Ein Lied für Ella Grey - David Almond - E-Book

Ein Lied für Ella Grey E-Book

David Almond

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Beschreibung

Claire ist Ellas beste Freundin. Und sie erlebt hautnah mit, wie Ella vom Sturm ihrer Gefühle ergriffen und mitgerissen wird – einer unumstößlichen Liebe zu einem jungen Musiker namens Orpheus, dem sie an den malerischen Stränden von Northumberland begegnet. Doch wer ist der rätselhafte Fremde, der alle jungen Leute mit seinem Gesang in den Bann zieht und besonders Ella betört? Und auf welche Wege wird Ella ihm folgen? Nach einem dramatischen Vorfall überschlagen sich die Ereignisse, und die Liebe zwischen Ella und Orpheus – schmerzlich und grenzenlos – zeigt sich in ihrer ganzen Größe und Unbedingtheit.

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Seitenzahl: 217

Veröffentlichungsjahr: 2024

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Für Freya und ihre Freunde

INHALT

TEIL 1

TEIL 2

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

TEIL 3

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

SECHS

SIEBEN

ACHT

NEUN

ZEHN

ELF

ZWÖLF

DREIZEHN

VIERZEHN

FÜNFZEHN

SECHZEHN

TEIL 4

EINS

ZWEI

DREI

VIER

FÜNF

TEIL 5

EINS

ZWEI

TEIL 6

LESEPROBE

VORBEMERKUNG

GRÜN

ROSA

Ich bin die, die zurückgelassen wurde. Ich bin die, die diese Geschichte erzählt. Ich kannte sie beide, kannte ihr Leben und ihren Tod. Es geschah vor nicht langer Zeit. Ich bin jung, wie sie. Wie sie? Ist das möglich? Kann man beides sein, jung und tot zugleich? Ich habe keine Zeit für solche Fragen. Ich muss die Geschichte loswerden und weiterleben. Ich sag es, wie es ist. Jetzt, in diesem Moment, während sich die Dunkelheit im eisigen Norden verdichtet und die bitteren Sterne auf die Erde scheinen. Am Morgen bin ich fertig. Ich bringe meine Freundin für eine Nacht in die Welt zurück, und dann lasse ich sie gehen. Für immer. Folgt mir, erst einem Wort, dann dem nächsten, einem Satz, dann dem nächsten, einem Tod, dann dem nächsten. Zögert nicht. Geht weiter. Begleitet mich durch die Nacht. Es dauert nicht lang. Schaut nicht zurück.

Ich fange in der Mitte an, als sich die Räder bereits drehten und das Ende noch nicht in Sicht war. Es war ein früher Morgen im späten Frühling, zwei Wochen vor dem neuen Trimester, und wir beide lagen im Bett, nur wir zwei, wie damals so oft. Wir haben regelmäßig zusammen übernachtet, schon als Fünfjährige, mit unseren Teddybären und in flauschigen Schlafanzügen. Und jetzt, mit siebzehn, verbrachten wir immer noch viele Nächte miteinander. Eine Zeit lang hatten ihre Eltern es unterbunden. Sie meinten, sie sei zu alt für so etwas. Sie meinten, es lenke sie ab, sie würde nicht genug für die Schule lernen. Aber sie hatte sich durchgesetzt, ganz wie sie es immer von ihr verlangten. Sie wickelte sie um den kleinen Finger, wie sonst niemand es konnte. Und da waren wir also, eng aneinandergekuschelt in meinem sicheren, warmen Bett. Wir atmeten zusammen, wir träumten zusammen. Ella und Claire. Claire und Ella, so wie es immer gewesen war. So schön. So jung und hell und frei und … Unsere ganze Zukunft lag jenseits und wartete auf uns. Und … Ha!

Licht schimmerte durch die dünnen gelben Vorhänge. Mein Windspiel klingelte in der Brise, und der schäbige Traumfänger schwankte hin und her. Vom Fluss kündigte ein Glockenton den Gezeitenwechsel an, und weit draußen auf dem Meer stöhnte ein Nebelhorn.

Ich dachte, Ella würde noch schlafen. Ich hatte meine Wange an ihren Rücken gelegt und lauschte dem stetig schlagenden Rhythmus ihres Herzens, dem Summen des Lebens tief in ihr.

