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An ihrem 18. Geburtstag verlässt Hanna Hals über Kopf ihre Familie und ihr so scheinbar idyllisches Heimatdorf Rothwald. Unbeantwortete Fragen treiben sie genau drei Jahre später nach Hause zurück. Der Rothwälder Fotograf Christian erstellt zum 700-jährigen Jubiläum Rothwalds einen Bildband über das Leben der letzten 100 Jahre des Ortes. Als Hanna das Buch von ihrer Familie zum Geburtstag geschenkt bekommt, kann sie dem Geschenk zunächst nichts abgewinnen. Aber als sie auf einem Foto vom Dorffest 1936 ihren Großvater zu erkennen glaubt, ist ihr Interesse für das Leben Rothwalds erwacht. Hanna weiß nicht viel über ihre Großeltern. Das Bild ermutigt sie, sich mit ihrer Vergangenheit zu befassen. Für sie scheint dort der Schlüssel zu liegen, mit dem sie die die Tür zu ihrem eigenen Leben öffnen kann.
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Seitenzahl: 489
Veröffentlichungsjahr: 2018
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Rebecca Hünicke
Ein Moment der Stille
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Ein Moment der Stiile
18. Oktober 2010
Frühjahr 1942
19. Oktober 2010
Frühjahr 1942
16:00 Uhr
Sommer 1942
19:45 Uhr
Sommer 1942
20. Oktober 2010
Herbst 1942
10:30 Uhr
Herbst 1942
15:00 Uhr
Herbst 1942
18:30 Uhr
Herbst 1942
21. Oktober 2010
Herbst 1942
13:30 Uhr
Herbst 1942
18:30 Uhr
Herbst 1942
21:00 Uhr
Winter 1942
22. Oktober 2010
Winter 1942
8:00 Uhr
Heilig Abend 1942
13:00 Uhr
Mai 1943
18:30 Uhr
Anfang Juni 1943
23. Oktober 2010
Ende Juni 1943
12:45 Uhr
August 1943
15:30 Uhr
April 1945
18:30 Uhr
Mai 1945
24. Oktober 2010
Juni 1945
16:00 Uhr
Frühjahr 1947
Anfang November 1952
Mitte November 1952
25. Mai 1960
02. Februar 1965
18. Oktober 1989
Juli 2001
19:30 Uhr
25. Oktober 2010
9:00 Uhr
Epilog
Mittwoch, 03. Juni 2020
Impressum neobooks
Er weiß nicht genau wie viele Männer es sind, denn als sie auf den Hof fahren, befindet er sich bereits in der Scheune auf dem Dachboden, wo er sich vor seinen älteren Brüdern wieder einmal versteckt. Obwohl sie größer und kräftiger sind, ist er ihnen körperlich überlegen. Im Rennen ist er viel schneller als sie. Und besser klettern kann er auch.
Zuerst hört er nur das Motorengeräusch zweier Autos, die rasend schnell auf den Hof fahren. Dann ertönen lautes Türenknallen und kräftige Schritte. Die Männer aus den Fahrzeugen beginnen schrecklich zu schreien. Und plötzlich schreien auch seine Eltern und seine Brüder. Die Stimme seiner kleinen Schwester kann er nicht raushören.
Starr vor Angst bleibt er in seinem Versteck. Diese Männer machen ihm große Angst. Ihre Schreie hat er schon so oft im Dorf gehört. Sie treiben sich überall herum und schikanieren die Menschen, wo sie nur können. Immer wieder nehmen sie Bewohner mit, ohne ihnen einen Grund zu nennen. Sie dürfen nicht einmal ihre Sachen mitnehmen. Wer einmal abgeholt wird, der wird nie mehr wiedergesehen.
Gewaltige Schweißtropfen überschwemmen seinen ganzen Körper. Keiner der Männer kann ihn in seinem Versteck auf dem Dachboden entdecken. Doch das Klappern seiner Zähne hallt wie ein nicht enden wollender Donnerschlag in seinem Kopf. Ihm selbst erscheint es so laut, dass er davon ausgeht, auch die schreienden Männer müssten ihn hören. Aber sie machen die ganze Zeit einen entsetzlichen Lärm, vielleicht hören sie sein Zähneklappern gar nicht.
Panik steigt in ihm auf. Die Männer wollen nun auch ihn und seine Familie mitnehmen. Er kann gar nicht darüber nachdenken, was sie wohl mit ihnen machen werden, denn das Scheunentor wird bereits aufgetreten. Die grölenden Männer sind da, um ihn zu holen. Sein ganzer Körper zittert so enorm, dass er gar nicht weiß, wie er aufstehen und laufen soll.
Während er darauf wartet, dass sie zu ihm hochkommen, hört er das Schluchzen seiner Brüder. Einer der Männer befiehlt ihnen mit der Heulerei aufzuhören und beschimpft sie. Sie wären überhaupt keine richtigen Jungen, weil sie wie Mädchen heulen. Sie seien verdammte Heulsusen und schwachsinnige Krüppel, aber das Heulen werde ihnen gleich schon vergehen.
Er fragt sich, wo seine Eltern sind und seine Schwester ist. Und was die Männer mit seinen Brüdern vorhaben. Wieso sie mit den beiden in die Scheune gekommen und nicht weggefahren sind.
Für einen kurzen Moment hört das Schreien auf, und die Männer reden miteinander. Er kann ihre Worte aus seinem Versteck heraus verstehen. Sie besprechen sich und suchen nun nach einer Leiter und Seilen. Das versteht er noch viel weniger. Seine Angst vor Entdeckung drückt ihn weiter an den harten Holzbalken in seinem Rücken. Am liebsten wäre er jetzt eine kleine Maus, die sich tief im Stroh verkriechen kann ohne eine Gefahr befürchten zu müssen.
Anhand der Stimmen versucht er zu erkennen, wie viele Männer es sind, aber da sie ständig durcheinander reden, vermutet er, es seien sechs oder sieben. Sie nehmen die längste Leiter, die, die bis zu ihm auf den Dachboden reicht. Das Schlagen von Holz auf Holz lässt ihn das Atmen vergessen.
Er braucht die Leiter nicht, um bis nach oben zu gelangen. Er hat seinen Geheimweg. Am Ende der Scheune hat er sich aus Strohballen eine Treppe gebaut, die zu einer Luke in der Decke führt. Sie ist gerade so groß, dass ein Strohballen durchpasst. Genau richtig, um schnell hindurch zu schlüpfen. So gelangt er jedes Mal zu seinem Versteck, von dem niemand etwas weiß. Von hier aus kann er das Scheunentor unbemerkt im Blick haben.
Jetzt ist es zu spät. Er kann nicht fliehen. Derjenige, der gerade die Leiter hochkommt, würde ihn sofort bemerken. Panisch reißt er einen Arm vor den Mund, um dort hinein zu atmen. Seine Atemwolken, die er in schnellen Zügen seinem Mund entweichen lässt, dürfen ihn nicht verraten. Außerdem sieht er sich außerstande, seine Beine fortzubewegen. Sie scheinen sich in massive Baumstämme verwandelt zu haben und gleichzeitig zittern sie wie Espenlaub. Er kann nur noch abwarten.
Laute und feste Schritte erklimmen jede weitere Sprosse der Leiter und kommen ihm gefährlich nahe. Je näher die Bedrohung kommt, desto größer wird seine Angst, die sein Herz zum Rasen antreibt. Er schließt seine Augen, um das nahende Unheil nicht zu sehen. Die Schritte auf der Leiter hallen in seinem Kopf wie ein Echo nach. Sein Kopf erscheint ihm wie eine Bombe, die kurz vor der Explosion steht.
Die Schritte verstummen, und er kann nicht anders, als seine Augen zu öffnen. Er muss die Bedrohung sehen, ob er will oder nicht. Er weiß nicht warum. Irgendetwas zwingt ihn, seine Augen wieder zu öffnen. Die Bedrohung besteht aus zwei Händen, die Seile vor sich an den Rand des Dachbodens legen. Die Hände hantieren mit den Stricken und wickeln sie schließlich um den Querbalken, der auf der linken Seite ein Teilstück des Geländers ist.
Am Rande des Bodens streckt sich eine Mütze empor, unter der kurze Haare den Ansatz der Kopfbedeckung einrahmen. Er bekommt den Hinterkopf eines Mannes zu Gesicht. Die Reichweite seiner Hände ist für den Fremden nicht ausreichend, damit er sein Vorhaben beenden kann. Er steigt noch eine Sprosse höher, für eine bessere Ausgangsposition. So kann er die Seile einfacher befestigen. Der Mann verknotet sie am Balken, und anschließend zieht er kräftig daran, um sich ihrer Festigkeit zu versichern.
Das Gesicht des Mannes blickt zur entgegengesetzten Seite, aber jeden Moment könnte er sich umdrehen und ihn entdecken. Der Nacken des SA-Mannes ist kaum zu sehen, denn der Kragen seiner Uniformjacke verdeckt ihn fast. Er starrt wie hypnotisiert seinen Hinterkopf an. Jeden Millimeter prägt er sich ein. Das trübe Tageslicht was die Männer durch ihr Eindringen in die Scheune einlassen, ist ausreichend, um alles genau erkennen zu können. Er versucht die Haare seines Gegenübers zu zählen, so nah ist er hinter ihm. Er sitzt nur zwei Armlängen von ihm entfernt, und der Mann mit den Seilen bemerkt ihn nicht.
