Ein paar gehen immer drauf - Kathrin Bringold - E-Book

Ein paar gehen immer drauf E-Book

Kathrin Bringold

0,0
6,99 €

-100%
Sammeln Sie Punkte in unserem Gutscheinprogramm und kaufen Sie E-Books und Hörbücher mit bis zu 100% Rabatt.

Mehr erfahren.
Beschreibung

Haben Katzen ein Gewissen? Wieviel Alkohol verträgt ein Pferd? Und was passiert, wenn eine Kolonie neugieriger Antarktis-Pinguine Besuch von Menschen bekommt? Was machen Maulwürfe in ihrer Freizeit? Wie weit gehen Gartenschnecken für ihren Traum? Und was ist eigentlich aus Bruno und Knut geworden? Sechs schräge Geschichten, die Tiere von einer ganz neuen Seite zeigen und uns klarmachen, dass auch sie ihre Probleme haben. Geschichten, bei denen einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Unterhaltsam, hintergründig, politisch unkorrekt.

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 297

Veröffentlichungsjahr: 2021

Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Kathrin Bringold

Ein paar gehen immer drauf

Sechs (sa)tierische Geschichten

© 2021 Kathrin Bringold

Verlagund Druck:

tredition GmbH, Halenreie40-44, 22359 Hamburg

ISBN

 

Paperback:

978-3-347-34218-7

Hardcover:

978-3-347-34219-4

e-Book:

978-3-347-34220-0

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

Ein paar gehen immer drauf

Ausstrecken… nachschieben…

Katzengeflüster

Das Jüngste Gericht

Die Schatzkammer

Emily, ein Bier!

Für Pingvin

und andere

schräge Vögel

Ein paar gehen immer drauf

1

Ein paar gehen immer drauf«, dachte Gwin, die alte Pinguindame.

Unbeweglich stand sie etwas abseits der Gruppe und blinzelte in die Ferne, in die Richtung, in die sie bald aufbrechen würden. Im Schnabel hatte sie noch den Geschmack des Krills. Das würde für lange Zeit ihre letzte Nahrung gewesen sein.

Die Landschaft breitete sich in weißen Farbschattierungen unendlich vor ihr aus. Gwin lauschte auf die Geräusche hinter sich, das Geschnatter, das gelegentliche Platschen, wenn wieder eine aus dem Wasser schoss und sich bäuchlings auf das Eis plumpsen ließ.

Bald mussten sie los. Am eisblauen Himmel wanderte die Sonne langsam dem Horizont entgegen.

***

Flünti wollte den Moment so lange wie möglich auskosten. Sie war immer noch im Wasser, so vollgefressen, dass sie zu platzen drohte. Und trotzdem bewegte sie sich mit einer Leichtigkeit, einer Eleganz, die sie an Land nie erreichen würde.

Einen Augenblick hatte sie noch, bevor sie sich wieder den Gesetzen der Schwerkraft unterwerfen und den Regeln der Gemeinschaft unterordnen musste. Eine Runde noch, ein Stück ins Meer hinaus und zurück, dann würde sie aufsteigen.

Kurz darauf sah sie aus dem Augenwinkel eine junge Pinguinin, die auf dem Weg zu den andern zu sein schien. Flünti konnte auf die Distanz nicht erkennen, wer es war; der Größe nach zu urteilen ein Jungweibchen. Allerdings stimmte die Richtung nicht.

»Wenn sie so weiterschwimmt, kommt sie ganz woanders raus, als da, wo die Gruppe wartet«, dachte sie. »Aber nicht nur das, sie gerät auch in die Nähe der lauernden Seeleoparden. Ich muss sie warnen.«

Flünti versuchte, sie auf sich aufmerksam zu machen, aber die andere sah sie nicht. Sie schwamm ihr nach.

»Die Kleine ist flink; bestimmt hat sie Angst, zu spät zu kommen.«

Flünti legte an Tempo zu. Als sie etwas näher kam, erkannte sie, dass es die schielende Hanni war.

Plötzlich geschah alles sehr schnell. Flünti sah rechts von Hanni einen großen Schatten auftauchen – ein Seeleopard! Ihr Puls jagte hoch, und noch bevor sie das Raubtier sah, gab sie ihrem Reflex nach, machte rechtsumkehrt und schoss zurück zum Ufer. Die Lust auf weiteres Planschen war ihr vergangen. Blitzartig tauchte sie auf und klatschte auf die Eisscholle, schlidderte ein Stück auf dem Bauch und stellte sich umständlich auf die Flossen. Vor Aufregung rutschte sie aus und fiel hintenüber. Als sie erneut aufgestanden war, schüttelte sie sich. Das Wasser spritzte nach allen Seiten.

Gwin schaute sie missbilligend an.

»Bist du die Letzte?« fragte sie mit zusammengekniffenen Augen.

Flünti musste verschnaufen, bevor sie antworten konnte.

»Eine … ist geschnappt worden, glaub ich … ein Seeleopard …«

»Wer?« fragte Gwin.

»Hanni. Es ging alles sehr schnell.«

»Ein paar gehen immer drauf«, murmelte Gwin vor sich hin. Zu Flünti sagte sie: »Mach dich jetzt reisefertig.«

Flünti schrumpfte unter ihrem strengen Blick zusammen. Es war nicht ihre Schuld, dass sie so spät dran war, redete sie sich ein. Immerhin hatte sie die arme Gefährtin zu retten versucht.

Sie watschelte ein paar Schritte von Gwin weg und fing an, mit der Unterseite des Schnabels ihren schwarzen Frack glattzustreichen und einzuölen.

