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Wie soll der zwölfjährige Michael nur mit den vielen Problemen fertig werden, die plötzlich auf ihn einstürmen? Nach dem Umzug in ein renovierungsbedürftiges Haus haben seine Eltern auf einmal kaum mehr Zeit für ihn, weil das Baby, seine Schwester, viel zu früh auf die Welt kommt und sehr krank auf der Intensivstation liegt. Also erkundet er auf eigene Faust den verwilderten Garten und die baufällige Garage. Dort entdeckt er inmitten von Schutt und Dreck ein seltsames Wesen. Was ist das bloß für eine befremdliche Kreatur, abstoßend und faszinierend zugleich? Zusammen mit dem Nachbarsmädchen Mina kümmert sich Michael um das dürre Wesen mit den auffällig knochigen Schulterblättern, das sich selbst nach einiger Zeit ›Skellig‹ nennt. Die beiden Kinder machen dabei die ungewöhnlichsten Erfahrungen. Und vieles in Michaels Leben verändert sich … Endlich ist Almonds weltweit gefeiertes Buch ›Skellig‹ wieder für den deutschsprachigen Buchmarkt erhältlich Skellig ist David Almonds erstes und wohl bedeutendstes Kinderbuch (auf Deutsch früher unter dem Titel ›Zeit des Mondes‹ erschienen). Es wurde ein Welterfolg, wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt und ist vielfach preisgekrönt (u.a. mit der Carnegie Medal und jüngst beim Literaturfestival Berlin 2021/Internationale Kinder- und Jugendliteratur mit der Auszeichnung »Das außergewöhnliche Buch/The Extraordinary Book« versehen). Allein in Großbritannien wurden weit über 1 Million Exemplare verkauft. ›Skellig‹ wurde zudem verfilmt (2009) und als Radio-, als Theaterstück sowie als Oper bearbeitet. Wir freuen uns mit und für David Almond über den James Krüss Preis 2022 für internationale Kinder- und Jugendliteratur!
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Seitenzahl: 164
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Für Freya Grace
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36
Kapitel 37
Kapitel 38
Kapitel 39
Kapitel 40
Kapitel 41
Kapitel 42
Kapitel 43
Kapitel 44
Kapitel 45
Kapitel 46
Zu David Almond
Impressum
Leseprobe: David Almond – Bone music
Ich fand ihn an einem Sonntagnachmittag in der Garage. Einen Tag, nachdem wir in die Falconer Road umgezogen waren. Der Winter ging zu Ende. Mama hatte gesagt, wir zögen gerade rechtzeitig zum Frühling um. Niemand sonst war da. Nur ich. Die anderen waren im Haus mit Doktor Tod und sorgten sich um das Baby.
Er lag dort im Dunklen hinter Teekisten in Staub und Dreck. Es war, als ob er schon immer dort gewesen wäre. Er war schmutzig, blass und ausgedörrt, und ich dachte, er sei tot.
Mehr hätte ich mich nicht irren können. Bald sollte ich die Wahrheit über ihn herausfinden: Solch ein Wesen hat es noch nie auf der ganzen Welt gegeben.
Wir sprachen von «Garage», weil der Häusermakler, Mr Stone, dieses Ding so genannt hatte. Es sah eher wie ein Schrottplatz oder eine Müllhalde aus oder wie eines dieser alten Lagerhäuser am Ufer, die ständig abgerissen werden. Stone führte uns in den Garten, riss die Tür auf und leuchtete mit seiner kleinen Taschenlampe ins Dunkel. Wir steckten mit ihm unsere Köpfe durch die Türöffnung.
«Sie müssen sie sich mit Ihrem geistigen Auge ansehen», sagte er. «Stellen Sie sich vor, sie ist aufgeräumt, hat neue Türen und ein repariertes Dach. Das gibt eine wunderbare Doppelgarage.»
Er sah mich mit einem blöden Grinsen an. «Oder es ist etwas für dich, Junge – ein Versteck für dich und deine Freunde. Was meinst du, hm?»
