Ein Mythos wird vermessen - Klaus-Dieter Regenbrecht - E-Book

Ein Mythos wird vermessen E-Book

Klaus-Dieter Regenbrecht

0,0

Beschreibung

Die Verbindung von Romantik und Landvermessung ist keinesfalls historische Koinzidenz, sondern muss miteinander verknüpft betrachtet werden; und dann ist es auch kein Zufall, wenn sich die Konstellation Romantik und neue Raumerfahrung im Rheinland so spektakulär als Rheinromantik und in den beiden Landvermessern Tranchot und von Müffling mit ihren jeweiligen politischen Systemen im Hintergrund präsentiert; das französische Kaiserreich und das Königreich Preußen. Vor über 20 Jahren begann Regenbrecht seine Studien zur Romantik und Landvermessung und ein erster Entwurf nahm in der Zeit von 2004 bis 2006 Gestalt an. 2018 kam die erste Auflage heraus, die nur ein Jahr später eine umfassende Ergänzung und Überarbeitung erfaehrt. Der romantische Essay Ein Mythos wird vermessen versucht, ein ganzheitliches Bild der Romantik, ihrer wichtigsten Protagonisten in Literatur, Kunst, Politik und Wissenschaft zu vermitteln. Das darf man wörtlich nehmen, denn es gibt mehr als 100 Abbildungen, die meisten davon farbig. Historische Karten, Gemälde, Dokumente, aktuelle Fotos etc. Ein anschauliches Panorama einer unglaublich vitalen Epoche: die Romantik.

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 503

Veröffentlichungsjahr: 2019

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Klaus-Dieter Regenbrecht:

Tabu Litu - ein documentum fragmentum in neun Büchern

Continuity - Hitchcocks, Pocahontas

Das Camp - Acht neue Erzählungen

Die Reisen des Johannes

AmoRLauf - ein Bildungsroman

Transit Wirklichkeit

Im Goldpfad 10 - ein Schlüsselroman

Jonas von Dohms zu Brügge

Luhmen & Balder: Minimal-invasive Eingriffe

Die Durchschlag-Strategie

Den Widerspruch zwischen Gelesenem und Gelebtem mit Geschriebenem lösen

Paradise with Black Spots and Bruises - Stories, Pictures, and Thoughts of a Lifetime

Verhüllte Männer in Weißen Häusern - ein zystopisches Selbstgespräch

Inhalt

Vorwort zur 2. Auflage

Vorwort zur 1. Auflage

Teil 1: Karthographische Korrekturen:

Die politischen, Wirren, Koalitionen, Kriege und Frieden in Europa von der Französischen (1789) zur Deutschen Revolution (1848)

Historische Zeittafel von Goethes Geburt (1742) bis zu Heines Tod (1856)

Frau Oberst Engel

Teil 2: Die Romantik

Postmodern seit 200 Jahren

Die praktischen Romantiker

Johann Wolfgang von Goethe

Clemens Brentano

Achim von Arnim

Friedrich und August Schlegel

Joseph von Eichendorff

Friedrich de la Motte Foqué

Joseph Görres

Jakob und Wilhelm Grimm

Karoline von Günderrode

Dorothea Schlegel

Caroline Schelling

Novalis (von Hardenberg)

Heinrich Heine

Friedrich Hölderlin

E.T.A. Hoffmann

Alexander und Wilhelm von Humboldt

Heinrich von Kleist

Theodor Körner

Jean Paul

Gotthilf Heinrich Schubert

Ludwig Tieck

Wilhelm Heinrich Wackenroder

Romantische Exkurse

in den Kosmos

in den Deutschen Wald; in den Venusberg mit Tannhäuser

in die Philosophie und die Musik

in die Malerei

zur Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert: - Ricarda Huch

Die unromantischen Romantiker

Arno Schmidt

Paul Auster

Zwischenrésumé

Teil 3: Der Mythos Vater Rhein

Der Mythos vom Mythos

Die englische Rheinromantik

Die romantische Rheinromantik

Exkurs: Morphologie

Die deutsche Rheinromantik

Närrischer Exkurs: Karneval im Rheinland

Post-rheinromantischer Exkurs: Rheinische Frömmigkeit

Exkurs 2011: BUGA

Teil 4: Tranchot und Baron von Müffling

Geopoetischer Rekurs: Camera obscura mit Seelandschaft, Burgen und Schlössern

Exkurs: Landvermessung und Kartographie

Die Kartenaufnahme der Rheinlande durch Tranchot und v. Müffling 1801-1828

Teil 5: Landvermesser in der literarischen Landschaft

Franz Kafka: Das Schloss

Daniel Kehlmann: Die Vermessung der Welt

Thomas Pynchon: Mason & Dixon

Bibliographie

Personen- und Sachregister

Vorwort zur zweiten, überarbeiteten Auflage

Die Verbindung von Romantik und Landvermessung ist keinesfalls historische Koinzidenz, sondern muss miteinander verknüpft betrachtet werden; und dann ist es auch kein Zufall, wenn sich die Konstellation Romantik und Landvermessung im Rheinland so spektakulär als Rheinromantik und mit den Vermessern Tranchot und von Müffling, ihre jeweiligen politischen Systeme im Hintergrund, präsentiert.

„Die Frage nach dem Wesen des Raumes hat, besonders in der Geschichte des philosophischen Nachdenkens, schon immer eine enorme Rolle gespielt. Gerade in der Romantik, die ein Zeitalter der revolutionären Wandlungen, der politischen und sozialen Strukturen repräsentiert, wurden neue Raumerfahrungen gemacht und neue Raumkonzepte entwickelt. Vor allem die Verbesserung der Vermessungstechnik und der Fortschritt in solchen Disziplinen wie der Kartographie, Geographie und Geologie trugen wesentlich zum Wandel der Raumerfahrung bei. Hinzu kommt, dass die Romantik als ein Zeitalter der Entdeckungsreisen bekannt wird, welche ebenso Änderungen in dem herkömmlichen Raum- und Weltverständnis bewirkten. In diesem Zusammenhang fragt man sich, welche Räume es überhaupt gibt und ob der Raum ein endliches oder unendliches System ist? Wann er als immanentes und wann als transzendentes Gebilde erscheint? Wo liegt die Grenze zwischen Zentrum und Peripherie, Ruhe und Bewegung, sowie innen und außen?“1

Das Zitat gehört zu dem Seminar von 2016 „Zur Topographie der russischen Romantik“ am Institut für Slavistik der Universität Hamburg. Ziel des Seminars war, „erstmals das geopolitische und geopoetische Interesse der russischen romantischen Literatur festzustellen und zu bestimmen, welche Orte, Räume, Regionen und Landschaften für die Autoren der Romantik wichtig waren“ (ebd.). Das geopolitische und geopoetische Interesse der deutschen Romantik wird also auch Gegenstand dieses Essays sein.

Die Qualität dieser Dreierkonstellation, erstens neue Raumerfahrung, neue Weltsicht, zweitens Landvermessung und drittens Romantik, könnte man mit einiger Berechtigung als Trivalenz bezeichnen, wobei sich die drei Komponenten auf unterschiedliche Art und Weise bedingen und beeinflussen. Genau dieses Zusammentreffen war es ja auch, das mich zu der Auseinandersetzung mit dem Themenkomplex gebracht hat; seit mehr als 20 Jahren befasse ich mich damit.

Ich habe fast mein ganzes Leben im Rheinland verbracht und verschiedene Aspekte sowohl der Rheinlandschaft als auch der rheinischen Geschichte sind immer wieder in meine literarischen Arbeit eingeflossen. Als wesentliches Motiv wurde das erstmals in meinem 1999 erschienenen Roman „Die Rheinland-Papiere“ deutlich, in dem beispielsweise die Nibelungensage, Wagners Rheingold und die jüngere Geschichte, die Zeit des Nationalsozialismus, thematisiert wurden.

2002 feierte die Rheinromantik ihren 200. Geburtstag. 1802 bereisten Brentano und Achim von Arnim, sein späterer Schwager, das Rheintal.

„Es setzten zwei Vertraute

Zum Rhein den Wanderstab,

Der braune trug die Laute,

Das Lied der blonde gab.“ (Brentano)

Bezeichnenderweise verlieh die UNESCO im gleichen Jahr, 2002, den Titel „Welterbe Kulturlandschaft Oberes Mittelrheintal“. Und das gab mir den ersten Anstoß, nicht wie bisher wissenschaftliche Recherche in einen erzählerisch fiktiven, sondern in einen literarisch essayistischen Rahmen fließen zu lassen.

Reisen ist Raumerfahrung, der Reisende erfährt den Raum anders als der Ortsansässige. Hier der Rheinländer, der aus Ehrenbreitstein gebürtige Brentano, mit dem preußischen Adligen von Achim aus Berlin. Landvermessung ist Raumerfahrung und Raumaneignung, hier der Franzose Tranchot in Napoleons Armee, da der preußische General.

Die Idee zu einem Essay nahm erst Gestalt an, als ich auf meinen Mountain-Bike-Touren auf die Vermessungsarbeiten Tranchots und von Müfflings stieß. Da ich in Tübingen in den 1970ern auch einige Semester Geographie und Kartographie studiert und von jeher ein Faible für Karten habe, fragte ich mich, wie es sein konnte, dass ausgerechnet zu der Zeit, als der französische und dann der preußische Landvermesser die Rheinlande vermaßen, die Rheinromantik ihren Anfang nahm. Denn die beiden Landvermesser waren ja Angehörige ihrer jeweiligen Armee. Wie war es möglich, dass ausgerechnet in einer Zeit, in der Heere aller möglichen Herren durchs Rheinland hin und her zogen, romantische Gefühle aufkommen konnten?

Dass dies weder Zufall noch gar Widerspruch ist, möchte ich mit meinem Essay aufzeigen. Die zweite Auflage ist nötig geworden, weil sich durch die Veröffentlichung der ersten Auflage viele Kontakte und neue Informationen ergeben haben.