***

Hanni tauchte instinktiv ab. Das war ihre einzige Chance zu entkommen, eine kleine Chance, aber sie musste es versuchen. Der Räuber folgte ihr, doch seine Schwerfälligkeit behinderte ihn. Immer größer wurde die Distanz, bis er schließlich abdrehte, wahrscheinlich, um sich ein anderes Opfer zu suchen. Hanni konnte ihr Glück nicht fassen, hielt einen Moment inne und schwamm, die Nerven immer noch zum Zerreißen gespannt, in einem großen Bogen langsam zur Eiskante zurück.

Mit einem kräftigen Sprung schnellte sie aus dem Wasser und setzte plump auf dem Eis auf. Von ihren Gefährtinnen war keine zu sehen. Dabei hätten sie doch längst alle hier sein müssen.

Sie lauschte einen Moment, rief nach ihnen.

Nichts. Nur das Knacken des Eises und das Plätschern des Wassers.

Ins Meer zurück getraute sie sich nicht; der Schreck saß ihr immer noch in den Flossen.

Sie wusste nicht, in welcher Richtung sie suchen sollte. Ratlos hob sie den Kopf und spähte lange nach allen Seiten. Außer den verschiedensten Schattierungen von Weiß, die in der kalten Sonne schimmerten, bewegte sich nichts. Nicht mal ein Sturmvogel drehte in der Luft seine Runden.

Sie war allein.

***

Gwin reckte ihren Schnabel in die Luft und überblickte die Menge. Sie durften nicht länger warten.

»Nun, Zeit zum Aufbruch«, versuchte sie das Gackern der Menge zu übertönen. »Und denkt daran: Immer schön zusammenbleiben. Allein seid ihr verloren, vergesst das nicht.«

Sie hob die rechte Flosse, während sie das Gewicht auf die linke Seite verlagerte, setzte sie ein Stück weiter vorne auf, hob die linken, indem sie das Gewicht nach rechts verlagerte, setzte sie auf. Nach den ersten schwerfälligen Schritten fand sie zu ihrem Pendelrhythmus und es ging fast von allein. Zumindest da, wo das Gelände flach war.

Schon bald stand der erste Eisberg vor ihr. Übersteigen oder umgehen? Es lag an ihr zu entscheiden. Dieser hier war groß und unwegsam, nahezu unüberwindlich. Es war vernünftiger, den Umweg zu machen, auch wenn das mehr Zeit kostete.

Gwin schaute nicht zurück, kein einziges Mal. Hinter ihr marschierten die Pinguine in langer, ungeordneter Formation. Manche gingen einzeln, andere zu zweit nebeneinander oder in kleinen Gruppen. Die Älteren, die die Reise schon oft gemacht hatten, hingen ihren Gedanken nach und passten nebenbei auf, dass niemand vom Weg abkam. Die Jüngeren unterhielten sich.

»Gla-glaubst du, dass ich einen neuen Partner finden würde?« fragte Dandi ihre Freundin Budwig, die neben ihr ging und sich kaum merklich mit den Flügeln an die Seite klopfte.

»Warum solltest du einen neuen Partner wollen? Krong war doch für dich ganz in Ordnung«, fand Budwig.

»Fi-findest du?« empörte sich Dandi. »Immerhin hat er das Ei auf dem Gewissen. Er war so ein To-Tolpatsch!«

Budwig zuckte mit den Schultern, während sie sich weiter mit den Flügeln an die Seite tätschelte. »Nimm’s nicht so tragisch. Lipun war auch nicht perfekt. Hat sich irgendwie beim Fressen immer sehr viel Zeit gelassen. Aber unser Kleiner war ja zum Glück ein robustes Kerlchen …« Sie legte den Kopf schief, machte eine nachdenkliche Pause, während der man nur die schlurfenden Schritte der Flossen auf dem Eis hörte, und fuhr fort: »Ich an deiner Stelle würde bei Krong bleiben. Woher willst du wissen, ob nicht ein anderer noch viel schlimmere Macken hat?«

Flünti, die mit ihrer Freundin Veren dicht hinter ihnen ging, schnaubte. Sie hatte letzten Winter nicht nur ihren Partner sondern auch ihr Küken verloren. Und außerdem hatte sie vor Kurzem beinahe zusehen müssen, wie die schielende Hanni geschnappt wurde. Sie konnte dieses Geschwätz nicht ertragen.

Budwig hielt kurz an, um sich auf den Weg zu konzentrieren. Vor ihnen lag ein abfallendes Eisfeld.

Flünti ging an ihr vorbei, ließ sich auf den Bauch fallen und schlidderte hinunter. Um mehr Tempo zu gewinnen, paddelte sie dabei mit den Flossen. Sie girrte vor Lust. Dandi folgte ihr, konnte aber nicht rechtzeitig bremsen und schob Flünti gleich noch ein Stück weiter. Hinter ihnen kamen andere, die ebenfalls alle auf sie aufprallten, bis sie fröhlich gackernd auf einem Haufen lagen und sich unbeholfen wieder aufrappelten. Erst als der Platz wieder frei war, rutschte Budwig hinunter und stand am Ende gesittet wieder auf.

***

Nach zwei Tagen sah die schielende Hanni ein: Hier zu bleiben war sinnlos.

Sie raffte sich auf und watschelte los in die Richtung, in die sie glaubte, dass die andern gegangen sein mussten. Die ganze Zeit strengte sie ihre Ohren an. War da neben dem Schleifen ihrer Füße auf dem Eis nicht ein gedämpftes Schnattern, ein entferntes Krächzen vielleicht? Wenn sie anhielt, hörte sie nichts. Verzweifelt rief sie nach ihrem Volk und lauschte in die Stille. Dann schleppte sie sich weiter.