Ich schaute weg. Ich wollte nichts mit ihm zu tun haben. Auf dem ganzen Weg um das Haus herum war es immer dasselbe gewesen. «Sehen Sie es einfach vor Ihrem geistigen Auge. Stellen Sie sich einfach vor, was noch alles gemacht werden könnte.» Auf dem ganzen Weg ums Haus dachte ich ständig an den alten Mann, Ernie Myers, der hier jahrelang allein gelebt hatte. Er war schon fast eine Woche tot gewesen, bevor sie ihn in der Küche unter dem Tisch gefunden hatten. Das war es, was ich vor mir sah, als Stone über das Sehen mit dem geistigen Auge redete. Davon redete er auch noch, als wir in das Esszimmer kamen und dort in der Ecke hinter einer Sperrholzwand eine zerbrochene Toilette sahen. Wenn er bloß still gewesen wäre! Aber er flüsterte, dass Ernie am Schluss die Treppe nicht mehr geschafft habe. Sein Bett wurde ihm hier hereingebracht, eine Toilette wurde installiert, sodass für ihn alles leichter war. Stone schaute mich an, als ob er meinte, ich dürfe über solche Dinge noch nicht Bescheid wissen. Ich wollte hinaus, wieder zu unserem früheren Haus zurück, aber Mama und Papa sahen sich noch alles genau an. Sie setzten den Rundgang fort, als sei es ein großes Abenteuer. Sie kauften das Haus. Sie fingen an zu putzen und zu schrubben und anzustreichen. Dann kam das Baby zu früh. Und das war der Stand der Dinge!
Am Sonntagmorgen war ich schon fast in der Garage. Ich nahm meine Taschenlampe und leuchtete hinein. Die Türen nach hinten hinaus, zu dem dort vorbeiführenden Weg, mussten schon vor Jahren zerfallen sein, der Eingang war mit vielen großen und schweren Holzbrettern zugenagelt. Die Balken, die das Dach trugen, waren morsch, und das Dach hing durch. Das bisschen Boden, das zwischen dem Müll noch sichtbar war, war voller Risse und Löcher. Die Leute, die den Müll wegbrachten, hätten natürlich auch den aus der Garage mitnehmen sollen, aber sie warfen nur einen Blick hinein und sagten, da hinein gingen sie nicht, auch nicht für Gefahrenzulage. Es standen alte Kommoden und Waschbecken herum, Zementsäcke, uralte, an die Wände gelehnte Türen, Liegestühle mit vermodertem Stoffbezug. Große Rollen Seil und Kabel hingen an Nägeln. Haufenweise Wasserrohre und große Schachteln mit rostigen Nägeln lagen auf dem Boden herum. Alles war mit Staub und Spinnweben bedeckt. Mörtel war von den Wänden gefallen. Es gab ein kleines Fenster, aber es war schmutzig, davor standen Rollen von rissigem Linoleum. Es stank nach Moder und nach Verwesung. Sogar die Ziegelsteine zerbröckelten, als ob sie das Gewicht nicht mehr tragen könnten. Als ob das Ganze an sich selbst verfault sei und zu einem Haufen zusammenfallen würde und mit einem Bagger weggeräumt werden müsste.
Ich hörte in einer der Ecken etwas kratzen und umhertrippeln, dann nichts mehr; es war wieder totenstill. Ich stand da und überlegte, ob ich es wagen würde hineinzugehen. Gerade als ich hineinschleichen wollte, hörte ich Mama nach mir rufen. «Michael! Was machst du?»
Sie stand an der Hintertür.
«Haben wir dir nicht gesagt, du sollst warten, bis wir sicher sind, dass es nicht gefährlich ist?»
Ich machte einen Schritt zurück und sah sie an.
«Haben wir das nicht gesagt?», rief sie.
«Ja», sagte ich.
«Dann bleib draußen! Verstanden?»
Ich gab der Tür einen Stoß, und sie hing halb geschlossen an der einzigen Türangel.
«Verstanden?», rief sie.
«Verstanden», sagte ich, «ja. Verstanden.»
«Wir haben doch wohl größere Sorgen, als dass du Blödmann in der blöden Garage zerquetscht wirst?»
«Ja.»
«Du bleibst also draußen! Ja?»
«Ja. Ja, ja, ja.»
Dann ging ich wieder in den Garten, den wir Wildnis nannten, und sie ging zum fiebernden Baby zurück.
