Ein Lebenstraum - Julie Burow - E-Book

Ein Lebenstraum E-Book

Julie Burow

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Beschreibung

mehrbuch-Weltliteratur! eBooks, die nie in Vergessenheit geraten sollten. "Ein Lebenstraum" beginnt wie ein klassisch-romantischer Roman: Die Helden werden idealisiert zu fehlerlosen Musterbildern des männlichen und weiblichen Geschlechts, auch die Sprache scheint einem heutigen Leser zunächst schwer verdaulich. Dann aber entfaltet sich eine komplexe Familiengeschichte, die bei aller Zuspitzung nicht unrealistisch wirkt.

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Seitenzahl: 631

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Ein Lebenstraum

Roman

von

Julie Burow

Inhaltsverzeichnis
Erster Teil.
Erstes Kapitel.
Zweites Kapitel.
Drittes Kapitel.
Viertes Kapitel.
Fünftes Kapitel.
Sechstes Kapitel.
Siebentes Kapitel.
Achtes Kapitel.
Neuntes Kapitel.
Zehntes Kapitel.
Elftes Kapitel.
Zwölftes Kapitel.
Dreizehntes Kapitel.
Vierzehntes Kapitel.
Fünfzehntes Kapitel.
Sechszehntes Kapitel.
Siebzehntes Kapitel.
Achtzehntes Kapitel.
Neunzehntes Kapitel.
Zwanzigstes Kapitel.
Einundzwanzigstes Kapitel.
Zweiundzwanzigstes Kapitel
Dreiundzwanzigstes Kapitel.
Vierundzwanzigstes Kapitel.
Fünfundzwanzigstes Kapitel.
Sechsundzwanzigstes Kapitel.
Zweiter Teil.
Siebenundzwanzigstes Kapitel.
Achtundzwanzigstes Kapitel.
Neunundzwanzigstes Kapitel.
Dreißigstes Kapitel.
Einunddreißigstes Kapitel.
Zweiunddreißigstes Kapitel.
Dreiunddreißigstes Kapitel.
Vierunddreißigstes Kapitel.
Fünfunddreißigstes Kapitel.
Sechsunddreißigstes Kapitel.
Siebenunddreißigstes Kapitel.
Achtunddreißigstes Kapitel.
Neununddreißigstes Kapitel.
Vierzigstes Kapitel.
Einundvierzigstes Kapitel
Zweiundvierzigstes Kapitel.
Dreiundvierzigstes Kapitel
Vierundvierzigstes Kapitel.
Fünfundvierzigstes Kapitel.
Dritter Teil.
Sechsundvierzigstes Kapitel.
Siebenundvierzigstes Kapitel.
Achtundvierzigstes Kapitel.
Neunundvierzigstes Kapitel.
Fünfzigstes Kapitel.
Einundfünfzigstes Kapitel
Zweiundfünfzigstes Kapitel.
Dreiundfünfzigstes Kapitel.
Vierundfünfzigstes Kapitel.
Fünfundfünfzigstes Kapitel.
Sechsundfünfzigstes Kapitel
Impressum

Erster Teil.

Erstes Kapitel.

In Tilsit war großer Ball. Der glänzendste im Jahr. Der Pferdemarkt, dies Ereignis im Leben der ostpreußischen Landbesitzer, versammelt in der Mitte des November alle in der hübschen Kreisstadt.

Viele Polen und Russen finden oder fanden sich, zur Zeit, da unsere Erzählung beginnt, dann auch dort ein. Ein reges Leben herrscht auf wenige Tage in allen Straßen; der Schluss desselben ist eben jener Ball, zu welchem die Hallen des alten Schlosses am Niemen aufs Beste geschmückt waren, während aus der langen Reihe seiner gotischen Bogenfenster ein voller Lichtstrom dem Wagen entgegenstrahlte, der eben dumpf rollend über die Zugbrücke fuhr.

Die Insassen desselben waren ein Herr und zwei Damen, von denen die eine eben nicht besonders platziert war, da sie, rückwärts sitzend, vor dem niederrieselnden, eiskalten, mit Schnee gemischten Regen nur durch ihr Mäntelchen und ihre Kapuze geschützt wurde; denn der Wagen hatte nicht die Bequemlichkeit eines Hinterverdeckes. Da indes die Fahrt vor der erleuchteten Halle des Schlosses ein Ende hatte, so war die Sache zu ertragen, besonders für ein fünfzehnjähriges Kind, das zum ersten Mal im Leben die Herrlichkeit eines Balles schauen sollte. Wie ihr das Herz schlug, der Kleinen! Man hätte es gegen die rosenrote Schärpe klopfen sehen können, wenn irgendein Auge sich die Mühe genommen, unter das graue Mäntelchen zu schauen, das leicht über den einfachen Ballputz geworfen war.

»Zieh’ die Füße zurück, Lorchen«, sagte der Herr auf dem Vordersitz, indem er seine auffallend lange Gestalt aus verschiedenen winterlichen Hüllen herauswickelte, und während er den Kopf unter dem Verdeck hervorstreckte, bemerkte er, ebenso neu als geistreich:

»Es ist ein erbärmliches Wetter!«

Dagegen ließ sich nichts einwenden. Die Damen schwiegen also und ließen sich die Kavalierdienste ihres Begleiters gefallen, die mit ziemlicher Gewandtheit geleistet wurden. Dann reichte er mit einer echten Ehemanns-Gleichgültigkeit der einen den Arm, und Lorchen folgte dem Paare durch die hallenden Korridors über eine breite, hell beleuchtete, mit Tannenzweigen und Papierblumen geschmückte Treppe, bis zu einer Tür, über der mit großen gotischen Buchstaben geschrieben stand:

»Damengarderobe.«

Wer auch nur fünfzig Schritt durch eine nordische Novembernacht gefahren, muss, wenn er sich im Lichte zeigen will, zuvor seine Kleidung ordnen.

Die beiden Damen legten also ihre Hüllen ab und die Ältere rollte lange, rabendunkle Locken noch einmal über ihre schlanken Finger, und ließ sie dann auf eine Stirn niedersinken, die, weiß und leer wie ein Blatt Postpapier, ein Gesicht von seltener Regelmäßigkeit krönte. Ein Blick in den Spiegel zeigte ihr zu ihrer vollen Herzensbefriedigung, dass niemand ihr die achtundzwanzig Jahre ansehen konnte, die sie nun schon seit vier Wintern zählte und dass ihr neues Kleid von amaranthfarbigem Satin ihr vortrefflich stand. Auch Lorchen sah verstohlen in den Spiegel, und während sie mit einer auffallend kleinen bräunlichen Hand die aschfarbigen Haare glättete, wollen wir versuchen, das Bild zu beschreiben, das sie darin er blickte.

Es war das eines schlanken Mädchens, das kleiner erschien als es war, weil alle Glieder, im allervollkommensten Ebenmaße stehend und mit der leichtesten Anmut bewegt, den Eindruck des feinen Zierlichen auf den Beschauer hervorbrachten. Das Gesicht – ja schön war es nicht, dazu war die Stirn zu hoch, die Lippe zu schmal, die samtene Wange, welche der Scheitel so hübsch umschloss, zu bräunlich. Nur das Auge hätte der ärgste Tadler für schön, für wunderbar schön erklären müssen, dies Auge tief und dunkelblau, wie das Bild des Himmels, das uns aus den ruhenden Wellen des Meeres entgegenschaut. Eine eigene Zierde für das liebreizende Kind waren auch die prächtigen Flechten von der seltensten Färbung und die blendend weißen Zähnchen, die sich aber fast gänzlich hinter die feinen Lippen versteckten.

Es lag etwas in dem Gesichte des jungen Mädchens, das Teilnahme erweckte, das leise erzählte, wie diese schönen Augen sich schon im Weinen geübt, diese sanften Lippen schon im Schmerz gebebt hatten.

Jetzt freilich lächelten sie gar fröhlich, und in den Augen glänzte das Feuer der Erwartung. Ein Ball, ein großer glänzender Ball! Welche Vorstellungen verbindet die Phantasie eines jungen Mädchens mit diesem Worte, und Lorchen gehörte zu denjenigen, deren Phantasie einige Ähnlichkeit mit den Rossen am Wagen des weiland verstorbenen Ikarus haben.

»Seid Ihr fertig?« fragte der Begleiter, den Kopf in die Tür steckend, als Lorchen eben noch einen ganz fröhlichen Blick auf den Rosenknospenkranz heftete, der die ungewöhnliche Höhe ihrer Stirn etwas verminderte.

»Wir kommen!« antwortete seine Frau, und nach einer Minute stand Lorchen zum ersten Mal in einem hell erleuchteten Ballsaale.

