Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
"Gestatten, verehrte Leserschaft, dass ich mich vorstelle: Mein Name ist Benz, Mercedes Benz. Spitzname Daimler". So beginnt die Erzählung. In diesem Buch wird ein vier Jahre dauernder Aufenthalt eines Deutschen in Äthiopien aus der Sicht seines ständigen Begleiters, eines Autos, erzählt. Der "Herr", wie er von dem Erzählenden liebevoll genannt wird, geht mit einem ausgereiften Plan nach Äthiopien. Er eröffnet ein bayerisches Restaurants in Addis Abeba, der Hauptstadt von Äthiopien. Dieses Restaurant ist der Auftakt weiterer geschäftlichen Aktivitäten, zum Beispiel der Bau einer Sauna nahe des Dschungels. Kurz nach der Eröffnung des Deutschen Restaurants flammt in Äthiopien ein Bürgerkrieg auf. Zusätzlich wird der "Herr" Opfer interner Verschwörungen und er gerät in existentielle Krisen, aus denen er sich wieder befreien muss. Just in diesen schwersten Tagen lernt er auch den Wert wahrer Freundschaft wieder kennen und findet einen Weg aus dem Schlamassel. Außerdem begleitet er eine wirklich große Sache, denn ein deutscher Investor kommt aus Dubai und möchte einen millionenschweren Deal mit der Regierung machen. Im Grunde ist der "Herr" ein innerlich gehetzter "Goldgräber", der versucht, in Äthiopien einzusteigen, seine Intelligenz und Kreativität auszuleben und vor allem genug Geld zu verdienen, dass es seiner Familie und ihm gut geht. Das Buch ist kein klassischer Reisebericht in ein faszinierendes Land. Es ist ein Buch über eine Liebesbeziehung zu Äthiopien und Afrika. Die Beziehung wächst durch und mit der einheimischen Bevölkerung. Die Verbundenheit des "Herrn" findet in Texten mit detaillierten Beschreibungen über Sitten und Gebräuche, über den Alltag des "einfachen" Menschen und dessen Lebenswege, ihre Reflexion.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 403
Veröffentlichungsjahr: 2017
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
„Afrika, oh, Afrika, warum hältst du mich so fest!
Ich will entkommen, diese Lebensschmerzen sind oft zu
viel.
Dann liebe ich dich zu sehr, sicher, in diesem Mutterland
sterben zu wollen.
Afrika, oh, Afrika, was hast du nur mit mir getan?“
In tiefer Verbundenheit zu meiner Frau Jerusalem. Ohne sie wäre ich gestrandet und gefallen. Wie oft ist sie gestanden wie ein Felsen, während ich wackelte wie ein warmer Pudding. Wie oft hat sie die Dinge ruhig in die richtige Richtung gelenkt, wo ich mit meinem Dickkopf gescheitert wäre. Wie oft hat sie mir Zuflucht ermöglicht, weil sie unser Zuhause und unsere Kinder liebevoll behütet.
Letzte Tage in Deutschland
Ankunft
Ein Biergarten und sowjetische Panzer
Kein Geld zum Tanken und ein Neuanfang
Ein Schaf im Kofferraum
Wellnessclubs
Ein Megaprojekt
Ein herber Rückschlag und ein Abschied
Nachwort (des „Herrn“)
Gott allein weiß, wieviel Schlaglöcher ein Auto zu ertragen
hat, aber wirklich hin und her geschlagen ist nur das
Menschenkind auf seinem Weg.
Gestatten, verehrte Leserschaft, dass ich mich vorstelle:
Mein Name ist Benz, Mercedes Benz, Spitzname Daimler.
Das Licht der Welt habe ich im Jahr 1986 erblickt und ich durfte mit Dankbarkeit feststellen, aus welch edler Baureihe ich entsprungen bin – SE 260.
Fast zwei Jahrzehnte habe ich ein standesgemäßes Leben geführt, auf breiten und allglatten Straßen, sauber gehalten und bis in die letzten Radmuttern gepflegt und gehegt.
Aber, so muss ich aus heutiger Sicht einräumen, war es ein sehr überschaubares Leben im Gleichklang. Darf mir das Wort „langweilig“ gestattet sein?
Und so traf ich dann an einem grauen, verregneten und unangenehmen Frühlingstag des Jahres 2005 meinen neuen Herrn.
Obwohl ich schon die flotten Sommerreifen tragen durfte, schmeckte es die Nacht davor nach Bodenfrost. Bei der ersten Fahrt des Tages, meine Borduhr zeigte 9.47 Startzeit, die uns zum örtlichen Bahnhof führte, um meinen neuen Herrn von dort abzuholen, maß ich digital 5 Grad Celsius, Unterboden außen.
Und dann sah ich ihn, meinen neuen Herrn, zum ersten Mal, zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Geringsten wissend, dass ich verkauft werden sollte, geschweige dann zu welchem Zweck!
Vor allem – welch ein ungeheures Maß an Veränderungen in mein wohlgeordnetes Leben brechen würden.
Als ich dann, auf der Fahrt zur KFZ – Stelle, dass Gespräch verfolgen konnte, wurde mir klar, dass ich einen neuen Herrn bekommen sollte, zum vierten Mal in meinem Leben.
Ich denke, es mag nicht verwundern, dass Besitzerwechsel immer einige Unruhe im Leben eines Autos hervorrufen, besonders, wenn man von edlem Geblüte ist und auch Angst um seine standesgemäße Behandlung haben muss. Mit Grauen erinnerte ich mich an die Geschichten, die ich von unsereins hören musste.
Ganze Flotten der etwas älteren D – Klasse fielen in die untersten gesellschaftlichen Schichten von ewigen Literaturstudenten, betrunkenen Sozis und drogenberauschten Hippies. Unisono machten wir Janis Joplin und ihr unsagbares Lied für diesen Skandal verantwortlich.
Aber mein neuer Herr sah durch den ersten Scheinwerfer betrachtet ganz vernünftig aus, ehrlich gesagt nahm ich mit prickelnder Erregung wahr, dass er rund zwanzig Jahre jünger war als meine zwei Vorbesitzer und somit bestand die berechtigte Hoffnung auf eine hochtourige Performance und auf quietschende Reifen, mmhh – zu lange wartete ich schon darauf, endlich mal wieder unter Maximalbelastung zu fahren.
Der Kaufpreis, der offensichtlich schon telefonisch abschließend verhandelt war, war einfach lächerlich – ein Schlag auf die wohlgeformte Motorhaube eines jeden Mercedes.
Aber ich war eben nicht mehr der Jüngste und die Steuern und der Benzinpreis.......andauerndes Jammern und Klagen!
So richtig klar, welch ein Plan mir begegnen sollte, wurde mir erst, als ich ein rotes Überführungskennzeichen verpasst bekam. Nein – nicht vorübergehend und dann am Heimatort meines Herrn wieder umgemeldet. Ich sollte auf ein Schiff verladen werden und dann schutzlos den Elementen ausgesetzt durch die halbe Welt verbracht werden! Irgendwo, am Ende dieses Alptraums wollte mein Herr, mit seiner Familie bereits angereist, mich an irgendeiner Zollstelle in Empfang nehmen.
Meine Drehzahl schwankte und mein Motoröl zog sich zusammen angesichts dieser Neuigkeiten.
Aber es war mein Geburtsmakel, unter allen Umständen zu dienen, außerstande, in mein Schicksal einzugreifen.
Aber, verdammt noch mal, wo ist dieses verdammte Land in Afrika, von dem die beiden Herren andauernd sprechen?
Nicht wissend, wohin es ging, genoss ich die erste Fahrt mit meinem neuen Herrn.
Er zog alle Register, Kick Down, Höchstgeschwindigkeit, kraftvolle Kurven, Schiebedach auf und zu, zartes Streicheln über mein Wurzelholz, laute Musik – herrlich, welche Befreiung.
Nach Autobahn und Landstraße ging es quer durch München durch und dann in ein Wohnviertel. Verbotenerweise rief er auf der Fahrt jemand an, offensichtlich seine Frau. Er sagte, er sei gleich zu Hause.
Und dann sah ich zum ersten Mal in meinem Leben eine Afrikanerin.
Mir blieb das Wischwasser in der Pumpe stecken!
