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Greta steht ab einem Wendepunkt ihres Lebens: Sie verlässt ihr geliebtes Zuhause und zieht in ein Seniorenheim. Ein Schritt, der nach Abschied klingt und doch der Beginn eines neuen Kapitels ist. "Ein letzter Neuanfang" erzählt einfühlsam von Verlust und Hoffnung, von Würde, Mut und den kleinen Begegnungen, die das Leben im Alter reich machen. Mit leiser Poesie und Herzenswärme lädt dieser Roman dazu ein, die Kraft von Gemeinschaft und Menschlichkeit neu zu entdecken. Für Leserinnen und Leser, die bewegende Geschichten schätzen: nahe am Leben, voller Gefühl und Hoffnung.
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Veröffentlichungsjahr: 2026
Den Menschen, die das Licht im Alltäglichen erkennen und das Dunkel mit ihrer Hoffnung durchbrechen.
Es ist sehr gut denkbar,
dass die Herrlichkeit des Lebens um jeden und immer in ihrer ganzen Fülle bereit liegt,
aber verhängt, in der Tiefe, unsichtbar, sehr weit.
Aber sie liegt dort, nicht feindselig,
nicht widerwillig, nicht taub.
Ruft man sie mit dem richtigen Wort,
beim richtigen Namen, dann kommt sie.
Das ist das Wesen der Zauberei,
die nicht schafft, sondern ruft.
Franz Kafka
Samstag: Ein neuer Anfang
Sonntag: Kaffee & Kuchen
Montag: Montag – Wochenstart
Dienstag: Fitness for seniors
Mittwoch: All-inclusive Urlaub
Donnerstag: Stürme und Sonnenschein
Freitag: Hoch die Hände, Wochenende!
Samstag: Putztag
Anhang – Zum Nach-Denken
Ein neuer Anfang
Greta saß stumm auf dem Beifahrersitz, während die Welt draußen am Fenster vorbeizog. Felder und Bäume wechselten sich ab, kleine Dörfer huschten vorbei wie flüchtige Erinnerungen. Die Straße zum Seniorenheim war lang und gerade, gesäumt von kahlen Birken, deren Äste wie feine Finger in den trüben Himmel griffen. Es war ein grauer, stiller Tag im November, wie gemacht für Abschiede.
Ihre Tochter Silvia saß mit geradem Rücken und festem Blick auf die Straße am Steuer. Sie sprach kaum, was Greta einerseits erleichterte, andererseits verunsicherte. Worte hätten den Raum zwischen ihnen gefüllt, doch vielleicht war gerade dieser leere Raum das, was Greta jetzt am meisten brauchte. Ihre Finger zitterten leicht, als sie die Kante ihrer Handtasche umklammerte. Die Tasche war alt, aus dunkelbraunem Leder, schon leicht abgenutzt – ein Stück Vertrautheit, das sie mitnehmen konnte.
»Es ist ein schönes Heim, Mama. Wirklich schön. Die Leute dort sind nett«, sagte Silvia plötzlich, ohne von der Straße aufzusehen. Ihre Stimme war sanft, aber sie klang einstudiert, als hätte sie diesen Satz schon oft geübt, vielleicht für sich selbst. Greta nickte, sah hinaus auf die graue Landschaft und antwortete nicht. Sie wusste, dass Silvia sich Mühe gab, und doch spürte sie diese Schwere, die nicht von der Fahrt stammte, sondern von dem, was am Ende dieser Straße auf sie wartete. Das Wort »Heim« schmeckte bitter in ihrem Mund.
Früher war ein »Heim« ein Ort der Wärme gewesen, ein Ort, an dem man ankam. Jetzt fühlte es sich an wie etwas Endgültiges, ein Platz, an dem man abgelegt wurde. »Du wirst sehen, es ist alles da, was du brauchst«, sagte Silvia, als würden wiederholte Worte das Unvermeidbare leichter machen.
Greta biss sich auf die Unterlippe und schwieg. Was sie brauchte, war doch so wenig: ihr kleines Haus, der Stuhl am Fenster, das Geräusch des Windes, der durch den alten Apfelbaum strich. Aber das hatte sie nicht mehr. Nicht, seit ihr Körper nicht mehr wollte, wie sie wollte, seit ihre Beine ihren Dienst nur zögerlich verrichteten und das Steigen der Treppen zu einem täglichen Kampf wurde.