Sein Blick verharrt für einen Moment am rechten Ohr des Mannes, denn irgendetwas unterbricht die glatte Hautebene- eine Kerbe. Nein, keine Kerbe, sondern eine Narbe. Sie ist nicht groß, aber doch prägnant genug, dass sie ihm bei den schlechten Lichtverhältnissen auffällt. Der Rand seiner Ohrmuschel ist durch sie in der Mitte in zwei Hälften unterteilt.
Der SA-Mann sagt kein Wort. Er erledigt seine Aufgabe, überprüft sie noch einmal zur Sicherheit und steigt schnellen Schrittes die Leiter wieder runter. Er verschwindet, ohne sich ein einziges Mal nach rechts umgesehen zu haben.
Dann beginnt das Geschrei von vorne. Das Rascheln von Stroh dringt nach oben. Unten werden Strohballen gestapelt und das Schluchzen der Brüder verstummt für kurze Zeit.
Nun schreien auch die beiden wieder. Doch sie haben keine Chance. Es sind zu viele Männer, und kräftiger sind sie auch. Die Brüder setzen alle Kraft ein, die sie aufbringen können, um sich zu wehren- vergebens.
Lautlos beugt er seinen Oberkörper ein Stück nach vorne, um mehr von dem unteren Geschehen mitzubekommen. Die befestigten Seile schwingen hin und her, und die SA-Männer schreien seine Brüder an, sie sollen sich bewegen.
Das Strohrascheln wird lauter. Es wird wild auf den Halmen herumgetrampelt. Die Befehle der Männer wechseln sich mit grauenhaftem Gelächter ab. Das Wehklagen und erneute Schluchzen der Brüder geht darin unter.
Noch lachend verlassen die Männer die Scheune. Je weiter sie sich entfernen, desto leiser wird es. Der SA-Trupp steigt in ihre Autos. Als sie vom Hof fahren, ist die hämische Geräuschkulisse mit ihnen verschwunden.
Auf allen vieren bewegt er sich Zentimeter für Zentimeter zum Rand des Bodens. Obwohl er noch von Panik ergriffen ist, muss er wissen, ob die Männer seine Brüder mitgenommen haben.Seine Brüder sollen noch dort unten sein. Er will Gewissheit haben.
Er fleht Gott um Beistand an. Er werde seinen Brüdern den Geheimplatz zeigen, damit sie in Zukunft auch ein sicheres Versteck haben, falls die Männer noch einmal wiederkommen sollten. Er würde den Aufstieg verbessern, damit sie es einfacher haben hinaufzukommen.
Wenn er selbst vor ihnen auf der Flucht ist, ist er jedes Mal erleichtert, dass sich ihre Körper langsamer bewegen. So kann er ihnen geschickt entkommen. Doch heute verflucht er es. Wären ihre Körper so wie seiner, hätten sie den bösen SA-Männern entkommen und sich verstecken können.
Je näher er der Leiter kommt, desto schneller schlägt sein Herz. Er will nicht nach unten gucken, doch er muss es tun. Den Mut, den er hierfür aufbringt, ist nichts im Vergleich zu dem, wenn er nach einem Disput mit seinen Brüdern die Flucht ergreift.
Seine Brüder sind noch da, die braunen Männer haben sie nicht mitgenommen. Er ruft nach ihnen. Erst leise, dann etwas lauter, doch sie antworten nicht. Er bemerkt, dass sie sich seltsam in der Luft drehen und nicht auf der Erde stehen. Sie stehen auch nicht auf den gestapelten Strohballen unter ihnen. Ihre Köpfe sind nach vorne geneigt, wie in ein Gebet versunken, und ruhen auf ihren Händen, die unter ihrem Kinn sind. Ihre angewinkelten Arme erinnern ihn an kleine Flügel. Für einen kurzen Augenblick glaubt er, seine Brüder haben sich in Engel verwandelt, die in der Scheune umherschwirren.
Während er über die Frage nachdenkt, ob seine Brüder wirklich Engel geworden sind, bekommt er den Eindruck, dass seine Vorstellung von Engeln nicht zu dem Bild seiner Brüder passt. Sie tragen noch die gleiche Kleidung wie eben und keine weißen Gewänder. Sie haben auch keine goldenen Flügel auf dem Rücken. In seiner Vorstellung schweben Engel auch nicht an Seilen. Er versteht es nicht. Irritiert verlässt er den Dachboden durch die Luke am anderen.
Er rutscht seine selbstkonstruierte Strohtreppe herunter und stolpert zu seinen schwebenden Brüdern. Etwa einen Meter hinter ihnen bleibt er stehen und blickt langsam nach oben. Allmählich begreift er, welches Bild sich vor ihm abzeichnet.
Die hängenden Körper seiner Brüder lassen sie noch viel größer erscheinen, als sie es bereits sind. Die drehenden Bewegungen ängstigen ihn, denn so haben sie sich noch nie bewegt. Seine Kehle wird trocken und das Atmen fällt ihm mit jedem weiteren Schritt schwerer.
Schritt für Schritt geht er voran, den Blick nach oben gerichtet. Er tritt gegen etwas und fällt darüber zu Boden. Mehrere Strohballen liegen wüst verteilt in der Scheune herum.
Reflexartig entfährt ihm ein Schrei. Verwirrt rappelt er sich wieder auf und schaut auf die Schuhe seiner Brüder. Synchron ziehen sie Bögen von links nach rechts und wieder zurück, wobei sie feuchte Kreise auf dem staubigen Erdboden zeichnen. Von ihren Schuhen tropft eine Flüssigkeit. Seine Augen wandern von den Schuhen über ihre Beine. Auch sie sind an den Innenseiten nass. Eine feuchte Spur zieht sich an ihnen entlang. Schließlich blickt er in ihre Gesichter.
Der Schock bringt ihn zum Taumeln. Erneut landet er auf dem Boden. Seine Ellenbogen fangen seinen Sturz ab. Sein Mund öffnet sich zu einem weiteren Schrei, doch er kann keinen Ton mehr von sich geben. Die schreckgeweiteten und von Panik erfüllten Augen seiner Brüder starren ihn bedrohlich an.
Mit ihren Händen haben sie versucht die Seile von ihren Hälsen fernzuhalten, aber es ist ihnen nicht gelungen. Der sich verbreitende Uringeruch, lässt Übelkeit in ihm aufkommen. Er muss sich übergeben. Der Rest seines unverdauten Frühstücks schießt in einem unkontrollierten Schwall vor die Füße seiner Brüder.
Hinter sich hört er schnelle Schritte auf sich zukommen. Er wagt es nicht, sich umzudrehen. Er starrt weiter auf seine hängenden Brüder. Der gellende Schrei seiner Mutter lässt ihn taub werden und verbannt ihn in eine unendliche Dunkelheit.
Montag. Das Taxi hielt in der Einfahrt und Hanna bezahlte dem Fahrer dreißig Euro, von denen zwei Euro sechzig Trinkgeld waren. Sie bezahlte immer auf fünf oder zehn Euro genau, deshalb hasste sie es, in Geschäften mit Bargeld zu bezahlen. Die Kassiererinnen wollten immer irgendwelche Centbeträge haben. Bei Hanna sollte immer alles rund laufen, auch das Bezahlen. In Läden zahlte sie stets mit Karte, da musste sie sich nicht mit krummen Zahlen abgeben.
Als der Fahrer ihr ihre Reisetasche in die Hand gab, wurde sie von diesem seltsamen, altbekannten Gefühl übermannt. Sie wusste gleich, dass es ein Fehler war, hierher zurückzukommen. Während sie noch überlegte, wieder ins Taxi zu steigen, fuhr es bereits ab. Sie beschloss zu verschwinden, bevor sie jemand sah. Unterwegs würde sie ein neues Taxi bestellen und zurück zum Bahnhof fahren.
Der Begrüßungsruf von Harald ließ ihre neue Überlegung wie eine Seifenblase zerplatzen, und Hanna fügte sich ihrem Schicksal. Sie erwiderte mit einem kurzen Winken und ging langsam auf ihren Onkel zu, der ihr mürrisch entgegen kam.
„Da bist du ja endlich. Wir dachten schon, du kommst nicht mehr“, sagte er und nahm ihr ihre Reisetasche ab.
„Der Zug hat sich verspätet, ein umgekippter Baum lag auf den Schienen. Das Anrücken der Feuerwehr hat ewig gedauert, und dann mussten sie erst den Baum zerlegen, bevor sie ihn entfernen konnten“, entschuldigte sich Hanna.
„Du hättest wenigstens anrufen können. Du weißt doch, dass Oma sich schnell Sorgen macht“, gab Harald vorwurfsvoll von sich.
„Mein Akku ist leer“, schob sie noch schnell als Ergänzung nach. Eigentlich hatte sie nur an diese Ausrede gedacht. Sie wollte sie gar nicht laut aussprechen, aber Haralds Vorwurf hatte sie dazu verleitet. Jetzt war sie raus und konnte nicht mehr zurückgenommen werden. Sie würde sonst als Lügnerin dastehen, und das wollte sie auf keinen Fall.