Sie hatte schon mehrere schneebedeckte Anhöhen erklommen und war auf der anderen Seite hinabgestiegen, als sich vor ihr ein schier unpassierbarer Eisberg auftürmte, um den aggressiv der Wind pfiff. Sie zögerte, ihn zu besteigen, konnte sich aber auch nicht entschließen, ihn zu umgehen.

Nachdem sie lange Zeit an seinem Fuße verharrt hatte, wagte sie es doch und machte sich an den Aufstieg. Fiel hin. Rappelte sich hoch. Fiel hin. Rutschte ein Stück zurück. Kam wieder auf die Flossen.

Oben angekommen blickte sie auf einen ebenso unwegsamen Abhang. Gegenüber türmte sich ein weiterer Berg auf. Bäuchlings hinabzuschliddern war unmöglich. Grobe Eisblöcke lagen unordentlich, wie hingeworfen übereinander. Kaum vorstellbar, dass sie hier auf die anderen treffen und dass dieser Weg zur großen Ebene führen würde.

Behutsam stieg sie Schritt für Schritt hinab, konzentrierte sich auf ihre Flossen, doch wegen ihrer Augen, die einfach nicht in die gleiche Richtung schauen wollten, rutschte sie immer wieder aus. Dann plötzlich, ein Misstritt, etwas knackte in ihrer Flosse. Ein stechender Schmerz, der bei jedem Schritt stärker wurde, raubte ihr fast den Verstand. Doch sie musste weiter. Sie stützte sich seitlich mit den Flügeln ab, um das verletzte Gelenk zu schonen. Eine Weile lang ging das leidlich, bis sie trotz aller Vorsicht mit der noch heilen Flosse ausglitt und in eine Spalte geriet. Sie prallte mit ihrem ganzen Gewicht auf einen Eisblock, der dabei verrutschte und ihre Flosse vollends festklemmte.

Ein wilder Krächzer entfuhr ihr. Sie versuchte loszukommen, indem sie unkontrolliert mit den Flügeln schlug und sich mit der freien Flosse abstieß. Der Schmerz betäubte sie beinahe.

Der Wind heulte grimmig und kroch ihr unter das Federkleid. Über ihr war der Himmel düster. Sie fror. Vor lauter Sorge darüber, den Anschluss zu finden, hatte sie vergessen, sich einzuölen.

Immer kraftloser wurden ihre Flügelschläge. Geschwächt fiel sie in sich zusammen.

Das Eis gab sie nicht mehr her.

***

Mit jedem Tag spähte Gwin angespannter in die Ferne. Es konnte nicht mehr weit sein.

Endlich, als sie den letzten großen Eisberg umwandert hatten, sah sie am Horizont etwas Dunkles flimmern. Oder war es ein Trugbild? Sie hob den linken Flügel, um ihre empfindlichen Augen vor dem gleißenden Sonnenlicht abzuschirmen. Tatsächlich, das dunkle Flimmern entpuppte sich als ein Heer von kleinen schwarzen Punkten, die auf dem weißen Hintergrund durcheinanderschwirrten.

Pinguine. Ihre Partner. Jede Reise hat mal ein Ende, dachte Gwin zufrieden und schnarrte vernehmlich. Die Truppe hinter ihr merkte auf und stimmte ein aufgeregtes Geschnatter an. In Momenten wie diesem wünschten sie sich, fliegen zu können.

2

Rennen hab ich nie gut gekonnt. Ich bin ständig hingefallen. Ich hab nicht rennen gekonnt, aber ich hab auch nicht gewollt. Eine richtige Abneigung hab ich dagegen gehabt. Immer schon.

Meine Kameraden im Kindergarten damals rannten gerne. Und auch später, in der Schule.

Nur selten ließen sie mich mit ihnen spielen. Sie merkten halt, dass ich anders war.

Sie lachten mich aus wegen meiner Beine. Nicht dass ich das schlimm fand; ich war mit meinen Beinen zufrieden, so wie sie waren. Ich verstand nicht, was an ihnen lustig sein sollte.

Eines Tages, ich war wohl so sechs Jahre alt, da nahm mich Mama zur Seite und sagte: »Maximilian-Schätzchen, du bist nun schon ein großer Junge. Wenn du artig bist, darfst du heute Abend mit Papa und mir ins Restaurant gehen.«

Dabei hatte das mit meinem Alter gar nichts zu tun.

Sie fanden an dem Tag einfach keinen Babysitter für mich. Aber das erfuhr ich erst viel später.

Ich war noch nie in einem Restaurant gewesen und war ganz aufgeregt. Das Lokal war nicht groß. Es gab einige Tische mit weißen Tischtüchern, Gedecken und Blümchen. An den Tischen saßen fremde Menschen, die miteinander murmelten. Es war auch Geschirrgeklapper zu hören. Ich kletterte auf meinen Stuhl. Meine Beine reichten nur knapp über die Kante.

Nun kam ein großer, feister Mann an unseren Tisch und begrüßte meine Eltern wie alte Bekannte. Er trug eine klein karierte Hose und auf dem Kopf eine hohe, weiße Mütze.

»Na, wen haben wir denn da«, sagte er, als er mich sah, und kniff mich in beide Wangen. Sie wurden ganz heiß und der Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen.

Papa las in einem großen, flachen Buch mit Ledereinband. Unterdessen brachte ein Kellner den Aperitif. Das sind Getränke, die man vor dem Essen trinkt, sagte meine Mutter. Ich bekam einen Sirup.

Ich staunte. Der Kellner war nicht viel größer als ich. Ich mochte ihn auf Anhieb. Er erinnerte mich an den Zeichentrickfilm mit den Pinguinen. Den Film hatte ich zu Weihnachten bekommen. Ich durfte ihn manchmal schauen, wenn Papa nicht zu Hause war. Mama telefonierte dann immer im Schlafzimmer. Der Kellner hatte eine weiße, gewölbte Brust, einen schwarzen Frack und eine lange krumme Nase. Und er watschelte beim Gehen.

