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Maren, eine erfolgreiche junge Frau, fehlt nun noch zu ihrem Glück ein Heiratsantrag von ihrem Freund Thomas. Doch plötzlich zerplatzt dieser Traum. Stattdessen findet sie ich in einen Albtraum wieder - eine Ferienreise mit ihren Eltern. Das Schicksal führt die drei Försters in das idyllische Dorf Nußdorf am Inn. Dort trift Maren auf Phillip, der sich Hals über Kopf in sie verliebt. Aber der Weg in Marens Herz ist wie ein steiler Gebirgspfad sehr mühselig und beschwerlich. Bis das neue Glück gemeinsam in den Sonnenuntergang schauen kann, müssen noch einige Geröllsteine aus dem Weg geschaffen werden.
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Seitenzahl: 349
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Ein Nussknacker zum Verlieben
Mathilde Berg
Erstveröffentlichung Juli 2017
Inhaltsverzeichnis
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Hinweis
Rechtliche Hinweise
Impressum
Lesetipp
Die Sonne schien gnadenlos in den Konferenzraum. Die Glasfront erstreckte sich bis zum Boden an zwei Seiten des Raumes, und die Klimaanlage lief auf Hochtouren. Normalerweise hatten die Besucher einen grandiosen Ausblick auf die Stadt. Doch jetzt waren die Jalousien herabgelassen, damit die Kunden der PowerPoint-Präsentation der jungen Frau, die am Kopf des langen Tisches stand, besser folgen konnten. Trotz der Hitze waren alle Anwesenden, diszipliniert dem Dresscode folgend, in Anzug oder Kostüm gekleidet.
Es war Marens erste Präsentation vor so vielen wichtigen Kunden. Somit lief ihr der Schweiß trotz Klimaanlage wie ein Rinnsal den Rücken herunter. Sie hatte vorsorglich ein wasserfestes Make-up aufgetragen, damit ja nichts verlief. Schließlich wollte sie heute einen besonders guten Eindruck auf die Delegation des neuen Geschäftspartners und nicht zuletzt auf ihren Chef machen, der sie heute genauer als nötig beobachtete.
Ihre dunkelblonden, langen Haare hatte sie in einer kunstvollen Flechtfrisur gebändigt. Von der rechten Seite ihrer Stirn schlängelte sich der französische Zopf von einem Ohr zum anderen, machte eine Kehrtwendung am unteren Haaransatz entlang, bis alle Haare verarbeitet waren. Den langen Zopf hatte Maren kunstvoll zu einer Blüte am Hinterkopf gesteckt, und in der Mitte der Blüte steckte eine Haarnadel mit einem Zirkoniastein als Blütenstempel, der im Sonnenlicht funkelte. So kam ihr hübsches, mädchenhaftes Gesicht gut zur Geltung. Ihre tiefblauen Augen strahlten mit der Sonne um die Wette, als sie ihre Präsentation mit den Worten: „Ich bedanke mich bei Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und hoffe auf gute Zusammenarbeit unserer Häuser“ schloss. Applaus ertönte im Konferenzraum.
Herr Upphoff, Geschäftsführer von Upphoff International, erhob sich. „Meine Damen und Herren, bevor wir die näheren Einzelheiten in Ruhe besprechen, lade ich Sie zu einer kleinen Stärkung ein. Im Nebenraum haben wir ein paar Erfrischungen und ein Catering aufgebaut.“
Alle erhoben sich, dankbar, endlich nicht mehr stillsitzen zu müssen. Ein fröhliches Gemurmel war zu hören. Es wurden Scherze gemacht, gelacht oder ernsthaft über die gesagten Worte der Präsentation gesprochen.
Die Gäste verließen den Raum, um am Büffet im Nebenraum leckere Häppchen und den überlebenswichtigen Kaffee zu verzehren. Maren baute in der Zwischenzeit die Präsentation ab, während die Jalousien wieder emporfuhren. Die Leinwand verschwand per Knopfdruck in der Decke. Der Beamer wurde mit der Fernbedienung ausgeschaltet.
Zum Schluss fuhr sie ihren Laptop runter und verstaute ihn in der ledernen Umhängetasche.
Sie genoss die eingekehrte Stille. Heute war ihr letzter Arbeitstag vor ihrem dreiwöchigen Sommerurlaub. Maren genoss das Hochgefühl der Vorfreude, verstärkt von der Zufriedenheit, die Präsentation für die bevorstehende Firmenfusion so gut vorbereitet und vorgestellt zu haben. Die harte Arbeit und die vielen Überstunden der letzten Wochen hatten sich wahrlich gelohnt.
Marens Freund Thomas hatte sich bei ihr schon beschwert, dass sie nur noch wenig Zeit für ihn hatte und dass sie sich doch gleich ein Bett in der Firma aufstellen könnte.
Als Herr Upphoff ihr mitgeteilt hatte, dass sie für diese Präsentation, die für die Firma äußerst wichtig war, die volle Verantwortung tragen würde, hatte Maren weiche Knie bekommen. Seit sie vor drei Jahren in die Firma gekommen war, hatte er ihr noch nie eine so wichtige Aufgabe übertragen.
„Sie schaffen das schon“, hatte er gesagt. „Ich habe vollstes Vertrauen darin, dass Sie das hinkriegen.“
Herr Upphoff war sozusagen noch ein Chef der alten Garde, der sein Unternehmen und seine Mitarbeiter mit Herz und Verstand führte. Der Mittfünfziger hatte immer ein offenes Ohr für seine Angestellten und stand ihnen auch öfters bei privaten Problemen mit seinen vielen Verbindungen und Ratschlägen zur Seite.
Mit seinem kugelrunden Bauch und fast kahlen Kopf, den nur noch ein kleiner Haarkranz zierte, wirkte er sehr zuverlässig, sodass sich viele ihrer Kollegen dem ‚Firmenvater‘ gern anvertrauten.
„Frau Förster, wo bleiben Sie denn?“, rief Herr Upphoff, ehe er freudestrahlend in den Konferenzraum kam. „Ich wusste doch, dass Sie das hinkriegen. Auf mein Bauchgefühl konnte ich mich schon immer verlassen.“ Dabei strich er sich über sein strammes Bäuchlein und grinste verschmitzt. „Die sind ganz aus dem Häuschen. Kommen Sie doch zu uns rüber! Die wollen Sie kennenlernen. Bei einem Gläschen Sekt können wir die nächsten Schritte für die Fusion besprechen. Die möchten unbedingt, dass Sie mit im Fusionsteam sind, und ich natürlich auch. Mensch, Mädel, großartig haben Sie das gemacht!“ Übermütig gab er Maren einen Klaps auf die Schulter und umarmte sie väterlich. „Ich habe immer gewusst, dass mehr in Ihnen steckt. Was ist denn? Sie sagen ja gar nichts!“
„Herr Upphoff, ich bin sprachlos“, stammelte Maren und sah ihn mit großen Augen an. Sie wusste gerade nicht, wie ihr geschah. Im Fusionsteam zu sein, bedeutete quasi so viel wie eine Beförderung. Das war mehr, als sie sich je erträumt hatte. Dass diese übertragene Aufgabe wichtig und eine Prüfung für sie war, hatte Maren gewusst, aber dass daraus mehr werden könnte, hatte sie nicht zu glauben gewagt. Maren war im siebten Himmel. Dieser Tag ist der schönste meines Lebens!, dachte sie.