Mit jedem weiteren Schritt Richtung Haus fiel ihr das Gehen schwerer. Sie setzte einen Fuß vor den anderen und begann zu zählen. Dreiunddreißig Schritte ging sie bis zur Haustür, und jeder einzelne fühlte sich für sie unüberwindbar an. Ihre Füße schienen sich in Betonklötze verwandelt zu haben. Sie wollte nicht hier bleiben. Sie bereute es, Harald ihre Reisetasche gegeben zu haben. Mit ihr hätte sie losrennen und dieses Haus wieder der Vergangenheit überlassen können.
Eine alte, vertraute Stimme fesselte sie an das Haus.
„Hallo Hanna, da bist du ja endlich. Wir warten bereits mit dem Essen auf dich. Ich hoffe, es muss nicht aufgewärmt werden. Du weißt doch, dass Opa seine festen Mahlzeiten braucht. Wenn es noch länger dauert, wird er den Rest des Abends schlechte Laune haben“, tadelte ihre Oma sie zur Begrüßung.
Hanna konnte sich nicht daran erinnern, ihren Großvater jemals mit schlechter Laune erlebt zu haben, schon gar nicht wegen aufgewärmtem Essen. Vielleicht hatte sich das ja in den letzten Jahren geändert, vermutete sie und bereitete sich innerlich auf einen Vorwurf von ihm vor.
Die erwartete Vorhaltung blieb aus. Der Großvater freute sich über die Ankunft seiner Enkelin. Er nahm sie in den Arm und streichelte ihr ein wenig zittrig über den Kopf. Er begrüßte sie herzlich.
„Schön, dass du wieder zu Hause bist.“
Lange hielt der alte Mann seine Enkelin umarmt, bis seine Frau alle aufforderte, sich endlich zu setzen. Prüfend fuhr sie mit den Händen an den Schüsseln entlang und befand das Essen für noch ausreichend heiß. Der Reihe nach nahm sie einen Teller nach dem anderen und füllte sie mit Erbsensuppe. Anschließend verteilte sie an alle ein Stück Weißbrot, so wie sie es immer getan hatte. Zuerst bekam ihr Mann seine Portion, dann Harald, anschließend sie. Sie selbst nahm sich immer zum Schluss.
Hanna ließ ein paar Blicke durchs Esszimmer schweifen. Sie musste nicht darüber nachdenken, ob sich etwas verändert hatte. Sie stellte schon beim Betreten des Hauses keine Veränderung festgestellt. Jede Blume stand an ihrem Platz. Die Kissen waren noch in der gleichen Anordnung auf den Stühlen und Sofas wie bei ihrer Abreise. Alle Figuren und Fotos präsentierten sich wie angewachsen auf ihren Plätzen.
Sie hatte nicht wirklich etwas anderes erwartet, und das war auch mit ein Grund, warum sie an ihrem achtzehnten Geburtstag das Haus verließ. Sie brauchte Luft zum Atmen. Hier hatte sie das Gefühl elendig zu ersticken. Sie hatte nur ihre wichtigsten Sachen gepackt, ihr Sparbuch geplündert und war am Bahnhof in den ersten Zug gestiegen, der gerade zur Abfahrt bereit war. So führte sie ihr Weg nach Hamburg. Ihr Zielort war ihr egal, er musste nur weit genug weg von ihrem Zuhause sein.
Ihr neues Leben begann ganz schnell und unkompliziert. Sie fand eine billige Unterkunft in einer Pension und einen Job direkt am nächsten Morgen. Einen zweiten Arbeitsplatz für den Abend erhielt sie drei Tage später. Abends spülte sie Geschirr in einem Restaurant und morgens bediente sie in einem Frühstückscafé.
Die ersten Wochen waren hart für Hanna, denn tagsüber war sie zwischen den Jobs auf Wohnungssuche und konnte sich kaum Ruhepausen gönnen. Durch einen glücklichen Zufall vermittelte ihr ein Kollege im Restaurant die Wohnung eines Bekannten. Dieser zog gerade um, und es gab noch keinen Nachmieter. Wohnung war übertrieben, es war ein winziges Zimmer mit Kochzeile und einem kleinen Bad mit Dusche. Es war allemal günstiger als das Zimmer in der Pension, und eine nervige und überaus neugierige Pensionswirtin gab es auch nicht.
Niemand in dem Haus interessierte sich für Hanna, aber das beruhte auf Gegenseitigkeit. Obwohl sie bereits seit fast drei Jahren in diesem Haus lebte, hatte sie noch nicht alle Nachbarn im Haus gesehen. Ihre kleine Wohnung lag im vierten Stock, was täglich ein längeres Treppenlaufen erforderte. Es gab einen Fahrstuhl, der jedoch dauerhaft außer Betrieb war und nun wie ein stummer Hausbewohner vor sich hinvegetierte.
Manchmal verglich Hanna sich im Vorbeikommen mit dem Aufzug. Jeder Hausbewohner wusste, dass es ihn im Haus gab, doch alle ignorierten ihn. Wenn aber schwere Einkäufe und quengelnde Kinder nach oben zu befördern waren, verfluchten ihn alle aufs Äußerste. Hin und wieder fragte sie sich, ob sie ebenfalls von ihnen verflucht wurde, weil sie diesen Umstand kommentarlos hinnahm. Den Gedanken verwarf sie dann schnell wieder, weil er ihr doch zu absurd erschien. Schließlich kannte sie niemand in diesem Haus.
Sobald sie genug Geld gespart hatte, wollte sie sich nach etwas Besserem umsehen. Aber solange war diese kleine Dachkammer ihr Reich, in dem ihr niemand Vorschriften machte oder Dinge an einen festen Platz stellte, wo sie bis in alle Ewigkeit zu verweilen hatten.
Hanna war nicht nach Reden zumute, doch sie wusste, es würden gleich unzählige Fragen auf sie einprasseln, auf die sie nur mühsam Antworten finden würde. Ihnen die Wahrheit zu sagen wäre vergebliche Mühe. Tief in ihrem Innern kannten sie sie, davon war Hanna überzeugt, aber die wollten sie natürlich nicht hören.
Mit den Fragen würden weitere Vorwürfe kommen, doch da musste sie jetzt und in der nächsten Zeit durch. Sie selbst hatte die Entscheidung getroffen, hierher zurückzukehren. Ob sie letzten Endes gut sein wird ist fraglich. Sie hatte keine Wahl, wenn sie endlich die richtigen Antworten finden wollte.
Hanna hatte jetzt zwei Wochen Urlaub, hoffte aber, dass sie nicht solange werde bleiben müssen. Sie hatte keinen Hunger, obwohl sie viele Stunden unterwegs war. Wenn sie nichts aß, kämen deswegen gleich schon Vorwürfe wie: Bist du jetzt was Besseres gewohnt? Oder: Ist dir unser Essen nicht mehr gut genug? Sie wollte den ersten Abend in Ruhe überstehen und achtete darauf, möglichst wenig Spielraum für spitze Bemerkungen zu lassen.
Hanna fiel es nicht leicht, ihren Besuch anzukündigen. Sie vermied einen Anruf, weil sie nicht wusste, wie sie sich am Telefon verhalten sollte. Sie entschied sich für einen kurzen Brief, der nur wenige Informationen über sie enthielt. Sie schrieb lediglich, sie lebe in Hamburg, es gehe ihr gut, und sie würde am achtzehnten Oktober für ein paar Tage zu Besuch kommen. Der Brief endete mit der Ankunftszeit des Zuges und mit dem Hinweis, dass sie vom Bahnhof direkt zu ihnen kommen werde.
Auf der ganzen Fahrt war sie sich nicht sicher, ob ihr überhaupt Einlass gewährt werden würde. Vor einer verschlossenen Tür zu stehen wäre dann keine Überraschung für sie gewesen. Das müsste sie dann halt so hinnehmen. Es hätte vielleicht auch was Gutes, denn damit nähme man ihr die Entscheidung ab, sich dem Ganzen zu stellen. Ihr Vorhaben machte ihr Angst.
Hanna hatte sich viele Varianten zurechtgelegt, um auf jede Frage ihrer Familie vorbereitet zu sein. Es war heute genau drei Jahre her, als sie wortlos verschwand.
Sie hatte wieder Geburtstag. Seit ihrem Verschwinden hatten diese Tage keinerlei Bedeutung mehr für sie. Vorher schon, denn jeder weitere Geburtstag führte sie zu ihrem langersehnten Ziel- dem achtzehnten Geburtstag, ihre Freiheit.
Trude, Hannas Großmutter musterte sie beim Essen mit vielen Blicken. Die lockere, bunte Kleidung ihrer Enkelin missfiel ihr. Eine schlabberige Hose, in die sie mindestens zweimal passte, und der giftgrüne Pullover mit der langen Zipfelmütze ließen sie in ihren Augen zu einer Clownsfigur werden, über die sich jeder lustig machte. Die vielen bunten Bänder in ihren Haaren rundeten den unvermeidlichen Spott nur noch ab.
Die Großmutter wollte beim Essen keinen Streit provozieren und schob diesen Unsinn auf das verderbliche Großstadtleben. Sie war davon überzeugt, sobald Hanna die ersten Tage wieder zu Hause verbracht hätte, würde sie schon zur Vernunft kommen.
