Ein Leben in vier Welten - Frank Brachvogel - E-Book

Ein Leben in vier Welten E-Book

Frank Brachvogel

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Beschreibung

Albert bricht plötzlich zusammen. Er wacht benommen in seiner Wohnung in Kanada auf und kann sich nicht bewegen. Nur nach und nach dämmert es dem 90-Jährigen, was geschehen ist. Während er auf Hilfe hofft, erinnert er sich an sein Leben. Er wächst an der deutschen Ostsee auf. Gleich nach seinem 14. Geburtstag kommandieren ihn die Nazis an einen fremden Ort ab. Albert wirkt ab Januar 1945 am Bau einer neuen Wunderwaffe mit. Nach Kriegsende beginnt er, seinen Weg in der neu gegründeten DDR zu machen. Doch mehrere einschneidende Erlebnisse verändern sein ganzes Leben. Er begibt sich auf eine spannende Suche. Während all dieser Erinnerungen kommt in ihm eine grundlegende Frage zu Leben und Tod hoch. Wie wird Albert sich entscheiden? Spannung, Dramatik, Historie und Abenteuer - gekonnt vereint im Debütroman von Autor Frank Brachvogel. 'Ein Leben in vier Welten' beruht auf einer wahren Begebenheit. Das Buch verbindet deutsche Geschichte mit einer persönlichen Lebensgeschichte, die fesselnd und bewegend zugleich ist. 'Ein Leben in vier Welten' ist ein biografischer Roman, der in der Zeit zwischen 1939 und 2022 spielt. Im Mittelpunkt steht Albert Pawlak, der auf sein Leben in Deutschland und Kanada zurückblickt. Es beginnt eine spannende Reise durch die Geschichte, die von persönlichen Erlebnissen und Schicksalsschlägen geprägt ist. Historische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg, die Nachkriegszeit im geteilten Deutschland, die Flucht in den Westen, die Auswanderungswelle nach Nordamerika und die deutsche Wiedervereinigung werden in diesem Roman lebendig. Gleichzeitig wirft das Buch mit einer faszinierenden Lebensgeschichte Fragen auf, die heute wieder aktuell sind. Dabei geht es um Themen wie blinder Gehorsam, Liebe, Zwangsarbeit, Kriegsverbrechen, Schuld, Resilienz, Anderssein, Toleranz, Fremdenfeindlichkeit, Auswanderung und würdevolles Sterben.

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Seitenzahl: 315

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Für Garth

Inhalt

Das Buch

Vorbemerkungen

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Nachwort

Der Autor

Weiterführende Informationen

Danksagung

Trigger-Warnung

Das Buch

Ein Leben in vier Welten« ist ein biografischer Roman, der in der Zeit zwischen 1939 und 2022 spielt. Im Mittelpunkt steht Albert Pawlak, der auf sein Leben in Deutschland und Kanada zurückblickt. Es beginnt eine spannende Reise durch die Geschichte, die von persönlichen Erlebnissen und Schicksalsschlägen geprägt ist.

Historische Ereignisse wie der Zweite Weltkrieg, die Nachkriegszeit im geteilten Deutschland, die Flucht in den Westen, die Auswanderungswelle nach Nordamerika und die deutsche Wiedervereinigung werden in diesem Roman lebendig. Gleichzeitig wirft das Buch mit einer faszinierenden Lebensgeschichte Fragen auf, die heute aktueller denn je sind. Dabei geht es um Themen wie blinder Gehorsam, Liebe, Zwangsarbeit, Kriegsverbrechen, Schuld, Resilienz, Anderssein, Toleranz, Fremdenfeindlichkeit, Auswanderung und würdevolles Sterben.

Vorbemerkungen

Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Namen und Aussehen von Personen, Ortsnamen, Zeitabläufe sowie Handlungen wurden geändert oder weggelassen. Orte, Gegebenheiten, Personen, Dialoge, Handlungen und Zeitabläufe wurden aus Gründen der besseren Darstellung und Dramatisierung frei erfunden hinzugefügt. Ähnlichkeiten mit lebenden Personen sind unbeabsichtigt und rein zufällig.

Trigger-Warnung: Dieses Buch enthält Schilderungen, die triggern können. Weitere Informationen dazu finden Sie auf der letzten Seite.

»Lebe so, als müsstest du sofort Abschied vom Leben nehmen, als sei die Zeit, die dir geblieben ist, ein unerwartetes Geschenk.«

Marc Aurel, römischer Kaiser und Philosoph (121-180)

Kapitel 1

Ich sacke plötzlich zusammen und spüre einen dumpfen Aufprall. Ein Schmerz durchfährt meinen unteren Rücken und die Beine. Es ist, als wenn ein Schwert mit seiner langen Scheide langsam in mich eindringt. Ich kneife die Augen zusammen und schreie kurz auf. Gleich danach schnappe ich nach Luft. Ich fühle Schweißtropfen auf meiner Stirn. Sie sind kalt. Dieser stechende, höllische Schmerz. Ich stöhne und krümme mich zusammen. Und wieder so ein Stich. Der Schmerz wird kurz noch stärker.

Ich versuche, nur dazuliegen und mich nicht zu bewegen. Besser. Ich konzentriere mich darauf, ruhig zu atmen. Vorsichtig einatmen. Und ausatmen. Das Stechen lässt ein bisschen nach.

Was war passiert? Es ist dunkel. Ach ja, ich habe die Augen immer noch geschlossen. Durch mein Augenlid erahne ich einen hellen Schimmer. Ich liege auf dem Boden. Das wird mir langsam bewusst. Ich spüre den Teppich unter mir. Erst jetzt öffne ich meine Augen. Besser gesagt, ich versuche es.

Das rechte Auge ist jetzt offen. Richtig, ich bin im Schlafzimmer. Jedoch kann ich das linke Auge nicht öffnen. Ich liege mit der linken Gesichtshälfte platt auf dem Boden. Ich traue mich nicht, meinen Kopf auch nur einen Millimeter zu drehen. Ich will diesen schneidenden Schmerz nicht noch einmal spüren.

