedenen Bereichen des Hauses mit, um die Abläufe der Gemeinschaft und auch die Brüder besser kennenzulernen - und umgekehrt. Als C-Musiker ersetzt er derzeit den kranken Pater Simon an der Orgel.

1. Kapitel

Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben. (RB 4,47)

Eine Glocke schallt durchs Haus. Laut ruft sie zum Gebet. Durchs ganze Gebäude hört man leise Schritte und Türgeräusche. Heute kommt es Abt Lukas fast unheimlich vor, wie die Brüder nach und nach herbeieilen, sich einreihen und still warten, bis er von hinten die Reihen durchschreitet und den Einzug in die Kirche anführt. Schwer und lähmend wirkt die Stille an diesem Spätnachmittag. Selbst Bruder Hubert, der gewöhnlich erst im letzten Augenblick kommt, steht schon still da. Kein Tuscheln, keine kleinen Nebensätze im Vorbeigehen.

Es ist erst ein paar Stunden her, dass der Prior, Pater Martinus, den jungen Bruder Michael tot in seiner Zelle gefunden hat.

Seither geht alles drunter und drüber. Der eilig herbeigerufene Infirmar und Hausarzt der Gemeinschaft, Bruder Thomas, schüttelt nach der ersten kurzen Untersuchung des Toten den Kopf: „Wir müssen die Polizei holen.“ Sprachlos stehen die drei vor dem Bett des toten jungen Mannes. Pater Martinus fasst sich als erster: „Vater Abt, wir müssen die Brüder zusammenholen, die Totenglocke läuten und das Totengebet miteinander singen.“ Abt Lukas steht reglos, blass. „Wie kann das sein. Gestern Abend sah ich noch spät Licht in der Werkstatt!“ Erneut breitet sich Stille aus. Ratlose, zeitlose Stille, die jede Bewegung unmöglich zu machen scheint. „Lukas, komm zu dir!“ leise und doch sehr eindringlich spricht Bruder Thomas den Abt an. Es scheint, als wäre der Abt in diesen wenigen Minuten um Jahre gealtert.

„Sicher schläft er nur. Er geht viel zu spät schlafen!“ Wie aus weiter Ferne spricht Abt Lukas in die Reglosigkeit hinein. „Abt Lukas, er ist tot! Er ist tot!“ Bruder Thomas fasst den Abt an der Schulter. Ob es die Worte oder die Berührung des Mitbruders sind - Abt Lukas Körper durchläuft ein Schauder, verstohlen wischt er sich eine Träne aus dem Augenwinkel: „Pater Martinus, geh, läute die Totenglocke, ruf die Brüder im Kapitelsaal zusammen und sorge für größtmögliche Ruhe. Ich komme in ein paar Minuten dazu. Bruder Thomas, ruf‘ die Polizei und bleib dann hier, beginne die Totenwache. Ich komme, sobald die Brüder benachrichtigt sind, und löse dich ab.“

Mit jedem Satz gewinnt seine Stimme an Sicherheit und Souveränität zurück.

Das Läuten der Totenglocke ist ein blechernes und hartes Geläut, unverkennbar und durchdringend. Es ruft die Brüder umgehend in den Kapitelsaal, so wie es seit ewigen Zeiten Brauch ist. „Pater Simon? Das ist kann doch nicht sein. Gestern war er noch ganz munter. Als ich ihn besucht habe, meinte er, er bezweifle inzwischen, dass der liebe Gott ihn überhaupt haben wolle.“ Pater Jonas schluckt sein Erschrecken runter und lächelt dem jungen Bruder Nikolaus aufmunternd zu, der besorgt und verunsichert wirkt. „Es ist für Sie sicher das erste Mal, dass Sie das erleben. Kommen Sie mit mir mit. Die Brüder versammeln sich jetzt alle im Kapitelsaal, Vater Abt wird uns sagen, wer gestorben ist und dann beten wir miteinander das Totengebet.“ Bruder Nikolaus schließt sich dem älteren Mönch dankbar an. Im Kapitelsaal sind tatsächlich schon die meisten Brüder zusammengekommen. Es herrscht absolutes Schweigen. Wenn es auch auf dem Weg hierher das eine oder andere leise spekulative Gespräch gegeben hat, hier nun verharren alle in Stille.