Im Gegensatz zu seiner Frau gefiel Hermann die äußerliche Veränderung seiner Enkelin. Sie hatte sich von einer grauen Maus in einen wunderschönen Schmetterling verwandelt. Er hatte es sich für sie gewünscht, als sie spurlos verschwand. Er hoffte so sehr, dass sie irgendwann glücklich werden würde.
Die letzten zwei Jahre vor ihrem unerwarteten Verschwinden war er sehr besorgt um Hanna gewesen. Ihr ging es zunehmend schlechter, ohne erkennbaren Grund. Oft saß sie schweigend bei ihnen und sah sie alle nur unentwegt an. Sie redete auch nicht mehr viel. Der einzige Grund das Haus zu verlassen war die Schule.
Hermann fragte sich jeden Tag aufs Neue, ob sie unter der Trennung der Eltern zu sehr leide. Er wollte ihr gerne helfen, aber er wusste nicht wie. In seiner Familie sprach man nicht über Gefühle. Jeder musste lernen, selbst im Leben klar zu kommen.
Er verstand nicht, warum Robert und Marianne sich nicht mehr meldeten und ihre Tochter besuchten. Damals war es für ihre Eltern sehr wichtig, Hanna nach der fünften Klasse nicht die Schule wechseln zu lassen und sie aus ihrem Freundeskreis zu reißen. Sie sollte zu Hause bei den Großeltern bleiben und ihre Eltern und ihren kleinen Bruder Jonas in den Ferien besuchen.
Keiner dieser geplanten Besuche in München hatte stattgefunden. Roberts Karrieresprung beinhaltete mehr als eine reguläre vierzig Stunden Woche. Er war viel auf Geschäftsreisen im Ausland, und Marianne war in so vielen Vereinen beschäftigt, dass gerade noch Zeit für Jonas blieb. Für eine Tochter, die hunderte von Kilometern entfernt lebte und immer weniger in das Leben ihrer Eltern passte, wurde keine Zeit verschwendet.
Zu Weihnachten und den Geburtstagen kamen große Pakete mit der Post von Marianne aus München. Schließlich gehörte es sich so. Bevor Hannas Eltern ihre Tochter verließen, richteten sie ihr noch ein Konto ein, auf das sie jeden Monat hundert Euro Taschengeld überwiesen, damit sie ihren Großeltern nicht mit Extrawünschen zur Last fiel. Aber auch sie bekamen von ihrer Tochter und ihrem Schwiegersohn monatlich Geld, damit sie Hanna versorgen konnten. Obwohl es mehr als genug war, reichte es Trude nicht. In ihrer Verbitterung schimpfte sie zum Monatsbeginn nach Zahlungseingang auf ihre Tochter, wie geizig sie doch wäre.
Trude gönnte ihrer Tochter ihr neues Leben in München nicht. Sie selbst hatte nur ein einfaches Leben geführt und musste auf jeglichen Luxus verzichten. In ihrem ganzen Leben war sie nicht einmal im Urlaub gewesen. Sie hatte Rothwald nie wirklich verlassen.
Mit dem Bus fuhr sie ein- bis zweimal in der Woche acht Kilometer in die Stadt zum Einkaufen, weiter war sie in den letzten dreißig Jahren nicht gekommen. Die wenigen Ausflüge, zu denen Hermann sie damals bewegen konnte, entfernten sie nicht mehr als fünfzig Kilometer von zu Hause.
Irgendwann im Sommer, als Harald und Marianne noch Kinder waren, fuhren sie an einen See, um den man drei Stunden lang spazieren gehen konnte. Es war ein herrlicher Sommertag, und die Sonne strahlte am klaren Himmel auf sie hinab. Das glitzernde Wasser bewegte sich in kleinen Wellen fort. Es wurde nicht müde ununterbrochen die gleichen Bewegungen zu tun. Enten und Schwäne schwammen in Familien am Ufer entlang, und von einer Brücke sprangen Kinder in das erfrischende Wasser, während ihre Eltern ihnen auf Picknickdecken dabei zusahen und sie zur Vorsicht ermahnten. Harald und Marianne wollten natürlich auch schwimmen und von der Brücke springen, doch sie hatten keine Badesachen dabei. Ihre gute Laune war schlagartig dahin, und ein großes Eis vom Eiswagen unter der schattenspendenden Kastanie brachte sie auch nicht zurück.
Während Hermann mit den Kindern Kieselsteine sammelte und sie über den See hüpfen ließ, vergaß Trude für einen Moment ihre Familie. Für eine kurze Weile gab es nur sie und den See. Auch die fremden Menschen in ihrer Umgebung waren vergessen. Sie könnte aufstehen und einfach fortgehen, bis sie weit genug weg war. Sie dachte darüber nach, sich ein Zimmer zu suchen, bis sie eine Wohnung und eine Anstellung gefunden hätte. Das Haushaltsgeld in ihrem Portemonnaie würde bestimmt die nächsten zwei Wochen reichen. Sie hatte zwar keinen Beruf erlernt, aber das war nicht wichtig. Sie war nicht arbeitsscheu. Es würde sich schon was Passendes finden lassen, bis sie wüsste, wie sie ihre neue Zukunft gestalten könnte.
Eine harte Berührung an ihrem Hinterkopf ließ Trude zusammenzucken. Ein erschrockener Junge in Haralds Alter kam auf sie zu gerannt und entschuldigte sich mehrmals für sein Missgeschick mit dem Ball. Er versprach ihr, besser aufzupassen. Irritiert rieb sie sich die schmerzende Stelle am Kopf und erwiderte dem Jungen gegenüber nichts. Stattdessen stand sie auf und ging zu ihrer Familie, die noch eifrig flache Kiesel über den See hüpfen ließ.
Harald durchbrach die angespannte Stille und forderte seine Nichte auf, von ihrem Leben in Hamburg zu berichten.
„Na ja, wirklich viel zu erzählen gibt es nicht“, sagte Hanna mit leicht bebender Stimme.
In wenigen, kurzen Sätzen erzählte sie ihren Verwandten von ihrem Leben in der Großstadt. Dabei versuchte sie es doch irgendwie aufregend und interessant klingen zu lassen.
„Und willst du das ewig machen, spülen und bedienen? Wäre eine vernünftige Ausbildung nicht besser, damit du ein geregeltes Leben hast? Dr. Stolte, der Kinderarzt in Weilach, sucht noch eine Auszubildende. Er hat bisher noch keine gefunden. Du könntest morgen mal vorbeigehen und nach der Stelle fragen. Vielleicht bekommst du sie noch?“, schlug Harald vor.
Mit einem Mal wurde Hanna übel und sie musste dagegen ankämpfen, es sich nicht anmerken zu lassen. Ihr wurde schwindelig und ihr Herz raste vor Wut. Sie wollte nur ein paar Tage zu Besuch kommen, das hatte sie deutlich in ihrem Brief mitgeteilt. Doch das ignorierten sie einfach.
Ihr plötzliches Auftauchen war für ihre Familie kein Besuch, sondern eine Heimkehr. Und scheinbar hatten sie ihr Leben schon verplant. Jetzt fehlte nur noch die Präsentation ihres zukünftigen Ehemannes und die Angabe, wie viele Kinder sie zu bekommen hatte. Und zur Krönung des Ganzen, die Verkündung, dass sie mit ihrer Familie bei den Großeltern leben werde, weil genug Platz für alle im Haus sei.
Hanna erwiderte nichts auf den Vorschlag ihres Onkels und wandte sich stattdessen an ihre Oma.
„Deine Erbsensuppe schmeckt noch genauso gut wie früher“, lobte Hanna das Essen ihrer Oma.
„Warum sollte sie anders schmecken? Ich habe mein Rezept nicht verändert“, antwortete Trude, die dem Kompliment ihrer Enkelin nichts abgewinnen konnte.
Hermann nahm Hannas missliche Lage wahr und versuchte ihr Beistand zu leisten.
„Es ist schön, dass du uns an deinem Geburtstag besuchst“, freute sich der Großvater stand auf und ging zum Geschirrschrank.
Er öffnete eine der oberen Glastüren und holte ein Geschenk heraus. Strahlend überreichte er es ihr, zum Missfallen seiner Frau.
Hanna nahm den flachen, rechteckigen Gegenstand, der in dickes Papier verpackt war, in Empfang und bedankte sich. Sie erwartete nicht, dass er schwer sein würde. Ihre Hände sackten ein wenig Richtung Tisch.
Das Geburtstagskind schob seinen Teller beiseite und legte das Geschenk auf den Tisch. Dem Format nach erwartete sie ein Bild, ein Familienportrait oder eine Landschaftsaufnahme von Rothwald. Wahrscheinlicher war ein Bild vom Dorf.
Sie konnte sich nicht vorstellen, dass Harald mit seinen Eltern nett vor einer Kamera für sie posieren würde. Mit Daumen und Zeigefinger löste sie die Klebestreifen von dem gepunkteten Papier.
Der Schwere nach zu urteilen schien es doch eher ein Buch zu sein. Sie konnte sich aber nicht vorstellen, was für ein Buch ihre Großeltern ihr schenken sollten. Das Geschenk war eine richtige Geburtstagsüberraschung. Hanna hatte keinen blassen Schimmer, was sie gleich in den Händen halten würde.