Ich sehe mit meinem rechten Auge schwarze Rollen zu meiner Rechten. Fünf Rollen, die von glänzendem Chrom gehalten werden. Darüber thronen ein Sitz und eine Lehne aus schwarzem, mattem Leder. Mein Bürostuhl. Das ist eine völlig andere Perspektive von hier unten. Er ist 50 oder 60 Zentimeter entfernt. Wenn ich den Stuhl nur greifen könnte! Ich würde ihn zu mir hinziehen. Dann wäre ich in der Lage, mich an der Seitenlehne hochzuziehen und mich vorsichtig hinzusetzen.

Ich vergesse für einen Moment meine Situation und versuche, mich mehr auf meine linke Seite zu drehen. Ich verkrampfe mich schlagartig. Wieder jagt dieser stechende Schmerz durch meinen unteren Rücken und meine Beine. Ich schreie auf, hole tief Luft und versuche, meine Muskeln erneut zu entspannen.

Also erst mal besser nicht bewegen. Ich atme ein paarmal tief durch. Was war verdammt nochmal geschehen? Ich denke angestrengt nach, um mich zu erinnern. Ich sehe dabei mit meinem rechten Auge hoch zum Schreibtisch, der direkt vor dem Bürostuhl steht. Ich muss blinzeln, da das Licht der Schreibtischlampe genau auf mein Gesicht fällt. Richtig! Jetzt fällt es mir wieder ein.

Ich hatte am Schreibtisch vor meinem Computer gesessen. Die Lampe musste ich anschalten, da es einer dieser dunklen Regentage war. Auf die Idee war aber nicht ich selbst gekommen. Meine Schwester beschwerte sich gleich am Anfang unseres Videogesprächs per Skype, dass sie mich nicht richtig sehen könne.

»Ist es so besser?«, fragte ich.

»Viel besser. Oder dachtest du etwa, dass die Augen einer 85-Jährigen nicht mehr mitmachen und es mir mittlerweile egal ist, wie du aussiehst? Das Problem sind nicht meine Augen, sondern deine. Gib es ruhig zu«, entgegnete sie.

»Immerhin reicht es, dich im Halbdunkeln zu erkennen. Und das mit fast 91 Jahren. ICH muss ja nicht überall das Licht anmachen, um zu sehen, wo ich bin. Was das kostet! Kein Wunder, dass deine Stromrechnung immer so hoch ist. Das wird dich noch ruinieren.«

Maria schaute mich ernst an. Dann prusteten wir los und lachten. Es war eines unserer Rituale. Das war schon so, bevor ich von zu Hause weggegangen war. Wir neckten uns und lachten dann zusammen darüber, was wir uns gegenseitig an den Kopf geworfen hatten. Aber es war nie böse gemeint. Es war immer etwas Wahres dran – gepaart mit Humor und Liebe.

Maria und ich hatten noch länger miteinander gesprochen. Wie üblich berichtete sie zuerst von ihrem Tag. Besser gesagt, sie berichtete vom Tag, den sie und ihr Mann Willi erlebt hatten. Beide waren noch recht fit für ihr Alter. Sie gingen jeden Tag nach dem Mittagessen am Meer spazieren. Sie versuchte mir zu beschreiben, welche Farbe der Himmel hatte, wie die Luft schmeckte, wie glatt oder wellig die Ostsee war, welche Formen die Wolken hatten und wie stark oder schwach der Wind war.

Maria ging dann in ihren Tagesberichten auf die Neuigkeiten aus meiner Heimatstadt ein. Durch die Pandemie waren die meisten Touristen weggeblieben. Zahlreiche Restaurants und Geschäfte hatten schließen müssen. Viele verloren ihre Arbeit. Niemand wusste, ob und wann es wieder besser werden würde.

Die Auswirkungen waren in einer ländlichen Region natürlich deutlich anders als hier in der Großstadt zu spüren. Wir tauschten fast täglich die neuen Zahlen aus.

Wie stark waren die Krankenhäuser ausgelastet? Wie viele Betten waren noch auf den Intensivstationen frei? Gingen die Infektionszahlen insgesamt runter oder wieder hoch?

Nach fast zwei Jahren Coronapandemie wurden wir des Themas allerdings langsam überdrüssig. So sprachen wir lieber über unsere Nichten und Neffen. Sie standen schon seit einigen Jahren im Mittelpunkt unserer Familiengespräche. Nachdem unsere Eltern und fünf Geschwister gestorben waren, gab es diesbezüglich leider nicht viel mehr als den Zustand unseres Familiengrabs zu besprechen.

Schließlich stellte Maria wie gewohnt ihre eigentlich letzte Frage: »Und, wie geht es dir so?«

Ich beschrieb auch dieses Mal, wie hier das Meer aussah. Ich erzählte ihr von den Telefonaten mit meinen wenigen Freunden, die noch übrig waren, den Gesprächen mit einigen Nachbarn und von den Pflegekräften, die zweimal täglich nach mir schauten. Heute hatte ich besonders viel mitzuteilen. Sie freute sich ganz offensichtlich darüber und lächelte zufrieden, während ich erzählte.

Als ich mit meinen Ausführungen fertig war und alle ihrer Fragen beantwortet hatte, machte ich eine kleine Pause. Wir schauten uns kurz an. Denn wir beide wussten, dass nun der krönende Abschluss kam. Heute war ja nicht irgendein Tag. Ich griff zu meinem Sektglas, das ich so platziert hatte, dass sie es im Bild nicht sehen konnte, und hielt es vor die Kamera.

Ihr Mann Willi, der die ganze Zeit zugehört hatte, rückte mit ins Bild neben sie. Beide streckten nun ihre Sektgläser der Kamera entgegen: »Mein lieber Bruder, wir wünschen dir frohe Weihnachten und vor allem, dass du noch lange gesund bleibst.«

Ich bemerkte eine leichte Rührung in ihrer Stimme.

»Frohe Weihnachten, Maria und Willi. Das wünsche ich euch auch. Von ganzem Herzen.«

Dann prosteten wir uns zu und tranken einen Schluck Sekt. Ich lächelte Maria an. Sie machte einen Kussmund und fing an zu winken. Willi sagte: »Pass gut auf dich auf, Schwager.«

Ich stellte das Glas auf den Tisch.