Währenddessen öffnet Vater Abt die kleine Pforte, den Nebeneingang, den auch die meisten Lieferanten benutzen, wenn sie den Wirtschaftsbereich des Klosters anfahren. Zwei Polizeiwagen und ein Zivilfahrzeug kommen in den Hof.

Abt Lukas begrüßt die Leute und führt sie ohne große Umschweife durch den hinteren Klausurgang in den Schlaftrakt der Mönche.

„Sagen Sie, was ist das hier? Ein Internat?“ spricht einer der Polizisten den Abt an. „Das ist ein Kloster,“ seine Worte sind harsch und abrupt, sodass der junge Polizist sich jeder weiteren Nachfrage enthält und schulterzuckend zu seinem Kollegen schaut, der nur die Augen verdreht, als wolle er sagen: „So dumm kannst doch nicht mal du sein, nicht zu wissen, was ein Kloster ist!“

Als sie die Zelle betreten, finden sie Bruder Thomas auf dem Boden kniend. Sofort erhebt er sich. Nein, er habe nichts verändert. Nein, er habe keine Idee woran der junge Mann gestorben sei. Nein, er habe keine Ahnung, was passiert sein könnte.

Abt Lukas überlässt die Beamten ihrer Routine und bittet Bruder Thomas, Rede und Antwort zu stehen. Er selbst macht sich auf den Weg zum Kapitelsaal und sichert zu, dass er in Kürze wieder zur Verfügung stehen wird.

Was soll er den Brüdern nur sagen und vor allem, wie soll er es sagen? Auch muss er umgehend Abt Leo anrufen und ihm mitteilen, dass der junge Bruder Michael tot ist.

Was das für die kleine Abtei dort bedeutet, will sich Abt Lukas gar nicht erst ausmalen.

Bruder Michael war die große Hoffnung für die Gemeinschaft. Seine künstlerische Begabung war unübersehbar, seine menschliche und geistliche Weite erstaunlich für so einen jungen Mann. Schweren Herzens hatte Abt Leo ihm erlaubt, an der Kunsthochschule hier zu studieren - 500 km von seinem Heimatkloster entfernt. Bruder Michael flogen die Herzen zu. Seine Offenheit und Fröhlichkeit waren mitreißend gewesen.

Die Kälte des Türöffners holt Abt Lukas in die Wirklichkeit zurück. Als er in den Kapitelsaal eintritt, erheben sich alle und wenden sich ihm zu. Außer Pater Simon, der im Kreiskrankenhaus liegt, sind alle versammelt. Spannung und Unruhe liegen auf den Gesichtern der Brüder. Der junge Bruder Nikolaus ist blass und fast durchsichtig.

„Ich muss dringend mit dem Burschen sprechen!“ schießt es Abt Lukas durch den Kopf.

An seinem Platz angekommen tritt Pater Martinus an die Seite seines Abtes. Das Seil der Totenglocke hängt mitten im Saal, mahnend und nach einer Antwort verlangend.

Abt Lukas atmet durch: „Brüder, Pater Martinus hat Bruder Michael tot in seinem Bett gefunden, als er nach ihm schaute, weil er nicht zum Morgenoffizium da war.“

Fassungslose Stille erfüllt den Raum. Bruder Michael?

„Nein, nein, nein!“ Bruder Nikolaus bricht weinend zusammen. Pater Benno, der Novizenmeister, kniet sich neben den jungen Bruder und hält ihn tröstend fest.

„Vater Abt, was ist passiert. Wie kann das sein?“ Pater Jonas‘ Stimme erhebt sich aus der entstanden Unruhe.

„Wir wissen es noch nicht! Die Polizei ist da und wir müssen abwarten, was sie herausfinden! Bitte verzichtet auf Gemurmel und Getuschel. Wir müssen damit rechnen, dass es eine Befragung gibt.“

„Aber Vater Abt, das hört sich ja an, als wäre er umgebracht worden!“

Mit einem Schlag ist es still, fast totenstill.

„Bitte, das habe ich nicht gemeint, aber es wird sicher eine Untersuchung geben.“ Abt Lukas schaut forschend in die Runde. Der junge Nikolaus sitzt wie erstarrt auf der schmalen Bank.