Natürlich ist es nicht so, dass das eine das andere unmittelbar bedingt hätte, dass also etwa aus Erkenntnissen der Landvermessung ein romantisches Weltbild entstanden wäre, sondern es verhält sich vielmehr so, dass beides aus einer veränderten Weltsicht heraus entstanden ist; beides ist somit in jenem historischen Moment auf der Höhe der Zeit und zwar beides auf gleicher Höhe. Unter dieser Prämisse, dass sowohl die Romantik als auch die Landvermessung, die Verbesserung der Vermessungstechnik, auf der neuen Raumerfahrung und damit Weltsicht beruhen, habe ich das Kapitel über die Malerei samt Bildmaterial ausgeweitet und genauer in den Fokus gerückt.

Die Landvermessung hört nie auf, weil sich die Messmethoden verbessern, weil sich die Erde nach wie vor verändert. Nicht nur, dass Landkarten neu gezeichnet werden müssen, weil Staaten wie UdSSR in viele, auch sehr kleine Staaten zerfallen, weil Regenwälder abgeholzt werden und Monokulturen entstehen, sondern weil Land dem Meer abgerungen wird, Land ans Meer verlorengeht, Seen austrocknen, Vulkane aktiv sind und die Erdplatten sich bewegen. Warum sollte deshalb nicht auch eine romantische Weltsicht immer wieder neu die sich verändernde Welt zu sehen, zu verstehen und zu zeigen suchen?

In der ersten Auflage habe ich versäumt, auf Arno Schmidts Affinität zur Landvermessung hinzuweisen. Dieser Topos in seiner literarischen Arbeit macht ihn gewissermaßen erst zum ganzen Romantiker und zu einem wichtigen Trigonometrischen Punkt meiner Vermessungsarbeit. Alexander von Humboldt habe ich mehr Raum gewährt, so dass auch er in den Koordinaten von Romantik und Landvermessung noch größere Strahlkraft erhält; sein Geburtstag jährt sich 2019 zum 250. Male. Über seine Forschungs- und Vermessungsarbeit trug er wesentlich zum romantischen Naturverständnis bei, das auch unser modernes Naturverständnis ist. Ein Kapitel über Ricarda Huchs zweibändiges Werk zur Romantik habe ich ebenso hinzugenommen, weil es ein Meilenstein der Romantikrezeption ist, auf halbem Wege zwischen den Romantikern und uns.

Die romantischen Frauen kommen insgesamt besser zur Geltung. Der Essay ist auch in vielen anderen Einzelheiten überarbeitet worden, was sich in der (Unter-)Titelei zeigt. So habe ich statt „Topographie der Rheinlande im Licht der Romantik“ die umfassenderen Begriffe „Rhein, Romantik und neue Raumerfahrung“ genommen, sowie Heine durch Alexander von Humboldt ersetzt, weil er in der 2. Auflage eine so eminent wichtige Rolle spielt. Aus „panoramisch panoptisch“ habe ich „romantisch“ gemacht, weil ich mich der Epoche und all den Themen, die ich hier versammele, ganzheitlich nähere, also romantisch.

Zur Erleichterung des Leseflusses habe ich die Internet-Quellennachweise in die Fußnoten verbannt. Das Internet hat einen ganz erheblichen Anteil daran, dass ich, nachdem ich die Schreibbemühungen von 2004 bis 2006 aufgeben musste, die erste Auflage des Essays in einer Rekordzeit von wenigen Monaten, Februar bis Juli 2018, fertigstellen konnte. Das war möglich, weil es so leicht geworden ist, im Internet in Originalquellen zu recherchieren, ohne langwierige Reisen zu Bibliotheken auf sich zu nehmen. Die Links zu Seiten im Internet, das gilt besonders für die ebook-Versionen, waren zu der jeweils angegebenen Zeit und in der zitierten Form erreichbar. Ich kann nicht garantieren, dass sich das zu einem späteren Zeitpunkt noch genauso darstellt. Ich kann auch keine Haftung für eventuelle Urheberrechtsverletzungen o.ä. übernehmen. Ich kann aber versichern, dass ich mich mit all meinen Möglichkeiten bemüht habe, die Quellen zu verifizieren und im wissenschaftlichen Sinne korrekt vorzugehen.

Nachfolgend das Vorwort zur ersten Auflage von 2018, das aber bereits 2006 verfasst wurde, weil danach die Arbeit an dem Essay eingestellt und erst 2018 wieder aufgenommen und abgeschlossen wurde.

Klaus-Dieter Regenbrecht

Koblenz, Februar 2019

1 Tatjana Asmus: „Das Wesen der Räume in der Romantik“, https://ortenichtorte.wordpress.com/2016/07/12/das-wesen-derraeume-in-der-romantik/, aufgerufen am 29. Oktober 2018.

Intro/Expo:

Nord und West und Süd zersplittern,

Throne bersten, Reiche zittern:

Flüchte du, im reinen Osten

Patriarchenluft zu kosten

Unter Lieben, Trinken, Singen

Soll dich Chisers Quell verjüngen.

Johann W. Goethe, West-Östlicher Divan

Wer anders als „Göthen“ selbst, Napoleon-Verehrer und Freund des Islam, könnte die Richtung vorgeben. Ein Titel wie „Der Kalif von Köln“ bringt sehr viel mehr zum Klingen, auch Heines „Rabbi von Bacharach“, als mancher ahnen mag, der die Geschichte nicht kennt. Nach Osten zum Rhein zogen Napoleons Truppen und auf seinen Befehl hin begann Oberst Tranchot mit Ingenieurgeographen der französischen Armee 1801 die topographische Aufnahme der linksrheinischen Gebiete. Nach dem Untergang des französischen Kaiserreichs wurde die Arbeit vom preußischen Oberst von Müffling fortgesetzt und bis 1828 auf rechtsrheinische Territorien erweitert. Es entstand ein heute noch beeindruckendes Kartenwerk von insgesamt 264 Einzelblättern.

Das 19. Jahrhundert kann in seiner Bedeutung kaum überschätzt werden. Alle Errungenschaften und neuen Techniken des 20. Jahrhunderts sind ohne die Erfindungen und Entdeckungen des vorangegangenen nicht denkbar: Dampfmaschine, Auto, Telefon, Fotografie, elektrischer Strom und Flugzeug. Karl Marx (1818-1883), Engels (1820-1895), Charles Darwin (1809-1882), Nietzsche (1844-1900), Sigmund Freud (1856-1939), Ferdinand de Saussure (1857-1913, Wegbereiter der modernen Sprachwissenschaft) lebten im19. Jahrhundert, und auch Einstein (1879-1955) ist ja noch ein Kind desselbigen. Selbst der moderne Künstler schlechthin, Pablo Picasso, kam bereits 1881, im gleichen Jahr wie meine Urgroßmutter, zur Welt. Sie starb 1961 und ihre Beerdigung habe ich in einigen meiner Romane gewürdigt.

Alle europäischen Nationalstaaten begannen im 19. Jahrhundert ihr heutiges Gesicht anzunehmen. Die frühe Verbreitung unserer bürgerlichen Rechte ist weitestgehend den Eroberungszügen Napoleons zu danken. Dieses Jahrhundert markiert auch den Übergang von einer ständisch geordneten Gesellschaft der Vergangenheit zur bürgerlichen, wie wir sie heute in etwa kennen.

Meine erste Begegnung mit den beiden Landvermessern liegt viele Jahre zurück, ich war mit dem Mountain-Bike auf der Montabaurer Höhe unterwegs und fand an dem trigonometrischen Punkt eine Schautafel, die auf das Kartenwerk Tranchots und von Müfflings verwies. Mich überraschte vor allem, auf diesen Karten schon die Gemarkungsnamen zu finden, die ich als Bezeichnungen meiner Abenteuerspielplätze aus der Kindheit kannte: Auf dem Hannarsch, Forsch (heute „Auf dem Forst“, frz. forêt, Forst, Wald). Auf der Montabaurer Höhe haben heute die Deutsche Telekom und ein Mobilfunkbetreiber ihre Fernmeldestangen in den Himmel getrieben. Und schaut man von hier in die vier Himmelsrichtungen, in die Eifel, den Hunsrück und den Westerwald so weit man blicken kann, wird man an den alten trigonometrischen Punkten, die schon vor zwei Jahrhunderten von den beiden Landvermessern genutzt wurden und vor fast zwei Jahrtausenden zumindest teilweise von den Römern, eben solche Türme in der Ferne erkennen.

Natürlich lag für Goethe der Osten nicht da, wo er für Napoleon lag, denn Goethes Frankfurt und erst recht Weimar sind im Osten von Frankreich, womit ein wichtiges Thema dieser Abhandlung schon angedeutet ist, welchen subjektiven und politisch-weltanschaulichen Maßgaben so scheinbar objektive Begriffe wie die Himmelsrichtungen oder „maßstabsgetreue“ Abbildungen unterliegen. Von China aus gesehen liegen die USA im Osten, hinter dem großen Teich. Interessantes Phänomen: Die Kulturlosen, Barbaren und Schurken, in vielen Filmen e. g., kommen aus dem Osten, Mongolei, Sowjet-Union, China. Für viele Franzosen sind wir Deutschen schon östliche Barbaren. Und für uns Westdeutsche waren eine Zeit lang die Ostdeutschen nicht auf dem westlichen Zivilistationsstand (für manche sind sie es immer noch nicht). Konrad Adenauer, erster Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, zog hinter der Elbe die Vorhänge in seinem Salon-Wagen zu, weil er die „eurasische Steppe“ nicht sehen wollte.

Die Kartographie wird also Thema sein und die beiden Kartographen, die politischen Kräfte, die beide vertreten haben, das Napoleonische Kaiserreich und das Wilhelminische Preußen. Der Anfang des 19. Jahrhunderts, eine unglaublich wichtige Zeit, in der, wie man sehen wird, alle wesentlichen Elemente eines Europas des 21. Jahrhunderts bereits im Entstehen begriffen waren und um dessen Konturen auf vielen Schlachtfeldern, im wörtlichen Sinne, blutig gekämpft wurde.