«Claire», sagte sie leise. «Bist du wach?»

«Ich dachte, du schläfst noch.»

«Nein.» Sie rührte sich nicht. «Es ist Liebe, Claire. Ich weiß, dass es Liebe ist.»

Mein Herz schlug schneller.

«Was meinst du mit Liebe?»

Ich hörte das Lächeln auf ihrem Atem, ein freudiges Seufzen.

«Ich war die ganze Nacht lang wach», sagte sie, «und habe an ihn gedacht.»

«An ihn?», wiederholte ich. «Wen meinst du mit ihn?»

Ich löste mich von ihr. Drehte mich auf den Rücken.

Natürlich kannte ich ihre Antwort bereits.

«Orpheus!», flüsterte sie. «Orpheus! Wen sonst?»

Sie kicherte. Sie drehte sich zu mir. Sie strahlte.

«Claire! Ich bin in ihn verliebt.»

«Aber du kennst ihn doch kaum. Er weiß doch gar nicht, dass du existierst, verdammte Hacke.»

Sie kicherte weiter.

«Und du hast nur einmal mit ihm gesprochen, verdammte …»

Sie drückte mir ihren Finger gegen die Lippen.

«Das spielt keine Rolle. Ich höre ständig sein Lied. Es ist, als ob ich darauf gewartet hätte, ihn zu finden und dass er mich findet. Es ist, als würde ich ihn schon ewig kennen. Und er kennt mich.»

«O Ella.»

«Es ist Bestimmung. Ich liebe ihn und er liebt mich. Es gibt keinen anderen Weg.»

Dann die Stimme meiner Mutter, die uns nach unten rief.

«Wir kommen!», antwortete Ella.

Sie hielt mein Gesicht und blickte mir in die Augen.

«Danke», sagte sie.

«Wofür?»

«Dass du uns zusammengebracht hast.»

«Was?»

«Wenn du mich an jenem Tag nicht angerufen und mir gesagt hättest, ich solle zuhören, und wenn er nicht zu mir gesungen hätte …» Sie küsste mich auf die Lippen. «Dann wäre das alles nicht passiert.»

Mum rief noch einmal.

«Claire! Ella!»

Ich zog mich an.

«Nein», sagte ich.

Sie lächelte einfach weiter.

Sie küsste mich noch einmal.

«Du wirst es sehen», sagte sie. «Du wirst es verstehen. Es dauert nicht mehr lang.»

«Was dauert nicht mehr lang?»

«Bis er zu mir kommt. Ich weiß, dass er zu mir kommen wird.»

Sie küsste mich ein drittes Mal.

Poch, machte mein Herz. Poch.

Wir gingen am Fluss entlang zur Schule, vorbei an der Stelle, wo einstmals die Werften gestanden hatten. Wir überquerten die Brücke über den kleinen Bach, wo wir früher Papierschiffe hatten segeln lassen und unsere Puppen gebadet hatten. Die hohen Bögen der Brücken von Newcastle schimmerten in der Ferne. Wir kamen an ein paar Anglern vorbei. Ein Teil des Wegs war eingebrochen, vermutlich wegen der vielen unterirdischen Hohlräume der uralten Bergwerke.

Ich nahm ihre Hand und führte sie daran vorbei.

Ich nahm ihr Gesicht in meine Hände und hielt es sanft fest.

«Du bist so ein Unschuldslamm», sagte ich zu ihr. «Du hattest noch nie einen richtigen Freund, und jetzt …»

Sie kicherte ihr typisches Kichern.

«Aber so ist das doch immer, oder? Erst ist alles ganz normal, und dann – ka-wumm! – aus heiterem Himmel, verliebt man …»

«Es kann keine Liebe sein», sagte ich. «Das ist Wahnsinn.»

«Dann lass mich wahnsinnig sein!!»

Sie küsste mich voller Entzücken und trat dann einen Schritt zurück.

Schnell gingen wir weiter. Andere gesellten sich zu uns, die alle auf dem Weg zur Holy Trinity waren. Wir begrüßten unsere Freunde.