Für einen Moment fühlte sie sich in ihre Kindheit zurückversetzt. Sie liebte es, Geschenke auszupacken, vor allem wenn sie nicht wusste, was es sein konnte. Das Rätselraten um die Sache war immer das Aufregendste an ihrem Geburtstag oder Weihnachten gewesen. Beim aufkommenden Gefühl dieser Kindheitserinnerung lächelte sie.
Jetzt musste nur noch der Klebestreifen in der Mitte entfernt werden und das Geschenk kam zum Vorschein. So plötzlich wie das Lächeln in Hannas Gesicht aufflammte, war es auch schon wieder verschwunden. Vor ihr auf dem Tisch lag ein Fotobildband von Rothwald. Das machte sie sprachlos.
Sie hatte schon viele unnütze Geschenke von ihnen bekommen, aber das hier war wohl das langweiligste von allen. Während Hanna noch nach Fassung rang und ein Danke zwischen ihren Zähnen durchpresste, hatte Trude auch schon eine Erklärung für ihr Geschenk.
„Christian hat sein Hobby zum Beruf gemacht. Irgendwann hat er das ganze Dorf fotografiert. Daraus entstand dann die Idee, einen Bildband zur Siebenhundertjahrfeier drucken zu lassen. Im Stadtarchiv fand er altes Material über Rothwald, und einige Familien stellten Fotos von früher zur Verfügung. Inzwischen ist Christian guter Fotograf geworden und hat sein eigenes Fotostudio in der Stadt eröffnet“, erzählte sie ihrer Enkelin.
Hermann war von Anfang an gegen dieses Geschenk. Aber Harald und Trude meinten, wenn sie sich intensiver mit ihrer Heimat beschäftigte, würde sie schon von alleine ihren Fehler eingestehen und nach Hause zurückkommen. An Hannas Blick sah er sich bestätigt.
„Hamburg ist so weit weg von deinem Zuhause und da dachten wir, es wäre schön, wenn du ein Stück Heimat mit nach Hamburg nimmst“, versuchte er die eigentliche Absicht zu vertuschen.
„Danke. Eine schöne Idee von euch“, bedankte sie sich höflich bei ihrer Familie.
„Trude, du hast doch Hannas Lieblingskuchen gebacken. Lasst uns zum Nachtisch übergehen“, versuchte Hermann seiner Enkelin eine kleine Freude zu machen. Er drückte kurz ihre Hand und lächelte sie dabei an.
Während Hermann wieder aufstand und begann, den Tisch abzuräumen, wickelte Hanna ihren Fotoband wieder ins Papier ein. Enttäuscht legte sie ihr Geschenk weg. Sie stellte die Suppenteller zusammen und trug sie in die Küche. Für Trude blieb nur noch der Topf übrig, und Harald schaute ihnen dabei zu.
Hanna brauchte einen Moment für sich. In Ruhe spülte sie die Teller und das Besteck unter heißem Wasser ab, bevor sie alles in die Spülmaschine einräumte. Ihre Großeltern kümmerten sich in der Zwischenzeit um den Kuchen und neues Geschirr.
Nebenbei erwärmte der Wasserkocher das Teewasser, was schnell zu sprudeln begann. Hanna goss das kochend heiße Wasser in die bereitstehende Teekanne und sog das sich verbreitende Aroma des Früchtetees ein. Ein Geruch, den sie seit drei Jahren nicht mehr gerochen hatte. Sie trank in Hamburg nur noch Kaffee.
Sie musste an ihre Eltern denken. Sie fragte sich, ob sie sie schon längst vergessen hätten. Seit dem sie Rothwald verlassen hatte, blieben auch ihre monatlichen Zahlungen aus. Sie konnten nur von ihrer Großmutter von ihrem Weggang erfahren haben, denn sonst hatte niemand aus der Familie Kontakt zu ihnen.
Harald und ihre Mutter hatten sich noch nie besonders gut verstanden. Er war wohl froh, als sie nach München ging. Er versuchte seinen Neid gegenüber seiner Schwester immer zu verbergen, aber Hanna hatte es oft an Kleinigkeiten bemerkt. Er hatte eine bestimmte Art, in Gesprächen nebenbei gewisse Sätze fallen zu lassen, die seine Schwester und ihren Mann in ein negatives Licht rückten. Manchmal glaubte Hanna, ihr Onkel würde ihre Mutter hassen.
Trudes Stimme holte Hanna aus ihren Gedanken zurück in die Küche.
„Kommst du mit dem Tee? Wir wollen Kuchen essen“, rief sie nach ihrer Enkelin.
„Ja, ich komme“, antwortete Hanna und entfernte die Teebeutel aus der Kanne.
Vorsichtig trug sie sie ins Esszimmer, wo sie allen einschenkte. Auf ihrem Teller lag bereits ein Stück Zitronenkuchen mit Zuckerguss. Bevor auch sie ihr Stück aß, wollte sie die Aufmerksamkeit von sich ablenken und fragte nach den Neuigkeiten im Dorf.
Klatsch und Tratsch hatten Harald schon immer begeistern können, deswegen ging er jeden Sonntagmorgen zu seinem Stammtisch und den regelmäßigen Treffen des örtlichen Schützenvereins. Er wusste über alles und jeden im Ort Bescheid. Er konnte sich wie viele in Rothwald nicht vorstellen, sein Heimatdorf zu verlassen.
Sein Arbeitsplatz war vom ersten Tag an der gleiche. Nach der Schule begann er wie sein Vater eine Ausbildung zum Schreiner bei Gerd Nölle im Sägewerk. Das machte ihn glücklich. Als Junge war er am liebsten im Wald und kletterte auf Bäume. Er kannte alle Baumarten in Rothwald, und es gab keinen Tag, an dem er nicht irgendwelche Holzstücke mit sich rumtrug und aus ihnen etwas herstellte.
Hermann arbeitete während seines ganzen Berufslebens im Sägewerk als Schreiner, einer anderen Tätigkeit war er nie nachgegangen. Sein Sohn besuchte ihn oft bei der Arbeit, um von ihm zu lernen. Als Jugendlicher arbeitete Harald bereits in den Ferien dort, um sich noch schneller und besser mit der Materie Holz befassen zu können. Da war es nur naheliegend, dass er auch Schreiner werden würde. Handwerklich war er sehr geschickt. Viele Arbeiten an seinem Elternhaus übernahm er selbst. Natürlich mit dem Wissen, dass es irgendwann in sein Eigentum übergehen würde.
Manchmal dachte er auch an andere. Für Jonas hatte er zu seinem dritten Geburtstag einen Bauernhof angefertigt. Viele Abende hatte er liebevoll an dem Haus in seiner Werkstatt gearbeitet und die Tiere geschnitzt. Sogar Hanna hätte sich mit elf Jahren noch über ein so wunderschönes Geschenk gefreut.
Jonas war ein kleiner Sonnenschein, der alle zum Lachen brachte. Jeder hatte Zeit für ihn und beschäftigte sich gerne mit ihm. Sein quirliges Kinderlachen erfüllte dieses Haus mit Leben. Kaum war sein dritter Geburtstag vorbei, verkündeten Robert und Marianne ihren Umzug ohne Hanna nach München.
„In drei Jahren passiert viel in einem Ort. Einige haben geheiratet und Kinder bekommen. Ältere Leute sind verstorben. Wir hatten drei neue Schützenkönige, und beim Stammtischturnier sind wir Holzfäller noch unschlagbar. Zwei neue Familien sind hierher gezogen, aber mit denen gibt es keine Probleme. Sie haben sich schnell ins Dorfleben eingefügt, und ihre Kinder sind keine verzogenen Bälger, obwohl sie die ersten Jahre in einer Großstadt aufgewachsen sind. Du weißt ja selber, wie schnell Unfrieden durch Fremde kommen kann, wenn die sich nicht an die Regeln halten wollen. Mit dieser Familie Brenner gab es nur unnötigen Ärger, aber, Gott sei Dank, ist die irgendwann wieder verschwunden. Den Laden hat letztes Jahr Andreas mit seiner Frau übernommen. Er hat Anja geheiratet. Und die Bäckerei gehört nun Felix, weil Werner einen Schlaganfall hatte und nicht mehr arbeiten kann. Maria muss sich jetzt den ganzen Tag um ihn kümmern. Eva ist dann von der Backstube in den Laden gewechselt, damit Maria nicht auch noch dieser zusätzlichen Belastung ausgesetzt war. Felix und Eva werden nächstes Jahr heiraten. Offiziell ist zwar noch nichts, aber die eine oder andere Planung steht schon im Raum. Wenn die beiden Kinder bekommen, wird das Bäckerhaus viel zu klein sein für alle, deshalb wollen sie rechtzeitig anbauen. Der Huberbauer ist bereit, einen Teil seiner Wiese zu verkaufen. Somit können Felix und Eva Maria bei Werners Pflege besser unterstützen. Das sind erst mal die wichtigsten Ereignisse der letzten Jahre. Du wirst in den nächsten Tagen alle wiedertreffen, dann wirst du weitere Neuigkeiten erfahren“, schloss Harald seinen Bericht über die wichtigsten Dorfereignisse im Schnelldurchgang.
„Dann hat sich nicht so viel verändert, fast alles ist beim Alten geblieben“, zog Hanna ein Abschlussresümee.
