Ein Koffer voller Schönheit - Kristina Engel - E-Book
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Ein Koffer voller Schönheit E-Book

Kristina Engel

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Beschreibung

Eine Frau zwischen Aufbruch und Liebe: Ein spannender historischer Roman von Kristina Engel »Ein Koffer voller Schönheit« entführt die Leser:innen in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts und erzählt die bewegende Geschichte von Anne Jensen, der ersten deutschen Avon-Beraterin.  Ende der 50er Jahre sehnen sich viele Frauen nach ein wenig Luxus und Leichtigkeit in ihrem von häuslicher Enge geprägten Alltag. Auch Anne wünscht sich genau das, denn ihr geliebter Mann Benno zieht sich immer mehr von ihr zurück, um sein Geschäft aufzubauen. Als sie eine Anzeige des amerikanischen Kosmetik-Herstellers Avon entdeckt, ergreift sie ihre Chance: Mit Puder und Parfum möchte sie den Glanz der weiten Welt in deutsche Haushalte bringen. Doch ist sie auch bereit, für diese neu gewonnene Freiheit ihre große Liebe aufzugeben?  Kristina Engel gelingt es meisterhaft, ein Stück Zeitgeschichte einzufangen. Zwischen aufkeimenden Frauenrechten, Wirtschaftswunder und dem mondänen Flair Amerikas entspinnt sich eine fesselnde Geschichte über den Mut, seine Träume zu verwirklichen und seinen eigenen Weg zu gehen.

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Seitenzahl: 517

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Kristina Engel

Ein Koffer voller Schönheit

Roman

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Kinder, Küche, Kirche: Als liebende Ehefrau und Mutter kennt Anne Jensen ihren Platz im Leben. Trotzdem beobachtet sie mit Sorge, wie das Streben nach Wohlstand ihren Mann Benno immer mehr verändert. Was ist aus der großen Liebe geworden, die sie beide alle Prüfungen von Krieg und Nachkriegszeit hat überstehen lassen? Da entdeckt Anne eine Anzeige, mit der Avon junge Frauen als Kundenberaterinnen sucht. Liebend gerne würde sie mit Lippenstiften und Parfum einen Hauch von Paris und New York in deutsche Haushalte bringen. Doch ist sie auch bereit, für diese Freiheit den Mann ihres Lebens aufzugeben?

Inhaltsübersicht

Widmung

Prolog

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

Epilog

Nachwort und Dank

Literaturhinweise

Für Sigrid (Sissi) Sonders, einst liebe Kollegin bei der Landeszeitung Lüneburg und seit vielen Jahren beste Freundin.

Prolog

Lüneburg, Januar 1960

Anne krallte ihre Finger um das eisige Lenkrad.

»Bitte, lass mich nicht im Stich!«, flehte sie und trat vorsichtig aufs Gaspedal.

Der Viertaktmotor gab daraufhin ein leise rasselndes Geräusch von sich. Immerhin – es klang nicht mehr wie das letzte Gurgeln einer absterbenden Maschine.

»Danke«, sagte Anne inbrünstig. Sie hatte es sich zur Angewohnheit gemacht, mit ihrer tapferen kleinen Isetta zu reden, und sie war fest davon überzeugt, dass es half. Benno würde sie auslachen, wenn er davon erführe. Aber Benno war nicht hier. Es gab nur sie, den himmelblauen Kabinenroller und die lang gezogene Straße vor ihr.

»Wir schaffen das schon«, murmelte sie und stieß dabei weiße Atemwölkchen aus. »Nur wir zwei. Auch ohne Benno.«

Energisch verdrängte sie jeden weiteren Gedanken an ihren Ehemann. Es war wichtiger, sich auf die vor ihr liegende Aufgabe zu konzentrieren. Davon hing alles ab.

Anne lockerte ihren Griff. Die Finger waren inzwischen ebenfalls eiskalt, aber sie wagte es nicht, beim Fahren ihre ledernen Handschuhe zu tragen. Sie brauchte diese direkte Verbindung zum Lenkrad; das vermittelte ihr ein Gefühl von Sicherheit.

Wann kam endlich die verflixte Abzweigung? Rechts und links von der Landstraße ragten hohe, dunkle Eichen auf; die Felder zu beiden Seiten lagen unter einer dichten Schneeschicht begraben; in einiger Entfernung schmiegte sich ein Gehöft in eine Senke. Aus dem Fachwerkhaus stieg der Rauch eines Herdfeuers träge in den bleigrauen Himmel.

Anne glaubte schon, ihr Ziel erreicht zu haben, doch schnell wurde ihr klar, dass das nicht sein konnte. Die Frau des Großbauern Lüttmann hatte ihr am Telefon klare Anweisungen gegeben. »Unser Hof liegt südöstlich von Lüneburg. Sie müssen zunächst bis Bienenbüttel fahren und dort in Richtung Altenmedingen abbiegen. Eine Viertelstunde später sehen Sie dann das Hinweisschild.«

 

Eine Viertelstunde, dachte Anne nun. Wahrscheinlich, wenn man in einem flotten Opel Kapitän unterwegs ist. Meine Knutschkugel ist aber nicht so schnell.

Ein Opel war mit Sicherheit auch besser isoliert. Darin fror man sich nicht die Fingerkuppen, die Nasenspitze und die Ohrläppchen ab.

Das Jahr 1960 hatte mit einem eisigen Wintersturm begonnen, und auch an diesem Samstag Ende Januar behielt der Winter die Städte und Dörfer der Lüneburger Heide fest im Griff.

Anne hatte sich trotzdem auf den Weg gemacht. Es galt schließlich, die erste Kundin zu gewinnen. Bisher hatte sie nur Pech gehabt.

Benno freute sich insgeheim über ihr Scheitern, das wusste sie genau.

Nein! Nicht an Benno denken!

Mit einer Mischung aus Stolz und Nervosität warf Anne einen Seitenblick auf den Präsentierkoffer aus rotem Kunstleder. Er passte knapp neben sie auf die durchgehende Sitzbank. Manchmal musste sich Anne leicht in den Oberarm kneifen, um wirklich glauben zu können, was beruflich aus ihr geworden war. Die erste Avon-Beraterin der Bundesrepublik Deutschland!

»Nun ja!«, sagte sie laut. »Falls ich es schaffe.«

Und falls ich mich nicht verfahre, fügte sie in Gedanken hinzu. Sie hatte Angst, zu weit nach Osten abzukommen. Zwar bestand kaum die Gefahr, zu nah an die Grenze zur DDR zu geraten, denn die war gut zwanzig Kilometer entfernt. Außerdem würde Anne mit ihrer Isetta vermutlich eher in die Elbe plumpsen, als sich dem falschen Staat zu nähern. Aber sie verfolgte täglich die Nachrichten, und sie wusste, wie viele Menschen derzeit Ostdeutschland verließen, um im Westen ein neues Leben zu beginnen. Die meisten flohen innerhalb der geteilten Stadt Berlin, da es dort am einfachsten war. Einige jedoch wagten sich auch durch das Sperrgebiet und über den Stacheldrahtzaun, der von der Ostsee bis nach Bayern reichte.

Selbst die Winterkälte hielt die Menschen nicht davon ab, und Anne wollte unbedingt verhindern, dass sie aufgehalten wurde. Sie war stets bereit, Leuten in Not zu helfen, denn sie wusste noch genau, wie es sich anfühlte, neu und einsam in einer fremden Stadt zu sein. Doch heute durfte einfach nichts dazwischenkommen!

Mit einem mulmigen Gefühl in der Magengegend erinnerte sie sich an ihre erste Verkaufsfahrt aufs Land. Kurz vor Weihnachten war das gewesen, und die Fahrt war gründlich schiefgegangen. Nicht einmal bis zur Kundin in Kirchgellersen hatte sie es geschafft, bevor sie mitten auf der Straße aufgegeben hatte.

 

Eine Stunde später saß Anne in der guten Stube von Birthe Lüttmann und nestelte mit klammen Fingern am Verschluss ihres Präsentierkoffers.

Die Bäuerin hatte sie mit ungläubigem Staunen empfangen. Das kannte Anne schon. Sie war klein, zierlich und dunkelhaarig – und passte so gar nicht zu den meist robusten Landfrauen. Ihre braunen, mandelförmigen Augen wirkten sogar regelrecht fremdartig. Es ging das Gerücht, sie sei kurz nach ihrer Geburt von einem Wagen des fahrenden Volkes gefallen, und Anne wünschte sich oft, sie könnte ein bisschen mehr wie die anderen Frauen hier in Lüneburg sein: groß, blond, mit hellen Augen und gesunden roten Apfelbäckchen. Dann hätte sie vielleicht schon längst ihre ersten Kundinnen gewonnen. Doch in diesem Moment vergaß sie lieber, dass ihr Aussehen nicht der einzige Grund war, warum ihre Karriere auch im neuen Jahr noch nicht in Schwung gekommen war.

 

Zu ihrer größten Erleichterung hatte Birthe Lüttmann sie ohne eine verächtliche Bemerkung ins Haus gebeten.

Endlich klappte der Deckel auf, und ein buntes Warenangebot kam zum Vorschein. Pflegecreme, Hautöl, Gesichtspuder, Nagellack, Wimperntusche, Lippenstift und Lidschatten. Alles wirkte genauso wie vor gut einer Stunde, als Anne den Inhalt zusammengestellt hatte.

»Ich muss mich fein machen für den Winterball des Bauernverbandes«, hatte Birthe Lüttmann am Telefon gesagt. »Und ich will mal ein bisschen flott aussehen.«

Unauffällig betrachtete Anne die Haut der Bäuerin. Rau, trocken und mit frühzeitigen Falten von der vielen harten Arbeit im Freien.

Sie wählte eine besonders reichhaltige Fettcreme aus und schraubte den Deckel ab. Dann erstarrte sie. Oben auf der Creme hatte sich ein dicker Ölfilm gebildet. Wie konnte das sein? Zu Hause war doch noch alles in Ordnung gewesen! Das wusste Anne genau. Sie hatte extra alle Proben aus ihrem Präsentierkoffer noch einmal überprüft.

