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Mina ist anders als die anderen Kinder. Nachdenklich, fantasievoll und rebellisch, eckt sie immer wieder an, denn sie stellt viele ungewöhnliche Fragen: über Liebe, Freundschaft, Trauer, Vorschriften und das Leben. Sie schreibt alle ihre Gedanken in ein Notizbuch - es ist Minas Blick auf die Welt in ihren Worten. Das ist Minas Tagebuch. Das sind ihre Geschichten und Träume, Beobachtungen und Gefühle, ihre Kritzeleien und Wortspiele, ihr Unsinn, ihre Gedichte und Lieder. Und mit ihren Fragen stellt sie auch unsere! In diesem gefühlvollen, ungewöhnlichen Buch (auch optisch!) lässt David Almond Mina die Hauptrolle spielen - bevor sie Michael kennenlernt und bevor beide Skellig begegnen.
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Seitenzahl: 201
Veröffentlichungsjahr: 2023
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Aus dem Englischen vonAlexandra Ernst
Für Sara Jane und Freya
Mondschein, Wunder, Fliegen und Nonsens
Bananen, komische Kühe, ein schöner Baum und ein öder Himmel
Der heilige Kevin und die Amsel
Dinosaurier, Arme Ritter und eine Reise in die Unterwelt
Mina in der Unterwelt
Über den Archäopteryx
Ernie Myers, Müll, Staub, Metempsychose und ein blaues Auto
Metempsychose!
Rosenkohl, Sarkasmus und das Geheimnis der Zeit
Persephone, Verrücktheit und Absolut Nichts
Denn Was Wäre Die Welt Ohne Verrücktheit? Sag Ich Doch!
Natürlich Nicht!
Doppelkekse, Pisse, Spucke, Schweiß und alle Wörter Für Freude
Großvater, Eulen und keine affen
Mina und die Eulen
Eule
Prüfungstag, Heddeldiduddel und Giggemol!
AAAAAAAAAAAAH!
Heddeldiduddel
Eier, Küken, ein Bauch, Babys und Gedichte
Wer?
Spaghetti mit Tomatensosse und ein Traum
Minas Traum
Die Geschichte der Corinth Avenue
Ein Einziger Satz
Mina in der Corinth-Avenue-Schule für Schülerinnen und Schüler mit besonderen Bedürfnissen
Eine Geschichte ohne Worte
Küken, Eine Tödliche Katze und Humpellosigkeit
Spazieren gehen, Pizza, Sterne und Staub
Ein Traum von Pferden
Ich Träumte von Pferden
Mondschein,Wunder, Fliegenund NONSENS
Ich heiße Mina, und ich liebe die Nacht. Nachts, wenn der Rest der Welt schläft, scheint alles möglich zu sein. Im Haus ist es dunkel und still, aber wenn ich die Ohren spitze, kann ich das Poch! Poch! Poch! meines Herzens hören. Ich höre das Knarren und Knacken des Hauses. Ich höre meine Mama nebenan im Schlaf leise atmen.
Ich schlüpfe aus dem Bett und setze mich an den Tisch vor dem Fenster. Ich ziehe die Vorhänge auf. Mitten im Himmel hängt der Vollmond. Er badet die Welt in seinem silbernen Licht. Er scheint auf die Falconer Road, auf die Häuser und die Straßen dahinter und auf die Berge und Moore in der Ferne. Er scheint in mein Zimmer und in mich hinein.
Manche Leute sagen, dass man nicht ins Mondlicht schauen soll. Sie sagen, es macht einen verrückt.
Ich schaue ins Mondlicht, und ich lache.
„Mach mich verrückt”, flüstere ich. „Los doch, mach Mina verrückt.”
Ich lache noch einmal.
Manche Leute behaupten, sie sei schon verrückt, denke ich.
Ich sehe in die Nacht. Eulen und Fledermäuse flattern vor dem Mond hin und her. Irgendwo da draußen schleicht Wisper, die Katze, durch die Schatten.
Ich schließe die Augen, und mir ist, als ob alle diese Geschöpfe in mir wären und dort fliegen und flattern und schleichen und schlüpfen. Fast so, als wäre ich selbst ein merkwürdiges Geschöpf, ein Mädchen namens Mina, und doch mehr als bloß ein Mädchen namens Mina.