Sie hatte ihrem Onkel so aufmerksam zugehört, dass sie vergessen hatte, ihren Kuchen zu essen. Das holte sie hastig nach. Sie sprach ihrer Oma ein weiteres Lob für ihre Backkunst aus, was diese aber genauso überflüssig empfand wie das erste.
Es war kurz vor zwanzig Uhr, gleich begann die Tagesschau, dessen Gucken jeden Abend eins der täglichen Rituale war. Für Hanna waren es in der kurzen Zeit bereits genug Rituale. Sie entschied sich für einen Spaziergang, um sich aus dieser beklemmenden Situation zu befreien.
Hanna verließ alleine das Haus und zog sich im Gehen ihre schwarze Fließjacke an. Es war inzwischen wesentlich kühler als am Nachmittag, und routinemäßig steckte sie ihre Hände in die Jackentaschen, um sie zu wärmen.
In ihrer linken Tasche befand sich ein kalter metallener Gegenstand. Sie zog ihn heraus und hielt ihren alten Haustürschlüssel in der Hand. Sie nahm ihn vor drei Jahren mit. Hanna hatte sich damals keine Gedanken gemacht, warum sie ihn mit auf ihre Reise nahm. Wahrscheinlich war es die Gewohnheit. Oder sollte er sie daran erinnern, dass sie noch nicht mit ihrer Vergangenheit abgeschlossen hatte? Da sie ihn noch besaß, brauchte sie später nicht zu klingeln und konnte so jederzeit ins Haus gelangen.
Es war bereits dunkel, und der Mond lugte hinter dem Dach des Nachbarhauses hervor. Mit jedem Schritt, den sie über die Einfahrt machte, knirschten die Steine unter ihren Sohlen. Leichte Abdrücke bildeten sich im Kiesbett und zeichneten Hannas Spur nach. Bevor sie den Gehweg betrat, atmete sie tief ein und aus und machte sich auf den Weg ins Dorf.
Die Straßenlaternen säumten wie Gardisten die Straßen und ihren wachen Augen blieb nichts verborgen. Hanna hoffte niemandem zu begegnen, denn auf lange Erklärungen hatte sie keine Lust. Sie wollte in Ruhe in ihrem Heimatdorf spazieren gehen und sich wieder ein Stück mit ihm vertraut machen, bevor ihr altes Leben für eine kurze Zeit in den Vordergrund rücken würde.
In Gedanken ging sie die Straßen durch und sagte sich die Namen der Familien auf, die in ihnen wohnten. Sie achtete gar nicht richtig auf die Häuser, denn sie waren natürlich noch an derselben Stelle und hatten sich nicht verändert. Sogar die gleichen Autos standen nach wie vor auf ihren Parkplätzen in den Einfahrten.
Am Dorfanfang konnte sie umkehren oder links einen Bogen um das Dorf laufen. Dieser Weg führte an einem Waldrand entlang, der Hanna auf einmal gespenstisch erschien. Sie überlegte eine Weile, ob sie ihn gehen sollte und entschied sich dagegen.
Sie fragte sich, warum sie ausgerechnet jetzt Angst hatte, im Dunkeln alleine vorbeizugehen? Unzählige Male hatte sie dies bereits als Kind getan. Der Weg war nicht lang, und am Ende wohnten Kesslers. Der Waldrand war ideal zum Versteckspiel. Und das wollte sie doch, sich unbemerkt im Dorf aufhalten.
Das Rascheln der Bäume glitt in einem gleichmäßigen Singsang über sie hinweg, begleitet von den Rufen einer Schleiereule. Hanna brauchte nur umzukehren, und sie wäre wieder auf der beleuchteten Straße. Somit wäre sie der gespenstischen Dunkelheit des Waldes schnell entkommen, doch irgendwie konnte sie sich nicht von diesem Anblick lösen. Wie eine Säule stand sie reglos dort am beginnenden Waldrand und schaute zu den Bäumen.
Ein mulmiges Gefühl beschlich sie. Sie dachte an ihre Freunde aus Kindertagen, mit denen sie hier gespielt hatte, aber auch an ihre Streifzüge am Nachmittag, wenn sie alleine sein wollte. Es war den Kindern im Dorf verboten gewesen, weit oben im Wald zu spielen. Überall waren Höhlen, und die wenigsten waren den Dorfbewohnern bekannt.
Der Waldrand diente den Kindern als Spielplatz, und eine klare Abgrenzung durch gefällte Fichten bildete die Grenze zum verbotenen Bereich. Mit abschreckenden Geschichten über dunkle, tiefe Höhlen, die die Kinder verschlucken und nicht mehr hergeben, brauchten die Eltern sich keine Sorgen über eine Grenzüberschreitung zu machen.
Als Jugendliche ließen sie es sich nicht nehmen, jedes Verbot ihrer Eltern zu missachten. Aus Kinderbanden entwickelten sich Jugendcliquen, die sich gegenseitig zu Mutproben anstachelten, sobald sie eine Höhle entdeckten. Bei jeder dieser Prüfungen wurde ein anderes Mitglied ausgewählt, was dann alleine eine bestimmte Zeit in der Höhle verbleiben oder zu einem zuvor erkundeten Punkt hingehen und einen deponierten Gegenstand mitbringen musste. Es war nie ungefährlich, denn es konnte jederzeit ein Steinschlag innerhalb einer Höhle ausgelöst werden und den Auserwählten treffen.
Hanna konnte sich noch gut an ihre Mutprobe erinnern. Sie hatte panische Angst, sich zu verlaufen und für immer verloren zu sein. Das konnte sie aber niemandem sagen, nicht einmal Christian. Carla hätte an diesem Tag dran sein sollen, so entschied das Los einen Tag zuvor. Sie hatte das Glück, über Nacht zu erkranken und rutschte somit auf die nächste Position. Weigern konnte Hanna sich nicht. Der darauffolgende Spott lastete sonst auf allen, und das wollte sie nicht verantworten. Das einzige Ziel jeder Clique war, einfach die coolste von allen zu sein.
Hanna hoffte, Tim, der Chef der Unterdorfclique, würde von ihr nur die Zeitprüfung verlangen. Bei dieser Aufgabe musste man im Dunkeln bis zur ersten Abzweigung gehen und dort eine halbe Stunde warten, bis die eigene Clique einen von dieser Tyrannei befreite.
Tim wusste, dass Hanna die Zurückhaltendere in ihrer Gruppe war und sich oft notgedrungen den anderen anschloss. Deswegen verlangte er von ihr die Kreuzprüfung. Wenn sie sich und die anderen nicht zum Gespött machen wollte, musste sie alleine bis zum großen Innenraum gehen und das Kreuz holen. Alleine hinlaufen, das Kreuz holen und dann zurücklaufen, das war die Aufgabe.
Auf dem Weg gab es viele Winkel, die das Innere des Berges zu einem Labyrinth formten. Es gab nur einen Weg, der über die richtigen Abbiegungen in den Höhlenraum führte. Die Abzweigungen hatten sie bei ihren ersten Erkundungstouren markiert, eigentlich musste sie denen nur folgen. Hanna beschloss, konzentriert zu gehen und jede Markierung genau zu beachten, so hatte sie in dem Moment der Mitteilung ihrer Prüfungsaufgabe gedacht.
Christian gab ihr die Taschenlampe und Hanna schaltete sie an. Die ersten Schritte waren schnell gemacht, denn das Tageslicht leuchtete die ersten Meter noch aus und die Stimmen und das Gelächter der Wartenden waren noch zu hören. Je dunkler der Weg und je leiser die Geräusche wurden, desto höher stieg Hannas Adrenalinspiegel. Sie hatte nur einen Gedanken: Sie wollte Tim beweisen, dass sie kein Feigling war.
Obwohl sie ihren dicken Pullover anhatte, fror sie. Ihre Hände wurden immer kälter, und die Taschenlampe wackelte in ihren Händen und ließ den Lichtstrahl umherwandern. Bei jeder Abzweigung leuchtete sie die Wände exakt ab, um keine Markierung zu übersehen. Schneller als erwartet kam sie im Innenraum an und hob erleichtert das selbstgemachte Holzkreuz auf. Sie verließ den Raum und ging zurück in den ersten Gang.
Vor Freude ließ Hanna einen Jubelschrei los, weil sie es alleine hierher geschafft hatte. Doch ihre Freude war nicht von langer Dauer, denn mit einem Mal wurde der Lichtschein der Lampe schwächer und erlosch gänzlich.
Panik überfiel Hanna, und sie verfluchte die Taschenlampe. Alles Schütteln und Knopfdrücken nutzte nichts, der Lichtspender versagte ihr den Dienst. Der Stolz, der sie vor einem Moment noch über sich hinauswachsen ließ, hatte sich in Luft aufgelöst und Hanna fühlte sich nur noch wie ein Häufchen Elend. Ihre schlimmsten Befürchtungen waren wahr geworden. Sie war für immer in dieser Höhle verschollen und hatte ihre Clique zum Gespött gemacht.
Ihre Freunde würden sie hassen. Dicke Tränen rollten über ihre Wangen, und Hanna fing an zu schluchzen. Sie war eine Gefangene des Berges, und die Schauergeschichten aus ihrer Kindheit prasselten wie Steine auf sie nieder und verhöhnten ihre Dummheit.
