Ein langer Weg - Cora van Kleffens - E-Book

Ein langer Weg E-Book

Cora van Kleffens

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Beschreibung

Nur erst mal weg, weit, weit weg, dachte sie bei sich, wieder durchatmen können, alles andere wird sich schon finden. Aber ist Flucht ein Ausweg? Immerhin schafft sie für Rosa erst einmal einen Abstand. Ihre spontane Entscheidung für Mykene, für die Wiederbegegnung mit Erfahrungsräumen griechischer Mythologie, führt sie zu alten geliebten Erinnerungen zurück, die ihr die Kraft geben, das eigene Leben nicht nur zu reflektieren sondern auch mit neuem Lebensmut die Umkehr zu wagen.

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Seitenzahl: 73

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Für Oliver

Inhalt

Aufbruch

Auf Klytaimnestras Spuren

Magische Orte

Rückblicke

Traumberuf

Unbeschwerte Zeiten

Vom Glück und Leid

Frühe Spuren

Suche nach dem Ausweg

Zaghafter Neubeginn

Kompromisse

Am Ziel

Aufbruch

Wohin wollte sie eigentlich?

Rosa war früh aufgebrochen, hatte nur rasch ein paar Sachen eingepackt, die Türen langsam hinter sich zugezogen, war in ein Taxi gesprungen und zum Flughafen gefahren.

Nur erst mal weg, weit, weit weg, wieder durchatmen können, dachte sie bei sich, alles andere wird sich schon finden.

Im hell erleuchteten Flughafengebäude herrschte bereits lebhaftes Treiben. Alle Leute schienen ein festes Ziel zu haben, das sie so schnell wie möglich zu erreichen suchten. Ihre prall gefüllten Koffer hinter sich her ziehend, reihten sie sich in die langen Schlangen vor den Schaltern ein.

Sie wussten offenbar alle genau wohin die Reise gehen sollte. Aber wo lag Rosas Ziel? Hatte sie überhaupt einen Plan oder war sie einfach vor den Schwierigkeiten davongelaufen, denen sie sich nicht mehr gewachsen fühlte?

Auf den großen Anzeigetafeln der Abflughalle leuchteten hintereinander die Abflugzeiten ganz unterschiedlicher Städte auf: Rom, Paris, Kalkutta, Delhi, Bangkok usw. Jeder der Namen hatte etwas Verlockendes und forderte eine Entscheidung. Doch Rosa war unfähig, eine solche zu treffen, sie konnte nicht auswählen, sie wollte ausgewählt werden. Sie hoffte insgeheim, das Ziel möge sie aussuchen, es möge sie anspringen und sie leiten, sie aus der Verantwortung entlassen.

Und sie hatte Glück! Während sie noch unschlüssig hin und her lief, leuchtete plötzlich der Name „Athen“ auf der Anzeigetafel vor ihr auf.

Wie gebannt schaute Rosa auf das Wort „Athen“, ja, das war es, da wollte sie hin und dann weiter, weiter nach Mykene, ganz so wie vor vielen Jahren, als sie zum ersten Mal alleine aufbrach, um die Welt zu erkunden und alles noch so einfach war.

Gut zwei Stunden lagen noch vor dem Abflug, also Zeit genug, um ein Ticket zu kaufen, einen Kaffee zu trinken und eine Flasche Cognac im Duty Free Shop zu erstehen.

Für alle Fälle, dachte Rosa und vergrub die Flasche in ihrer Tasche und eilte zum Gate.

Pünktlich hob die Maschine in Frankfurt ab, ließ rasch die Stadt und die grünen Felder hinter sich, stieg höher und höher, bis über die Wolken und brachte Rosa ihrem Ziel immer näher.

In Athen angekommen, kaufte sie sich sofort eine Fahrkarte nach Nauplia.