„Ich freue mich natürlich, dass es Ihnen und unseren Gästen so gut gefallen hat. Gern komme ich gleich rüber. Ich möchte nur meine Sachen zusammenräumen und in mein Büro bringen. Vor meinem Urlaub ab Montag möchte ich alles an seinem Platz wissen.“
„Ach ja, Sie starten ja heute in Ihren Sommerurlaub. Wissen Sie was, wenn wir drüben soweit durch sind, nehmen Sie sich doch den Rest des Tages frei. Genügend Überstunden sind ja in der letzten Zeit zusammengekommen.“
„Ja, gern!“, erwiderte sie freudestrahlend. Noch ein unerwartetes Ereignis an diesem wunderschönen Tag. Dieses Mal war sie diejenige, die ihren Chef fest an sich drücken wollte, doch sie widerstand dem Impuls. „Ich bin gleich bei Ihnen, Herr Upphoff.“ Mit diesen Worten verließ sie fröhlich den Konferenzraum.
Das Catering war wirklich ausgezeichnet. Leckere Fingerfood-Häppchen waren appetitlich auf einem Büffet angerichtet. Der Service von den Kellnerinnen und Kellnern war ausgezeichnet. Getränke waren ausreichend vorhanden, und mit einem freundlichen Lächeln der Servicekräfte wurden die Gläser nachgefüllt.
Ich muss mich bei Anna noch für den Tipp mit dem Caterer bedanken, sagte Maren sich, als sie leicht beschwingt vom Sekt, dem Erfolg des heutigen Tages und der Urlaubsvorfreude die Treppe hinunterlief, die zu der Etage mit ihrem Büro führte.
Jetzt, wo der Stress der letzten Wochen von ihr abfiel, war nur noch pure Freude über das Geschaffte da. Herzlich hatte sich Maren von Herrn Upphoff und den Gästen verabschiedet und nun natürlich auch von ihren lieben Kollegen.
Sätze wie „Erhol dich gut“ und „Wünsche dir einen schönen Urlaub“ begleiteten sie bis zur gläsernen Eingangstür.
Als Maren vor dem Bürogebäude stand, empfand sie pure Freude und ein Gefühl der Freiheit. Sie lief glücklich zur Bushaltestelle und fuhr mit dem Bus Richtung Innenstadt. Zur Freude des Tages wollte sich Maren mit etwas ganz Besonderem belohnen.
Maren bummelte durch die Straßen der Fußgängerzone an den vielen Schaufenstern vorbei. Sie schlenderte durch einige Boutiquen, bis sie plötzlich vor einem Kleid stehen blieb.
„Das ist es“, murmelte sie. Sofort gingen ihre Gedanken in einem Tagtraum auf Reisen.
Morgen würde sie zusammen mit ihrem Freund Thomas in die Provence fahren. Maren war schon seit fünf Jahren mit ihm zusammen, und seit zwei Jahren wohnten sie zusammen in Marens Loft.
Thomas hatte sich mit einem Broker-Büro selbstständig gemacht und arbeitete viel von zu Hause aus. Er war damit wohl sehr erfolgreich. Immerhin kaufte er sich ständig neue Marken-Anzüge, und ein schickes Cabrio fuhr er neuerdings auch. Es lief ganz gut zwischen den beiden, und Maren war glücklich, Thomas zu diesem gemeinsamen Urlaub überredet zu haben. Ansonsten wollte er nie länger als ein verlängertes Wochenende mit ihr wegfahren.
„Du weißt doch, die Arbeit! Ich kann es mir zeitlich nicht leisten, länger wegzufahren. Schließlich bin ich selbstständig und die Börse schläft nie“, war stets seine Ausrede. Doch jetzt fuhren sie für drei Wochen in die Provence. Maren hatte sich das romantische Hotel Domaine de Bournereau ausgesucht. Extra komfortabel und luxuriös, genauso wie es Thomas gern hatte. Er hatte eine Schwäche für schöne und vor allem teure Dinge.
Mit der Einwilligung von Thomas für diesen Urlaub hatte sie die Hoffnung, dass er ihr endlich den ersehnten Heiratsantrag machen würde.
Und genau für diesen Moment wollte sie besonders bezaubernd und sexy aussehen, um es ihm leichter mit seiner Frage zu machen. Dieser Magic-Moment sollte perfekt sein. Damit sie sich ein Leben lang an diesen romantischen Augenblick würde erinnern können. Das Kleid aus dem Schaufenster, das sie sogleich anprobierte, war perfekt dafür. Es betonte ihre schlanke Figur. Maren erwarb noch einige Accessoires, die das Gesamtbild vervollständigten und abrundeten.
Auf dem Weg nach Hause kaufte sie zur Feier des Tages bei ihrem Lieblingsweinhändler eine Flasche Champagner. Damit wollte sie mit Thomas auf ihren heutigen Erfolg und die bevorstehende Urlaubsfahrt anstoßen.
In der Confiserie um die Ecke erstand Maren ein paar Cremetörtchen, um einen gemütlichen Nachmittag mit Thomas auf dem Sofa zu verbringen. Später würde sie ihn zum Essen einladen. Und dann? Wer wusste, was dann noch passieren würde. Maren lächelte in sich hinein. Mann, wird der Augen machen, wenn ich schon so früh am Tag nach Hause komme, dachte sie. Am Morgen hatte sie sich bei Thomas mit den Worten „Bis heute Abend, es könnte später werden“ verabschiedet. Endlich werden wir wieder mehr Zeit füreinander haben. Voller Vorfreude, ihren Freund zu überraschen, stieg sie in den Fahrstuhl in der Tiefgarage und drehte den Schlüssel, um in die fünfte Etage und direkt in ihr Loft zu fahren. Ach, ist das ein herrlicher Tag.
Thomas benutzte nie diesen Aufzug, da er unter Klaustrophobie litt. Für sie war es pure Bequemlichkeit, von der Tiefgarage direkt in ihre Wohnung zu fahren.
„In das kleine Ding kriegen mich keine zehn Pferde rein. Ich nehme lieber die Treppe. Das ist sicherer“, wiederholte Thomas immer wieder. Darum lag der Ersatzschlüssel für den Fahrstuhl auch immer in der Schublade des Schränkchens, das im Flur stand.
Hier war die Sammelstelle für die aktuelle Post, sämtliche Schlüsselbunde und alle Dinge, die man mitnehmen musste, bevor man die Wohnung verließ.