Das Auto bog von der Landstraße auf einen schmaleren Weg ab. Vor ihnen tauchte das Seniorenheim auf, ein großes Gebäude mit hellen, modernen Fassaden, flankiert von akkurat geschnittenen Hecken. Ein breiter Parkplatz führte zu einer verglasten Eingangstür, über der ein schlichtes Schild prangte: Haus am Birkenweg. So nüchtern, so sauber. Ein paar Vögel erhoben sich von der Dachkante und flogen in den grauen Himmel davon. »Da sind wir«, sagte Silvia leise, während sie das Auto in eine Parklücke lenkte. Sie schnallte sich ab und atmete tief durch, bevor sie die Tür öffnete und ausstieg.
Greta blieb sitzen. Ihre Hand ruhte noch immer auf der Ledertasche, während sie auf das große Gebäude starrte. Wie viel von mir bleibt noch übrig, wenn ich hier einziehe? fragte sie sich. Ihr Herz klopfte schneller. Sie fühlte sich seltsam klein in diesem Moment, ein Stück Papier, das der Wind jederzeit davontragen konnte. Silvias Schritte hallten über das Pflaster, und gleich darauf spürte Greta, wie die Beifahrertür sich öffnete. Die kalte Luft schlug ihr ins Gesicht. »Komm, Mama, wir sind da.« Silvias Stimme war sanft, und doch lag darin ein Hauch von Drängen, von Pflicht. Greta drehte langsam den Kopf zu ihr. Einen Moment lang blieb sie einfach sitzen, bevor sie schließlich tief Luft holte und ihre Finger fester um die Tasche schloss. Dann löste sie zögernd den Gurt und bereitete sich darauf vor, auszusteigen.
Ihre Füße berührten das kalte Pflaster, als sie langsam aus dem Auto stieg. Ein frischer Wind wehte, der die kahlen Zweige der Birken am Rand des Parkplatzes zittern ließ. Sie richtete sich auf, so gut es ihre müden Gelenke zuließen, und sah sich unsicher um. Der Hof war ordentlich, fast steril. Keine Menschen, kein Lachen, nur das gedämpfte Rauschen der Bäume und ein leises Brummen aus der Ferne. So still, dachte sie.
Silvia hatte inzwischen den Kofferraum geöffnet. Das Geräusch der Heckklappe durchschnitt die Stille wie ein Messer. Greta sah zu ihrer Tochter hinüber und folgte ihrem Blick auf die drei Umzugskartons, die ordentlich nebeneinander standen, klein und unscheinbar. Das war wohl alles, was sie mitnehmen wollte. Ein ganzes Leben, zusammengepresst auf drei Kartons. Und in einem Koffer. Langsam ging Greta auf den Kofferraum zu und blieb davor stehen. Sie betrachtete die Kartons mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Erstaunen und Traurigkeit lag. Drei Kartons. Nur drei. Wie wenig war das? Ein bisschen Kleidung, ihre alten Fotoalben, ein paar Bücher und ihre Schreibutensilien. Dinge, die sie jetzt für wichtig hielt. Dinge, die genug sein mussten.
Ein neues Zuhause. Ein neuer Lebensabschnitt. Ein bitteres Lächeln begleitete den Gedanken: Ab-Schnitt, dachte sie. Was für ein seltsames Wort. Ein Schnitt, der das Alte vom Neuen trennt. Ein Schnitt, der Verbindungen kappen und doch wieder etwas Neues entstehen lassen soll. Ein Schnitt, der ihr das Herz noch ein wenig schwerer machte.
Sie erinnerte sich daran, wie Silvia sie letzte Woche gefragt hatte, ob sie noch mehr einpacken wolle.
»Mama, willst du wirklich nur das mitnehmen?«, hatte sie gesagt, während sie mit den Kartons auf dem Wohnzimmerboden kniete. Sie hatte nur den Kopf geschüttelt. »Das reicht«, hatte sie geantwortet. »Ich brauche nicht mehr.« Damals hatte sie es noch mit fester Stimme gesagt, so als wäre es ihre Entscheidung. Aber jetzt, vor diesen Kartons stehend, spürte sie ein leises Ziehen in der Brust. Warum habe ich nicht mehr eingepackt? Der alte Ohrensessel aus dem Wohnzimmer, der so weich war, dass er ihr jedes Mal das Gefühl gab, umarmt zu werden. Die Teetasse mit dem abgesplitterten Rand, die sie seit Jahrzehnten begleitete. Das Wandbild in ihrem Schlafzimmer, das sie zusammen mit ihrem Mann ausgesucht hatte. Warum war das alles nicht mehr wichtig genug?