Welch eine Schönheit, welch eine Grazie!
Kupferbrauner Metallic Lack und eine Karosserie zum Dahinschmelzen.
Zum ersten Mal in meinem Leben fühlte ich mich schlagartig hässlich.
Und sie stieg ein!
Nur mit stählerner Kraft konnte ich die Stoßdämpfer kontrollieren.
Angespannt hielt ich mein Innengeräusch niedrig, um jedes Wort zu hören.
Nachdem die Begrüßungsküsse zwischen meinem Herrn und seiner Frau endlich ihr Ende nahmen, wartete ich voller Ungeduld auf die erlösenden Worte.
Ich wollte ihr gefallen, ich wollte ihr dienen bis an mein Lebensende. Sie überall hinfahren – wann immer und wo immer sie mich brauchte.
Und sie mochte mich, Gott sei Dank, und auch die nervöse Anspannung auf dem Gesicht meines Herrn verschwand. Gut, der Kauf war durch den Privat-TÜV gegangen.
Mittlerweile war aus dem verregneten und ungemütlich kalten Vormittag am Bodensee ein entspannter, sonnendurchfluteter Spätnachmittag geworden. Mein Herr öffnete mich hier und da, eine etwas oberflächliche Inspektion, die mich ahnen ließ, dass mein Herr zukünftig keine übertriebene Arbeitswut an mir entwickeln würde. Auch gut, war sowieso viel zu viel die letzten Jahre.
So dachte ich, erst einige Stunden aus der Rentnerpflege entlassen und nicht ahnend, welche Alpträume die Zukunft in dieser Hinsicht für mich bereithielt.
Die Frau meines Herrn sah ihrem Mann einige Minuten liebevoll zu, wie er an mir herum hantierte, bis aus einem weiß blauen Apparat, den sie bei sich trug, eine jammernde Stimme quoll.
„Er ist aufgewacht!“ rief sie und war schon in der Tür auf dem Weg in den ersten Stock in deren geräumige 2,5 Zimmer Wohnung, die ich leider aus technischen Gründen nie befahren habe.
Aha, Nachwuchs.
Kindern stand ich (heute ist es anders), so muss ich zugeben, mit Skepsis gegenüber – Drücken überall an mir herum und verschmutzen in Windeseile den Innenraum!
Mir sei verziehen, dass ich als oberster Repräsentant der deutschen Automobilindustrie, leicht versnobt, selbstverständlich darauf bedacht war, deutscher als deutsch zu sein und Kinder bringen eben die für das Leben so wichtige Ordnung durcheinander.
Auf den Punkt gebracht: Sie haben mich gestört!
Zwei Minuten, nachdem die afrikanische Perle aus dem Blickwinkel meiner Scheinwerfer verschwunden war (ich hatte Bedenken, dass mein silbergrauer Lack leichte Schattierungen von kirschrot aufwies, so verliebt und erregt war ich), schlug mein Herr die Fahrertür zu, sperrte mich ab und verschwand ebenfalls.
Ohne Bewegung und ohne viel zu denken, genoss ich wenige Minuten die Stille des Münchner Wohnviertels.
So breite Gehwege und doch so wenig Menschen auf der Straße, so resümiere ich heute nach fast vier Jahren im Ausland.
Die Haustür flog auf und mein Herr kam mit Schlüsseln in der Hand auf die Straße.
Entrüstet nahm ich die vier Ringe auf dem modernen Autoschlüssel mit all seinen Knöpfen wahr. Audi! Alle skandalösen Neuigkeiten des Tages sprangen mir wieder in den Zylinderkopf. Und nun das auch noch!
Mein Herr ging an mir vorbei, ein verliebter Blick streifte mich, und noch im Gehen drückte er einen Knopf an dem Autoschlüssel, der von einem Auto in einiger Entfernung optisch und akustisch beantwortet wurde. Pah, diese Art von technischer Spielerei flößte mir keinen Respekt ein, Audi bleibt Audi.
An diesem Tag blieb mir der Blick auf den Nebenwagen meines Herrn verwehrt durch einen vor mir stehenden Transporter.
Blink – Piep – Schließmechanismus, und schon war der Herr wieder bei mir, einen eleganten, lederbezogenen Kindersitz im Arm. Im Handumdrehen hatte er ihn in meinem großzügigen Fond eingebaut, als meine Herrin auch schon erschien, seitlich eine italienische Designer-Babytasche über der Schulter und an der anderen Seite ihren ganzen Stolz an der Hand, den zweijährigen Sohn Moses, der mir schon interessiert zublinzelte. Beide so schön – und angezogen wie aus einem Top Fashion Magazin. Eine standesgemäße Freude für mich nach Zeiten des Darbens in dieser Beziehung.
Mein Herr mochte es locker. Schwarze Lederjacke, T-Shirt, Jeans, leichte Turnschuhe, aber alles farblich passend. Sofort war mir klar, dass er von seiner Frau eingekleidet wurde.
Bei der Betrachtung meines Herrn musterte ich auch sein Gesicht. Gut geraten, kein Zweifel, aber unruhig in den Zügen, etwas aufgedunsen, Traurigkeit im Blick, leichte Schatten über dem Antlitz.
Vieles konnte ich damals noch nicht verstehen oder werten.
Doch war mir in meinem kurzen, fast zwanzigjährigen Leben schon bewusst geworden, dass mit den Menschenkindern im Allgemeinen etwas nicht stimmte. Zuviel Lebensfreude sah ich schwinden in den Jahren und Gram nahm sich Platz.
Nun, da haben wir es einfacher; wenn wir erschöpft sind, dann gibt es frisches Öl, eine Inspektion und neugeboren geht es weiter.
Und vielleicht liegt auch der Grund für meine gleichmütige Freude darin, dass ich es immer nehmen muss, wie das Leben so kommt.
Die erste Fahrt mit meiner neuen Familie. So laut war mein Innenraum noch nie!
Stimmungsvolle Musik, ein heiter und aktiv vor sich hin brabbelndes Kind, was offensichtlich meine Herren gar nicht störte (aber mich zu dieser Zeit – Kinder müssen doch gemaßregelt werden), am Beifahrersitz das explosive Temperament meiner Herrin, die entweder mit meinem Herrn sprach und gleichzeitig ihre Handtasche ausräumte, um den Lipgloss zu finden oder in das Handy lachte, welches scheinbar dauernd klingelte. Was für ein liebenswertes Durcheinander.
Natürlich fiel mir die völlig fremd klingende Sprache auf, die sie bei ihren Telefonaten benutzte. Ich konnte die Deutschen Dialekte deuten, konnte schweizerisch, französisch, österreichisch und italienisch einordnen, aber ihre Sprache war schlicht fremd und schien ihre Wurzeln fern meiner Heimat zu haben.
Mein Herr war während der Fahrt eher mit mir verbunden. Obwohl er seiner Frau von Zeit zu Zeit etwas über meine technischen Details erklärte, spürte ich jedoch, dass er es grundsätzlich nicht für wichtig erachtete, mit einer Frau über Autos zu reden – Zustimmung auf meiner Seite.
Bringen wir die Sache mal wieder auf den Punkt: Wenn die Sonnenblende am Beifahrersitz mit einem beleuchteten Schminkspiegel ausgestattet ist, wird ein Auto von Frauen zumeist schon als tauglich erklärt.
Ein Mann hingegen will mit seinem Auto verschmelzen, er spürt jede Art von Problemen, die wir haben, am Lenkrad. Das sind Beziehungen fürs Leben.
Durch das ganze Durcheinander hindurch eruierte ich, dass wir auf dem Weg zu zwei Freundinnen meiner Herrin waren.
Auch Ausländerinnen – mein Leben wurde in einer Tagesspanne interkontinental! Ich gestattete mir als Zeichen meiner Zustimmung für diese neuen Lebensumstände ein unmerkliches Blinken meines Kühlersternes. Hier fing etwas von Tragweite an!