Als Maren ihre Tasche und den Schlüssel auf der Kommode abgelegt hatte, hörte sie leise Musik aus dem Wohnzimmer. Sie stellte noch eilig ihre Plastiktüte aus der Boutique ab, denn schließlich sollte Thomas nicht merken, dass sie sich ein neues Kleid gekauft hatte. Das sollte eine Überraschung werden.
Es lief ihre Lieblings-CD, Celtic Classic. Oh, wie gemütlich, dachte Maren. Gleich lief sie ins Wohnzimmer, in der Hoffnung, dass Thomas in seinem Sessel saß und seine Börsenzeitschrift las. Aber er war nicht dort.
Wo ist er denn?, überlegte Maren. Auch auf der Dachterrasse war er nicht. In der einen Hand die Champagnerflasche und in der andern das Kuchen-Paket mit den ausgefallenen Törtchen machte sich Maren auf den Weg in die Küche, da vernahm sie plötzlich ein Geräusch. Es kam aus dem Schlafzimmer.
Ein Stöhnen. Das war eindeutig Thomas. So hörte er sich an, wenn er sich auf seinem Hometrainer abmühte. Eine gute Figur war ihm sehr wichtig. Darum trainierte er auch regelmäßig. Die Vorstellung, ihren verschwitzten Freund mit bloßem Oberkörper und das Spiel seiner Muskeln zu sehen, jagte Maren ein Kribbeln durch ihren Körper. Voller Vorfreude öffnete sie die angelehnte Schlafzimmertür. Als sie eintrat, blieb sie wie angewurzelt stehen und erstarrte zur Salzsäule.
Tatsächlich sah sie Thomas’ bloßen Oberkörper und das Spiel seiner Muskeln, nur lag er im Bett und bewegte sich rhythmisch auf und ab. Maren brauchte einen Moment, um die Lage zu begreifen.
Das kann doch nicht wahr sein! Nicht Thomas, nicht heute,schrie es in Maren. So einen Hometrainer hatte sie wahrlich nicht erwartet. Mit langen, blonden Haaren, der sich in ihrem Bett unter Thomas verzückt räkelte und Lustlaute von sich gab.
Marens so fröhliche, euphorische Stimmung kippte und wandelte sich in Wut und Entsetzen. Plötzlich erwachte sie aus ihrer Starre. „Was um alles in der Welt soll das?“
Thomas fuhr erschrocken herum. Seine sonst so sorgfältig frisierten dunkelbraunen, fast schwarz schimmernden Haare standen ihm wirr vom Kopf ab. „Was machst du denn schon hier? Ich habe noch gar nicht mit dir gerechnet!“
„Das sehe ich!“
„Thomas, wer ist denn das?“, meldete sich der blonde Hometrainer zu Wort.
„Äh, ja … das ist, äh. Dafür gibt es eine ganz einfache Erklärung“, stammelte Thomas.
„Ich wohne hier“, rief Maren, „zusammen mit meinem Freund! Thomas, wer ist das? Ich komme extra eher nach Hause, um dich zu überraschen, und nun das. Ich glaube einfach nicht, was hier gerade passiert.“
„Darling, die Überraschung ist dir gelungen“, erwiderte er unbeholfen. „Hättest du nicht vorher anrufen können? Dann wäre das hier auch nicht passiert!“
Maren traute ihren Ohren nicht. Machte er ihr jetzt auch noch Vorwürfe, dass sie mal früher nach Hause gekommen war? Sollte sie sich jetzt auch noch schuldig fühlen, dass er ihr fremdgegangen war? In ihrer eigenen Wohnung? Das konnte doch nicht wahr sein! Mit einem Mal fühlte sie sich lächerlich, wie sie dastand mit der Champagnerflasche und dem Kuchen-Paket in den Händen.
Die Blondine stieg aus dem Bett. „Ich glaube, ich geh dann mal und lass euch beide allein.“
Marens Kampfgeist war geweckt, blinde Wut machte sich in ihr breit.
„Maren, es ist nicht das, wonach es aussieht“, sagte Thomas beschwichtigend und sah sie mit seinen braunen Augen an. Diesem ‚Dackelblick‘ konnte Maren meistens nicht widerstehen.
„Ich rufe dich mal wieder an, Thomas“, sagte die Blonde, als sie gerade an Maren vorbeiging und überlegen lächelte. Sie sah noch einmal über ihre nackte Schulter zu Thomas, der immer noch mit einem verblüffend blöden Gesichtsausdruck im Bett saß.
In diesem Augenblick erlebte Maren ihren Magic-Moment, nur nicht so, wie sie sich ihn noch vor wenigen Minuten ausgemalt hatte. Mit einem Mal sprangen bei ihr sämtliche Sicherungen raus. Sie ließ den Champagner und die liebevoll ausgesuchten Törtchen auf den Boden fallen, und noch ehe die blonde Giftbiene nach ihren Sachen, die auf dem Boden verstreut waren, greifen konnte, hatte Maren sie an den langen Haaren ergriffen und zog sie hinter sich her.
„Ahhh … he, was soll das, auuuu“, schrie die Blonde, unfähig, sich aus Marens starkem Griff zu befreien.
„Raus hier, du Flittchen! Such dir einen anderen“, kreischte Maren.
„Auuuu … meine Haare. Thomaaas, tu doch was! Unglaublich, was hier läuft. Ahh … Auuu“, zeterte sie.
„Maren, bist du bescheuert? Iris, es tut mir leid!“, rief Thomas, der Mühe hatte, sich aus dem Bettlaken zu befreien.
Maren ging immer weiter – mit der schreienden, nackten Blondine im Schlepptau – Richtung Wohnungstür.
Iris versuchte, sich an den Möbeln und am Türrahmen festzuhalten. Doch es nützte nichts. Maren hatte sie so fest im Griff, dass es kein Entrinnen für sie gab. Es war unglaublich, welche übermenschlichen Kräfte diese zierliche junge Frau entwickelt hatte.
Ehe Thomas die Lage begriff, hatte Maren die Eingangstür geöffnet. Typisch Thomas! Er schloss nie die Tür ab, so konnte Maren ihre Nebenbuhlerin nackt aus der Wohnung in das Treppenhaus schubsen. Mit einem lautem Klack ging das Licht im Hausflur an, dass Iris durch den Bewegungsmelder ausgelöst hatte. Donnernd krachte die Eingangstür ins Schloss.
„He … das kannst du nicht machen. O Gott … nein! Meine Sachen, schrie Iris im Treppenhaus und hämmerte mit ihren Fäusten gegen die Wohnungstür.
„Die bringe ich dir höchstpersönlich nach unten. Vor die Tür. Da kannst du deine Klamotten von der Straße aufsammeln“, sagte Maren und machte sich wieder auf den Weg ins Schlafzimmer, um die Sachen von Thomas’ Affäre aufzusammeln.