»Euch noch einen schönen Heiligabend. Wir sprechen uns morgen wieder. Pünktlich um 20 Uhr.«

Maria erwiderte: »Pünktlich um 20 Uhr. Wie immer. Bis dann!«

Ich beendete die Verbindung.

Ach Maria, wenn du wüsstest. Nun liege ich hier am Boden. Ich spüre, wie eine Träne meine rechte Wange hinunterläuft. Ich fühle den Veloursteppich an meiner linken Wange. Er ist so weich.

Das Gefühl erinnert mich an den Teppich, den wir damals zu Hause in unserer Wohnstube hatten. Er war aus Wollfasern. Darauf hatten wir immer gespielt. Mit Holzklötzen oder Wäscheklammern. Ich konnte mich so stundenlang beschäftigen. Wenn ich müde wurde, hatte ich mich einfach auf dem Teppich eingerollt und mein Gesicht in die Fasern gekuschelt. Kissen für die Wohnstube zusätzlich zu den Kopfkissen, die wir in unseren Betten hatten und die mit Stroh gefüllt waren, konnte sich unsere Familie nicht leisten.

Der Sommer 1939 war besonders heiß. Als ich von der Schule nach Hause kam, hatte ich draußen mit den Nachbarskindern herumgetobt. Irgendwann war ich fix und fertig, ging die knarrende Holztreppe hinauf in die erste Etage und legte ich mich in unserer Wohnstube auf den Boden. Meine rechte Gesichtshälfte ruhte auf dem dunkelroten Teppich. Hier war es ein bisschen kühler. Ein leichter Luftzug wehte durch unsere Wohnung und streifte wie ein Seidentuch über meinen Körper.

Mutter stand am offenen Fenster, um ab und zu einen Windhauch zu erhaschen. Sie schälte Kartoffeln über dem Küchentisch. Sie trug wie immer ihre geblümte Kittelschürze und ihre Sommerfrisur. Ihre dichten, schwarzen Haare waren kunstvoll zu einem Dutt geflochten und hochgesteckt.

»Schau! Komm her, Albert!«, rief meine Mutter plötzlich aufgeregt. »Komm hierher ans Fenster!«

Im selben Moment hörte ich eine Menge Schritte, die näher kamen. Ich sprang vom Boden auf und lief zu meiner Mutter. Gemeinsam schauten wir aus dem Fenster hinunter auf die Straße.

Eine Gruppe Männer marschierte im Gleichschritt und kam rasch näher. Einige der Männer kannte ich. Sie waren Nachbarn aus unserem kleinen Ort. Ich konnte die Abzeichen auf ihren braunen Uniformen von hier oben gut erkennen. Als die Gruppe genau unter unserem Fenster war, streckten meine Mutter und ich unsere Arme in die Höhe und brüllten gemeinsam: »Heil Hitler!«

Der Anführer schaute auf, lächelte und nickte uns kurz zu. Ich war so stolz.

Kapitel 2

Ein paar Wochen später begannen die Sommerferien. Wir wohnten – nach zwei Umzügen in den letzten sieben Jahren – in einer einfachen Wohnung mit Holzofen im ersten Stock eines großen Hauses. Dies bestand eigentlich aus drei Teilen. Es gab das Haupthaus in der Mitte und zwei Nebenhäuser, die rechts und links direkt neben dem zentralen Gebäude standen. Durch die U-Form hatten wir einen geschützten Garten und großen Hof. Auf dem spielten wir, die 21 Kinder der sieben Familien, die in dem Gebäudekomplex wohnten, regelmäßig.

Wir hatten eine Wohnstube, in der auch die Küche war, ein Schlafzimmer für die Eltern und die drei Jüngsten sowie ein Zimmer für die vier älteren Geschwister. Die Toilette war ein Donnerbalken mit drei einfachen Holzkabinen draußen auf dem Innenhof.

Unsere Mutter kümmerte sich um alles zu Hause: Sieben Kinder, Mann, Essen, Wäsche und Saubermachen. Vater arbeitete für den nahe gelegenen Bauernhof. Er lud mehrfach am Tag Holzkisten mit frischen Kartoffeln und Gemüse auf den Transporter und lieferte die Ware aus. Er war viel unterwegs. Von morgens bis abends. Nur sonntags hatte er frei.

Manchmal durfte ich mitfahren. Mein Zwillingsbruder Emil hatte Mitfahrverbot. Irgendetwas war wohl vorgefallen, dass Vater ihm untersagte, mit ihm im Transporter zu fahren. Ich hatte keinen Schimmer, was es war. Vermutlich war es meine Geduld, die er schätzte, wenn er beim Ausladen mal wieder länger brauchte. Die Empfänger waren Kaufmannsläden, Betriebe, Händler des Wochenmarkts, Hotels und Pensionen. Nicht selten dauerte es eine halbe Ewigkeit, bis er zurückkam. Mir war aufgefallen, dass er besonders lange bei der Belieferung einer kleinen Pension in der Ortsmitte brauchte. Diese gehörte einer jungen, alleinstehenden Frau. Verschwitzt und mit rotem Kopf stieg Vater dann in den Transporter.

»Haste der Frau wieder beim Sortieren der Kisten geholfen? Das ist ja eigentlich nicht deine Aufgabe«, sagte ich.

»Ja, ich weiß. Aber sie ist so nett und muss alles ganz allein erledigen. Da helfe ich gerne«, entgegnete Vater und startete den Wagen.

Unser kleiner, direkt an der Ostsee gelegene Ort zog während der Sommermonate viele Urlauber an. Sie schätzten besonders die Abgeschiedenheit und die Ruhe. Die Anreise der Gäste konnte ein einträgliches Geschäft während der Ferien sein. Ich kannte den Zugfahrplan ganz genau. Ich wusste, wann die Züge aus den großen Städten im Westen und Süden am Nachmittag und Abend an unserem kleinen Bahnhof ankamen. Die großen Anreisetage waren Freitag, Samstag und Sonntag.