Auch der Garten sollte einmal wunderschön werden. Bänke und ein Tisch und eine Schaukel sollten angeschafft werden. Auf die Hauswand würde man Fußball-Torpfosten malen. Einen Teich mit Fischen und Fröschen würde man anlegen. Aber noch war nichts von dem da. Nur Nesseln und Disteln und Unkraut und halbe Ziegelsteine und Steinhaufen. Ich stand da und kickte Millionen Löwenzahnköpfe weg.
Nach einer Weile rief Mama, ob ich zum Mittagessen hereinkäme, und ich sagte: nein, ich bliebe draußen im Garten. Sie brachte mir ein belegtes Brot und eine Dose Cola.
«Entschuldige, es ist alles so elend und wir sind alle in einer so elenden Stimmung», sagte sie.
Sie berührte meinen Arm.
«Aber du verstehst das doch. Nicht wahr, Michael? Oder?»
Ich zuckte mit den Schultern.
«Ja», sagte ich.
Wieder berührte sie mich und seufzte.
«Es wird hier einmal wunderschön sein, wenn alles aufgeräumt ist», sagte sie.
Ich saß auf einem Ziegelsteinhaufen an der Hauswand. Ich aß das belegte Brot und trank die Cola. Ich dachte an die Random Road, aus der wir weggezogen waren, und an alle meine alten Freunde, zum Beispiel an Leakey und Coot. Sicher spielten sie jetzt auf dem besten aller Fußballplätze ein Match, das den ganzen Tag dauern würde.
Dann hörte ich es an der Tür klingeln und hörte Doktor Tod hineingehen. Ich nannte ihn Doktor Tod, weil sein Gesicht grau war und auf seinen Händen schwarze Flecken waren, und lächeln konnte er auch nicht. Einmal hatte ich gesehen, wie er sich in seinem Auto eine Zigarette anzündete, als er von uns wegfuhr. Sie sagten mir, ich solle ihn Doktor Dan nennen, und das tat ich, wenn ich mit ihm sprechen musste, aber für mich war er Doktor Tod; es passte viel besser zu ihm.
Ich trank die Cola aus, wartete einen Augenblick, dann ging ich wieder zur Garage. Ich hatte keine Zeit, dem Kratzen zuzuhören oder lange zu überlegen, ob ich es wagen sollte. Ich knipste die Taschenlampe an, holte tief Luft und schlich auf Zehenspitzen geradewegs hinein.
Etwas kleines Schwarzes trippelte über den Boden. Die Tür knarrte und krachte einen Augenblick lang, dann war es still. Staub strömte durch den Lichtstrahl der Taschenlampe. Irgendetwas kratzte und kratzte in einer Ecke. Ich ging auf Zehenspitzen weiter hinein, spürte Spinnweben an meiner Stirn zerreißen. Alles lag durcheinander. Kücheneinrichtungen, aufgerollte Tapeten, Rohre und Körbe und Bretter. Ich duckte mich unter den Wasserschläuchen, Seilen und Werkzeugtaschen, die vom Dach herabhingen. Immer mehr Spinnweben blieben an meinen Kleidern und an meiner Haut hängen. Der Boden war rissig und bröckelte. Ich öffnete einen Schrank einen Spaltbreit, leuchtete mit der Taschenlampe hinein und sah eine Million Holzkäfer wegrennen. Ich schaute in einen großen Steinkrug und sah die Knochen irgendeines kleinen Tiers, das darin gestorben war. Tote Schmeißfliegen lagen überall herum. Uralte Zeitungen und Zeitschriften. Ich beleuchtete eine von ihnen mit der Taschenlampe und sah, dass sie fast fünfzig Jahre alt war. Ich bewegte mich ganz vorsichtig. Ich fürchtete andauernd, dass alles zusammenbrechen würde. Staub verklebte mir Nase und Mund. Ich wusste, bald würden sie nach mir rufen, und ich wusste, ich sollte eigentlich hinausgehen. Ich lehnte mich gegen einen Haufen Teekisten und leuchtete mit der Taschenlampe in den Raum dahinter, und dann sah ich ihn.
Ich dachte, er sei tot. Er saß mit ausgestreckten Beinen da, sein Kopf war nach hinten gegen die Wand gelehnt. Er war mit Staub und Spinnweben bedeckt wie alles andere, und sein Gesicht war dünn und blass. Tote Schmeißfliegen lagen auf seinen Haaren und Schultern. Ich leuchtete mit der Taschenlampe in sein weißes Gesicht und auf seinen schwarzen Anzug.