„Maren, spinnst du? Das kannst du doch nicht machen!“, rief Thomas.
„O doch, und wie ich das kann“, spie Maren vor Wut. „Und ich kann noch viel mehr.“ Sie sauste an Thomas vorbei und sammelte in Windeseile alle Habseligkeiten der Blonden auf, lief auf die Dachterrasse und warf die Sachen mit Schwung über die Brüstung. Kleid, Höschen, BH, Schuhe und Tasche segelten auf den Bürgersteig der belebten Straße vor dem Haus.
„Jetzt gehst du zu weit! Maren, lass es mich dir doch erklären. Es ist nicht so, wie du denkst.“ Thomas stand, nur mit seiner Micky Maus-Shorts bekleidet, vor ihr und versuchte, sie zu beschwichtigen.
„Spar dir deine Erklärungen, Thomas. Ich hab dir vertraut. Wir wollten morgen verreisen! Schon vergessen? Es sollte alles so schön werden, aber …“
„Du wolltest doch unbedingt verreisen! Außerdem hat doch das eine mit dem anderen nichts zu tun.“
„Wie bitte? Ich höre wohl nicht richtig. Das wollten wir doch beide! Oder etwa nicht? Du hast alles kaputt gemacht.“
„Ich brauche diesen Urlaub nicht und habe nur deinetwegen zugestimmt. So ein Schickimicki-Urlaub ist für mich viel zu langweilig. Und außerdem viel zu teuer. Aber wenn du das Geld hast, bitte schön.“
„Das musst du gerade sagen. Wo es dir doch nicht fein genug sein kann. Außerdem habe ich alles bezahlt, nicht du“, würgte sie hervor.
„Wir reden gleich in Ruhe. Ich gehe jetzt zu Iris, um mich für dein Verhalten zu entschuldigen. Du bist eindeutig zu weit gegangen! Derart auszuflippen.“
„Thomas, wenn du jetzt gehst … Wenn du jetzt zu ihr gehst …“ Maren deutete mit dem Finger auf die Wohnungstür. „… dann brauchst du auch gar nicht wiederzukommen.“ Vor Wut kamen ihr die Tränen, die sie nicht mehr zurückhalten konnte, als Thomas die Tür öffnete und die Treppe herunterrannte.
„Wir reden gleich, ich kann dir alles erklären“, hörte sie seine Stimme im Treppenhaus widerhallen und seine leiser werdenden, platschenden Schritte, wie er die Stufen barfuß hinunterlief.
„Ich will dich nie wiedersehen!“, rief Maren Thomas hinterher. Vor Tränen und Wut überschlug sich dabei ihre Stimme. Um sich abzureagieren, knallte sie wütend die Tür ins Schloss, sodass die Gläser in der Vitrine klirrten, und drehte den Schlüssel zweimal um.
Danach ging sie wieder ins Schlafzimmer, kramte Thomas’ Reise- und Sporttaschen aus dem Schrank und fing an, seine Sachen in die Taschen zu stopfen. Als die voll waren, warf sie die Taschen und den Rest seiner Kleidung ebenfalls über das Geländer.
Unten konnte Maren die Blondine beobachten, wie sie nackt und beschämt ihre Sachen aufsammelte. Thomas ließ bei jeder Ladung, die über das Geländer des Balkons geflogen kam, eine Schimpftirade auf sie los. Inzwischen hatte sich eine kleine Menschenansammlung gebildet, die diesem Spektakel belustigt zusah. Ein Mann sagte sogar: „Wer nicht hören will, der muss eben fühlen.“
Eine andere Frau rief: „Das ist genau richtig. Die Frau lässt sich eben nicht verarschen.“
Zu guter Letzt nahm Maren sein Portemonnaie, sein Handy und seine Schlüssel, die sie in einen dicken Pulli einwickelte, und warf das flauschige Paket nach unten.
„Das wird dir noch leidtun!“, hörte Maren Thomas schreien.
Mist, dachte Maren, ich hätte die Schlüssel nicht runterwerfen sollen. Entkräftet von der Aufräumaktion und zutiefst verletzt brach Maren im Wohnzimmer zusammen und ließ den Tränen freien Lauf. Was für ein Tag! Alles hatte so schön angefangen, und nun war plötzlich alles anders. Sämtliche Schmetterlinge aus ihrem Bauch waren davongeflattert und hatten für Steine Platz gemacht.
Maren lag lange auf ihrem flauschigen, roten Veloursteppich und weinte sich die Augen aus dem Kopf. Der Tag, der am Morgen noch so verheißungsvoll angefangen hatte, hatte mit einem Desaster geendet.
Ihre gemeinsame Zukunft mit Thomas war plötzlich und ohne Vorwarnung zerstört worden. Zerplatzt wie eine Seifenblase im Sommerwind. Den Mann, dem sie vertraut hatte, den sie hatte heiraten und mit dem sie hatte alt werden wollen, hatte alles kaputt gemacht. Marens Herz krampfte sich zusammen. Es schmerzte in ihrer Brust, als wollte es zerspringen.
Maren lag wortwörtlich am Boden. Wie sie so dalag, zusammengerollt wie ein kranker Hund, ging die Sonne am Horizont in den prächtigsten Rottönen unter. Sämtliche Fröhlichkeit war aus Maren gewichen, und sie konnte sich nicht vorstellen, sie jemals wieder zurückzubekommen.
Maren weinte hemmungslos, bis sie auf dem Teppich einschlief und dort spät in der Nacht wieder aufwachte. Völlig ausgedörrt und ohne Orientierung in der Dunkelheit ihres geräumigen Wohnzimmers. Ihre Zunge klebte am Gaumen fest.
Was ist passiert?, fragte sich Maren.
„Thomas?“, rief sie, doch dann kehrten ihre Erinnerungen zurück. Sie hatte ihre große Liebe in flagranti erwischt mit einer blonden, dürren Ziege. In ihrem Bett! Sofort war wieder Marens Kampfgeist entfacht.
Maren sprang auf und wollte ins Schlafzimmer rennen. Sie hatte aber noch immer ihre High Heels an. Die Knöchel waren inzwischen angeschwollen. Ein Schmerz durchfuhr ihren linken Fuß, sodass sie aufschrie. Beim Versuch, ihren Fuß mit der Hand zu berühren, strauchelte sie. Maren probierte, die Balance auf dem rechten Fuß zu halten, aber dann gab der dünne Absatz ihres Schuhs plötzlich nach und brach ab. Dabei knickte sie mit dem rechten Fuß um und fiel wieder zurück auf den Teppich.
„Aua“, entfuhr es Maren. Vor Wut pfefferte Maren ihre Schuhe in die Dunkelheit des Raumes.