„Wir werden jetzt die Commendatio animae beten und dann geht jeder wieder an seine Arbeit. Ich werde gleich Abt Leo anrufen und dann hören, was die Kripo sagt. Ich verspreche, euch umgehend zu informieren, wenn ich etwas Genaueres weiß! Wir treffen uns gleich im Anschluss ans Mittagessen dann hier zu einer Besprechung!“

„Abt Lukas, bitte. Werden sie Bruder Michael mitnehmen? Wenn er abgeholt wird, müssen wir ihm doch das Geleit geben!“ Pater Severin, der Senior, schaut seinen Abt direkt ins Gesicht. Zustimmendes Murmeln kommt aus der Runde.

„Ich weiß nicht, ob das möglich sein wird!“

„Das muss möglich sein, Vater Abt. Nie hat ein verstorbener Mönch unser Kloster ohne dieses Geleit verlassen!“ Pater Severins Stimme hat sich gesenkt und birgt Eindringlichkeit in sich.

Abt Lukas zögert. „Gut, ich läute die Chorglocke, wenn es möglich ist!“ Die Antwort des Abtes lässt keine weitere Nachfrage zu.

Er schlägt das Kreuzzeichen und kniet auf dem alten Parkettboden nieder:

„Lasset uns beten für unseren verstorbenen Bruder Michael!“ Die zwölf Männer im Raum tun es ihm gleich, selbst der 82 jährige Pater Severin kniet sich langsam nieder. Dann stimmen sie mit dem Kantor, Bruder Coelestin, in die Litanei ein: „Herr, erbarme dich! Christus erbarme dich! Herr erbarme dich! Heilige Maria, Mutter Gottes. Bitte für ihn. Heiliger Michael. Bitte für ihn.“ Im Beten scheinen sich die Gemüter zu beruhigen, es kehrt trotz des vollen Gesangs der Männer Ruhe ein.

Das Gleichmaß und die Schönheit des Totengebetes sind auch auf dem Wirtschaftshof zu hören, wo gerade die Streifenpolizisten ihre Sachen ins Auto packen.

„Hör dir das an! Wahnsinn! Sind das etwa die Leute, die hier wohnen, die so toll singen!“ „Ja und übrigens, diese Leute heißen Mönche und leben hier zusammen, um miteinander zu beten und zu arbeiten. Ora et labora, sagt man. Das sind fromme Männer!“ erklärt einer der beiden Uniformierten.

„Aha - davon verstehe ich nichts. Aber singen können sie. Das geht einem ja total unter die Haut. Ob es da wohl eine CD gibt oder eine Möglichkeit es sich im Internet runterzuladen?“ „Oh, Mann, Kollege, du spinnst doch!“ bemerkte der dritte im Bunde, wirft die Tasche ins Auto und steigt ein. „Los, auf geht’s. Gleich kommt der Leichenwagen und wir müssen Platz machen, damit sie rein können!“ Kaum haben sie das Tor passiert, kommt der Wagen des gerichtsmedizinischen Institutes und biegt in den Hof ein.

Inzwischen hat Abt Lukas den Kapitelsaal verlassen, gefolgt von Pater Martinus, der kaum Schritt halten kann. Ihr Weg führt am Refektorium und dem Rekreationsraum vorbei, hinein in den Schlaftrakt, wo sich gerade der Fotograf verabschiedet. „Hey Leute, ich bin fertig. Alles im Kasten. Schicke es wie gewohnt per Mail und bis nachmittags kommen auch die Abzüge. Servus, mache mich auf den Weg. Wünsche ein allseits erholsames Wochenende!“

Im Umdrehen fällt sein Blick auf Bruder Thomas, der zurückhaltend auf dem Flur wartet. „Nichts für ungut, Pater. Tut mir leid. So ein armer Bursche! Hoffentlich klärt sich alles auf!“

Bruder Thomas nickt ihm still zu.

„Wann kommt denn nun Ihr Abt? Können Sie ihn nicht anrufen. Wir müssen ein paar Dinge mit ihm klären und besprechen und haben nicht ewig Zeit!?“

Ungeduld und Unmut strömen dem nicht mehr ganz jungen Kommissar aus jedem Knopfloch.