«Was willst du?», sagte er.
Er öffnete die Augen und schaute zu mir auf. Seine Stimme krächzte, als ob er sie jahrelang nicht gebraucht hätte.
«Was willst du?»
Mein Herz dröhnte und donnerte.
«Ich sagte, was willst du?»
Dann hörte ich sie vom Haus her nach mir rufen. «Michael! Michael! Michael!»
Ich schlich mich wieder hinaus und trat durch die Tür ins Freie. Es war Papa. Er kam zu mir her.
«Haben wir dir nicht gesagt …», begann er.
«Ja», sagte ich. «Ja. Ja.»
Ich fing an, den Staub von mir abzuklopfen. Eine Spinne ließ sich an einem langen Faden von meinem Kinn herabfallen.
Er legte den Arm um mich. «Wir meinen es nur gut», sagte er und zog mir eine tote Schmeißfliege aus dem Haar. Er schlug an die Garagenwand, dass das Ganze wackelte.
«Siehst du?», sagte er. «Stell dir vor, was passieren könnte.»
Ich packte seinen Arm, um ihn daran zu hindern, noch einmal so draufzuschlagen.
«Nicht», sagte ich. «Ist schon gut. Ich verstehe.»
Er drückte meine Schulter und sagte, alles werde bald wieder besser sein. Er lachte.
«Klopf dir lieber den Staub ab, bevor dich deine Mutter sieht, ja?»
In dieser Nacht schlief ich kaum. Jedes Mal, wenn ich aufwachte, sah ich ihn durch die Garagentür heraus und durch die Wildnis zum Haus kommen. Ich sah ihn in meinem Schlafzimmer. Ich sah ihn ans Bett kommen. Er stand da, voller Staub und weiß und überall tote Schmeißfliegen.
«Was willst du?», flüsterte er. «Ich sagte, was willst du?»
Ich sagte mir, ich sei dumm. Ich hatte ihn nie gesehen. Alles das war noch Teil eines Traums gewesen. Ich lag da im Dunklen. Ich hörte Papa schnarchen, und wenn ich angestrengt horchte, konnte ich das Baby atmen hören. Es atmete rau und zischend.
Mitten in der Nacht, als sie pechschwarz war, schlief ich wieder ein. Aber dann begann das Baby laut zu schreien. Ich hörte, wie Mama aufstand, um es zu füttern. Ich hörte Mamas tröstende und zärtliche Stimme. Dann war es wieder still, und Papa schnarchte wieder. Ich horchte angestrengt nach dem Baby, konnte es aber nicht hören.
Es wurde schon hell, als ich aufstand und in das Zimmer meiner Eltern schlich. Das Kinderbettchen stand neben ihrem Bett. Sie schliefen fest, die Arme umeinandergeschlungen. Ich schaute auf das Baby hinunter. Ich glitt mit der Hand unter die Decke und berührte es. Ich spürte, wie sein Herz schnell schlug. Ich konnte das dünne Rasseln seines Atems spüren und wie seine Brust sich hob und senkte. Ich spürte, wie heiß es da drin war, wie weich seine Knochen waren, wie winzig es war. Auf seinem Hals waren Tropfen von Spucke und Milch. Ich fragte mich, ob es sterben würde. Das hatten sie im Krankenhaus befürchtet. Bevor sie es nach Hause ließen, hatte es in einem Glaskasten gelegen, Luftschläuche und Drähte steckten in ihm, und wir hatten drum herumgestanden und zu ihm hineingestarrt, wie in ein Aquarium.
Ich nahm meine Hand weg und wickelte das Baby wieder in die Decke ein. Sein Gesicht war totenblass und sein Haar ganz schwarz. Sie sagten mir, ich solle nicht aufhören, für das Baby zu beten, aber ich wusste nicht, was ich beten sollte.
«Schnell, werde so stark, wie du kannst», flüsterte ich.
Mama wachte halb auf und sah mich dastehen.
«Was willst du, Liebling?», flüsterte sie.
Sie streckte mir aus dem Bett die Hand entgegen.
«Nichts», flüsterte ich und ging auf Zehenspitzen in mein Zimmer zurück.