Emil und ich warteten dann am Gleis, wenn der Zug einrollte. Sobald die Türen geöffnet wurden, riefen wir lauthals »Kofferträger, wer braucht Kofferträger?« Das funktionierte fast immer. Und nicht nur ältere, gebrechliche Damen und Herren nahmen unsere Dienste gerne an. Auch die jüngeren Wohlhabenden mit ihren eleganten Hüten, Anzügen und Kleidern waren gute Kunden. Emil und ich schleppten die Koffer dann vom Bahnhofsgebäude in das Hotel oder die Pension, die die Reisenden buchen wollten. Wenn wir Glück hatten, war die Einrichtung ausgebucht und wir mussten die Koffer zur nächsten Übernachtungsmöglichkeit tragen. Das erhöhte das Trinkgeld.

So verdienten wir im Sommer manchen Groschen zusätzlich für die Familie. Wir gaben jeden einzelnen Pfennig zu Hause ab. Natürlich hätten wir uns gerne mal eine Kugel Eis beim Bäcker gekauft. Daran dachten wir beide manchmal. Aber wir wussten, dass Mutter das Geld dringend für den Winter brauchte, wenn die Auswahl an Gemüse sank und die Preise stiegen. Und daher untersagten wir uns selbst die Kugel Eis.

Einmal pro Woche trafen wir uns auf Einladung des Jungvolkführers mit allen Mitgliedern des DJ aus dem Ort. Niemand sagte Deutsches Jungvolk, sondern einfach DJ. Darin waren alle Burschen zwischen zehn und 14 Jahren organisiert. Eigentlich war ich noch zu jung für die DJ. Aber der Jungvolkführer nahm mich und einige andere Jungen in meinem Alter jeden Samstag für die Wertstoffsammlung mit dazu. Er meinte, das sei eine gute Vorbereitung für uns.

Wir schnappten uns den Handwagen und folgten ihm und den anderen im Gleichschritt. Dann zogen wir durch die Straßen, um Dinge, die die Leute nicht mehr brauchten, aber noch wertvoll waren, einzusammeln. Dazu sangen wir lauthals »Lumpen, Knochen, Eisen und Papier, ausgeschlagene Zähne sammeln wir«.

Viele Menschen kamen dann aus den Häusern und Geschäften gelaufen und gaben uns etwas. Andere schauten uns nur irritiert an oder vermieden sogar Augenkontakt mit uns. Wir fanden das lustig und sangen umso lauter.

An einem sonnigen Tag waren mein Zwillingsbruder Emil und ich in den Wald nicht weit von unserem Ort gegangen. Dort gab es gute Möglichkeiten zum Versteck spielen. Zahlreiche große Hügel durchzogen das Dickicht des Waldes mit Nadelbäumen. Hier und da ragten ein paar große Steinbrocken aus dem Erdboden heraus. Mutter hatte uns erzählt, dass dies Großsteingräber für Menschen aus der Steinzeit waren. Dieser Wald war also ein sehr alter Friedhof. Wir fanden das unheimlich und faszinierend zugleich. Einheimische hatten mehrfach Forscher dabei beobachtet, wie sie das Gelände untersuchten und Fotos machten.

Als wir genug vom Versteck spielen hatten, gingen wir über den Trampelpfad Richtung Ostsee. Der Boden war knochentrocken. Die herabgefallenen Nadeln der nach Wasser dürstenden Kieferbäume, die den Weg säumten, piksten beim Gehen in unsere Fußsohlen. Ich steuerte zielgerichtet auf eine Anhöhe zu, die zu meinen Lieblingsplätzen gehörte. Dort setzten wir uns im Schatten von zwei Bäumen hin und schauten aufs Meer. Bis auf die Möwen, die manchmal ihre schrillen Schreie ausstießen, war es ganz still. Tausende helle Punkte von der gleißenden Sonne tanzten mit den seichten Wellen auf der Oberfläche des Wassers. Das übte etwas sehr Beruhigendes auf mich aus.

Ich sah zu Emil herüber. Er hatte sich hingelegt, zur Seite gerollt, die Knie leicht angezogen und die Augen geschlossen. Sein brauner Teint, die blonden Haare auf dem Kopf und die kahl geschorenen Seiten bildeten einen starken Kontrast. Er sah unserem Vater, unserer ältesten Schwester Ingrid und auch unserem zweitältesten Bruder Fritz sehr ähnlich. Mein ältester Bruder Werner, unsere zweitälteste Schwester Helga und ich kamen mit unseren schwarzen Haaren und der hellen Haut eher nach unserer Mutter. Obwohl Emil nur zwei Stunden jünger war als ich, waren wir doch so verschieden. Er beobachtete viel aus der Distanz und war immer zurückhaltend. Ich hingegen stand immer im Mittelpunkt des Geschehens, war sehr neugierig und hatte eine große Klappe.

Ich schaute wieder aufs Meer und atmete tief ein. Ich stellte mir vor, auf einem großen Schiff zu sein. Wie wäre es wohl damit über das Meer zu gleiten und in weit entfernte Länder zu reisen? Wie in einem Traum hörte ich, wie mein Name gerufen wurde. Gleich darauf war es der Name meines Bruders, der die Stille durchbrach. Bildete ich mir das ein? Und wieder hörte ich meinen Namen. Doch diesmal war der Ruf näher. Ich stand auf und schaute mich um.

Emil reckte sich und blinzelte mich an. »Was ist los?«

»Ich habe keine Ahnung. Ich dachte erst, es ist ein Traum«, erwiderte ich. Und wieder erklangen unsere Namen. Es war eine weibliche Stimme.

»Hallo? Wer da? Wir sind hier!«, rief ich. Dann sah ich unsere Schwester Ingrid aus dem Wäldchen kommen. Sie rannte in unsere Richtung.

Wir standen auf und liefen ihr entgegen. »Was ist denn?«, fragte ich, als wir direkt voreinander standen.

»Kommt schnell nach Hause. Die Polizei war gerade da. Mama und Papa hatten einen Unfall mit dem Motorrad. Sie sind im Krankenhaus.«

Wir sahen uns entsetzt an.

»Wie? Was?«, stammelte Emil.

»Ich weiß nicht, was passiert ist. Wir müssen nach Hause. Sofort. Kommt!«, forderte uns Ingrid auf.

Wie von selbst fingen wir alle drei sofort an zu rennen. Wir wollten einfach so schnell wie möglich zu Hause sein.