„Was kann ich für Sie tun?“

Abt Lukas stellt sich schützend vor Bruder Thomas, der erschöpft und verunsichert wirkt.

„Hören Sie, aufs erste bleibt die Todesursache ungeklärt. Wir nehmen den Leichnam zur Obduktion mit. Außerdem will ich mit allen ihren Leuten sprechen. Sicher haben Sie einen Raum, wo wir die Befragungen durchführen können.“

„Ja, das haben wir. Allerdings wird das bis nachmittags warten müssen. In einer guten halben Stunde beten wir die Mittagshore und essen - danach ist Lesezeit. Die Arbeitszeit beginnt um 14.30 Uhr - kommen Sie dann und läuten Sie an der Pforte.“

In diesem Moment wird der Metallsarg von zwei Männern in schwarzen Anzügen herbeigetragen.

„Was denken Sie …“ Abt Lukas unterbricht den Protest des Kommissars kurzerhand: „Pater Martinus, geh und läute die Chorglocke.“

„Hören Sie, so geht das nicht.“

Wieder schneidet Abt Lukas dem Beamten das Wort mitten im Satz ab: „Herr Kommissar, jetzt hören Sie bitte: Bruder Michael war Mönch, wir alle hier sind Mönche. Wir werden ihn in Anstand und Würde betend aus dem Haus geleiten. Danach ziehen wir uns zurück. Wenn Sie mir nicht glaubhaft machen, dass „Gefahr in Verzug“ ist, werde ich von diesem unserem Rhythmus nicht abweichen. Am Nachmittag stehen wir Ihnen alle zur Verfügung!“

Die Chorglocke schlägt an - dong-dong-dong - Pause - dong-dong-dong - Pause usw... Als hätten die Brüder alle in der Nähe gewartet, kommen sie in Windeseile herbei - still und leise, wie Schatten bewegen sie sich, formieren sich im Spalier vor der Zelle ihres toten Bruders.

Die beiden Männer im schwarzen Anzug treten ehrfürchtig vom Sarg zurück, als Abt Lukas sich am Bett des Toten niederkniet:

„In paradisum deducant te angeli;

in tuo adventu suscipiant te martyres,

et perducant te in civitatem sanctam Ierusalem.

Chorus angelorum te suscipiat,

et cum Lazaro, quondam paupere,

æternam habeas requiem.”

(Ins Paradies mögen die Engel dich geleiten,

bei deiner Ankunft die Märtyrer dich empfangen

und dich führen in die Heilige Stadt Jerusalem.

Der Chor der Engel möge dich empfangen,

und mit Lazarus, dem einst armen,

mögest du ewige Ruhe haben.)

Brüchig klingt seine Stimme, als er die alte lateinische Antiphon anstimmt. Die Brüder draußen nehmen den Gesang auf. Es ist, als würde die Zeit stehen bleiben, nur die Melodie bewegt den Raum. Abt Lukas zeichnet dem toten Bruder Michael ein Kreuz auf die Stirn und küsst die Hände des Toten, an denen die für den jungen Künstler typischen Spuren von Ölfarbe zu sehen sind. Ein wenig muss Abt Lukas darüber lächeln.

„Dir einen guten Weg, mein junger Freund. Geh in Frieden!“ spricht er still, während die Brüder Psalm 130 singen: „De profundis, clamavi ad te domine (Aus der Tiefe rufe ich Herr zu Dir)!“

Als er aufsteht, gibt er Pater Martinus und Bruder Coelestin ein Zeichen. Zu dritt heben sie den federleichten kleinen Körper ihres Mitbruders aus dem Bett und betten ihn vorsichtig und liebevoll in den Sarg. Dann gehen sie hinaus, reihen sich in das Spalier der singenden Brüder ein. Schweigend schließen die Männer in den schwarzen Anzügen den Sarg und fahren ihn an den singenden Brüdern vorbei, hinaus in den Wirtschaftshof.

Die Mönche folgen ihnen in Prozessionsordnung. Erst als der Wagen aus dem Tor hinausfährt, verklingt der Gesang. Die Mönche stehen schweigend.