Ich sah in die Wildnis hinab. Eine Amsel sang auf dem Garagendach. Ich dachte an ihn, wie er mit Spinnweben im Haar hinter den Teekisten lag. Was tat er da?
Beim Frühstück fragte ich, was jetzt mit der Garage passieren werde. «Wann kommen sie, um sie auszuräumen?»
Mama schnalzte mit der Zunge, seufzte und schaute zur Decke hinauf.
«Sobald wir jemanden dafür finden», sagte Papa. «Das ist nicht wichtig, Junge. Nicht jetzt.»
«Okay», sagte ich.
Er nahm sich an diesem Tag frei, damit er am Haus weitermachen konnte. Mama brachte das Baby zu weiteren Untersuchungen ins Krankenhaus.
«Soll ich zu Hause bleiben, damit ich dir helfen kann?», fragte ich.
«Ja», sagte er. «Du kannst Ernies Toilette hinausbringen und dann dort die Bodenbretter schrubben.»
«Ich gehe in die Schule», sagte ich.
Und ich schob meine Butterbrote in die Tasche und ging hinaus.
Bevor wir umzogen, hatten sie mich gefragt, ob ich auch die Schule wechseln wolle, aber ich wollte nicht. Ich wollte in der Schule in der Kenny Street bleiben mit Leakey und Coot. Es machte mir nichts aus, dass ich den Bus durch die Stadt nehmen musste.
An diesem Morgen sagte ich mir, ich hätte dadurch Zeit, über alles nachzudenken, was jetzt passierte. Ich versuchte nachzudenken, aber ich konnte nicht denken. Ich beobachtete die Leute beim Ein- und Aussteigen. Ich schaute ihnen zu, wie sie Zeitung lasen oder ihre Nägel putzten oder verträumt aus dem Fenster sahen. Aber indem man sie beobachtet, kann man noch lange nicht sagen, was sie denken oder was sich in ihrem Leben ereignet. Auch wenn bekloppte oder betrunkene Menschen in den Bussen waren, Menschen, die sich dumm benahmen oder Quatsch redeten oder versuchten, einem alles über sich zu erzählen, wusste man trotzdem nicht wirklich etwas über sie.
Ich wollte aufstehen und sagen: «Ein Mann ist in unserer Garage, und meine Schwester ist krank, und heute ist der erste Tag, an dem ich von unserem neuen Haus zu meiner alten Schule fahre.»
Aber ich tat es nicht. Ich sah einfach weiter all die Gesichter an und schwankte weiter nach hinten und nach vorn, wenn der Bus um die Ecken schwankte. Ich wusste, auch wenn mich jemand anschaute, würde er genauso wenig von mir wissen.
Es war seltsam, wieder in der Schule zu sein. Plötzlich lastete Schweres auf mir, aber die Schule war wie immer. Rasputin bat uns nach wie vor, bei der Morgenandacht unsere Herzen und unsere Stimmen zu erheben und laut zu singen. Der Yeti schrie uns an, in den Gängen auf der linken Seite zu bleiben. Monkey Mitford wurde rot im Gesicht und stampfte mit den Füßen, wenn wir unsere Bruchrechnungen nicht konnten. Miss Clarts hatte Tränen in den Augen, als sie uns die Geschichte von Ikarus erzählte, wie seine Flügel geschmolzen waren, weil er der Sonne zu nahe kam, und wie er an seinem Vater Daedalus vorbei wie ein Stein ins Meer gefallen war. In der Mittagspause stritten Leakey und Coot eine Ewigkeit darüber, ob ein Schuss ins Aus gegangen sei.
Ich konnte mich mit all dem nicht abgeben. Ich ging zum Zaun an der Ecke des Spielfelds und starrte auf die Stadt, in die Richtung, wo ich jetzt lebte. Als ich dort stand, kam Mrs Dando, eine der Aushilfslehrerinnen, zu mir. Sie kannte meine Eltern schon seit Jahren.
«Geht’s dir gut, Michael?», sagte sie.
«Ja.»
«Und dem Baby?»
«Auch gut.»
«Spielst du heute nicht Fußball?»
Ich schüttelte den Kopf.
Sie nahm einen Früchtekaugummi aus der Tasche und hielt ihn mir hin. Früchtekaugummi. Das gab sie den Neuankömmlingen, wenn die irgendwie traurig waren.