»Wat is’?«, fragte Birthe Lüttmann.

Anne lächelte professionell. Vielleicht grinste sie auch nur dümmlich. Sie war sich da nicht so sicher.

»Alles prima. Eine gute Creme könnte …«

»Nix da! Ich will bloß Farbe im Gesicht. Mein Hinnerk soll Stielaugen kriegen.«

Erleichtert schraubte Anne die Cremedose wieder zu und griff als Erstes zur braunen Wimperntusche. Die Kundin sollte einen schnellen Effekt sehen, und wenn ihre blonden, fast durchsichtigen kurzen Wimpern mit einem Mal dunkel und lang wurden, wäre sie gewiss bereit, sich noch weiter schminken zu lassen.

Anne dachte bereits an einen lachsfarbenen Lippenstift, an eine nicht allzu dunkle Grundierung, an einen zarten Puder. Dazu ein leichter, frischer Duft. Sie wollte die natürliche Schönheit der Bäuerin unterstreichen und sie nicht in ein Fotomodell aus der »Constanze« verwandeln.

Also nahm sie das Fläschchen zur Hand und öffnete es. Inzwischen war ihr furchtbar heiß in ihrem Kostüm aus burgunderfarbener Wolle. Ein wuchtiger Kachelofen strahlte mächtig viel Hitze aus, und Anne spürte, wie ihr eine leichte Röte ins Gesichts stieg. Sie starrte auf das Bürstchen mit kleinen braunen Klumpen anstelle von cremiger Wimperntusche, verstand aber nicht, was sie sah.

»Wat is’?«, fragte Birthe Lüttmann erneut. »Komm’ wa mal zu Potte?«

»Ähm … ich … also …«

»Lass mal kieken.« Die Bäuerin nahm ihr das Bürstchen aus der Hand, hielt es ins Licht und drehte es hin und her.

»Jo, war eingefroren«, erklärte sie dann. »Passiert mit der Buttermilch auch, wenn wir sie jetzt im Winter draußen stehen lassen.«

»Eingefroren?«, wiederholte Anne hilflos. »Aber wie kann das … Oh, mein Gott!« Auf einmal wusste sie es. Die Fahrt hierher, die eisige Kälte in der Isetta!

»Es … tut mir so leid«, fügte sie hastig hinzu. »Ich werde sofort nach Hause fahren und mit neuen Proben wiederkommen. Den Koffer packe ich in ein paar Wolldecken und …«

Die Bäuerin hob lachend die Hand. »Nu woll’n wa man nich’ die Pferde scheu machen. Irgendwat von dem Zeug is’ ja bestimmt noch gut, oder?«

Anne riss sich zusammen und machte sich an die Arbeit. Es stellte sich heraus, dass die Proben, die tiefer im Koffer lagen, die Kälte besser vertragen hatten, und so schaffte sie es doch noch, Birthe Lüttmann für den Ball zurechtzumachen. Und zu ihrer allergrößten Freude war die Bäuerin von ihrer Arbeit so begeistert, dass sie gleich eine umfangreiche Bestellung aufgab.

 

Als Anne schließlich die Heimfahrt antrat, weinte sie leise vor sich hin. Vor Freude und vor Erleichterung. Die Straße verschwamm vor ihren Augen, und sie musste anhalten und sich beruhigen, bevor sie weiterfahren konnte.

Doch je näher sie Lüneburg kam und je deutlicher sich die Kirchtürme von St. Johannis und St. Nicolai am Horizont abzeichneten, desto gedrückter wurde ihre Stimmung.

Ihr Ehemann drängte sich wieder mit Macht in ihre Gedanken, und eine zähe Traurigkeit legte sich um ihr Herz. Sie waren einmal ein sich liebendes Paar gewesen und später eine glückliche Familie. Den schweren Zeiten zum Trotz.

Doch das war lange her. Was war nur mit ihnen geschehen? Wohin war all die Liebe gegangen? Wie hatte es so weit kommen können?

1. Kapitel

Frühjahr 1959

Irgendwo im Haus zerriss helles Kindergeschrei die morgendliche Stille. Anne drehte sich stöhnend um und zog sich die Decke über den Kopf. Ihre Hand tastete nach Benno, doch seine Seite des Bettes war leer. Nur ein kleiner Rest Wärme war auf dem Laken zurückgeblieben.

Nicht schon wieder, dachte Anne und wünschte sich brennend, sie könnte in den Schlaf zurücksinken. Im Traum war sie mit Benno am Ufer der Ilmenau spazieren gegangen. Sie waren beide jung und verliebt, und der große starke Mann mit dem weizenblonden Haar und den hellblauen Augen hatte zärtlich auf sie herabgelächelt. Da hatte sie gewusst: Was immer geschehen würde, selbst wenn die Welt untergehen sollte – zusammen mit Benno konnte sie alles schaffen. Kurz bevor er sie geküsst hatte, war sie aufgewacht.

In ihren Augenwinkeln sammelten sich Tränen. Erschrocken fuhr Anne hoch und wischte sich energisch über das Gesicht. Sie war in ihrem ganzen Leben keine Heulsuse gewesen und würde im Alter von vierunddreißig Jahren gewiss nicht damit anfangen.

Selbst wenn Benno nur noch im Traum zärtlich zu ihr war. Selbst wenn ihre Zukunft sich wie ein weites Stoppelfeld vor ihr ausbreitete – leer und nutzlos.

Anne schwang die Beine aus dem Bett und fischte mit den nackten Füßen nach ihren Pantoffeln. Ihre Traurigkeit verwandelte sich schlagartig in Ärger. Benno hatte ihr gestern Abend fest versprochen, sie würden diesen Vormittag zusammen verbringen. Als Familie. So wie früher. Mit einem ausgedehnten Frühstück, dem Besuch des Gottesdienstes zum Palmsonntag in St. Johannis und später vielleicht mit einem Besuch bei ihren Eltern.

Nun gut, überlegte Anne. Den letzten Punkt des Tagesprogramms hätte sie noch verhindert. Denn ihr Vater und ihre Mutter hätten ihnen nur die schönen Stunden verdorben. Nicht aus Gemeinheit, sondern weil ihr alter Kummer so tief saß, dass er jeden in ihrer Nähe in seinen Strudel mitriss. Selbst die Kinder wollten nicht mehr zu Opa Heinrich und Oma Luise.

»Die lachen nie«, hatte Lili einmal gesagt.

»Genau«, hatte ihr Zwillingsbruder Leo hinzugefügt. »Ich warte immer darauf, dass die gleich losheulen.«

»Außerdem wollen sie sowieso nur Leo sehen.« Das war wieder Lili gewesen, die genau spürte, wann sie nicht erwünscht war.

Wenn es darauf ankam, hielten die beiden fest zusammen.

Schade nur, dass ein solch geschwisterlicher Frieden niemals am frühen Sonntagmorgen herrschte.

Das Geschrei nahm an Lautstärke zu. Anne fand endlich die Pantoffeln, stand auf und schlüpfte in ihren weißen gesteppten Morgenmantel. Dann nahm sie sich ein Gummiband vom Nachttisch und bändigte ihre schwarzen Locken im Nacken. Alles andere musste warten.

Lilis Stimme klang jetzt regelrecht hysterisch, und es würde bestimmt nicht lange dauern, bis sich die ersten Nachbarn beschwerten. Zwar bewohnte die Familie ein eigenes Haus, aber an diesem schönen Frühlingsmorgen standen überall die Fenster weit offen.

Ihr Heim war ein typisches schmales Backsteinhaus mit einem schmucken Treppengiebel. Es stand an der Papenstraße und befand sich seit drei Jahrhunderten im Besitz von Bennos Familie. Einer seiner Vorfahren, ein gewisser Caspar Jensen, hatte es gekauft, nachdem er mit dem Salzhandel reich geworden war. Später, als die Blütezeit des weißen Goldes in der Hansestadt vorbei war, hatten sich die Männer der Jensens dem Tischlerhandwerk zugewandt und über viele Generationen hinweg den bescheidenen Wohlstand der Familie erhalten. Und sie hatten grundsätzlich ihresgleichen geheiratet. Frauen aus der Lüneburger Heide, die ähnliche Wertvorstellungen hatten wie sie, die bescheiden, treu und sparsam waren.

Erst Benno hatte mit dieser Tradition gebrochen. Anne wusste, in der Nachbarschaft galt sie auch vierzehn Jahre nach ihrer Hochzeit noch immer als Auswärtige, als Ausgebombte. Als eine, die niemals zu den braven Bürgern der Altstadt gehören würde. Sie wurde schief angesehen – ganz so, als trüge sie irgendeine Schuld an ihrem Schicksal oder an ihrem Aussehen.

Ihr Ärger verwandelte sich in Zorn, während Anne nun die schmale hölzerne Stiege nach oben kletterte. Nicht alle Nachbarn begegneten ihr mit Misstrauen, aber noch immer zu viele.

Ja, sie war damals in dem schrecklichen Sommer 1943 mit ihren Eltern aus Hamburg geflüchtet, nachdem der Feuersturm die Stadt zerstört hatte.

Ja, sie hatte einen italienischen Großvater gehabt, den Vater ihrer Mutter. Ein sizilianischer Matrose namens Salvatore, der sich Anfang des Jahrhunderts in eine Hamburger Deern verliebt und seine schwarzen Locken und die mandelförmigen Augen zwar nicht seiner Tochter, später jedoch an seine Enkelin weitervererbt hatte.

War das etwa ein Verbrechen? Eine Schande? Konnten die Leute sie nicht einfach in Ruhe lassen?

Als Anne die letzte Stufe erklommen hatte, bebte sie regelrecht vor Zorn. Auch Salvatores Temperament hatte eine Generation übersprungen und war Anne in die Wiege gelegt worden.