Auf dem Tisch im Mondlicht liegt ein leeres Notizbuch. Es liegt schon eine halbe Ewigkeit da. Ich sage immer, dass ich ein Tagebuch schreiben werde. Also fange ich endlich damit an, hier und jetzt. Ich schlage das Buch auf und schreibe meine ersten Worte hinein:
Ich heiße Mina, undich liebe die Nacht.
Was soll ich noch schreiben? Ich kann doch nicht schreiben, dass erst das passiert ist und dann das und dann das und immer so weiter, bis ich vor Langeweile gestorben bin. Ich will mein Tagebuch wachsen lassen, genauso wie der menschliche Geist wächst, genauso wie ein Baum oder ein Tier wächst, genauso wie das Leben. Warum sollte ein Buch eine Geschichte in einer langweiligen geraden Linie erzählen?
Worte sollten wandern und sich winden. Sie sollten wie Eulen fliegen und wie Fledermäuse flattern, sollten schleichen wie Katzen. Sie sollten murmeln und schreien und tanzen und singen.
Manchmal sollten überhaupt keine Worte da sein.
Nur Stille.
Nur weißer Raum.
Einige Seiten werden wie der Himmel sein, in dem ein einziger Vogel fliegt. Einige werden wie ein Himmel mit einem wirbelnden Schwarm Stare sein. Meine Sätze werden ein Gelege sein, eine Sammlung, ein Muster, ein Schwarm, eine Herde, ein Mosaik. Sie werden ein Zirkus sein, eine Menagerie, ein Baum, ein Nest.
Denn in meinem Kopf gibt es keine Ordnung. Meine Gedanken bestehen nicht aus geraden Linien. In meinem Geist herrschen Durcheinander und Chaos. So sieht es in meinem Kopf aus, aber auch in vielen anderen Köpfen. Und wie alle Köpfe, wie jeder Kopf, der jemals existiert hat, und jeder Kopf, der jemals existieren wird, ist auch meiner ein Ort voller Wunder.
!Der Kopf ist ein Ort voller Wunder!
DER KOPF
!Der Kopf ist ein Ort voller Wunder!
IST EIN ORT
!Der Kopf ist ein Ort voller Wunder!
VOLLER WUNDER
!Der Kopf ist ein Ort voller Wunder!
In der Sankt-Beda-Schule – meiner alten Schule – erzählte mir die Lehrerin Mrs Scullery, dass ich nichts schreiben dürfte, bevor ich nicht genau wüsste, was ich schreiben will. So ein Unsinn!
Plane ich einen Satz, bevor ich ihn ausspreche?
NATÜRLICH NICHT!
Plant ein Vogel sein Lied, bevor er es singt?
NATÜRLICH NICHT!
Er öffnet einfach seinen Schnabel und
SINGT. Also werde auch ich SINGEN!
Ich wollte unbedingt das sein, was man gemeinhin als braves Mädchen bezeichnet. Ich habe es wirklich versucht. Eines schönen Morgens, als die Sonne durch das Fenster in den Klassenraum schien, tanzte draußen in der Luft eine schimmernde Wolke aus Fliegen. Ich hörte, wie Mrs Scullery uns sagte, wir sollten eine Geschichte schreiben. Natürlich müssten wir vorher einen Entwurf schreiben, meinte sie.
Sie fragte uns, ob wir sie verstanden hätten.
Wir sagten, das hätten wir.
Also starrte ich nicht länger auf die Fliegen (was ich sehr gerne getan hätte!) und schrieb stattdessen meinen Entwurf. Meine Geschichte sollte den und den Titel haben, so und so beginnen, dann würde dies und jenes passieren und zum Schluss würde sich das Ganze in der und der Art und Weise auflösen. Ich schrieb alles fein säuberlich auf.
Ich zeigte Mrs Scullery meinen Entwurf, und sie freute sich sehr darüber. Sie lächelte mich sogar an und sagte: „Gut gemacht, Mina. Das ist sehr gut, Liebes. Jetzt kannst du deine Geschichte schreiben.”
Aber als ich anfing zu schreiben, wollte die Geschichte einfach nicht stillhalten, wollte nicht gehorchen. Die Worte tanzten wie Fliegen. Sie sausten davon, in merkwürdige und herrliche Richtungen und schickten meine Geschichte auf eine gänzlich unerwartete Reise. Mir gefiel sie sehr gut, aber als ich sie Mrs Scullery zeigte, wurde sie bloß ärgerlich.