Sie befand sich noch in dem ersten Gang, der direkt vom Höhlenraum abzweigte. Zumindest dorthin sollte sie zurückfinden, und mehr stolpernd als gehend fand sie dort im Dunkeln zurück. Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, doch zu erkennen gab es nichts. Sie befand sich in der schwärzesten Finsternis. Hanna fühlte sich hilflos und dumm, weil sie das tat, was Tim von ihr verlangte.
Sie fühlte sich als Feigling, in jeder Hinsicht. Feige, weil sie nicht den Mut hatte, die Kreuzprüfung abzulehnen, und feige, weil sie Angst vor der Dunkelheit hatte. Die anderen hätten mit Sicherheit den Rückweg im Dunkeln gewagt und am Ende reichlich Respekt von den Unterdörflern geerntet. Sie war nicht so. Hanna ergab sich ihrem Schicksal und dachte darüber nach, wie lange sie ohne Essen und Trinken hier ausharren könnte oder ob sie vorher erfrieren würde.
Während Hanna bereits mit dem Tode haderte, drangen irgendwann vertraute Geräusche und Stimmen zu ihr durch. Das Rufen nach ihrem Namen und ein Lichtstrahl ließen sie von Neuem weinen. Sie war gerettet. Christian und Silke standen erleichtert vor ihr.
Als fast zwei Stunden vergangen waren, sorgten sie sich um sie und hatten sich auf die Suche nach ihr begeben. Erleichtert fiel Hanna ihren Freunden in die Arme und konnte gar nicht mehr aufhören zu weinen. Christian entschuldigte sich bei ihr wegen der leeren Batterien. In Zukunft würden sie immer Ersatzbatterien mitnehmen.
Nachdem Hanna sich beruhigt hatte, verließen sie zu dritt die Höhle, und Hanna drückte Tim wortlos das Kreuz in die Hand. Er wollte ihre Prüfung als nicht bestanden verzeichnen, doch das vehemente Veto von Christian und Silke ließ ihn schließlich einlenken. In die Situation hätte jeder von ihnen geraten können, und das Kreuz beweise ja wohl die Erfüllung der Aufgabe.
Seit dieser missglückten Mutprobe hatte Hanna die Höhle nie mehr betreten und zog sich mit der Zeit mehr und mehr aus der Clique zurück, bis sie schließlich zu keinem der Treffen der Freunde mehr ging. Anfangs akzeptierten alle ihren Rückzug, denn sie konnten sich gut vorstellen, wie gruselig es alleine in der Höhle gewesen sein musste. Aber dass sie irgendwann für die Freundschaft gar nichts mehr übrig hatte, stieß bei allen nur auf Missverständnis. Nach mehreren Versuchen, Hanna zurück in die Clique zu holen, gaben sie irgendwann auf. Sie gehörte nicht mehr zur Oberdorfclique.
Ein Schatten huschte an den Bäumen entlang und bewegte sich auf sie zu. Noch bevor Hanna eine Entscheidung traf, wurde sie angesprochen.
„Hanna?“, fragte der Schatten.
„Ja“, antwortete sie zögerlich.
Die Stimme kannte sie. Sie kannte sie sogar sehr gut. Viele Jahre war sie ihr ein vertrauter Begleiter gewesen. Christian. Es war seine Stimme, die nach ihr fragte.
„Wenn ich hier spazieren gehe, muss ich jedes Mal an unsere Cliquenzeit denken. Gerade habe ich noch an dich gedacht und plötzlich stehst du wie von Geisterhand vor mir. Das ist eine gelungene Überraschung. Wie geht es dir? Seit wann bist du zurück?“, fragte ihr Jugendfreund überrascht.
„Gut. Seit heute“, gab sie knappe Antworten.
Sie war genauso überrascht und überrumpelt von dieser unerwarteten Begegnung. Sie hatte Christian nicht nur die letzten drei Jahre nicht mehr gesehen, sondern schon lange Zeit vorher. Ihr Kontakt war nach ihrem Ausstieg aus der Clique abgebrochen.
Unzählige Kindheits- und Jugenderinnerungen jagten wild durch ihren Kopf, kein Bild passte zu einem anderen. Sie kniff kurz die Augen zu, um sie zu verscheuchen und sah Christian verlegen an. Er stand ihr gegenüber, und sie brauchte kein Licht, um ihn zu erkennen. Die schwachen Lichtschimmer der letzten Straßenlaterne und Häuser reichten ihr aus, um zu sehen, dass er sich kaum verändert hatte. Er sah etwas älter aus, und er trug noch die gleiche Kleidung wie früher: Jeans, Turnschuhe, Kapuzenpullover und eine Jeansjacke. Egal, wie warm oder kalt es war, er trug immer eine Jeansjacke.
Da Hanna nicht wusste, was sie ihn fragen sollte, wartete sie seine Fragen ab. Sich einfach umdrehen und gehen, wäre wohl das Peinlichste, was sie gerade tun könnte. Mehr als wenige verlegene Worte brachte sie so schnell nicht zu Stande.
„Du bist die Einzige, die es von hier weggeschafft hat“, sagte Christian, weil ihm gerade nichts Besseres einfiel. „Hast du Lust auf einen Kaffee oder Tee oder irgendetwas anderes zu trinken?“, fragte er dann etwas umständlich und lud sie zu sich ein. „Ich wohne im alten Grafhaus. Nach Antons Tod wollte keines seiner Kinder hier einziehen und sie haben das Haus zum Verkauf angeboten. Florian und Susanne hatten bereits gebaut und Matthias wollte neu bauen. Meine Eltern haben es gekauft und mir zur bestandenen Ausbildung geschenkt, damit ich genug Platz zum Arbeiten habe. Später sollen natürlich viele kleine Enkelkinder darin rumtoben können.“
Warum er den letzten Satz gesagt hatte, wusste er selbst nicht. Die vielen Enkelkinder waren das Wunschdenken seiner Eltern und nicht seins. Für Kinder gab es noch lange keinen Platz in seinem Leben. Außerdem müsste er dafür erst einmal die passende Frau finden, um das Haus mit weiterem Leben zu füllen.
Er war mit vielen hier im Dorf befreundet, unter denen sich Freundinnen in seinem Alter befanden. Nach der gescheiterten Beziehung mit Silke im Sommer hatte er sich geschworen, keine Beziehung mehr mit einer Frau aus Rothwald einzugehen, zumal das ganze Dorf Anteil an ihrem Beziehungsleben nahm.
Früher war ihm das nicht bewusst gewesen, aber sobald man erwachsen wurde und sich das Dorfleben für einen änderte, schien man für alle ein offenes Buch zu sein. Und wenn die Freundin ihr gemeinsames Leben in jedem Detail an die Mutter weitergab, und die nichts Besseres zu tun hatte, als dies dem Dorftratsch beizufügen, war keinerlei Privatsphäre mehr gegeben.
Seine Beziehung mit Silke hatte von Anfang an auf wackeligen Füßen gestanden. Wenn er auf dem Schützenfest nicht unkontrolliert getrunken hätte, wäre er in dieser Nacht ohne Silkes Hilfe nach Hause gekommen. Die Folge dessen war eine Beziehung, die er nicht wollte. Das Aufwachen am nächsten Morgen brachte einen kleinen Schock mit sich. Seine Helferin lag nackt neben ihm in seinem Bett.
Alle Nachbarn wussten natürlich sofort von ihrer Übernachtung und machten sie gleich zu einem Paar. So war es schon immer Tradition in Rothwald gewesen. Man blieb doch am liebsten unter sich. Man unterstützte sich sehr gerne, und Nachbarschaftshilfe war sehr groß geschrieben.
Es dauerte keine Woche, da brachte Silke schon ihre ersten Habseligkeiten mit, die sich von Tag zu Tag vermehrten. Sie begann sich häuslich einzurichten und ihre Mutter ließ es sich nicht nehmen, ihr bei der Neugestaltung des Hauses behilflich zu sein. Seine Mutter war überglücklich, dass er sich für so ein nettes Mädchen wie Silke entschieden hatte. Für sie war sie die perfekte Schwiegertochter, die ihr bald ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen sollte.
Seine Arbeit an dem Fotobildband zur Siebenhundertjahrfeier in Rothwald nahm ihn sehr in Anspruch. Er verbrachte dafür mehr Zeit in seinem Fotoatelier als zu Hause. Wenn er abends kam, wartete bereits ein gekochtes Abendessen auf ihn und ein Haus, das sich wieder ein Stück verändert hatte und Silke mittendrin.
Sie wartete dann schon sehnsüchtig auf ihn und ein Überspringen des Abendessens wäre ihr lieber gewesen. Ein direkter Gang ins Schlafzimmer, um zum nächtlichen Teil ihres Zusammenlebens zu kommen, hätte für sie an erster Stelle gestanden. Da sie aber in der Erprobungsphase der perfekten Ehe- und Hausfrau war, im Übergang zur werdenden Mutter, musste dieser Teil des Beziehungslebens eingehalten werden. Schließlich musste sie ihn noch nach seinem Tag im Atelier fragen. Sein Desinteresse an ihrem Tag schien ihr gar nicht aufzufallen.