Wir nahmen den direkten Weg und liefen neben der Hauptstraße aus Kopfsteinpflaster durch unseren Ort.

Mutter und Vater hatten einen Unfall, schoss es mir durch den Kopf. Mit dem Motorrad. Sie sind im Krankenhaus. Mich überkam ein Gefühl der Angst. Ich konnte an nichts anderes denken.

Ich schaute beim Laufen nach rechts und links, um mich abzulenken. Es war Nachmittag und die Sonne brannte auf unserer Haut. Es hielten sich nur sehr vereinzelt Menschen draußen auf. Am Ortsende angekommen, konnten wir endlich unsere kleine Siedlung, die aus fünf Häusern bestand, sehen. Wir rannten die letzten hundert Meter zu unserem Haus noch schneller. Völlig aus der Puste öffnete ich das Hoftor.

Wir gingen die zwei Treppen hinauf zu unserer Wohnung. Die Tür stand offen. Ich hörte Stimmen von drinnen.

Ich sah unseren ältesten Bruder Werner und Oma Anna beim Betreten der Wohnstube. Sie verstummten und sahen uns an.

»Hallo Kinder! Setzt euch«, sagte Oma.

Ohne ein Wort setzten wir uns auf das braune Polstersofa. Ingrid griff meine und Emils Hand.

Oma setzte sich in den Sessel und schaute uns alle nacheinander an.

»Die Polizei war hier«, begann sie. »Eure Mutter und euer Vater hatten einen Unfall mit dem Motorrad. Unten an der Weggabelung zum Bauernhof. Beide sind schwer verletzt.«

Wir sahen sie entsetzt an.

»Mehr wissen wir noch nicht.«

»Werden sie zurück nach Hause kommen«, fragte Ingrid.

Werner nickte.

»Wir gehen davon aus. Wir wissen nur nicht, wann. Wir müssen abwarten und Daumen drücken, Kinder«, sagte Oma.

»Und was ist mit uns?«, wollte ich wissen.

»Tja, das ist die gute Nachricht. Ich werde für einige Zeit bei euch bleiben, mich um den Haushalt und euch kümmern«, verkündete sie.

Wir klatschten vor Freude in die Hände, um gleich danach wieder zusammenzusinken, weil wir sofort wieder an unsere Eltern denken mussten.

»Und Mutter und Vater kommen ganz bestimmt wieder nach Hause?«, setzte ich kleinlaut nach.

»Ja, das wird schon werden. Aber sie brauchen Zeit, wieder gesund zu werden. Das kann dauern. Ich denke, morgen wissen wir mehr, wenn ich im Krankenhaus war«, antwortete sie. »So und jetzt holt Albert ein Glas selbst gemachtes Apfelmus aus dem Vorratskeller. Dann mache ich uns auf diesen Schreck hin Eierpfannkuchen zum Abendessen.«

Wir konnten unsere Freude trotz des Unfalls kaum unterdrücken. Omas Eierpfannkuchen waren die Besten! Außen knusprig und innen saftig.

Werner borgte am nächsten Morgen ein Motorrad vom Nachbarn aus. Dann brauste er mit Oma auf dem Rücksitz davon. Das Krankenhaus war ziemlich weit weg in der nächsten Stadt. Der Weg zu Fuß dorthin wäre viel zu lang gewesen.

Wir Kinder spielten am Abend jenes Tages nur im Innenhof unseres Gebäudes. Wir wollten sofort zur Stelle sein, wenn Oma und Werner zurückkamen. Von Zeit zu Zeit hörten wir ein Motorgeräusch. Ingrid, Maria, Emil und ich rannten dann schnell zur Straße, um zu sehen, ob sie zurück waren. Erst war es ein Trecker, der vorbeifuhr. Später brauste ein anderes Motorrad vorbei. Wir kehrten enttäuscht und mit banger Erwartung, was für eine Nachricht uns Oma wohl überbringen würde, in den Hof zurück.

Als wir zum dritten Mal zur Straße liefen, hielten beide direkt vorm Haus. Eine dicke Staubwolke umgab sie. Nachdem Oma mit etwas Mühe abgestiegen war, fuhr Werner weiter, um dem Nachbarn das Motorrad zurückzubringen.

Oma klopfte sich den Staub von ihrem dunklen Rock.

»Kommt, wir gehen rein. Ich brauche erst einmal ein Glas Wasser«, fügte sie hinzu und drängte sich durch uns hindurch Richtung Haustür.

Ingrid brachte Oma, die sich erschöpft in den Sessel fallen gelassen hatte, ein Glas Wasser. Hastig spülte sie das Wasser ihre trockene Kehle hinunter und leerte das Glas. Dabei verschluckte sie sich beinahe. Wir waren mucksmäuschenstill und hatten uns zu viert auf den Holzfußboden direkt vor ihren Sessel gesetzt.

Sie beugte sich leicht vor zu uns: »Ich konnte mit eurer Mutter und eurem Vater sprechen. Sie sind bei Bewusstsein und richten ihre herzlichen Grüße aus.«

Wir jauchzten vor Erleichterung und rissen die Arme in die Höhe.

»Aber, aber Kinder. Das ist noch nicht alles«, fuhr Oma in ernstem Ton fort. Wir waren sofort wieder still.

»Beide wurden noch gestern Abend operiert. Eure Mutter hat bei dem Unfall einen Bruch der rechten Hüfte erlitten. Euer Vater hat mehrere Knochenbrüche im rechten Bein. Das bedeutet, dass sie nicht so schnell zurückkommen werden und ich ein paar Wochen bei euch bleiben muss. Wir müssen dann weiterschauen, wie es beiden geht, wenn sie zurück nach Hause kommen.«

Während ich reglos auf dem Boden in meinem Schlafzimmer liege und weiter daran denke, was damals geschehen war, wird mir erneut bewusst, was für ein Fluch und Segen dieser Unfall zugleich gewesen war.

Mutters Hüfte war zwar gebrochen, aber dank der Ärzte wuchs sie wieder zusammen. Sie kam nach fast sechs Wochen Krankenhausaufenthalt mit Gehhilfen nach Hause. Es stellte sich leider heraus, dass sie zwar wieder mithilfe eines Gehstocks laufen konnte, dies jedoch immer mit Schmerzen verbunden war. Sie verbarg das vor uns Kindern viele Jahre. Wir hatten keine Ahnung und hätten ihr ganz sicher so manchen Weg die Treppe hinunter und wieder rauf erspart.