»Was zum Kuckuck ist hier los?«, rief sie und stürmte in Lilis Zimmer.

Erst im vergangenen Jahr hatte Benno den Dachboden in zwei identische kleine Räume unterteilt, damit jeder der Zwillinge sein eigenes Reich bekam. Ein wahrer Luxus, den die beiden aber meistens nicht zu würdigen wussten. Entweder suchte Lili ihren Bruder heim, um ihn zu hänseln, oder umgekehrt.

An diesem Morgen war eindeutig Leo an der Reihe. Mit dem Rücken zu Anne stand er ganz ruhig da, hielt die Arme in die Höhe, wobei seine Fingerknöchel das schräge Dach berührten. Er war in den vergangenen Monaten schlagartig in die Höhe geschossen und schickte sich an, seinen Vater in ein paar Jahren an Körpergröße zu übertreffen. Genau in diesem Moment brach er eine Schallplatte entzwei.

Lili heulte auf. Vergeblich sprang sie an ihm hoch. Sie kam nach ihrer Mutter und war einen ganzen Kopf kleiner als ihr Bruder.

»Ich hasse dich!«, schrie sie.

Leo lachte sein noch helles Kinderlachen und erwiderte: »Lolita.«

Wer immer das sein mochte. Anne rieb sich die Schläfen, um einen beginnenden Kopfschmerz zu vertreiben.

»Was ist hier los?«, fragte sie noch einmal, jedoch so leise, dass die Zwillinge sie erst recht überhörten. Annes Wut war schlagartig verraucht. Eine alles überstrahlende Liebe war an deren Platz getreten und ließ ihr Herz groß und weit werden. Das passierte ihr immer wieder. Gerade noch regte sie sich über ihre Kinder auf, im nächsten Moment war sie voller Dankbarkeit über dieses doppelte Wunder des Lebens.

»Mexicano«, sagte Leo, was Anne noch weniger verstand. Sie trat in die Dachkammer.

Lili heulte noch lauter. »Ich habe mein ganzes Taschengeld von dieser Woche dafür ausgegeben!«

»Und wenn schon«, gab ihr Bruder zurück. »Freu dich lieber, dass ich deinen Musikgeschmack rette. Sonst kaufst du dir als Nächstes noch was von Freddy Quinn.«

Sein Lachen klang richtig gemein, fand Anne. Und er hielt noch immer seine Arme in die Höhe, obwohl das nicht mehr nötig war. Die Schallplatte war ja schon kaputt.

Es ging also wieder um Musik. Darüber stritten sich die Zwillinge ständig. Lili liebte deutsche Schlager – besonders solche, die von einem fernen Land erzählten. Für Leo gab es dagegen nur amerikanischen Rock ’n’ Roll. Die neue Musiktruhe unten im Wohnzimmer wurde von den Kindern abwechselnd mit Beschlag belegt. Nur wenn sie in der Schule waren, kam Anne dazu, auch einmal Radio zu hören.

»Du musst endlich lernen, was gut für dich ist«, sagte Leo zu seiner Schwester.

Fast hätte Anne gelacht. Jetzt klang der Junge schon beinahe wie sein Vater.

»Elvis Presley, Bill Haley, Jerry Lee Lewis, Little Richard«, zählte er nun auf. Drei der Namen sagten Anne nicht viel. Sie kannte nur Elvis Presley.

Nun machte sie einen weiteren Schritt auf die beiden zu und fragte, diesmal mit hoch erhobener, strenger Stimme: »Warum hast du das getan?«

Leo senkte langsam die Arme, ließ die beiden Plattenhälften fallen und drehte sich zu ihr um.

Anne schlug sich die Hand vor den Mund. »Um Himmels willen! Wie siehst du denn aus?«

»Das war die da«, knurrte Leo und zeigte anklagend auf seine Schwester.

Lili schob trotzig das Kinn vor. »Geschieht dir recht! Du hast gestern meinen nagelneuen Hula-Hoop-Reifen kaputt gemacht!«

»Weil du mit dem Ding meine Nachttischlampe umgeworfen hast!«

Anne unterdrückte ein Seufzen. So war das immer mit den Kindern. Sie stritten sich, und niemand konnte mehr nachvollziehen, womit es angefangen hatte. Benno ergriff dann regelmäßig die Flucht und überließ es Anne, den Familienfrieden wiederherzustellen.

Er habe sich um wichtigere Dinge zu kümmern, sagte er dann. Ihre Aufgabe als Ehefrau und Mutter hingegen sei es, die Kinder zu erziehen.

Das nächste Seufzen entschlüpfte ihr, bevor sie es zurückhalten konnte. Dann wandte sie sich stirnrunzelnd an ihre Tochter. »Das geht zu weit. Das hättest du nicht tun dürfen.«

Lili verschränkte die Arme vor der schmalen Brust. Ihr Gesicht war hochrot, ihre Augen, dunkel und mandelförmig wie die ihrer Mutter, blitzten.

»Er hat es verdient.«

»Aber das war gefährlich. Was hast du benutzt? Eine Schere? Oder etwa ein Messer?«

»Schere«, murmelte Lili und senkte den Kopf. »Es war überhaupt nicht gefährlich. Er hat ja tief geschlafen.«

Anne trat zu ihr und schaute sie streng an. »Aber wenn er aufgewacht wäre …«

»Ganz genau!«, fiel Leo seiner Mutter ins Wort. »Wenn ich aufgewacht wäre und nur gezuckt hätte, dann hättest du mir ein Auge ausstechen können.«

Lili fuhr zusammen, ihr Kinn zitterte, sie begann, hilflos zu schluchzen. »Das … das hätte ich nie gemacht. Ehrlich nicht! Ich schwöre! Du bist mein allerliebster Bruder! Ich würde dir niemals wehtun!«

Anne wollte ihre Tochter tröstend in den Arm nehmen, aber sie hielt sich zurück. Damit hätte sie Partei für Lili ergriffen und Leo tief gekränkt. Der Junge mochte groß und stark wirken, aber genau wie seine Schwester war er in Wahrheit außerordentlich empfindlich.

»Ihr seid doch keine Kinder mehr«, mahnte sie daher nur sanft und ließ ihren Blick dabei auf Lili ruhen. Das Mädchen hatte dieses Mal den mit Abstand größeren Schaden angerichtet. »Sondern demnächst dreizehn Jahre alt. Wollt ihr denn euer ganzes Leben lang streiten?«

Fast hätte sie die beiden noch daran erinnert, wie gut sie es hatten. Dass sie keinen Hunger erleben mussten, keine Gewalt, keine Bombennächte. Anne verbot es sich. Sie selbst hatte es früher gehasst, wenn ihre eigene Mutter so sprach; wenn sie ihr vom Ersten Weltkrieg erzählte und den schrecklichen Jahren danach – und dem Kind Anne dann befahl, immer nur dankbar zu sein.

Stattdessen schaute sie nun wieder Leo an, streckte die Hand aus und fuhr ihm nach kurzem Zögern durchs Haar. »Das kriegen wir schon wieder hin.«

»Wie denn? Glaubst du, das wächst bis morgen früh nach? In der Schule werden mich alle auslachen.«

Er war nun auch den Tränen nahe, das spürte Anne. Und sie verstand ihren Sohn gut. Auf ihre eigenen Locken war sie immer stolz gewesen, auch wenn sie sich manchmal gewünscht hätte, ihr Haar wäre hell, nicht so nachtschwarz. Leo hatte nur eine einzige Locke besessen, aber die hatte er seit einem halben Jahr gehegt und gepflegt. Seine Elvis-Tolle war sein ganzer Stolz gewesen, und mit viel Pomade hatte sie in seinem weizenblonden Haar fast genauso dunkel gewirkt wie die seines Idols. Benno war in die Luft gegangen, als ihm aufgefallen war, was sein Sohn da anstellte.

»Ich verbiete dir einen solchen Unfug!«, hatte er ihn angefahren. »Dafür bist du viel zu jung! Und du machst mich zum Gespött der Leute!«

Sein guter Ruf war Benno sehr wichtig.

Seitdem trug Leo im Beisein des Vaters seine Haare glatt und streng nach hinten gekämmt. Erst auf dem Weg zur Schule schaffte er es irgendwie, seine Frisur in Form zu bringen.

Nun, das Problem hatte sich vorerst erledigt.

Lili hatte ganze Arbeit geleistet. Dort, wo gestern noch die schwungvolle Tolle gesessen hatte, waren die Haare jetzt raspelkurz geschnitten. Und Anne wusste: Die Häme seiner Mitschüler war Leo sicher.

Sie dachte einen Moment angestrengt nach. Dann schlug sie vor: »Wir frühstücken jetzt erst mal, und nachher gehen wir zu Oma Margarethe. Vielleicht kann sie helfen.«

Bennos Mutter betrieb einen Friseursalon Am Sande und war zugleich Annes Vertraute. Anne hatte sie im Verdacht, ihren Enkel bisher heimlich frisiert zu haben. Immerhin lag ihr Salon auf Leos Schulweg. Er besuchte das Realgymnasium des Johanneums am Wasserturm. Aber Margarethe hatte jegliche Beteiligung rigoros abgestritten.

»Heute ist Sonntag«, erklärte Lili überflüssigerweise. »Da hat der Salon zu.«

»Für Leo öffnet sie bestimmt«, versprach Anne. »Oft macht sie sowieso noch Kundinnen für die Kirche schick. Aber wenn sie nicht unten ist, müssen wir nur hochgehen in ihre Wohnung und sie ganz lieb bitten. Für Leo tut sie alles.« Dabei beobachtete sie ihren Sohn genau. Aber der ließ mit keinerlei Reaktion erkennen, ob die Oma ihm bisher mit der Frisur geholfen hatte.

»Ich könnte auch drei Tage die Schule schwänzen«, bot er an. »Ab Donnerstag sind sowieso zwei Wochen Osterferien. Und danach …« Seine Stimme verlor sich, während er sich über den Kopf strich.