„So ein Mist. Meine schönen Schuhe. Das hört wohl gar nicht mehr auf heute“, murmelte Maren verbittert. Vorsichtig stand sie auf, tastete nach dem Schalter der kleinen Stehlampe im Wohnzimmer und knipste das Licht an. Langsam ging sie ins Schlafzimmer. Ihre Knöchel schmerzten beide.
Auweia, hoffentlich ist nichts Schlimmes passiert!,dachte Maren. Obwohl, viel schlimmer kann es nicht mehr werden.
Im Schlafzimmer, dem Ort des Schreckens, angekommen, drückte sie auf den Lichtschalter an der Wand. Die Champagnerflasche lag noch da, wo sie sie fallen gelassen hatte, genauso wie das Kuchenpaket.
Sofort schossen Maren wieder die Bilder des Nachmittags durch den Kopf, und sie verzog angeekelt das Gesicht. Sie ging zum Bett und zog sämtliche Bezüge ab. Maren wollte auf keinen Fall darin schlafen, wenn noch das billige Parfüm der Frau, die mit Thomas hier drin gelegen hatte, auf der Bettwäsche zu riechen war.
Sie nahm alles zusammen und humpelte mit dem Knäuel zur Waschmaschine ins Badezimmer. Während Maren die Wäsche in die Waschtrommel stopfte, kam ihr der Gedanke, dass diese Bettwäsche sie immer an diese Tragödie erinnern würde. Der Schmerz würde niemals vergehen, egal, wie oft sie sie auch durch die Maschine jagte.
Maren zog alles wieder aus der Waschmaschine, ging mit der Bettwäsche beladen in die Küche und stopfte alles in einen Müllbeutel. Danach warf sie den Beutel in den Müllschlucker. Marens Magen krampfte sich zusammen. Ihr war speiübel.
„Ich muss was essen“, murmelte Maren. Das Display der Küchenuhr zeigte 23:45 Uhr an. Seit dem Mittagessen hatte sie nichts mehr gegessen. Mit zwei Kühlpacks, die sie sich aus dem Gefrierfach mitnahm, humpelte sie ins Schlafzimmer, wo sie die Champagner-Flasche und die jetzt nicht mehr so formschönen Creme-Törtchen einsammelte und sich ins Wohnzimmer verkroch. Dabei trat sie auf ihren abgebrochenen Absatz.
„Aua, verdammt noch mal!“, rief Maren laut ihren Ärger heraus. Völlig erschöpft ließ sie sich aufs Sofa plumpsen. Sofort machte sie sich über die Törtchen her und spülte ihren Herzschmerz mit dem Champagner, den sie direkt aus der Flasche trank, herunter. Der Alkohol tat ihr gut, wie die Kühlpacks ihren geschundenen Knöcheln.
Nachdem Maren ihre ‚Mitbringsel für einen schönen Kuschelnachmittag zu zweit‘ vertilgt hatte, hatte sie das dringende Bedürfnis, mit jemandem zu reden. Vom Champagner beseelt, rief sie bei ihrer besten Freundin Carmen an.
Mit Carmen war Maren schon seit der Schulzeit befreundet und seitdem durch dick und dünn gegangen. Zusammen hatten sie so manchen Teenie-Frust, sei es mit den Eltern oder den Lehrern, oder so manchen Liebeskummer geteilt und sich gegenseitig darüber hinweggetröstet. Sie konnten zusammen shoppen, auf Partys gehen und feiern oder sich alles anvertrauen, was ihnen auf der Seele lag. So, wie es eben nur mit einer Seelenverwandten möglich war.
Maren wählte Carmens Nummer. Es klackerte im Telefon, die Verbindung wurde hergestellt. Es tutete einmal, zweimal, dreimal.
„Geh schon ran, Carmen“, flehte Maren. Beim fünften Tuten sprang der Anrufbeantworter an.
„Ene, meine, miste, sprech mir auf die Kiste, ene mene meck, denn die Carmen, die ist weg!“ … Piep.
Enttäuscht drückte Maren das Symbol mit dem roten Telefonhörer, um das Gespräch zu beenden. Jetzt fiel es ihr auch wieder ein. Carmen war mit ihrem Freund im Urlaub. Diese plötzliche Erinnerung versetzte ihr einen kleinen Stich. Sie gönnte ihrer Freundin von Herzen diese Beziehung. Aber gerade jetzt hätte Carmen sie gebraucht und war für einen Moment eifersüchtig auf ihren Freund Rüdiger.
Wen könnte ich jetzt noch anrufen? Kira vielleicht! Ach nein, Kiras Kinder könnten aufwachen, es ist ja schon spät,dachte Maren. Es gab nur noch eine Möglichkeit: Mama!
Marens Eltern hatten immer ein offenes Ohr für ihre Tochter, und sie konnte in jeder Lebenslage immer auf sie zählen. Dies war eindeutig ein Notfall.
Maren wählte die vertraute Rufnummer. Nach dem dritten Klingeln meldete sich Marens Mutter.
„Förster?!“
In ihrer vertrauten Stimme konnte Maren Schläfrigkeit sowie Aufregung hören. Immerhin war es schon spät – oder sehr früh? Maren wusste es nicht. Sie war nur froh, ihre Stimme zu hören.
„Mama, ich bin’s!“, presste Maren hervor, ehe sie schluchzte.
„Maren? Kind! Was ist los? Hattet ihr einen Unfall? Geht es dir nicht gut? Maren, so sag doch was!“
Maren konnte nichts sagen. Sie konnte nur weinen.
Frau Förster versuchte vergeblich, ihren Fragenkatalog abzuspulen, doch es half nichts. Schließlicht sagte sie zu ihrem Mann: „Kurt, mit dem Kind stimmt irgendwas nicht. Da ist irgendwas passiert!“
Als Maren aufwachte, wusste sie im ersten Moment nicht, wo sie war. In ihrem Kopf spielten mehrere Schlagzeuge ein Battle gegeneinander. Es pochte in den Schläfen und in ihrem Hinterkopf. Ihre Zunge klebte ihr am Gaumen fest. In ihrer Magengegend hatte sie ein unwohles Gefühl.
Eine Flasche Champagner und vier Sahnetörtchen sind wohl keine gute Kombi,dachte Maren gerade, als sie Geräusche hörte, die eindeutig von der Eingangstür stammten. Irgendjemand machte sich an ihr zu schaffen.
Thomas!, schoss es Maren durch den Kopf. Mist, sie war ja auch so blöd gewesen und hatte ihm seine Schlüssel hinterher geschmissen. Gerade jetzt, wo sie in ihrem Elend so manövrierunfähig war, wollte sie nicht, dass Thomas sie so sah. Diesen Triumph gönnte sie ihm nicht. Der letzte Rest von ihrem Stolz brachte sie dazu, aufzustehen, um dem Unvermeidlichen entgegenzutreten. Maren schnappte sich die leere Champagnerflasche. Sie schaffte es, voller Würde bis in den Flur zu humpeln, da schwang die Tür auf. Die Flasche hielt sie wie einen Baseballschläger in die Höhe.