Vor dem Eingangstor zur Schule zögerte sie und sagte leise und verschwörerisch: «Ich weiß, dass du eifersüchtig bist.» Sie kam wieder ganz nah, senkte den Blick und flüsterte kaum hörbar: «Ich weiß, dass du mich liebst, Claire.»

«Natürlich liebe ich dich. Und zwar richtig, nicht wie …»

«Ich werde trotzdem für dich da sein», sagte sie. «Ich werde trotzdem deine …»

«O Ella, hör auf damit. Hör jetzt auf.»

Ich wollte sie festhalten, aber sie löste sich von mir und ging weiter. Sie blickte nicht zurück.

In Englisch leiert Krakatau sein Programm über das blöde Verlorene Paradies des blöden John Milton herunter. Ich beobachte Ella, die aus dem Fenster schaut. Sie war schon immer eine Träumerin. Manchmal kommt es mir so vor, als wäre sie gar nicht da. Als wäre sie halb tot und ich würde an ihrer Stelle für sie leben.

Manchmal würde ich sie am liebsten in den Hintern treten, sie schütteln und anschreien:

«Wach auf!»

«Claire?», höre ich Krakataus Stimme.

Er steht neben meinem Tisch.

«Ja?»

«Was meinen Sie dazu?»

«Wozu?»

Er verdreht die Augen. Aber noch ehe er etwas sagen kann, springt Ella plötzlich auf und wirft ihre Schulsachen in ihre Tasche.

«Ella?»

Sie würdigt ihn keines Blickes. Sie grinst mich an. Sie ballt vor Freude die Faust.

«Siehst du?», flüstert sie. «Ich hab’s dir doch gesagt, Claire.»

Und sie lacht und geht zur Tür hinaus und ist fort.

Dann sehen wir ihn, draußen im schimmernden Licht am Rand des Schulhofs. Er steht bloß da, mit seinem Mantel und den Haaren und der Lyra auf dem Rücken. Wirft uns seinen Orpheus-Blick zu. Und da ist Ella, die über den Asphalt auf ihn zuläuft.

Krakatau reißt das Fenster auf.

«Ella!», ruft er. «Ella Grey!»

Sie dreht sich nicht um. Einen Moment lang blicken sie und Orpheus sich nur an, sehen sich zum allerersten Mal. Dann fassen sie sich an den Händen und gehen davon.

Krakatau ruft noch ein letztes Mal und drückt dann das Fenster wieder zu.

«Tut so, als könnte sie kein Wässerchen trüben, und dann so was?», sagt er. «Euch Kids soll einer verstehen!»

«Also stimmt es», flüstert Angeline neben mir.

«Ja», flüstere ich zurück.

«Sie sagte, er würde kommen, und jetzt ist er da.»

«Jetzt ist er da.»

«Sie hat also eine dunkle Seite. Wer hätte das gedacht?»

Wir starren zu der Stelle, wo die beiden eben noch gestanden haben.

«Sie und er», sagt Angeline. «Sie und er.»

Wir sind nicht die Einzigen, die aus dem Fenster blicken.

«Wer ist er?», fragt Bianca.

«Er ist Sex am Stiel», lacht Crystal Carr.

Keiner der Jungen sagt etwas.

«Setzt euch wieder hin», fordert Krakatau. «Wenn sie scharf auf eine schlechte Note ist, bitte schön. Ihre Entscheidung.»

«Wirklich?», brumme ich.

«Wer ist er?», fragt Bianca. «Wer?»

«Machen wir weiter», verlangt Krakatau. «Evil, be thou my good. Was genau meint Milton damit?»

«Wer?», drängt Crystal.

«Er nennt sich Orpheus», sage ich. «Orpheus, verdammte Hacke.»