Es war Freitag, so entsann ich mich und entweder Freitagnachmittag oder Samstagvormittag wurde ich immer von meinen früheren Herren im Economy Modus und Tempo 40 zu einer Tankstelle gefahren, um dort meine wöchentliche Schönheits– und Vorsorgekur zu erhalten. Obwohl ich selbstredend die vielen edlen Pflegemittel, die sich über mich ergossen, bis in die letzte Lackschicht genoss, keimte jedoch in mir der Verdacht, dass diese wöchentlich wiederkehrenden Prozesse mehr meinem jeweiligen Herrn als mir diente. Raus aus den einengenden Verpflichtungen des Privathaushaltes, rein in das neuzeitliche Männergeflecht, vermischt mit Geruch von Benzin und Öl, und vielleicht den ein oder anderen „Underberg“, um den Genuss dieser wahren Welt zu erhöhen und den verlorenen Werten nachzutrauern.
Na dann, Prost!
Ich strahlte wie frisch vom Band gelaufen. Während mein Herr etwas abseits mit verschränkten Armen die Situation ebenso genoss wie ich, saßen drei wunderschöne Frauen in meinem Inneren. Obwohl sie sich in dieser mir unbekannten Sprache unterhielten, wurde mir durch meine Innensensoren und die Art, wie sie mich berührten, sofort klar, dass ich ihr Star mit dem „Stern“ bin.
Es liegt in der Natur der Sache, dass ich es gewöhnt bin, wenn die Menschenkinder aufgrund meiner angeborenen Schönheit und der innewohnenden Stärke mehr des Lobes als des Tadels für mich sind. Dennoch war dies ein besonderer Tag für mich. Leichte Schmerzen im Rückbankbereich, die von dem zwischen den Frauen umherspringenden Kind herrührten, verdunkelten die lichte Situation des Stolzes und Genusses ein wenig. Aber nachdem die verehrten Damen sehr tolerant und nachsichtig mit dem Kind waren, unterdrückte auch ich kleinliche Gefühle. Und überhaupt, welch ein neuer Hauch von unbekannter Lebendigkeit drang in mein Leben ein. Wie schon erwähnt, noch unbegreifliche Veränderungen, einerseits laut und kräftig, andererseits still und heimlich, bahnten ihren Weg in mein Leben.
Eine Nacht mit gemischten Gefühlen ging zu Ende. Der Ruhezustand tat mir gut, auch wenn es mal wieder für die Jahreszeit zu kalt war. Vom absoluten Kaltzustand bis zur Fahrtemperatur ist es immer eine fragile Periode, bei der gerne bewegliche Teile beschädigt werden.
So hatte ich wenigstens in dieser Hinsicht Aussicht auf Besserung, denn obwohl ich bislang eher kleinbürgerlich gehalten wurde, so hatte ich immerhin die Information, dass es in meinem neuen Zielland nicht so große Temperaturschwankungen gab wie hier in Deutschland. Somit eine große Fahrerleichterung.
Bis heute habe ich diesen letzten Morgen meines alten Lebens wie ein Bild vor den Scheinwerfern. Die Innentemperatur des Fahrerhauses betrug unter vier Grad, dieser unangenehme Nieselregen, graue, tiefhängende Wolken. Vor allem diese absolute Stille, die in Deutschland selbst in einer Großstadt herrscht, fasziniert mich bis heute. Es herrschte Morgendämmerung – vom jetzigen Standpunkt aus betrachtet glaube ich, dass selbst die Vögel in Deutschland diszipliniert und nach Plan organisiert das erste Lied des Tages anstimmen.
Und dann das „Gassi“ – Führen der Hunde. Auch das erfolgt effektiv und leise. Alle Grünstreifen sind nahezu zugepflastert mit Hundekot. Ich pikiere mich bei diesem Thema aus einem ganz einfachen Grund, denn welches Auto hat es schon gerne, wenn die Reifen zwei bis dreimal am Tag anuriniert werden.
Ein seltsames Verhalten des sonst so wohlerzogenen Volkes.
Gegen acht ging es endlich los. Mein Herr erschien mit einem Schnellhefter in der Hand. Er telefonierte und wartete ein wenig unentschlossen in Höhe meiner Kühlerhaube. Als ein roter BMW in meiner Nähe parkte, ging er auf ihn zu. Dem Auto entstieg ein auf Anhieb sympathisch wirkender Mann, schätzungsweise im gleichen Alter wie mein Herr. Durch die Art, wie sie sich ansahen und begrüßten, merkte ich sofort, dass die beiden sich gut kannten und mochten. Beide kamen eilig auf mich zu und drehten zwei Inspektionsrunden um meinen Körper. Da war es wieder, dass tiefe Zusammengehörigkeitsgefühl zwischen Männern und deren Automobile. Und obwohl ich mir meiner gelungenen Schönheit bewusst bin, erfreute es mich wieder aufs Neue, dass die beiden ihren Inspektionsgang mit Wörtern der Bewunderung begleiteten.
Mein Herr gab seinem Freund ein letztes Zeichen und nahm dann auf meinem Fahrersitz Platz. Die Fahrt ging, so schien es mir, durch die ganze Stadt. Die Sonne bohrte sich durch die Wolken und breitete eine wärmende Decke über uns.
Der rote BMW seines Freundes folgte uns praktisch auf Stoßstange bis an das Ende einer Sackgasse. Schon zweihundert Meter vor unserem Ziel begleitete uns rechter Hand ein ausgedehntes Grundstück, vollgepfropft mit Automobilen verschiedenster Bauart. Allen war eines gemeinsam: Mit einem Ölstift waren Zahlen und Buchstaben auf die Windschutzscheibe geschmiert, gelbe Aufkleber zierten die Seitenscheiben und kein Auto besaß ein Kennzeichen.
Schlagartig war klar, dass diese lieblose Behausung auch mein, hoffentlich nur kurzfristiges, Reiseziel sein sollte. Wir bogen rechts in eine Hofeinfahrt ab. Schon fühlte ich mich gefangen. Mein Herr stellte den Motor ab, nahm den Hefter mit Dokumenten, entnahm das Sicherheitsgehäuse meines Radios, kontrollierte noch einmal alle Ablagen, sah sich nochmal etwas nervös um, presste ein „Bis dann!“ zwischen seinen Zähnen hervor, stieg schwungvoll aus und sperrte mich ab. Plopp, Plopp, Plopp – meine Zentralverriegelung ist wirklich immer was zum Freuen.
Auch wenn es ihm offensichtlich peinlich war, mit einem Auto zu sprechen, das warme Gefühl in der Motorgegend blieb noch Stunden! Er hatte persönlich mit mir gesprochen. Es war zwar nur ein gequetschtes „Bis dann“, aber es war der erste direkt an mich gerichtete Satz.
Selbst zwei Stunden später, als ein finster drein blickender Mann mich öffnete, und auch meine Windschutzscheibe verschmierte und die Seitenfenster verklebte, trug mich noch der wohlige Nachhall der persönlichen Begegnung mit meinem Herrn.
Um mich herumblickend, befand ich mich in einer sehr unwirtlichen Umgebung. Alte Autoteile, Schmutz und Schlamm. Es besserte sich auch nicht, als ich, wiederum einige Zeit später von einem anderen, jungen Mann brutal und gefühllos zwischen all die anderen wartenden Automobile platziert wurde.
Wumm, Fahrertür zugeschmissen, Kennzeichen aus den Halterungen gerissen, Plopp, Zentralverriegelung, Stille.
Oh, Herr, demütig nehme ich auch diese Prüfung auf mich, denn unweigerlich sind unsere Schicksale miteinander verknüpft.
Darf ich die profane Bemerkung loswerden darf, dass in mir das Gefühl hochkam, einer Schnapsidee aufgesessen zu sein.
Erstaunlich zu beobachten, wie ein nicht zu kontrollierenden Impuls von außen unsere Fahrtrichtung komplett verändern kann.
Kein Zündfunke, kein Tropfen Benzin, ausgetrocknete Batterie, alle Reifen platt, verschmutzt, von einem Gabelstapler in den Staub geschmissen, nach Wochen auf einem Schiff und fast 1000 Kilometern Landweg auf einem japanischen Transporter.
Mein Herr, wo bist Du?
Ich bin so müde, so entsetzlich müde. Gelobt sei, dass ein riesenhafter Baum mir Schatten spendet.
Nehme andere Autos und Seecontainer um mich herum wahr. Nur schemenhaft, bin wohl angekommen. Aber die Müdigkeit, alle für mich lebenswichtigen Systeme sind leer, ich will schlafen, nur schlafen.....