Eine Flut von Licht, ein Meer von Feuer, strömten ihr blendend entgegen. Um die Säulen, welche die Decke trugen, drehten sich geschmückte Paare im einfachen deutschen Walzer. Die hellblauen Uniformen der Dragoner-Offiziere von der Besatzung kontrastierten seltsam mit den schwarzen Fracks der Zivilisten und den goldgestickten Krägen der Herren vom Landstande. Lorchen befand sich im Mittelpunkte einer märchenhaften Pracht, oder eigentlich befand sich der Mittelpunkt derselben in ihr, in ihrem frischen phantasiereichen, nach Glück und Genuss durstenden fünfzehnjährigen Herzen, und als sie nun gar in den Armen eines stattlichen jungen Mannes in Landstands-Uniform dahinflog, getragen von jener sanften Musik, deren ganzen Zauber nur der Deutsche kennt, da wogte in ihr ein Strom von Vergnügen, ihre Augen leuchteten, ihre Wangen glühten. Das kleine Mädchen, das in einsamen Stunden so düster, so traurig aussehen konnte, war schön, nicht wie ein Engel oder Seraph, sondern wie ein reizendes Weib. Ein ältlicher rotwangiger Herr, dem man es am Schnitt seiner Weste ansehen konnte, dass er im Alltagsanzuge seine eigne, aus Stallgeruch, Tabaksdampf und den Dünsten des Maischbottichs zusammengesetzte Atmosphäre mit sich herumtrug, fasste seinen Nachbar, einen großen blassen Mann von ganz städtischer Tournüre am Rockknopf und fragte so laut, dass alle Umstehenden es hörten:

»Wer zum Teufel, Justizrat, ist das hübsche Mädchen, das dort eben mit dem Baron von Kandern walzt? Die dort rechts, mit dem Rosenkranz und dem Füßchen, das man wie einen jungen Vogel in der hohlen Hand halten könnte.«

»Freut mich, dass sie Ihnen gefällt, Herr Ober-Inspektor, es ist niemand anders als die Nichte meiner Frau, Leonore Arnold«, entgegnete der Gefragte mit einem eigentümlichen Lächeln.

»Was, was, na unmöglich, doch nicht die Tochter von Ihrer Frauen Schwester, die mit dem Schauspieler Arnold davonging? Na unmöglich! Mir ist, als wenn die Geschichte, die die ganze Welt halb toll machte, erst gestern geschehen wäre. Ah, ein Sakkermentskerl war der Arnold, und ihre Schwägerin war ein hübsches Ding zu ihrer Zeit.«

»Sie ist ihre Tochter«, entgegnete der Justizrat mit einigem Ernst, »und wir haben sie seit sechs Wochen zu uns genommen, weil sie in den Umgebungen, wo sie aufwuchs, wahrscheinlich zugrunde gegangen wäre. Die Mutter starb vor sechs Jahren. Damals schon wollten meine verstorbenen Schwiegereltern das Kind haben, aber der Vater verweigerte es ihnen! Jetzt hat er sich anders besonnen. Er schrieb selbst an uns und trug uns das Mädchen an. Er hat zum zweiten Mal geheiratet, die Stiefmutter ist auch Schauspielerin, Prima-Donna einer in der Mark irgendwo vagabundierenden Truppe, und mag die erwachsene Tochter als keine sehr angenehme Zugabe betrachtet haben. Wir nahmen sie natürlich, wir sind kinderlos, meiner Frau ist die Gesellschaft und gelegentliche Aushilfe des Mädchens bei häuslichen Arbeiten angenehm, und meiner Schwiegermutter letzter Wunsch geht in Erfüllung; denn sie starb, indem sie uns bat, das Kind ihrer ältesten Tochter nicht aus den Augen zu lassen.«

»Ich habe sie gekannt! Ich habe sie gekannt, die wackere alte Dame«, sagte der Ober-Inspektor mit trübem Kopfnicken. »Sie hat es nie vergessen können, dass ihre Älteste, ihr Stolz, ihres Herzens Liebling sich zu einem Gespött gemacht hatte. Und der Oberst, der ehrliche Haudegen! Wissen Sie, Justizrat, ich war noch halb und halb ein Junge, kaum zwanzig Jahre alt, als Anna von Korff den Teufelsstreich machte, aber Gott strafe mich, ich habe geweint, als ich den alten Soldaten sah, dem man sein Bestes, sein Kind, geraubt hatte.«

»Kannten Sie den Schauspieler Arnold, Herr Ober-Inspektor?«

»Hm ja! So halb und halb, hab’ ihn auf dem Theater gesehen, auch ein paarmal in der Weinstube drüben! Er spielte Heldenrollen und so die – wie nennt man sie – die Schändlichen, die in den Stücken vorkommen. Es war nichts Besonderes an dem Kerl zu sehen, er hatte nicht einmal eine rechte Figur, ich bin wenigstens gute zwei Zoll größer als er, aber reden konnte er wie ein Buch.«

»Vielleicht auch aus einem Buch«, sagte der Justizrat mit seinem gewöhnlichen Lächeln, das zwei Reihen blendender sehr großer Zähne entblößte.

Zweites Kapitel.

Das junge Mädchen, die Veranlassung dieses Gesprächs, stand während desselben am obern Ende des Saales neben ihrem stattlichen Tänzer.

»Sie sind zum ersten Mal in dieser Gesellschaft, mein Fräulein?« fragte derselbe, seinen hübschen Kopf zu ihr neigend.

»Ich bin zum ersten Mal in meinem Leben auf einem Ball.«

»Und doch eine so graziöse Tänzerin!«

»Ich weiß nicht, ob ich das bin, mein Herr, aber ich denke, das wäre kein besonderer Vorzug; tanzen mein’ ich, kann jeder, der Atem holt und noch vieles, was das nicht einmal tut; tanzen doch Ball und Kreisel und das Geldstück oder der Knopf, den Sie auf dem Tisch einmal drehen, und wie heißt’s in dem Liedchen:

›O – der unnennbaren Seligkeit

Unter der Hörner Getön

Traulich in süßer Umschlungenheit

Sich wie die Sphären zu dreh’n!‹«

Baron Kandern warf einen erstaunten Blick auf das glühende Angesicht seiner Tänzerin. Wo in aller Welt hatte das junge Geschöpf mit den Sternenaugen das anstößige Zitat her? Aber in diesen Augen lag nichts, nichts als vollständige Unschuld und eine leuchtende funkelnde Freude, die seltsamerweise für den Beobachter etwas Rührendes, fast Schmerzendes hatte.

»Sie sind in dieser Gegend nicht heimisch?« begann er von Neuem zu fragen, doch Leonore deutete mit dem Finger auf das ihnen vortanzende Paar, das sich eben zur neuen Tour anschickte; Kandern legte seinen Arm um ihre feine Taille und dahin flogen sie; mit ihrer Tour war auch der Tanz beendet, Leonore musste ihrem Tänzer die Antwort auf seine Frage schuldig bleiben. – – –

Eine Nacht des Vergnügens verfliegt wie Champagner-Schaum, auch Lorchens erste Ballnacht war vorüber, sie hatte jenen unruhigen, von Tanzmusik durchbrausten, von Träumen durchwebten Schlaf gehabt, der einer solchen zu folgen pflegt, und stand bleich und mit abgespannten Nerven am Fenster ihres kleinen Stübchens. Der Schnee wirbelte in dichten großen Flocken um die Giebel und Dächer der Häuser, die sie von dort sehen konnte. Es war ein Teil der Hinterfronte der Hauptstraße, und wie anders sah sie aus als ihre Vorderseite. Blinde Fenster ohne Gardinen, Hoftüren, aus der schlumpige Mägde den Kehricht gleich an die baufällige Treppe geworfen, um sich den Weg bis zur Düngergrube zu sparen, die wenige Schritte davon entfernt, jetzt vom Schnee mit einer zarten Decke überwebt wurde. Ställe, aus denen Vieh hervorbrüllte und rechts dicht neben ihr, der Hof eines Schlächters, in dem eine Blutlache noch rot durch den Schnee schimmerte und an Leinen und Stäben in hässlichen Girlanden, die Gedärme verschiedener Tiere aufgehängt waren. Es lief ein Grauen durch des jungen Mädchens Glieder bei diesem Anblick.

»O wie unangenehm«, dachte sie, »sieht doch das ganze Leben von seiner Kehrseite aus, und wie viel wahrer ist die eigentlich, als die vordere. Hier zeigen sich die Menschen, wie sie sind, dort, wie sie uns scheinen wollen. An jedem Hofe sieht man, was für Leute das Haus bewohnen. Pfui, wie garstig! So garstig wie – der Tag nach einem Ball.«

Sie setzte sich matt auf den Stuhl am Fenster und stützte den Kopf in die Hand.

Er war wüst und brannte.

»Kann man sich noch auf einen Ball freuen, wenn man weiß, wie hässlich einem den Tag darauf zumute ist? Gewiss, ich möchte niemals mehr tanzen, niemals! Wie ein Spuk kommt mir die gestrige Aufregung und Luft vor.«

Sie wandte sich vom Fenster ab. Auf der Kommode ihres Stübchens lag der Rosenknospenkranz, der ihr gestern so ausnehmend gefallen.

»Rotgefärbte Zeugläppchen und grünes Papier«, flüsterte sie vor sich hin, »die schlechtesten Lappen, die es gibt, kann man zu Blumen der Art verarbeiten. Ja! eine Rose, eine wirkliche Rose! Die ist schön, sie duftet, sie lebt, und eine Hand voll Veilchen! Ha, wer die jetzt hätte! Blauveilchen, Kinderaugen des lieben Waldes, wann werdet ihr euch wieder öffnen und mich anlächeln?«

In diesem Augenblick klopfte man an ihre Tür und auf ihr: »Herein!« erschien ein Diener in grauer silbergestickter Livree und fragte:

»Hab’ ich die Ehre, Fräulein Leonore Arnold vor mir zu sehen?«

»Ja«, entgegnete die Kleine ziemlich betreten.

»Eine Empfehlung an Sie, mein Fräulein, ich habe den Befehl, das hier abzuliefern.«

Er setzte dabei einen Zentifolienstock, dessen Knospen sich eben röteten, ein über und über blau blühendes Töpfchen Winterveilchen und eine Anthemis, deren Sternblumen von geschlagenem Golde zu sein schienen, an das Fenster und war verschwunden, ehe Lorchen auch nur hätte fragen können, wer ihn beauftragt und für wen diese schönen Blumen bestimmt? Sie standen vor ihr, in aller Pracht ihrer natürlichen Schönheit, als ob die Feen sie auf ihren Wunsch hergesandt. O die Veilchen! Die herzigen Veilchen! Lorchen hätte in lauten Jubel ausbrechen mögen über ihren Frühlingsduft und ihr Maigrün und das Blau ihrer Blütchen.

