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Sophie ist zufrieden mit ihrem Leben. Sie hat einen Job, der gut läuft, eine Freundin, auf die sie immer zählen kann, und sie ist eine unabhängige Frau, die auch allein zurechtkommt. Und nach all den Enttäuschungen in ihren verflossenen Beziehungen ist das Letzte, was sie jetzt braucht, noch ein Mann - nicht einmal die gut gemeinten Verkupplungsversuche ihrer besten Freundin Lena können sie umstimmen. Aufgrund ihrer Weigerung, sich erneut zu verlieben, schaltet sich Liebesengel Paul ein, dessen Aufgabe es ist, Seelenverwandte zusammenzubringen. Sein Auftrag - dass sich Sophie und Max begegnen und sich schließlich ineinander verlieben - stellt sich als äußerst schwierig dar und dann wird Paul auch noch Azubi Samantha zur Seite gestellt, die mehr Chaos verursacht anstatt zu unterstützen.
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Seitenzahl: 288
Veröffentlichungsjahr: 2025
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© 2025 novum publishing gmbh
Rathausgasse 73, A-7311 Neckenmarkt
ISBN Printausgabe: 978-3-7116-0809-3
ISBN e-book: 978-3-7116-0810-9
Lektorat: Laura Oberdorfer
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
Max und Sophie
Max freut sich schon auf den Feierabend, als sein Freund und Chef Eddie ihn zur Theke des Fitnessstudios heranwinkt. Eddie hat Frau von Wernher am Telefon, die schon auf dem Weg ins Studio ist und auf eine Einzelstunde Bauch-Beine-Po mit Max besteht.
„Ja, selbstverständlich“ und „er freut sich schon sehr auf Sie“, hört Max Eddie sagen und ahnt schon, mit wem dieser telefoniert. Ausgerechnet heute noch eine Stunde mit Frau von Wernher, die aufgetakelte Mittsechzigerin, die ihm während des Trainings Kussmünder und verführerische Blicke zuwirft und ihm dabei auch noch mehrmals zuzwinkert.
Das habe ich heute noch gebraucht! Aber was tut man nicht alles für den besten Freund.
Ein paar Minuten später kommt sie auch schon durch die Eingangstür und begrüßt ihn mit einer überschwänglichen Umarmung und einem besitzergreifenden Kuss auf die Wange.
Nach mehrmaligem Hinternkneifen und vielen anzüglichen Bemerkungen hat Max endlich die Stunde hinter sich gebracht und verabschiedet Frau von Wernher mit einem Handkuss und einer übertriebenen, huldvollen Verbeugung. Sie klimpert verführerisch mit den Wimpern und verfügt sofort über die nächste Trainingsstunde mit Max – natürlich wieder eine Einzelstunde – am nächsten Tag.
„Ich freu mich schon auf morgen“, sagt er bemüht freundlich.
Sie hingegen haucht stattdessen nur mit einem Kussmund „Ciao, Süßer!“
„Später in ‚Jimmys Bar‘ gibst du mir aber einen Drink aus!“
„Klar, das bin ich dir schuldig“, antwortet Eddie und sie verabschieden sich, um sich wenige Zeit später in der Bar wieder zu treffen.
***
„Fräulein Lehmann, überarbeiten Sie Ihr Marketing-Konzept für das Haarshampoo noch heute, das Layout benötigt einen weiteren Feinschliff. Sie wissen, ich dulde keine Gewöhnlichkeit! Morgen um 8 Uhr muss es auf meinem Schreibtisch liegen!“
Sophie zuckt zusammen und fährt hoch. Ob ihr Chef wohl bemerkt hat, dass in ihren Gedanken vor ihren Augen ein dunkelhaariger Mann mit rehbraunen Augen gekniet hat?
„Ja klar“, stammelt sie, „das kann ich sicher noch machen.“
„Ich habe nichts anderes von Ihnen erwartet.“
„Ja, natürlich … ich habe heute nichts mehr vor …“
Sophie seufzt.
„Schönen Abend, Herr Schmitt.“
Aber er ist schon längst durch die Tür verschwunden und kurz darauf fällt die schwere Eingangstüre aus Holz ins Schloss.
„Zum dritten Mal schon verlangt er für die Shampoo-Sache den ‚letzten‘ Feinschliff! Gewöhnlichkeit?! Hm, der wird wohl nie zufrieden sein!“
Nach einer Überstunde macht sich Sophie auf den Weg zu ihrer besten Freundin Lena, der der Coffeeshop am Schubertplatz gehört. Vor sieben Jahren hat Lena das Café eröffnet. Damals war in dem Gebäude eine Näherei, die aber schon viele Jahre nicht mehr betrieben wurde. Die Neugier der Leute während des Umbaus war groß und auch die Eröffnungswoche war ein voller Erfolg. Schnell konnte sich Lena Stammkundschaft aufbauen, für die der Coffeeshop so etwas wie ein zweites Zuhause geworden war.
Der Duft von frisch gebrühtem Kaffee, die milchkaffeebraunen Wände, die dunkelrote Wand hinter der Theke in Verbindung mit dem dunkelbraunen Holzboden verbreiten eine stressfreie Atmosphäre. Sophie konnte Lena zu dunkelroten, bequemen Ledersesseln auf der rechten Seite des Lokals überreden. Auf der anderen Seite setzte Lena ihre Vorstellungen um und ordnete braune, dick gepolsterte Bänke Rücken an Rücken an. Im hinteren Teil – gegenüber dem Eingang – befindet sich die Theke, an der Sophies Stammplatz ist. Lena kann von hier aus die Gäste bedienen und gleichzeitig auch mit Sophie schon die Neuigkeiten des Tages besprechen.