Greta schüttelte den Kopf, als wollte sie die Gedanken vertreiben. Vielleicht, weil es zu schwer gewesen wäre, all die Dinge mitzunehmen, die so viel von ihr selbst in sich trugen. Dinge, die nicht nur aus Stoff, Holz oder Porzellan bestanden, sondern aus Erinnerungen. Vielleicht wollte sie nicht auf jedes dieser Stücke blicken und ständig daran erinnert werden, was sie verloren hatte. Oder vielleicht wollte sie Silvia nicht zur Last fallen, mit einem Umzug, der ganze Möbelwagen füllen würde.
»Mama, ist alles in Ordnung?«, fragte Silvia.
Ihre Stimme klang geduldig, aber ein bisschen besorgt. Greta blinzelte und hob den Kopf. »Ja, ja, alles gut«, murmelte sie und versuchte, ein Lächeln zustande zu bringen. Doch als sie auf die drei Kartons im Auto blickte, wurde ihr bewusst, wie wenig es doch brauchte, um ein Leben zu verstauen. Vielleicht lag darin eine seltsame Art von Freiheit. Oder vielleicht war es einfach nur traurig.
»Dann lass uns jetzt erstmal reingehen, Mama. Wir schauen uns in Ruhe um und deine Sachen hole ich dann später aus dem Auto. Ich nehme erstmal nur deinen Koffer mit hinein.«
Greta griff fester nach ihrer Ledertasche und richtete sich auf. Der Wind zog an ihrem Mantel, als würde er sie sanft schieben wollen. Silvia deutete mit einem Nicken zur Eingangstür des Seniorenheims. »Sollen wir reingehen?« Greta antwortete nicht, sondern nickte nur stumm. Schritt für Schritt bewegte sie sich nach vorne, langsam, würdevoll, doch mit der leisen Unsicherheit eines Menschen, der einen Fuß in unbekanntes Terrain setzt. Ein neuer Anfang, dachte Greta noch einmal. Und doch fühlte es sich so sehr nach einem Ende an.
Während Greta Schritt für Schritt auf das große Gebäude zuging, hörte sie das leise Klappern ihrer Schuhe auf den grauen Pflastersteinen. Neben ihr ging Silvia, doch Greta spürte die Anwesenheit ihrer Tochter kaum.
Ihre Gedanken begannen zu wandern, wie sie es immer taten, wenn sie versuchte, die Unruhe in sich zu beruhigen. Ob ich jetzt in einem richtigen Pflegebett schlafen soll? Der Gedanke fühlte sich seltsam fremd an. Ein Pflegebett, das man hoch und runterfahren kann, vielleicht mit Gittern an der Seite. Ein Bett, das nicht wirklich ein Bett ist, sondern eher eine Vorrichtung, wie ein Möbelstück aus dem Krankenhaus. Unwillkürlich musste sie schmunzeln. Sie dachte an ihren lieben Enkel. »Ein richtiges Jugendzimmer«, hatte er vor ein paar Jahren gesagt, stolz wie ein kleiner König, als er ihr sein neues Bett zeigte. 1,40 Meter breit, »damit ich mich auch mal richtig ausstrecken kann, Oma!« Er hatte gegrinst, die Hände in die Hüften gestemmt, und Greta hatte damals gedacht: Ach, dieser Junge. So viel Freude an den kleinen Dingen. Sein Konfirmationsgeld hatte er nicht für Spiele oder neue Kleidung ausgegeben, sondern für ein Bett. Für ihn war es der erste Schritt in die Erwachsenenwelt gewesen – ein eigenes Reich, ein Stück Unabhängigkeit. Und ich? Sie seufzte innerlich. Ich ziehe heute in ein Seniorenheim und lege mich vermutlich heute Nacht zum ersten Mal in ein »Alte-Leute-Bett«.
Ein Bett, das nicht mir gehört und schon viele vor mir benutzt hatten. Ein Bett, in das man sich legte, weil man alt war. Weil man nicht mehr »richtig« konnte. Ihre Schritte wurden noch langsamer, als sie darüber nachdachte.
Tja. Alles hat eben seine Zeit im Leben. Ja, das hatte ihre Großmutter schon immer gesagt. Als Kind hatte Greta das nicht verstanden.
Damals schien die Zeit endlos, wie eine weite Sommerwiese, die niemals endete. Doch nun wusste sie es besser. Alles kommt und geht. Das große Jugendbett, das kleine Pflegebett. Dazwischen das Leben. Ein Wimpernschlag.