EINS

Vielleicht war er schon immer bei uns. Vielleicht war er da, als wir dreizehn waren, vierzehn, fünfzehn, sechzehn, als wir unsere wunderbare Clique fanden. Wir trafen uns immer auf dem grasbewachsenen Hang neben dem « Cluny», einem alten Lagerhaus für Whiskey, das zu kleinen Künstlerateliers umgebaut worden war. Das Cluny steht am Ouseburn, dem kleinen Fluss, der aus dem Untergrund auftaucht, durch mehrere Tore fließt und dann in den Tyne mündet. Es gibt dort ein Café, eine Bar, ein kleines Theater und einen Saal, wo Bands spielen. Direkt daneben liegt ein Kinderbuchladen, « Seven Stories». Als wir klein waren, sind wir oft mit unseren Eltern oder Lehrern hingegangen und haben Schriftstellern und Künstlern zugehört. Wir bastelten Masken und kostümierten uns und spielten unsere eigenen Geschichten nach. Wir sprachen durch unsere Masken und sagten: Ich bin nicht ich. Ich bin fort. Ich habe mich in Dracula verwandelt, in Cinderella, in Hänsel oder Gretel, in Guinevere. Und dann erzählten wir unsere Geschichten und schrieben sie auf. Und während ich das hier aufschreibe, denke ich, dass er schon damals bei uns war, dass er durch uns sprach, uns zum Singen und Tanzen brachte.

Wir haben immer gesagt, dass die Luft unten am Ouseburn irgendwie voller Magie sei. Wir tranken Wein, lauschten dem Fluss, blickten in die Sterne und vertrauten uns gegenseitig unsere Träume an: dass wir Kunst erschaffen wollten, Musik machen, Gedichte schreiben, durch die Welt wandern, irgendetwas anderes, irgendetwas Neues. Wir belächelten die Kids, die nicht so waren wie wir, die immer über ihre Ausbildung und ihre Karriere redeten, über Häuserkauf und Zinsen und Renten. Kids, die alt sein wollten, bevor sie jung gewesen waren. Kids, die tot sein wollten, bevor sie gelebt hatten. Sie gruben ihre eigenen Gräber und errichteten die Wände zu ihren eigenen Gefängnissen. Wir dagegen hielten an unserer Jugend fest. Wir waren frei und ungebunden. Wir wollten nie langweilig und alt werden. Wir durchstöberten Charity-Shops nach Vintage-Klamotten. Wir kauften zerrissene Levis und wunderschöne, verblasste Sachen aus Samt von Attica in High Bridge. Wir trugen bunte Stiefel und Hanftücher von GAIA. Wir lasen Baudelaire und Byron. Wir trugen uns gegenseitig unsere Gedichte vor. Wir schrieben Lieder und posteten sie auf YouTube. Wir gründeten Bands. Wir redeten über die erstaunlichen Reisen, die wir nach der Schule zusammen unternehmen wollten. Manchmal fanden zwei von uns zusammen, bildeten für kurze Zeit ein Paar, aber wir waren die Gruppe. Wir blieben zusammen. Wir konnten einander alles sagen. Wir liebten einander.

Einmal, in der Abenddämmerung an einem Samstag, da lag Orpheus ganz deutlich in der Luft. Es war gerade Frühling geworden, aber man spürte schon die nahende Wärme. Der Himmel über der Stadt schimmerte rosa und golden. Das Gras, auf dem wir saßen, hatte ein wenig Sonnenwärme gespeichert. Vom Kai, weiter Richtung Innenstadt, ertönten Gelächter und die Rufe von Betrunkenen. Jemand hatte eine Flasche Valpolicella aus dem Supermarkt mitgebracht, die wir rumgehen ließen, von Mund zu Mund. Wir schmeckten einander, während wir den Wein schmeckten.

Und wir alle hielten die Luft an, als die dunkle Silhouette eines Schwans von der Eisenbahnbrücke weiter oben auf uns zugesegelt kam. Der Schwan kreiste dicht über unseren Köpfen und flog dann zum Fluss. Wir fluchten vor Freude. Wir applaudierten, lachten, lächelten und seufzten uns durch die Stille, die danach kam.

Ich lehnte mich mit ausgestreckten Beinen nach hinten gegen Ellas Rücken. Sie war die Erste, die es hörte.

«Was zum Teufel ist das?», fragte sie plötzlich.

«Was denn?»

«Ist was?»

Sie richtete sich auf.

«Na, das. Hört doch.»

Was war es? Wir lauschten. Wir hörten nichts. Dann hörten wir es.

«Da ist was», sagte Sam Hinds.

«Dieses … wie Gesang?», sagte Angeline.

«Genau», sagte Ella. «Das.»