Sie hielt meinen Entwurf in einer Hand und die Geschichte in der anderen.
„Das passt nicht zusammen!”, sagte sie in ihrer quietschenden Stimme.
„Ich weiß nicht, was Sie meinen, Miss”, sagte ich.
Sie beugte sich vor.
„Die Geschichte”, sagte sie in diesem langsamen, dummen Tonfall, als ob sie mit einem langsamen, dummen Menschen spräche, „die Geschichte passt nicht zu dem Entwurf!”
„Aber sie wollte einfach nicht, Miss”, erwiderte ich.
„Sie wollte nicht? Was, bitte schön, soll das heißen – sie wollte nicht?”
„Das heißt, dass sie andere Dinge tun wollte, Miss.”
Sie stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte den Kopf.
„Das ist eine Geschichte”, sagte sie. „Und es ist deine Geschichte. Sie tut, was du ihr sagst.”
„Aber das stimmt doch nicht”, sagte ich.
Sie schaute mich immer noch ärgerlich an.
„Und Miss”, sagte ich flehend, weil ich so gerne wollte, dass sie mich verstand, „ich will auch gar nicht, dass sie tut, was ich ihr sage.”
Die Mühe hätte ich mir sparen können. Sie warf die Blätter auf meinen Tisch.
„Das ist typisch für dich”, sagte sie. „So typisch!”
Und während meine Klasse kicherte, wandte sie sich einer Schülerin namens Samantha zu und bat sie, ihre Geschichte vorzulesen, über ein Mädchen mit einem Lockenkopf und seine knuddelige Katze – eine perfekt geplante, völlig dämliche Geschichte, in der überhaupt nichts Interessantes passierte. Der unselige Vorfall brachte mir einen neuen Spitznamen ein: „Typisch”. Typisch McKee. Ha! Typisch!
Meine Geschichten waren so wie ich. Man konnte sie nicht kontrollieren, und sie konnten sich nicht anpassen. Ich versuchte, brav zu sein, und wurde dabei manchmal sehr traurig. Das Ende vom Lied war, dass ich nonsensisch wurde. Durch und durch nonsensisch. Diese Geschichte werde ich erzählen, wenn die richtige Zeit dafür gekommen ist. Die richtige Zeit und die richtigen Worte. Und ich werde vermutlich auch all die anderen Geschichten erzählen, die wichtig sind, wie die von meinem Tag in der Corinth Avenue und von der Vision, die ich dort hatte, oder die Geschichte von meiner Reise in die Unterwelt im Heston Park oder die vom Haus meines Großvaters und den Eulen. Und ich werde alles in Reime verpacken, in Gekritzel und in Nonsens.
Manchmal ist es sehr sinnvoll, Nonsens zu schreiben. Das klingt nonsensisch, ich weiß, aber das ist es nicht.
NONSENSISCH. Was für ein tolles Wort! Irre!
NONSENSISCH.
Jetzt, wo ich angefangen habe, finde ich es herrlich, die leeren Seiten zu betrachten, die sich vor mir erstrecken. In dieses Tagebuch zu schreiben wird wie eine Reise sein, und jedes Wort ist ein Schritt, der mich weiter in ein unentdecktes Land führt.
Man muss sich bloß mal anschauen, wie die Worte über die Seite trippeln, bis sie den ganzen leeren Raum erfüllen. Hat sich Gott so gefühlt, als er anfing, die Leere zu füllen? Gibt es einen Gott? Gab es einmal eine Leere? Ich weiß es nicht, aber das hält mich nicht davon ab, mich zu fragen und zu wundern* und zu wundern und zu fragen.
Manchmal betrachte ich die Welt und wundere mich, dass überhaupt irgendetwas da ist.
Warum ist irgendetwas da?Warum ist etwas da,statt nicht da zu sein?Warum? Warum? Warum?Und war da bloß nichts,bevor etwas da war?Und hat sich dieses Nichtsin Etwas verwandelt?Und wenn sich dieses Nichtsin Etwas verwandelt hat,wie hat es das gemacht, undWarum? Warum? Warum?
Jetzt, wo ich angefangen habe, werde ich das Notizbuch überallhin mitnehmen. Ich werde aufschreiben, was in meinem Leben geschieht, was in der Vergangenheit geschah und was vielleicht in der Zukunft noch geschehen wird.