„Sie haben Glück“, sagte eine freundliche Stimme:

„der nächste Zug fährt in drei Stunden, das schaffen Sie bequem. Machen Sie einen Verwandtenbesuch?“

„Nicht wirklich, …oder vielleicht doch“, antwortete Rosa zögerlich und lachte, „ ich erzähle es Ihnen, wenn ich zurückkomme.“

Draußen goss es in Strömen und alles drängelte und schubste, jeder wollte als erster ein Taxi ergattern, um dem Regen zu entkommen. Vornehme Zurückhaltung war hier offenbar ganz fehl am Platz.

Männer gehen da viel geschickter vor, sie sind eben Meister im Erobern, auch wenn es nur um ein Taxi geht, dachte Rosa und wartete geduldig weiter. Nach drei weiteren Fehlschlägen war es dann endlich soweit, müde und völlig durchnässt saß sie in einem Taxi, das sie geradewegs zum Bahnhof brachte.

Der zugige Bahnhof war riesengroß und sie hatte einige Mühe, den richtigen Zug zu finden. Um so größer war ihre Freude über ein fast leeres Abteil, wo sie am Fenster Platz nahm. Sorgfältig verstaute sie ihre regennassen Sachen und fühlte wie ihre Angespanntheit sich löste. Geschafft, flüsterte sie und schloss erschöpft die Augen.

Langsam verließ der Zug den Bahnhof, gewann dann rasch an Fahrt und ließ die Großstadt hinter sich. Die grauen Wohnblocks verschwanden allmählich und machten einer kargen, eintönigen Landschaft Platz. Gebannt schaute Rosa nach draußen, nein, sie träumte nicht, sie war auf dem Weg nach Mykene, an den Hof Agamemnons und der Klytaimnestra. Dorthin, wo vor langer Zeit eine Tragödie stattfand, wie sie bei sich dachte.

Allmählich wurde es dunkel und die Außenwelt entzog sich ihrem Blick, wollte nichts preisgeben, deckte alles um sie her zu. Die wenigen Menschen in ihrem Abteil sahen eher abweisend aus, betrachteten sie misstrauisch, so schien es ihr zumindest. Nur das gleichmäßige Rattern der Räder wirkte beruhigend, gab Zuversicht und Hoffnung.

Draußen tauchten jetzt nur noch ab und zu in der Ferne kleine erleuchtete Flecken am Horizont auf. Ihre Nachbarn machten sich ans mitgebrachte Essen, die Weinflasche kreiste und bald danach schliefen sie ein.

Rosa hatte ein Buch hervorgeholt in dem sie sich vergrub und begann zu lesen, was sie schon viele Male gelesen hatte. War es Zufall, dass sie gerade dieses Buch in der Eile eingepackt hatte? Rosa konnte es nicht sagen, aber es war da, begleitete sie wie eine alte Vertraute aus früheren Zeiten. Und während sie so ihrem Ziel entgegenfuhr, vermischte sich wie schon so oft ihre eigene Geschichte mit der Geschichte, die sie las zu einer neuen Geschichte, die erzählt werden wollte.

Auf Klytaimnestras Spuren

Rosa dachte daran, dass sie, seit ihr Leben schwieriger geworden und ihre Träume mehr und mehr entschwunden waren, immer häufiger Zuflucht in der Literatur gesucht hatte. Vor allem Tragödien und hier ganz besonders die griechischen hatten es ihr angetan. Die Schicksale von Medea und insbesondere von Klytaimnestra, beschäftigten sie, ließen ihr keine Ruhe. Immer wieder hatte sie die Geschichten aufs Neue gelesen, hatte ihnen einen Sinn, ihren Sinn gegeben. Teils aus Neugierde, teils aus Bewunderung für diese furchtlosen Frauen, wollte sie mehr über sie erfahren; vor allem über Klytaimnestra, die Mutige, die Frau im Schatten des mächtigen Agamemnon, die mit aller Kraft versuchte, dem Schicksal eine eigene Wendung zu geben, ihr Leben selbst zu bestimmen, wohl wissend, dass ihr Aufbegehren seinen Preis haben würde. Ihre Entschlossenheit und ganz besonders ihre Stärke und ihr Selbstvertrauen faszinierten Rosa, gaben ihr Mut. Wie gerne wäre sie für Klytaimnestra eine Freundin, eine zuverlässige Vertraute gewesen. Hätte sich ihrer Sache angenommen, ihr mit Rat und Tat zur Seite gestanden, sie unterstützt in ihrem mutigen aber aussichtslosen Kampf. Denn Freunde hatte Klytaimnestra keine, selbst ihre Kinder wandten sich von ihr ab. Nur ihr Liebhaber, zu dem sie Vertrauen fasste und an dessen Seite sie sich ein glücklicheres Leben erhofft hatte, hielt zu ihr.