„Gut, wir sehen uns am Nachmittag, Abt Lukas!“ Der Kommissar durchbricht den Bann des Augenblicks, winkt den beiden Beamten von der Spurensicherung zu und steigt in sein Auto.

„Abt Lukas! Wir sind soweit fertig. Wir versiegeln jetzt noch die Zimmertür und gehen dann auch!“ Leise und respektvoll spricht der jüngere der beiden Spurensicherer den Abt an.

An diesem Abend erzählen viele der Beamten zu Hause von diesem ungewöhnlichen Einsatz. Der fragende Kollege googelt die Begriffe „Mönche“, „Benediktiner“ und „Kloster“ und entdeckt dabei, dass dieser Gesang „Gregorianik“ heißt und eine uralte Musik ist, die die Jahrhunderte überdauert hat.

Auf das Zeichen des Abtes hin gehen die Brüder schweigend zurück an ihre Arbeit. Abt Lukas schaut ihnen bewegt und dankbar nach. Was für Männer das sind - sein Herz ist voller Wertschätzung und Dankbarkeit für diese außergewöhnliche Gemeinschaft, deren Abt er seit gut vier Monaten ist.

„Abt Lukas, was nun?“ Die drängende Stimme seines Priors holt ihn zurück in die harte Realität der Situation.

„Ich gehe und rufe Abt Leo endlich an. Bis jetzt war keine Möglichkeit. Lass uns nach dem Essen miteinander schauen, was als nächstes zu tun ist.“

Wieder einmal schickt er im Inneren ein „Deo Gratias“ zum Himmel, als Pater Martinus zustimmend nickt und sich leise entfernt.

„Abt Lukas, was sagen Sie denn da. Das kann doch nicht sein. Letzte Woche habe ich noch mit Bruder Michael telefoniert. Er war ganz angetan von dem neuen Projekt seiner Seminargruppe. Er sagte, es ginge ihm prima und hat mir versprochen, gut auf sich aufzupassen. Was um Himmelswillen ist passiert? Nun sagen Sie doch etwas! Er kann doch nicht so einfach tot im Bett liegen!“

Abt Leos Redeschwall abwartend sitzt Abt Lukas in seinem kleinen Büro in der Abtei. Es fällt ihm unendlich schwer, diesem alten Mann, Abt Leo ist nun schon 82 Jahre alt, einzugestehen, dass er nicht weiß, was passiert ist. Er fühlt sich furchtbar hilflos und unzulänglich. Im Hintergrund erschallt die Chorglocke, fast gleichzeitig hier wie dort: „Abt Leo, sobald ich mehr weiß, melde ich mich. Bitte grüßen Sie die Mitbrüder und drücken Sie unser aller Beileid aus!“

Wie gerne würde er jetzt einfach mit den Fingern schnippen und dann müsste dieser Alptraum zu Ende sein. Als Kind hatte er es oft so gemacht und in der alten kleinen Dorfkirche Zuflucht gesucht und gebetet: „Lieber Gott, mach, dass alles wieder gut ist!“ Nun, um mit den Fingern zu schnippen, war er inzwischen zu alt, aber der Weg in die Kirche stand ihm noch immer offen.

„Deus in adiutorium meum intende“ (O Gott, komm mir zur Hilfe) - drängender und flehender kann dieser Ruf an diesem Mittag zur Eröffnung der gemeinsamen Hore nicht klingen. Abt Lukas lässt sich hineinnehmen in den gemeinsamen Fluss des Betens. Wie meist, klingen die Männerstimmen nach wenigen Versen harmonisch und voll zusammen und füllen den kleinen Kirchenraum warm und lebendig. Sie beten Psalm 22, wie immer am Freitag. „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen!“

Im Anschluss an die Mittagshore liest der Chorälteste jeweils einen Abschnitt aus der Regel des Heiligen Benedikt vor. Als Abt Lukas das Buch aufschlägt, stockt er. Er sieht, welche Verse für diesen Tag, den 21. Mai, treffen. Einen Augenblick überlegt er, dann zitiert er:

„Aus dem 4. Kapitel der Regel des Heiligen Benedikt: Die Werkzeuge der geistlichen Kunst - Den Tag des Gerichtes fürchten. Vor der Hölle erschrecken. Das ewige Leben mit allem geistlichen Verlangen ersehnen. Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben.“

Stiller kann Stille nicht sein. Es ist, als ob die Brüder den Atem anhalten.