1818-1837 verfassten die Brüder Grimm die erste wissenschaftliche „Deutsche Grammatik“ (DG), später das „Deutsche Wörterbuch“ (DW, cf. die immer aktuelle Diskussion um Rechtschreibreformen). In dieser Abhandlung erlauben sich mindestens dreihundert Jahre Rechtschreibung ein Stelldichein. Was das Gedankengut der Romantik uns Heutigen näher bringen kann, wird aufzuzeigen sein. Und es dürfte kein Zufall sein, dass sich die historischen Daten der Vermessung, 1801-1828, im Wesentlichen mit denen der Romantik decken: 1789-1804 Frühromantik, 1804-1815 die Hochromantik und 1815-1830 die Spätromantik2. Figuren wie Johann Georg Forster, der zum einen im Zusammenhang mit der Mainzer Republik in der Nachfolge der Französischen Revolution zu sehen ist, der zum anderen an Cooks Expeditionen in die Welt teilnahm, zeigt, wie weit man die Koordinaten zu stecken bereit war. Und ein Leben in Europa war es für ihn: 1754 geboren in Nassenhuben bei Danzig, heute Mokry Dwór in Polen, 1765 erste Forschungsreise nach Russland, er war dort an kartographischen (!) Studien beteiligt, 1766 Übersiedelung nach London, 1772 Weltumsegelung mit James Cook; seine wissenschaftlichen Veröffentlichungen brachten ihm Ehrungen in ganz Europa ein (London, Berlin, Madrid). 1778 Rückkehr nach Deutschland, 1784 Professor im polnischen Wilna, 1788 nach Mainz, 1790 ausgedehnte Reisen mit Alexander von Humboldt, 1793 aktive Teilnahme an der Gründung der Mainzer Republik, 1794 Tod in Paris. Und das nur nebenbei: Er war auch dreifacher Familienvater, seine Ehe soll aber, diese Formulierung findet man immer wieder in Biographien, „nicht glücklich gewesen sein“. Ganz schön viel Leben für vierzig Jahre.

Etwas älter wurde dagegen Frau Oberst Engel (1761-1853), die nicht viel weniger herumgekommen ist in Europa und der Welt3, es aber dennoch auf immerhin 21 (einundzwanzig) Geburten brachte. Während auf dem einen Schlachtfeld schon die ersten ihrer erwachsenen Kinder fielen, brachte sie auf anderen noch neue zur Welt. Und in Ägypten, wo sie Zwillinge gebar, so schreibt sie in ihren Memoiren, „kleidete ich mich in Uniform und kommandirte einen dieser Posten als Lieutenant; (...) Wir hatten 17 Mann von einem anderen Regiment bei uns, die ihren Dienst sehr schlecht versahen und immer betrunken waren; ich ließ sie entwaffnen, und für 2 Tage in Arrest setzen. Die Offiziers unsers Regiments rühmten meine militärische Haltung und meine vollen Schweizer-Waden gar sehr. Selbst Bonaparte und Kleber sollen gelacht und gewünscht haben, daß sie mich gesehen hätten. Ersterer genoß diese Freude mehrmals.“ (S. Seite 36 ff.)

Die so präzise Phaseneinteilung eines Phänomens der geistigen Sphäre mag verblüffen, ebenso die Kürze der Romantik selbst. Wer heute von unserer Zeit als einer hektischen spricht, in der sich alles mit wahnwitziger Geschwindigkeit ändere, mag sich vor Augen halten, dass wir seit mehr als fünfzig Jahren, einem halben Jahrhundert, in äußerst stabilen politischen, sozialen und wirtschaftlichen Verhältnissen leben, von denen die Romantiker nur träumen konnten.

Ich darf auf eine Internationale Tagung verweisen, auf die ich leider erst im Nachhinein aufmerksam geworden bin, die im Oktober 2004 in München stattfand unter dem Motto „Räume der Romantik“ (Stiftung für Romantikforschung), und aus dem Programm zitieren: „Raum und Zeit sind als Formen der Anschauung seit Kants Transzendentalphilosophie in ihrer Konstruktion und Konzeption auf die Problematik der Wahrnehmung und der an diese gekoppelten Herstellung des modernen Subjekts – seit der Französischen Revolution – ausgerichtet.

Die Epoche der beginnenden Romantik ist eine Zeit heftiger Virulenz im Feld der Auffassung von der Wahrnehmung der Welt und deren poetischer wie wissenschaftlicher Fundierung. Man hat in der literaturwissenschaftlichen Forschung seit den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Frage nach dem neu gefassten Zeitverständnis zu klären gesucht. Und man hat seit den 80er Jahren zunehmend auch die Frage nach der sich neu bildenden Raumerfahrung in den Mittelpunkt gestellt – beides aber fast ausschließlich unter phänomenologischem Vorzeichen.

Gegenstand der geplanten Tagung soll das Paradox sein, dass die Romantik die durch die Aufklärung geschaffene Raumordnung der Zentralperspektive und der panoramischen Enzyklopädie als einer doppelten Vernunftordnung in einem Akt der Aneignung und Überbietung hybridisiert, ja umstülpt. Dabei wird es darauf ankommen, an gut gewählten literarischen Beispielen den Bezug zur Kunstgeschichte, zur Philosophie und zur Naturwissenschaft, ja vielleicht zur Kameralwissenschaft herzustellen und damit ein differenziertes Bild der spezifischen kulturellen Topographie zu liefern.“

Ich betrete also kein Neuland, ich fokussiere lediglich, indem ich mich über die Romantik, die allgemeine geistige Atmosphäre, und die Kunst der Vermessung den beiden Hauptfiguren nähere, den Landvermessern Tranchot und von Müffling nämlich, in eben jener Zeit an jenem Ort, den Rheinlanden. Hierzu stand mir kein akademischer Forschungsapparat zur Verfügung, mit dem ich völlig neues Quellenmaterial hätte erschließen können. Auswahl, Anordnung und Anschauung bekannter Ressourcen können dennoch, so hoffe ich, übersehene Aspekte und neue Einsichten ermöglichen.

Klaus-Dieter Regenbrecht, Koblenz 2006

Abbildung: Ein Ausschnitt der Tabula Peutingeriana4 (Konrad Millers Version von 1887). Diese Straßenkarte stammt von Konrad Peutinger, der von 1465 bis 1547 lebte. Die Karte gehört zum UNESCO-Weltdokumentenerbe und zeigt das spätrömische Straßennetz von den Britischen Inseln über den Nahen Osten bis nach Indien und China. Die Karte geht über karolingische auf römische Karten zurück, und zeigte Reisenden, wo Städte waren oder auch Haltestationen auf Tagesetappen, wenn man mit Pferden unterwegs war.

2 Manche Quellen datieren das Ende der Spätromantik auf 1848. Derlei präzise Epochisierungen könnten weniger die Realität spiegeln als den Wunsch von Forschung und Lehre nach abfragbarem Stoff; sie sind auch ein Versuch, inhaltlich und formal Verschiedenes historisch gleichzeitig werden zu lassen.

3 Sloterdijk schreibt „(...) daß die Weltverhältnisse um 1900 – vor den nationalistischen Regressionen des 20. Jahrhunderts – in vielen Hinsichten offener und globaler waren als jene um 2000“ – Ergebnis der munteren Reisetätigkeiten im 19. Jahrhundert also.

4https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=12530, Gemeinfrei, aufgerufen am 4. Mai 2018. Von unkwon – Bibliotheca Augustana with permissions.

Teil 1: Kartographische Korrekturen

Die politischen, Wirren, Koalitionen, Kriege und Frieden in Europa von der Französischen (1789) zur Deutschen Revolution (1848)

Die bunte Vielfalt auf dem Kartenausschnitt5, den wir heute als das Gebiet der Bundesrepublik Deutschland kennen, könnte vielleicht verspielte Diversität suggerieren, zeigt jedoch vor allem das Dilemma von Kleinstaaterei, Grenzwillkür und den Irrsinn von Zöllen und Zwistigkeiten auf engstem Raum.

Zum einen zeigt sich hier schon eindringlich, dass Karten niemals reine Abbildung, sondern immer Zuordnung, Klassifizierung und damit auch Bewertung sind. Zum anderen sieht man leicht, unter Hinzunahme der Karten, welche die Entwicklung der nachfolgenden Jahrzehnte veranschaulichen, wie rasant sich die Grenzen verändert haben. Das gilt nicht nur für den Bereich des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, von dem Carl Ludwig Börne sagte, es sei weder heilig, noch römisch, noch Reich. Manche Quellen legen diese Äußerung Voltaire in den Mund.

Nehmen wir die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, so hat sich in den rund sieben Jahrzehnten ihrer Existenz das Kartenbild 1957 geändert, als das Saarland, und 1990, als die DDR der Bundesrepublik beitraten. Von 1789 bis etwa 1850, also in nur sechs Jahrzehnten, hat sich Frankreich vom Königreich zur Republik, von der Republik zum Kaiserreich und vom Kaiserreich wieder zum Königreich, vom Königreich erneut zur Republik und zum Kaiserreich gewandelt. Damit war bekanntlich längst nicht Schluss und die Übergänge waren alles andere als demokratisch und unter humanitären Gesichtspunkten geregelt.

Unter der Herrschaft Napoleons (1804-1815) sah Europa nicht nur neu geordnet, sondern wesentlich aufgeräumter aus6, wobei auch hier wieder anzumerken ist, dass das ordentliche Kartenbild die Welt nicht so zeigt, wie Menschen im Département de Rhin-et-Moselle oder im Rheinbund ihre Welt empfunden haben. Ganz im Gegenteil, alle diese Veränderungen waren mit Revolutionen und Kriegen verbunden, vor allem im Rheinland zogen in der Zeit der Romantik die unterschiedlichsten Truppen hin und her.

Auf Seite 22 sieht man sehr schön, wie bunt sich dieser Streifen Mitteleuropas bis zur Französischen Revolution 1789 darstellt. Die zweite Karte7 (oben) zeigt den Zustand vor dem Wiener Kongress 1815, also zur Zeit Napoleons. Linksrheinische Gebiete, so auch das Département de Rhin-et-Moselle, gehören zum Kaiserreich Frankreich. Auf dieser Seite ist der Zustand nach dem Wiener Kongress dargestellt. Auch hier sieht man sehr deutlich, dass weder Preußen noch Bayern über zusammenhängende Staatsgebiete verfügen. Sowohl die preußische Rheinprovinz als auch die bayerische Pfalz sind Exklaven.

Ab Seite 26 versuche ich, die historischen Daten in politischer Hinsicht den Lebens- und Schaffensdaten vier Dichtern der Zeit zuzuordnen: Goethe (G), Friedrich Schlegel (S), Heine (He) und E.T.A. Hoffmann (Ho).