»Wie die Augen meiner sel’gen Mutter«, dachte sie, als sie sich wieder und wieder über ihre Lieblinge beugte und plötzlich fielen ein paar glänzende Tränenperlen auf die grünen Blätter, sie hingen daran wie Tautropfen, und Lorchen bemerkte jetzt erst, dass zwischen denselben ein Papierstreifen stak. Sie zog ihn hervor.

»Der Blume, die Blumen!« stand darauf geschrieben. –

Lorchen war das Kind eines Schauspielers, aber es war der Wille ihres Vaters gewesen, dass sie nie das Theater besucht. Ebenso entschieden hatte derselbe sie ferngehalten von gewöhnlicher Roman-Lektüre.

Er selbst hatte sie dagegen frühzeitig bekanntgemacht mit der klassischen Literatur Deutschlands, nicht im Zusammenhang, nicht in durchdachter Reihenfolge, sondern ruckweise, wie eine seltsam wechselnde Laune ihn antrieb. –

Das fünfzehnjährige Mädchen hatte viel und nur Gutes gelesen, und ihre Lektüre, mehr noch ihr früh schon bewegtes Leben, hatte sie zu eigenem Denken geführt! In ihr arbeiteten und wogten tausend verschiedene Kräfte. Wie das Innere jener Wundergrotte in Capris Felsen, war das ihrige ein unbekanntes, fast unzugängliches Prachtwerk der Natur. Himmel und Meer und die leuchtenden Brillanten von tausend und wieder tausend Gedanken lagen still und verschwiegen in ihr und niemand ahnte, dass die schroffe Felswand dieser noch unentwickelten Jungfräulichkeit einen solchen Schatz verberge.

»O wie schön! Wie schön!« musste sie wieder und wieder sagen, während Trän’ um Trän’ auf die Blumen, auf das Papierblättchen, auf den eignen jungen Busen fielen.

Es war neun Uhr morgens. Justizrat Delbruck, ihr Onkel, hatte sich schon vor einer halben Stunde in sein Geschäftslokal begeben, wohin Lorchen ein für alle Mal ihm selbst das Frühstück bringen musste. Er hatte das seit dem zweiten Tage ihrer Anwesenheit in seinem Hause so verlangt und Lorchen, mit jenem dem Weibe angeborenen Instinkt zu sorgen, zu schaffen, zu pflegen, fand Vergnügen daran, dem Onkel alles so hübsch und nett als möglich zu machen.

Justizrat Delbruck, der gesuchteste Rechts-Anwalt Tilsits war ein Gourmand. Sein Frühstück besonders war seine Lieblingsmahlzeit, er liebte es in der Einsamkeit eines Arbeitszimmers ein Täubchen, ein Hühnchen zu speisen und ein Glas Pontac dazu zu genießen. Mitten in der freudigen Rührung, die jene Blumen ihr verursachten, durchzuckte Lorchen der Gedanke an den Onkel.

Sie lief in die Küche. Das gebratene Vögelchen stand schon bereit und roch höchst appetitlich. Lorchen stellte alles, was zu dem kleinen leckeren Mahl gehörte, zierlich und sorglich auf ein Teebrett und ging damit die Treppe hinab ins Arbeitszimmer.

»Wie seltsam es ist«, dachte sie dabei, »dass alles in der Welt schön und hässlich aussehen kann, je nachdem man es stellt und anordnet. Wie hässlich könnten diese Speisen, diese Flasche mit dem Glase aussehen, wenn ich nun alles durcheinander würfe. Was mag’s nur eigentlich sein, das die Schönheit hervorbringt? O wie angenehm und wohltuend ist das, was man unter Schönheit versteht!«

Sie klopfte mit leichtem Finger an des Onkels Sanktuarium, das nie der Fuß einer Magd betreten durfte, da Wurmser, der Schreiber, das Amt hatte, das Zimmer zu reinigen. Delbruck öffnet mit eigener Hand. Sein gewöhnliches, gar nicht schönes Lächeln blitzte über sein Gesicht. Er beugte sich, sah dem jungen Mädchen ins Auge, legte ihr die Finger unters Kinn und fragte mit einem eigenen Ausdruck:

»Wie ist der Ball bekommen, Fräulein Lorchen, mein Püppchen?«

Ein seltsames Gefühl rann leise, aber rasch durch alle Glieder des Mädchens. Sie konnte nicht gleich antworten, weil sie sich erst besinnen musste, wie es nur zuginge, dass des Onkels Berührung ihr stets die nämliche unangenehme Empfindung erweckte. Es war, als ob eine Raupe sich auf ihre Hand niederließe – Lorchen liebte die Raupen gar nicht.

»Nun, Kleine?«

»Wahrhaftig, Onkelchen, ich weiß nicht, mir war heute recht hässlich zumute, so hässlich, dass ich dachte, ich wollte in meinem Leben nicht mehr tanzen, nicht dass ich unwohl oder müde wäre, behüte!– siehe nur, ich kann noch prächtig tanzen«, und dabei drehte sie sich, das Teebrett in der Hand haltend, graziös auf einem Fuße um und machte einen allerliebsten Menuetten-Knix,– »aber innerlich war mir’s gar nicht behaglich, ich hätte weinen können, über gar nichts, ja ich habe sogar geweint.«

»Das nennt man moralischen Katzenjammer, Liebchen«, sagte der Justizrat und führte dabei das Kind, ohne dass sie eigentlich wusste wie, nach dem kleinen Sofa, auf das er sie mit einer leichten Handbewegung niederdrückte.

»Nun iss mit mir, Leonore«, fügte er dann hinzu, »hier trink’ aus meinem Glase, der Wein, den so frische Mädchenlippen kredenzen, schmeckt noch einmal so gut.«

Lorchen nippte und Delbruck schlürfte den Rest, mit seinen Lippen genau die Stelle berührend, an der das Mädchen getrunken. Justizrat Delbruck war ein Mann von etwa fünfzig Jahren. Er musste sehr hübsch gewesen sein. Figur, Haltung und Sprache hatten ein gewisses vornehmes sich Gehenlassen, das ihm vortrefflich stand. Sein Haar war noch voll und lockte sich leicht über eine Stirn, die jetzt wohl höher als vor zwanzig Jahren sein mochte. Sein Mund war hübsch, er mochte in jüngeren Jahren zu denen gehört haben, die man mit Kirschen zu vergleichen pflegt. Jetzt lag etwas Schlaffes um denselben und sein Lächeln war durchaus nicht schön, ja es hatte für Lorchen geradehin etwas Furchterweckendes, denn es zeigte die goldene Vernietung der falschen Zähne, vor denen der Kleinen ein wenig graute. Alle seine Züge waren regelmäßig, die Augen braun und länglich und sie pflegten sich, wenn er lächelte, zu schließen, so dass unter den bleichen, gesenkten Lidern der Blick wie ein Blitz aus Wolken, wie eine funkelnde Kohle aus einem tiefen Schlot hervorzuleuchten schien. Seine Gesichtsfarbe war bleich und schwammig, und seine Hand, die er eben in Lorchens weißen Nacken legte, feucht.

»Iss mit mir, Liebchen«, sagte er sehr leise und sich, als ob er ihr ein wichtiges Geheimnis anvertraue, an Lorchens Ohr neigend.

»Danke, Onkelchen, ich habe gar keinen Appetit.«

»Du siehst so nachdenkend aus, Leonore, was fehlt Dir, Mädchen?«

»Nichts, Onkel, ich dachte nur wirklich nach, ich dachte daran, weshalb Sie wohl in dieser Stube so sehr, sehr viel freundlicher gegen mich sind, als an jedem andern Orte, man möchte glauben, es läge in diesen vier Wänden ein Feenzauber.«

»Freut Dich meine Freundlichkeit, reizendes Geschöpfchen?«

»Aufrichtig gesagt, mein lieber Onkel, und darüber mache ich mir Gewissensbisse, Sie sind doch der Mann von meiner lieben sel’gen Mutter einziger Schwester, Sie sind mein Wohltäter und doch mag ich lieber, wenn Sie mich ganz und gar nicht ansehen, als wenn Sie mir so nahe rücken und mir die Hand aufs Kinn oder in den Nacken legen, ich denke eben nach, woher das kommen mag?«

Drittes Kapitel.

Justizrat Delbruck biss sich in die Lippen und ein roter Fleck zeigte sich auf seiner Wange.