Mein Motto habe ich auf einen Zettel geschrieben, er klebt an der Wand über meinem Bett:
Wie kann der Vogel, zur Freude geboren,im Käfig noch ans Singen denken?
Das ist ein Zitat von William Blake. Blake, der Außenseiter. Blake, das schwarze Schaf. Genau wie ich. William Blake war ein Maler und ein Dichter, und manche Leute behaupten, er sei verrückt gewesen. Genau dasselbe behaupten sie von mir. Vielleicht war er auch zu lange im Mondlicht gewesen. Manchmal trug er keine Kleidung. Manchmal sah er Engel in seinem Garten. Er sah überall Geister und überirdische Wesen. Ich glaube, er war ganz und gar nicht verrückt. Meine Mama glaubt das auch, und auch mein Papa glaubte es.
Wenn ich schreibe, will ich an William Blake denken. Ich werde natürlich über traurige Dinge schreiben, weil man überhaupt nicht anders kann, als über traurige Dinge zu schreiben. Und es gibt viele traurige Dinge in meinem Leben. Vor allem EINE SEHR, SEHR TRAURIGE UND SCHRECKLICHE SACHE. Komischerweise führen die traurigen Dinge in meinem Leben dazu, dass ich die glücklichen viel stärker wahrnehme. Ich frage mich, ob das auch anderen Menschen so geht, ob sie den Eindruck haben, dass Traurigkeit auf eine merkwürdige Art und Weise helfen kann, glücklicher zu werden. So etwas nennt man paradox, glaube ich.
PARADOX!
Was für ein Wort. Es hört sich gut an, sieht gut aus, und hat auch noch eine gute Bedeutung! Und wenn etwas paradox ist, ist es eine Paradoxie. Was ein noch viel besseres Wort ist!
PARADOXIE!
Das ist die Art von Spitznamen, die ich gerne hätte! Nicht Typisch McKee, sondern Paradoxie McKee!
Oder Nonsensisch McKee.
Auf jeden Fall möchte ich meinen Worten dabei helfen, aus ihrem Käfig der Traurigkeit auszubrechen und vor Freude zu singen.
Weil ich gerade über die EINE SEHR, SEHR TRAURIGE UND SCHRECKLICHE SACHE nachgedacht habe, weiß ich plötzlich, dass ich all das für Papa schreibe. Ich stelle mir vor, wie er mich betrachtet und meine Worte liest, während ich sie schreibe. Er wird überall in diesem Tagebuch sein, in meinen Gedanken und in meinen Worten, in den Lücken zwischen den Worten und in dem Raum hinter ihnen. Manchmal erzähle ich den Menschen, dass er starb, bevor ich geboren wurde, aber das stimmt nicht; ich habe ein paar Erinnerungen an ihn. Ich werde sie aufschreiben. Ich stelle mir vor, wie er mich von irgendwo weit hinter dem Mond beobachtet. Hallo, Papa! Ja, ich glaube, ich bin glücklich. Ja, ich glaube, Mama auch. Gute Nacht.
Ich schlüpfe wieder ins Bett. Der Mond, der alle verrückt macht, scheint auf mich herab. Endlich habe ich mit dem Tagebuch angefangen. Morgen werde ich weiterschreiben. Jetzt versuche ich, von Fledermäusen zu träumen und von Katzen und Eulen.
*„Wandern” und „wundern” sind beinahe dasselbe Wort. Und wenn man durch die Welt wandert, ist das so ähnlich, wie wenn man sich in Gedanken wundert. Ich bin ein Wunderer und ein Wanderer!
Bananen,komische Kühe,ein schöner Baumund ein öder Himmel
Frühstück mit Mama. Bananen, Joghurt, Toast mit Marmelade. LECKER!
Ich habe ihr erzählt, dass ich mit meinem Tagebuch angefangen habe. Toll, meinte sie. Ich sagte ihr, dass ich ihr ein paar Seiten zeigen würde, wenn ich dazu bereit sei. Toll, meinte sie. Sie sagte, dass wir heute zusammen töpfern könnten. Toll, meinte ich. Dann ging ich nach draußen und kletterte auf meinen Baum. Und hier bin ich nun.