Beim Näherkommen sah Greta die großen Glastüren, in denen sich die Umgebung, das Grau des Himmels, die kahlen Bäume und Silvia, die einen Schritt vorausging, spiegelten. Auch sie sah sich darin: eine kleine Frau in einem langen Mantel, die fest ihre Ledertasche hielt, als wäre sie der letzte Anker zu etwas Vertrautem. »Alles hat seine Zeit«, murmelte sie leise vor sich hin, kaum hörbar, und sie fragte sich, ob man das jemals so leicht akzeptieren konnte, wie man es sagte.
Der Empfangsbereich war hell erleuchtet, die Möbel modern, aber schlicht. Es wirkte freundlich, fast bemüht einladend – und doch fühlte Greta, wie ihre Füße kurz schwer wurden, als könnte sie sich nicht dazu durchringen, den Raum wirklich zu betreten.
Es war zu spüren, dass eine besondere Energie in der Luft lag. Oder war es vielleicht: KEINE Energie? Ein spannender Gedanke, sagte sich Greta und lief aufmerksam weiter. Jetzt geht es einzig und allein darum, was ich aus der Situation machen werde. Es geht nicht um andere. Es kommt ganz auf mich selbst an. Ich werde das alles schaffen! Ganz sicher!
»Guten Tag. Frau Bergmann?« Eine freundliche Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Eine Pflegerin trat auf sie zu, mit einem breiten Lächeln und rosigen Wangen, die von der Wärme der Heizung noch etwas stärker leuchteten. Sie trug ein hellblaues Kasack-Oberteil, an dem ihr Namensschild befestigt war. »Mein Name ist Frau Meier. Ich bin die Stationsleiterin und zeige Ihnen alles. Herzlich willkommen bei uns!« Greta nickte nur stumm und erwiderte das Lächeln zaghaft. Die Worte »herzlich willkommen« klangen gut gemeint, doch in ihr hinterließen sie einen bitteren Nachgeschmack. Ein Willkommen für jemanden, der gegangen war, weil er gehen musste.
Silvia antwortete stattdessen. »Vielen Dank.« Ihre Stimme klang höflich, aber seltsam knapp. Man hörte die Anstrengung heraus, die sie sich gab, um ihre Emotionen zu bändigen. »Wir freuen uns, dass alles so gut vorbereitet wurde.« Sie zog an ihrer Jacke und rückte unruhig ihre Handtasche zurecht.
Frau Meier schien die Zurückhaltung der beiden zu spüren, doch sie ließ sich nichts anmerken. Sie war es wahrscheinlich gewohnt, mit solchen Momenten umzugehen – mit den Unsicherheiten der neuen Bewohner und der Ungeduld ihrer Familien. »Kommen Sie, ich zeige Ihnen gleich Ihr Zimmer«, sagte sie in einem warmen Ton, der keine Widerrede duldete, und machte eine einladende Handbewegung.
Während Greta und Silvia ihr folgten, sprach Frau Meier weiter, erzählte kurz von den Abläufen, dem Tagesprogramm und dem Mittagessen, das bald serviert würde. Doch ihre Worte wehten wie ein ferner Wind an Gretas Ohr vorbei. Sie nahm sie wahr, ohne sie wirklich zu hören. Ihre Augen wanderten stattdessen durch die langen Flure, an deren Wänden gerahmte Bilder hingen: Blumen, Landschaften, ein stilles Meer. Alles so neutral, so belanglos. Für niemanden und doch für alle, dachte Greta.
Sie blieb vor der Türschwelle einer Glastüre, die den langen Flur an der Mitte vom folgenden Teil mit den Bewohnerzimmern trennte, stehen.
»Aha! Montag von 10-11 Uhr gibt es gemeinsames Musizieren mit Yvonne. Am Dienstag kommt nachmittags der Jochen und bietet das ›lustige Quiz für alle‹ an. Am Mittwoch können alle ... Na – das wird ja lustig, die Senioren-Animation. Da werde ich mal schön die Runde aufmischen!«
Silvia ging dicht neben ihr, die Lippen fest aufeinandergepresst. Die Anwesenheit ihrer Tochter wurde ihr zur stummen Stütze – und vielleicht war sie das auch für Silvia. Frau Meier drehte sich noch einmal lächelnd zu ihnen um, als sie vor der Tür zu Gretas Zimmer Halt machte. »Hier sind wir. Ich hoffe, es gefällt Ihnen.«
Die Pflegerin öffnete die Tür mit einem entschlossenen Schwung, und Greta wusste, dass dies der Moment war – der Moment, in dem aus einem einfachen Zimmer ein »Zuhause« werden sollte.
Mit freundlicher Stimme sagte Frau Meier: »So, Frau Bergmann, das ist Ihr neues Zimmer. Nochmals herzlich willkommen!« Dabei hielt die Tür weit offen und machte eine einladende Geste.