»Du wirst Dich an meine Freundlichkeit gewöhnen, Engelchen, und ich denke, die Zeit soll kommen, wo Du sie voll und ganz erwidern wirst. Das Glück ist ein bunter Vogel, der über uns schwebt. Seine glänzenden Federn tragen ihn gerade in eine solche Höhe, dass wir ihn sehen können; um ihn zu greifen, müssen zwei nach ihm jagen: einer, der sich noch mit Leichtigkeit in die Wolken erhebt, und ein anderer, der festen Fußes auf dem Erdboden steht und den gejagten Flüchtling mit sicherer Hand zu packen versteht; weißt Du, Lorchen, dass wir gerade so ein Paar wären?«

Er beugte sich und küsste ihren Nacken. Sie stand oder sprang vielmehr auf. Es war eine ganz unwillkürliche Bewegung und sie würde genau dieselbe gewesen sein, wenn ein Frosch die ungewöhnliche Dreistigkeit gehabt hätte, auf ihren Hals zu hüpfen. Er fasste die kleine Hand und flüsterte, ihr in die Augen sehend:

»Fürchtest Du mich, Mädchen?«

Sie nahm sich zusammen:

»Nein, lieber Onkel, Sie haben mir nur Freundliches und Gutes erwiesen, wie sollt’ ich Sie fürchten, aber ich glaub’, ich hab’ einen natürlichen Widerwillen, mich anfassen zu lassen. Es ist recht dumm von mir; aber wenn Sie es lieber sein lassen wollten, Onkelchen, es wäre so freundlich von Ihnen; sagten Sie doch neulich, als wir von Fröschen, Spinnen, Raupen und Mäusen redeten, solche Gefühle könne man nicht durch Verstandesanstrengung überwinden, sie lägen eben nur in den Nerven.«

»In der Tat sehr schmeichelhaft!« sagte Delbruck nun auch aufstehend, und ein finsterer grollender Blick fiel auf das arme Kind und durchzuckte sie bis ins tiefste Herz. Plötzlich aber und rasch sich überwindend, lächelte der Justizrat, fuhr mit dem Tuch über die bleiche Stirn und sagte freundlicher als je:

»Fort, kleines Mädchen, an Deine Stickerei jetzt, damit die Tante nicht schelte!« und als Lorchen zur Tür hinausgeschlüpft, setzte er Achselzuckend hinzu:

»Ich glaube, ich verfalle in schülerhafte Dummheiten dieser heillosen Naivetät gegenüber. Pah! Rom ist nicht in einem Tage gebaut.«

Oben in Lorchens Stübchen stand Tante Selma und schlug die Hände über dem Kopf zusammen. Großer Gott! Wie war das Kind ihrer Schwester, das arme Komödiantenkind, in der Erziehung vernachlässigt! Da hing noch an der Zimmertür das weiße Gazekleidchen vom gestrigen Ball, da auf dem Stuhle lagen die Atlasschuhe, der Blumenkranz war ohne alle Sorgsamkeit auf den Tisch geworfen. In der Tat, des Zimmerchen gemalt, hätte ein hübsches Seitenstück zu dem berühmten Kupferstich »Studentenwirtschaft« abgeben und füglich die Unterschrift:

»Mädchenwirtschaft«, tragen können. Die blühenden Blumen am Fenster, der Ballputz aller Orten, ein mächtiger, mit einem weißen Tuch etwas nachlässig bedeckter Stickrahmen in der Ecke, und an der hintersten Wand das Bettchen, noch ungeordnet, so weiß aber und so umweht von einem Hauche jungfräulicher Reinheit. Die Morgen-Schuhchen vor demselben von grünem Maroquin, klein und schmal gleich Philinens berüchtigten Pantoffelchen, und auf dem kleinen Tisch am Kopfende die Bibel, in der die Bergpredigt aufgeschlagen und das schöne Wort Christi:

»Selig sind, die reinen Herzens sind«, mit einem Rotstift angezeichnet war; alles dies bildete ein Ganzes, zwar von entzückender Eigentümlichkeit, doch keineswegs geeignet, das Herz einer ordentlichen Hausfrau zu erfreuen. Die Justizrätin war aber eine solche und zwar mit allen Eigenheiten einer kinderlosen Dame, die in der Welt keine andere Sorge und Rücksicht kennt, als die für ihre Möbel und Kleider.

»Lorchen! Mädchen! Um Gottes willen, Kind! Kind! Was soll daraus werden?« sagte sie zu der Eintretenden im Tone eines wahren Seelenschmerzes.

»Ich kann gar nicht anders, ich muss Dich sehr schelten, obgleich Du das Kind meiner einzigen verstorbenen Schwester bist, wenn Du nicht anders, ordentlicher, viel ordentlicher wirst.«

Die Tochter des Schauspielers blickte mit höchster Verwunderung um sich, sie wusste ganz und gar nicht, wie sie es machen sollte, ordentlicher zu sein.

Mit vieler Geduld zeigte Tante Selma ihr nun, in welcher Weise sie ihr Ballkleidchen falten und in ein feines bläuliches Tuch eingeschlagen, in ein Gefach des Schrankes legen müsse, sie bog die Zweige des Rosenknospenkranzes zurecht und tat ihn in den dazu passenden Karton, stäubte die Schuhe aus und hüllte sie ebenfalls in Papier, und sie tat dies alles mit dem Geschick und der Zierlichkeit einer Pariser Kammerjungfer. Lorchen sah zu und wenn sie überhaupt mit einem Gedanken an die ganze Prozedur dachte, so war es der, welchen das französische Sprichwort ausdrückt:

»Tant de bruit pour une omelette!«

Wie klein und wie kleinlich erschien ihr der Eifer und das Bestreben der Tante, diesen Sachen Dauer zu geben. Es schien ihr, als ob alles um sie her keine andere Bestimmung habe, als dem Augenblick und seiner Eingebung zu dienen. Eine Freude, die nicht gleichsam aus den Wolken auf sie nieder taute, war ihr keine Freude, und die Vorbereitungen für das tägliche Leben kamen ihr wie etwas zweckloses vor, weil dies alles sich ja durchaus finden müsse, weil es ja das Unerlässliche, das sich von selbst Verstehende sei. Als die Justizrätin fertig war, klopfte sie völlig zufriedengestellt dem jungen Mädchen auf das Köpfchen und sagte ganz erheitert:

»So musst Du es machen, Lorchen, gerade so wie jetzt; dann werden sich Deine Sachen lange erhalten. Wer seine Kleider ehrt, den ehren sie wieder. Immer wohlgekleidet sein, ist ein großer Vorzug an einem Mädchen, eine Tugend, eine wahre Kunst sogar. Weißt Du, dass ich mein gestriges amaranthfarbiges Kleid schon so lange habe, als ich verheiratet bin? Es war anfangs rosa, ein schöner, schwerer Stoff; als ich’s müde und matt getragen, ließ ich’s färben und moirieren und nun – aber Kind, wo hast Du die Blumen her?«

Lorchen erzählte und die Tante schüttelte den Kopf.

»Die kann kein anderer Mensch als Kandern geschickt haben, Herr von Kandern, weißt Du, mit dem Du den zweiten Walzer tanztest. Ich erzählte ihm, dass Du – hm! Lorchen, besser ist’s am Ende doch, wenn wir ihm die Blumen abschicken.«

»O nein, Tante Selma, bitte, nein! nein! Die Blumen sind so himmlisch schön, bitte, gestatte mir, sie zu behalten. Es ist, als wenn mit ihnen der ganze Frühling eingezogen wäre, als wenn der Schnee draußen nur zum Spaß fiele und der Sommer mir hier im Herzen wohne.« –

»Frau Justizrätin, der Fleischer«, sagte die Köchin, den Kopf durch die Tür steckend. Tante Selma schlüpfte hinaus, ihre häuslichen Geschäfte zu besorgen. Die Blumen waren von ihr vergessen!

Viertes Kapitel.

Vierzehn Tage später saß Lorchen am Fenster der Wohnstube. Vor ihr stand der Stickrahmen, aber sie hatte sich nur über denselben gebeugt und betrachtete das Blumengewinde, das ihre Hand in der Tat mit Geschmack und Geschick auf dem dunkeln Grunde hervorgerufen hatte. Wie wenig glich es dem, was sie hatte arbeiten wollen. Wie ein Blütenstrauß aus Edensgarten hatte ihr die Zeichnung vorgeschwebt, als sie sie mit wenigen Kreidestrichen auf das Tuch geworfen. Jetzt sah sie Wollfäden grob und bunt, nur wenn sie weit zurücktrat, fand sie in dem vollendeten Werk einen Schimmer von dem, was sie zu schaffen sich vorgesetzt hatte. Sie seufzte leise.

»Ist es mit allem so, was man im Leben auszuführen versucht? Wie oft von meiner frühsten Kindheit an, ist mir’s wie heute gegangen?« –

Lorchen war eine geschickte und geniale Zeichnerin, und Stickereien von ihr in bunter Wolle und Seide waren vor Jahren schon in einer Kunstausstellung gewesen, mit einem daran gehefteten Zettel:

»Angefertigt von der zehnjährigen Leonore Arnold, Tochter des Schauspielers Arnold in Breslau.«

Sie gedachte jener Tage und das Bild ihres Vaters trat plötzlich mit einem Glanz vor ihre Seele, der ihr geistiges Auge blendete.

Sie hatte ihm lange, lange nicht geschrieben, seit dem Tage vor dem Balle nicht, sein letzter Brief lag noch unbeantwortet in ihrer Brieftasche. – Zwar kannte sie ihn auswendig, aber dennoch las sie ihn wieder, und jedes Wort regte von neuem das leise Bangen in ihr auf, das in ihrem Herzen blühte, aber wie die Orchis und die Viole seinen Duft nur in Nacht und Einsamkeit verstreute. Sie las:

»Leonore! – Wie mir das seltsam, fast schaurig ist, Deinen lieben Namen hier auf das Papier zu schreiben, und mir und Dir zu versichern, dass diese Zeilen für Dich bestimmt sind. Mein Kind! Geliebtes Herz, das noch vor so kurzer Zeit neben mir stündlich ein neues Blatt einer Gold- und Purpurblüte entfaltete, wo weilst Du nun? O dass die Erinnerung an mich Dir keine Trauer verursachte, dass Du glücklich und zufrieden in Verhältnissen lebtest, die Deiner Lebens-Entwickelung zuträglicher und natürlicher sind, als die an der Seite Deines Vaters. Ich stelle mir das Haus Deines Onkels dem sehr ähnlich vor, in welchem Deine Mutter einst erblühte, und Deine Tante Selma war damals, als eine tiefe glühende Leidenschaft Deine Eltern vereinigte, ihrer schlichten, freundlichen Mutter so ähnlich, als ein sechszehnjährig Mädchen einer fünfzigjährigen Matrone nur sein kann, und die Frau ist’s ja, die dem Hause seinen Geist, seine Färbung gibt.