«Nur für dich», flüsterte sie und zwinkerte mir zu.
«Nein», sagte ich. «Nein, danke.»
Und ich rannte zurück und startete einen großartigen, schwungvollen Angriff auf Coot.
Den ganzen Tag lang überlegte ich, ob ich jemandem erzählen sollte, was ich gesehen hatte, aber ich erzählte es niemandem. Ich sagte mir, es sei nur ein Traum gewesen. Das musste es gewesen sein.
Im Boden war ein Loch, dort, wo Ernies Toilette gestanden hatte. Es war mit Zement gefüllt worden. Die Sperrholzwand war weg. Ernies alter Gasherd war weggebracht worden, und hinter dem Herd war nur eine schwarze viereckige Öffnung. Der Boden war völlig durchnässt und stank nach Desinfektionsmittel. Papa war schmutzig und nass und grinste. Er nahm mich mit in die Wildnis. Dort stand die Toilette, mitten in Disteln und Unkraut.
«Dachte, das gäbe einen schönen Gartenstuhl für uns», sagte er.
Der Gasherd und das Sperrholz lagen hinten neben der Garage. Sie waren nicht hineingebracht worden.
Papa sah mich an und zwinkerte mir zu. «Komm und schau dir an, was ich gefunden habe.»
Er führte mich zur Garagentür.
«Halt dir die Nase zu», sagte er. Er bückte sich und fing an, ein Zeitungspaket zu öffnen. «Bereit?»
Es waren Vögel. Vier Vögel.
«Hab sie hinter dem Herd gefunden», sagte er. «Müssen im Kamin stecken geblieben sein und konnten nicht mehr hinaus.»
Man konnte gerade noch erkennen, dass drei von ihnen Tauben waren, weil sie graue und weiße Federn hatten. Der vierte hatte die Form einer Taube, aber er war ganz schwarz.
«Den hab ich als Letzten gefunden», sagte er. «Er lag unter einem Haufen Ruß und Staub, der durch den Kamin herabgefallen war.»
«Ist das auch eine Taube?»
«Ja. Sie lag dort eben eine lange, lange Zeit.»
Er nahm meine Hand.
«Berühre sie», sagte er. «Befühl sie. Komm schon, es ist nicht schlimm.»
Ich ließ ihn meine Finger an den Vogel halten. Er war steinhart. Sogar die Federn waren steinhart.
«Nach so langer Zeit ist er schon beinahe ein Fossil.»
«Er ist steinhart», sagte ich.
«Richtig. Steinhart.»
Ich ging in die Küche und wusch meine Hände.
«Wie war’s heute?», sagte er.
«Gut. Leakey und Coot sagten, sie kämen am Sonntag vielleicht zu uns.»
«Gute Idee. Bist du denn mit den Bussen zurechtgekommen?»
Ich nickte.
«Vielleicht kann ich dich nächste Woche fahren», sagte er. «Wenn wir erst mal ein bisschen aufgeräumt haben.»
«Is’ okay», sagte ich. «Mrs Dando hat sich nach dem Baby erkundigt.»
«Hast du ihr gesagt, dass es ihm gut geht?»
«Ja», sagte ich.
«Gut. Hol dir eine Cola und ein belegtes Brot oder sonst was. Ich mache Abendbrot, wenn die anderen kommen.»
Dann ging er die Treppe rauf, um zu baden.
Ich schaute über die Wildnis. Ich wartete eine Ewigkeit, hörte, wie Papas Badewasser durch die Rohre rauschte. Ich nahm meine Taschenlampe vom Küchensims. Meine Hände zitterten. Ich ging hinaus, vorbei an Ernies Toilette, dem Herd und an den toten Tauben. Ich stand vor der Garagentür und knipste die Taschenlampe an. Ich holte tief Luft und ging auf Zehenspitzen hinein. Ich spürte die Spinnweben und den Staub, und ich stellte mir vor, das Ganze würde zusammenfallen. Ich hörte Tiere trippeln und kratzen. Ich drängte mich an Müll und alten Möbeln vorbei, und mein Herz dröhnte und donnerte. Ich sagte mir, ich sei dumm. Ich sagte mir, ich hätte geträumt. Ich sagte mir, ich würde ihn nie wieder sehen.
Aber ich sah ihn wieder.