In der linken Spalte habe ich außerdem einige Lebensdaten der Frau Oberst Engel (Re), der beiden Landvermesser Tranchot und von Müffling eingefügt und drei Expeditionen Alexander von Humboldts (AH) vermerkt.

Der Sinn dieser tabellarischen Gegenüberstellung ist folgender: Eine anschauliche Präsentation von Daten aus unterschiedlichen Bereichen und ihre Parallelität. Natürlich wissen wir aus der Geschichte, dass dort diese und hier jene Schlacht stattfand; wir wissen aus den Biografien, wer wen getroffen hat und wann jenes Werk unter welchen Umständen entstanden ist.

Ich finde es sehr verblüffend, wie munter die Menschen bei allem Schlachtengetümmel, bei allen Revolutionen und bei allen Grenzverschiebungen gereist sind und fast unbeeindruckt ihrer Arbeit nachgingen. In der Auflistung gibt es genügend weißen Raum, um Rückschlüsse zu nachfolgenden Kapiteln sowie eigene Ergänzungen einzufügen, denn das Ganze soll nur sehr grobes Raster bieten.

5 S. nächste Seite.

6 S. nächste Seite.

7 Alle drei Karten habe ich ausschnittsweise dem „Putzger Historischer Weltatlas“ entnommen.

1752

Tranchot wird geboren.

1749

Johann Wolfgang (G)oethe in Frankfurt am Main geboren.

1761

(Re)gula Egli geboren; verheiratete und verwitwete Engel.

1765-1768

(G) Jurastudium in Leipzig.

1769

Geburt Napoleons in Ajaccio, Korsika.

1770-1771

(G) Studium in Straßburg. Bekanntschaft mit Herder, Lenz und Friederike Brion, in die er sich verliebt.

1771-1772

(G) Arbeit als Advokat in Frankfurt und Wetzlar, Praktikant am Reichskammergericht. Liebe zu Charlotte Buff; „Götz von Berlichingen“, Beginn des Urfaust (

1775

).

1772

(S)chlegel in Hannover geboren.

1773

(G) trifft Maximiliane von Brentano, geb. Laroche.

1775

Karl von Müffling wird geboren.

1775

(G) Frankfurt, Begegnung mit Carl August von Sachsen -Weimar-Eisenach

8

, „Clavigo“ (1774), „Die Leiden des jungen Werther“ (

1773

). Reise in die Schweiz, Besuch bei Lavater in Zürich.

1776

(G) Geheimer Legationsrat. Studien über Natur, Botanik und Geologie. „Wanderers Nachtlied“.

E.T.A. (Ho)ffmann in Königsberg geboren.

1779

(G) Zweite Reise in die Schweiz. Minister in Weimar, Direktion der Weimarischen Kriegs- und Wegebaukommission.

1782

(G) in Adelsstand erhoben, zum Kammerpräsidenten ernannt.

1784

(G) entdeckt den Zwischenkieferknochen.

1785

(G) Botanische Studien.

1786-1788

(G) Karlsbad, München, Venedig, Rom, Neapel, Sizilien.

1787

(G) „Egmont“ und „Iphigenie auf Tauris“.

1788

(G) Rückkehr nach Weimar, Bruch mit Charlotte von Stein; Christiane Vulpius. Freundschaft zu Wilhelm von Humboldt. Arbeit am „Faust“. Goethe lässt sich von allen Regierungsgeschäften entlasten. Begegnet Schiller.

1789

Sturm auf die Bastille, Beginn der Französischen Revolution. Reise an den Rhein, Geländestudien am Unkeler Stein (Basalt, AH).

1789

(G) Sohn August. Vollendung „Torquato Tasso“.

1790 „

Mineralogische Beobachtungen über einige Basalte am

1790

(S) Jurastudium Uni Göttingen.

Rhein mit vorangeschickten, zerstreuten Bemerkungen über den Basalt der altern und neuern Schriftsteller“ (AH).

1791

(G) Leitung des Weimarer Hoftheaters (bis

1817

). Aufführung von Werken Schillers, Shakespeares, Lessings, Schlegels, Voltaires u.a. Arbeit am „Wilhelm Meister“.

1793

Hinrichtung König Ludwigs XVI. Beitritt Großbritanniens, Spaniens, Portugals und der meisten deutschen und

1792

(S) nach Leipzig, lernt Novalis kennen. (G) Teilnahme am Feldzug gegen Frankreich. (Ho) Jurastudium in Königsberg.

italienischen Staaten zur Koalition gegen Frankreich.

1794

(S) Umzug nach Dresden.

1795

(G) Bände 1 und 2 „Wilhelm Meisters Lehrjahre“.

1796

Bonaparte wird Befehlshaber der Italienarmee.

1796

(G) Bände 3 und 4 „Wilhelm Meisters Lehrjahre“. (S) Umzug nach Jena.

1797

Schlacht bei Rivoli. Sieg Bonapartes gegen die Österreicher im Italienfeldzug. Vorfrieden von Leoben zwischen Österreich und Frankreich. Friede von Campo Formio Napoleons mit Kaiser Franz II.

1797

(G) Dritte Reise in die Schweiz. (He)ine in Düsseldorf geboren.

1798

Frankreich annektiert die linksrheinischen Gebiete des Heiligen Römischen Reiches.

1798

(G) Mit Schillers „Wallenstein“ Einweihung des neuen Theaters; klassische Epoche des Weimarer Theaters beginnt. (Ho) besteht 2.

1798-1801

Napoleons Ägyptenfeldzug; (Re) zeitweise dabei.

Staatsexamen, „vorzüglich“. (S) gibt mit seinem Bruder die Zeitschrift „Athenaeum“ heraus (bis

1800

).

1799-1804

Expedition nach Amerika (AH).

1799

(S) „Lucinde“.

1801

Friedensschluss mit Österreich in Lunéville. Napoleons Krönung zum Kaiser der Franzosen. Tranchot beginnt mit der Vermessung der linksrheinischen Gebiete (bis

1814

).

1800

(Ho) 3. Staatsexamen, Versetzung nach Posen (Polen); erste Aufführung eines seiner musikalischen Werke. (S) Habilitation ohne Anstellung; Reise über Berlin, Dresden und Leipzig nach Paris, studiert deutsche Literatur und Philosophie; Sanskritstudien.

1802

Friedensschluss mit England in Amiens.

1804

Einführung des Code Civil.

1804

(G) gründet die „Jenaische Allgemeine Literatur Zeitung“.

1805

Tod Schillers. (G) verfasst einen Epilog auf Schillers Glocke.

1806

Errichtung des Rheinbundes; Sieg Napoleons bei Jena und Auerstedt.

1806

(G) „Faust I“; Heirat mit Christiane Vulpius. Jährliche Sommerurlaube in Karlsbad (bis

1819

). (Ho) Franzosen in Warschau; Enthebung des preußischen Beamten.

1807

Frieden von Tilsit.

1807

(G) Arbeit an „Wilhelm Meisters Wanderjahre“; Begegnung mit Minna Herzlieb.

1808

(G) Mutter stirbt. Begegnung mit Napoleon auf dem Erfurter Fürstentag. (Ho) Umzug nach Bamberg; Einstellung als Musikdirektor.

1809

(Ho) „Ritter Gluck“. (S) Hofsekretär in Wien.

1810

(G) Farbenlehre erscheint. (Ho) Zum Direktionsgehilfen, Dramaturgen und Dekorationsmaler degradiert: Umzug nach Dresden/Leipzig.

1812

Napoleons Niederlage im Russlandfeldzug, Rückkehr nach Frankreich.

1811

(G) vollendet „Dichtung und Wahrheit“ (4 Teile). (He) erlebt Napoleons Einzug in Düsseldorf.

1813

Kriegserklärung Preußens an Frankreich. Völkerschlacht bei Leipzig, Vertreibung der französischen Truppen aus Deutschland.

1814-1815

Wiener Kongress unter Leitung Fürst von Metternichs mit Vertretern von etwa 200 Staaten, Städten und Herrschaften. Gründung des Deutschen Bundes (ein Staatenbund mit 35 souveränen Fürsten und vier freien Städten) mit der „Deutschen Bundesakte“ als Grundgesetz; unter Führung Österreichs. Napoleons Verbannung auf Elba, (Re) und ihr Mann sind bei ihm. Niederlage Napoleons gegen die Koalitionsarmeen Blüchers und Wellingtons bei Waterloo, Ende der Herrschaft der „Hundert Tage“.

1814

(G) Reisen an den Rhein. Liebe zu Marianne von Willemer. (Ho) Rückkehr nach Berlin. (S) Als Diplomat und Journalist Teilnahme am Wiener Kongress.

1815

(Re) Schlacht von Waterloo. Tranchot stirbt. Der Preuße von Müffling führt die Arbeit Tranchots bis

1828

fort.

1815

(G) Erster Minister. U.a. Oberaufsicht über die Anstalten für Kunst und Wissenschaft. (S) bis 1818 Österreichischer Legationsrat am Frankfurter Bundestag.

1816

(Ho) Ernennung zum Kammergerichtspräsidenten; Uraufführung seiner Oper „Undine“, „Elixiere des Teufels“.

1818

Karl Marx wird in Trier geboren (mütterlicherseits mit Heinrich Heine verwandt).

1817

(G)

Die Italienische Reise“ (2 Teile) erscheint; legt Leitung des Weimarer Hoftheaters nieder.

1819

„Karlsbader Beschlüsse“; Maßnahmen gegen „demagogische Umtriebe“, Überwachung der Universitäten, verschärfte Zensur, Bekämpfung der Nationalen und Liberalen Bewegung im Deutschen Bund; gültig bis 1848.

1819

(G) „Der West-östliche Divan“. (He) Jurastudium in Bonn; (S) begleitet Kaiser Franz II und Metternich als Kunstsachverständiger auf einer Italienreise; mit dabei Brentano.

1820

(Ho) „Prinzessin Brambilla“.

1821

(Re) Nach Rückkehr aus den USA: erste Version ihrer Memoiren erscheint.

1821

(G) Eckermann wird als Sekretär eingestellt. Erste Fassung „Wilhelm Meisters Wanderjahre“. (He) wechselt an die Uni Göttingen. Bis

1823

Studium in Berlin bei Hegel. (Ho) „Das Fräulein von Scuderi“.

1822

(Ho) „Meister Floh“; er stirbt.