Möchtest Du, mein süßes Kind, eine wahre Tochter sein. Lerne von ihr die Seligkeiten und Pflichten der Tochter einer wackern Bürgerfamilie. Deine Mutter verstand und übte sie auch und es war ihr heiligster Wunsch, sie Dich zu lehren.

Deine Mutter. Still’ Erinnerung, lerne schweigen, bebendes Herz! Deine Mutter war eines jener engelhaften Wesen, die nur durch eine einzige Schwäche ihre irdische Abkunft dokumentieren, durch ihre Schwäche gegen den Mann, den sie mit ihrer Liebe beglücken. O meine Leonore, nie genug kannst Du das Andenken an Deine Mutter ehren, nie genug es in Deinem Herzen befestigen. Wenn Du dort, in dem Kreise, wo Du jetzt lebt, ein hartes und liebloses Urteil über sie hört, so möge es Dich eine Wahrheit lehren, die das junge Herz sich nie früh genug zu eigen machen kann, die Wahrheit nämlich: dass im Kreise der Gewöhnlichkeit kein ungewöhnlich erhabener Charakter seine Anerkennung findet. Im Hause Deiner Großeltern existierte einst ein wohlgetroffenes Bild Deiner Mutter, frage danach und suche es Dir zu verschaffen, Du hast wohl ein Recht auf das heilige Andenken.

Leonore! Könnte ich Dir nur eins und das Eine fest einprägen, so fest, dass es in Deinen jetzigen Umgebungen durch keine Formen und Rücksichten verdunkelt und übertüncht würde. Die Liebe ist des Weibes höchste Vollendung, ihre einzige Lebensbestimmung, der Inbegriff aller ihrer Tugenden. Halte an diesem Grundsatze fest in allen Lebensverhältnissen, lass’ Dich nicht blenden durch sophistische Reden von Pflichten, die das Herz nicht begreift. Sei immer wahr gegen Dich selbst, und Du wirst den Mut haben, auch wahr gegen die Welt zu sein. Die Menschen der Alltagswelt sind mit ihren Aktionen und Reden von Tugend und Trefflichkeit viel mehr Schauspieler, als wir, die wir die Bühne zum traurigen Lebensberuf gewählt haben. –

Aber was will ich nur, mein Kind, welchen Predigerton nehme ich gegen Dich an? Sei unerfahren glücklich, gläubig froh, das ist die beste, die einzige Weisheit Deiner Jahre und Deines Geschlechts. Wenn Du Dich nach mir bangen solltest, so denke, dass, ob ich Dir auch fern bin, Dein Vater doch lebt und Dich liebt.

Arnold.«

Die Kleine faltete den Brief zusammen und legte ihn in ihr Kästchen.

»Armer, lieber Vater«, dachte sie, »von einem Leben, von seiner Gesundheit schreibt er kein Wort. Ich denke aber, nun wird Tante Selma auch endlich erlauben, dass ich ihm antworte. – Das Bild meiner armen Mutter findet sich nicht! Wo es nur ein mag? – ›Die Liebe soll des Weibes höchste Vollendung sein‹ – was meint er nur damit? Was ist Liebe überhaupt?«

Die Justizrätin war ins Zimmer gekommen und besah ernsthaft Lorchens Stickerei.

Das junge Mädchen hob das Köpfchen zu der Schwester ihrer Mutter empor und fragte, dem Strom ihrer Gedanken Worte gebend:

»Tante Selma, was ist Liebe?«

»Gott steh’ mir bei!« entgegnete die wackere Frau, »hat man jemals im Leben so etwas von einem fünfzehnjährigen Mädchen gehört!«

»Aber Tantchen, mein Vater schreibt doch –«

»Ich wollte, Dein Vater schriebe lieber gar nichts, als solchen Unsinn. Es ist eine Sünde und Schande.«

»Aber Tantchen, Du kannst mir doch wenigstens sagen, was Liebe ist, und wäre sie auch das Schrecklichste auf der Welt. Ich weiß doch, was Stehlen ist und Morden, und in der letzten Woche beim Konfirmations-Unterricht hat uns der Herr Superintendent auch erklärt, uns Mädchen allein und den Knaben wieder allein, was Ehebrechen ist, warum soll ich denn nun nicht wissen, was lieben ist?«

Die Justizrätin nahm mit zwei Fingern einige Staubkörnchen und Wollfädchen von der vollendeten Stickerei und sagte:

»Ach lieben! Lieben ist dummes Zeug. Arme Mädchen überhaupt müssen gar nicht von lieben reden, es schickt sich nicht, und daraus kommen dann solche Romanengeschichten, wie die mit Deiner sel’gen Mutter. Wenn einmal ein anständiger Mann nach Dir kommt, Lorchen, ein Mann, der sein Brot hat, der es ehrlich meint und zu Deinem Stande passt, den kannst Du dann lieben in Gottes Namen, ich liebe meinen guten Justizrat auch, bei einer verheirateten Frau ist das Pflicht und Schuldigkeit. Junge Mädchen denken nicht an solche Dinge. Geh’ in Onkels Zimmer und stäube die Möbel ab, Onkel will, dass Du das tust und nicht der Schreiber.«

»Kann ich nicht warten, Tantchen, bis der Onkel im Geschäftslokal ist?«

»Häusliche Arbeiten müssen immer zur rechten Zeit getan werden. Punkt zehn Uhr muss Onkels Zimmer ganz aufgeräumt sein, ein Viertel auf elf beginnt eine Empfangszeit!«

Die Kleine nahm die verschiedenen Wischtücher und Federbesen, welche bei der Justizrätin zum Abstäuben gebraucht wurden und ging mit jenem leisen Grauen, das sie durchaus nicht überwinden konnte, wenn sie gezwungen war, mit dem Onkel allein zu sein, an ihr Geschäft.

Fünftes Kapitel.

Den 17. Februar war Leonorens Geburtstag, der erste, den sie fern vom Vater erlebte, der ihn stets zu einem Festtage für sein Kind gemacht. Bis zum vorigen hatte sie die Schule besucht und eine Schar lustiger Altersgenossen hatte mit ihr an dem fröhlichen Tage gespielt und sie beschenkt. Im Hause des Onkels wusste niemand davon. Die Tante war auf kurze Zeit verreist, sie machte einen Besuch bei einer der reichen adeligen Familien, deren Mandatarius Justizrat Delbruck war. Lorchen hatte ihr den ganzen Schmuck einpacken müssen. Die vielbewunderte Uhr mit dem Emailgehäuse und der Erbsenkette, auch die Brosche, die wie eine gelbe Weintraube mit goldenem Blatt aussah und das Johannisbeeren-Ohrgehänge. Die Kleine hatte alle diese Herrlichkeiten beim Packen zum ersten Mal in den Händen gehabt und mit aufrichtigem Entzücken bewundert. Der Onkel, der dabei gestanden, hatte sie leise flüsternd gefragt, ob sie auch so schöne Ohrringe haben wolle?

»Ich habe ja keine Ohrlöcher, Onkelchen«, antwortete sie lachend, »und zudem in meinen eigenen Ohren könnte ich die reizenden Dingerchen gar nicht sehen und ich sehe sie sehr gern. Sie gefallen mir über alles, denn sie erinnern mich an die Zeit, da meine sel’ge Mutter lebte und ich noch ganz, ganz klein war. Da hing ich mir auch bald Kirschen, bald Johannisbeeren so um die Ohren, dass sie unter dem Ohrläppchen gerade wie solche reizende Bommelchen aussahen.«

Der Onkel hatte bei diesen Worten sein allerhässlichstes Gesicht gemacht, das Gesicht, bei dem es Lorchen immer ganz kalt über die Haut lief.

Am Geburtstagsmorgen stand sie vor dem Spiegel und betrachtete ihr eigenes Gesichtchen. Es sah so traurig aus, dass sie selbst darüber hätte weinen können. Sie war so allein auf der Welt! Wie weit entfernt war sie vom Vater! dem einzigen Menschen, der sie recht lieb hatte, und die Mutter! O wie lange, wie lange schon schlief die den ewigen Schlaf! Sechszehn Jahre war sie alt. Ein ganz, ganz erwachsenes Mädchen. Was kannten und verstanden andere schon in dem Alter? – Kochen und Glätten, und Französisch und Oberhemden nähen. Lorchen kannte nichts als bunt sticken und Tante Selma sagte ihr jeden Tag, dass das für ein Mädchen gar nicht notwendig sei. Auch zeichnen kannte Lorchen allerdings, sie porträtierte mit bunter Kreide recht gut und hatte besonders das merkwürdige Glück, jedes Gesicht so zu treffen, dass man es auf der Stelle erkannte, und sie bossierte auch in Wachs und Ton. Seit sie aber fünf Monate bei Tante Selma war, wusste Lorchen recht gut, dass das alles gar nichts sei, und ein ordentlich genähtes Hemde viel mehr für den Wert und die gute Erziehung eines Mädchens spreche.

Sie ging ans Fenster, ein eisiger Regen schlug gegen dasselbe und die Tropfen blieben in Form kleiner Dolche und Nadeln auf den Scheiben kleben. Ein garstiger Südwestwind fegte die Straße hinauf und ließ die vom Schneewasser gebildeten Pfützen ordentlich Wellen schlagen. Wo der Schnee noch nicht zerschmolzen war, sah er wie schmutziger Sand aus, tausend Füße hatten ihn zerstampft und zertreten, und wie die Erde, so trug auch der Himmel sein hässlichstes mistfarbigstes Kleid. O einen Sonnenblick, einen einzigen Sonnenblick, Lorchen hätte für einen lachenden Sonnenstrahl einen Strahl ihres Blutes geben mögen. Sie lehnte die Stirn an die Scheiben und weinte, das Herz erzitterte in ihrer jungen Brust unter den Tränen, wie eine knospende junge Birke erzittert unter dem Schauer eines Gewitterregens. Sie setzte sich, um recht ausweinen zu können, auf den Lehnstuhl der Tante, der am Fenster stand, und drückte die heiße Stirn in seine weichen Kissen, und da geschah ihr, was Kindern oft zu geschehen pflegt, sie weinte sich in den Schlaf.