Ich liebe meinen Baum. Ich komme seit ein paar Jahren hier hinauf. Ich steige am Stamm bis zu einem Ast hoch, der ein kleines bisschen oberhalb meines Kopfes nach außen ragt. Auf diesen Ast setze ich mich rittlings, mit dem Rücken gegen den Stamm gelehnt. Manchmal lasse ich einfach die Beine baumeln. Manchmal ziehe ich die Knie an, damit ich ein Buch darauf ablegen kann. Es ist sehr gemütlich, als ob dieser Platz für mich gemacht wäre. Manchmal sitze ich stundenlang hier, male oder lese oder denke nach und schaue mich um, lausche und wundere mich.
Der Frühling hat gerade erst angefangen. Ein Amselpaar baut sein Nest, gar nicht weit von mir entfernt. Das Nest ist fast fertig. Das weiß ich, weil ich manchmal ein Stück nach oben klettere und vorsichtig nachschaue. Eines Tages werde ich hineinschauen und Eier darin liegen sehen. Dann Küken. Und dann werde ich die flügge gewordenen Vögelchen das Nest verlassen sehen. Ich werde sehen, wie die Vögelchen zu Vögeln werden, die in das blaue Blau davonfliegen. Das ist doch erstaunlich, nicht wahr?
Die beiden Amseln stoßen Warnschreie aus, als ich höher klettere. Es klingt so ähnlich wie: „He, benimm dich! KREISCH! Runter mit dir, Mädchen! KREISCH!” Aber ich glaube nicht, dass sie meinetwegen ernsthaft besorgt sind, zumindest nicht so wie wegen einer Katze oder eines Fremden. Vielleicht halten sie mich sogar auch für eine Art Vogel, einen sehr merkwürdigen Vogel, oder für einen Zweig, der sich komisch benimmt. Vielleicht würden sie ja sogar auf mir ihr Nest bauen, wenn ich lange Zeit ganz still dasitzen würde: in meinem Schoß, in meinen Haaren oder in meinen Händen, die ich wölben und hochheben würde.
Dazu gibt es eine Geschichte:
Vor langer Zeit lebte in Irland ein Heiliger namens Kevin. Eines Tages betete er, die Hände gen Himmel gestreckt (oder was er für den Himmel hielt), als eine Amsel angeflogen kam und ein Ei in seine Hände legte. Der heilige Kevin war ein guter Mensch, und er wollte das Ei weder zerbrechen noch das Küken am Schlüpfen hindern – und weil er ein Heiliger war, dachte er vermutlich auch, dass das Ei ein Geschenk Gottes sei. Und daher blieb er so stehen, die Hände gen Himmel gestreckt (oder was er für den Himmel hielt), Tag für Tag und Nacht für Nacht, bis das Küken in seinen Händen aus dem Ei schlüpfte.
Stellt euch mal vor: Ein winziges Küken macht seine ersten Bewegungen auf dieser Welt in euren Händen! Stellt euch die zarten Klauen vor, die nassen Flügelchen, das Tschiep! Tschiep! Tschiep! Stellt euch vor, wie es wächst, während ihr es ernährt und beschützt. Und stellt euch vor, wie es davonfliegt!
Gerade sind am Ende der Straße ein paar Schüler von der Sankt-Beda-Schule vorbeigegangen. Sie haben mich gesehen, aber mittlerweile lachen sie nicht mehr über mich. Jetzt verdrehen sie nur noch die Augen und tuscheln miteinander und steuern auf das Tor ihres Käfigs zu. Früher haben sie mich Hexe genannt oder komische Kuh. Sie haben mir zugerufen, ich sei ein Affe oder eine Krähe. Letztes Jahr hatten sie eine Menge Spaß. Im Sommer haben sie mit Kirschen nach mir geworfen und gerufen: „Vitamina für die Mina!” Im Herbst waren es Pflaumen, und da riefen sie: „Pflaumen für die Pflaume!” (Was eigentlich ziemlich lustig ist, wenn man darüber nachdenkt.)
Jetzt bin ich ein Teil der Landschaft geworden, für die Kinder wie auch für die Vögel. Ich bin wie ein Laternenpfahl oder ein Baum oder ein Stein. Mir macht das nichts aus. Sie bedeuten mir nichts. Ich schaue sie nicht einmal an. Die! Ha! HA! Nichts!