Durch die großen Fenster, die fast bis zum Boden reichen, sieht Lena Sophie schon über den Schubertplatz kommen und bereitet sogleich einen Cappuccino für sie zu. Sophie läuft heute aber erst mal an der Theke vorbei Richtung WC.
Während sich hinter Sophie die Tür zu den WC-Räumen schließt, öffnet sich die Eingangstür zum Coffeeshop und Max betritt den Laden. Er blickt sich kurz um und wundert sich gerade, warum er hier hereingekommen ist.
„Egal, ein schöner heißer Kaffee ist genau das richtige nach der Stunde mit Frau von Wernher!“
Er geht zur Theke und bestellt einen doppelten Espresso to go. Eigentlich war er auf dem Weg nach Hause, die Lindengasse war wegen Straßenarbeiten gesperrt, so musste er über den Schubertplatz gehen und stand auch schon im Coffeeshop.
„Wow, ein richtiger Leckerbissen – und Sophie kommt nicht!“
Lena lässt sich viel Zeit, damit Sophie ihn auch noch sehen kann, aber als sie fertig ist, legt er das Geld auf den Tresen und geht auch schon zur Tür.
Jetzt erst kommt Sophie zurück, bleibt aber vor der Tür zu den WC-Räumen stehen, weil Lena wie eine Wilde mit den Armen gestikuliert.
Als Sophie endlich kapiert, was Lena von ihr will, kann sie den fremden Mann nur mehr von Weitem sehen. Aber eigentlich ist er ihr auch egal.
Wann kapiert Lena endlich, dass ich keine Beziehung will? Ich habe nicht vor, die Männerpause zu beenden!
Vor einem Jahr hat Sophie ihre Beziehung mit Giovanni beendet. Dieser hatte sie mit seiner Ex-Freundin Arianna mehrmals betrogen, ist aber dann auf den Knien rutschend zu ihr zurückgekehrt. Blind vor Liebe hat ihm Sophie vergeben, er war ja auch die große Liebe ihres Lebens und als sie sich zum zweiten Mal für die Beziehung mit ihm entschied, sollte es für immer sein.
Wenige Wochen danach – Giovanni hatte sich das Bein bei einem Motorradunfall gebrochen – war ihr klar, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hatte. Ihre Liebe war so groß wie nie zuvor. Aufopfernd besuchte sie ihn jeden Tag nach der Arbeit im Krankenhaus. Oft besuchte sie ihn auch schon am Morgen, bevor sie ins Büro ging, weil ihm das Frühstück im Krankenhaus nicht schmeckte und sie ihm frischen Cappuccino und Croissants vorbeibrachte. Giovannis Bein wurde operiert und Sophie bedauerte ihn sehr, weil die Schmerzen lange andauerten. Nach zwei Wochen fieberte sie dem Tag entgegen, an dem sie ihn mit nach Hause nehmen durfte. In ihrer Wohnung hatte sie aus dem Wohnzimmer ein richtiges Krankenlager gemacht, damit er es vor dem Fernseher gemütlich haben würde. Mittagessen für die nächsten Tage hatte sie ihm vorgekocht, damit er nicht zu viel aufstehen musste, wenn er schon alleine zu Hause war. Neue Pantoffel hatte Sophie ihm auch noch schnell gekauft, weil Giovanni doch immer kalte Zehen hatte und er mit dem geschwollenen Fuß in seine eigenen Hausschuhe nicht reinpassen würde. Sophie war zufrieden mit sich – an alles hatte sie gedacht, bis spät in die Nacht hatte sie die Wohnung noch geputzt, weil dies für ihn wichtig war. Diesmal störte sie seine Pingeligkeit aber gar nicht. Giovanni war krank und er sollte sich bei ihr zu Hause so richtig wohlfühlen.
Am nächsten Morgen war es so weit – Giovanni durfte endlich nach Hause. Sophie hatte sich einen Tag Urlaub genommen, sie wollte ihn gleich am Vormittag vom Krankenhaus abholen. Sie betrat das Krankenzimmer, dann der Schock. Giovanni in flagranti mit der Krankenschwester. Klar hatte Sophie in den Tagen zuvor gesehen, wie er sie förmlich mit Blicken auszog. Sie hatte auch gesehen, dass diese ihm genüsslich ihren Po entgegenstreckte, als sie die Bettdecke für ihn aufschüttelte. Er machte auch keinen Hehl daraus, der vollbusigen Krankenschwester in Sophies Anwesenheit einen Klaps auf den Hintern zu geben.
Das war nun mal Giovannis Art, aber dass er so weit gehen würde und sich die beiden nicht mal die Mühe gemacht hatten, sich zu verstecken!
Von da an wollte sie von Männern nichts mehr wissen. Die Beziehung mit Giovanni setzte jedoch allen vorangegangenen nur die Krone auf.