Die schweren Flechten sanken allmählich tiefer und tiefer in ihre Stirn und zogen die Nadeln mit sich. Das lange Haar löste sich auf, rieselte in weichen Wellen um Schläfe und Schulter und lag in üppigen Ringeln ihr im Schoße. Die kleinen Händchen ruhten geöffnet auf der Seitenlehne des Stuhles, unter den geschlossenen Lidern drangen noch einzelne Tränenperlchen hervor und rollten langsam über die Pfirsichwange. Lorchen schlief fest und träumte süß, obgleich sie weinte. Ihr war’s, als ob die Wolken am Himmel verschwänden und die Sonne in aller Klarheit auf die niederlächle. Aber ihr Strahl hatte nichts Blendendes; mit offenen Augen konnte sie ins göttliche Sonnenantlitz schauen und da sie recht hineinblickte, war’s gar nicht die Sonne, sondern ein liebes, schönes Menschengesicht, das mit dem Ausdruck liebevoller Teilnahme sich über sie beugte. Augen, sanft und kühn, tauchten ihren leuchtenden Strahl in die ihrigen und frische Lippen näherten sich ihrer Stirn wie zu einem Kusse. Sie wollte sich verschämt abwenden, aber wie sie im Schlafe sich mühte, den Kopf zu bewegen, zerriss sie seine bleierne Fessel und sah hell erwacht in ein bekanntes schönes Menschengesicht. Baron Sigmund von Kandern beugte sich über die Stuhllehne und der Ausdruck seiner samtschwarzen Augen war ganz so liebreich, als er Lorchen im Traum erschienen. Sie erschrak auch eigentlich gar nicht, und nur als Kandern sichtlich errötend von ihr wegtrat, fühlte sie in ihrem Herzen einen leisen süßen Schauer, ob aber vor Freude oder Schreck, das hatte sie nicht entscheiden können und wenn ihr Leben davon abgehangen.

»Ist der Justizrat Delbruck zu sprechen?« sagte nach einer Pause von mindestens zehn Minuten Herr von Kandern endlich.

Lorchen antwortete kein Wörtchen, sondern klingelte und trug der eintretenden Christiane auf, den Herrn hinaufzurufen. Einige Minuten später stand dieser im Zimmer und sah auf die beiden Anwesenden mit einem Blick, unter dessen Eisspitze Kandern seine Ruhe und Sicherheit wiederfand und Lorchen in ein angstvolles Starren verfiel.

»Das Fräulein ist wahrscheinlich unwohl, Herr Justizrat«, sagte Kandern, »ich fand sie auf diesem Stuhle mit aufgelöstem Haare eingeschlafen und leise im Schlafe weinend.«

»Was fehlt Dir, Leonore?« fragte der Hausherr mit einem neuen Dolchblick auf das Mädchen.

»Ach Onkelchen, mir fehlt nichts, eigentlich nichts, ich weinte nur weil – weil ich heute sechszehn bin und – und keine Mutter mehr habe, und der Vater nicht geschrieben hat – und ich – –«

Hier brach von neuem ein Strom von Tränen gewaltsam aus ihrer Brust hervor, sie schlug die Hände vor die Augen und ließ sich in den Stuhl niedersinken, ohne das Schluchzen bemeistern zu können.

»Ach Dein Geburtstag ist heute, Mädchen«, sagte der Justizrat es versuchend, ihre Hand von den Augen zu entfernen. »Sieh! Sieh! Und den wird man ja wohl zelebrieren müssen.«

Kandern hatte anfangs diesen kleinen Umstand überhört, ein unsägliches Mitleid mit dem verwaisten jungen Mädchen, das ihm neben dem übel berüchtigten Onkel wie ein Vögelchen neben einer Klapperschlange erschien, erfüllte seine Brust, und er wusste es dem Justizrat Dank, dass er des Geburtstages erwähnte. Sein Geschäft mit Delbruck währte nur kurze Zeit und er flog eiligst in seinem Gig durch die schmutzigen Straßen von Laden zu Laden, etwas recht Schönes für Leonoren auszusuchen, hundertmal die Ärmlichkeit und Erbärmlichkeit des kleinen Nestes verwünschend.

Lorchen aber setzte sich nieder, als sie allein war, und schrieb an den Vater:

»Ich habe so lange und so sehr geweint, mein Vater, bis ich einschlief, weil ich heute an meinem Geburtstage keinen Brief von Dir erhalten. – Ach, ich bin traurig, ich fürchte, Du bist krank, denn vergessen hast Du Dein Kind nicht, Deine Leonore, die Tochter Deiner Anna.

Ich darf Dir nicht oft schreiben, mein Vater, Du weißt das ja schon. Man hasst und schilt Dich hier und möchte mich glauben machen, es sei gut für mich, wenn ich Dich verleugne. Sie haben ja keine Kinder, Onkel Delbruck und Tante Selma; können sie da wissen, wie Vater und Kind mit Herz und Leben ineinander gewachsen?

Man sagt, ich würde hier gut erzogen. Tante Selma ist eine ganz musterhafte Frau und sie zeigt mir alles und lehrt mich, was sie selbst kann. Ich bin nur etwas ungeschickt und unachtsam und die Tante ist nicht so sehr geduldig. Ich habe schon sieben Oberhemden genäht, die Tante selbst meint, für eine Anfängerin mache ich es ganz gut und bei der Wäsche verstehe ich schon alles. – Es ist ausnehmend schön im Hause der Tante, alles hat sie am Schnürchen, und in der Putzstube, die im Winter aber gar nicht geheizt wird, sind Palisander-Möbel mit Perlmutter ausgelegt und Vorhänge von Tüll und Seidendamast. Ich denke aber manchmal an unsere kleinen Zimmerchen mit gemieteten Sachen und wie Du immer zu sagen pflegtest: Lorchen, Du hat das Talent Deiner Mutter geerbt, jeden Raum wohnlich und gemütlich zu machen. – Im Winter sitzt Tantchen, wenn nicht Gesellschaft sich angemeldet hat, in einem ganz kleinen Stübchen und da wird auch gespeist. Sie liebt keine Zimmerblumen, hat kein Vögelchen, keinen Hund – ach Väterchen, was macht nur unser lieber guter Allard? – Ich träumte einmal, er sei tot und konnte mich lange, lange nicht beruhigen. Du hast nun wieder eine Frau, mein Vater, pflegt sie Dich auch gut, wenn Dein Herzkrampf eintritt? Grüß sie von mir, sie ist gewiss gut, weil sie Dich lieb hat.

Ich bin eine schlechte Briefschreiberin, mein Vater, mein Herz ist so voll, so voll, ich hätte Dir ganze Geschichten, nein, Bücher zu erzählen und in der Feder da friert’s ein. Manchmal find’ ich Gedichte in Onkels Bibliothek, von denen mir’s vorkommt, als hättest Du die für mich oder ich für Dich gemacht, Gedichte so voll Sehnsucht nach dem entfernten Geliebten, dass ich nur ›Vater‹ zu dem Worte beizudenken habe, um es ganz und gar passen zu lassen. O Du lieber, Du teurer Vater, schreibe mir nur bald, damit ich Deiner Gesundheit wegen mich nicht ängstigen darf. Gott segne Dich! Ich küsse jeden Finger Deiner schönen bleichen Hand und jede Locke Deines lieben Hauptes, ach, wer mag Dir jetzt schmeicheln, da Dir so fern, so fern ist Deine Leonore.«

Sie war eben fertig geworden, als der Onkel eintrat. Christiane folgte ihm mit Kuchen und Kaffeegerät. Alles sah festlich aus und Lorchen fühlte wohl die große Freundlichkeit, die darin lag, dass er, der Geschäftsmann, der sich fast nie die Zeit nahm, mit der Tante Kaffee zu trinken, jetzt ihr, dem Kinde, eine seiner kostbaren Stunden schenken wollte; aber wirklich, sie hätte ihm das Opfer gern erlassen, sie war im Grunde nicht so ungern allein, der Onkel war viel zu klug für sie und zudem hatte sie die törichte, aber unüberwindliche Furcht, dass er ihr die Hand aufs Knie, auf den Nacken, unters Kinn legen würde.

Sie saßen noch nicht fünf Minuten zusammen, als Baron Kandern gemeldet wurde.

Sechstes Kapitel.

Leonorens Herz schlug hoch auf vor Freude bei dem Gedanken, nicht mit dem Onkel allein sein zu dürfen. Sie besorgte eiligst Tasse und Löffelchen und schenkte dem Gaste, der sich eben niedergelassen, mit dem lieblichsten Lächeln ein.

Das Wetter hatte sich indes geändert und der Abend war mit klarem Froste eingetreten. Lorchen ging, um die Rouleaus niederzulassen und Nacht und Frost auszusperren von dem hellen und warmen Zimmer, ans Fenster. Eine tiefblaue, sternenklare Nacht blickte ihr entgegen, und dort über dem Dache des Festhauses standen die drei lieben leuchtenden Sterne von Orions Gürtel, die sie im vorigen Winter so oft betrachtet am Fenster ihres kleinen Zimmers in Grünberg, vom Arme des Vaters umschlungen. – Die Tränen traten ihr in die Augen, sie nickte den Sternen zu und es machte ihr ordentlich Schmerz, den dunkeln Vorhang zwischen diesen vertrauten Strahlen in ihren Augen niederzulassen.