Vater hingegen hatte mehrere komplizierte Brüche im Bein, die nur schlecht verheilten. Nach vier Wochen im Krankenhaus wurde er mit Krücken entlassen. Diese brauchte er noch Monate, um nach und nach besser gehen zu können. Am Ende war sein rechtes Bein krumm und er hinkte. Er konnte jedoch zum Glück weiter beim Bauernhof arbeiten. Er war mit seiner untersetzten Figur kräftig genug, um die Kisten mit Obst und Gemüse zu verladen, den Transporter zu fahren und die Ware bei den Händlern im Ort zu verteilen. Jedoch bewahrte ihn sein Bein davor, von den Nazis rekrutiert zu werden.

Nicht einmal einen Monat nach dem Unfall meiner Eltern marschierten die Deutschen in Polen ein. Doch dass der Krieg begonnen hatte, bekamen wir in unserer abgeschiedenen Gemeinde nicht wirklich mit.

Ich atme tief ein und versuche, mich leicht zu drehen. Wieder fährt dieser höllische Schmerz durch meinen Unterkörper. Ich kann das heftige Schlagen meines Herzens nach dieser Anstrengung hören.

Schließlich spüre ich einen starken Widerstand an meiner linken Brust. Etwas Eckiges drückt dort. Erst jetzt fällt mir ein, dass ich das Telefon wie so oft in der linken Brusttasche meines Hemds habe. Leider ist dies nicht die erste Notlage, in der ich mich befinde. Ich müsste mich nur etwas zur Seite drehen, dann das Telefon greifen und 911 wählen.

Aber die Schmerzen sind bei jeder Bewegung so stark, dass ich das im Moment nicht machen kann. Also wirst du schön ruhig atmen, dich erholen und es später noch einmal versuchen, denke ich bei mir. Ich schließe wieder die Augen.

»Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln, und wenn diese Knaben mit zehn Jahren in unsere Organisation hineinkommen, und dort oft zum ersten Mal überhaupt eine frische Luft bekommen und fühlen, dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitler-Jugend, und dort behalten wir sie wieder vier Jahre. Und dann geben wir sie erst recht nicht wieder zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standeserzeuger, sondern dann nehmen wir sie sofort in die Partei, in die Arbeitsfront, in die SA oder in die SS, in das NSKK und so weiter. … und sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben!«

Adolf Hitler in einer Rede am 2. Dezember 1938 in Reichenberg

Kapitel 3

Das Jahr 1945 war ganz besonders für mich. Anfang Januar war mein 14. Geburtstag. Es war ein Sonntag. Wie sehr hatte ich mich auf diesen Tag gefreut! Ich war so aufgeregt. Denn gleich am darauffolgenden Tag bekam ich in der Schule vor der versammelten Klasse vom Rottenführer das Fahrtenmesser mit dem Totenkopf im Griff feierlich überreicht.

Endlich war ich nicht mehr im DJ, dem Deutschen Jungvolk. Jetzt war ich ein Mitglied der Hitler-Jugend. Der Rottenführer, ein schlanker, blonder Kerl von circa 17 Jahren, redete nach der kurzen Zeremonie mit Emil und mir, während die anderen Schüler aus dem Klassenzimmer strömten. »Ihr habt genug in der Schule gelernt. Der Führer und das Vaterland brauchen jetzt jeden Mann. Wir haben sehr wichtige Aufgaben für euch«, betonte er.

Einige unserer Mitschüler, die in den vergangenen Monaten wie wir 14 Jahre alt wurden, waren als Flakhelfer eingeteilt worden. Bis zum letzten Herbst waren es noch die Fünfzehnjährigen, die rekrutiert wurden. Wir wussten vom Hörensagen, dass diese Jungs weit weg in die großen Städte transportiert wurden, auf die die Flieger der Alliierten verstärkt Angriffe flogen. In nur wenigen Tagen wurden sie an der Flak ausgebildet und waren dann jeden Tag auf der Jagd nach feindlichen Bombern. Andere Jungen wurden je nach Begabung, die sie beim DJ gezeigt hatten, eingesetzt. Ich hatte neben den wöchentlichen Sammelaktionen im Ort und den Geländespielen im Wald regelmäßig an der Technikgruppe teilgenommen. Dort hatten wir mit Holz und Metall unter anderem Autos, Panzer und Schiffe nachgebaut. Wo würde ich wohl landen, fragte ich mich.

Unser ältester Bruder Werner wurde mit dem 18. Geburtstag direkt zur Wehrmacht einberufen. Das war vor dreieinhalb Jahren. Er wurde im Nahkampf ausgebildet und war nun schon seit zwei Jahren irgendwo an der Ostfront in Russland im Einsatz. Er war am Leben. Immerhin DAS wussten wir von seinen Briefen, die in unregelmäßigen Abständen zu Hause ankamen.

Unser zweitältester Bruder Fritz hatte eine Ausnahmegenehmigung erhalten. Er war dazu abgestellt worden, Vater und Mutter, die aufgrund der Unfallverletzungen beim Gehen stark eingeschränkt waren, zu Hause zu unterstützen. Er erledigte alle schweren Arbeiten: den kleinen Gemüseanbau, den wir in unserem Garten hatten, Obstpflücken von den Bäumen, Holz für den Ofen sammeln und hacken, zum Bauern gehen und Kartoffeln nach Hause schleppen. Es waren gut fünf Kilometer bis zu dem Hof, wo wir unser Gemüse seit Jahren bekamen. Der größte Teil der Strecke waren Feldwege. Es war besonders im Winter äußerst anstrengend, durch den hohen Schnee zu stapfen. Fritz hatte dann den Holzschlitten im Schlepptau, auf dem er die Gemüsesäcke transportierte.

»Kamerad, du hast in unserer Technikgruppe dein Geschick bewiesen. Daher wirst du eine Ausbildung als Metallflugzeugbauer machen und unserer Luftwaffe wertvolle Dienste leisten. Nächste Woche geht es los. Hier sind alle notwendigen Unterlagen und die Bahnfahrkarte«, erklärte der Rottenführer und drückte mir einen grauen Briefumschlag in die Hand.