Greta blieb einen Moment in der Tür stehen. Ihre Hand ruhte noch fest um den Griff ihrer Tasche, als würde sie sich daran festhalten müssen, um nicht die Balance zu verlieren. Ihr Blick wanderte langsam durch den Raum, der jetzt ihr neues Zuhause sein sollte.
Es war ein schlichtes Zimmer, freundlich, aber ohne Seele. Ein großes Fenster ließ viel Licht hinein, der Blick fiel auf einen kleinen Garten, in dem ein paar Vögel zwischen den Büschen flatterten. Rechts stand ein Pflegebett – ja, genau so ein Bett, dachte Greta –, frisch bezogen mit weißer Bettwäsche. Daneben ein Nachttisch, auf dem eine Lampe und ein Telefon standen, noch in Plastik eingepackt. Ein Schrank aus hellem Holz, ein kleiner Tisch mit zwei Stühlen, ein großer Spiegel an der Wand und in der Ecke ein Regal, das fast leer war. Alles sauber, ordentlich. Zu ordentlich.
Greta atmete durch, während sie sich im Raum umsah. Es fühlte sich an wie ein Hotelzimmer ohne Aufenthalt – ein Ort, der noch nicht wusste, zu wem er gehörte. Ihre drei Kartons würde sie morgen hier einräumen. Ein paar Fotos, ein paar Bücher, vielleicht die gestrickte Decke für das Bett. Doch jetzt, im Moment, wirkte alles fremd und leer. Ein Stück ihres alten Lebens hatte hier noch keinen Platz.
»Schau mal, Mama, das ist doch wirklich schön hier!« Silvias Stimme war viel zu fröhlich, zu hell, und sie schlug fast über vor gespielter Begeisterung. Ihre Mutter drehte den Kopf zu ihr und sah, wie Silvia nervös den Koffer trug, ihn viel zu energisch auf den Stuhl stellte und dabei in Bewegung blieb, als müsse sie die Leere des Raumes durch ihr hektisches Tun füllen. Sie strich mit der Hand über den Tisch, zog einmal die Gardine zur Seite und wieder zurück, nickte dabei immer wieder, als würde sie alles in Gedanken abhaken. »Das Fenster ist schön groß, da hast du ganz viel Licht. Und der Blick in den Garten – richtig idyllisch, oder? Siehst du den Baum dort drüben? Wirklich ein toller Platz.«
Greta antwortete nicht sofort. Sie spürte, wie es Silvia schwerfiel, die Emotionen zu überspielen. Sie sah es an den leicht zuckenden Händen, die immer wieder die Handtasche zurechtrückten, an ihrem Lächeln, das einen Hauch zu lange auf ihrem Gesicht verweilte, und an ihrem Blick, der etwas suchte, woran er sich festhalten konnte. Ihre Tochter sprach zu viel, zu schnell. Als würde die Stille des Raumes sonst alles aufbrechen.
»Ja«, sagte Greta schließlich leise, »es ist… schön.« Ein Wort, das leicht über die Lippen ging, doch in ihrer Brust spürte sie einen Knoten. Sie hatte ihre Tasche noch immer nicht abgestellt.
Silvia drehte sich zu ihr um und versuchte ein Lächeln, das sie wohl ermutigend wirken lassen wollte.
»Wir holen jetzt die Sachen aus dem Auto und packen gleich ein bisschen aus, Mama. Vielleicht deine Bücher, die Fotos – es wird gleich viel gemütlicher hier. Du wirst sehen, das wird gut.«
Ihre Stimme brach am Ende fast unhörbar. Es war förmlich zu spüren, dass dieser Tag für Silvia fast schwerer war als für sie selbst. Die Pflegerin, die all das schweigend beobachtet hatte, trat sanft zur Seite. »Nehmen Sie sich Zeit, Frau Bergmann. Wenn Sie Hilfe brauchen, sagen Sie einfach Bescheid. Eine Pflegerin ist gleich nebenan.« Greta nickte, und Frau Meier zog sich leise zurück.
Ein kaum hörbares Geräusch, als die Tür ins Schloss fiel, ließ die Stille im Raum plötzlich noch greifbarer werden. Sie sah von dort, wo sie eben stehen geblieben war, zu Silvia, die nun ganz still war und nur noch auf den Boden sah, die Hände fest aneinandergelegt, als könnte sie so die Kontrolle behalten.