Genau, wie Gesang. Aber auch wie eine Mischung aus Flussgeräuschen, den Betrunkenen, der Luft auf unseren Gesichtern, Vogeltrillern und Motorengebrumm, wie etwas, das uns vertraut war, aber mit einem neuen Klang darin, der das alles in ein merkwürdiges Lied verwandelte. Wir spitzten die Ohren.

«Nee», sagte Michael. «Da ist nichts.»

Aber da war nicht nichts. Warum wären wir sonst alle aufgestanden und hätten nach dem Ursprung gesucht? Warum hätten wir sonst gesagt, dass wir es hörten? Oder lag es bloß daran, wie wir damals waren – willens, überall dort Merkwürdigkeiten und Schönheiten zu sehen, wo im Grunde genommen nichts war? Lag es am Valpolicella und dem Schwan und daran, dass wir zusammen waren – jung und albern?

Jedenfalls standen wir auf. Ich trank den letzten Schluck Wein aus und warf die Flasche in einen Abfalleimer. Wir stiegen das grasige Ufer zum Ouseburn hinunter, der durch die tiefen Schatten floss, die das Cluny warf. Das Wasser wirbelte und strudelte und gurgelte, während es seinem Zusammenfluss mit dem Tyne entgegenströmte. Der glatte, schwarz glänzende Schlamm am Rand klickte beim Trocknen. Schritte erklangen. Ein Paar überquerte die schmale Stahlbrücke über den Fluss. Ich hielt Ellas Hand.

Wir folgten dem Strom aufwärts bis zu der Stelle, wo er den Tunnel unter der Stadt verließ. Er brauste durch die verschlossenen Metallgitter. Wir betrachteten die Bolzen und die massiven Vorhängeschlösser, die rostigen Warnschilder mit dem Totenschädel und den gekreuzten Knochen darauf. Die Wölbung des Tunnels, durch den das Wasser strömte. Die Dunkelheit, aus der es kam.

«Gott, wie unheimlich das früher war!», sagte sie.

«Weißt du noch, wie wir hineinstarrten und versuchten herauszufinden, wer am weitesten sehen konnte?»

«Bis dahin, wo all die Ungeheuer und Monster waren.»

«Und dann die Ratten, die ständig da rausgekrabbelt kamen!»

«Und wir sind immer schreiend und kreischend weggerannt!»

Wir kicherten.

«Da ist ein Monster!», rief ich.

«Und noch eins, Claire! Siehst du? Das da hat Hörner! O nein!»

Wir machten bloß Witze, aber trotzdem zitterten wir. Ich zog sie an mich und küsste sie auf den Mund. Genau an diesem Ort hatte ich das zum ersten Mal getan, vor vielen, vielen Jahren, als wir noch kleine Kinder waren, die Angst vor der Dunkelheit hatten.

«Hör doch», sagte sie. «Es ist, als ob es im Wasser schwimmt, Claire. Kannst du es hören?»

Wir lauschten dem Wasser, das zwischen den Ufern durch die Gitter floss.

«Ja!», sagte ich.

Wir lachten.

«Klingel-klingel», sagte ich.

«Wusch-wusch-wusch!»

Aber dann schien der Klang, nach dem wir suchten, von überallher zu kommen. Wir entfernten uns vom Wasser. Bei jedem Schritt und jeder Biegung, jedes Mal, wenn wir stehenblieben, kam er aus einer anderen Richtung, von einem anderen Ort.

«Woher kommt das?», fragte ich.

Ella schloss die Augen und wandte ihr Gesicht dem Himmel zu.

«Aus uns selbst!», sagte sie.

Carlo Brooks, der von uns allen am ältesten aussah, ging ins Cluny, um mehr Wein zu besorgen. Wir tranken und gingen weiter. Wir suchten nicht mehr, sondern wanderten einfach nur durch den Klang. Maria und Michael, die sich seit Wochen neckten, schlüpften in einen Hauseingang, umarmten einander und küssten sich – endlich – leidenschaftlich.

«Ja, macht schon!», rief Catherine. «Liebt euch doch!»

Ein paar betrunkene Mädchen schwankten vorbei.

«Das sind die Hipster!», lachten sie.

Wir kicherten, als sie weg waren.

«Hipster!», höhnten wir.

«Das sind wir!», lachte Sam.