Bevor Sophie Giovanni kennenlernte, hatte sie eine Romanze mit Bernhard. Diese dauerte zwar fast zwei Jahre, funktionierte aber nicht, weil er zu knauserig war. Jeder Euro musste umgedreht werden. Wenn er sich doch mal dazu durchringen konnte, mit ihr in ein Restaurant zu gehen, wurde zumindest der Kaffee später zu Hause getrunken, um Geld zu sparen. Auf Kino wurde gänzlich verzichtet, um Kaffeehäuser wurde ein großer Bogen gemacht und Urlaub stand sowieso nicht zur Diskussion, nur weil das alles zu viel Geld kostete. In Boutiquen ließ er sie nur gehen, wenn mal ein Kleidungsstück kaputt wurde. Eine Zeit lang gefiel Sophie das gar nicht schlecht, immerhin konnte sie selbst auch eine Menge Geld sparen – aber ein ganzes Leben ohne jegliche Vergnügungen, das war dann doch zu viel beziehungsweise zu wenig.
Im Nachhinein gesehen war das Verhältnis vor Bernhard – das mit Georg – noch das beste, außer, dass Georg ein Workaholic und somit nie zu Hause war. So beendete Sophie auch diese Beziehung, weil sie mit Georg genauso viel alleine war als ohne ihn.
„Wird Zeit, dass du mal wieder jemanden kennenlernst. Niemand ist gerne allein!“
„Was soll das heißen? Hänge ich zu lange bei dir herum? Bin ich dir zu viel Last?“
„Nein, überhaupt nicht, aber das weißt du ja. Nur würde ich auch dir schöne romantische Stunden zu zweit wünschen – abends nach der Arbeit auf dem Sofa ein bisschen kuscheln, wieder mal ein Wochenende auf dem Land oder in einem Wellnesshotel. Oder am nächsten Morgen in den Pullover des Freundes schlüpfen, der immer noch nach ihm duftet. Solche innigen Momente zu zweit müssen dir doch fehlen und ich würde es mir für dich von ganzem Herzen wünschen! Du bist meine beste Freundin und ich sehe dich jeden Tag. Meistens bist du fröhlich und ich glaube auch, dass du so weit mit deinem Leben auch zufrieden bist. Aber manchmal sehen deine Augen traurig und auch leer aus. Da denke ich mir, das sind vielleicht die Momente, in denen du dir einen Partner wünschst. Und da habe ich ein bisschen schlechtes Gewissen, weil ich Peter habe und du niemanden. Natürlich streiten Peter und ich auch manchmal, das weißt du. Aber das Gefühl, morgens neben dem Menschen aufzuwachen, den du liebst, ist einfach unbeschreiblich.“
„Ja, ich gebe zu, manchmal denke ich an einen großen, dunkelhaarigen Mann mit rehbraunen Augen, der nach der Arbeit zu Hause sehnsüchtig auf mich wartet und am Wochenende lange Spaziergänge mit mir unternimmt.“
„Na siehst du, ich weiß doch, dass ich Recht habe.“
„Ich gebe aber auch zu, dass ich oft an Georg, Bernhard und vor allem an Giovanni denke und dann der schöne Mann mit den rehbraunen Augen genauso schnell verschwunden ist, wie er gekommen ist.“
„Dir ist einfach nicht zu helfen!“
Beide müssen lachen.
„Schön, dass du dich um mich sorgst, aber es ist immer noch gut so, wie es momentan ist.“
Lena stochert für heute nicht mehr nach. Sie spürt, dass es besser ist, nun nicht mehr nachzubohren. Indessen lächelt Sophie ihre Traurigkeit weg, die heute doch etwas höher gestiegen ist, als sie es wollte.
„Schon Viertel nach acht, wo bleibt Peter? Er sollte doch schon seit einer Viertelstunde hier sein! In letzter Zeit kann man sich einfach nicht auf ihn verlassen!“
„Ich helfe dir, ich mache statt Peter die Espressomaschine sauber und du machst die Kassa.“
„Das ist total lieb von dir, aber es geht nicht ums Saubermachen an sich, sondern darum, dass sich Peter schon wieder davor drückt, obwohl es zu seinen Aufgaben gehört. Den ganzen Tag arbeite ich hier alleine und er braucht abends nur die Kaffeemaschine sauber zu machen und in den letzten Wochen schafft er nicht mal das!“
„Ach komm, du weißt doch, dass er zurzeit viele Überstunden machen muss. Er kann ja auch nichts dafür, dass es in seiner Firma so gut läuft, außerdem verdient er mit ein paar Überstunden momentan nicht so schlecht, das musst du auch zugeben“, versucht Sophie Lenas Laune zu heben, damit das Abendessen, das sie für heute geplant haben, doch noch vergnüglich wird.
Als sie alle Arbeiten erledigt haben und gerade den Coffeeshop schließen wollen, kommt Peter.
„Wieso hast du heute die Jeans an, die deine Hüften so dick machen?“
Lena schnaubt vor Wut und kriegt einen hochroten Kopf. Sophie versucht, das Thema zu wechseln, damit die beiden keinen Streit beginnen, wie so oft.
„Essen wir heute mexikanisch oder doch lieber chinesisch?“
Nach kurzer Diskussion entscheiden sie sich für den Mexikaner und gehen Richtung Stadtzentrum. Anfangs geht Sophie neben den beiden, bis Lena die Bemerkung mit ihren Jeans und den Hüften wieder einfällt und Sophie dann zwischen den beiden gehen muss, um den Streit zu dämpfen, was ihr aber heute nicht gelingt. Nachdem Lena und Peter nun in ihr Streitgespräch vertieft sind, versinkt Sophie in Gedanken und ist wieder einmal froh, dass sie momentan keine Beziehung hat.