Ich starrte ihm mit offenem Mund nach, bis Papa mir einen Klaps gab. Nun starrte ich auf die Bläschen in meinem Sprudel.

Mein Vater hatte halt den Trickfilm nicht gesehen.

Der Kellner kam wieder und fragte: »Was möchten Sie denn essen?« Er sprach mit einer normalen menschlichen Stimme. Nur ein bisschen heiser war sie.

Bevor er sich wieder entfernte, zwinkerte er mir zu. Ich glaube, er mochte mich auch. Ich meinte, einen kühlen Lufthauch zu spüren, wenn er in der Nähe war. Der Lufthauch hatte einen Geruch, den ich kannte. Ich wusste im Moment nur nicht, woher. Meine Eltern sahen einander an; Mama warf dem Kellner einen Blick nach und sagte leise etwas zu meinem Vater.

Ich bekam Spaghetti. Der Ärmel des Kellners streifte meinen Unterarm, als er den Teller vor mich hinstellte. Die Berührung war ganz sanft und kitzelte mich. Wie Federn. Jetzt erkannte ich den Geruch. Es war gefrorener Fisch.

Wenn meine Eltern ausgingen, dachte ich, sie gingen wieder in das Restaurant. Ich bestürmte sie immer, sie sollten mich mitnehmen. »Nein, Schätzchen, du kannst nicht mit«, entschied Mama jeweils. Das machte mich traurig.

Zum Trost nahm mich meine Tante einmal mit in den Zoo. Meine zwei kleinen Cousinen waren auch dabei.

Die meisten Tiere interessierten mich nicht besonders – außer den Pinguinen.

Meine Tante erzählte später bei jeder Gelegenheit, dass ich weinte, als ich wieder nach Hause gehen musste. Erst mit einem Trick bekam sie mich weg; sie versprach uns nämlich allen ein Eis.

Manchmal war Mama richtig gut gelaunt. Dann durfte ich mir etwas wünschen. Ich wollte immer in den Zoo, die Pinguine besuchen.

Als ich größer war, durfte ich allein hingehen. Mein ganzes Taschengeld gab ich für Zoobesuche aus. Bald wusste ich genau Bescheid. Ich wusste, zu welchen Zeiten die Pinguine im Gehege waren, und wann sie im Winter den Rundgang machten. Sie waren ganz zahm, und manchmal durfte ich sie streicheln. Eigentlich war es verboten, sagte der Pinguinpfleger. Der Pinguinpfleger war nett und hieß Simon. Er hatte schon graue Haare und eine Glatze hinten am Kopf. Manchmal durfte ich ihm bei der Fütterung helfen. Er war mein Freund.

»Du bist ja selbst ein kleiner Pinguin«, sagte Simon manchmal und seufzte und blickte auf meine kurzen Beine.

Ich wollte auch Pinguinpfleger werden, doch für diesen Beruf gab es keine Ausbildung. Ich hätte ein normaler Tierpfleger werden müssen, aber die anderen Tiere interessierten mich nicht.

Am zweitliebsten wollte ich Kellner werden. Ich machte eine Schnupperlehre in einem Hotel. Die ersten Tage musste ich Gläser abtrocknen und Tische abräumen. Dann war eine der richtigen Kellnerinnen krank und ich durfte endlich Gäste bedienen. Ich durfte ihnen die Getränke bringen und später die Suppe. Man musste die Teller ganz gerade halten, um nichts zu verschütten. Ich passte höllisch auf, nicht zu stolpern, während ich vorsichtig durch das Lokal bis zu dem bezeichneten Tisch schritt. Dort stellte ich den ersten Teller vor den Mann hin … Ein scharfes Zischen von hinten, ich zuckte zusammen, die Suppe im zweiten Teller schwappte über den Rand, ein Teil auf das Tischtuch und ein Teil der Frau auf das Kleid. Ich spürte, wie mein Kopf rot wurde. Der Chef de Service, der mich anleitete, stand schon hinter mir. Das Zischen war von ihm gekommen. Er habe mir doch eingeschärft, immer zuerst die Dame zu bedienen, sagte er. Sein Kopf war auch rot. Er war immer ein bisschen rot, aber jetzt noch mehr.

Dabei hätte ich diesen Beruf gerne erlernt.

Stattdessen wurde ich Metzger. Mein Lehrer in der Abschlussklasse drängte mich dazu. Als nämlich die Schule fast fertig war, hatte ich immer noch keine Lehrstelle. Und der Lehrer kannte den Personalchef der Großmetzgerei, und die suchte noch einen Lehrling. Ich sei doch ein kräftiger Bursche, fand der Lehrer. Warum nicht, sagte ich mir. Solange ich keine Pinguine schlachten muss …

Die Pinguine liebte ich auch als Erwachsener. Mindestens einmal pro Woche ging ich in den Zoo. Am liebsten am Sonntag, denn da war der Pinguinmarsch. Ich hatte inzwischen mehrere Bücher über Pinguine bei mir zu Hause. Besonders gerne schaute ich darin die Bilder an. Ich wollte gerne einmal die Kaiserpinguine in ihrer Heimat besuchen. Die Pinguine lebten nämlich eigentlich nicht im Zoo, sondern in der Antarktis. Das wusste ich von Simon. Simon war sogar einmal dort gewesen, sagte er.