»Erstens«, erklärte Anne streng, »würde dein Vater das niemals erlauben. Zweitens wachsen die Haare auch in zwei oder drei Wochen nicht nach. Nein, dir kann nur Margarethe helfen.«

»Was soll sie denn machen?«, fragte er verzweifelt. »Mir eine Perücke aufsetzen?«

»Das würde vielleicht hübsch aussehen«, meinte Lili und kicherte.

»Blöde Kuh!«

»Doofmann!«

»Schluss jetzt! Ich will keinen Ton mehr hören!«

Die Zwillinge verstummten und wechselten einen schnellen Blick. Anne konnte regelrecht dabei zusehen, wie sie in stiller Übereinstimmung ihren Streit beilegten und wieder zu einer Einheit wurden. Dieser Vorgang verblüffte sie stets aufs Neue. Eben noch schienen sie sich regelrecht zu hassen, und plötzlich taten sie, als wäre nie etwas zwischen ihnen geschehen.

Schließlich räusperte sich Lili umständlich. Sie war schon immer diejenige gewesen, die für sie beide sprach, wenn es darum ging, ein wichtiges Anliegen bei den Eltern durchzusetzen. Als Erstgeborene hielt sie dies wohl für ihre Pflicht, auch wenn ihr Vorsprung auf Leo gerade einmal dreieinhalb Minuten betrug.

Anne unterdrückte ein weiteres Seufzen. Was kam jetzt wieder? Sie wünschte, sie wäre einfach im Bett geblieben und hätte ihren schönen Traum weitergeträumt.

»Wenn wir zu Oma Margarethe gehen«, begann Lili, machte eine kurze Pause und fügte vorsichtig hinzu, »dann schaffen wir es aber nicht auch noch zu Oma Luise und Opa Heinrich, oder?«

»Nun«, meinte Anne zögerlich. Sie wusste natürlich, worum es hier ging, tat aber unwissend. »Wir könnten ausnahmsweise den Gottesdienst ausfallen lassen …«

»Nein!«, riefen die Kinder im Chor.

»Das dürfen wir nicht«, sagte Lili eifrig. »Wir haben die Pflicht zu erscheinen!«

Fast hätte Anne gelacht. Noch bis gestern hatten beide Kinder bei der Aussicht gestöhnt, nach Ostern einmal in der Woche in den Konfirmandenunterricht gehen zu müssen. Und ein Kirchenbesuch am Sonntag gehörte ebenfalls nicht zu ihren Lieblingsbeschäftigungen.

»Wenn wir fehlen, wirft das ein schlechtes Licht auf uns«, ergänzte Leo.

»Ihr werdet aber erst nächstes Jahr konfirmiert.«

»Na und?«, sprang Lili ihrem Bruder bei. »Wir werden jetzt schon ganz genau beobachtet.«

Anne überlegte, ob dies der richtige Moment für ein klärendes Gespräch über ihre Eltern war. Rasch entschied sie sich dagegen. Benno hätte bei ihr sein müssen. Allein fühlte sie sich überfordert.

»Ihr wollt also lieber nicht zu den Großeltern«, stellte sie daher nur fest. »Auch nicht heute Nachmittag?«

Heinrich und Luise Koog wohnten in einem hübschen Häuschen draußen in Bardowick. Früher hatten die Zwillinge dort gern im Garten gespielt. Als sie noch zu klein gewesen waren, um zu begreifen, dass diese Großeltern komisch waren.

Beide schüttelten einhellig den Kopf. Leo fasste sich wieder ins Haar und blickte erstaunt drein. Noch gestern wäre seine Tolle fröhlich mitgeschwungen.

Kurz überzog Wut sein Gesicht, dann schien er sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und antwortete: »Auf keinen Fall.«

»Die sehen mich gar nicht«, ergänzte Lili. »Ich bin da bloß ein Gespenst.«

»Na, na«, mahnte Anne, obwohl sie wusste, was ihre Tochter meinte. Als kleines Mädchen hatte sie sich ganz genauso gefühlt – schon damals, als die Welt ihrer Eltern noch in Ordnung gewesen war.

Leo warf sich in die Brust. »Und mich starren sie die ganze Zeit nur an. Das ist so unheimlich!«

Auch dagegen konnte sie nichts sagen, also entschied sie sich für eine Ausflucht: »Wir reden später darüber, wenn euer Vater dabei ist. Jetzt gehe ich mich anziehen, und in der Zeit macht ihr Frühstück. Alle beide!«

»Das ist Frauenarbeit«, murrte Leo.

Anne schaute ihn nur an.

»Ich gehe ja schon«, sagte er und folgte Lili.

Laut polterten die Kinder die Stiege hinunter, kurz darauf hörte Anne sie in der Küche lärmen.

Zurück in ihrem Schlafzimmer, wählte sie ein graues Jackenkleid aus. Es war schon ein bisschen aus der Mode gekommen, aber Anne mochte den weiten, bequemen Schnitt. Dann setzte sie sich an ihre Frisierkommode und schlang ihr Haar zu einem lockeren Knoten zusammen. Kritisch betrachtete sie ihr Gesicht im Spiegel. Sie sah müde aus und hatte dunkle Ringe unter den Augen. Also tupfte sie erst eine helle Grundierung auf, verrieb sie gründlich und wählte dann einen pastellfarbenen Puder. Schließlich legte sie noch matt glänzenden Lidschatten auf, tuschte sich die Wimpern und vervollständigte ihr Aussehen mit rosafarbenem Lippenstift.

Sie schminkte sich gern, aber nie übertrieben stark. Trotzdem stöhnte Benno über ihre Ausgaben für Kosmetik, während Margarethe ihr ständig damit in den Ohren lag, dass sie noch viel mehr aus sich machen müsse. Dann würde Benno vielleicht wieder öfter zu Hause sein. Obwohl ihr Holzkopp von einem Sohn eine perfekt zurechtgemachte Gattin vielleicht nicht einmal bemerken würde.

Als ob das so einfach wäre, dachte Anne, während sie sich nun mit einem letzten prüfenden Blick betrachtete. Als ob ich meine Ehe retten könnte, wenn ich mich stärker anmale.

Sie erschrak heftig.

»Was denke ich da für dummes Zeug?«, fragte sie leise ihr Spiegelbild. »Benno und ich sind glücklich. Wir haben zwei wunderbare Kinder, und wir lieben uns.«

Ihr Spiegelbild zog eine Grimasse, und die wunderbaren Kinder veranstalteten unten in der Küche einen solchen Krach, dass Anne um ihr Geschirr fürchtete.

Sie versuchte sich an einem Lächeln. Seltsam – die Grimasse blieb. Ihr Blick fiel auf das Ehebett, in dem sie vorhin wieder einmal allein aufgewacht war.

»Benno und ich sind glücklich«, sagte sie noch einmal, und es klang wie eine Beschwörungsformel.

2. Kapitel

Herrjemine!« Margarethe Jensen riss die Augen auf und legte sich beide Hände an die runden Wangen. »Was ist denn mit dir passiert?«

»Das war Lili«, sagte Leo dumpf und senkte den Blick.

Anne presste fest die Lippen aufeinander, um bloß nicht laut loszulachen. Ihre Schwiegermutter bot einen Anblick für die Götter. Ihr blondiertes Haar stand in alle Richtungen ab, reichlich Schminke, offensichtlich vom Vorabend, war unter ihren Augen zerlaufen und verlieh ihr ein eulenhaftes Aussehen. Abgerundet wurde das Bild von einem himmelblauen Kaftan, der locker über ihre Schultern fiel und ihre füllige Figur verbarg.

Auch Lili schien mit einem Lachanfall zu kämpfen. Anne stieß ihr warnend einen Ellenbogen in die Seite.

Margarethe bekam davon nichts mit.

»Deine Schwester?«, fragte sie ungläubig nach. »Ich hätte jetzt eher gedacht, eine Schnucke hätte sich in deine Dachkammer verirrt und deine Tolle mit einem Büschel Heidekraut verwechselt.«

Anne legte sich die Hand vor den Mund. Noch ein einziges Wort von Margarethe und sie würde nicht mehr an sich halten können.

Lili stieß inzwischen kleine spitze Töne aus, die gefährlich nach einem Kichern klangen. Leo warf ihnen beiden bitterböse Blicke zu, aber sogar seine Mundwinkel zuckten.

Auf einmal spürte Anne, wie ihr ganzer Ärger von diesem Morgen verflog. Dass Benno nicht da gewesen war, dass die Kinder sie mit ihrem Geschrei so früh geweckt hatten, dass Leo auf dem Kopf wie ein gerupftes Huhn aussah – all das erschien in diesem Moment nicht mehr so wichtig. So war es ihr schon immer mit ihrer Schwiegermutter ergangen: Was auch immer ihr zu schaffen machte, in Margarethes Gegenwart schrumpfte jedes Problem zu einer unwichtigen Nebensache zusammen.

Nun, vielleicht nicht wirklich jedes Problem, aber doch viele.

Margarethe wandte sich jetzt an ihre Enkelin. »Ich will gar nicht wissen, warum du das gemacht hast. Aber ich bin sehr enttäuscht von dir.«

Lili gluckste, schwieg aber.

»Von meinen Nachkommen würde ich wirklich etwas mehr Talent zum Haareschneiden erwarten.«

Sie streckte eine Hand aus und fuhr Leo über den Kopf. Ihre langen Fingernägel hoben sich knallrot von seinem verbliebenen weizenblonden Haar ab.

»Also wirklich, Lili. Was hast du benutzt? Einen Hobel von deinem Vater? Wo ist mein Sohn überhaupt? Wieso steht er seiner Familie in dieser schweren Krise nicht bei?«

Auf einmal gab es kein Halten mehr. Anne, Leo und Lili starrten einander an, dann brachen sie in schallendes Gelächter aus und klopften sich gegenseitig auf den Rücken. Leos Stimme überschlug sich, Lili klang hysterisch, Anne liefen vor lauter Lachen die Tränen übers Gesicht. Sie hielt sich den Bauch und musste sich schließlich vorbeugen, um wieder Luft zu bekommen.