So bemerkt sie auch nicht Max, der auf dem Weg in Jimmys Bar ist und den dreien entgegenkommt. Dieser ist schon etwas in Eile, so sieht er sie nicht und rempelt Peter am Oberarm an. Er murmelt eine Entschuldigung und geht weiter. Peter, der schon schlechte Laune hat, weil er sich einen Vortrag über Lenas Hüften anhören musste, ist stinksauer und schreit wütend hinterher:
„Du Warmduscher, kannst du nicht aufpassen!“
Die beiden Frauen zerren Peter weiter, bevor der die Beherrschung verliert und einen gröberen Streit provoziert oder vielleicht sogar eine Schlägerei anzettelt. Nach ein paar Minuten hat sich Peter beruhigt und sie können in aller Ruhe, sogar ohne weitere Debatte, zum Mexikaner gehen.
Paul
Zur selben Zeit sitzt Paul an seinem Schreibtisch in seinem Büro. Er fühlt sich wohl in seinem weißen Anzug mit weißem Hemd und weißer Krawatte. Das obligatorische Weiß findet man auch am Schreibtisch, am Boden, an den Wänden und der himmelhohen Decke.
An Pauls Arbeitsplatz stehen mehrere Monitore, die ihm einen Einblick in das Leben seiner Schützlinge erlauben. Das Beobachten der Schutzbefohlenen ist aber keine Kontrolle, sondern ein Miterleben ihrer Gefühle und das Analysieren und Verstehen ihrer Gedanken und Taten. Gefühlvoll werden sie ganz zart geleitet, indem für sie maßgeschneiderte mehr oder weniger zufällige Begegnungen und Situationen erschaffen werden, in denen sie mit dem jeweils richtigen Lebenspartner zusammentreffen. Nach dem ersten intensiveren Blickkontakt ist der Fall für Paul oft schon abgeschlossen, denn das Sich-Ineinander-Verlieben klappt dann meist von selbst, denn die Betroffenen spüren in ihrem Innersten, dass das richtige Gegenstück zum eigenen Herz gefunden ist. Nur bei sehr hartnäckigen Fällen, das sind Menschen, die Gefühle schwer zulassen können, muss dann noch nachgeholfen werden – das ist Pauls Job.
Sein Büro befindet sich auf der Verwaltungsebene 1 in der sogenannten grauen Zone. Diese Ebene befindet sich über unserer Welt, aber noch unterhalb der letzten, der höchsten Ebene des Seins. Diese ist das Ziel unserer Reise als Mensch, die wir dort als Seele ohne Körper beginnen und nachdem wir sie beendet haben, dürfen wir dort verweilen, nachdem wir unsere menschliche Hülle abgegeben haben.
Die ganze Nacht sitzt Paul schon an seinem Schreibtisch und denkt über die missglückte Begegnung zwischen Sophie, Lena, Peter und Max nach. Schön langsam wird er etwas nervös, denn in fünf Minuten beginnt die Besprechung mit Pauls Chef – Charles York. Jede Woche müssen alle Engel über ihre aktuellen Fälle und deren Fortschritte berichten. Paul hat aber noch keine Erfolge bezüglich Sophie und Max vorzuweisen. Alle Engel versammeln sich um den großen, weißen, ovalen Tisch im Besprechungsraum. Zuerst unterhalten sich Paul und seine Kollegen noch, aber als sich die Tür öffnet und Charles York den Raum betritt, wird es sofort mucksmäuschenstill. Charles York duldet keine Verzögerungen bei der wöchentlichen Besprechung. Der Reihe nach berichten alle über ihre aktuellen Fälle. Als Paul dran ist, druckst er umher, er hat ja nicht viel vorzuweisen. Im Coffeeshop haben sich Sophie und Max verpasst, auf dem Weg zum Mexikaner hat Max Peter angerempelt statt Sophie. Es sieht nicht gut aus für Paul und tatsächlich bekommt er zum ersten Mal eine Rüge von seinem Chef.
Nach der Besprechung trottet Paul tieftraurig und niedergeschlagen zu seinem Schreibtisch zurück. Jetzt muss er sich aber wirklich etwas Überragendes einfallen lassen. Er kommt zu dem Entschluss, dass unauffällige Begegnungen alleine bei Sophie und Max nicht ausreichen. Beide sind zu verschlossen und können sich momentan nicht auf Gefühle einlassen.
Manchmal wachsen erste zarte Empfindungen schon, wenn zwei Menschen nur für kurze Zeit hintereinanderstehen wie zum Beispiel in einer Warteschlange; extrem feinfühlige Menschen überkommt dann schon ein Wohlbehagen, sie spüren Wärme oder gute Laune, wobei diese sensiblen Menschen die Gefühle zwar schon spüren, aber noch nicht zuordnen können. Sophie und Max gehören nicht dazu. Paul beschließt daher, härtere Maßnahmen zu ergreifen.
Plötzlich hat er die Idee schlechthin, er schickt Sophie einfach ins Fitnessstudio. Sophie ist zwar nicht dick, im Gegenteil, sie ist schlank, aber Frauen glauben ja immer, dass sie zu dick sind. Es dürfte somit einfach werden, Sophie den Gedanken zu schicken, sie müsste mehr für ihre Figur tun. Dort wird sie Max begegnen und verliebt sich in ihn. Paul ist glücklich, gleich heute wird er ihr den Gedanken schicken. Charles York wird mit ihm zufrieden sein, schon bald wird er ihm positive Ergebnisse liefern können.