Thomas stand nicht im Türrahmen. Er war tatsächlich nicht zurückgekommen. Teils sichtlich erfreut, teils maßlos enttäuscht, sah sie in die Gesichter ihrer Eltern.
„Maren!“, rief ihre Mutter.
„Mama? Papa? Was macht ihr denn hier?“
„Geht es dir gut? Was ist passiert? Wo ist Thomas? Wir haben uns Sorgen um dich gemacht! Du rufst normalerweise nicht morgens um halb drei bei uns an und weinst“, entgegnete Frau Förster.
„Oh“, sagte Maren betroffen. „Ich wollte euch nicht beunruhigen. Nur … es ist … Ich brauche jemand zum Reden, weil …“
Weiter kam Maren nicht, denn da hatte ihre Mutter sie schon in den Arm genommen und die Tränen übernahmen wieder die Kontrolle über sie.
„Ach, Kind, nun sind wir ja da, und kannst uns erzählen, was passiert ist“, sagte Frau Förster mit tröstender Stimme und schob ihre Tochter behutsam in Richtung Wohnzimmer.
„Ich mach dann mal Kaffee, ich glaube, den können wir jetzt alle gut gebrauchen“, sagte Papa Förster, ehe er in der Küche verschwand und den Kampf mit dem modernen Kaffeeautomaten aufnahm.
„So eine Gemeinheit hätte ich ihm nicht zugetraut!“, schniefte Maren in den Armen ihrer Mutter, nachdem sie ihr furchtbares Erlebnis vom Vortag erzählt hatte. „Ausgerechnet am letzten Arbeitstag vor unserem Sommerurlaub tut er mir das an. Wer weiß, wie lange das schon geht mit dieser … dieser … blöden Kuh. Heute wollten wir in dieses romantische Hotel in die Provence reisen. Ich hatte mir das so schön vorgestellt im Domaine de Bournereau. Und ich Idiotin habe gehofft, er würde mir dort endlich einen Heiratsantrag machen.“ Es tat Maren gut, sich endlich alles von der Seele zu reden. Schon früher hatte sie mit ihren Eltern über alles reden können. Sie hatten immer eine Lösung parat, auch wenn es nicht immer die beste war. Dennoch waren sie stets um das Wohl ihrer Tochter bemüht.
„Ach, Kind“, seufzte Marens Mutter und strich ihr mitfühlend über den Rücken.
„Wenn ich diesen Thomas in die Finger bekomme, dann kann der aber was erleben“, brummte Herr Förster. „So eine Kanaille. Kann nicht mal einen Nagel in die Wand hauen und dann so was. Ich hätte mir ja schon denken können, dass der was auf dem Kerbholz hat.“
„Kurt, lass gut sein. Es bringt Maren auch nicht weiter, wenn du Thomas schlecht machst“, lenkte Frau Förster in die Schimpftirade ihres Mannes ein. Wenn es um seine Familie ging, insbesondere um sein ‚kleines Mädchen‘, konnte ihn nichts stoppen. „Lass uns jetzt lieber überlegen, wie es weitergeht.“
„Es ist trotzdem gut, dass du ihn gestern gleich rausgeschmissen hast, diesen Halunken“, wetterte Marens Vater weiter. „Sonst hätte ich ihn heute rausbefördert. Oder …“
„Kurt!“, sagte jetzt Frau Förster energischer zu ihrem Mann. Was Herrn Förster augenblicklich verstummen ließ. In den letzten dreißig Jahren hatte er gelernt, wann er am besten den Mund halten musste, um es sich nicht mit seiner Frau zu verderben.
„Maren, wir sind ja auch quasi auf der Durchreise. Sozusagen, auf dem Weg in unseren Urlaub“, wandte sich Frau Förster wieder an ihre Tochter. „Wir haben nur einen kleinen Umweg gemacht, um zu sehen, was mit dir los ist. Darum sind wir heute früh nach deinem Anruf gleich aufgestanden und sind zu dir gefahren.“
„Ach so“, murmelte Maren. „Hatte ich ganz vergessen …“ Solche Umstände hatte sie ihren Eltern nicht machen wollen. Sie hatte nur etwas Trost in ihrem Elend gebraucht. Betrübt fuhr sie fort: „Macht euch um mich keine Sorgen, ich bin schon ein großes Mädchen. Ihr habt euch euren Urlaub verdient. Fahrt also ruhig.“
„Ich bin mir nicht sicher, ob wir dich jetzt allein lassen sollten“, entgegnete ihre Mutter.
„Das meine ich auch“, warf ihr Vater ein. „Du hast doch jetzt auch Urlaub, warum kommst du nicht einfach mit uns mit? Das wäre doch schön, so wie früher!“
„Papa, ich bin doch keine zwölf mehr“, maulte Maren, dennoch war sie neugierig geworden. „Wo fahrt ihr denn hin?“
„Wir fahren nach Südtirol. Und ich finde, dein Vater hat recht. Das ist die beste Lösung für uns alle, oder willst du die nächsten drei Wochen hier allein in deiner Wohnung bleiben, wo dich alles an Thomas und an gestern erinnert? Nein, du brauchst jetzt einen Tapetenwechsel, damit du etwas Abstand gewinnst.“
„Südtirol? Ach, du meine Güte! Mit Wandern und so? Also, ich weiß nicht.“ Maren fand diesen Vorschlag nicht besonders einladend. Aber ihre Mutter hatte recht. Alles hier in der Wohnung würde sie an die schöne Zeit mit Thomas und den furchtbaren gestrigen Nachmittag erinnern. Und wo sollte sie sonst hin? Allein in die Provence fahren? Nein, auf gar keinen Fall! Zum Glück hatte sie auf eine Reiserücktrittsversicherung bestanden.
Ach, was soll’s, dachte sich Maren, der Urlaub ist sowieso verdorben, dann kann ich auch mit meinen Eltern nach Südtirol fahren.
„Also gut“, sagte Maren zu ihren Eltern. „Ich muss aber noch packen und im Reisebüro anrufen. Ach, und da wäre noch etwas. Ich habe Angst, dass Thomas vorbeikommt und mir die Wohnung ausräumt. Immerhin hat er seine Schlüssel.“
„Das lass meine Sorgen sein“, erwiderte Marens Vater. „Kümmert ihr euch um die Koffer und um das Reisebüro.“
Nach dreieinhalb Stunden saßen sie alle endlich im fast überladenen, himmelblauen Mercedes Benz, Baujahr 1985 – dem ganzen Stolz von Vater Förster.
Trostlos kauerte Maren auf dem ledernen Rücksitz und schaute aus dem Fenster.
Wie tief bin ich gesunken?,dachte sich Maren. Trotzdem war sie dankbar, jetzt nicht allein in ihrer großen, schicken Wohnung zu sein.