Wir lauschten weiter. War der Klang verblasst, oder hörten wir ihn einfach nicht mehr? Oder war er nie da gewesen? Wer weiß? Jedenfalls merkten wir, dass er fort war. Wir kamen an den Kai. Wir gingen an den Bars und Restaurants vorbei, schoben uns durch Grüppchen von Leuten, die auf der Straße standen und Bier und Wein tranken.

Unter der Tyne Bridge stand ein Straßenmusiker, ein alter Kerl mit einem faltigen, schmutzigen Gesicht, der auf einer zerschrammten Mandoline spielte und mit rauer Stimme ein Lied in einer fremden Sprache sang.

«Vielleicht war er es die ganze Zeit», sagte Sam.

Wir blieben stehen und hörten eine Weile zu.

«Früher war er bestimmt toll», sagte Ella.

Der Musiker deutete zu seinem alten Mandolinenkasten auf dem Boden vor seinen Füßen.

Wir kramten ein paar Münzen aus den Taschen und warfen sie ihm zu.

Er lächelte uns an und reckte seine Mandoline gen Himmel. «Die Götter werden euch belohnen», sagte er und spielte mit neuem Elan weiter.

«Wow!», sagte Carlo. «Wie würdest du erst spielen, wenn wir dir ein paar Zehner in den Kasten werfen?»

Der Mann lachte.

«Gebt mir euer Ein und Alles», sagte er. «Dann werdet ihr schon sehen.

Ich ging mit einer schweigenden Ella nach Hause.

«Vielleicht war es nichts», sagte sie. «Vielleicht war es doch etwas, das aus uns herauskam.»

Ich verabschiedete mich an ihrem Gartentor von ihr. Sie rührte sich nicht. Dann machte sie einen Schritt rückwärts und starrte mich an, als ob nicht ich es wäre, die sie anstarrte.

«Es ist verrückt», sagte sie.

«Was denn?»

«Wir zu sein. Jung zu sein! Es ist irre! Findest du nicht, Claire? Findest du nicht? Sag ja! Sag ja!»

«Ja», flüsterte ich.

Sie kicherte, zuckte mit den Schultern, drehte sich um, ging.

ZWEI

Am nächsten Tag erfuhren wir, dass einige von uns den Klang noch länger gehört hatten: im Schlaf, im Traum. Ich nicht. Ihre Augen wurden groß, und ihnen stockte der Atem, als ihnen klar wurde, dass sie mit ihrem Erlebnis nicht allein waren. Sie sagten, sie wollten ihn wiederhören, ihn wiederfinden.

In Englisch war Ella mal wieder im Reich der Feen.

«Also», sagte Krakatau. «Twice or thrice had I love thee, Before I knew thy face or name. Was halten Sie davon, Miss Grey? Miss Grey! Was halten Sie davon?»

Ich stieß sie mit dem Ellbogen in die Seite.

«Ich finde», sagte sie, «dass es wunderschön ist.»

«Ja. Und weiter?»

«Und … seltsam. Irgendwie absolut geheimnisvoll.»

«Aha. Die Theorie des Wunderschönen, Seltsamen und irgendwie absolut Geheimnisvollen. Sehr gut.» Seine Miene verdüsterte sich. «Leider ist das keine für den Leistungskurs anerkannte Theorie. Miss Finch?»

Bianca zuckte zusammen.

«Ich?»

«Ja, Sie, Miss Finch. Was denken Sie, will unser Dichter John Donne damit ausdrücken?»

Bianca zog ihre Feile an ihrer Nagelkante entlang, während sie Krakatau einen Moment nachdenklich musterte.

«Na ja», sagte sie, «ich glaube, John Donne will damit ausdrücken, dass er unbedingt mal wieder flachgelegt werden will.»

Sie schwieg. Krakatau stand da, ohne mit der Wimper zu zucken.

«Ehrlich gesagt», fuhr sie fort, «glaube ich, dass es bei allen Dichtern genau darum geht.»

Sie betrachtete ihn.

«Aber vielleicht verstehen Sie solche Sachen einfach nicht.» Wir ließen Krakatau nicht aus den Augen. Gab es heute mal wieder einen Vulkanausbruch?

Nein. Heute nicht.