Ein neues Zuhause, dachte Greta. Sie schloss kurz die Augen, bevor sie tief Luft holte und ihre Tasche auf den Tisch stellte. Ein kleines Geräusch, ein erster Schritt.
»Na, dann wollen wir gleich mal auspacken«, sagte sie mit ruhiger Stimme und sah Silvia an. »Nicht wahr?! Könntest du meine Sachen vielleicht alleine aus dem Auto holen? Ich fühle mich gerade ein wenig kraftlos.«
Silvia hob den Kopf, blinzelte kurz und lächelte dann, diesmal ein wenig echter, wenn auch zögerlich. »Ja, Mama. Na klar! Ich gehe direkt zum Auto und hole dir all deine Sachen. Bin gleich wieder zurück. Und dann: Lass uns ganz in Ruhe ein wenig auspacken!«
Die beiden Frauen schauten sich an, beide ein leichtes, vielleicht sogar »leicht gekünsteltes« Lächeln im Gesicht. Sie blieben für einen Moment stehen, inmitten eines Raumes, der bald ihr Zimmer werden sollte. Ein neues Zuhause. Ein neues Kapitel.
Plötzlich spürte Greta ein Drängen in der Blase – typisch, dachte sie, ausgerechnet jetzt. Sie blickte sich suchend im Zimmer um und entdeckte schließlich die Tür zum kleinen Bad. Ohne ein Wort zu sagen, ließ sie Silvia im Raum stehen und öffnete die Tür.
Der erste Schritt ins Bad war begleitet von einem leichten Schaudern. Es roch nach Reinigungsmitteln, nach diesem sterilen, frischen Geruch, den Greta so gar nicht mit einem Zuhause verband. Das Licht flammte grell über ihr auf, ein kaltes Weiß, das jedes Detail schonungslos zeigte.
Das Bad war zweckmäßig, aber leer. Es gab einen Spiegel über dem Waschbecken, das wie eine schlichte weiße Keramikschale mit einem großen Hahn aussah. Neben der Toilette, die so tief an der Wand angebracht war, dass sie wirkte wie für ein Kind, baumelte ein langes rotes Seil. Greta trat näher heran und ließ ihren Blick daran entlangwandern. Am Ende hing ein Kunststoffknüppel – rot wie das Seil, auffallend in dieser ansonsten blassen Umgebung. Sie runzelte die Stirn. Was das wohl soll? Sie dachte an einen Notfall, an alte Menschen, die nicht aufstehen konnten, die jemanden rufen mussten. Es fühlte sich an wie eine Erinnerung daran, dass man hier nicht mehr unabhängig war. Hilfe war immer nur einen Griff entfernt – oder sein musste.
Ihr Blick wanderte weiter. Gegenüber der Toilette befand sich die Dusche, ein bloßes Gefälle im Boden mit einem Abfluss in der Mitte. Keine Duschwand, keine Tür, nicht einmal ein Vorhang, der ihr ein wenig Privatsphäre hätte bieten können. Als hätte ich noch nie ohne Vorhang geduscht, dachte sie mit leicht zuckenden Mundwinkeln. Trotzdem stimmte sie der Anblick traurig. Es war kein Ort der Entspannung, kein Ort, an dem man sich morgens gemütlich zurechtmachte und die Haare kämmte, sondern einfach ein Raum, um funktional zu sein. Sie trat an das Waschbecken heran, stellte ihre Handtasche auf dem Fliesenboden ab und strich mit der Hand über das kalte Porzellan. Ein eigenartiger Kloß bildete sich in ihrem Hals. Hier also würde sie ab jetzt ihre Hände waschen, ihre Zähne putzen, Tag für Tag.
Mit einem tiefen Atemzug drehte sie sich zur Toilette. Na gut, dachte sie pragmatisch, das muss jetzt eben sein. Sie hängte ihren Mantel vorsichtig an den Haken hinter der Tür und setzte sich langsam. Das Seil baumelte neben ihr, und Greta konnte nicht anders, als es noch einmal anzuschauen. Ein Symbol dafür, dass man nicht mehr alles alleine schaffte.
Als sie fertig war, richtete sie sich mühsam auf und strich den Rock glatt. Beim Händewaschen ließ sie das Wasser etwas länger laufen als nötig, das Rauschen ein angenehmes Geräusch, das die unangenehme Stille verdrängte. Dann stand sie einen Moment still, sah sich noch einmal um und dachte: Ein Anfang, Greta. Ein seltsamer Anfang. Langsam drehte sie sich um, öffnete die Tür zurück zum Zimmer und schloss das sterile Bad hinter sich.