Der Schlüssel in der Fahrertür dreht sich um, nur die eine Tür öffnet sich, denn es besteht für mich keine Kraft, die Zentralverriegelung zu bedienen.
Ich lasse all meine Energie in die Sensoren fließen und erkenne die Umrisse meines Herrn.
Oh, Du bist da! Das ist gut.
Mehr Gedanken kann ich nicht fassen, dann überfällt mich wieder die schwarze Leere einer Ohnmacht.
Sind Tage vergangen oder nur Stunden, als der Schlüssel wieder in mein Türschloss genässelt wird?
Rettung oder Exekution?
Es ist mein Herr.
Er ist nicht allein. Eine ganze Gruppe äthiopischer Landsleute lösen sich von ihm und umzingeln mich. Mein dem Tode nahes System empfindet Unbehagen obschon der bisher nicht dagewesenen Situation. Die Unterhaltung führt mein Herr in Englisch und ich schnappe Worte wie „Tube“, „Fuel“ und „Battery“ auf, die auch mich mit unzureichenden Englischkenntnissen davon überzeugen lassen, dass hier eine große Hilfsaktion im Gange ist.
Schon fünf Minuten später sind sechs Personen an drei verschiedenen Stellen meines Körpers beschäftigt. Ich spüre die ersten Erfrischungen an meinen neuralgischen Punkten.
Die allerletzten Tropfen Benzin hatten mir die Mannschaft meines Reiseschiffes mit einem Schlauch entsaugt. Selbst im Kreislauf ist kein Tropfen Lebenssaft mehr. Aber nun hauche ich den süchtig machenden Geruch von frischem Benzin ein. Ein Ersatzkanister wurde angesetzt und zehn Liter laufen in mich. Zugleich wird die völlig unbrauchbare Batterie durch eine neue ersetzt und die Kontakte gereinigt. Ich werde Zeuge, dass Innenschläuche in meine Reifen gezogen werden, eine befremdliche, altmodische Technologie.
Danach erhalten alle Reifen durch einen heran gekarrten Dieselkompressor einen satten, wohligen Luftdruck.
Noch zwei Liter frisches Öl und Kühlwasser aufgefüllt, dazu eine provisorische Trockenwäsche, um wenigstens ansatzweise den sich überall befindlichen Wüstenstaub zu entfernen, und ich bin bereit für den Zündvorgang.
Mein Herr lässt sich auf den Fahrersitz fallen und führt den Schlüssel in die Zündung. Sachte dreht er auf „Batterie“ und ich verspüre das erwachende Glimmen in meinem Körper. Das tut so gut!
Und Zündung. Das darf nicht schief gehen, immerhin habe ich einen Ruf zu verteidigen. Ich lege meine volle Konzentration in den Vorgang und gewinne! Die Zylinder sausen hoch und beginnen ihre taktvolle Arbeit, gleichzeitig starten alle Pumpen und jagen die erfrischenden Flüssigkeiten in das System.
Na, mein Herr, nicht schlecht für einen alten Mann. Unter der Motorhaube ist das einzigartige Wummern der Zylinder zu hören, während meine Betriebsorgane die Temperatur anheben. Und dann schmecke ich das beinharte Benzin. Diese Zusammensetzung durfte ich das letzte Mal 1992 genießen, dass gute, grobe bleihaltige Gemisch, auf den mein Motor einst ausgerichtet wurde. In Deutschland erhält man ja nur noch diese geschmacklose, umweltfreundliche Light Version.
Das neue Öl schmiert sich gut, wenn auch nicht so flaumig wie gewohnt. Aber ein durchaus anständiges Arbeitsöl.
Beim Systemcheck stelle ich erschreckt fest, dass ich kaum Sauerstoff zugeführt bekomme, was ich mit eingeschränkter Laufruhe und Drehzahlschwankungen bezahlen muss.
Später, nach einer Generalinspektion in meiner neuen Werkstatt, über die ich noch gesondert berichten werde, konnten wir feststellen, dass dieses Problem aus zwei Gründen aufgetreten ist.
Der eine, abänderbare Grund, war der bereits erwähnte feine Sand, der sich tief in mein Inneres gefressen hatte.
Der andere, unabänderbare Grund, ist die Tatsache, dass sich meine neue Heimatstadt satt über 2000 Meter Meereshöhe befindet und schlichtweg weniger Sauerstoff in der Luft hat.
Nichtsdestotrotz, ich laufe wieder, die Systeme schalten sich in den Normalzustand, mein Zustand bessert sich minütlich und mein Herr hat Wort gehalten: Wir sind wieder zusammen, hier in Afrika, hier in Äthiopien!
Aus Gesundheitsgründen lässt der Herr meinen Motor laufen, als er erneut aussteigt, um die nächsten Schritte zu besprechen.
Und schon erhalte ich meine erste Lektion.
Alles entwickelt sich immer zu einem Palaver.
Meine sechs Helfer umzingeln einen älteren Mann mit zerfurchtem Gesicht, der aufgrund eines weißen Kittels, den er trägt, als Angestellter der Zollbehörde zu erkennen ist.
Offensichtlich sind noch Papiere vonnöten für die abschließende Bearbeitung des Vorgangs und daraus entwickelt sich eine heftige Diskussion. Vielleicht nicht das passende Wort, wenn alle Menschlein gleichzeitig reden. Eben doch Palaver.
Es gibt eine Meinungsverschiedenheit, denn mit jedem Wortschwall umkrampft der Beamte seinen mitgebrachten Ordner mehr und mehr. Zwei weitere Zollangestellte stoßen in die Gruppe und beteiligen sich unverzüglich, ungebändigt und lautstark am Gespräch.
Durch die Rückleuchte beobachte ich meinen Herrn, der etwas abseits im Schatten auf einem ausgemusterten Autoreifen Platz genommen hat, sich eine Zigarette angezündet hat und, genauso wie meine Wenigkeit, dem bunten Treiben folgt. Müde sieht er aus, ein wenig abgekämpft.
Es erstaunt mich, dass es offensichtlich niemand zu beanstanden hat, dass mein Motor läuft. Seit über zehn Minuten bin ich gezündet, ohne mich zu bewegen. Hier kommt die zweite Lektion:
Die meisten lokalen Autobesitzer sind so froh, dass ihr Auto anstandslos läuft, sodass niemand auf die Idee kommt, wegen einer kurzen Unterbrechung das Auto abzuschalten.
Es kommt Bewegung ins Spiel. Offensichtlich waren meine Verbündeten erfolgreich, denn der Zollbeamte lockert seinen Griff, öffnet seinen Ordner und entnimmt diesem den dritten, einen roten Durchschlag, und den vierten, einen gelben Durchschlag eines Schriftsatzes. Bereits wieder lachend und scherzend deutet er auf einen Großcontainer hin, der als Büro umfunktioniert worden ist.
Einer meiner Helfer geht mit den Durchschlägen in der Hand zu meinem Herren und zeigt ebenfalls auf das Büro. Mein Herr löscht die Zigarette und beide machen sich auf den Weg.
Später soll ich erfahren, dass noch die Standgebühr für mein Auto bezahlt werden musste und die ganze lautstarke Diskussion den Inhalt hatte, ob der heutige Tag nun mitbezahlt werden solle oder nicht.
Es geht dabei um weniger als einen Euro, aber ein Palaver muss sein, dass ist Sitte.
Es gibt in Äthiopien nur zwei Arten, wie eine Ware, sei es Geld, Kartoffeln, ein Auto oder eben nur erforderliche Papiere, den Besitzer wechseln.
Die lautstarke Version mit fürchterlich vielen Worten wie oben beschrieben (in Deutschland wäre schon die Polizei gekommen), oder die völlig schweigsame, die meinem Herrn immer mehr Nerven kostet als die lautstarke.
Ein Menschlein steht im Büro des öffentlichen Dienstes und empfängt ein, nun mit dem dritten Stempel versehenes, Dokument. Schweigend, ohne Kommentar. Man weiß nicht, wie es weitergehen soll oder ob man für heute fertig ist oder ob alles abgeschlossen ist.
So steht das Menschenwesen ein wenig verloren vor dem Schreibtisch des Beamten. Dieser hat sich schon in den nächsten Vorgang vertieft, einen anderen Namen aufgerufen.