***

Es war an einem Novembertag, und es regnete. Ich ging wie immer für den Pinguinmarsch in den Zoo. Ich war der einzige Zuschauer. Das heißt, außer mir war noch eine junge Frau da. Sie hatte blaue Gummistiefel an. Ihre Haare waren nass und fielen ihr strähnig ins Gesicht. Sie hatte einen Notizblock dabei, auf den sie ab und zu etwas schrieb.

»Du hast gar keinen Schirm«, sagte ich zu ihr. Ich streckte den Arm aus und hielt ihr meinen über den Kopf.

»Ja, ich habe eine Hand zu wenig.« Sie blickte kurz auf, kritzelte aber gleich weiter.

Ich versuchte etwas zu entziffern. Sie schrieb schneller, als ich lesen konnte.

»Ich mache Notizen für meine Diplomarbeit«, sagte sie, als sie merkte, dass ich schaute. »Über das Verhalten von Pinguinen im Zoo.«

»Ich liebe die Pinguine«, sagte ich. Aber unter einer Diplomarbeit konnte ich mir nichts Genaues vorstellen.

Sie heiße Sandrine, sagte sie. Mein ausgestreckter Arm, mit dem ich den Schirm hielt, wurde schwer, also ging ich ein bisschen näher hin.

Ob ich öfters hier sei.

Ich nickte und holte mit der freien Hand meine Zigarettenpackung aus der Jackentasche. Ich hatte erst vor kurzem angefangen zu rauchen. Als ich versuchte, einhändig eine Zigarette anzuzünden, rutschte mir die Schachtel aus der Hand; mit der andern, die den Schirm hielt, versuchte ich sie aufzufangen und schlug dabei Sandrine den Schirm an den Kopf.

Ich hatte ein bisschen Angst, dass sie sauer sei, aber sie lächelte.

Von da an trafen wir uns jeden Sonntag im Zoo. Manchmal ging ich mit Sandrine später nach Hause. Sie wohnte im Studentenwohnheim.

Einmal wartete ich vergebens. An den nächsten Tagen machte ich mir Gedanken. War sie etwa krank? Am Mittwochabend ging ich zu ihr. Sie war nicht krank, aber sie müsse an ihrer Diplomarbeit schreiben, sagte sie. Ich hatte aus der Metzgerei zwei Steaks mitgebracht, die wir nun zusammen brieten. Ich war froh, dass sie auch gerne Fleisch mochte. Ich hätte nicht gewusst, was ich ihr sonst mitbringen könnte.

Das war von nun an immer so; wenn sie am Sonntag nicht kommen konnte, ging ich am Mittwoch zu ihr und wir brieten zwei Steaks.

Dabei redeten wir über Pinguine.

Ich redete nicht viel. Meistens redete sie.

Sie erzählte, was sie bei den Pinguinen Neues beobachtet hatte. Wie wählerisch sie seien, wenn es ums Fressen ging. Wenn sie bei der Fütterung einen Fisch nicht erreichten, bevor er auf dem Grund lag, verschmähten sie ihn. Dass es unter den Pärchen zwei Schwule gebe, das sind Männchen, die Männchen lieben. Jedenfalls säßen sie abwechslungsweise auf einem ovalen Stein, als ob sie ihn ausbrüten wollten. Wie treu und einander zugetan sie seien. Fremdgehen scheine überhaupt kein Thema zu sein.

Ich bewunderte Sandrine. Nicht weil sie das alles beobachtete; das tat ich auch. Sondern weil sie es so gut beschreiben konnte. Ich konnte das nicht.

Dafür konnte ich gut die Pinguine nachmachen. Vor allem ihren Gang, bei dem sie so watscheln und sich auf ihren kurzen Beinen hin und her wiegen. Ich fand, es sehe aus wie ein Pendel, das auf dem Kopf steht. Sandrine musste immer furchtbar lachen.

»Mein Gott, Maximilian, ich glaube wirklich, du hast ein Pinguin-Gen mitbekommen«, sagte sie immer und gluckste und umarmte mich.

Oft blieb ich über Nacht und schlief bei Sandrine in ihrem Studentenzimmer. Auf einer Schaumstoffmatratze am Boden. Ich hätte mich gerne auf Sandrine draufgelegt, wie es die Pinguine bei der Paarung taten, aber sie bestimmte: »Wir sind nur Freunde«.

Als Sandrine ihre Diplomarbeit fertig hatte, war auch ihr Studium fertig. Sie fand eine Stelle an einem Institut. Das Institut befand sich in einem anderen Stadtteil. Sie nahm sich dort eine kleine Wohnung. Ich hätte gerne bei ihr gewohnt, obwohl die Metzgerei am entgegengesetzten Ende der Stadt war. Aber Sandrine meinte, der Weg sei zu lang.

Im Zoo traf ich Sandrine jetzt selten. Doch ich ging sie weiterhin besuchen, immer am Mittwoch.

***

Manchmal schlenderte ich nach der Arbeit durch die Straßen. Einmal sah ich in einem Schaufenster ein Plakat, auf dem sich zwei erwachsene Pinguine gegenüberstanden. Zwischen sich hatten sie ein Küken, auf das sie beide hinunterblickten. Darüber war in schwarzer Schrift auf eisblauem Grund geschrieben: ABENTEUER ANTARKTIS – ZU DEN KAISERPINGUINEN VON SNOW HILL ISLAND. In kleinerer Schrift stand noch mehr, aber ich las nicht weiter. Mein Herz klopfte laut und schnell.

Neben dem Plakat konnte ich durch die Scheibe ins Innere des Geschäfts sehen. Ich sah aber nicht viel. Die Scheibe spiegelte. Als ich schon weitergegangen war, stutzte ich doch. Drinnen hatte ein Mann mit dem Rücken zum Fenster gesessen, der hatte eine Glatze und einen Kranz grauer Haare wie Simon. Fast wäre ich noch mal zurückgegangen und hätte geschaut, ob er es wirklich war.