Meist deutet der Abt das Gelesene in wenigen Sätzen aus. Heute aber stimmt er in die große Stille ein, die sich fühlbar und greifbar ausbreitet. Sie zieht die Brüder wie in einen Sog und droht, sie mit sich zu reißen.

Abt Lukas wird der Gefahr gewahr und klopft laut und eindeutig ab. Sofort erheben sich alle, Bruder Nikolaus geht voran und öffnet die Tür. Der kleine Zug der Mönche zieht aus der Kirche hinüber in das Refektorium, wo alle ihren Platz einnehmen. Pater Severin und Pater Benno haben Tischdienst und tragen die Freitagssuppe auf. Als auch sie an ihren Plätze stehen, intoniert Abt Lukas das Tischgebet und die Brüder antworten in Worten und Gesten. Erst dann setzen sich alle und bedienen sich leise. Abt Lukas schaut in die Runde, denn üblicherweise beginnen alle gemeinsam mit dem Essen, dann, wenn jeder Suppe im Teller hat. Dabei wird er gewahr, dass Bruder Nikolaus sich nur einen winzigen Schöpfer der sowieso dürftigen Freitagssuppe genommen hat. Abt Lukas wartet, bis Bruder Nikolaus merkt, dass sein Abt ihn anschaut. Der Blick des Oberen spricht deutliche Worte, für alle im Raum vernehmbar, die die nonverbale Kommunikation der beiden durchaus bemerkt haben. Bruder Nikolaus hält nur kurz dieser unmissverständlichen Aufforderung des Abtes stand, dann senkt er den Blick und füllt seinen Teller.

Abt Lukas Strenge mündet in ein aufmunterndes und wertschätzendes Lächeln, das im Angesicht des jungen Novizen Entspannung und Dankbarkeit auslöst.

Gleich nach Tisch finden sich alle im Kapitelsaal ein. Abt Lukas berichtet das Wenige, das er weiß. Dann wird das nachmittägliche Prozedere für die polizeiliche Befragung geklärt. „Brüder, ich bin jetzt in der Abtei. Wenn mir jemand etwas erzählen möchte oder etwas braucht, kann er einfach klopfen. Dies gilt immer, aber für heute ganz besonders!“ Dies sprechend schaut der Abt jedem seiner Brüder in die Augen. Die Blicke, die ihm begegnen, sind offen und ehrlich. Er ist sicher, wenn ein Verbrechen geschehen sein sollte, ist niemand der Brüder in die Sache verwickelt. Diese Einsicht entlastet ihn, es ist, als würde ihm ein Stein vom Herzen fallen.

Kaum in seinem Büro angekommen, klopft es schon. Herein kommt Bruder Nikolaus, schüchtern und zurückhaltend wie stets: „Benedicite, Vater!“ „Benedicite“, erwidert Abt Lukas den Gruß des Jüngeren.

Er lädt den jungen Bruder ein, sich mit ihm an den kleinen Tisch zu setzen, der im Erker des Raumes zum Beieinandersitzen gedacht ist.

„Es ist wegen Bruder Michael.“ Geduldig wartet Abt Lukas, bis der junge Mann das Zittern in seiner Stimme unter Kontrolle hat. „Ich weiß, ich hätte schon früher mit Ihnen sprechen müssen. Aber ich wusste ja nicht, wie schlimm es ist. Nie hätte ich gedacht, dass er sterben könnte!“

Nun laufen die Tränen unaufhaltsam und die Worte werden im Schluchzen erstickt.