Der einheimische Begleiter und Übersetzer des ausländischen Menschleins steht ebenfalls hilflos daneben und blickt vom erhaltenen Papier zum Schreibtisch und wieder zurück.
Während sich schon das neue, dem frischen Vorgang zugehörige, Menschlein rücksichtslos vorbeiquetscht, um sicherzugehen, auch bis zur Schreibtischkante vorgedrungen zu sein, fasst sich der Begleiter doch noch ein Herz und fragt nochmal nach. Erst leise, dann etwas lauter und bekommt möglicherweise eine kurze Antwort wie zum Beispiel „Raum 7“.
Dann aber schnell raus, die Menschenmassen drücken nach.
Audienz beendet.
Abgesehen von dem schon erwähnten Mangel an Sauerstoff fühle ich mich bestens und habe ein wenig Zeit, meine Umgebung zu inspizieren.
Protestnote: Überall auf der Welt wird Autos, wenn sie kurz – oder langfristig von ihrem Besitzer getrennt werden, nicht sehr viel Respekt gezollt.
Das ist auch an diesem Zollstandort der Fall. Ich habe schon erwähnt, dass die letzten Wochen nicht zu den angenehmsten meines Lebens gehört haben. Wenn ich nun meine Scheinwerfer über die Leidensgenossen schweifen lasse, die hier rechts und links von mir mehr oder weniger zufällig aneinandergereiht stehen, so ersehe ich, dass ich kein Einzelfall bin.
Gut, es sind in erster Linie Toyotas, sodass sich mein Mitgefühl in Grenzen hält. Und überwiegend Geländewagen. Alle haben platte Reifen, alle haben diese ungeheuer dicke Staubschicht auf der Karosserie. Das durchschnittliche Alter der Wagen lässt meine zwanzig Jahre als jugendlich erscheinen.
Ganz weit hinten sehe ich einen Kollegen von mir stehen, in weiß, 200 D. Schön angesichts der japanischen Übermacht.
Es herrscht wirres Treiben auf dem Gelände. Alte Fiat – Trucks ziehen humpelnd Container durch den buckeligen Sand und den unzureichend befestigten Schotterbahnen. Es ist trocken und die Karawanen der LKW in beide Richtungen wühlen den Staub meterhoch in die Luft, die zusätzliche intensive Sonnenbestrahlung lässt mein sonst so erfrischendes Kühlwasser wie knirschende Suppe erscheinen.
Junge Männer, offenbar Arbeiter der Behörde, springen sorglos auf die hinteren, dünnen Containerrahmen der sich in Fahrt befindlichen Zugmaschine, um sich Fußwege vom letzten und zum nächsten Arbeitseinsatz zu sparen. Sie fahren drei- bis fünfhundert Meter mit, um dann laut lachend und rufend wieder abzuspringen.
Was hier abläuft, scheint mir in der Tat reichlich gefährlich. Denn viele von diesen Arbeitern haben nur leichte Flip – Flop – Schuhe an. Und die nachrauschenden Laster kennen keinen Sicherheitsabstand.
Und dann passiert, was wahrscheinlich mehrmals täglich passiert. Einer verliert seinen Schuh, während er an der Rückwand eines Containers hängend laut mit seinen Kollegen schwätzt. Der Verlust seiner Gummisandale löst allgemeine Heiterkeit und, soweit ich dem Klang der Sprache und der Mimik entnehmen kann, ein gerütteltes Maß an Spott aus.
Es bleibt ihm nichts anderes übrig, als abzuspringen. Der Lastwagen, an dem das in Probleme geratene Menschlein hängt, fährt für meinen Geschmack zu schnell angesichts der Geländebeschaffenheit und der von arbeitenden Menschen gefüllten Umgebung. Somit ist schnelles Handeln vonnöten, da der Abstand zum Schuh rapide zunimmt.
Der junge Mann lockert den Griff und stößt sich ab. Doch seine Beine können den Sprung in Fahrt nicht synchronisieren, sodass er stürzt und am Boden abrollt. Den Bruchteil einer Sekunde bleibt er liegen, doch er hat wenig Zeit, da sein Abstand zum nachfolgenden Lastwagen mit seinen 50 Tonnen Gewicht nicht mehr als zwanzig Meter ist. Ein sensorenbetäubendes Hupkonzert beginnt.
Der Gestürzte, dem offensichtlich nichts ernstlich passiert ist, rappelt sich flugs hoch und springt in einem Satz zur Seite. Schon rollt die schwere Maschine über sein Eigentum, dem Gummischuh.
Eine dichte Staubwolke umgibt den Mann, als er endlich sein Hab und Gut retten kann und wieder im Besitz seines Schuhwerkes ist.
Nun grinst er und sieht sich um. Gelächter und neckendes Geschrei von allen Seiten. Geschmeidig dreht er sich zur Seite und fällt in leichtes Laufen, um seine Mitfahrgelegenheit wieder einzuholen. Als ob es nie eine Gefahrensituation gegeben hätte, springt er wieder auf den Containerrahmen. Seine Kollegen sind außer Rand und Band und ich denke, er muss noch so manches an Hohn und Spott ertragen, während der Container aus meinem Beobachtungsfeld verschwindet.
Ich bin verwirrt und erstaunt. Diese Art von Sorglosigkeit, gepaart mit heiterer Gelassenheit inmitten einer außer Kontrolle geratenen Gefahrensituation, habe ich in meinem ganzen dienenden Lebensweg weder gesehen noch gehört.
Auch dass der zweite Lastwagen keine Anstalten zur Bremsung machte, sondern dessen Fahrer, offensichtlich auch belustigt, nur seine beneidenswert laute Fünf – Ton – Trompete erklingen ließ, lässt meinen Innenraum erschaudern.
Wie ich jetzt bemerke, ist diese theatralische Einlage für alle Anwesenden bereits abgeschlossen und jeder ist wieder mit seinem Tagwerk beschäftigt.
Etwa 300 Meter entfernt, so schließe ich aufgrund des sich dort befindlichen großen Tores, ist der Auslass in die Freiheit. Mein Motor läuft immer noch gleichmäßig wie auf eine Perlenkette gezogen und allmählich beginne ich, mir Sorgen zu machen. Schon mehr als 15 Minuten sind vergangen, als mein Herr einige Geldscheine Zückte und mit unserem Helfer in das Containerbüro verschwunden ist. Die Verriegelung aller Türen ist geöffnet und der Schlüssel steckt bei laufendem Motor. Der Gedanke eines Sicherheitsproblems flammt kurz in meinem System auf, doch diese Anfrage wird sofort pariert mit der Tatsache, dass alle Zollstellen der Welt zu den sichersten Plätzen gehören. Ich werde eben langsam unruhig, will hier raus, meine ermüdeten Achsen wieder bewegen lassen, auf die Straße mit meinem Herrn, sein Zuhause kennenlernen und seine Familie wiedersehen.
Nachdenklich verfolgen meine Nebelleuchten den Verlauf des geschotterten Fahrstreifens in die Freiheit. Ob ich überhaupt geeignet bin für solche Geländesituationen angesichts meines Achsabstandes und der geringen Bodenfreiheit? Die festgefahrenen Hauptwege können gemeistert werden, leichte Sorgen bereiten mir die in einigen Metern Abstand befindlichen ausgetrockneten Schlammmulden.
Man wird sehen. Am besten quer anschneiden.
Mein Herr ist zurück und lässt sich schweißgebadet in den Fahrersitz fallen. Sichtlich nervös öffnet er eine Flasche stillen Mineralwassers, welches er unterwegs gekauft hat, und trinkt gierig. Dann lässt er ein wenig Wasser in die gewölbte Hand laufen und wischt damit über Gesicht und Nacken.
Es ist heiß. Und laut. Es ist fast immer laut in Afrika. Das ist eine simple, aber feststehende Tatsache. Später wird mein Herr zu den ausländischen Touristen, die sich vor Müdigkeit kaum noch auf den Beinen halten können, weil sie schlichtweg lärmgeschädigt sind, mit einem Augenzwinkern sagen: „In Afrika findet man vielleicht seinen Frieden, aber niemals seine Ruhe“.