Das hier ist die Falconer Road. Es ist eine enge Straße, auf beiden Seiten stehen Reihenhäuser mit kleinen Vorgärten. In jedem Garten steht ein einzelner Baum wie dieser hier. Die Häuser sind etwa achtzig Jahre alt. Hinter den Häusern befinden sich schmale Gassen und Garagen. Am Ende unserer Straße kommt dann die Crow Road, wo die großen alten Häuser stehen. Ein Haus dort gehört mir, besser gesagt: wird mir gehören, wenn ich erwachsen bin. Es ist ein bisschen verfallen, und es leben ganz außergewöhnliche Geschöpfe darin. Danke, Großvater. Ich hebe die Augen zum Himmel. Danke, Großvater. Er hat es mir in seinem Testament hinterlassen. Noch einer, der tot ist. Wir sagen, dass er im Himmel ist, bei Papa.
Himmel. Früher fand ich die Vorstellung vom Himmel dämlich. Ich habe über all die Menschen nachgedacht, die sterben. Der Himmel muss ja völlig überfüllt sein, dachte ich. All die Gestorbenen hätten noch nicht einmal im gesamten Universum Platz.
„Wie groß ist der Himmel?”, fragte ich Mama eines Tages, als ich noch klein war. Am Ende der Straße hatte ich gerade einen Leichenwagen mit einem Sarg darin in Richtung des großen Friedhofs in der Jesmond Road fahren sehen, wo auch Papa begraben liegt.
„Oh, sehr, sehr groß, glaube ich”, antwortete sie.
Ich dachte an alle Friedhöfe auf der ganzen Welt. Ich dachte an all die Menschen, die dort begraben sind. Ich dachte an all die Menschen, die je gelebt hatten und gestorben waren, seit Tausenden und Tausenden von Jahren. Ich konnte es mir einfach nicht vorstellen.
„Er muss gigariesig sein!”, sagte ich.
„Ja, ich denke schon”, sagte sie.
Dann, ein paar Wochen später, lasen wir in einer Enzyklopädie. Darin stand, dass die Zahl aller Menschen, die seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte bis vor etwa fünfzig Jahren gelebt hatten, nicht so groß ist wie die Zahl der Menschen, die heute leben.
ERSTAUNLICHE TATSACHE
Heutzutage leben mehr Menschen auf der Welt, als jemals Menschen in der gesamten Geschichte der Menschheit gelebt haben!
Das hat uns beide überrascht.
Aber erst ein paar Stunden später wurde mir klar, was das bedeutet.
„Das heißt also”, sagte ich, „dass der Himmel eigentlich nur so groß sein muss wie die Erde.”
„Ja”, sagte sie. „Da könntest du wohl recht haben.”
Und wir lachten darüber, denn verglichen mit der Größe des Universums ist die Erde überhaupt nicht groß. Und selbst die Erde ist noch nicht überfüllt. Es gibt noch Platz für viel mehr Körper, genauso wie es im Himmel noch Platz für viel mehr Seelen gibt.
Heute glaube ich allerdings nicht mehr daran. Ich glaube zwar immer noch, dass die Vorstellung von einem Himmel dämlich ist, aber aus anderen Gründen. Wenn die Menschen versuchen zu erklären, wie der Himmel beschaffen ist, klingt das tod-tod-todlangweilig. Herumstehen und singen und Nektar trinken und Ambrosia essen oder so etwas Ähnliches, Gott anschauen und ihn lobpreisen und sehr, sehr, sehr brav sein. Das muss man sich mal vorstellen! GÄHN, GÄHN, GÄHN, GÄHN! Wer würde das wollen – Jahrhunderte lang, bis in alle Ewigkeit? Vielleicht jemand wie Mrs Scullery, aber ich jedenfalls nicht.
Ich wette, dass sogar die Engel die ganze Sache langsam satthaben. Ich wette, sie würden lieber Bananen, Marmelade und Schokolade essen oder eine Wolke aus Fliegen betrachten oder auf Bäume klettern oder mit Katzen spielen. Ich wette, sie schauen auf uns herab und beneiden uns, weil wir Menschen sind. Ich wette, dass sie sich sogar manchmal wünschen, so zu sein wie wir. Allerdings könnte sie der Umstand abschrecken, dass wir sterben.
Mittlerweile denke ich, dass ich gar nicht an einen Himmel glaube. Und ich glaube auch nicht an vollkommene Engel. Ich glaube eher, dass dies hier möglicherweise der einzige Himmel ist, den es geben kann, diese Welt, in der wir leben. Nur dass wir es noch nicht gemerkt haben. Und ich glaube, dass die einzigen Engel, die es geben kann, wahrscheinlich wir selbst sind.