Das Packen ihres Koffers war ihr nicht leicht von der Hand gegangen. Sie hatte möglichst viel Freizeitkleidung eingepackt. Dort, wo sie hinfuhr, benötigte Maren weniger schicke Kleidung. Statt ihrer High Heels hatte sie Turnschuhe, Flip-Flops und immerhin ein Paar schickere Sommersandalen mitgenommen. Nur ihr neues Kleid, das sie gestern in der Boutique gekauft hatte, um für den besonderen Moment bezaubernd auszusehen, hatte Maren samt Plastiktragetasche stiefmütterlich in dem Koffer verstaut.
Auch mit der Stornierung der Reise hatte alles reibungslos geklappt. Marens Nase war vom vielen Weinen so verstopft gewesen, dass die Angestellte vom Reisebüro die vorgetäuschte Sommergrippe ihr problemlos abgekauft hatte.
Nach einem kleinen Frühstück, das alle gut hatten gebrauchen können, hatte Marens Vater ihren Koffer zum Wagen in die Tiefgarage runtergebracht. Als sie mit dem Fahrstuhl nach unten gefahren war, hatte Maren gedacht: Es geht mit mir buchstäblich bergab. Was für eine Ironie des Lebens. Über diese Erkenntnis war eine dicke Träne aus dem großen Ozean ihrer blauen Augen gekullert.
Nun saß sie im Auto ihrer Eltern, mit verquollenen Augen und einer vom vielen Schniefen verstopften Nase, während sie den Messeschnellweg in Hannover in Richtung Autobahn fuhren.
Vorn saßen ihrer Eltern, und im Radio sang Helene Fischer auf NDR 3 inbrünstig ihr ‚Atemlos‘, das ihre Mutter summend mitbegleitete. Hoffentlich war das kein Fehler, dachte Maren, als sie auf die A37 Richtung A7 fuhren.
Nach einer ungefähr dreistündigen Fahrt, die Maren wie eine Ewigkeit vorkam, lenkte Vater Förster seinen himmelblauen Traum auf einen Rastplatz an der A7. „So, wir machen jetzt eine Pause.“
„Schön, es ist ja auch gleich Mittagszeit. Die Pause wird uns allen guttun“, erwiderte Helga Förster.
„Genau, ich werde erst tanken, dann suchen wir uns ein schönes Plätzchen.“
„Papa, dort drüben ist ein guter Parkplatz, da haben wir es nicht so weit zum Restaurant!“, sagte Maren zu ihrem Vater, sichtlich erleichtert, dem Brutkasten für ein paar Minuten zu entrinnen. Die Sonne war am Zenit des Tages angekommen, und die Sonnenstrahlen knallten gnadenlos auf das Dach des Autos. Maren war froh, für eine halbe Stunde der Auto-Sauna zu entkommen und sich in einem klimatisierten Raum abzukühlen.
„Nicht doch, Maren“, mischte sich ihre Mutter ein, „da laufen doch so viele Leute hin und her, aber da hinten sind schöne Sitzplätze im Schatten. Dort können wir in Ruhe unser Picknick machen.“
„Picknick?“, fragte Maren entgeistert ihre Mutter. „Du hast Butterbrote für unterwegs eingepackt?“
„Nein, aber wir haben leckeren Kartoffelsalat, Frikadellen, die du so gern magst, gebratene Schnitzel, Gürkchen und ein bisschen Obst für hinterher. Und natürlich eine Thermoskanne mit Kaffee.“
„Ihr seid sicher, dass ihr nur bis Norditalien wollt und nicht bis runter nach Kap Hoorn? Man kann sich auch eine Kleinigkeit in der Gaststätte kaufen und braucht keinen unnützen Reiseproviant für unterwegs mitzunehmen“, belehrte Maren ihre Mutter.
„Schon, aber man weiß ja nicht, wer das Essen zubereitet hat, ob es schmeckt und was drin ist. Außerdem ist das Essen in diesen Autobahnraststätten viel zu teuer. Das habe ich erst letztens wieder in einem Bericht im Fernsehen gesehen.“ Sie wandte sich an ihren Mann. „Kurt, während du tankst, werden Maren und ich schon mal das Picknick vorbereiten.“ Damit war alles zu diesem Thema gesagt, was von Kurt nur mit einem „Jou, so mok we dat“ kommentiert wurde.
Also stiegen Maren und ihre Mutter an der Tankstelle aus und gingen mit Körben und Kühltaschen beladen in Richtung der hinteren Bänke. Dort angekommen, holte Frau Förster zuerst ihren mitgebrachten Küchenlappen aus einem Plastikbeutel und wischte Tisch und Bänke ab.
„Mama, es reicht doch völlig, wenn wir Papiertaschentücher auf den Tisch vor uns legen.“
„Nee, das mag ich gar nicht.“ Sie breitete die mitgebrachte Wachstischdecke auf dem abgewischten Tisch aus. „Nachher ist die Tischdecke von unten so verkrümelt.“
„Ach, Mama, du bist unbelehrbar. Manchmal glaube ich, ihr seid irgendwo 1970 stehengeblieben.“
„So ist das doch viel gemütlicher, findest du nicht?“, lächelte Frau Förster ihre Tochter an.
„Schon, aber dieser ganze Aufwand …“
„Das macht doch nichts! Hauptsache, wir sind zusammen und haben eine schöne Zeit miteinander. Außerdem weiß ich, dass dein Vater das so gern hat. Früher haben wir beide oft Picknicks gemacht, als wir uns kennengelernt haben …“
„Das weiß ich.“
Ich würde meinen Liebsten auch gern verwöhnen, doch der musste ja einen auf wilde Wutz machen, dachte sich Maren.
Ihre Mutter schien ihre Gedanken gelesen zu haben. „Maren, es wird auch wieder anders für dich. Schau jetzt nach vorn. Denk dran, andere Mütter haben auch schöne Söhne.“
„Nein, danke! Damit bin ich durch. Noch mal hol ich mir nicht so einen Blödmann an den Hals. Darauf kann ich wirklich verzichten“, entgegnete Maren zerknirscht.
„Wenn erst der Richtige vor dir steht … Du wirst schon sehen!“
Maren schüttelte den Kopf. Dieses Hirngespinst sollte sich nicht in ihren Gedanken einnisten. „Nie im Leben! Woher soll man denn auch wissen, wer der Richtige ist?“
„Maren, das sagt dir ganz allein dein Herz. Du wirst es erleben.“
Nach und nach wurde der Tisch mit Plastiktellern, Besteck und Bechern gedeckt. Zum Schluss kamen die mitgebrachten Leckereien in Tupper-Dosen dazu. Es fehlte an nichts. Selbst Salz, Senf, Ketchup und hartgekochte Eier vervollständigten die Schlemmerplatte.