Ein Konglomerat von verschiedenfarbigen Papieren legt mein Herr griffbereit auf meine Frontkonsole, als sich die Beifahrertüre öffnet und Yosef einsteigt, der jüngere Bruder meines Herren Angetrauten. Mein Herr soll nicht alleine sein auf der ersten Fahrt durch die mir unbekannte Stadt.
In gewandtem Englisch erklärt Yosef meinem Herrn, dass wir nun im Schritttempo bis zum Haupttor fahren können. Es geht los!
Mein Herr umgreift liebevoll den Wählhebel des Automatikgetriebes und lässt es auf der vierten Stufe einrasten. Die Übersetzung gibt den Befehl weiter, die Karosserie geht in Spannung und meine ganze Kraft ist auf die Hinterachse konzentriert. Er lässt die Bremse los und ich fahre in standesgemäßer Würde an. Mit nur leichter Hilfe durch das Gaspedal rollen wir die ersten Meter auf afrikanischem Boden. Ich verliere gerührt einige Tropfen Wischwasser und merke an der Art, wie mein Herr das Lenkrad führt, dass auch er Rührung verspürt.
Doch viel Zeit, diesen Moment auszukosten, bleibt leider nicht, denn bereits nach 150 Metern drückt mein Herr die Bremse und wir kommen zum Stehen. Unmittelbar vor meiner Stoßstange befindet sich eine der beschriebenen Mulden, die wesentlich tiefer ist, als zuerst vermutet. Anschneiden, sagte ich, denkt an meinen Auspuff!
Genau das macht mein Herr und in einem nach links weit ausholenden Bogen durchfahren wir die Schikane problemlos. Es geht weiter Richtung Himmelstor. Es folgen noch zwei oder drei kleinere Bodenwellen, die aber keine Herausforderungen darstellen.
Kopfschüttelnd fragt mein Herr seinen Schwager, warum sich denn keiner um den Zustand dieses so viel befahrenen Ausfallweges kümmere. Die Straße sei eigentlich unbefahrbar, halte den auswärtsströmenden Verkehr auf und verursache womöglich Schäden an Mensch und Maschine. Sein Schwager reibt nervös seine Hände angesichts dieser deutschen Erklärungsanfrage. Er wisse es nicht. Seine ganze Körperhaltung und der fragende Blick lässt erkennen, dass ihn diese Art von Gedankenaustausch sehr befremdet.
Erst Jahre später wird mein Herr endgültig aufhören können, diese Fragen zu stellen oder Kommentare abzugeben. Wenn er erkennen darf, wie absurd sich der westliche Verstand in orgiastischer Selbstqual, ohne Unterlass vor sich hin quakend, mit solch unnützen Dingen beschäftigt.
Als Antwort auf die Anfrage meines Herrn naht hinter uns ein Containerzug. Während wir im Schritttempo auf das Tor zufahren, dröhnt hinter uns schon das Hupkonzert und drängt uns an die rechte Seite. Laut rumpelnd und mit Vollgas fährt der Lastwagen durch die Furchen und Vertiefungen, hupt erneut, zieht links an uns vorbei, um dann sofort, nur einige Meter vor uns, am Haupttor eine Vollbremsung zu machen. Probleme mit der Straße?
Eingehüllt in Staub starren wir, jeder auf seine Art, diesem unverschämten Monster nach, dass sich einfach vorgedrängelt hat. Mein Herr zieht mich in die Mitte und wir stellen uns in gebührenden Abstand hinter den Lastwagen. Und schon folgt die nächste Szene.
Offensichtlich ist dem Fahrer des Schwerlastzuges der abschließend prüfende Zollbeamte zu langsam, der in der Tat mit seiner eigenen Ruhe jeden roten und gelben Durchschlag der Papiere, die bei Verlassen der Zollbehörde abgegeben werden müssen, umständlich in die Hand nimmt, sorgfältig prüft, dann Fragen stellend eine Inspektionsrunde um das betroffene Gefährt macht, ebenfalls in seiner persönlichen Vorstellung von Arbeitsgeschwindigkeit, erneut das Papier begutachtet, einen Kugelschreiber aus seinem Kittel nestelt, jedes Mal aufs Neue eine Unterlage zum Schreiben sucht, sich Notizen macht, um dann in sein seitlich vom Tor befindlichen Wellblechbüro zu verschwinden, in dem dann lautstark die Papiere gestempelt werden, der rote Durchschlag in der Büroablage verschwindet und er mit dem durch den Stempel freigegebenen gelben Durchschlag wieder erscheint, ein letztes Mal einen prüfenden Blick darauf wirft, um ihn dann den in der Regel geduldig wartenden Fahrer auszuhändigen.
Sein anschließendes Kopfnicken genügt, um den beiden schwer bewaffneten Zollbeamten, die das Tor bedienen, die Erlaubnis zu geben, das schwere, bereits halb geöffnete Eisentor nun gänzlich zu öffnen und den Weg damit freizugeben
Dieser etwas schwerfällig wirkende Prozess ist aber vor dem Hintergrund zu verstehen, dass diese Prüfung in der Tat die letzte Kontrollmöglichkeit des Staates ist. Äthiopien ist groß und die Handelswege sind verschlungen. Einmal etwas in die Freiheit entlassen, gibt es kaum noch Möglichkeit, darauf zurückzugreifen. Und aus diesem allgemeinen Verständnis werden in der Regel solch langwierige Verfahren auch akzeptiert.
Aber eben nur in der Regel, denn es gibt Ausnahmen. Unser Vordermann ist ungeduldig. Da der Inspektor trotz oder gerade wegen seines wütenden Hupens, dass den Beamten animieren soll, mit der Inspektion zu beginnen, nicht aus seinem Büro kommt, springt der LKW – Fahrer aus dem Kabinenhaus, bewaffnet mit den bunten Durchschlägen, und stapft gestikulierend in das Häuslein. Der Dieselqualm des allein gelassenen Lastwagens vor uns steigt in meinen Innenraum. Mein Herr schließt räuspernd das Fenster.
Mittlerweile hat sich schon eine Schar von Transportern hinter uns gesammelt, alle Motoren laufen, das ein oder andere in dieser Situation sinnlose Hupen ist zu hören. Die Konzentration der Abgase schwärzt allmählich die Luft, paart sich mit dem aufsteigenden Staub und wird von gleißender Sonneneinstrahlung durchleuchtet. Diese Kombination macht jede Minute des Wartens zur Qual, jeder will einfach nur raus.
Ob allerdings das Benehmen des Fahrers zur Beschleunigung des Abfertigungsverfahrens beiträgt, ist zweifelhaft, denn der Inspektor hat ihn offensichtlich kurzerhand aus dem Büro geschmissen.
Keine Minute nach dem heftigen Betreten kommt er mit wutentbranntem Gesicht wieder raus, beide Durchschläge unberührt in seiner Hand.
Während er im Schatten des Vordaches stampft und halblaut redet, passiert einige Minuten gar nichts. Erst dann kommt der Inspektor hoch erhobenen Hauptes wieder aus dem Büro, sein weißer Kittel ist frisch geknöpft, und streckt wortlos die Hand zu seinem Widersacher aus, der ihm die Durchschläge überreicht.
Ohne auch nur den Fahrer weiter zu beachten, beginnt der das Procedere der Inspektion. Ich habe den Verdacht, dass er sogar noch sorgfältiger wie üblich prüft. Die anderen Zollbeamten betrachten misstrauisch den Fahrer. Alles ist ein wenig gespannt.
Offensichtlich merkt das auch der Trucker, denn er fällt ein wenig in sich zusammen und zieht sich in sein Fahrerhaus zurück, still schweigend.
Der Inspektor beendet seine Arbeit zufrieden und streckt die abgestempelte Kopie durch das halb geöffnete Fenster des Fahrerhäuschens.
Und jetzt geschieht etwas, was ich in Zukunft immer und immer wieder beobachten werde.
Offensichtlich gibt es einen kulturellen Mechanismus, der verhindert, dass bei Disputen eine Langzeitwirkung eintritt.
Als ob es den Machtkampf nie gegeben hätte, scherzen und lachen nun der Inspektor und der Fahrer miteinander. Es entsteht ein kurzer, von gemeinsamem Wohlwollen getragener Wortschwall, Handschlag. Kein Problem.