Margarethe verfolgte diesen Ausbruch von Heiterkeit mit vor der Brust verschränkten Armen. Anne dachte auf einmal: Nicht erst Benno hat mit der Tradition gebrochen, eine bescheidene, treue und sparsame Lüneburgerin zu heiraten. Auch sein Vater Dietrich hatte in den Zwanzigerjahren bereits eine Frau gewählt, die nicht wirklich den Erwartungen der Familie entsprach. Zwar stammte Margarethe aus der Gegend, doch sie hatte sich nie still und fügsam an den Herd verbannen lassen, sondern war mit ihrem Salon eine erfolgreiche Geschäftsfrau geworden. Sie besaß ein beachtliches Selbstbewusstsein, und gerade das machte sie so faszinierend.

»Wenn ihr euch wieder eingekriegt habt, können wir vielleicht mal überlegen, wie wir diesen Schlamassel in Ordnung bringen«, sagte Margarethe, als endlich wieder Ruhe eingekehrt war.

Sie standen noch immer im Flur, wo Margarethe ihre unerwarteten Besucher abgefangen hatte.

Anne war mit den Kindern gleich nach einem schnellen Frühstück, bestehend aus Bohnenkaffee, Kakao und Marmeladenbroten, aufgebrochen. Der Friseursalon ihrer Schwiegermutter befand sich in einem imposanten mehrstöckigen Giebelhaus aus rotem Backstein an der Ecke Am Sande und Am Berge, schräg gegenüber der Johanniskirche.

Das Geschäft war tatsächlich geschlossen gewesen, aber sie hatten an der Eingangstür zur darübergelegenen Wohnung Sturm geklingelt – so lange, bis eine verstrubbelte und gähnende Margarethe ihnen endlich geöffnet hatte.

Anne hörte auf zu lachen und musterte ihre Schwiegermutter aufmerksam. Margarethe freute sich normalerweise immer, wenn die Familie zu Besuch kam, doch an diesem Morgen machte sie eher den Eindruck, als fühle sie sich gestört – und sie wich auch keinen Millimeter nach hinten, als Anne jetzt hineingehen wollte.

»Nein, nein«, sagte Margarethe schnell und schubste sie sanft, aber energisch zurück. »Bei mir sieht es heute ganz unordentlich aus.«

Die Kinder schienen sich nichts dabei zu denken, aber Anne wurde nun erst recht misstrauisch. Ihrer Schwiegermutter war es normalerweise herzlich gleichgültig, was andere von ihrer Haushaltsführung hielten. Sie war das genaue Gegenteil eines fleißigen Heimchens am Herd. Früher hatte sie sich zumindest noch Mühe gegeben, einen gewissen Schein aufrechtzuerhalten, aber seit ihr geliebter Mann Dietrich vor fünf Jahren gestorben war, lag bei ihr der Staub oft fingerdick, und in der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr.

Einzig ihren Friseursalon hielt sie penibel sauber und ordentlich, aber dort beschäftigte sie immer mindestens ein Lehrmädchen, das ihr bei den niederen Arbeiten zur Hand gehen musste.

»Du weißt, dass ich mich daran nicht störe«, erklärte Anne und wollte sich erneut an ihr vorbeidrängen.

Diesmal hielt Margarethe sie mit eisernem Griff am Arm fest. Beinahe hätte Anne einen Schmerzenslaut ausgestoßen.

»Wir gehen direkt nach unten«, erklärte ihre Schwiegermutter. »Hier kann ich für Leo sowieso nichts tun.«

Die Zwillinge zuckten nur mit den Schultern. Anne ließ rasch ihren Blick durch den Flur schweifen, aber sie konnte nichts Ungewöhnliches entdecken. Da waren die Drucke von Capri und Ischia – den zwei Inseln im Golf von Neapel, denen Margarethes ganze Sehnsucht galt. Seit Jahren träumte sie schon von einer Italienreise, mit Bootsausflügen zu den Inseln als krönendem Abschluss.

Da war das Tischchen mit dem schicken elfenbeinfarbenen Telefonapparat, um den Anne ihre Schwiegermutter brennend beneidete. Sie selbst wäre froh gewesen, wenn sie wenigstens ein schlichtes schwarzes Bakelit-Telefon besessen hätte – andererseits hätte sie nicht gewusst, wen sie damit anrufen sollte.

Dann schaute sie noch zum Schirmständer und zur Garderobe mit der Hutablage, auf der noch immer die abgewetzten Filzhüte von Bennos Vater lagen. An den gusseisernen Haken darunter hingen zwei Frühlingsmäntel von Margarethe, ein paar bunte Halstücher und …

Anne hatte sich schon halb abgewandt, aber nun entdeckte sie eine kakifarbene Uniformjacke, nur unzulänglich versteckt. So als hätte Margarethe in letzter Sekunde ein paar Schals darübergeworfen. Beinahe gleichzeitig hörte sie aus den Tiefen der Wohnung einen leisen Ruf: »Darling?«

Darling? Sie starrte Margarethe an, die ihr immerhin den Gefallen tat und rot anlief.

Lili und Leo waren schon wieder draußen im Treppenhaus und verpassten den Moment.

Anne war zu schockiert, um irgendetwas zu sagen.

Margarethe schwieg ebenfalls, schob sie hinaus und zog die Wohnungstür hinter sich zu. Sie führte die Familie über die Hintertreppe hinunter in den Salon.

Verständlich, ging es Anne durch den Kopf. Fast hätte sie schon wieder losgelacht. Wenn sich die ehrenwerte Friseurmeisterin Margarethe Jensen in dieser Aufmachung der Öffentlichkeit zeigte, wäre es um ihren Ruf geschehen. Dazu brauchte es keinen geheimnisvollen Uniformträger, der sie »Darling« nannte.

Im Salon angekommen, ließ ihre Schwiegermutter die Rollläden unten und schaltete nur ein paar schwache Tulpenlampen an. »Nicht dass noch jemand denkt, ich würde heute arbeiten. Die paar Kundinnen, die von mir unbedingt für die Kirche frisiert werden wollen, müssen mal lernen, allein zurechtzukommen.«

»Aber Oma«, sagte Lili besorgt. »So kannst du doch gar nichts sehen. Nachher schneidest du dem armen Leo noch ein Ohr ab.«

Prompt legte sich ihr Bruder beide Hände über die Ohren.

»Sei nicht albern«, wies Margarethe ihre Enkelin zurecht. »Ich könnte sogar blind Haare schneiden.«

Eine Bemerkung, die nicht unbedingt zu Leos Beruhigung beitrug. Anne musste die Lippen zusammenpressen, Lili kicherte schon wieder, Leo stieß eine Art Grunzen aus. Er saß inzwischen auf einem der Friseurstühle aus giftgrünem Kunstleder und fixierte mit düsterer Miene den ovalen Spiegel vor sich.

Margarethe war damit beschäftigt, sich die zerlaufene Schminke aus dem Gesicht zu wischen. Sie benutzte dafür feine Tücher aus Zellstoff und eine duftende, nahezu flüssige Lotion.

»Brennt die nicht in den Augen?«, fragte Anne. Sie selbst benutzte Babyöl zum Abschminken, hatte danach aber jedes Mal Schlieren in ihrem Blickfeld.

»Überhaupt nicht. Das ist ein wunderbares Wässerchen. Kommt aus Amerika.« Margarethe hielt die kleine Flasche hoch.

Anne entzifferte den Namen Avon. Von dieser Marke hatte sie noch nie gehört. Sie sprach ihn laut aus und wunderte sich, warum ihr das so interessant erschien.

»Nicht Afon«, korrigierte Margarethe. »Es wird weich ausgesprochen. Wie Awon.«

Leo wurde zappelig. »Brauchst du noch lange, Oma? Kannst du nicht mal anfangen?«

»Immer sutsche mit den jungen Hüpfern.«

Margarethe klopfte sacht eine glänzende Creme in ihre Haut ein, fuhr sich mit einer weichen Bürste durchs Haar und legte einen hellroten Lippenstift auf, der ihre ganze Erscheinung wie durch Zauberhand verwandelte. Eben noch war sie eine unausgeruhte ältere Frau gewesen, jetzt sah sie aus wie eine Leinwandgöttin. Brigitte Bardot etwa. Oder Marilyn Monroe. Zumindest, wenn man sie im Schummerlicht betrachtet, überlegte Anne.

»Vielleicht solltest du noch etwas Puder auflegen«, riet sie ihrer Schwiegermutter.

»Später vielleicht. Erst mal braucht meine Haut ganz viel Feuchtigkeit. Sie hat letzte Nacht ein wenig – ähm – gelitten.«

Dazu grinste Margarethe breit, und Anne konnte nicht anders, sie grinste zurück.

»Was habt ihr denn?«, wollte Lili wissen.

»Nichts«, sagte Anne schnell.

Beinahe gleichzeitig meinte Margarethe: »Dieser Lidschatten. Ist der neu?«

Anne nickte. »Ich finde, das helle Grün passt gut zu meinen dunklen Augen. Was meinst du?«

»Ganz wunderbar. Du hast ein Händchen für Farben. Und Stil. Von dem hässlichen Sack, den du da trägst, mal abgesehen.«

Leo stieß ein Brummen aus. Frauengespräche über Schminke und Mode gehörten eindeutig nicht zu seinen Lieblingsthemen.

Margarethe ignorierte ihren ungeduldigen Enkel und sprach weiter mit Anne. »Du solltest dein Talent endlich nutzen. Das sage ich dir schon seit Jahren. Ungefähr seit du ein schüchternes Lehrmädchen bei mir gewesen bist. Du könntest andere Frauen schminken und beraten.«

»Und ich antworte dir seit genauso vielen Jahren, dass das nichts für mich ist.«

Anne stammte aus einer einfachen Familie, in der zu viel Eitelkeit als Sünde gegolten hatte. Zudem hatte sie schon früh gelernt, möglichst unsichtbar zu sein, damit ihre Mutter sich nicht für sie schämen musste. Zwar machte sie sich inzwischen selbst gern zurecht, aber andere Frauen? Undenkbar! Außerdem war sie Hausfrau und Mutter – damit war sie vollkommen ausgelastet.