Als sich Marens Vater endlich zu ihnen setzte, sagte Maren mit einem kleinen Lächeln auf den Lippen: „Ich glaube, ihr wollt doch zum Kap Hoorn.“
Nachdem alle gesättigt waren, wurde alles wieder feinsäuberlich aufgeräumt und verstaut. Nur die Tischabfälle wurden in die Mülleimer des Rastplatzes geworfen.
„So, Muddern“, begann Vater Kurt. „Nun guck dir ganz genau die Karte an. Hier ungefähr sind wir …“ Er tippte mit seinem großen, dicken Finger bedeutungsvoll und mit Nachdruck auf eine bestimmte Stelle der Straßenkarte, die auf dem Tisch vor ihnen lag. „… und an dieser Abfahrt müssen wir die Ausfahrt zur A3 in Richtung A9 nehmen. Da musst du mir Bescheid sagen. Okay? Und beim alten Grenzübergang Kufstein, in Österreich, geht es weiter auf der E45.“
„Alles klar, Kurt. Das mache ich ja nicht zum ersten Mal“, entgegnete Helga selbstbewusst, schob ihre Brille auf der Nase zurecht und schaute besonders interessiert auf die Karte, um den Eindruck zu vermitteln, dass sie alles verstanden hatte. Ihre verzogene Mundlinie verriet Maren aber, dass dem nicht so war. Sie wusste, dass ihre Mutter es nicht so mit der Orientierung hatte. Wie sie so dasaßen, ihre Mutter mit ihrer Föhndauerwelle und dem geblümten Sommerkleid und ihr Vater im rot-weiß-karierten Hemd und Jeans, hatten sie etwas Altbackenes an sich.
„Habt ihr kein Navi?“, fragte Maren ihre Eltern.
„Nee, so’n neumodischen Kram brauchen wir nicht. Mit der guten alten Straßenkarte sind wir bis jetzt überall hingekommen. Nicht wahr, Muddern?“
„Na ja, ich dachte nur, es sei dann für alle einfacher und sicherer“, meinte Maren beschwichtigend. Diesen Einwurf ignorierend, fuhr ihre Mutter fort: „Kufstein, wie schön“, schwärmte sie. „Das Kufstein-Lied habe ich früher immer gern in unserem Chor gesungen.“
Bitte nicht singen, dachte Maren, bitte jetzt nicht singen!
Doch schon erschallte die Stimme ihrer Mutter in den höchsten Tönen über den Parkplatz. „Kennst du die Perle, die Perle Tirols? … Das Städtchen Kufstein, das kennst du wohl, … Umrahmt von Bergen, so friedlich und still, … Ja, das ist Kufstein dort am grünen Inn, … Ja, das ist Kufstein am grünen Inn.“
Und noch bevor sich Maren von diesem kulturellen Schock erholen konnte, setzte ihre Mutter mit geschwellter Brust von Neuem an: „Ho-la-re-di ri-di ri-di ri, ho-la-ri ho-la-rei di-jo-la-ri.“
Hier kennt uns ja, Gott sei Dank, keiner, dachte Maren undpackte peinlich berührt mit ihrer Mutter, die noch immer die Melodie des angestimmten Liedes summte, alles Restliche zusammen und verstaute die Kühltaschen und die Körbe wieder in den Kofferraum des Wagens.
Während Maren den Ohrwurm nicht mehr loswurde, reihte sich der himmelblaue Backofen in den dichter werdenden Verkehr der Autobahn ein. Im Fahrzeug war es stickig. Sie fuhren, eingebettet in der Blechlawine, in Richtung Süden.
Die Straße flimmerte in der Ferne. So fuhren die drei einige Zeit weiter. Maren war, von der Hitze fast ohnmächtig, leicht eingedöst, als sie durch die Stimme ihres Vaters, begleitet von einem fröhlichen Lied von Hansi Hinterseer, aus ihrem Tagtraum gerissen wurde.
„Helga, nun müssen wir aufpassen, gleich kommt das Autobahnkreuz, an dem wir die Autobahn wechseln müssen.“
„Jetzt schon?“, fragte Helga irritiert. „Ich dachte, das dauert noch.“ Sie fing an, die Karte umständlich auseinander zu falten und den richtigen Kartenabschnitt zu suchen. Die Karte nahm den gesamten Platz zwischen Helga und der Windschutzscheibe ein. Selbst Kurts rechte Seite wurde von der Karte bedeckt.
„Wo sind wir denn jetzt?“
„Bei Würzburg!“
„Aha.“
Die Hitze schien auch ihn mitzunehmen. Er schaute zu seiner Frau, die angestrengt auf die Karte schaute.
„Wir müssten hier irgendwo sein!“ Kurt tippte mit seinem Finger mehrmals unwirsch auf die ausgebreitete, gut dreißig Jahre alte Karte – jedoch etwas zu stark. Das altersschwache Papier gab nach, und sein Finger bohrte ein Loch hinein. Das Fahrzeug machte einen kleinen Schlenker.
„Kurt, pass doch auf! Guck lieber nach vorn. Die schöne Karte! Jetzt ist sie kaputt“, lamentierte Helga.
„Ich muss jetzt hier runter, welche Richtung muss ich denn nehmen?“, rief Kurt seiner Frau zu.
„Wir müssten, glaube ich, hier raus.“ Marens Mutter zeigte auf die Ausfahrt, an der sie gerade vorbeifuhren.
„O nein, nun muss ich irgendwie umdrehen! Du solltest mir doch rechtzeitig Bescheid sagen.“ Auf Kurts geribbelter Stirn hätte man Wäsche waschen können.
Maren konnte sich dieses Schauspiel nicht mehr mitansehen.
Das ist ja wie im falschen Film!,fluchte Maren in Gedanken. Sie holte ihr Smartphone aus der Tasche. Nach einer kurzen Recherche sagte sie zu ihrem Vater: „Du kannst weiter auf der A7 bleiben bis zum Kreuz Feuchtwangen/Crailsheim, da kannst du auf die A6 fahren bis Wendelstein bei Nürnberg und dann auf die A9. Dann bei München auf die A8. Und danach fährst du beim Dreieck Inntal auf die A93 Richtung Kufstein.“
Vorn im Cockpit war es für einen Moment ruhig.
„Das sagt dir alles dein Telefon?“, fragte Helga ihre Tochter sichtlich beeindruckt.
„Ja klar! Das ist ein Smartphone – die Zukunft. Und ein Navi würde auch nichts anderes tun.“
„Das is ja doll!“
„Und was machst du, wenn dein Handy keinen Strom hat? Dann nützt dir so ein Smart-Dingsbums oder Navi auch nichts“, sagte Marens Vater skeptisch.
„Dann, Papa, schließe ich mein Smartphone oder mein Navi an dem Zigarettenanzünder im Fahrzeug an und hole mir Strom von der Batterie.“
„Tja, Helga, ich glaube, du kannst die Karte zusammenfalten. Ab jetzt haben wir einen neuen Navigator“, sagte Marens Vater voller Stolz zu seiner Frau. „Ist eben meine Tochter!“