Greta ließ ihren Blick durch das Zimmer schweifen, das nun ihr neues Zuhause war. Sie hatte keine eigenen Möbel von zuhause mitgebracht. Daran hatte Greta bisher noch gar nicht gedacht. Vielleicht sollte ich doch noch einmal zurückfahren und mir ein paar Möbelstücke auswählen, die ich hierher mitnehme? In ihrem neuen Zimmer standen bisher lediglich ein Bett, daneben ein Nachttisch mit Lampe und einem Telefon, ein Schrank, ein leeres Wandregal und in der einen Ecke ein Tisch mit zwei Holzstühlen. Doch alles um sie herum war fremd. Es war nicht ihr Wohnzimmer, nicht das Zuhause, das sie sich über Jahrzehnte geschaffen hatte.
Ein Kloß bildete sich in ihrer Kehle, und sie konnte die Tränen nicht zurückhalten. Warum muss das jetzt so kommen?, dachte sie verzweifelt. Vor wenigen Wochen noch hatte sie sich irgendwie zurechtgefunden in ihrer Wohnung, auch wenn die Treppen immer steiler und die Nächte immer einsamer geworden waren. Die Stürze, die Unsicherheit, das Drängen ihrer Tochter – alles hatte sie hierhergeführt. Sie verstand die Gründe, wirklich, aber die Wehmut nagte an ihr. War dies der Anfang vom Ende? Oder nur ein neuer Anfang? Sie wusste es nicht. Sie wusste nur, dass es wehtat.
Ich ziehe in eine WG ein – und wollte das eigentlich nie! Eine WG, die ich mir nicht ausgesucht habe. Studierende machen ja häufig so richtige WG-Castings. Da müssen sich die Bewerberinnen und Bewerber vorstellen und es wird genau darauf geschaut, ob alle Personen auch gut zueinander passen. Doch hier ist das alles anders. Ich wurde nicht gefragt, ob ich dieses Haus in genau diesem Ort gerne beziehen möchte. Ich konnte mich nicht casten lassen, als neue Mitbewohnerin. Ich konnte mich nicht selbstbestimmt für die WG entscheiden – und die WG sich nicht für mich. Das ist doch ein merkwürdiges Konzept – oder?!
Ich habe mich in den vergangenen Wochen gespürt und verändert wahrgenommen. Deshalb weiß ich: es ist alles richtig so. Mein Umzug. Die Veränderung. Es ist richtig. Doch schmerzt es so sehr. Mein geliebtes Haus. Mein geliebter, wunderschöner Garten. Der gewohnte Ausblick in die Weite – über die Stadt hinaus – aus meinem Fenster im Wohnzimmer. Mein Haus, meine Heimat. Ich habe mein »Zuhause«, meine Heimat aufgeben müssen. Welch Schmerz ich dabei empfinde. Oh weh. Doch trotzdem muss ich zugeben: Es ist richtig so. Weil ich in den vergangenen Monaten einige Dinge getan – bzw. eben nicht (!) getan – habe, was meine liebe Familie sehr besorgt gemacht hat. Und ich verstehe das alles. Doch ich verweigere mich diesen Gedanken und Eingeständnissen. Weil es einfach traurig und vor allem schmerzlich ist, etwas aufgeben zu müssen, was man so sehr liebt.
Mein Zuhause. Wie sehr mich dieser Verlust schmerzt. Ich weiß gerade nicht, ob ich das verkraften werde. Doch ich werde es versuchen! Ich möchte stark bleiben. Zuversichtlich. Positiv. Ja! Ich werde diesen Verlust verarbeiten und wieder neue Kraft schöpfen! Ich schaffe das! Ich bin Greta und ich bin stark! Ich habe schon viele Veränderungen bewältigt. Und bin stets daran gewachsen. Ich werde das schaffen. Ganz bestimmt. Und ich möchte meiner Familie wieder mehr Ruhe und Sicherheit geben, dadurch, dass sie mich nun gut umsorgt und beschützt wissen. Es wird sicherlich alle erleichtern. Ich bin hier versorgt und nicht alleine.
Silvia hatte in der Zwischenzeit den Koffer, die drei Kartons, die Stehlampe und die Bilder aus dem Auto geholt. Ein aufmerksamer Pfleger hatte sie vor der Eingangstüre beim Ausräumen des Kofferraumes zuerst aus der Ferne beobachtet und ihr umgehend seine tatkräftige Unterstützung angeboten. Und so war alles schnell in Gretas Zimmer gelangt.