Als sie wieder an den Tisch trat, lag vom Licht der Lampe überglänzt eine kleine Christbescherung auf demselben. Herr von Kandern und Onkel Delbruck hatten aufgebaut. Rosa Tarlatan zu einem Ballkleide und weißen Taffet zum Unterkleide dazu. Schuhchen von weißem Taffet und von schwarzem Moiré, verschiedenfarbige Glace-Handschuhe und einen Apfel, in dem zwei blanke Goldstücke staken. Alles hatte der Onkel bedacht und besorgt, wie war er so liebevoll gegen die Waise, die man ihm anvertraut. Leonore küsste seine Hand.

»Onkelchen«, sagte sie mit feuchten, Freude glänzenden Augen: »Meine Mutter im Himmel wird es Gott sagen, wie gut Du es mit ihrem Kinde meinst.«

Warum zuckte er nur und zog seine Hand zurück und schlug sein Auge unwillkürlich zu Boden vor dem unschuldsvollen Blick des jungen Mädchens?

Auf Kanderns Gaben hatte Lorchen noch nicht zu sehen gewagt. Ihr Herz schlug ängstlich und sie schämte sich, in seiner Gegenwart von ihrem Geburtstage gesprochen zu haben, während sie sich doch so unsäglich über die Freundlichkeit freute, mit der er gestrebt, ihr Freude zu bereiten. Endlich gestattete sie sich, ihre Augen auf die Gaben des neuen Freundes zu heften. Es waren Bücher und Blumen, schöne Blumen, die ihre reizenden Köpfchen im hellen Lampenlicht wiegten. Je mehr sie dieselben betrachtete, desto höher schlug ihr Herz in heller seliger Freude. Draußen Frost und Winter, drinnen der blühende Frühling.

Sie kannte die Prachtblumen nicht einmal, denn sie hatte noch wenig Treibhauspflanzen zu sehen Gelegenheit gehabt, aber wunderschön waren sie, stolz und prächtig wie die Rosen, aber ohne deren weiche Zartheit und süßen Duft. Die Zweig- und auch die Blumenblätter wie aus Wachs gedrückt, fest, glänzend und beinahe durchsichtig. Dann wieder andere Stöcke, wo weiße oder rote Blüten wie Schmetterlinge zwischen den schmalen Blättern saßen. Leonore konnte schon nicht anders, sie sprang auf und küsste die schönen Blumen und glänzende Tränentropfen fielen auf ihre glänzenden Blätter.

»Tränen?« sagte Kandern leise, »warum betauen Sie die armen Blumen mit so kostbaren Perlen, Fräulein Leonore?«

»Weil sie so schön sind«, sagte das junge Mädchen, »Blumen im tiefen Winter machen mir immer das Herz so weh, lachen Sie mich darum nicht aus, Onkel Delbruck, ich kann mir doch nicht helfen, eine Blume im Zimmer, wenn draußen der Winterwind heult und der Schnee an die Fenster schlägt, kömmt mir immer und immer vor, wie ein verwaistes Kind, denn Sonnenschein und Frühlingsluft sind der lieben Blumen Vater und Mutter.«

Und die Tränen des jungen Mädchens flossen rascher und heißer, sie fühlte ihr blühendes Leben ohne der Frühlingsluft des Heimatsglückes.

»Armes Kind, arme Waise!« tönte es in ihrem Herzen, während sie von den Blumen sprach, empfand sie schmerzlich ihr eigenes Weh. Der Justizrat hatte indes eines der Bücher genommen und schlug das Titelblatt auf. Es waren Brandes Briefe an eine Dame, eine astronomische Schrift von Ruf und so populär gehalten, dass sie für Frauen eine Wissenschaft zugänglich macht, die man ohne mathematische Vorkenntnisse für unerfassbar hält. Das zweite, eine hübsche Flora Norddeutschlands mit schönen Kupfern, und das dritte eine Länder- und Völkerkunde.

»Der Tausend«, sagte er mit sarkastischem Lächeln, »eine junge, eben aus dem Pensionat kommende Miss könnte von Mylord, ihrem Papa, keine reineren und kühleren, und wie ich mir zu denken erlaube, keine unnützeren Bücher erhalten, als Sie, Baron, meiner kleinen Nichte zu Füßen legen.«

»Ich gab dieselben im vorigen Jahre meiner Schwester«, sagte Kandern ruhig, »und sie meint, nie größeren und dauernderen Genuss durch andere gefunden zu haben.«

»Hm!« entgegnete der Justizrat und dann mit den stechenden Augen zwinkernd und in seiner hässlichen Weise lächelnd, setzte er hinzu, »Ihre Schwester ist wohl eine Freundin von hübschen Einbänden und besieht sich dergleichen gern?«

Kandern achtete nicht darauf, als aber Leonore nach den Büchern griff, errötete sie und ein süßes Lächeln flog über ihre lieblichen Züge. Jedes dieser Bücher war ein Erinnerungszeichen an das erste Gespräch mit dem neuen Freunde, ein Erinnerungszeichen zugleich an ihre Kindheit, – in ihres Vaters Händen hatte sie diese Bücher gesehen und bisweilen hatte er ihr Einzelnes aus denselben mitgeteilt, und das junge Mädchen besaß einen kleinen Schatz von Naturkenntnissen, zwar nur fragmentarisch gesammelt, ohne System und Zusammenhang, aber darum vielleicht gerade umso mehr ihre Teilnahme und Wissbegierde aufregend. Der Blick, den sie auf den Geber dieses seltsam scheinenden Geschenkes richtete, war ein reicher Dank für ihn, es lag darin eine tiefe Anerkennung seiner Güte und eine Bestätigung gegenseitigen Verständnisses.

»Nun, Du wirst Dich also auf Astronomie legen, Lorchen, vielleicht auch auf Geologie, wirst Botanik treiben? Der Tausend, das wird schön sein«, sagte der Justizrat spottend. »Die Tante wird sich darüber sehr freuen, sie ist eine große Freundin von Gelehrsamkeit und liebt alle Wissenschaften.«

»Meine sel’ge Mutter, ihre Schwester, liebte sie auch«, sagte Lorchen harmlos, »mein Vater hat mir oft und oft erzählt, welche schöne Stunden sie in den ersten Jahren ihrer Ehe oft abends gehabt hätten, wenn sie zusammen spazieren gegangen wären, von den Wundern des Himmels und der Pracht der Erde sprechend. Er sprach auch oft mit mir darüber und sagte am Abende meines Konfirmations-Tages: obgleich die Astronomie dem positiven Glauben die Decke über dem Haupt, und die Geologie ihm den Boden unter den Füßen weggezogen, so wären doch beide und überhaupt alle Naturwissenschaften die Wege, zum Wissen von Gott zu gelangen. Er sagte, Gott lebe für uns sichtbar in seinen Werken und führte mir den schönen Spruch des Apostels an: Denn dass man weiß, dass Gott sei, ist ihnen offenbart, denn Gott hat es ihnen offenbart, damit des Gottes unsichtbares Wesen, das ist seine ewige Kraft und Gottheit, wird ersehen an seinen Werken, nämlich an der Schöpfung der Welt.«

Die kleine Hand des Mädchens lag bei diesen Worten auf den Büchern, und ihre sanften Augen hingen mit dem Ausdruck stillen Entzückens an den Blumen.

Sie sah so fromm und so mild aus, so kindlich einfach und doch so geistig erregt, ein Heiligenschein hätte zu diesem holdseligen Gesicht keinen Widerspruch gebildet, und doch war das blaue Auge nicht das der ewig Heiligen Jungfrau, es war das einer jugendlichen Magdalene, die noch schuldlos in die Welt blickt, neugierig, hoffend und fromm zugleich. Der Justizrat blickte auf sie und sein Spott schwieg, er musste seine Augen senken vor den reinen, treuherzigen des Kindes und das sinnliche Wohlgefallen, das er für das reizende unschuldige Geschöpf fühlte, verwandelte sich in ein seltsam peinigendes brennendes Gefühl, dem vielleicht ähnlich, das Mephisto beim Anblick der seligen Engelknaben ausspricht, er wandte sich von ihr und sagte flüsternd:

»Nichts Liebenswürdigeres am Weibe als die Einfalt.«

Dann aber setzte er hinzu:

»Wenn es Dir Spaß macht, Leonore, Dich mit solchen gelehrten Dingen zu beschäftigen; so rate ich Dir, lass’ es die Tante nicht merken, sie ist der Meinung, dass einem Mädchen jedes Wissen, was den Kreis des ihrigen übersteigt, sehr schädlich sei, und stimmt sehr ernsthaft in die Behauptung Deines seligen Großvaters, der die Sucht seiner ältesten Tochter Anna, sich Kenntnisse zu erwerben, für den Grund ihres späteren Unglückes hielt, und am Ende mag er nicht so Unrecht gehabt haben, der ehrliche Alte. Kenntnis und Erkenntnis mögen Euch Weibern wenig nützen, wie schon die Geschichte Evas beweist. Meine Frau ist die beste Hausfrau von der Welt, sie hält Zimmer und Kammer wie geleckt, und kocht mit Christianens Hilfe und nach meiner Anweisung sehr gut; noch gilt sie dafür im Nähen, Flicken und Plätten nicht ihres Gleichen zu haben; ich fürchte, Lorchen, Du trittst nicht in ihre Fußstapfen, wenn Du Dich auf Astronomie und Botanik einlassest.«

»Ich denke doch, Onkelchen«, entgegnete das kleine Mädchen ganz heiter. »Tante Selma ist mit mir zufrieden, und wenn Du nur wüsstest, wie viel Zeit wir übrig haben, sie und ich, Du würdest Dich gar nicht mehr wundern, dass sie so gern Patience legt und ich mich so sehr über Bücher und Blumen freue. – Ach, wenn ich nur ein Vögelchen, einen kleinen Hund halten könnte, wie wäre das so schön! Blumen, die man pflegt, sind nur halb lebendig, sie danken uns, indem es ihnen wohl ist und die blühen und schön aussehen – aber ein Hund, ein Haustier, o die können auch schmeicheln!« –

Siebentes Kapitel.