1823

(G) macht der achtzehnjährigen Ulrike von Levetzow den Hof, „Marienbader Elegie“.

1824

(He) 33 Gedichte, darunter die „Loreley“.

1825

(He) Promotion in Jura,

Göttingen.

1826

(He) „Reisebilder“.

1828

Herzog Carl August stirbt. Expedition durch Russland (AH).

1829

„Faust I“ Uraufführung in Braunschweig. (S) stirbt in Dresden.

1830

Julirevolution in Frankreich; Herzog Louis Philippe von Orléans neuer „Bürgerkönig“. Revolutionen in Belgien, der Schweiz, den mitteldeutschen Staaten, Polen

1830

(G) Sohn August stirbt in Rom.

und Mittelitalien.

1831

(G) „Faust, der Tragödie Zweiter Teil“. (He) Übersiedlung nach Paris.

1832

Hambacher Fest.

1832

(G) stirbt in Weimar.

1833

Erstürmung der Frankfurter Hauptwache durch Burschenschaftler und Bürger.

1835

(He)s Schriften werden in

1837

König Ernst August von Sachsen hebt die hannoversche Verfassung auf. Protest der „Göttinger Sieben“ gegen die Aufhebung.

Deutschland verboten.

1839-1841

Orientalische Krise. Krieg zwischen der Türkei und Ägypten, dabei Unterstützung Ägyptens durch Frankreich und Unterstützung der Türkei durch England, Österreich, Preußen und Russland. Nach Verständigung zwischen England, Rußland,

Österreich und Preußen Ausschaltung und diplomatische Niederlage Frankreichs und Forderung des Ministerpräsidenten Thiers, als „Ablenkungsmanöver“ das linke Rheinufer zu annektieren.

1840

Friedrich Wilhelm IV wird König von Preußen.

1840

(He) „Der Rabbi von Bacharach“.

1841

Hoffmann von Fallersleben dichtet auf Helgoland das „Lied der Deutschen“. Karl Marx veröffentlicht im Athenäum zwei Gedichte.

1844

Aufstand der schlesischen Weber.

1844

(He) „Deutschland. Ein Wintermärchen“.

1847

Der Vereinigte Landtag in Preußen wird eröffnet.

1848

Februar-Revolution in Frankreich. Übergreifen der Revolution auf Deutschland. Heidelberger Versammlung: Opposition beschließt Einberufung eines „Vorparlaments“ nach Frankfurt. Revolution in Wien. Sturz Metternichs. Revolutionskämpfe in Berlin. Friedrich Wilhelm IV.: Proklamation „An meine lieben Berliner!“ Proklamation des preußischen Königs „An mein Volk und an die deutsche Nation!“ Versprechen, Preußen zu einem liberalen Verfassungsstaat auszubauen.

Beratungen des Vorparlaments in Frankfurt. Einberufung einer verfassungsgebenden Versammlung nach Frankfurt. Republikanische Erhebung unter Struve und Hecker in Baden. Eröffnung der Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Ausrufung der „Deutschen Republik“ durch Gustav von Struve in Lörrach. Verfassungsberatungen in der Paulskirche.

1849

Annahme der Reichsverfassung durch die Nationalversammlung in Frankfurt.

1851

von Müffling stirbt.

1853

(Re) stirbt in Zürich.

1856

(He) stirbt in Paris.

„Aus der Ferne einer späteren Zeit erscheinen die Jahre zwischen 1789 und 1804, als sich Napoleon zum Kaiser krönte, wie ein großer historischer Augenblick, für die Zeitgenossen aber war es ein langwieriger, verwickelter Prozeß. Regierungsformen lösten sich ab, von der absoluten zur konstitutionellen und dann zur parlamentarischen Demokratie, die ihrerseits überging in die jakobinische Diktatur; es folgte das autoritäre ›Direktorium‹ und schließlich die napoleonische Kaiserherrschaft, die restaurative und revolutionäre Elemente verband. Dazwischen die Hinrichtung des Königs, Terror, Kriege, die sowohl Errungenschaften wie Schrecken der Revolution nach Deutschland trugen.“ (RedA9, Seite 30)

Die Auswirkungen auf Deutschland, das ja im Gegensatz zu Frankreich nur ein loser Staatenverbund war, sind, vor allem wenn man den Zeitraum bis 1848 ausdehnt, eher noch gravierender: „Binnen weniger Jahre brach die alte Staatenordnung zusammen, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation versank, es bildete sich in Deutschland ein neues Staatensystem heraus: regierende Häuser wurden von Napoleon entmachtet, mediatisiert, in den Rheinbundstaaten wurde das bürgerliche Gesetzbuch des napoleonischen Frankreich eingeführt.“ (RedA, Seite 31)

Es gab auch viele Kuriosa, von denen ich wenigstens eine erwähnen will: „Zu jener Zeit gibt es an der Nahe eine Staatsgrenze mit Zoll, Kontrollen und allen Schikanen. Ebernburg gehört zur Pfalz und damit zum Königreich Bayern, Münster dagegen zur Rheinprovinz des Königreichs Preußen – Grenzen, wie sie der Wiener Kongress 1815 geschaffen hatte, so absurd sie den Einheimischen auch vorgekommen sein mögen. Die Münsterer sind „Sau-Preiß’n“, die Ebernburger „Bazis“. Die Nahe wird für fast 150 Jahre zum Weißwurst-Äquator – bis 1945. Alle müssen diese Grenzen respektieren – samt der Kuriositäten. So gibt es im Huttental gegenüber von Bad Münster, als das dortige Restaurant noch nicht abgebrannt war, einen Tisch, auf dem die bayrisch-preußische Grenze markiert ist.“10

8 Großvater der späteren Kaiserin Augusta.

9 Rüdiger Safranski, Romantik – Eine deutsche Affäre.

10http://www.allgemeine-zeitung.de/lokales/bad-kreuznach/landkreisbad-kreuznach/zoelle-schmuggel-und-schikanen-im-drei-laendereck-zwischen-preussen-bayern-und-hessen_16760606.htm, aufgerufen am 18. April 2018.

Frau Oberst Engel

„Die Sonne stand hoch am Firmament über den wallonischen Dörfchen Braine-l’Alleud und Plancenoit zu Fuße des Mont Saint Jean, welche zu der Zeit der verheerenden Schlacht am Sonntag, dem 18. Juni 1815, zum Vereinigten Königreich der Niederlande gehörten, aber der Boden war noch weich und glitschig von den ergiebigen Regengüssen der vergangenen Nacht, so dass Pferde, Fuhrwerke und Fußtruppen, Kanonen und die schweren Geschütze tief in den schlammigen Untergrund einsanken, in dem bald auch Rinnsale von Blut, Schweiß und Tränen flossen, nicht nur der kämpfenden Soldaten und Söldner, sondern auch einer Frau und eines Kindes, denn das wetterbedingte Zaudern hatte den gegen Napoleon Bonaparte aufmarschierten Truppen Blüchers und Wellingtons den heimlich und ganz ohne klingendes Spiel vollzogenen Zusammenschluss ermöglicht, und damit das Ende des französischen Generals und Kaisers besiegelt, der sich nicht einmal auf sein Pferd schwingen konnte, plagten ihn angeblich doch Hämorrhoiden. Blüchers Truppen waren überhaupt erst nach Eröffnung der Schlacht dazugestoßen.

Auch Frau Regula Engel, geborene Egli, hatte sich in die Schlacht geworfen, mit ihrem Manne und zweien ihrer Söhne, Florian und Joseph. Frau Regula Engel war gekleidet in die Offiziersuniform der napoleonischen Truppen, die der ins Exil auf Elba verbannte Kaiser auf seinem Weg zurück an die Macht von Cannes über Grenoble, Lyon und schließlich Paris wieder hinter sich gebracht hatte. Die Heere Wellingtons, die nicht nur aus Engländern, Schotten und Walisern bestanden, sondern auch aus niederländischen, hannoverschen, braunschweigischen und nassauischen Einheiten, kämpften zunächst alleine gegen die Soldaten Napoleons.

Frau Oberst musste mit ansehen, wie ihr Mann fiel; von Sohn Florians Tod erfuhr sie erst nach der Schlacht. Die Wellington‘sche Kavallerie sprengte in die französischen Reihen und schuf so Platz für die Grenadiere, deren Kugeln auch den zehnjährigen Joseph trafen; Regula musste mit ansehen, wie der Kopfschuss Auge und Gehirn zerschmetterte.

Voll blinder Wut schoss sie auf einen englischen Reiter, traf ihn im Gesicht direkt unter der Nase in der Oberlippe. Aber noch bevor sie die zweite Pistole abfeuern konnte, wurde diese ihr entrissen und auf sie selbst gerichtet. Der Schuss durchbohrte ihren Hals. Sie ergab sich. Dennoch versetzte ihr ein Grenadier einen Stich mit dem Bajonett in die Seite. Sie war doppelt verwundet, hatte den dreifachen Verlust von Mann und zwei Söhnen hinnehmen müssen, da half es ihr kaum, dass der Grenadier, der sie mit dem Bajonett angegriffen hatte, obwohl sie sich ergeben hatte, gehängt wurde.“11

Erst im Lazarett stellte man überhaupt fest, dass sie eine Frau war: Frau Oberst Engel. Im Gegensatz zu vielen Romantikern wurde sie sehr alt, sie wurde 1761 geboren und starb 1853. Ich hatte mir schon beim ersten vergeblichen Versuch für diesen Essay ihre Autobiografie angeschafft: „Frau Oberst Engel – Memoiren einer Amazone aus Napoleonischer Zeit“ (Engel, Zürich 1992).

Ich habe ja bereits erwähnt, dass ich das Material des 2006 aufgegebenen Projektes für „Die Reisen des Johannes“ benutzt habe. Die Memoiren der Frau Oberst Engel wollte ich in einem historischen Roman verarbeiten. Mehr als Vorbereitungen für eine Recherchereise nach Belgien zum Mont Saint Jean und die oben zitierte Passage sind nicht dabei herausgekommen.

Bei meinem ersten Anlauf 2004 war zu ihr und zu Tranchot nichts im Internet zu finden; das ist heute, 24. April 2018, anders. Zu Jean Joseph Tranchot, Geograph in Napoleons Armee, gibt es einen Wikipedia-Eintrag auf Deutsch, Esperanto und Nederlands. Sein Beitrag zur Topographie der Rheinlande wird in Deutschland und den Niederlanden merkwürdigerweise höher eingeschätzt als in Frankreich12.