„Es ging ihm schon ein paar Tage nicht so gut. Manchmal war ihm ganz übel, wenn er heimkam. Vorgestern hat er sich nachts ein paarmal übergeben. Ich habe es nur mitbekommen, weil ich vergessen hatte, das Badfenster zu schließen, und nochmal aufgestanden bin. Als ich ihn fragte, ob ich Bruder Thomas holen soll, meinte er nur, dass das nicht nötig sei. Es seien die Lösungsmittel, mit denen er die Fassung einer Figur reinige. Noch zwei Tage, dann wäre er damit fertig.“

Abt Lukas vermag nichts zu erwidern. Die beiden Männer sitzen eine Weile schweigend. „Bruder Nikolaus, ich weiß nicht, ob er daran gestorben sein kann. Klar aber ist, dass Sie keinerlei Schuld trifft. Bruder Michael hatte schon eine Menge Erfahrung in Sachen Restauration. Wenn er selbst diese Gefahr gesehen hätte, hätte er nie mit dem Zeug weitergearbeitet. Außerdem habe ich ihn meist sowohl mit Handschuhen, als auch mit einer speziellen Atemmaske werkeln gesehen. Ich kann mir das aufs Erste nicht vorstellen. Aber es ist unbedingt wichtig, es am Nachmittag dem Kommissar zu erzählen.“

„Bitte, Vater Abt, würden Sie mich zu der Befragung begleiten. Ich fürchte, ich bringe kein Wort heraus!“ Da war es wieder, das Zittern, das als einziges geblieben war von einem sehr heftigen Stottern, das den jungen Mann seit seiner Kindheit quälte. Er war darüber fast verstummt. Umso wunderbarer erschien es allen, dass es nach ein paar Wochen in der Gemeinschaft der Mönche fast gänzlich verschwunden war.

Kaum ist Bruder Nikolaus gegangen, klingelt das Telefon. Es ist Kommissar Meinrad. „Abt Lukas, ich melde mich, weil ich ein erstes, allerdings vorläufiges Ergebnis habe. Michael Denor ist an einer Vergiftung gestorben. Um welche Substanz es sich genauer handelt und auch wie sie appliziert wurde, ist noch unklar. Aber eines steht fest - er ist nicht eines natürlichen Todes gestorben. Die Spurensicherung ist zurzeit in der Akademie und sichtet seinen Arbeitsplatz dort. Zwei Kollegen haben begonnen, die Professoren und Studenten zu vernehmen. Sicher ist das jetzt ein Schock für Sie - ich dachte, es wäre gut, wenn Sie so schnell wie möglich davon wissen. Allerdings würde ich Sie bitten, ihre Leute nicht vor der Befragung zu informieren.“

Abt Lukas gehen tausend Dinge gleichzeitig durch den Kopf. Hatte Bruder Nikolaus recht gehabt? War es eine Art Arbeitsunfall? Eine Unverträglichkeit? Oder ist er einem Verbrechen zum Opfer gefallen? Mord?

„Abt Lukas, sind Sie noch da?“ die Stimme des Kommissars reißt ihn aus seinen Gedanken.

„Ja, bitte entschuldigen Sie. Mir geht nur so einiges durch den Kopf!“ und er berichtet dem Kommissar von dem, was Bruder Nikolaus ihm soeben erzählt hat.

„Na, das würde ja gut passen! Warten wir einmal ab, was wir heute noch alles erfahren! Wir sehen uns ja in einer Stunde.“ Dann legt er den Hörer auf und lässt einen sehr nachdenklichen Abt am Schreibtisch zurück.

2. Kapitel

Er muss wissen, welch schwierige und mühevolle Aufgabe er auf sich nimmt: Menschen zu führen und der Eigenart jedes einzelnen zu dienen. (RB 2,31)

„Benedicite, Abt Lukas, an der Pforte sitzt eine junge Frau, eine Studienkollegin von Bruder Michael, wenn ich es richtig verstanden habe. Sie sagt, sie müsse unbedingt mit Ihnen sprechen!“ Bruder Samuel ist nach einem leisen Klopfen eingetreten.

Abt Lukas steht sein Erstaunen deutlich ins Gesicht geschrieben. „Ja, Bruder Samuel. Ich komme gleich mit Ihnen! Sie sind blass. Wollen wir nach dem Abendessen einen kleinen Spaziergang machen und Sie erzählen mir, wie es Ihnen geht?“ Abt Lukas fasst den jungen Mann kurz an der Schulter. „Es wird kaum Zeit sein, Vater Abt.“ In der Stimme des jungen Mönches schwingt ein wenig Resignation.