Der Inspektor nickt und das Eisentor öffnet sich. Es sind noch gute zwanzig Meter Schotterpiste bis zur Einfahrt in die neu entstandene vierspurige Anschlussstraße.
Obwohl der Lastwagen vor uns mit guten Worten entlassen worden ist, ist er nicht entspannt und entschlossen, den Kampf gegen die verlorene Zeit aufzunehmen. Manisch gibt er auf der Schotterpiste Vollgas, immer schneller werdend hält er laut hupend auf die viel befahrene Straße zu und bricht in den Verkehr. Zwei Fußgänger springen auf die Seite, kreischend durch diverse Vollbremsungen kommen die Autos auf der Straße zum Stehen und beginnen mit einem Hupkonzert. Davon völlig unberührt zieht der Laster tiefer in die Straße, beide Fahrstreifen für seine Rechtskurve benutzend. Während sich das Fahrerhaus schon in Fahrtrichtung ausgerichtet hat, kracht die erste Anhängerachse über die Bordsteinkante des befestigten Mittelstreifens. Der Anhänger mit dem vollbeladenen Container schlingert atemberaubend, aber die Zugmaschine hat genug Kraft, die Ladung auszurichten und so fängt sich das Getüm in der Spur. Kräftige Dieselwolken steigen auf als Zeichen, dass dem Motor volle Kraft abverlangt wird.
Gute Fahrt, mein Lieber und denk an Deine Familie!
Meine Wenigkeit hält den Inspektor etwas länger auf. Mein Herr und sein Schwager steigen aus und öffnen ihm meine Motorhaube. Ein zweiter Beamter eilt herbei und leuchtet mit seiner Stablampe in die dunklen Seiten meines Innenraumes. Ich höre, wie er meine wohlklingende Zahlenabfolge meiner Motornummer erschallen lässt, während der Inspektor diese auf seinen Durchschlägen gegenprüft. Es folgt die Fahrgestellnummer. Wir haben Glück, dass alles seine Richtigkeit hat. Ein Zahlendreher beim Erstellen der Zolldokumente kann mich für Tage zurück ins Gefängnis bringen.
Da die Frau meines Herrn als sogenannte Heimkehrerin das Privileg auf steuerfreie Einfuhr hat und sich mein Marktwert mit Verlassen des Zollgrundstückes satt verzwanzigfacht, prüft der Inspektor alles dreimal, bevor er uns durch Kopfnicken entlässt.
Ein Auto ist in Äthiopien richtig teuer. Da es keine Jahressteuern oder Versicherungszwang gibt und somit das Betreiben des PKW keine Nebenkosten außer Benzin und Reparaturen hervorruft, ist die Einfuhrsteuer auf PKW jenseits unserer Vorstellungskraft.
Natürlich macht es mich glücklich, dass mein wahrer Wert hier in diesem Lande geschätzt wird, immerhin ist mein Marktpreis bei rund 50.000 Dollar. Somit hat Äthiopien bei mir den sogenannten Stein im Brett. Doch schließen wir wieder zur Geschichte auf.
Das eiserne Tor öffnet sich humpelnd und quietschend und wir sind entlassen, unter dem bereits ungeduldigen Hupen der hinter uns wartenden stählernen Karawane.
Motorstart, Bremse, Getriebe auf „D“, Bremse los und ab geht’s.
Der Schwager deutet auf die linke Seite, während es zur Straße nach rechts geht. Was ist denn jetzt schon wieder los?
Keine zwanzig Meter später kommen wir schon wieder zum Stehen.
Yosef steigt aus und wendet sich an einen Mann, der sonnengeschützt vor einem kleinen Holzhaus sitzt und sich offensichtlich dem Nichtstun hingibt.
Es kommt zu einem Schlagabtausch von Worten zwischen beiden, aus dem ich womöglich Unstimmigkeiten ableite. Immer noch ist mir der ganze Sinn dieser Aktion verborgen.
Vom Gespräch angelockt, kommen vier weitere Männer aus dem Verschlag und beteiligen sich sofort vergnügt an der Diskussion.
Wie bei der Zollabfertigung geht es schon wieder minutenlang hin und her, während mein Herr auf dem Fahrersitz verbleibt, Wasser trinkend und rauchend. Gleiche Szene.
Nachdem eine Einigung für etwas, was auch immer, erzielt worden ist, kommt Yosef zu uns zurück. Er verscheucht dabei ein etwa fünf Jahre altes Kind, dass, mit einer Bauchlade bewaffnet, meinen Herren, der bei geöffneter Scheibe die eindringende Zugluft genießt, dazu bewegen will, eine leckere Packung Kaugummi aus ihrer liebevoll sortierten mobilen Ladentheke zu kaufen. Ich weiß nicht, was Yosef zu dem kleinen Mädchen gesagt hat, aber sie zeigt kaum Reaktion, denn sie weicht nur zwei Schritte zurück, ohne ihr Locken „Mister, Kaugummi, nur ein Birr“ zu unterbrechen.
Erneut bringt mein Herr einen Bündel Geldscheine zum Vorschein und gibt sie Yosef. Dieser ruft etwas in Richtung Hütte und sofort werden alle Männer aktiv, laufen, lachen, rufen und bringen endlich den Grund aller dieser Aktivitäten zum Vorschein.
Natürlich, wir brauchen ein Nummernschild!
Da der Zoll alle endgültigen Papiere erst voraussichtlich in einer Woche fertig hat, hat uns Yosef ein Satz Kurzzeitkennzeichen nebst Fahrerlaubnis besorgt.
Auch diese amtliche und legale Pflicht ist für Europäer gewöhnungsbedürftig.
Stellen Sie sich einfach mal kurz vor, Sie gehen in Deutschland auf die KFZ – Zulassungsstelle und müssen eine gute Zeit lang lautstark in einem staubigen Hof den Preis für ein Kurzzeitkennzeichen verhandeln, während nebenbei ein junges Mädchen penetrant versucht, Ihnen ein Produkt zu verkaufen, dass Sie jetzt am allerwenigsten benötigen.
Aber ich muss Ihnen die Wahrheit sagen.
Während ich mich in den Tiefgaragen oder auf den penibel sauberen Parkplätzen der diversen deutschen Ämter, die meine vorherigen Herren in bestimmten Abständen anfuhren, immer zu Tode gelangweilt habe, denn es ist unter Garantie gar nichts geschehen, genieße ich diese chaotische Situation in vollen Zügen.
Schon bei meiner Ankunft im Hafen von Djibouti merkte ich die „Andersartigkeit“ bis in die tiefen Lackschichten.
Spätestens jetzt wird mir klar, dass ich auf einem anderen Planeten angekommen bin.
Vor vielen Jahren unterhielt sich mein früherer Herr mit seinem amerikanischen Gast in meinem Innenraum über dies und das. In einem Zusammenhang, an den ich mich nicht mehr erinnern kann, sagte der Ami „Love it or leave it“.
Daran muss ich mich jetzt, wenige Tage nach der Ankunft, erinnern und ich denke, dass dieser Ausspruch bestens auf Afrika zutrifft.
„Love it or leave it“ – und da gibt es keine Zwischenstufen.
Vier Männer kommen mit den beiden Nummernschildern und etwas Draht in den Händen auf uns zu. Während einer, offensichtlich der Chef, dass Geld in Empfang nimmt, sagenhaft schnell zählt, nickt und uns die Fahrerlaubnis aushändigt, befestigen die anderen flugs und geschickt die Nummernschilder an den dafür vorgesehenen Stellen.
Obwohl ich die Drahtbefestigung als nicht standesgemäß ablehne, sind die blau – weißen Nummernschilder ganz nett anzusehen.
Der Chef des Nummernschildbüros geht auf die Fahrerseite zu meinem Herren und reicht seine Hand durch das geöffnete Fenster.
„Hello, welcome! How are you? Nice car. If you need anything, just call me”, sagt der gedungene, stattliche Mann. Kaum ausgesprochen, wendet er sich schon wieder in Richtung seines interessant anzusehenden Büros, um sich wieder unter dem schattenspendenden Vordach niederzulassen. Er scheint mit dem Geschäft zufrieden zu sein.