Man kann davon ausgehen, dass aktuelle Ereignisse und Themen von allgemeiner Bedeutung rasch ihren Niederschlag im www finden. Die Menschheit hat aber schon früher eine Menge Wissen in Büchern beispielsweise angehäuft, das nur dann Eingang in das neuere Medium findet, wenn es jemand für notwendig erachtet und sich die Mühe macht. Das Internet ist also ein subjektives und lückenhaftes Medium.

Ich beziehe mich hier auf die erwähnte Engel-Publikation von 1992, die „die «zweite verbesserte Auflage» von 1825 verwendet. Übernommen wurde der Text unverändert, also mit all seinen orthografischen, grammatikalischen und stilistischen Eigenwilligkeiten.“ (Engel, Seite 243) Fernerhin wird darauf hingewiesen, dass Frau Engel selbst nicht Tagebuch geführt hat, dass Familienangehörige bei der Abfassung mitgewirkt und dabei auch auf historische Quellen zurückgegriffen haben: «Die schweizerische Amazone. Abentheuer Reisen und Kriegszüge einer Schweizerin durch Frankreich, die Niederlande, Egypten, Spanien, Portugall und Deutschland mit der franz. Armee, unter Napoleon. Von ihr selbst geschrieben und herausgegeben von einem ihrer Anverwandten St. Gallen bey Huber u. Comp.»

Ich möchte den Inhalt ihrer Memoiren rekapitulieren, weil mir ihre Geschichte das wert zu sein scheint und weil sich an einem Einzelschicksal immer noch am besten veranschaulichen lässt, was politische Wirren in der Lebenswirklichkeit sind. Es ist sicher auch für die unruhige Zeit, die Gegenstand dieses Essays ist, keine normale Lebensgeschichte, in ihrer Einzigartigkeit ist Frau Engels Biographie dennoch typisch. Weil es aber nicht nur darum geht, was sie erlebt, sondern wie sie es erlebt und wie sie das empfindet und einschätzt, und auch darum, wie sie es darstellt, lasse ich sie selbst so oft wie möglich zu Wort kommen. Im besten Sinne des Wortes: Das spricht für sich selbst.

Regula Egli kommt am 5. März 1761 in Fluntern in der Schweiz zur Welt. Ihr Vater, der zuvor preußischer Offizier gewesen war, verlässt die Familie bald und Regula wächst bei ihrer Mutter und in einem Waisenhaus auf. Als sie gerade 17 ist, heiratet sie Florian Engel, einen Offizier der französischen Fremdenlegion und zwar in einem sogenannten Schweizer Fremdenregiment; ihn begleitet sie auf seinen Feldzügen. Sie schildert ihr Kennenlernen so: „Florian Engel von Langwies, Sergeant-Major unter dem Schweizer Regiment in französischen Diensten, war damals auf Urlaub im Lande, und stand in Zizers auf Werbung. Wir lernten ihn im Hause der Frau Oberst Jost kennen, und wenn ich meinen Lesern sage, daß er ein sehr schöner großer Mann war, den seine Uniform wohl kleidete, so werden sie mir leicht glauben, daß diese Erscheinung mir nicht halb so schrechlich seyn mußte, als jene des Capuziners bei Ragaz.“ (Engel, Seite 27)

In den Jahren 1779 bis 1783 zieht das Paar von Schlettstadt nach Korsika und nach Flandern; in dieser Zeit bekommt Regula vier Söhne und eine Tochter: „Uns traf es einstweilen in Arras zu bleiben, wo ich eine Tochter Anna Sophie Louise gebar. Indessen hatte mich die Reise aus Corsika nach Flandern ein wenig angegriffen und wenn ich Prinzessin gewesen wäre, würde mir gewiß mein Leibmedikus eine heilsame Kur vorgeschrieben haben.“ (Engel, Seite 29 f.)

Stattdessen reisen sie zurück nach Chur zu ihrer Mutter: „Man denke sich nun den Sergeant-Major mit seinem 22jährigen Weibchen und fünf Kindern, in der Hoffnung bald wieder eines zu sehen,“ (Engel, Seite 30).

Die Schwangerschaft führt zu einer Fehlgeburt und ihr Mann zieht allein in seine Garnison; 1786 reisen sie gemeinsam nach Lille, „wohin nun auch unser Bataillon verlegt worden war, und gleich, als ob ich das verlorne Kind zu ersetzen schuldig gewesen wäre, gebar ich Zwillinge – Simon und Heinrich.“

Sie schreibt weiter, dass in dem Jahr auch die Revolution in Holland beginnt, was zu Truppenbewegungen führt; sie aber bleibt in Lille. Es ist verblüffend, mit welcher Beiläufigkeit Regula Engel von ihren Geburten erzählt, manchmal von mehreren auf einer Seite. Die heranziehende Revolution erwähnt sie ganz lapidar: „Im Jahr 1788 fing es an, beinahe durch ganz Frankreich zu spuken. Die Flandrer waren nicht die letzten, die von dem Freiheits-Taumel ergriffen wurden.“ (Engel, Seite 31) Sie stellt dementsprechend fest, dass aufgrund von Desertationen, was sie mit bange machen der jungen adligen Offiziere umschreibt, Stellen frei werden, so dass auch ihr Mann zum Leutnant befördert wird.

Es folgen Truppenbewegungen und Geburten: „Mein kleiner Säugling Simon Heinrich starb mir zwischen Andernach und Bingen an der Brust. Ich wollte ihn im letztern Orte bestatten lassen, ein intoleranter Pfaffe aber verweigerte das Begräbniß auf dem geweihten Kirchhofe; ich ließ ihn also in Neuwied13 bei der evangelischen Brudergemeinde beerdigen“ (Engel, Seite 32). Noch waren die Pfaffen nicht vertrieben.

Aber bald darauf ist es so weit. 1793 ist ihr Mann beim Feldzug der Rheinarmee dabei: „In den aristokratischen Kantonen der Schweiz war man sehr böse auf die Offiziere zu sprechen, welche nach Abdankung der kapitulirten Regimenter in die Dienste der französischen Republik übertraten, und doch gab es so viele, die keine andere Resource und daher keine andere Wahl hatten und unter diesen befand sich auch mein Mann.“ (Engel, Seite 34)

Natürlich, ihr Mann hat sieben Kinder und eine Frau zu unterhalten, und alle zusammen gehen nun nach Paris, wo ihr Mann sogleich von Jakobinern festgenommen wird. Regula verfasst eine Bittschrift und händigt sie Robespierre persönlich aus, mit ihren Kindern an der Hand, und sie hat Erfolg: „Va, sagte er, porte cela au Clubb des Jacobins rue St. Madeleine, ton mari est libre!“ (Engel, Seite 36)

Es geht zunächst nach Holland, bis Breda, wo sie wieder Zwillinge bekommt, die aber nicht überleben. Mit der Rheinarmee geht es bis nach Straßburg. Schon im nächsten Jahr geht es wieder nach Holland, und sie bleiben eine Zeit lang dort, in Rotterdam.

1798 berichtet sie von einem Vorfall, der ihre vierjährige Tochter Catharina betrifft: „(…) da wir bei Unter-Engadin waren, von einem schändlichen Bösewicht, welcher Sergeant eines franz. Regiments war, auf einem Spaziergang, nachdem er die es leitende Magd ermordet hatte, entführt und an liederliches und schlechtes Gesindel verkauft, für welche Frevelthat er späterhin in Colmar den verdienten Lohn erhielt,“ (Engel, Seite 38). Nach vier Monaten haben sie ihr Kind aber wieder. Auch wenn sie schreibt, dass es ihre Sache nicht sei, „eine Kriegsgeschichte zu schreiben, sondern bloß meine eigenen Begebenheiten zu erzählen, so mag es hier genug seyn, anzuzeigen, daß wir in den Jahren 1794 und 1795 beinahe alle Städte von Holland, Seeland und Friesland berührten.“ (Engel, Seite 39)

Zuletzt sind sie in Bließlingen, Bergopzoom, dann geht es über Brüssel nach Paris, wo sie zur italienischen Armee Napoleons stoßen. Es folgen zwei Feldzüge gegen Italien und Österreich, sie ist zu der Zeit in Straßburg und muss feststellen, dass ihr geliebter Feldherr „sich bei seiner Durchreise durch die Schweiz nicht gar freundlich gegen meine Landsleute benommen habe.“ (Engel, Seite 39, Abb.: James Joyce Tower, Dublin, eigene Aufnahme)

Sie beobachtet, aufmerksam wie sie ist, dass im Land „immer neuere und größere Zurüstungen gemacht“ werden; man munkelt, Napoleon werde gegen England14 ziehen, aber es kommt anders, denn „später erst erwies es sich, daß die in tiefes Dunkel gehüllte Bestimmung derselben, das Wunder- und Fabelland Egypten gewesen war.“ (Engel, Seite 40)

Auf der gleichen Seite verkündet sie, dass ihr Mann „sein liebes Weibchen wieder bei sich haben [wollte], obgleich ich eine recht böse Sieben seyn konnte und ihm so wenig unterthänig sein wollte, daß er selbst oftmals nach meiner Pfeife tanzen mußte;“ sie ist eine selbstbewusste Frau, sie ist pragmatisch und „So sollte es aber, nach meiner Meinung, in allen Ehen seyn: wenn die Frau etwas begehrt oder thut, dürfte der Mann nie widersprechen, dann wäre der Segen in der Haushaltung und Friede im Lande.“ (Ebd.)