Die Fitnesseinheit
Der Freitagmorgen beginnt für Max wie gewöhnlich. In seinem Bett befindet sich eine schöne Unbekannte, die er am Vorabend kennengelernt und mit nach Hause genommen hat. Er geht duschen und hofft, dass sie gleich nach dem Frühstück verschwindet. Je früher, desto besser. So ein, zwei Mal hat er eine Frau auch schon ein zweites Mal getroffen, aber da musste sie schon etwas Besonderes sein.
Ein zweites Treffen ist diesmal wohl nicht notwendig.
Nach dem Duschen ist seine Eroberung schon angezogen, sie frühstücken beide, er geht zur Arbeit und sie vermutlich auch, er hat nicht weiter nachgefragt.
***
Sophie streckt sich im Bett, die Sonne scheint ihr auf die Nase, sie hat gut geschlafen und sie fühlt sich auch gut. Etwas betrübt ist sie jedoch, weil sie so ganz alleine im Bett liegen muss und da fallen ihr auch Lenas Worte von gestern wieder ein: „Das Gefühl, morgens neben dem Menschen aufzuwachen, den du liebst, ist einfach unbeschreiblich.“
Bevor ihr der Gedanke die Laune verdirbt, geht sie duschen und frühstückt. Als sie ihre Jacke holen will, bleibt sie im Flur vor ihrem Spiegel stehen und betrachtet sich kritisch vom Kopf bis zu den Zehen – wie jedes Mal, bevor sie aus der Wohnung geht. Eigentlich hat sie nichts an sich auszusetzen. Sophie ist 1,68 m groß und hat eine zierliche Figur. Ihre Haare, die sind oft widerspenstig und manchmal artet es in einen Kampf aus, um sie zur Räson zu bringen. Sie dreht sich vor dem Spiegel erst rechts herum, dann links herum, dann noch mal von vorne. Irgendwas ist anders, aber was? Vielleicht sollte sie doch mal ins Fitnessstudio gehen?! Ganz klar, etwas straffer an manchen Stellen würde wohl nicht schaden! Das ist es!
Google – Standort – Fitnessstudio. Sie drückt auf ihrem Smartphone auf das erste Suchergebnis, die Fitnessoase, die auch noch fußläufig von der Werbeagentur entfernt ist. Sophie ruft an und macht für die Mittagspause eine Stunde Bauch-Beine-Po aus. Nach Sophies Anruf teilt Eddie die Kunden den einzelnen Fitnesseinheiten bzw. Trainern zu und schreibt Sophie in den Kurs von Max ein – zur vollsten Zufriedenheit von Paul, der die Hände über den Kopf verschränkt und sich glücklich in seinen Bürosessel zurücklehnt. Endlich kann er den Dingen seinen Lauf lassen, denn das Weitere regelt sich jetzt von selbst.
Schnell packt Sophie ihre Sporttasche, steckt ihr Fitness-Dress und ein Handtuch hinein und macht sich auf den Weg in die Arbeit. Herr Schmitt möchte sicher gleich als erstes das neu überarbeitete Haarshampoo-Konzept besprechen.
In der Agentur angekommen, wird sie überschwänglich von Frau Gabriele, der Empfangsdame begrüßt.
„Guten Morgen, Fräulein Lehmann, heute wurde für Sie etwas abgegeben.“
„Guten Morgen, Gabriele. Was haben Sie für mich? Den Haarshampoo-Auftrag? Hat Herr Schmitt schon wieder Änderungen?“
„Nein, keine Akten, es wurden Blumen für Sie abgegeben.“
„Blumen … für mich? Wer sollte denn …?“
„Sie kennen doch den Floristen neben Lenas Coffeeshop, bei dem bestelle ich immer Blumen für besondere Kunden. Die Blumen, die er heute gebracht hat, sind allerdings für Sie, es ist eine Karte dabei mit Ihrem Namen.“
Frau Gabriele grinst erwartungsvoll wie ein Honigkuchenpferd, als wären es ihre eigenen Blumen.
„Danke, Gabriele, ich werde die Karte im Büro lesen.“
Etwas enttäuscht lässt sie die Empfangsdame zurück, die zu gerne gewusst hätte, von wem die Blumen sind.
„Wer schickt denn mir Blumen?“
Auf der kleinen Karte steht mit goldenen Buchstaben „Sophie Lehmann“ und weiter unten: „Neun rote Rosen für die schönste aller Rosen!“
Noch nie hat sie Blumen geschenkt bekommen und dann auch noch in die Agentur?
Während Sophie sich kurz vor Mittag auf den Weg zur Fitnessoase macht, sitzt Max dort schon an der Theke und sieht sich seinen Trainingsplan für heute an.
Hm, im Bauch-Beine-Po-Kurs Frischfleisch. Hoffentlich ist wieder mal eine Schnecke dabei und nicht nur Pummelchen.
Ein neues Betthäschen käme ihm heute gerade recht.
Als er sich gerade auf den Weg in seinen Trainingsraum machen will, hört er eine bekannte Stimme hinter sich.
„Hallo, Süßer!“, ruft Frau von Wernher, die unangemeldet zwei Stunden zu früh kommt, denn ihre Stunde würde erst am Nachmittag beginnen. Sie besteht auf eine sofortige Einzelstunde mit Max. Eddie eilt herbei und bevor Max ablehnen kann, schiebt er sie gleich in den Fitnessraum hinein.