Von da an nahm ich jeden Tag den gleichen Weg nach Hause. Jeden Tag kam ich an dem Schaufenster vorbei und blieb vor dem Pinguinplakat stehen. Es zog mich magisch an, noch mehr als die Pinguine im Zoo. Ich betrachtete es lange und ging schließlich weiter.

Am Sonntag ging ich wie immer in den Zoo. Simon war nicht da. Wahrscheinlich hatte er heute seinen freien Tag. Ich ging bald wieder.

Am Montag kam ich wieder am Schaufenster vorbei, doch diesmal blieb ich nicht stehen. Ich ging hinein.

Drinnen standen zwei lange Tische. Hinter beiden saß eine Frau. Die eine war in meinem Alter und hatte blondes, zurückgekämmtes Haar. Sie glich ein bisschen Sandrine. Sie redete in einen Telefonhörer, den sie unter das Kinn geklemmt hatte. Gleichzeitig wühlte sie in einem Stapel Papier.

Die andere sagte freundlich, ich solle Platz nehmen. Ich ging näher. Sie deutete auf einen Stuhl. Ich hielt mich mit der linken Hand an der Stuhllehne fest, aber ich blieb stehen.

»Ich will die Pinguine besuchen«, sagte ich.

»In die Antarktis«, sagte sie. Ich wusste nicht, ob es eine Frage oder eine Feststellung war, aber wenigstens lachte sie nicht.

Ich nickte.

»Möchten Sie gleich buchen oder sich zuerst die verschiedenen Angebote ansehen?«

Ich hatte nicht damit gerechnet, dass sie noch weitere Angebote hätten. Ich hatte nur das Plakat im Schaufenster gesehen.

Sie stand auf, ging zu einem Regal hinter ihr und nahm daraus einen Katalog. Dann setzte sie sich wieder hin.

»Bitte setzen Sie sich doch«, sagte sie noch einmal. Ich wollte aber nicht.

»Oder möchten Sie den Katalog mit nach Hause nehmen?«

Der Katalog war weiß und glänzte und hatte auf der Titelseite ein Foto mit einem großen Schiff. Hinter dem Schiff ragte ein riesiger Eisberg aus dem Wasser. Ich rollte den Katalog zusammen und umklammerte ihn fest mit der linken Hand. Als ich zu Hause ankam, hatte er feuchte Abdrücke von meinen Fingern.

Fasziniert schaute ich die Bilder an und las die Bildunterschriften. Es gab nur eine Antarktiskreuzfahrt, die mir gefiel, nämlich die nach Snow Hill Island. Genau wie es auf dem Plakat stand.

Als ich das nächste Mal in den Zoo ging, nahm ich den Katalog mit. Ich wollte ihn Simon zeigen.

Simon war wieder nicht da. Er sei im Urlaub, hieß es. Die Pinguine wurden von einem anderen Pfleger gefüttert. Ich schluckte leer.

Wenig später fiel mir etwas ein. Ich war seit vorletztem Mittwoch nicht bei Sandrine gewesen. Ich hatte sie auch nicht angerufen. Dabei hatte sie mir einmal ihre Nummer auf einen Zettel geschrieben. Als ich jetzt an sie dachte, spürte ich ein Ziehen in meiner Brust.

3

Budwig und Lipun standen ganz nahe beieinander. Vor der mächtigen Eiswand, die der Kolonie als Schutz vor dem Wetter diente, streichelten sie einander zärtlich mit den Flügeln, prägten sich mit dem Schnabel gegenseitig ihre Umrisse ein, nahmen den Geruch des andern auf. Von Zeit zu Zeit gurrten sie sich etwas ins Ohr.

»Ich habe deine Stimme schon von Weitem erkannt«, sagte Budwig. »Noch bevor du unser Lied gesungen hast.«

»Am meisten habe ich deinen Geruch vermisst«, sagte Lipun bedächtig. » Du riechst immer noch genau gleich. Nach Wintertintenfisch und Salz.«

Zu ihnen drangen Hunderte Stimmen von anderen Paaren, die sie kaum wahrnahmen, nicht ihr Liebesgeflüster, nicht die gedämpft herüberklingenden Glückwünsche, wenn sich wieder zwei gefunden hatten: Dem Brutpaar viel Glück.

Als Budwig bereit war, legte sie sich auf den Bauch und stützte sich mit den Flossen ab, um nicht wegzurutschen. Lipun balancierte auf ihr. Er ließ sich Zeit, und doch ging es für beide viel zu schnell.

Dandi war wieder mit Krong zusammen. Eher mangels Alternative, als auf Budwigs Rat hin. Sie hatte gebummelt und war als eine der letzten auf der Ebene eingetroffen. Es gab mehr Weibchen als Männchen. Am Schluss war sie froh, überhaupt einen gefunden zu haben.

Ihre Paarung ging nicht so reibungslos vonstatten wie die von Budwig und Lipun. Dandi musste dabei an Gwin denken, die immer einen Merksatz von sich gab, wenn sich jemand zu sehr beeilte. Der Satz selbst fiel ihr nicht mehr ein. Anstatt ganz still zu halten, als Krong auf sie stieg, zwickte sie jedes Mal irgendwo ein Muskel, worauf er wieder abrutschte. Sie war froh, als es vorbei war.

Flünti war überzählig. Sie hatte sich nicht besonders bemüht, einen Partner zu finden, denn sie war sich noch nicht schlüssig, ob sich der Aufwand lohnte.