»Ist der auch amerikanisch?«, fragte sie und deutete auf den Lippenstift.

Margarethe nickte. »Himbeerrot. Schön, nicht wahr? Der gehört zu einer ganz neuen Produktlinie. Einfach sagenhaft. Komm doch morgen vorbei, dann zeige ich dir alles in Ruhe. Jetzt muss ich mich mal um den jungen Mann hier kümmern.«

»Gut«, erwiderte Anne, obwohl sie nicht die Absicht hatte, der Einladung zu folgen. Benno sah es nicht gern, wenn sie zu viel Zeit im Friseursalon verbrachte. Er fürchtete, die unkonventionelle Art seiner Mutter könnte früher oder später auf seine Frau abfärben. Zwar weckten diese Produkte ihre Neugier, aber sie blieb bei ihrem Entschluss.

Insgeheim staunte sie darüber, wie international ihre Schwiegermutter auf einmal geworden war. Schönheit aus Amerika und ein Mann in kakifarbener Uniform aus England.

Sie ist immer wieder für eine Überraschung gut, überlegte sie und fand, dass ihr Leben im Vergleich dazu außerordentlich provinziell und langweilig war.

Margarethe schnappte sich eine scharfe Haarschere und einen Kamm, betrachtete eine halbe Minute lang Leos Kopf von allen Seiten und entschied: »Da gibt’s nur eins.«

»Was denn?«, fragte Leo und rutschte auf seinem Stuhl ein Stückchen tiefer.

»Ganz kurz.«

»Nein!« Er machte sich steif. »Ich will nicht rumlaufen wie ein verdammter Igel!«

»Mäßige deine Ausdrucksweise«, mahnte Margarethe, lachte aber dabei. »St. Johannis ist gleich gegenüber. Der Pastor könnte dich hören.« Sie tat, als würde sie durch die geschlossenen Rollläden hinausschauen können. »Oje, ich fürchte, der Kirchturm hat sich angesichts deines lästerlichen Fluches zur Seite geneigt.«

»Grmpf«, stieß Leo zwischen zusammengepressten Zähnen hervor.

»Wie bitte? Ich habe dich nicht verstanden.«

»Der Kirchturm ist schon immer schief«, sprang Lili ihrem Bruder bei. »Der Baumeister im 14. Jahrhundert hat sich nämlich verrechnet. Andere Quellen besagen, der Baugrund hat sich unterschiedlich stark gesenkt, und deswegen ist der Turm stellenweise zu weit eingesunken. So ganz sicher weiß niemand, welches die richtige Erklärung ist.«

»Brave Schlaumeierin«, meinte Margarethe augenzwinkernd und konzentrierte sich dann wieder auf Leo. »Wieso magst du keinen Igelschnitt?«

Lili mischte sich gleich noch einmal ein. »Er findet die Comicfigur in der Hörzu blöd«, erklärte sie. Wie so oft übernahm sie die Verständigung mit den Erwachsenen. »Da heißt der Igel Mecki und erlebt allerlei Abenteuer.«

Margarethe hob bloß ratlos die Augenbrauen. Zwar lagen in ihrem Salon Zeitschriften aller Art aus, aber sie selbst las nur Modemagazine.

Anne wollte schon eingreifen, aber wie sich gleich herausstellte, war das nicht nötig.

»Einen Igel Mecki kenne ich nicht«, erklärte ihre Schwiegermutter ruhig. Sie stand hinter Leo und sah ihn im Spiegel an. »Ich hatte nur gedacht, du würdest gern wie ein waschechter amerikanischer GI aussehen.«

Fast hätte Anne applaudiert. Margarethe kannte ihren Enkel durch und durch. Sie wusste, dass er seit vielen Jahren für die Yankees schwärmte. Mehr noch als für die Tommys, obwohl ein echter Ami in Lüneburg eine Ausnahme war. Nur selten kam einmal eine Abordnung Offiziere in die Stadt, um mit den alliierten Engländern Verwaltungsprobleme zu besprechen. Seit aus den einstigen Befreiern und Besatzern inzwischen Partner der noch jungen Bundeswehr geworden waren, ließ Leo jedenfalls keine Gelegenheit aus, um mit Soldaten der englischen Armee in Kontakt zu treten. Dann übte er Englisch und fachsimpelte mit Begeisterung über Rock ’n’ Roll.

Tja, dachte Anne. EineWEITEREGelegenheit ist ihm doch entgangen. Amüsiert verzog sie die Mundwinkel und sah dann zu, wie Margarethe schnell und präzise Leo einen zwei Zentimeter langen Meckischnitt verpasste.

»Lieber öfter mal nachschneiden«, erklärte sie, als sie fertig war. »Zu kurz ist nicht schick. Und jetzt siehst du übrigens nicht mehr aus wie ein Junge, sondern wie ein Mann.«

Das stimmte, stellte Anne verblüfft fest. Ihre Schwiegermutter hatte wieder einmal ihren scharfen Blick für die richtige Frisur bewiesen. Leo sah viel erwachsener aus. Seine schon recht breiten Schultern wirkten durch die kurzen Haare noch breiter, sein Hals war kräftiger, sein Kinn markanter.

Lili klatschte aufgeregt in die Hände. »Du solltest mir auf Knien danken, Leo. Ich habe dich fünf Jahre älter gemacht.«

»Das war Oma«, gab er knurrend zurück, aber sein Gesicht strahlte. Offenbar weinte er seiner Haartolle keine Träne nach.

Lili wandte sich an Margarethe. »Bitte, bitte, krieg ich auch einen neuen Schnitt? Meine langen schwarzen Haare sind soooo langweilig.«

Margarethe zog sie leicht an den Zöpfen. »Auf keinen Fall. Komm wieder, wenn du achtzehn bist. Oder besser zwanzig.«

Lili zog einen Flunsch, schwieg jedoch. Sie wusste, ihre Großmutter ließ sich so leicht nicht umstimmen.

»Ihr zwei lauft jetzt schnell rüber in die Kirche«, befahl Margarethe nun ihren Enkeln. »Der Gottesdienst fängt in zehn Minuten an.«

»Kommt Mama nicht mit?«, fragte Lili.

»Deine Mutter und ich haben etwas Wichtiges zu besprechen. Sie holt euch nachher ab. Oder ihr trefft sie wieder hier.«

Kaum waren die Kinder fort, schickte Margarethe ihre Schwiegertochter zum Brötchenholen.

»Und lass dir ruhig Zeit«, fügte sie hinzu.

Anne verstand: Der Liebhaber musste noch die Wohnung verlassen.

 

Eine halbe Stunde später durfte sie endlich die Wohnung betreten. Margarethe trug jetzt eine helle Bluse zu einem wadenlangen, weich fließenden Rock – dazu glänzende Seidenstrümpfe und hohe Pumps. In ihrem Hemdblusenkleid kam sich Anne im Vergleich zu ihrer Schwiegermutter regelrecht altbacken vor.

Sie wurde direkt in die Küche gelotst, wo bereits der Wasserkessel pfiff. Ein schneller Blick zur Garderobe verriet ihr, dass der Engländer fort war. Anne unterdrückte ein Lächeln und legte die Brötchentüte auf die Arbeitsfläche. Dann blickte sie sich mit leisem Neid um. Sie selbst wirtschaftete zu Hause noch in einer altmodischen Küche mit großem Büfett, einem Gasherd, einem Spülstein aus Keramik und einem Ecktisch, an dem sie sich ständig die Hüften stieß, weil er zu weit in den Raum hineinragte. Einziges Zugeständnis an die neuen Zeiten war ein großer Kühlschrank, der ihr das Leben ungemein erleichterte. Und im Badezimmer stand eine moderne Waschmaschine. Ohne das Gerät hätte Anne vermutlich nichts anderes getan, als von morgens bis abends täglich die Wäsche ihrer Familie zu machen.

Margarethe gab sich nicht mit halben Sachen zufrieden. Sie hatte sich erst vor einem Monat eine hochmoderne Einbauküche angeschafft. Es gab einen Elektroherd, eine Spüle aus Kunststoff, rosafarbene Hängeschränke mit Schiebetüren, einen ausklappbaren Tisch mit Resopalplatte und selbstverständlich ebenfalls einen Kühlschrank.

Anne sah den Raum an diesem Tag zum ersten Mal. »Das ist alles so praktisch«, stellte sie bewundernd fest.

»Ja, Liebchen. Das nennt sich Fortschritt.«

Margarethe füllte Kaffeepulver direkt in eine Kanne, nahm den Kessel vom Herd und goss kochendes Wasser darauf. Sofort erfüllte der würzige Duft die Küche. Doch Anne wunderte sich gewaltig.

»Wieso benutzt du keinen Filter?«

Margarethe grinste. »Das ist löslicher Kaffee. Geht viel schneller. Den haben die Amis schon im Krieg mitgebracht, aber es braucht wohl noch Jahre, bis er sich auch bei uns durchsetzt.«

Anne hatte davon gehört, aber sie konnte sich nicht vorstellen, dass solche aufgegossenen Krümel genauso gut wie richtiger Bohnenkaffee schmeckten. Sie merkte, ihre Schwiegermutter wollte nur ablenken, und es würde darauf hinauslaufen, dass Margarethe sie augenzwinkernd eine ewig Gestrige nannte. Deshalb sagte sie nichts weiter dazu, holte die Rundstücke aus der Tüte, arrangierte sie im Brotkorb und stellte sie auf den Tisch.

Margarethe nahm währenddessen Butter, Mettwurst und gekochten Schinken aus dem Kühlschrank.

»Oder lieber süß?«

»Eigentlich habe ich schon gefrühstückt.«

»Sicher, einen Kanten Marmeladenbrot, schätze ich mal.«

Was ziemlich genau stimmte.