Als Greta aus dem Badezimmer kam, saß ihre Tochter auf dem schlichten Holzstuhl am kleinen Tisch, die Hände im Schoß gefaltet, während ihr Blick ziellos durch das Zimmer wanderte. Greta setzte sich wortlos neben sie ans Fenster, ihre Schultern leicht nach vorne gebeugt, als drücke die Last des Tages sie herab. Die Stille zwischen ihnen war fast greifbar, und Silvia fühlte, wie sich ein Knoten in ihrem Magen zusammenzog.
War es wirklich die richtige Entscheidung gewesen? Ihre Gedanken drehten sich im Kreis, immer wieder dieselben quälenden Fragen. Hätte sie nicht doch eine andere Lösung finden können? Vielleicht hätte sie ihr eigenes Leben umkrempeln und mehr Verantwortung übernehmen müssen. Wäre es möglich gewesen, Mama in ihrem geliebten Zuhause zu lassen, mit einer Pflegekraft, die ihr zur Hand ging? Vielleicht hätte sie häufiger zu Besuch kommen sollen, mehr Zeit für ihre eigene Mama finden müssen, sich besser organisieren können. Das schlechte Gewissen nagte an ihr, wie ein ständiges Pochen im Hintergrund ihrer Gedanken.
Silvia war sich vollkommen bewusst, dass ihre liebe Mutter heute sehr traurig war. Die Wehmut war Greta deutlich anzusehen, auch wenn sie es tapfer überspielte. Doch was, wenn das nicht nur heute so blieb? Was, wenn die Einsamkeit hier im Heim zu einem ständigen Begleiter wurde? Würde Silvia daran schuld sein? Die Vorstellung schnürte ihr die Kehle zu.
Sie schüttelte kaum merklich den Kopf, als wolle sie die bohrenden Gedanken vertreiben, doch sie kamen immer wieder zurück. Mit einem kurzen Blick auf ihre Mutter fragte sie sich, ob diese ihre inneren Zweifel spürte. Ihre Mutter hatte immer ein Gespür dafür gehabt, wenn etwas nicht stimmte. Silvia wollte etwas sagen, etwas Tröstendes, etwas, das ihnen beiden Mut machte, aber die Worte wollten ihr nicht über die Lippen.
Gretas Hände ruhten auf dem weichen Stoff ihres alten Wollpullovers, als sie hinaus in den grauen Innenhof mit dem kahlen Baum starrte. Doch die vertraute Wärme des Pullovers konnte das Gefühl der Einsamkeit nicht vertreiben, das plötzlich wie ein Schatten über sie fiel. Merkwürdig, dachte sie. Es war, als ob sie in diesem Zimmer eingeschlossen wäre, als gäbe es eine unsichtbare Barriere, die sie von der Welt da draußen trennte. So ein Quatsch, sagte sie leise zu sich selbst, fast ermahnend.
Sie atmete tief ein, versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. »Ich muss mich erstmal sortieren und mich einleben«, murmelte sie. »Das ist alles so neu. So anders.«
Sie ließ ihren Blick wieder hinauswandern, zu dem kahlen Baum, der in der Winterluft stand. »Ich bin nicht alleine«, flüsterte sie. Nein, sie war nicht alleine. Hier in diesem Haus lebten viele andere Menschen, ihre neuen Mitbewohner. Menschen, die sicher auch ihre Geschichten, ihre Sorgen und Hoffnungen hatten. Dieses Wissen beruhigte sie ein wenig, auch wenn es sich noch fremd anfühlte. Sie würde diese Menschen kennenlernen, würde herausfinden, wie das Leben hier funktionierte. Es war keine Einsamkeit, die sie spürte, sondern einfach … ein Übergang. Zumindest redete sie sich das ein, während sie sich vorsichtig mit dem Gedanken anfreundete, dass dieses Zimmer nun ihr Zuhause war.
Greta lehnte sich ein wenig zurück und ließ ihren Blick weiterhin nach draußen schweifen. Während sie ihre Gedanken zu sortieren versuchte, huschte ein weiteres Gefühl durch sie hindurch – eine Mischung aus Nostalgie und Wehmut. Ich gehöre noch zu der Generation, die gerne Kontakt zueinander hat, dachte sie, realen Kontakt, nicht dieses Hin- und Herwischen auf einem Smartphone. Das ist für mich zu unpersönlich. Sie zog leicht die Augenbrauen zusammen, als sie sich daran erinnerte, wie oft sie ihre Enkel dabei beobachtet hatte, wie sie mit flinken Fingern über die Bildschirme ihrer Geräte glitten, kommunizierend mit Menschen, die sie noch nie getroffen hatten und wohl auch nie treffen würden.