„Natürlich, Frau von Wernher, für Sie doch immer, Max macht das sehr gerne.“
Und zu Max sagt er: „In Ankes Gruppe fehlen heute vier Leute, wir können also deine Gruppe mit ihrer zusammenlegen.“
Mit einem vernichtenden Blick bestraft Max Eddie, derweil Frau von Wernher nicht hinsieht, aber dann macht er gute Miene zum bösen Spiel, lächelt tapfer und Frau von Wernher hakt sich mit Freuden bei ihm ein und bevor die Stunde beginnt, kneift sie ihn gleich zum ersten Mal für heute in seinen Po.
Eddie widmet sich den neuen Kundinnen, die er zuvor in die Umkleide geschickt hat und die er an der Rezeption wieder in Empfang nimmt, um ihnen die Räumlichkeiten zu zeigen. Außer Sophie haben sich für heute zwei Damen um die 50 für den Kurs neu angemeldet.
Während Max die Stunde mit Frau von Wernher schon in dem einen Gymnastikraum begonnen hat, bringt Eddie Sophie und die anderen Neuen in den danebenliegenden Fitnessraum.
***
„Das kann doch nicht sein! Das kann einfach nicht sein!“
Nervös tritt Paul von einem Bein auf das andere, dann beginnt er in seinem Büro vor den Bildschirmen hin- und herzulaufen.
„Nur wenige Meter sind sie voneinander entfernt und doch nicht beisammen! Nicht einmal gesehen haben sie sich! Mit der aufgetakelten Frau von Wernher habe ich nicht gerechnet! Aber noch ist nichts verloren! Welch ein Glück, dass die Einheiten zur gleichen Zeit enden, da müssen sie sich sehen. Ja, und wenn sie sich erst in die Augen gesehen haben, ist meine Arbeit beendet. Sie werden sich ineinander verlieben und glücklich sein!“
Paul ist hoffnungslos romantisch und sein liebster Augenblick ist immer der Moment, wo sich die beiden, die füreinander bestimmt sind, das erste Mal in die Augen sehen. In diesem Moment brauchen das Herz und die Seele nur wenige Sekunden, um zu wissen, dass der richtige Mensch gefunden ist. Genau so, als würde eine Parade von Tausenden winzigen kleinen roten Wesen über unser Herz laufen, als wäre es eine gut duftende Blumenwiese, mit roten kleinen Fähnchen in den Händen, jubelnd und mit voller Begeisterung.
***
Während Anke nach der Stunde ihre Gruppe bereits zu den Umkleidekabinen entlässt, schäkert Frau von Wernher noch mit Max und Ankes Fitnessraum ist schon leer, als Max endlich fertig ist. Frau von Wernher verlässt auch gleich die Fitnessoase, denn mit fremden Frauen möchte sie nicht duschen, das macht sie doch lieber zu Hause. Als ihr Chauffeur vorfährt, dreht sie sich noch mal um und haucht Max mit verführerisch aufgespritzten Lippen einen Kussmund zu.
Sophie irrt zwischen den vielen Reihen in der Umkleide hin und her, bis sie endlich die Duschkabinen gefunden hat. Eigentlich mag sie es nicht, in öffentlichen Räumen zu duschen, aber sie kann ja nicht verschwitzt zurück in die Agentur und nach Hause zu gehen, würde zu viel Zeit kosten.
Also schlüpft sie hinter den Duschvorhang. Im Waschraum ist sonst niemand, darum bemerkt Sophie nicht, dass sie in die Männerdusche gegangen ist. Sie genießt das warme Wasser und die müden Muskeln entspannen sich. Mit geschlossenen Augen lehnt sie sich gegen die Wand.
Wie gut dem Körper doch ein bisschen Sport tut.
Plötzlich erschrickt Sophie – Männerstimmen!!
Max ist in den Waschraum gegangen, um sich von seinem Spind ein neues T-Shirt zu holen. Eddie kontrolliert den Umkleideraum auf liegen gebliebene Kleidungsstücke und andere Dinge. Heute wurde nichts liegen gelassen und so spottet er mit Max über Frau von Wernher. Die beiden verlassen plaudernd den Umkleideraum und gehen wieder hinaus in den Empfangsbereich zur Theke.
Sophie atmet auf. Gott sei Dank ist sie nicht entdeckt worden – das wäre wohl sehr peinlich gewesen!
Schnell bindet sie sich ihr Handtuch um und geht zurück in den Damenbereich, wo sie sich mit rasantem Herzschlag abtrocknet und anzieht.
***
Wie ein kleines Häufchen Elend sitzt Paul an seinem Schreibtisch. Die Hände vor den Augen und den Tränen nahe.
Was ist bloß los mit den beiden? So viel Pech auf einem Haufen … wie kann es das bloß geben?
Früh am Morgen war er noch ganz stolz gewesen, als der Gedanke mit dem Fitnessstudio bei Sophie so gut einschlug – das ist nämlich keine Selbstverständlichkeit, Frauen haben ihren eigenen Kopf und ihre eigene Meinung.
Und als Sophie dann in der Fitnessoase ankam, schien alles nach Plan zu verlaufen – bis Frau von Wernher kam und das erste mögliche Treffen zunichtemachte und dann auch das zweite beim Verlassen des Fitnessraumes. Als Sophie auch noch aus Versehen in die Männerdusche ging, hätte sich Paul vor Lachen fast in die Hose gepinkelt, das war nämlich nicht seine Idee, das war tatsächlich ein Versehen von Sophie. Als Max dann auch noch in die Männerumkleide ging, hielt Paul den Atem an – würden die beiden ihren Weg zueinander ganz alleine finden?