Im Text kommen einige literarische Mittel zum Einsatz. Sie hat ja schon reflektiert und konstatiert, dass sie keinen Kriegsbericht abliefert, sondern ihre persönliche Geschichte erzählt, und das geschieht immer wieder mit der direkten Ansprache an ihre Leser, die „wahrscheinlich fragen: Ob ich denn meine Kinder stets alle bei mir gehabt habe? Nein! Ich behielt immer nur das jüngste, die andern waren bei guten Freunden, gewöhnlich Schweizer-Familien untergebracht und so bald ein neues kam, brachten wir das vorhergegangene wieder eben so in Sicherheit.“ (Engel, Seite 41)

Wir sind immer noch im Jahr 1798, als die Armada von 200 Schiffen von Toulon aus in See sticht. Regula ist nicht die einzige Frau an Bord, mit ihr sind eine weitere Schweizerin und zwölf Französinnen als Begleiterinnen ihrer Männer dabei. Sie und ihr Mann haben Glück, so empfindet sie es, denn Bonaparte ist auf demselben Schiff wie sie: „Bonaparte war uns beiden besonders gewogen und pflegte auch wohl ein Späßchen mit mir zu haben.“ (Engel, Seite 43) Er ist Kaffeeliebhaber und schnupft gerne Tabak: „Will sie auch eine Prise, meine kleine Schweizerin?“ (Ebd.)

Zunächst wird Malta eingenommen und es geht weiter nach Alexandrien, wo Nelsons Flotte sie nur knapp verpasst. Bei der „Schlacht bei den Pyramiden“ wird das Mamelukenheer vernichtend geschlagen, aber es gibt natürlich auch auf französischer Seite Verluste: „Vielen unserer Leute wurde schon in den ersten zwei Tagen der Rückweg aus Egypten erspart.“ (Engel, Seite 44)

Der Vormarsch gegen Kairo erfolgt in drei Abteilungen, eine geführt von Napoleon selbst, die anderen beiden von Desaix und Kleber; während Kairo eingenommen wird, greift Nelson aber die vor Anker liegende Flotte an und schlägt sie: „Sieben große Schiffe verbrannte uns der böse Mann und machte durch diesen Tag alle Völker jubeln, die Frankreichs wachsende Größe mit scheelen Augen betrachteten.“ (Engel, Seite 45)

An dieser Stelle ruft sie sich selbst wieder in Erinnerung, dass sie ja keinen Kriegsbericht schreibe, dennoch bedauert sie den Umstand, dass Schweizer Soldaten unter verschiedenen Fahnen gekämpft haben und deshalb oft gegeneinander.

Sie setzt sich mit dem Koran auseinander; man trifft sich mit der „Gemahlin des Paschas“, auch wenn die Unterhaltung auf Gesten und Mimik beschränkt ist. Bezüglich Napoleon kann sie mitteilen: „So sagte man einst allgemein von ihm, daß er Mohamed verehre. Es war aber gewiß nichts weiter als eine nothgedrungene politische Maske, wie er den leichtgläubigen Türken vorschwazte, er verehre den Propheten des einigen Gottes und den Alcoran als sein Gesetz.“ (Engel, Seite 47) Sie besucht auch eine Moschee und findet die „feierliche Art stiller und doch gemeinsamer Gottesverehrung (…) weit besser, als das unsinnige und betäubende Geplärr in den jüdischen Synagogen.“ (Engel, Seite 48)

Die Pyramiden bekommt sie nicht zu sehen, da sie wieder hochschwanger ist. Sie scheint tatsächlich gläubig gewesen zu sein, denn als eine der anderen Frauen ein Kind bekommt, bedauert sie ausführlich, dass kein christlicher Priester da ist, der das Kind taufen könnte. Bei ihrem verstorbenen Säugling Heinrich macht sie sich ja auch die Mühe und reist nach Neuwied, um dort eine christliche Beerdigung zu ermöglichen.

Kurze Parallelisierung einiger Biographien 1798: Im April reist Alexander von Humboldt nach Paris zu seinem Bruder Wilhelm und dessen Frau Caroline. Alexander will seine Expedition vorbereiten, die ihn von 1799 bis 1804 von Teneriffa nach Süd-, Mittel- und Nordamerika führen wird. Brentano wechselt von Halle, Kameralistik, nach Jena, um dort Medizin zu studieren; von Arnim beginnt sein Studium in Halle, auch Schlegel hält sich zu der Zeit in Jena auf. Novalis studiert in Freiberg Bergwerkskunde und geht seine zweite Verlobung ein. E.T.A. Hoffmann legt sein zweites Staatsexamen ab. Heine ist gerade ein Jahr alt und Goethes Sohn August wird geboren. Man geht nach Paris, in die weite Welt oder zieht sich in den Osten zurück.

Das nächste Jahr, 1799, „war reich an wichtigsten Begebenheiten für uns.“ Die anrückenden Türken werden geschlagen und jeder Mann wird gebraucht: „Da kleidete ich mich in Uniform und kommandirte einen dieser Posten (...)“; ich habe diese Stelle bereits in der Einführung (Seite 17) zitiert.

Der Krieg ist grausam, aber sie ist auch da pragmatisch: „Man ergriff also gewiß das für sie heilsamste und wohlthätigste Mittel, gab ihnen Opium und schläferte sie ein. Ich weiß, daß diese Haltung als die unmenschlichste Barbarerei ausgeschrien worden ist, man muß aber Augenzeuge gewesen seyn, um darüber gerecht urtheilen zu können.“ Sie stellt einen Vergleich an und findet es weit schlimmer „mit kaltem Blute Städte anzuzünden und tausend im Wohlstand lebende Familien für sich, ihre Kinder und ganze Geschlechter unglücklich zu machen,“ (Engel, Seite 51 f.)

Sogleich erfolgt wieder ein Umschlag ins Religiöse, denn ihr „Gemüth [ward] mehr als von allen diesen kriegerischen Auftritten, von den heiligen Örtern ergriffen“ (Engel, Seite 52); sie besucht Jerusalem, Golgatha, Nazareth, Samaria, Betlehem: „ (...) die eigne Betrachtung dieser ewig denkwürdigen Plätze ist eine große Stütze meines Glaubens geworden.“ (Ebd.)

Auf der nächsten Seite schon gedenkt sie des Schicksals einer ihrer französischen Gefährtinnen, „ (...) die Opfer ihrer Ausschweifungen [wurde], und besonders hatte eine Pariserin, die eine wahre Menschenfreundin, im weitern Sinne war und weder Copten, weder Türken noch Mameluken und Franzosen verachtete, ein sehr tragisches Ende. Als ihre Galanterien bekannt wurden, ward sie niedergesäbelt, ihr Körper in lange Riemen zerschnitten und in‘s Wasser geworfen. Eine gute Manier die Frauen zu warnen ihre Männer nicht eifersüchtig zu machen!“ (Engel, Seite 53) Sie mochte eine Amazone gewesen sein, eine Frauenrechtlerin war sie sicher nicht. (Abb.: Jaques-Louis David, Napoleon überschreitet den Großen St. Bernhard-Paß, 180015)

Die französischen Truppen sind erheblich geschwächt und für manche geht es zurück nach Nizza, während es weitere Schlachten gibt, so die in Marengo, wo der Mann ihrer Tochter fällt: „mein Mann brauchte die Vorsicht, mich diese Schreckenspost nicht auf einmal wissen zu lassen; als aber unsere Tochter, die damals in Mailand war, von dem Tod ihres Gatten und der zwei lieben Brüder Nachricht erhielt, traf sie, in Folge des Schreckens, ein Schlagfluß, an welchem sie 14 Tage nachher starb und so kostete uns die Schlacht von Marengo vier liebe Kinder.“ (Engel, Seite 54)

Kaum hat sie ihre beiden in Ägypten zur Welt gekommenen Kinder im Engadin in Sicherheit gebracht, reist sie nach Marengo, um „ein Todtenopfer zu bringen“ (Engel, Seite 55) und reist dann weiter zu ihrem Mann bei Mantua, wo sie eine Frühgeburt hat; das Kind stirbt nach vier Tagen. Ihr Mann geht nach Paris, sie reist über Mailand und Splügen zu ihrer Mutter nach Chur, wo sie nur noch deren Grab besuchen kann.

1811, Regula ist 50 Jahre alt, bringt sie ihr 21. und letztes Kind in Paris zur Welt, Marie Louise; das Kind stirbt drei Jahre später während der Blockade Straßburgs. Zwischen 1800, der Schlacht bei Marengo, und 1811 hat sie weitere Schlachten in ganz Europa erlebt. Im gleichen Jahr hat Theodor Körner das Libretto zu der Oper „Die Bergknappen“ verfasst. Kleist erschießt sich im Stolper Loch, Hölderlin hat sich in seinen Turm zurückgezogen, die Brüder Grimm arbeiten an ihren Kinder- und Hausmärchen, Goethe schließt die Arbeit an „Dichtung und Wahrheit“ ab.

Wir gehen zehn Jahr zurück, 1801, 1802. Ihr Mann wird in Italien von den Österreichern gefangen genommen, während sie noch in der Schweiz ist. Bei seinem Regiment kann man nicht sagen, ob er Gefallener oder Gefangener ist. Praktisch wie sie ist, überlegt sie ohne langes Zögern, was sie anfangen kann, um zu überleben. Sie will Handel treiben: „Dieser Vorsatz gefiel meinen Gönnern, der Familie ****, ich bekam sogleich von solchen Waaren in Commission und fing an zu handeln, daß es eine Freude war.“ (Engel, Seite 57) Aber es geht schief, weil sie, wie sich dann herausstellt, die Waren unter ihrem Einkaufspreis verkauft hat.

Die Gönnerfamilie ist aber großzügig und lässt sie ziehen und zwar nach Paris, wo sie dann auch ihren Mannn in die Arme schließen kann, der durch einen Gefangenenaustausch freigekommen ist. Es geht weiter: „Der Friede mit England dauerte, wie man im Sprüchwort sagt, von eilf Uhr bis Mittag.“ (Engel, Seite 59)

In Boulogne rüstet man sich zur Landung in England; Regula spricht wieder direkt ihre Leser an: „Gewiß erwarten meine Leser auch wieder mal von einer Niederkunft zu hören, davon ich lange nichts mehr erzählen konnte; doch jetzt endlich brachte die gesunde Seeluft wieder einmal ein artiges Mädchen hervor, das wir Nanette hießen. Hier war übrigens recht ordertlich zu leben. Wir wurden täglich und stündlich von den bösen Engländern geneckt, wobei sie einmal so unartig waren uns zwei Schiffe zu verbrennen, was uns gar nicht gleichgültig seyn konnte.“ (Engel, Seite 59 f.)