Der nordische Winter war vergangen und hatte mit dem nordischen Sommer gewechselt; denn der Frühling dieser Gegenden besteht nur in den Träumen ihrer Dichter.

Baron Sigmund von Kandern war Ende Februar, nachdem er Leonoren noch ein Paket Bücher geschickt, ohne das Mädchen wieder zu sehen, nach Paris gereist und hatte sich bei dem Justizrat und dessen Gattin per Karte empfohlen. Es war für Lorchen ein rechter Kummer gewesen, als sie von der Abreise des Mannes hörte, den sie für ihren Freund gehalten; sie hatte darüber in der Stille und aus Herzensgrunde geweint. Guter Gott, außer dem fernen Vater, der so selten schrieb und dessen Briefe immer kürzer und kürzer wurden, hatte sie auf der ganzen Erde keinen einzigen Menschen, den sie wirklich und wahrhaftig lieb hatte. Tante Selmas Liebe war ihr zweifelhaft, weil die Tante, obgleich sonst eine gute Frau, doch gegen sie ganz besonders streng war und oft über Kleinigkeiten Stunden lang reden, ja geradehin schelten konnte; und in der Nähe des Onkels, der in Gegenwart anderer sie gar nicht ansah, obgleich er freundlich genug gegen sie war, wenn sie mit ihm allein, beschlich sie immer ein innerliches Grauen. Sie fürchtete den Justizrat nicht, weit ehe fürchtete sie die hübsche und so sanft redende Tante, aber – sie ekelte sich vor ihm. Seine eingesetzten Zähne, seine langen, blassen Hände, sein falsches Lächeln, sein oft so sonderbarer Blick mit dem Augenzwinkern, erregten ihren Widerwillen; und dann spottete er, so oft sich nur eine Gelegenheit fand, über Kandern, den Lorchen aus tiefstem Herzen lieb hatte, der ihr wie ein teurer älterer Bruder erschien und unter dessen Bilde sie sich alles Gute und Große, alles Männliche und Rechtliche vorzustellen gewöhnt hatte.

Tante Selma hatte die Absicht, die Johanniszeit auf dem Lande zuzubringen und wollte Lorchen zur Familie des Oberamtmanns Herbusch mitnehmen, mit welcher schon der alte Oberst von Korff auf freundschaftlichem Fuße gestanden; auch war Delbruck damit anfangs einverstanden, und alle Vorbereitungen zur Abreise waren bereits gemacht. Aber den Tag vor derselben meldete sich ein Rheuma so bedeutend und so zur Unzeit, dass die Tante schon nach Kaimehlen abschreiben wollte.

»Es wird nicht anders gehen, liebe Selma«, sagte der Leidende, »so leid mir’s auch um Dich und Deine gestörte Sommerfreude tut, aber allein mit Christiane und Wurmser kann ich unmöglich bleiben.«

Die Justizrätin seufzte und versicherte, dass es ja gar nichts auf sich habe, dass sie recht gerne bleibe, dass es ja auch nur ihre Pflicht sei, die ihr übrigens auch in Kaimehlen keine Ruhe lassen würde. Freilich wenn Leonore ein bisschen verständiger wäre, wenn man das träumende, leichtfertige Ding zu etwas brauchen könnte, da – mit sechszehn Jahren war sie selbst, die wackere Tante Selma, viel verständiger und viel, viel praktischer gewesen.

Man müsste es versuchen! warf Delbruck gleichgültig hin – mit Wurmser und Christianens Beistand sei das Mädchen am Ende doch zu brauchen. Er wolle doch gern seiner Frau die Reise und den ländlichen Aufenthalt gönnen, der ihrer Gesundheit und Schönheit stets so zuträglich. Tante Selma lächelte, sie hatte es sehr gern, wenn ihr Mann von ihrer Schönheit sprach. Man komplimentierte noch ein wenig miteinander und endlich war man einig, und Lorchen erhielt den Befehl, ihre Sachen auszupacken und sich zur Pflege des kranken Onkels vorzubereiten. Sie betrübte sich deswegen recht innerlich. Wieviel Freude hatte sie sich von der Reise versprochen!

Fahren, Meilen weit fahren durch den Sommersonnenschein; die wogenden Kornfelder sehen, zwischen deren schlanken Halmen rote Mohnköpfe hervor funkeln, und blaue Kornblumen wie Freundesaugen zu ihr hinüberschauen. Sich versenken in die dunklen Schatten des lieben Waldes, den silberhellen Strom vorübergleiten sehen und dem Segel des Schiffs mit den Augen folgen: das alles ging ihr nun verloren, sie blieb in der heißen, dumpfigen Stadt und allein neben dem Onkel. Wie peinlich war ihr die Vorstellung von den langen, langen Stunden, die sie ihm gegenüber würde zubringen müssen.

Die Tante reiste indes!

Lorchen sah mit feuchten Augen dem hübschen Wagen nach, der morgens vier Uhr mit der Glücklichen durch die stille Straße rollte.

Es war kühl und morgenfrisch. Auf den Eisenketten vor der Haustüre hingen Tauperlen, und der Kastanienbaum, gerade über vor dem Posthause, hatte alle Blätter voll Tröpfchen. Ein Stückchen blauen Himmels, an dem weiße Wolkenschäfchen sich sammelten, hing über der schlafenden Stadt. Der Nachtwächter ging vorüber und sagte freundlich:

»Guten Morgen, Fräulein Lorchen.«

Wie schön erschien ihr das alles.

»Ich will die Morgenstunde recht genießen, so sehr ich nur immer kann«, dachte sie, nahm oben einen Teil von Brandes Briefen, öffnete das Fenster des besten Zimmers und setzte sich lesend an dasselbe. Es kamen einzelne Stellen, die ihr, obgleich sie die Kupfertafeln aufschlug, unverständlich blieben und sie versuchte nun, sich über dieselben aufzuklären, in dem sie auf einer Schiefertafel Zeichnungen entwarf. Das war hübsch und die Zeit flog ihr dabei unter den Händen hin. Es schien ihr, indem sie mehr und mehr zum Verständnis der Größe, Regelmäßigkeit und Einfachheit des Naturganzen kam, als ob leise eine Hülle nach der andern von einer himmlisch schönen Natur, einem von ihr geahnten Götterbilde niedersänke. Das Köpfchen in die Rechte gestützt, den Zeigefinger der Linken als Zeichen in dem auf dem Schoße ruhenden Buche, betete sie in ihrem Herzen die Worte des Psalmisten:

»Herr, wie sind Deine Werke so groß und viel, Du hast sie alle weislich geordnet und die Erde ist voll Deiner Güte!«

Ihre Gedanken trugen sie auf Seraphsflügeln weit weg von der Erde, und mit ganzer Seele bei dem erhabenen Gegenstande, der sie beschäftigte, weilend, beschlich den ermüdeten kindlichen Körper der Schlaf. Sie fühlte ein Sichlosringen von etwas sie Hinderndem, Fesselndem. Sie sah sich selbst, schlafend am Fenster der Tante, den Kopf müde und träumerisch an die Wand gelehnt, während sie sich doch deutlich bewusst war, dass sie langsam, getragen von mächtigen Schwingen, ohne Furcht, ohne Schwindel, ohne ein Gefühl der Verwunderung emporschwebte in der unermessenen Bläue des Äthers.

Eine weiße Wolke zog vor ihr her, die schien ihr ein weißes, fliegendes Gewand zu sein, das ein Etwas verhüllte, das ihr unendlich teuer, dessen Dasein ihr Herz mit Freude erfüllte und stillen Trost auf die Stellen ihres Ichs goss, die sie ohne Aufhören schmerzen fühlte. Ohne die Hand auszustrecken, fühlte sie, dass sie sich festhielt an jenem flutenden Gewande, dass es ihr half, sich empor zu heben, und wie sie so da hinzog durch unendliche Räume, blickte sie nieder – unter ihr schwamm die Erdkugel, sie war ihr so fern, dass sie sie überblicken konnte. Das Meer deckte den schönen Stern, wie ein Gewand von Silberlohe, von dem das grüne, blühende Land wie von einer prachtvollen Stickerei verziert. Die Eisspitzen der Gletscher lagen darauf als blitzende Brillanten, der Sand der Wüste bildete einen goldenen funkelnden Gürtel darum, und die ziehenden Wolken umwebten alles mit einem zarten Schleier. Es war ein unbeschreiblich schönes Ganzes, was sich den entzückten Augen des jungen Mädchens zeigte und ihr Herz schlug hoch auf in unaussprechlicher Wonne. – Und wie sie umherblickte, da erkannte sie, dass ein Wesen neben ihr war, das Blicke unendlicher Liebe auf sie heftete, und eine Stimme, mild wie das Säuseln des Waldes, flüsterte ihr zu:

»Sieh, Leonore, wie klein die Erde wird mit allem, was sie enthält, wenn die Erkenntnis Dich über sie erhebt, und vergiss nicht, wie groß das Kleinste dem Herzen wird, wenn die Liebe Dich hineinversenkt. Ein Tropfen Wasser ist eine von Leben wimmelnde Welt, und der Stern, den Du Welt zu nennen gewöhnt bist, kaum ein Tröpfchen im Ozean des Alls. Lerne ––«