Rosa vertiefte sich ganz in ihr Buch und versenkte sich wieder in die Lebensgeschichte dieser mythischen Gestalt, blätterte in diesem erzählten Leben. Sie suchte nach der Geschichte hinter der Geschichte, diese galt es ans Licht zu holen, wollte man verstehen, warum sich alles so zugetragen hatte, wie es von jeher erzählt wird. Ihr ganzes Interesse galt somit den Umständen, die die Tat begünstigt und letztlich möglich gemacht hatten. Diese wiederum, davon war Rosa überzeugt, waren allein in der Lebensgeschichte dieser ungewöhnlichen Frau zu finden. Es schien ihr, als läge dort nicht nur der Schlüssel zu Klytaimnestra sondern auch zu ihrem eigenen Selbstverständnis verborgen.

Klytaimnestra, die Rasende, die den Verstand verlor, außer sich war, als sie erkannte, dass der Versuch, das Glück auf ihre Seite zu ziehen, gescheitert war und sich keinen Rat mehr wußte, wurde in Rosas Augen zu Unrecht von allen verdammt. Sie begriff die mörderische Tat als Ausdruck grenzenloser Verzweiflung. Daran wollte sie festhalten, das war ihr wichtig und dafür suchte sie Beweise, galt es doch Klytaimnestras Geschichte neu zu erzählen.

Klytaimnestra war für Rosa eine starke und mutige Frau, die im Gegensatz zu Helena, ihrer schönen Schwester von einem Leben ohne Helden, ohne Opfer, ohne Sieger und ohne Besiegte träumte und mitgerissen wurde von den Möglichkeiten, die sich aus diesen Träumen ergaben.

Und insgeheim erhoffte sich Rosa auch eine Lösung für die Fragen, die ihr eigenes Leben betrafen:

Wann und wodurch endet eine Liebe, schwindet das Vertrauen und der Respekt vor dem anderen und welche Auswirkungen hat dies auf die eigenen Person?

Um hier eine Antwort zu finden, schlüpfte Rosa in die Rolle der Klytaimnestra, drang tief in deren Leben ein, zurück zu den entscheidenden, alles verändernden Begebenheiten; zu den vielen Enttäuschungen und Demütigungen, die diese erfahren hatte, seit des Helden Blick auf sie gefallen war, damals im fernen Sparta - sie war zu diesem Zeitpunkt bereits verheiratet, war Mutter eines Sohnes, als der Held sie begehrte und mit sich nahm, nicht ohne zuvor Mann und Kind zu erschlagen - bis hin zu dem Tag als Agamemnon, ihr Gatte, bereit war, ihre erstgeborene Tochter zu opfern, damit die Götter ihm und seiner Flotte günstige Winde schicken sollten, die sie so dringend benötigten, um ein Unrecht wiedergutzumachen.

Das Unrecht hieß Helena und war Klytaimnestras schöne Schwester, die Paris, der Sohn des Königs Priamos nach Troja entführt hatte, weit weg von Menelaos, dem ältlichen König von Sparta, ihrem Mann.

Rosa verstand Klytaimnestras Empörung über die Götter, die, anstelle zu strafen, das Opfer wohlwollend annahmen und die ersehnten Winde schickten. Auch ihre Enttäuschung über die Bewohner der Stadt, die über das Unrecht hinwegsahen, es tolerierten, ja, es sogar für gut und richtig hielten, konnte Rosa gut verstehen.