Also schmierte Anne dünn Butter auf eine Brötchenhälfte und legte eine Scheibe Schinken darauf. Unwillkürlich musste sie daran denken, dass sie noch vor fünfzehn, nein, sogar vor zehn Jahren, von einem solchen Luxus nur hatte träumen können. Benno und sie hatten es schwer gehabt in den ersten Jahren nach dem Krieg – wie Millionen andere Menschen auch.

Aber waren wir nicht trotzdem glücklicher?, fragte sie sich im Stillen. Oder bilde ich mir das nur ein, weil wir damals noch so jung und voller Hoffnung waren?

»Nicht die Stirn runzeln!«, befahl Margarethe. »Das gibt Falten.«

Anne trank schnell einen Schluck Kaffee. Er war gar nicht so schlecht, stellte sie fest. Sie rührte etwas Zucker hinein, probierte erneut und machte offenbar ein überraschtes Gesicht, denn Margarethe lächelte zufrieden.

»Ist schon toll, was es heutzutage so alles gibt.«

Anne nickte nur.

»Also, erzähl mal. Wo treibt sich mein Sohn schon wieder rum? Warum verbringt er den Sonntag nicht mit seiner Familie?«

»Ach, du weißt doch, das Möbelhaus nimmt ihn ganz in Beschlag.« Anne bemühte sich um einen leichten Ton, aber sie hörte selbst, wie gepresst ihre Stimme klang.

Bevor Margarethe zu einer Erwiderung ansetzen konnte, die gewiss nur in einer Schimpftirade ausgeartet wäre, hakte sie nach: »Du hast einen Liebhaber?«

Ihre Schwiegermutter hob das Kinn und schaute sie herausfordernd an. »Ja, habe ich. Was dagegen?«

»Aber du … also … du bist …«

»Was? Alt? Willst du sagen, eine olle Schachtel wie ich hat kein Anrecht mehr auf Zärtlichkeit?«

»Ähm …«

Margarethe lachte. »Lass dir eins gesagt sein, Liebchen. Ich bin zwar einundsechzig, aber ich habe durchaus noch meine Bedürfnisse.«

Anne spürte, wie ihre Wangen heiß wurden. »So genau möchte ich das gar nicht wissen.«

»Nun, weitere Einzelheiten werde ich dir ersparen.« Margarethes Lachen verwandelte sich in ein Lächeln, das auf Anne erschreckend lüstern wirkte. Sie blickte schnell auf ihren Teller.

»Aber Dietrich …«, wagte sie einzuwenden.

»Was ist mit ihm? Ich habe ihn von Herzen geliebt. Er war ein guter Ehemann und ein wunderbarer Vater. Aber fünf Jahre sind eine verflixt lange Zeit, und vorher – na, du weißt ja, er hatte diesen Lungenschaden. Da war schon lange nicht mehr viel los mit uns.«

Anne überhörte bewusst diese letzte Bemerkung. Voller Zuneigung erinnerte sie sich an ihren Schwiegervater. Dietrich Caspar Jensen war im Ersten Weltkrieg in einen Gasangriff der Alliierten geraten und hatte für den Rest seines Lebens mit den Folgen zu kämpfen gehabt. Aber geklagt hatte er nie.

»Wir Deutschen haben damit angefangen«, war sein schlichter Kommentar gewesen, wenn jemand ihn bemitleidete.

Margarethe legte sich dick Mettwurst aufs Brötchen.

»Kilian ist ein Schatz«, sagte sie dann mit vollem Mund. »Er mag mich, so wie ich bin. Neulich meinte er, er liebt jedes Pfund an mir.« Sie grinste. Essen war Margarethes große Schwäche. Sie schaffte es nie, sich zu mäßigen.

Annes Verlegenheit wuchs, und sie sagte vorerst lieber nichts mehr. Aber Margarethe war ohnehin nicht mehr zu bremsen. »Er kam vor drei Wochen in meinen Salon, und ich musste ihm mit Händen und Füßen erklären, dass ich keine Herrenfriseurin bin. Mein Englisch ist grauenvoll und sein Deutsch kaum besser. Na ja. Ich mache höchstens bei meinem Enkel eine Ausnahme, was ich dem schneidigen Offizier natürlich nicht verraten habe. Also, dass ich schon Großmutter bin, meine ich. Danach hat er nicht lockergelassen, bis ich mit ihm ausgegangen bin. Weißt du, wir müssen jede Stunde nutzen, denn er wird zu Pfingsten zurück nach Edinburgh versetzt. Er ist Schotte. Ein heißblütiger Schotte, was angeblich so selten wie ein gefühlskalter Italiener sein soll.«

»Margarethe!«

»Ach, Liebchen, was bist du bloß so prüde.«

Sie lachte schon wieder, und Anne war sicher, sie lachte sie aus.

»Ich dachte, die Briten wären letztes Jahr endgültig abgezogen.«

Sie erinnerte sich an einige Zeitungsberichte, in denen auch gestanden hatte, wie froh viele Lüneburger waren, dass sie endlich ihre beschlagnahmten Wohnungen zurückbekamen. Mehr als ein Dutzend Jahre hatten die Angehörigen der britischen Streitkräfte zum täglichen Stadtbild gehört. Erst jetzt fiel ihr auf, dass sie schon lange keinen dieser Soldaten mehr gesehen hatte.

»Die meisten«, erwiderte ihre Schwiegermutter. »Aber nicht alle. Einige, wie mein Kilian, haben noch letzte Aufgaben zu erledigen. Aber bald ist er weg.« Sie seufzte schwer.

»Und … wirst du mit ihm gehen?«

Margarethe hob die Brauen. »Nach Schottland? Warum sollte ich?«

»Hat er … dir denn keinen Antrag gemacht?«

Die nächste Lachsalve dauerte eine kleine Ewigkeit. Endlich beruhigte sich Margarethe, holte ein paarmal tief Luft und erklärte dann: »Kilian Drummond ist ein schneidiger Major, ein großzügiger Mann und ein fantasievoller Liebhaber. Aber ich werde ihn nicht heiraten.«

»Warum nicht?«

»Er ist bereits verheiratet.«

Vor Schreck hätte Anne fast ihre Kaffeetasse fallen lassen. Mit lautem Klappern stellte sie sie auf die Untertasse zurück.

»Willst du mir sagen, du … du bist eine Ehebrecherin?«

»Unsinn. Ich breche keine Ehe. Kilian wird sich niemals scheiden lassen. Ich schenke einem heimwehkranken Soldaten in der Fremde bloß ein bisschen Wärme. Daran ist nichts Verwerfliches.«

Anne wusste nicht mehr, was sie denken sollte. Ihre Schwiegermutter war schon immer ein Freigeist gewesen, eine Frau, die sich in den Zwanzigerjahren ein eigenes Geschäft aufgebaut hatte und niemals bloß Ehefrau und Mutter gewesen war. Aber das hier übertraf alles. Sie gab sich dennoch Mühe, ihre Gefühle zu verbergen. Vergeblich.

»Du bist schockiert, Anne, das sehe ich dir an. Aber du solltest nicht über mich urteilen. Du weißt ja nicht, was wahre Einsamkeit ist.«

Doch, hätte sie am liebsten geantwortet. Das weiß ich sehr wohl. Ich bin einsam an der Seite meines Mannes.

Aber sie schwieg erneut, aß langsam ihr Frühstück und nickte nur, als Margarethe sie bat, über ihren Schotten Stillschweigen zu bewahren.

»Wunderbar.« Ihre Schwiegermutter langte über den Tisch und legte ihre mollige Hand auf Annes.

»Möchtest du mit den Kindern zum Mittagessen kommen? Ich habe ein paar Dosen Ravioli da.«

Anne bemühte sich, nicht erneut die Stirn zu runzeln. Margarethe liebte dieses neue, schnell gemachte Gericht. Angeblich entführte es sie für zehn Minuten nach Italien. Anne fand den süßlichen Geschmack grässlich. Sie hatte einmal davon probiert – nie wieder!

»Nein, danke«, sagte sie höflich. »Ich habe einen Schweinebraten im Ofen. Und ich muss jetzt auch mal zurück und die Temperatur aufdrehen.«

»Schweinebraten. Wie langweilig. Wahrscheinlich mit Salzkartoffeln und Rotkohl?«

»Sauerkraut«, erwiderte Anne pikiert. Auch in kulinarischen Angelegenheiten war sie in den Augen ihrer Schwiegermutter hoffnungslos rückständig. Aber Benno liebte seinen Sonntagsbraten, und sie hoffte, er würde rechtzeitig zum Mittagessen zu Hause sein.

»Und sag den Kindern nichts von deinen Ravioli«, bat sie ihre Schwiegermutter. »Wenn sie nach dem Gottesdienst noch hier vorbeikommen, schick sie direkt nach Hause. Sie sollen sich nicht den Appetit verderben.«

»Zu Befehl.« Margarethe tippte sich mit zwei Fingern an die Schläfe und tat, als würde sie unter dem Tisch die Hacken zusammenschlagen.

Aber als Anne schon aufstehen wollte, fügte sie schnell hinzu: »Jetzt haben wir noch nicht über Heinrich und Luise geredet.«

Anne spürte ein unangenehmes Kribbeln im Rücken. Sie sprach oft mit Margarethe über ihre Eltern, die so anders waren, so verbittert und dem Leben abgewandt. Doch heute wollte sie sich keine Gedanken über sie machen. Sie fand, sie hatte genug mit ihrer eigenen Familie zu tun.

»Vielleicht ein andermal.«

»Nein. Es ist wichtig.«

Verschwunden war die lebenslustige und skandalöse Margarethe. Plötzlich war sie nur noch die energische und tapfere Frau, die einst das verlorene Mädchen Anne unter ihre Fittiche genommen hatte.

»Es geht um deinen Bruder.«

Anne sank auf ihren Stuhl zurück.