DREI

Die Prüfungen standen kurz bevor; die Mauern des Systems rückten näher. Ellas Eltern waren zutiefst besorgt über ihre Haltung. Sie sei so ein kluges Mädchen gewesen, aber jetzt entwickele sie sich mehr und mehr zu einer närrischen Träumerin. Sie meinten, sie werde alles aufs Spiel setzen. Ihre Beurteilungen seien sehr enttäuschend, und ihr Notendurchschnitt befinde sich im Sturzflug. Wollte sie denn keine gute Schülerin mehr sein? Wollte sie nicht auf eine gute Universität gehen? Wollte sie kein erfolgreiches Leben führen?

«Was meinen sie mit ‹erfolgreiches Leben›?», fragte ich.

«Geld und so was, nehme ich an.»

«Geld und so was?»

«Und einen guten Job und so was.»

Ich stellte mir vor, wie ausweichend sie ihren Eltern antwortete, dass sie nicht für sich selbst einstand, dass sie bloß mit den Schultern zuckte und herumdruckste und ihnen sagte, wie leid es ihr tue und dass sie sich mehr Mühe geben werde.

«Und was hast du gesagt?»

«Nicht viel.»

Ich blickte sie böse an.

«Nicht viel? Über wessen Leben reden wir hier eigentlich?»

«Über meins. Das Problem ist», sagte sie, «dass ich weiß, was sie meinen.»

«Hä?»

«Sie haben recht. Selbst du sagst es doch: Ich bin ein hoffnungsloser Fall.»

«Verdammt noch mal, Ella. Tu nicht so, als ob ich auf ihrer Seite stehen würde.»

«Und sie sagen, wir können uns nicht mehr so oft sehen. Und diese Sache mit den Übernachtungen …»

«Die Sache mit den Übernachtungen?»

«Das artet langsam aus.»

«Es artet aus?»

«Sie sagen, so was machen kleine Mädchen. Sie sagen, das ist okay, bis zu einem gewissen Alter. Aber jetzt ist es nicht mehr passend.»

«Was?»

«Sie sagen, hin und wieder mal samstags, dagegen wäre nichts zu sagen, aber …»

«Und was hast du zu all dem gesagt?»

«Nicht viel.»

«Nicht viel? Verdammte Hacke, Ella.»

«Und diese Sache mit Ostern …»

«Die Sache mit Ostern?»

«Ja. Das ist gestorben.»

«Was?»

Die Sache mit Ostern. Das war die Sache, die wir alle seit letztem Winter planten, als die Graupelschauer niederprasselten und wir dachten, wir würden alle Beriberi kriegen aus Mangel an Sonnenlicht. Der Norden! Wir klagten. Warum wohnen wir im eiskalten Norden? Warum nicht in Italien? Oder in Griechenland? Wir lachten. In einer eiskalten Nacht saßen wir draußen vor dem Cluny, eingehüllt in unsere Atemwolken, ganz dicht aneinandergedrängt, um uns warm zu halten. Verdammte Hacke, sagten wir. Wir machen unser eigenes Italien! Wir machen unser eigenes verdammtes Griechenland! Wo? Natürlich in Northumberland. Wir fahren hin, sobald es geht, in den Osterferien, im Frühling. Dann scheint wenigstens ab und zu die Sonne. Und wenn nicht, dann tun wir einfach so, als gäbe es Sonnenschein. Wir betrinken uns und träumen von der Sonne. Wir gehen eine ganze Woche lang jeden Tag an den Strand. Wir fahren mit dem Bus oder wir trampen. Wir packen Zelte ein und Schlafsäcke und schlagen in den Dünen unser Lager auf. Wir nehmen Gitarren mit und Flöten, Tamburine und Trommeln. Dazu noch ein paar große Pfannen, eine Tonne Nudeln, literweise Pesto und tausend Dosen Tomaten. Eine Mülltüte voll mit Tiefkühlbrot. Wir legen zusammen und kaufen Tetrapacks mit Chianti von Lidl und Chardonnay von Aldi. Und dort oben gehen wir im Meer fischen. Wir klauen den Bauern die Kartoffeln von den Feldern. Wir zünden Lagerfeuer an und feiern jede Nacht eine Beachparty. Wir singen und tanzen und sind ganz weit weg von der blöden Holy Trinity und dem blöden Krakatau und von dem verdammt blöden Verlorenen Paradies. Wir vergessen Notendurchschnitte und Prüfungen und verpatzte Klausuren und Zeugnisse und das ganze blöde, langweilige Zeug, das uns daran hindert, wir selbst zu sein.