Nachdem es heute aber nicht geklappt hat, ist Paul das Lachen vergangen und ihm ist zum Heulen zumute.
Ich bin ein totaler Versager! Was werden meine Kollegen sagen? Welche Meinung werden sie haben? Noch nie hat es einen Fall gegeben, den ich nicht lösen konnte.
Die Statistik ist eindeutig – so viele Fälle wie Paul hat bisher noch keiner seiner Kollegen lösen können. Außerdem ist er der Schnellste. Nur wenige können – so wie er – die Begegnungen so wählen, dass nicht mal die Betroffenen selbst an Zufälle denken.
Werden mich die anderen immer noch achten, wenn sie von meinem Versagen hören? Was werden sie sagen? Und was noch viel schlimmer ist: Was wird Charles York sagen?
Paul atmet einmal tief durch, schiebt die Sorge um den Chef vorerst mal weg und beginnt, angestrengt nachzudenken.
„Das ist der schwierigste Fall, den ich jemals hatte, aber niemand soll mir nachsagen, ich hätte nicht hart genug daran gearbeitet!“
„Nur eine weitere Begegnung alleine wird wohl nicht ausreichen, eine Liste muss her! Nichts kann mehr dem Zufall – dem ungewollten Zufall – überlassen werden!“
Paul grübelt und überlegt fieberhaft, wo er die beiden zusammenführen kann.
Auf jeden Fall im Coffeeshop bei Lena, schreibt er auf die Liste, weitere Sporteinheiten in der Fitnessoase, das ist klar. Und sicherheitshalber sollten sie sich beim Einkaufen im Supermarkt begegnen und wenn das immer noch nicht genug ist, am Abend in Jimmys Bar.
Paul atmet tief durch.
„Das reicht auf jeden Fall!“
Auch wenn Charles York nicht sofort mit ihm zufrieden sein wird, wird er seine Arbeit und seinen Fleiß doch anerkennen.
***
Die letzte Fitnesseinheit für den heutigen Tag hat Max durchgestanden und er ist nun auf dem Weg nach Hause. Seit heute ist die Lindengasse zwar für Fußgänger wieder freigegeben, aber Max geht über den Schubertplatz, weil er ein plötzliches Verlangen nach Kaffee verspürt und deshalb Lenas Coffeeshop anvisiert.
Sophie kommt zur gleichen Zeit von der entgegengesetzten Richtung, auch ihr Arbeitstag ist zu Ende und wie jeden Tag lässt sie ihn bei Lena ausklingen. Nur wenige Schritte trennen sie von der Eingangstür und auch Max ist nur ein paar Meter davon entfernt. Zeitgleich werden sie nach der Türklinke greifen.
„Ah, verdammt!“
Lenas High Heels haben sich im Kopfsteinpflaster verkeilt. Sie schlüpft mit dem rechten Bein aus dem Schuh und Max erreicht alleine die Tür.
Während er bei Lena einen Cappuccino zum Mitnehmen bestellt, kämpft Sophie mit ihrem Schuh. Als dieser sich endlich löst und sie ihn wieder anziehen kann, ist Max schon wieder auf dem Weg nach draußen. An der Eingangstüre laufen sie nun doch aneinander vorbei und sehen sich dabei kurz in die Augen. Ein Zeitlupenmoment, alles scheint sich zu verlangsamen, die Geräusche im Café sind wie gedämpft.
Welch wunderschöne Augen!
„Au, verflucht!“
Sophie knickt ein und geht in die Hocke, um nach ihrem Knöchel zu greifen. Für einen kurzen Moment scheint es so, als wolle sich Max ebenfalls hinknien, er lässt es jedoch, weil sein Handy klingelt und er geht einfach weiter.
Paul ist deprimiert. Zu kurz war der Augenkontakt für das Herz, um zu spüren, dass dies das letzte kleine Puzzlestück ist, welches die Seele erfüllt.
Max hebt an seinem Handy ab – es ist Eddie. In der Fitnessoase hatten die beiden schon besprochen, dass sie, wie jeden Freitag, in Jimmys Bar auf Schneckenjagd gehen.
„Hey, Max! Wie sieht es aus? Treffen wir uns um 20 Uhr?“
„Ich muss erst noch in den Supermarkt. Du weißt doch, dass ich für gewöhnlich Frühstück serviere!“
Siegessicher klopft er sich selbst auf die Schulter.