Plötzlich waren alle Männchen vergeben, und sie war immer noch allein. Auch gut. Wer nichts hat, kann nichts verlieren, sagte Gwin immer. Überdies hatte man als Einzelpinguin noch andere Vorteile: Man konnte etwa länger im Wasser bleiben, ohne dass man vermisst wurde. Und trotzdem wurde einem nicht langweilig. Denn auch die partnerlosen Weibchen hatten in der Gemeinschaft eine Aufgabe zu erfüllen.

Flünti gesellte sich zu Veren, die ebenfalls ohne Ehemann geblieben war. Im Gegensatz zu Flünti hatte sie darum gekämpft, einen Partner zu bekommen und sah jetzt arg zerrupft aus. Ihre Gegnerin Trine war erfahrener als sie und hatte sie übel zugerichtet. Während Veren ihre Federn zurechtzupfte, sah sie argwöhnisch zu ihrer Widersacherin hinüber, die sich liebevoll an ihren Partner schmiegte und dabei die Welt um sich herum vergaß.

»Warte nur«, sprach Veren halblaut vor sich hin und kratzte sich mit dem Schnabel an der weißen Brust, »das wirst du mir büßen.« Flünti, die es hörte, hatte kein gutes Gefühl dabei.

Als sich alle Paare gefunden und sich die überzähligen in kleinen Grüppchen versammelt hatten, gab es nichts mehr zu tun. Die ewige Nacht rückte näher, die Sonne tauchte jeden Tag nur für kurze Zeit am Himmel auf. Die Pinguine warteten. In Gedanken bereiteten sie sich auf die kommende Zeit vor.

»Duda-darfst dich dann nicht wieder so ungegeschickt anstellen wie letztes Jahr«, sagte Dandi zu ihrem Partner Krong.

»Wir könnten ja schon mal üben«, sagte er und blickte sie mit schräg gestelltem Kopf von der Seite an.

Sie blickte ihm verwundert nach, als er zielstrebig davonwatschelte, zwischen den anderen Pärchen hindurch, bis sie ihn in der Menge aus den Augen verlor.

Zwei Tage später kam er wieder. Zwischen den Flossen schob und rollte er ein Stück Eis, das nicht ganz rund war, aber in der Größe und Form einem Pinguinei ähnlich sah. Er wälzte es vor sie hin. Dandi glotzte ihn irritiert an, doch schließlich verstand sie. Sie rollte das Ding zu ihm zurück, und er versuchte, es auf seine Flossen zu bekommen und unter seiner Brutfalte zu versorgen. Er tat es so vorsichtig, als ob es sich wahrhaftig um ein frisch gelegtes Ei handle, dabei war der Eisklumpen einfach nur zu kalt, um ihn fest anzufassen. Beim dritten Versuch klappte es. Sie übten weiter, bis Krong es auf Anhieb schaffte.

***

Flünti hörte das Geräusch als erste. Es klang nicht wie das Plätschern des Meeres, es klang nicht wie das Heulen des Windes, auch nicht wie das ewige Knacken des Eises. Es hörte sich an wie ein gleichmäßiges Knurren, das langsam, aber stetig näher kam und immer lauter wurde. Es kam aus der Luft. Es musste ein sehr großer Vogel sein, der so laut brummen konnte.

Die Pinguine wurden nervös. Sie schauten an den Himmel. Ein massiges Ungetüm mit großem Bauch, zwei riesigen viereckigen Augen und zwei langen Flossen flog auf sie zu und über sie hinweg. Flügel konnten sie keine ausmachen. Wie es sich in der Luft halten konnte, war ihnen ein Rätsel. Sie hatten sich schon oft gefragt, was es brauchte, um fliegen zu können, und hatten verschiedene Vogelarten studiert. Sie waren zum Schluss gekommen, dass das Wichtigste zwei Flügel von einer gewissen Spannweite und Tragfläche waren – und nicht so kümmerliche Paddelflossen, wie sie sie hatten. Kein Wunder wurden sie von manchen Raubtieren, allen voran den Seeleoparden, als Fische betrachtet, gejagt und verspeist. Nicht dass sie Fische nicht gemocht hätten – als Ergänzung zu ihrer Lieblingsnahrung, dem Krill, aßen sie sich gerne an ihnen satt. Doch selbst dazugezählt zu werden, damit konnten sie sich nur schwer abfinden.

Sie blickten dem Riesenvogel verwundert nach, bogen den Kopf nach hinten, einige so weit, dass sie das Gleichgewicht verloren und auf den Rücken fielen. Mühsam stellten sie sich wieder auf die Flossen und drehten sich in die andere Richtung, gerade noch rechtzeitig, um zu sehen, wie das fliegende Ungeheuer in einiger Entfernung landete. Erst da bemerkten sie seine parallel zum Boden kreisenden Flügel, die sich nun immer langsamer drehten und schließlich ganz still standen. Endlich war auch das Gedröhne weg.

Die Pinguine beobachteten die Szene bewegungslos, aber aufmerksam. Sie befürchteten, dass das Riesentier auf der Lauer lag, um bei der ersten Unaufmerksamkeit einen von ihnen zu schnappen. Oder gleich mehrere. Dickleibig wie es war, hatte es bestimmt einen gewaltigen Appetit.

Der Vogel hatte eine Öffnung am Bauch – die Zuschauer hielten vor Staunen den Atem an – aus der nun eine Art Pinguine stiegen. Jedenfalls sahen sie von weitem so aus; sie standen auf zwei Beinen und von ihren Schultern baumelten Flossen. Zuletzt schloss sich die Öffnung wieder und die Geschöpfe marschierten los.

Sie kamen geradewegs auf die Pinguine zu. Als sie nahe genug waren, stellten die Wartenden fest, dass sie sich doch um einiges von ihnen unterschieden. Zum Beispiel waren die Beine viel länger. Die konnten bestimmt gut unter Wasser paddeln, dachten die Pinguine neidisch, doch als sie ihre Klumpflossen sahen, waren sie sich nicht mehr so sicher.