Als Kind scheint einem die Welt noch offen zu stehen. Sobald die magische Phase der Kindheit endet und der Schritt in die Erwachsenenwelt vollzogen ist, scheint die Überquerung der Schwelle in die Freiheit nicht mehr möglich zu sein.
Hanna hatte es geschafft. Es war ihm schleierhaft, wie sie diesen Weg finden konnte. Nun war sie aber wieder da. Er dachte darüber nach, ob er sich irrte, und sie doch an diese unsichtbaren Fesseln gebunden war, die jeden nach Rothwald zurückkommen ließen, der hier aufwuchs.
Immer wieder verließ der eine oder andere das Dorf um zu studieren, wegen der Bundeswehr oder um eine Ausbildung zu machen. Am Ende kehrten sie aber alle nach Hause zurück. Sie bauten ihr Leben weiter in Rothwald auf, indem sie Familien gründeten und ihre Linie nicht aussterben ließen.
Durch das Rumstehen begann Hanna allmählich zu frieren. Ein heißer Kaffee kam ihr gerade gelegen, den wollte sie nicht ablehnen. Für Tee konnte sie sich gar nicht mehr begeistern.
„Ein Kaffee wäre jetzt gut zum Aufwärmen“, nahm sie Christians Angebot an.
Sie wussten gerade beide nicht, worüber sie reden sollten. Deshalb gingen sie schweigend das kurze Stück zu Christians Haus.
Zielstrebig führte er sie in seine Wohnküche, in der ein Ofen eine wohlige Wärme von sich gab.
„Nimm doch Platz und mach‘ es dir bequem. Ich schmeiße eben die Kaffeemaschine an“, sagte er und zeigte auf sein Sofa.
Hanna zog ihre Fließjacke aus, hängte sie über den nächsten Stuhl und stellte sich an den Ofen. Sie streckte ihm ihre Hände entgegen, um sie schneller aufzuwärmen. Die feurige Glut strahlte eine Wärme aus, die mit der einer Heizung nicht zu vergleichen war.
Ihr wurde schnell warm, und sie zog auch ihre Schuhe aus. Für einen kurzen Moment hatte sie vergessen, dass sie sich in einem fremden Haus befand. Sie nahm ein Kissen von einem der Stühle, die hinter dem Küchentisch standen, und legte es auf den Boden in Ofennähe. Sie ließ sich im Schneidersitz darauf nieder und beobachtete das Schauspiel des Feuers. Das Rauschen und Knacken in seinem Innern ließ Hanna alles um sich herum vergessen. Sie hatte sich noch nie so geborgen gefühlt. Sie fühlte sich plötzlich zu Hause.
Hannas selbstverständliches Handeln faszinierte Christian. Sie war ganz anders als Silke. Während er in der Ecke am Fenster stand und auf den Kaffee wartete, beobachtete er sie. Er konnte seinen Blick gar nicht von ihr abwenden. Sie hatte sich so sehr verändert. Aus dem schüchternen, kleinen Mädchen war eine schöne junge Frau geworden, die sich scheinbar genauso gerne am Feuer niederließ wie er. Er konnte stundenlang davor sitzen und an nichts denken.
Die bunten Bänder in ihren blonden Haaren passten gut zu der neuen Hanna so wie auch der quietschgrüne Pullover. Die bunten Farben verliehen ihr so viel Lebendigkeit. Sie hatte immer noch lange Haare. Über diese Feststellung musste er lächeln.
Christian hatte ihre Haare schon immer schön gefunden. Leider hatte er sie in all den Jahren nur einmal in ihrer vollen Pracht gesehen. Sie trug ihre Haare nie offen oder zu einem Zopf, so wie die anderen Mädchen. Hanna hatte ihre immer zu einem Dutt eingedreht. Nachdem er einmal das Glück hatte, sie mit langen Haaren zu sehen, traute er sich nicht ihr zu sagen, wie schön sie mit offenen Haaren aussah. Er war sich nicht sicher, ob sie es missverstanden hätte.
Als der Kaffee durchgelaufen war, füllte er ihn in zwei große Kaffeebecher um, löschte das Küchenlicht und ging mit den heißen Tassen zum Ofen. Er reichte eine an Hanna weiter, und nahm sich ebenfalls ein Kissen vom Stuhl. Er ließ es ihr gegenüber fallen und setzte sich mit seinem Kaffee zu ihr.
Die Hitze, die das Feuer verströmte, überfiel ihn, und er begann leicht zu schwitzen. Erst jetzt bemerkte er, dass er seine Jacke noch trug und stand wieder auf. Er zog sie aus, warf sie über eine Stuhllehne und legte zwei Holzscheite nach. Die Flammen loderten auf, um sie in ihre Arme zu schließen. Die Scheite fingen sofort Feuer, und Funken flogen wild umher, begleitet von einem lauten Knacken.
Hannas Augen leuchteten bei dem neuen Feuerspektakel vor Freude auf. Christian fragte sich, ob es so wenig brauchte, um sie glücklich zu machen. Er konnte nicht anders, er musste sie immer wieder ansehen und sich mit der neuen Hanna vertraut machen oder aber die alte neu entdecken.
Er setzte sich wieder zu ihr und nahm seine Tasse in beide Hände. Hanna schaute den Flammen noch immer bei ihrem Spiel zu, und Christian hätte am liebsten die Zeit angehalten, um ihr ewig den Moment des Glücks zu schenken.
Im Glas der Ofentür sah Hanna, dass Christian sie beobachtete, aber es störte sie nicht, denn sie beobachtete ihn auch. Seine blauen Augen strahlten noch immer wie ein tiefer Ozean, in dem man ertrinken konnte. Seine Frisur war noch die gleiche. Seine braunen Haare bildeten einen schönen Kontrast zu seiner Augenfarbe. Sein freundliches Lächeln rundete für sie sein gutes Aussehen ab. Für ihr Empfinden sah er sogar noch besser aus, als sie ihn als Teenager in Erinnerung hatte.
Hanna trank einen Schluck ihres Kaffees und drehte sich dann langsam zu Christian um.
„Der ist gut, das hätte ich nicht gedacht. Du kannst guten Kaffee kochen“, begann sie ein Gespräch.
„Danke. Aber wenn man süchtig nach diesem Zeug ist, kriegt man das wohl irgendwann hin. Wie lange wirst du zu Besuch bleiben?“, wollte Christian wissen.
Bevor Hanna seine Frage beantwortete, überlegte sie kurz und gab ihm dann eine Erklärung für ihren Aufenthalt.
„Ich habe gerade zwei Wochen Urlaub, aber ich werde wahrscheinlich nicht so lange bleiben. Es ist nur ein Besuch. Ich muss ja bald wieder arbeiten“, fügte sie noch schnell hinzu. Damit stellte sie sofort nachdrücklich klar, dass ihr Aufenthalt in Rothwald nur von kurzer Dauer war.
„In Rothwald hat sich kaum etwas verändert“, meinte Christian.
„Ja, das hat Harald mir schon erzählt“, stimmte sie ihm zu.
Christian wollte dieses belanglose Gespräch nicht weiterführen. Solche Gespräche konnte er hier jeden Tag zu Genüge haben. Er wollte endlich alles über Hannas Leben außerhalb von Rothwald wissen.
„Wenn du nicht gerade zu Besuch bei deiner Familie bist, wie lebt es sich denn in München?“, fragte Christian.
Hanna stutzte über seine Frage und klärte ihn über ihre neue Heimatstadt auf. In wenigen Sätzen erzählte sie ihm von ihrem unspektakulären Leben in Hamburg, was er scheinbar als spannend und aufregend empfand.
„Wenn es dich mal nach Hamburg zieht, kannst du mich gerne besuchen kommen“, lud sie ihn spontan zu sich ein. „Ich könnte mich dann mit einem Kaffee revanchieren“, sagte sie lächelnd.
„Das Angebot kann ich nicht ausschlagen. Ich habe eine neue Idee für einen Fotobildband, und dafür wollte ich nach und nach die Großstädte bereisen. Dann ist mein erstes Ziel schon klar- Hamburg. Ich wollte nächsten Monat mit der Arbeit beginnen und über die Wochenenden verreisen, damit ich mein Atelier nicht so lange schließen muss. Würde es dir nächsten Monat passen?“, fragte er Hanna direkt.
Hanna hatte nicht wirklich damit gerechnet, dass er nach Hamburg fahren würde oder zumindest nicht sobald. Ihr blieb nichts anderes übrig, als ihre Einladung aufrecht zu erhalten.
„Okay, ich werde mir dann das Wochenende freinehmen und dir Hamburg zeigen.“ Was rede ich denn da? Ich würde mich nur für den Kaffee revanchieren und nicht das ganze Wochenende mit ihm verbringen wollen. Sie hatte es ausgesprochen und konnte es nicht mehr zurücknehmen.
Hanna konnte ihrem Geburtstagsgeschenk, dem Fotobildband von Rothwald erst keine Begeisterung entgegenbringen, doch jetzt wo sie Christian gegenübersaß, wollte sie doch wissen, was ihn dazu bewogen hatte.
„Ich habe von meiner Familie den Bildband geschenkt bekommen. Ich hatte leider noch nicht die Gelegenheit, ihn mir anzusehen. Wie bist du auf die Idee gekommen, Rothwalds Leben in ein Buch zu pressen?“, war sie an seiner Arbeit interessiert.