Dann sprach er mit meinem Bruder Emil. Auch er bekam einen Umschlag überreicht.

»Du wirst als Flakhelfer in der Stadt ausgebildet. Viel Glück, Jungs. Sieg Heil!«, rief er, streckte den rechten Arm hoch, machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Klassenraum.

»Sieg Heil!«, entgegneten wir.

Zu Hause angekommen zeigten wir unserer Mutter den Inhalt der Briefe.

»Ich werde Metallflugzeugbauer und Emil wird Flakhelfer«, verkündete ich stolz.

Sie las die Begleitbriefe und fing an zu weinen. Dann nahm sie uns in ihre Arme und drückte uns fest für eine lange Zeit.

Eine Woche später stand ich an einer Werkbank weit weg von meinem Heimatort. Mein Zwillingsbruder und ich waren zum ersten Mal getrennt. In der riesigen Halle arbeiteten knapp 150 Männer und Frauen. Wir waren 20 Azubis: alles Jungs in meinem Alter. Die große Mehrheit waren Gesellen – Frauen, ältere Männer oder Männer mit körperlichen Einschränkungen. Sonst wären sie sicher nicht in dieser Werkshalle gewesen, sondern an der Front, dachte ich bei mir. Es gab nur einen Meister, der uns anfangs viel erklärte und zeigte, was zu tun war.

Ich war für mein Alter sehr schmal und klein. Ich kam nicht mal richtig an den Schraubstock heran, um das Metallteil einzuspannen. Er war zu hoch für mich. Ein Geselle bemerkte, wie ich mich auf Zehenspitzen abmühte, mit der eigentlichen Arbeit zu beginnen.

»Komm Junge, so wird das nichts. Wir brauchen ein Podest für dich«, sagte der Mann mit dem großen, grauen Schnurrbart. Er hinkte leicht, als er in die Mitte der Halle ging. Dort schnappte er sich eine Holzkiste von einem großen Stapel und kam damit zurück:

»So Kleener, jetzt schauen wir mal, ob das besser ist.«

Er prüfte die Kiste und versank ein paar zusätzliche Nägel, um die Ecken zu stabilisieren. Er drehte die Kiste um und stellte sie auf den Boden unter den Schraubstock. Ich stieg darauf und konnte plötzlich die komplette Werkbank überblicken.

»Vielen Dank«, strahlte ich ihn an.

»Kein Problem, Junge. Das sollte funktionieren«, meinte der Mann und ging zu seinem Arbeitsplatz zurück.

Ich begann, das Metallteil in die Werkbank einzuspannen. Die Umrisse des zu erstellenden Teils waren bereits auf das Metall aufgezeichnet. Zusätzlich bekamen wir Kopien von Zeichnungen, die das Teil sehr genau aus verschiedenen Perspektiven zeigte. Ich begann zu feilen und versuchte mir vorzustellen, wo dieses Metallstück wohl am Flugzeug zum Einsatz kommen könnte. Dieses Teil ist bestimmt für den Rumpf, mutmaßte ich.

Wir arbeiteten von Montag bis Samstag. So war sichergestellt, dass die dringend benötigten Teile so schnell wie möglich für unsere Helden der Luftwaffe produziert wurden. Der Meister erzählte uns während der Mittagspause im Vorraum stolz, dass wir Teile für ein vollkommen neues Flugzeug bauten. Es sei eine weitere Wunderwaffe des Führers, um den Krieg endgültig zu gewinnen. Die Ingenieure des Flugzeugbauers hätten den Entwurf im Auftrag der Nazis in wenigen Wochen erstellt. Nach der Auftragsvergabe im September sei das erste Flugzeug in Rekordzeit gebaut worden. Nach weniger als drei Monaten sei der Prototyp von der hiesigen Startbahn abgehoben.

»Das war im Dezember. Seitdem arbeiten wir mit Hochdruck daran, in Serie zu gehen und viele weitere Flugzeuge dieses neuen Typs zu bauen. Es ist eine einstrahlige Düsenmaschine. Sie ist leicht zu fliegen und kommt auf eine Geschwindigkeit von 850 Kilometern pro Stunde. Zwei Maschinengewehre gehören zur Ausstattung dazu. Da wird der Feind Augen machen! So etwas Kleines und Wendiges haben die noch nicht gesehen. So, und jetzt geht’s zurück an die Arbeit«, sagte Meister Fischer und lachte.

Wir packten froh gelaunt unsere Brotbüchsen und folgten ihm zurück in die Halle.

Unsere Fabrikhalle lag in der Mitte neben einem Flugplatz. Das Gelände war recht groß und unübersichtlich. Ich zählte insgesamt sieben dieser großen Hallen. Drumherum lagen unzählige kleinere Gebäude aus Stein sowie Baracken aus Holz. Zum Teil waren einige mit hohem Stacheldrahtzaun abgegrenzt. Es gab zahlreiche Wachtürme aus Holz, die sich um diese umzäunten Areale gruppierten. Auf der anderen Seite grenzte ein Wäldchen an das Gelände.

Wir Azubis waren in einem Wohnheim im nahegelegenen Ort untergebracht. Es war ein Zweckbau, der nicht weit von der Kirche, dem angeschlossenen Konvent und weiteren Wohnhäusern lag. Wir brauchten nach Feierabend rund 30 Minuten zu Fuß von der Arbeit bis ins neue Zuhause.

Es war aufregend für mich, so viele neue Menschen zu treffen. Alle Azubis waren so alt wie ich. Die weiteste Reise hatte ein rothaariger Junge gemacht. Er kam aus dem Süden und war fast einen Tag lang mit dem Zug hierhergefahren. Und alle waren vom Dorf oder aus einer kleinen Stadt so wie ich. Niemand kam aus einer der größeren Städte.