Yosef gibt jedem der anderen Männern auf Weisung meines Herren ein kleines Trinkgeld, was diese herausfordert, jeweils einzeln zu meinem Herren ans Fenster zu kommen und, da niemand Englisch spricht, lachend ein paar Nettigkeiten in Amharisch loszuwerden.
Es ist noch nicht mal später Vormittag und wir haben schon mehr zwischenmenschlich warme Begegnungen gehabt als in Deutschland in einem ganzen Monat.
Apropos zwischenmenschlich – selbstverständlich hat unsere kleine Verkäuferin keine Minute aufgehört, meinen Herren zum Kauf einer Packung Kaugummi zu überreden.
Dieser gibt nun entnervt auf und reicht ihr einen Birr, worauf sie ihm freudig eine Packung Bananenkaugummi überreicht.
Wie diese Gesichter strahlen können! Wer sein Herz am rechten Fleck hat, kann sich dem nicht entziehen.
Yosef steigt wieder zu und ich nehme an, wir sind nun endlich startbereit. Das gleiche fragt mein Herr seinen Schwager, was dieser bejaht.
Super, dann kann es endlich losgehen. Meine Reifen gieren nach Asphaltkontakt, denn es liegt fast drei Monaten Ausnahmezustand hinter mir.
Rückwärtsgang und, herausstürmende Lastwagen beachtend, zurück auf den Ausfallweg, der uns zur Straße bringt.
Meine Stoßdämpfer vibrieren erneut, diesmal aber nicht, wie zuletzt, wegen dem Anblick meiner schönen Herrin, deren ergebener Diener ich bin, sondern angesichts des vollendeten Durcheinanders, welches meine Scheinwerfer auf der nahenden Hauptstraße erblicken.
Alles, aber auch alles, was mir in Deutschland auf Basis der StVO antrainiert wurde, muss augenblicklich annulliert werden und dem tief in uns liegenden Trieb des Überlebenskampfes Platz machen.
Mein Herr schiebt mich langsam bis zur Stoßstange an die Straße.
Es übersteigt meine erzählerischen Fähigkeiten, exakt wiederzugeben, welcher Situation wir ausgeliefert sind.
Es ist eine sich selbst überlassene Blechlawine, die unablässig an uns vorüberzieht.
Kleine, blaue Lada Taxis, die hupend und in Raserei verfallen, im Zickzack Kurs ihre Bahn suchen.
Überfüllte, bunte, uralte Überlandbusse, aus deren am Dach befestigten Lautsprechern Musik ertönt, die nichts anderes kennen, als, ebenfalls hupend, mit halsbrecherischer Geschwindigkeit den geradesten Weg zu nehmen.
Gespickt ist das Ganze mit privaten Autos, Skala von VW Käfer Jahrgang 1953 bis Porsche Cayenne, die sich den übrigen Platz teilen und versuchen, Stoßstange an Stoßstange, so schnell wie möglich voranzukommen.
Bauern vom Lande, die ihre geschaffenen Produkte möglichst teuer in der Stadt verkaufen wollen, treiben ihre Herden von fünf bis sechs Eseln, vollgepackt mit Allerlei, rufend und pfeifend quer über die Straße.
Straßenverkäufer und Zeitungsjungen nutzen jede Gelegenheit, wenn der Verkehr zum Stillstand kommt, zwischen die Autos zu schlüpfen und lautstark ihre Waren anzubieten.
Diese Arbeit benötigt akrobatisches Geschick, wenn es darum geht, einen erfolgreichen Produktverkauf, sei es ein Gummiball, Chips oder Taschentücher, am halbgeöffneten Autofenster im Tausch Ware gegen Geld abzuschließen und gleichzeitig den sich wieder in Bewegung setzenden Verkehr zu beobachten, um noch rechtzeitig den sicheren Straßenrand oder Mittelstreifen zu erreichen.
Denn für diese Menschlein gibt es nur Hupen, aber keine Bremsen.
Mein Herr fährt die Salamitaktik und schiebt mich im Sekundentakt immer einige Zentimeter in die Hauptstraße. Es wird eng, aber niemand hält.
Alles Nervensache, vorwärts, vorwärts.
Als ich einen guten Meter in der Fahrbahn stehe und sich für den rechten Fahrstreifen keine Ausweichmöglichkeit mehr anbietet, bleibt endlich das auf diesem Fahrstreifen nahende Auto stehen und gibt durch Lichthupe zu verstehen, dass wir einfahren können.
Mein Herr stößt vor und will sich schon einfädeln, als ein Überlandbus, der sich auf der linken Fahrbahn befindet, hupend und mit wirbelnder Geschwindigkeit keine zehn Zentimeter von meiner Chromstange entfernt vorbei bricht. Ich habe das Gefühl, dass alle 150 Augenpaare, die sich im Bus befinden, uns verständnislos anblicken, aber das ist natürlich nur Einbildung.
Mein Herr schiebt sich erneut vor, stellt fest, dass ihm endgültig das Einfahren gewährt wird, drückt das Gas durch und ich schenke ihm eine elegante und geschmeidige Kick Down Darbietung. Schon sind wir in der sich vorwärts bewegenden Schlange integriert Ich spüre, wie sich die verkrampften und schweißnassen Hände meines Herrn am Lenkrad lockern und er sich in den Fahrersitz entspannt.
Und plötzlich überkommt mich ein Gefühl der Freiheit.
Ich mache mich respekteinflößend breit auf der Straße und es wird mir klar, dass es ab jetzt die Entscheidung meines Herrn ist, wie, wann und wo wir fahren wollen.
Wir haben Vorfahrt vor kleineren Autos, Mopeds, Fahrradfahrern und Fußgängern und wenn wir dennoch Vorfahrt und Rücksichtnahme dieser unter uns befindlichen Gruppe gewähren, so liegt das nur an unserer guten Erziehung.
Wir müssen uns in Acht nehmen vor Überland- und Stadtbussen, massiven Geländewagen, den Lastwagen und anderem schweren Gerät wie Baggern oder Dampfwalzen, die sich hier im Verkehr tummeln.
So einfach ist das. Endlich habe ich den mir zustehenden Rang wieder.
Diese sozialistisch–despotische deutsche Straßenverkehrsordnung mit ihrem Prinzip „ Der Starke schützt den Schwachen“ kann nur noch eines – mir von hinten in den Auspuff gucken!
Im Stadttempo geht es voran und es gestaltet sich einfacher als von außen vermutet, im Verkehr hinzufließen. Mein Herr hat schon Erfahrung sammeln können, denn da ich mit zweimonatiger Verspätung zu ihm aufgeschlossen bin, war es für ihn vonnöten, einen Leihwagen zu nehmen. Mit Erleichterung stelle ich fest, dass er keine gute Beziehung zu dem zwanzig Jahre alten Japaner aufbauen konnte.
Aber mein Herr konnte Erfahrungen im Straßenverkehr sammeln, was jetzt meiner Sicherheit zugutekommt.
Mitfließen. Das ist das Schlüsselwort, auch, um Afrika als Ganzes erfassen zu können. Der Verkehr stellt da nur eine Spielwiese von vielen dar.
Nicht verkrampfen, nicht auf seine Spur bestehen und sich blitzschnell neuen Gegebenheiten anpassen. Nicht übertrieben rücksichtsvoll sein und keine polternde Rechthaberei.
Und schon läuft das!
Sollten Sie, verehrte Leserschaft, sich mal länger als drei Jahre in Afrika aufhalten, so werden Sie womöglich an diese Worte denken.
Die Straße, auf der wir uns befinden, ist trotz bereits in intensiver Nutzung, genau genommen noch im Bau. Die jeweils drei Fahrstreifen, durch einen Mittelstreifen getrennt, sind brandneu und fahren sich traumhaft. Rechts und links der Fahrstreifen herrscht Baugeschäftigkeit und ein wirres Durcheinander.
Mein erster Eindruck erhärtet sich später: Ganz Addis Abeba ist eine Baustelle! Seit vier Jahren, mit Ende des Krieges gegen Eritrea, fährt die Regierung eine an Dynamik gewinnende Wachstumspolitik mit durchschnittlich 12% jährliche Erhöhung des Bruttosozialproduktes.
Topthema dabei ist die Schaffung von landesweiter Infrastruktur.