Das hier könnte der Himmel sein!
VIELLEICHT LEBEN WIR JETZT,
In diesem Augenblick, im Himmel!
UND VIELLEICHT SIND WIR DIE ENGEL!
Ist das dumm? Nein, ist es nicht! Nicht wenn man sich eine Amsel anschaut, auf deren Gefieder das Sonnenlicht schimmert. Wenn aus der Schwärze Silber wird, Lila, Grün und sogar Weiß. Wenn man ihrem Lied lauscht. Wenn man sieht, wie sie in den Himmel aufsteigt. Wie sich aus Knospen Blätter entfalten. Wenn man die Stärke eines Baums fühlt, den Schlag des Herzens, Sonne auf der Haut und Wind auf den Wangen. Wenn man an Dinge wie die menschliche Stimme denkt, an das Sonnensystem, das Fell einer Katze, das Meer, Bananen, an Schnabeltiere. Wenn man die Dinge betrachtet, die wir Menschen erschaffen haben: Häuser und Asphalt, Mauern und Kirchtürme, Straßen und Autos, Lieder und Gedichte.
Ja, ich weiß, dass all das nicht vollkommen ist. Aber Vollkommenheit wäre langweilig und Vollkommenheit ist auch gar nicht wichtig.
!VOLLKOMMENHEIT ist LANGWEILIG!
!VOLLKOMMENHEIT IST LEER!
!VOLLKOMMENHEIT ist NICHTIGKEIT!
Schaut euch die Welt an. Riecht sie, schmeckt sie, hört ihr zu, fühlt sie, schaut sie euch an. Schaut sie an! Ich weiß, dass schreckliche Dinge passieren, ganz ohne Grund. Warum starb mein Papa? Warum gibt es Hungersnöte, Angst, Dunkelheit und Krieg? Ich weiß es nicht. Ich bin nur ein Kind. Woher soll ich die Antwort auf diese Fragen wissen? Aber diese schreckliche Welt ist so irre schön und so irre irre, dass ich manchmal glaube, ohnmächtig zu werden.
SEHT DOCH NUR DIE
Wahnsinnig atemberaubend
Wunderbar erstaunlich herrlich
fabelhaft himmlisch entzückend
Schöne Schönheit
UNSERER WELT!
„Mina!”, ruft Mama. „Mina!”
„Ich komme, Mama!”
Ich rühre mich nicht.
Vor dem Haus von Mr Myers, ein Stück weiter die Straße entlang, steht ein Lieferwagen. Mr Myers ist gestorben. (Noch einer! Es wird langsam Zeit, dass hier in der Gegend mal ein paar Leute geboren werden!) Er hieß Ernie, und er war sehr alt. Er stand immer am Fenster und schaute hinaus. Und auch wenn man lächelte und ihm zuwinkte, konnte man nie sicher sein, ob er einen gesehen hatte oder ob er dachte, er hätte nur geträumt, dass jemand da war.
Ich habe mich oft gefragt, was in seinem Gehirn vor sich ging. Sah er dasselbe wie alle anderen oder etwas anderes? Sah er vielleicht gar nichts? Kam ihm die Welt und ich und alle anderen darin wie ein Traum vor? Und wo wir gerade dabei sind: Sieht irgendjemand genau das, was der andere sieht? Vielleicht leben wir alle in einem merkwürdigen Traum. Aber wenn das so wäre, würden wir es natürlich nicht wissen.
Manchmal hatte ihn ein Arzt zu Hause besucht, ein mürrisch aussehender, grauer Mensch, der einen mürrisch aussehenden, grauen Wagen fuhr. Eines Tages entdeckte der Arzt mich in meinem Baum. Ich wollte schon winken, aber er runzelte bloß die Stirn, als ob er glaubte, dass in einem Baum zu sitzen so ungefähr das Dümmste war, was man sich vorstellen konnte. Es war offensichtlich zu viel von jemandem wie ihm verlangt, jemandem wie mir zuzuwinken.
Ha! Den würde ich nicht zum Arzt haben wollen! Bei seinem Anblick verkriecht man sich ja gleich unter der Bettdecke. Und er war wohl auch kein besonders guter Arzt. Mr Myers starb, und es dauerte fast eine Woche, bis man ihn fand. Er lag unter dem Küchentisch. Die arme Seele. Er hatte eine Tochter, aber ich glaube nicht, dass sie sich viel um ihn kümmerte.