Unser Wohnheim wurde von dem älteren Ehepaar Heinz und Waltraud mit ihren drei Töchtern geführt. Sie versorgten uns mit Essen und wuschen unsere Wäsche. Wenn wir erschöpft von der Arbeit nach Hause kamen, wartete eine warme Mahlzeit auf uns. Oft war es eine Suppe mit Erbsen, Kartoffeln oder Graupen mit einer Scheibe Brot. Am Wochenende gab es auch schon mal eine Wurst oder ein Stück Speck. Das hatte ich zu Hause schon lange nicht mehr gehabt. Fleisch war rar und kostete inzwischen sehr viel Geld. Das war uns daheim beim Tauschhandel mit den Bauern aus der Umgebung einfach zu teuer geworden.

»Möchte jemand noch einen Nachschlag?«, fragte Karin in die Runde und stellte einen großen Suppentopf auf den Tisch, an dem wir saßen. Sie war die jüngste der drei Töchter.

»Ich nehme noch sehr gern etwas, bitte«, sagte ich und hielt meinen Teller hin. Ich bekam eine große Kelle Suppe. Daraufhin hielten auch alle anderen Jungs ihre Teller hin.

»Schön, dass es euch schmeckt. Das sollte heute für alle reichen«, lächelte sie und füllte die Teller der anderen.

»Wie gefällt euch die Arbeit?«, fragte sie. Niemand antwortete. Alle aßen die Suppe und schauten sie zwischendurch mit vollem Mund an.

Sie hatte lange, blonde Haare, die geflochten waren. Der dicke Zopf reichte fast bis zu ihrem Po. »Ich meine, es muss doch aufregend sein, oder? Ihr arbeitet jetzt in einer Fabrik und baut ein richtiges Flugzeug.«

Sie berührte mit ihrer Hand meine Schulter, schob mich auf meiner Bank beiseite und setzte sich zwischen uns.

»Ja, es ist aufregend und irgendwie auch nicht. Weißt du, jeder von uns arbeitet an einzelnen Teilen. Niemand hat bis jetzt das fertige Flugzeug gesehen«, entgegnete ich.

»Niemand? Ich habe es schon fliegen gesehen«, berichtete sie stolz. »Was?«, entfuhr es mir und einigen anderen. »Wann? Wo? Wie ist das möglich?«

»Jaha! Es war Anfang Dezember. Ich war gerade draußen auf dem Hof. Und auf einmal rauschte ein Flugzeug über unseren Ort hinweg. Es kam vom Fliegerhorst, drehte hier mehrere Runden, stieg in die Höhe und stürzte blitzschnell in die Tiefe. Dann verschwand es wieder Richtung Flugplatz«, berichtete sie.

»Wie sah es aus?«, fragte ich aufgeregt.

»Es war eine Mischung aus glänzendem Metall und Holz, denke ich. Mehr konnte ich aber nicht erkennen. Es war klein und sehr wendig. Ich war nicht die Einzige hier im Ort, die es gesehen hat. Frag meinen Vater. Die Leute reden über nichts anderes mehr.«

Klein, sehr wendig und rasend schnell. Das war also das Geheimprojekt, an dem ich mitarbeiten durfte, dachte ich. Nun fingen alle an, wild durcheinanderzureden und zu diskutieren. Ich hatte auf einmal so viele Fragen im Kopf.

Wann werden wir wohl das erste fertige Flugzeug sehen? Wofür wurde das Holz verbaut? Dürfen wir vielleicht mitfliegen? Wann wird die erste Serie fertig produziert sein?

Karin lächelte mich an: »Wie wäre es jetzt mit Nachtisch? Apfelkompott? Kommst du und hilfst mir in der Küche?«

Ich schrak aus meinen Gedanken hoch. »Ja, klar. Gern!«

In der Küche gab sie mir ein Tablett mit Schälchen und Löffeln. »Bring das bitte zum Tisch. Ähm, wie war nochmal dein Name?«

»Albert. Ich heiße Albert«, antwortete ich und wurde rot.

»Ich komme gleich mit dem Kompott nach, Albert«, sagte sie fast beiläufig und lächelte mich wieder an.

Nachdem ich auch das Apfelkompott verputzt hatte, überkam mich eine Schwere und Müdigkeit. Ich musste laut gähnen, als Karin gerade die Schälchen und Löffel einsammelte. Ich war der Letzte am Tisch.

»Ich muss ins Bett«, entschuldigte ich mich.

»Das ist anfangs völlig normal. Du bist das viele Stehen und schwere Arbeiten nicht gewohnt, oder?«

»Nee, das ist wirklich anders als Schule und ein bisschen zu Hause helfen«, meinte ich.

»Hier ist in der Woche abends sowieso nicht viel los. Du verpasst also nichts. Aber jeden Samstagabend treffen wir uns hier mit den Nachbarn und Arbeitern. Dann wird gefeiert und getanzt. Kommst du?«, schaute sie mich fragend an.

»Ach, Samstagabend? Das klingt toll. Klar komme ich!«

»Fein! Dann schlaf gut und bis morgen«, verabschiedete sie sich und verschwand in der Küche.

Ich ging die Treppe hinauf, wusch rasch das Gesicht und putzte mir die Zähne im Waschraum. Dann ging ich in unsere Schlafstube und verstaute meine Zahnbürste im Spind gleich neben der Tür. In der Mitte des Zimmers stand ein Tisch mit acht Stühlen drum herum. Wir hatten nur ein Fenster. An den Wänden standen vier Doppelstockbetten. Ich hörte aus einer Ecke leises Flüstern. Im Bett über mir schnarchte der Junge bereits.

Ich kroch unter meine Decke und dachte an den ersten Tag. Alles war so neu, so aufregend! Die lange Fahrt hierher, das Wohnheim, die Arbeit, das Flugzeug, Karin, das Bett. Ich schlief mit diesen Gedanken ein.

Am nächsten Morgen wurden wir durch laute Rufe geweckt.

»Aufstehen, guten Morgen. Los, aufstehen«, hallte eine männliche Stimme über den Gang.

Nach und nach kroch jeder aus dem Bett, öffnete seinen Spind, verschwand im Waschraum und kam danach zurück. Ich zog mich an und ging runter in den Speisesaal. Ungefähr die Hälfte der Azubis saß bereits am Tisch und hatte Frühstück. Ich setzte mich dazu und wurde von einem wirren »Guten Morgen« aus allen Richtungen begrüßt.