Im Gesicht waren sie ganz oder mindestens teilweise nackt. Bestimmt mussten sie frieren. Außerdem sahen ihre furchigen, pinkfarbenen Gesichter ziemlich hässlich aus. Ihr Schnabel war kein richtiger Schnabel, eher ein Zacken mit zwei Löchern oberhalb eines simplen, quer verlaufenden Schlitzes. Wie konnten sie damit bloß Fische fangen?

Am meisten fielen die Fräcke auf, obwohl man von Fräcken eigentlich nicht reden konnte. Auch Federfelle traf es nicht, dazu waren sie zu glatt. Sie waren nicht vorne weiß und hinten schwarz wie bei den Pinguinen, sondern von oben bis unten in der gleichen Farbe, oder auch oben verschieden von unten. Nebst Schwarz und wenig Weiß kamen auch viele Blautöne vor und einige Farben, die es im Land der Pinguine gar nicht gab. Am auffallendsten war, dass sie so uneinheitlich aussahen. Die Pinguine fragten sich, ob sie überhaupt alle der gleichen Art angehörten. Es sah alles sehr zufällig und zusammengewürfelt aus. Eine Gruppe Pinguine hätte sich in so einer Aufmachung niemals zusammen auf Reisen begeben.

Da die Fremden immer zu zweien nebeneinander her gingen, nahmen die Pinguine an, dass sie zum Brüten herkämen und rückten eilfertig ein bisschen zusammen.

Die anderen blieben in einiger Entfernung stehen und glotzten zu ihnen herüber. Vielleicht hatten sie Angst, näher zu kommen. Die Pinguine schauten freundlich zurück und machten einladende Bewegungen mit den Flügeln, doch die seltsamen Wesen reagierten nicht. Offenbar waren sie schwer von Begriff.

Ein paar Pinguine, darunter die Einzelfrauen Flünti und Veren, die sich am meisten über die Abwechslung freuten, verstärkten ihre Bewegungen, flatterten mit den Flügeln und lockten mit zärtlich gurrender Stimme, doch die Geschöpfe wichen zurück, als ob sie sich fürchteten.

Gwin, die die Szene blinzelnd beobachtet hatte, ermahnte die Pinguine, jede ungestüme Bewegung zu vermeiden, um die Neuankömmlinge nicht zu erschrecken. »Eile verzögert nur die Dinge«, sagte sie abgeklärt und Dandi musste an ihre Paarung mit Krong denken. Das war der Merksatz, der ihr damals nicht einfallen wollte.

Von da an standen die Pinguine wieder ganz ruhig und betrachteten die bunten Gestalten aufmerksam. Diese stierten zurück. Fast alle hatten eckige, schwarze Gegenstände bei sich, die sie sich ab und zu vors Gesicht hielten und die leise klickten und surrten.

Ein paar bewegten sich von der Gruppe weg und näherten sich der Pinguinkolonie von der anderen Seite.

Gwin hörte den Wind pfeifen, spürte, dass bald ein Sturm aufkommen würde und wollte die Abtrünnigen zur Ordnung rufen. Sie ging zu ihnen hinüber und scheuchte sie mit der Hilfe von ein paar anderen Pinguinen zurück zu ihrer Gruppe. Obwohl sie nur halb so groß waren wie jene, gelang es auf Anhieb. Ein paar kurze Befehle und wildes Fuchteln mit den Flügeln genügte.

Der Wind wurde immer stärker.

Kurz bevor die Sonne unterging, marschierten die Fremdlinge zurück zu ihrem Vogel und verschwanden wieder in seinem Bauch. Die Pinguine waren enttäuscht. Offenbar hatte den Neuankömmlingen ihr Brutplatz nicht gefallen. Aber vielleicht war es besser für sie. Sie waren sowieso viel zu spät dran zum Brüten. Bestimmt hatten sie sich noch gar nicht begattet.

Der Riesenvogel fing an zu brummen und drehte kräftig seine Flügel, doch er flog nicht auf. Der Sturm war nun so stark, dass er den Pinguinen Eiskristalle in die Augen blies und sie Schutz suchend näher zusammenrücken ließ. Der Vogel wurde wieder still. Es wurde Nacht, und er hatte sich noch immer nicht von der Stelle bewegt. Die Pinguine hatten keine Angst mehr vor ihm. Hingegen fragten sie sich, ob er wohl verletzt sei. Da er aber so viel größer war als sie, glaubten sie nicht, etwas für ihn tun zu können. Zuerst mussten sie achtgeben, dass sie nicht selbst erfroren. Sie stellten sich auf die Fersen. Das half ein bisschen.

Der Sturm wütete die ganze Nacht, und es war eine lange Nacht. Erst als die bunten Schimmer am Himmel langsam in Tageslicht übergingen, beruhigte sich das Wetter. Die fremden Wesen stiegen noch einmal aus dem Bauch des Vogels und taten einige Schritte. Ein paar winzige Lichter flackerten auf. Aus der Entfernung konnte man nichts Genaues erkennen, außer dass einige von ihnen kleine graue Wölkchen vor ihrem Gesicht hatten. Bald verschwanden sie wieder im Vogel.

Dieser fing an zu brummen, drehte kräftig seine Flügel, bis sie sich in Luft auflösten, und flog langsam davon. Die Pinguine waren wieder unter sich und waren alle ein bisschen traurig.

Sie warteten.

***

Als Budwig das vertraute Ziehen spürte, gab sie ein leises Schnattern von sich. Ihr Gatte Lipun schaute sie besorgt an. Er wusste, jetzt ging es los.