„Wie wäre es, wenn ich dich um 21:45 Uhr abhole?“
„Einverstanden, dann habe ich genug Zeit, um einzukaufen und meine Wohnung vorzubereiten. Früher am Abend ist sowieso nicht so viel los.“
Als Sophie an die Theke des Coffeeshops kommt, ist Lena schon sehr aufgeregt: „Hast du ihn gesehen?“
„Wen soll ich gesehen haben?“
„Na den Typen, den ich dir gestern schon zeigen wollte, der war gerade eben wieder da und hat sich einen Coffee to go geholt. Er muss dir doch begegnet sein. Nachdem er hinausgegangen ist, bist du hereingekommen.“
„Ach so, der Typ an der Eingangstür.“
„Ja, genau der. Sieht der nicht wahnsinnig gut aus? Der würde so gut zu dir passen. Was meinst du? Gefällt er dir? Er muss dir gefallen, die rehbraunen Augen, die dunkelbraunen Haare, stattliche, durchtrainierte Figur. Na, sag schon, was meinst du?“
„Nun krieg dich mal wieder ein, du bist ja wie aufgezogen. Ich habe gerade meine High Heels ruiniert.“
„Was? Ja, blöd gelaufen mit deinen Schuhen – aber was sagst du zu ihm?“
„Zu wem?“
„Na zu dem Adonis, der dir gerade bei der Eingangstüre begegnet ist, den ich dir gestern schon zeigen wollte und von dem wir schon fünf Minuten lang reden!“
„Ach so. Na ja, ich weiß nicht recht. Ich hatte keine Zeit, darüber nachzudenken.“
„Was muss man denn da nachdenken – du hast ihn gesehen und dann weiß man doch auch schon, ob einem jemand gefällt oder nicht!“
„Lass es gut sein, Lena, ich will nicht verkuppelt werden!“
„Ich will dich nicht verkuppeln, ich will nur wissen, ob er dir gefällt und dann gebe ich auch schon Ruhe!“
„Na gut, damit ich meinen Frieden habe und wir uns über wichtigere Dinge unterhalten können: Kann schon sein, dass er gut ausgesehen hat. Ich habe nicht genau hingesehen.“
„Aber das, was du gesehen hast, hat dir gefallen?“
„Ja, das bisschen, was ich gesehen habe, war, glaub ich, nicht so übel. Bist du nun zufrieden?“
Ja, nun ist Lena zufrieden. Kein durchschlagender Erfolg, aber immerhin ein Anfang! Langsam in winzigen Schritten versucht sie schon lange, Sophies Mauer, die sie um sich herum gebaut hat, zum Zerbröckeln zu bringen.
Außerdem hatte Lena heute Zeit, Max genau zu betrachten, während sie ihm den Kaffee zubereitet hat. Eigentlich sieht er aus wie ein Macho, aber hinter der Fassade steckt bestimmt ein anständiger Mensch.
Sie schiebt ihre Gedanken beiseite, als Lukas in den Coffeeshop kommt und übers ganze Gesicht strahlt. Lukas ist zwölf Jahre alt und der Sohn von Elke, die zusammen mit ihrem Mann Christian das Blumengeschäft nebenan führt. Fast täglich kommt er herüber und holt Kaffee für seine Eltern oder Kuchen für sich selbst. Heute bestellt er einen Schoko-Muffin.
„Ich nehme ihn heute nicht mit nach Hause, ich esse ihn bei dir“, sagt er entschlossen und setzt sich an die Theke neben Sophie.
Unterdessen führen Sophie und Lena ihre Unterhaltung fort und verabreden sich für heute Abend, 21 Uhr, in Jimmys Bar. Nachdem Sophie einen Schinken-Bagel gegessen und einen Cappuccino getrunken hat, verabschiedet sie sich schnell von Lena. Sie muss sich beeilen, wenn sie noch einkaufen und duschen will, bevor sie sich am Abend wieder treffen.
Kurze Zeit später füllt sich langsam Sophies Einkaufskorb mit Vollkornbrot, einem Glas Nutella und Früchtemüsli. Im Vorbeigehen greift sie noch nach einem Liter Milch, den sie zu den anderen Waren legt. Duschgel fehlt noch.
Max steht indessen schon in der Schlange an der Kassa im Supermarkt, er hat das übliche Frühstück für „den Morgen danach“ schon in der Hand – Orangensaft, etwas Schinken, Käse und Marmelade, als ihm plötzlich einfällt, dass seine Kondomschublade zu Hause leer ist. So drängelt er die Menschenschlange zum Unmut der anderen Wartenden zurück, um nochmals den ganzen Laden zu durchlaufen. Endlich erreicht er den Gang mit den Hygieneartikeln und geht zielstrebig auf die Kondome zu. Die Marke, die er gewöhnlich benützt, ist heute leider ausverkauft, sodass er sich nicht entscheiden kann, welche er kaufen soll.
Sophie steht mit dem Rücken zu Max, circa zwei Meter weiter unten im Gang. Sie kann ihr Lieblingsduschgel nicht finden. Alles sieht heute anders aus, offenbar wurde das Regal neu eingeräumt. Konzentriert sucht sie das Produkt, als plötzlich einen Meter von ihr entfernt eine Flasche Haarshampoo aus dem Regal fällt.
Wie konnte das passieren? Niemand hat die Flasche angefasst? Was soll man denn davon halten?
Max hört zwar das Aufschlagen der Flasche, kümmert sich aber nicht weiter darum.
Paul ist genervt.
„Eine Erziehung haben die jungen Männer heutzutage. Na egal, dann helfe ich ein bisschen nach!“
Er packt Max an den Schultern, dreht ihn sanft um und übt einen leichten Druck aus, damit er sich bückt und die Shampoo-Flasche aufhebt. Max kann Pauls Berührung nicht spüren, aber ohne es zu wollen, bückt er sich und hebt das Shampoo auf. Er gibt es Sophie, weil er glaubt, sie hätte es fallen gelassen.
Eigentlich wollte sie sagen, dass sie es gar nicht war, die die Flasche runtergeworfen hat, aber die Worte kommen einfach nicht über ihre Lippen, stattdessen purzelt ein unbeholfenes Dankeschön aus ihrem Mund.
Paul ist für den Moment zufrieden. Ein weiteres Treffen in Jimmys Bar hat er für heute sowieso noch geplant.