3. Kapitel

Na los, alter Junge! Jetzt freu dich mal ein bisschen!« Karl schlug ihm kräftig auf die linke Schulter. »Wir haben es geschafft! Das müssen wir feiern!«

Benno zuckte unter dem Schlag zusammen. Dann rieb er sich die Schulter. Karl hatte ihn genau an der Stelle getroffen, wo ihm vor sechzehn Jahren eine russische Kugel in den Knochen gefahren war. Bei Erschütterungen oder wenn es im Winter besonders kalt wurde, schmerzte die alte Verletzung noch immer.

»Ach, verdammt!«, fluchte Karl. »Entschuldigung. Hab’s vergessen.«

Benno glaubte ihm nicht. Vielmehr dachte er manchmal, dass sein alter Schulfreund mit voller Absicht auf die empfindliche Stelle zielte. Aber das bildete er sich womöglich nur ein. Karl konnte schwierig sein und neigte zum Jähzorn, aber er war nicht bösartig. Sie kannten sich schließlich seit der ersten Klasse, und sie hatten viele Jahre lang zusammengehalten.

Allerdings konnte Benno es nicht ausstehen »alter Junge« genannt zu werden. Er fühlte sich dann wie ein Ackergaul, der seine besten Jahre hinter sich hatte. Doch je öfter er sich dagegen verwehrte, desto häufiger bekam er genau das zu hören. Also sagte er diesmal nichts und schluckte seinen Ärger hinunter. Es war sinnlos, sich ausgerechnet heute mit Karl anzulegen.

»Lass uns reingehen«, schlug er vor, zog einen nagelneuen Schlüssel aus der Hosentasche, steckte ihn ins Schloss der großen Glastür und zog sie auf.

Karls Gesichtsausdruck verfinsterte sich. »Eine automatische Schiebetür wäre eleganter gewesen«, maulte er. »Dann wären die Kunden schon beim Eintreten beeindruckt.«

»Du weißt genau, dass so ein Schnickschnack viel zu teuer gekommen wäre«, gab Benno zurück.

»Du nennst es Schnickschnack. Ich nenne es eine wichtige Investition in die Zukunft. Ich bin nämlich ein Visionär, alter Junge. Du hingegen bist und bleibst ein braver Tischlermeister.«

Benno verschränkte die Finger ineinander und ließ die Gelenke knacken. Eine dumme Angewohnheit, die Anne hasste. Doch Anne war nicht hier.

»Fang nicht wieder davon an«, mahnte er.

Karl jedoch kam jetzt erst so richtig in Fahrt. Mit großer Geste zeigte er in den Ausstellungsraum, wo sich schlichte, praktische Möbel auf grünem Linoleum aneinanderreihten. Kommoden, Nachttische, Schränke, Esstische, Stühle – alles für den schmalen Geldbeutel erschwinglich.

»Du denkst zu klein«, beschwerte er sich. »Deshalb hast du ja auch auf dieser Bruchbude bestanden.«

Benno erwiderte nichts. Sie hatten dieses Gespräch schon zu oft geführt. Der schlichte, grauweiß verputzte Bau aus der Nachkriegszeit war tatsächlich wenig beeindruckend, aber keineswegs eine Bruchbude, sondern absolut solide. Er stand östlich der Ilmenau an der Dahlenburger Landstraße, nur ein paar Minuten Fußweg vom Bahnhof entfernt.

Für Benno war dies der perfekte Ort für ein neues Geschäft, denn die Kunden würden leicht mit dem Bus hierherkommen können. Außerdem war die Miete erschwinglich. Karl hingegen hatte für ein mindestens dreimal so großes Gebäude irgendwo vor den Toren der Stadt plädiert. Es hätte natürlich erst einmal nach seinen Vorstellungen gebaut werden müssen. Und vor dem Eingang wäre ein riesiger Parkplatz angelegt worden, denn in näherer Zukunft würde jede Familie über ein eigenes Auto verfügen. Darauf ging er jede Wette ein.

An dem Punkt war Benno jedes Mal in grölendes Gelächter ausgebrochen.

»Das hier«, sagte Karl nun großspurig, »ist ein fauler Kompromiss, das weißt du genauso gut wie ich. Und ich habe bloß nachgegeben, damit dein geiziges Handwerkerherz vor Schreck nicht stehen bleibt. Wenn es nach mir gegangen wäre, hätten wir gleich richtig groß angefangen. Dann wäre die Eröffnung des Möbelhauses KARBEN nächsten Samstag ein Ereignis, zu dem sogar Oberbürgermeister Hilmer höchstpersönlich kommen würde.«

 

Den Namen für ihr Geschäft hatten sie auf Karls Idee hin aus ihren beiden Vornamen zusammengesetzt. Ausnahmsweise hatte Benno gegen diesen Vorschlag nichts einzuwenden gehabt. Ihm war ohnehin kein besserer Name eingefallen.

Nun stieß Karl eine Art Schnauben aus. »Und vielleicht hätte es sogar für einen Bericht in der Landeszeitung gereicht. Stell dir das mal vor. Karl T. Steiner und Benno C. Jensen auf der Titelseite. ›Zwei Lüneburger, die es geschafft haben‹. Oder so ähnlich.«

»Seit wann hast du denn ein T. in deinem Namen?«

»Ist neu.« Karl grinste breit. »Klingt vornehmer, findest du nicht? Du hast ja deinen Caspar. Da wollte ich nicht hintanstehen.«

Wie alle männlichen Nachkommen seines Ahnherrn Caspar Jensen trug tatsächlich auch Benno diesen Vornamen.

»Aha. Und wofür steht es? Theo? Thomas?«

»Quatsch, für gar nichts. Ist bloß Staffage.«

Benno verzichtete darauf nachzufragen, was das letzte Wort bedeuten sollte. Karl warf gern mit fremden Ausdrücken um sich, die er nicht verstand.

 

Nun wurde der Freund wieder ernst. »Ein Glück, dass ich wenigstens für eine besondere Überraschung gesorgt habe. Du wirst Augen machen.«

Die letzte Bemerkung überhörte Benno. »Wenn es nach dir gegangen wäre«, erwiderte er, nun doch aufs Äußerste verstimmt, »dann hätten wir uns auf Jahrzehnte hinaus verschuldet, und zwar bei horrenden Zinsen. Und in der Zeitung stünde dann höchstens eine Meldung über unseren Konkurs.«

»Nicht, wenn du dieser kleinen unbedeutenden Hypothek auf dein Haus zugestimmt hättest, oller Miesepeter.«

»Ich habe es immer gesagt, und ich wiederhole es: Das steht nicht zur Debatte! Das Heim meiner Familie wird nicht angetastet!«

Einen Moment lang sah es so aus, als ob Karl auf ihn losgehen wollte. Er duckte sich, schob den Kopf vor, ballte die Hände zu Fäusten.

Komm nur, dachte Benno grimmig. Tragen wir es aus. Höchste Zeit dafür.

Aber da lächelte der alte Schulfreund schon wieder versöhnlich. Wahrscheinlich hatte er sich gerade noch rechtzeitig daran erinnert, dass der Tischlermeister die Muskeln und die breiten Schultern eines hart arbeitenden Mannes besaß und er selbst demzufolge einen Kampf mit ihm nur verlieren konnte.

»Lass gut sein«, sagte Karl. »Wir sind beide ein bisschen gereizt. Waren harte Monate.«

Enttäuschung flammte in Benno auf, und er wunderte sich über sich selbst. Seit er vierzehn oder fünfzehn gewesen war, hatte er sich nicht mehr geprügelt. Woher kam jetzt plötzlich dieses Verlangen, Karl eins auf die Nase zu geben?

Nachdenklich musterte er seinen Geschäftspartner von der Seite. Karl Steiner war um einiges kleiner als er, besaß dafür jedoch einen bemerkenswerten Leibesumfang zur Körpermitte hin. Als Kind war er ein mageres Kerlchen gewesen, das sich bei Benno mit billigen Geschenken und Gefälligkeiten eingeschmeichelt hatte, um von ihm vor den anderen Jungs beschützt zu werden.

Nachdem er vor einem Jahr nach langer Abwesenheit in Lüneburg wieder aufgetaucht war, hatte Benno über Karls feiste Wangen und den enormen Bauch gestaunt.

»Das gute Leben in Hamburg, alter Junge«, hatte Karl lachend erklärt. Seine ohnehin kleinen Augen verschwanden dabei fast gänzlich in seinem feisten Gesicht. »Bin Geschäftsmann, musst du wissen, und das Wirtschaftswunder kam für mich genau zur rechten Zeit.«

Welche Art von Geschäften das waren, erklärte er nie, aber Benno war beeindruckt von der Weltgewandtheit und dem sicheren Auftreten des einstigen Schulkameraden. Schnell wurde Karl ein regelmäßiger Gast bei ihm zu Hause. Anne schien ihn nicht zu mögen, aber Benno war der Meinung, er hätte das Recht, sich seine Freunde selbst auszusuchen.

Bald fing Karl an, von einer neuen Geschäftsidee zu sprechen.

»Die Leute brauchen Möbel.«

Keine Neuigkeit für Benno, der in seiner Tischlerei mit den Bestellungen kaum nachkam. Die Zeiten wurden leichter in Deutschland, die Wohnungsnot flaute langsam ab, die Leute wollten sich hübsch einrichten. Nur zu groß durften Tische, Betten und Schränke nicht sein. Noch immer lebten viele Menschen in beengten Verhältnissen.

Und so war schnell die Idee mit dem Möbelhaus geboren. Vorerst wollten sie sich auf nicht zu große und vor allem auf kombinierbare Möbel spezialisieren – Sofas, die zum Bett umgebaut werden konnten, schmale Bücherschränke, die sich durch das Öffnen einer Klappe in einen Schreibtisch verwandelten, Segeltuchstühle, die mit einem Griff zusammengefaltet wurden. Modern, leicht und farbenfroh sollten die Sachen sein – alles Dunkle und Schwere der Vergangenheit wollte man loswerden.