Trotz ihrer Einlassung, nicht über Krieg und Politik schreiben zu wollen, schildert sie die Veränderungen in Frankreich, so auch den Tod General Pichegrüs, der vor seiner Hinrichtung auf der Guillotine erdrosselt aufgefunden wird, oder die Ermordung des Herzogs von Enghien.

1805 wird sie in der Schlacht von Austerlitz verletzt, sie erhält einen Säbelhieb auf den Kopf, „den ich zwar selbst kurirte, der aber jetzt noch fühlbar ist und mir zum bleibenden Denkmal der Schlacht bei Austerlitz dient.“ (Engel, Seite 63)

Da nun wieder ein Friede geschlossen wird und das Regiment ihres Mannes in Theresienstadt liegt, wo sie einen Knaben zur Welt bringt, bereisen sie Wien und „Presburg“, das heutige Bratislava und reisen durch Deutschland zurück nach Frankreich. Dort bleiben sie nicht lange, sondern es geht weiter nach Neapel.

Die Tatsache, dass die französischen Truppen wie alle anderen auch, sich an der Bevölkerung der besetzten Gebiete schadlos halten, stellt sie so dar: „Ich hatte das Glück bei einer deutschen Herrschaft einquartiert zu werden, auf welche Art es immer am wohlfeilsten zu leben war, denn ganz Europa wußte es bereits, daß die Franzosen nicht bloß pilgern, sondern daß sie auch Gäste auf Erden sein wollten.“ (Engel, Seite 65) In Rom besucht sie die Hl. Messe mit der Frau Gräfin, bei der sie einquartiert sind, und so erlebt sie einen „äußerst pompösen Akt“ im Petersdom.

Der Abschied kommt und die Gräfin beschenkt sie „mit einem kleinen Stilete im Elfenbein, das mit Schildkrot gefaßt und oben und unten mit Gold eingelegt war. Dies niedliche Mordinstrumentchen selbst hieng an einem feinen silbernen Kettchen an welchem sich ein noch niedlicheres Glöckchen befand, welches kleine Gewehr dann vorn an dem keuschen Busen getragen wird; wehe dem der sich nun an diese Schildwache wagen sollte!“ (Engel, Seite 67)

Bei der päpstlichen Schweizer Garde trifft sie sogar einen Vetter, der zum katholischen Glauben konvertiert war, um eben Gardist werden zu können. Weiter geht es, oder zurück, nach Deutschland, wo die Schlacht von Jena und Auerstedt ansteht. Sie nutzt die Gelegenheit zur Recherche in ihrer Familiengeschichte; ihr Vater ist in der preußischen Armee, und hartnäckig wie sie ist, findet sie ihn auch.

Die Russen eilen den Preußen zu Hilfe im Glauben, dass „wir schwachen Südländer keine Kälte ertragen möchten, wir belehrten sie aber den 26. Dezember bei Pultusk und den 8. Januar bei Preußisch-Eylau eines Andern.“ (Engel, Seite 71)

Dennoch ist sie natürlich froh, als es nach dem Frieden von Tilsit zurück nach Frankreich geht: „Wir gingen durch Preußen gegen Schlesien, passirten Breslau, einen Theil Sachsens, Frankenland und den Rhein und sahen uns Gottlob! endlich wieder in ein wärmeres Klima versetzt.“ (Engel, Seite 72)

Die französischen Truppen ziehen auf ihrem Weg auch durch Weimar, wo „Goethe nachts in seinem Haus am Frauenplan womöglich nur knapp – und dank der resoluten Christiane – dem Tod durch plündernde Soldaten entronnen ist.“16

Erst 1808 kommt es zu der Begegnung mit dem berühmt gewordenen Satz Napoleons „Voilà un homme!“

„Es war damals zu viel Prominenz beim großen Fürstenumtrieb in Erfurt. Vielleicht haben die Zeitgenossen deswegen das Zusammentreffen der zwei Heroen – der eine stand für Macht, der andere für Geist – noch nicht in ihrer ganzen Dimension erfasst. Wenig später aber war wohl allen klar, was sich da am Vormittag des 2. Oktober 1808 in Erfurt abgespielt hat: ein epochales Spektakel.

Zwei Männer, die jeder auf ihre Weise ihr Zeitalter geprägt haben, plauderten miteinander: über die französische Theaterkunst, über den Bestsellerroman, der die Geschichte des unglücklichen Werther erzählt, über Cäsar, über den Propheten Mohamed.“17

Als es um Portugal geht, sieht sie wieder Veranlassung, sich über Politik auszulassen: „ (...) ich bitte um Entschuldigung, wenn ich hier ein wenig zu politisieren anfange“ (Engel, Seite 73). Frankreich zieht gemeinsam mit Spanien gegen Portugal, das sich mit den Engländern verbündet hat. Auf jeden Fall ist sie dabei: „Doch hatte ich Spanien schon so ziemlich durchwandert, da ich die ganze Länge desselben von Bayonne bis Cadix durchschnitten und dann noch eine kleine Tour nach Portugall bis nur 6 Stunden von Lisabon gemacht hatte, wo ich gern hingegangen wäre, wenn’s die Herren Engländer und Portugiesen gefälligst hätten erlauben wollen, sie sagten aber, sie seien vor uns da gewesen und das mußten wir gelten lassen und wieder heimkehren.“ (Engel, Seite 76)

In Spanien geht sie nur „als Offizier gekleidet, um, ich scheue mich beinahe den Grund zu sagen, den Lüsten der spanischen Mönche auszuweichen (...)“ (Engel, Seite 77). Sie erzählt weiter, dass sie sich in Barcelona den Spaß erlaubt, einer Caroline „die Aufwartung“ zu machen. Ich darf auf Hoffmanns „Prinzessin Brambilla“ (cf. Seite 118) verweisen. Für die als Offizier verkleidete Regula endet es mit „einem bedeutenden Händedruck und warmem Kusse“, denn sie ist „ein ungeschickter Liebhaber für ein spanisches Mädchen.“ (Engel, Seite 77)

Es folgt eine Schilderung der Aufgaben ihres Mannes, der sich nämlich um die Einrichtung der Hospitäler zu kümmern hat, die in einem erbärmlichen Zustand sind: „Der Krieg gleicht in solchen Sachen dem berühmten Thurmbau zu Babel, die Leute verstehen einander nicht und weil sie einander nicht abrechnen können, steckt jeder wieder sein Geld, sammt dem Opfer des andern Theiles, in die Tasche (...)“ (Ebd.)

1809 ist wieder Friede und es geht „über Peterwardein, Essek, Fünfkirchen, Großkanischa, Klagenfurt nach Italien, wo wir eingeschifft und nach Frankreich übergesetzt wurden.“ (Engel, Seite 80) Als Napoleon im darauffolgenden Jahr Marie Louise von Österreich heiratet, hat sie „das unverhoffte Glück (...) die kaiserliche Braut abzuholen und in die Weltstadt als nunmehr mächtigste Herrscherin, einführen zu helfen.“ (Engel, Seite 81) Dass sie beide Deutsch sprechen, ist für das gegenseitige Verständnis nur von Vorteil. Sie ist also dabei, als es von Wien und über den Rhein bei Straßburg nach Paris geht. Die Vermählung selbst wird von einem Vorfall überschattet, bricht doch ein Feuer aus, bei der „die junge Fürstin von Schwarzenberg ein bedauernswerthes Opfer der Flammen ward.“ (Engel, Seite 86)

1811 ist ein besonderes Jahr: „Der heiterste Sommer meines Lebens begann jetzt, aber, leider! sollte es beinahe der einzige solcher Art seyn.“ (Engel, Seite 88) Sie leben in Paris und sind häufig am Hofe. Aber Regula ahnt es schon, Napoleon wird nicht still halten, denn schon im nächsten Jahr steht er „mit 350,000 Mann an der Weichsel und nun begann der fürchterliche Feldzug, der seines Gleichen nicht finden wird.“ (Engel, Seite 89) Ihr Mann jedoch ist nicht dabei, sondern wird nach Spanien kommandiert.

Aber als wieder ein Heer von gleicher Stärke aufgeboten wird, ist er dabei und nimmt sie natürlich mit, und sie stellt fest, dass dieser Feldzug anders wird als der von 1806. Napoleon erleidet im November beim Russlandfeldzug eine Niederlage und zieht sich nach Frankreich zurück. 1813 erklärt Preußen den Krieg und es kommt zur Vielvölkerschlacht bei Leipzig.

Neujahr 1814 überqueren die Alliierten, unter ihnen Blücher mit seiner Armee, den Rhein (vgl. auch Seite 267), Paris wird eingenommen und Napoleon wird auf die Insel Elba verbannt. „Unsre ganze Familie ging also mit ihm, oder besser zu sagen, er wählte, auf unsere Wünsche hin, auch uns zu seiner Begleitung.“ (Engel, Seite 94)

Einmal Kaiser, immer Kaiser: „So nahm nun der große Napoleon, der noch vor wenigen Monaten allen Mächten Europas Trotz geboten hatte, Besitz von dem kleinsten Eilande seines einstmaligen Reiches und wer ihn sah mußte ihn bewundern.“ (Ebd.) Aber er kommt noch einmal zurück: „Wer in der scheinbaren Ruhe und Zufriedenheit Napoleons eine wirkliche und freiwillige Ergebung in sein Schicksal zu sehen glaubte, der betrog sich gewaltig.“ (Engel, Seite 100) Es ist noch nicht zu Ende.

Der Wiener Kongress ist dabei, Europa neu zu ordnen, als Napoleon am 1. März wieder in Frankreich an Land geht und auf seinem Weg nach Paris Truppen hinter sich versammelt. Die Engels sind auf diesem Weg dabei: „Er trug bei seiner Abreise den nämlichen Überrock, den er auf seiner Überfahrt aus Frankreich getragen hatte und den nämlichen Mantel, den er schon in der Schlacht von Marengo trug und den man ihm noch mit ins Grab gegeben haben soll.“ (Engel, Seite 101)

Die Reise, beziehungsweise der Feldzug, geht von Cannes über Grenoble und Lyon in die Hauptstadt und weiter nach Belgien, wo es zu der berühmten Schlacht bei Waterloo kommt, die ich am Eingang des Kapitels geschildert habe. Bei dieser Schlacht ist auch General von Müffling dabei, der nach dem Wiener Kongress die Arbeit von Tranchot bei der Vermessung der Rheinlande bis 1828 fortführen wird.