Ja! Es würde großartig werden. Es würde so sein, wie wir uns das Leben vorstellten. Wir würden frei sein, verdammte Hacke!

Und jetzt das. Jetzt verbieten die blödesten und langweiligsten Fürze auf der ganzen verdammten Welt meiner besten Freundin, bei dieser Sache mitzumachen.

«O Ella», sagte ich.

«Ich weiß», sagte sie. «Aber Claire, bei mir ist es anders, das weißt du doch.»

«Wegen der Adoption meinst du?»

«Ja. Wegen der Adoption. Ohne sie wäre ich …»

«Was?»

«Nichts. Das weißt du, Claire. Ich wäre gar nichts.»

VIER

Wir fuhren trotzdem hin, der Rest von uns, wie wir es vorhatten, sobald sich die Gelegenheit bot. Am Freitag war der letzte Schultag vor den Osterferien, und am Samstag machten wir uns auf den Weg. Da Ella nicht mitkommen konnte, fuhr ich allein. Ich wollte erleben, wie es war, einfach nur ich zu sein, ganz allein durch die Welt zu reisen. Ein Abenteuer, selbst wenn es nur fünfzig Meilen waren. Ich sagte den anderen, ich würde trampen, aber das traute ich mich doch nicht. Ich entschied mich für abseitige Routen, damit ich niemandem begegnete: ein paar Überlandbusse, die im Zickzack von Stadt zu Stadt fuhren, von Badeort zu Badeort. Mein Rucksack war schwer, weil ich Dosentomaten und Wein dabeihatte. Hinter Alnmouth fuhr der Bus an Carlo und Angeline vorbei, die in einem Feld neben der Straße auf dem Rücken in der Sonne lagen. In Boulmer sah ich eine rennende Gestalt, von der ich glaubte, es könnte Luke sein. Ich nahm mir vor, ein Tagebuch zu schreiben, und kritzelte nichtssagende Phrasen über die Schönheit des Frühlings, das glitzernde Meer und die Dunkelheit der Kormorane auf dunklen, nassen Felsen auf ein Blatt Papier.

Ich wünschte, Ella wäre hier, schrieb ich, und dann schrieb ich es mindestens noch zweimal.

In dem Unterstand an der Bushaltestelle von Beadnell versuchte ich, ein Gedicht zu schreiben.

Na, mach schon, flüsterte ich mir zu. Irgendwas, na komm! Vergeblich. Ich ließ es sein.

Zu früh, sagte ich mir. Vielleicht morgen oder übermorgen. Wir trafen uns wie geplant in Bamburgh, auf der Wiese unterhalb der Burg. Um drei Uhr waren wir alle da. Jeder von uns wurde mit viel Jubel und reichlich Umarmungen begrüßt. Wir gingen zur Küste und spazierten etwa eine Meile nach Süden, wo der Strand breit und die Dünen hoch waren und von wo aus man den besten Blick zu den Farne Islands hatte, die weiter südlich im Meer verstreut lagen. Unterwegs sammelten wir Treibholz. Der Himmel war wolkenlos. Die Sonne brannte golden auf die Cheviot Hills. In den Dünen schlugen wir unsere Zelte auf und legten unsere Schlafsäcke aus. Dann zündeten wir unser erstes Feuer am Strand an. Wir aßen Nudeln und tranken Wein. Wir sangen. Wir schrien und flüsterten in die Schönheit der Nacht, der Sterne, des Mondes, in das kreiselnde Licht des Leuchtturms, weit draußen auf Longstone, in das Zischen des Meeres, in das beharrliche Rufen einer Eule von irgendwoher hinter uns. Um zwei Uhr morgens ging zehn Minuten lang ein Sternschnuppenschauer nieder.

Wir standen am Rand des Meeres, hielten uns an den Händen, wiegten uns und sangen.

«My bonny lies over the ocean …»

«We all live in a yellow submarine …»

«Bobby Shaftoe’s gone to sea …»