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Ein phantastischer Lügner schildert mit trockenem Witz den Aufstieg eines Meistererfinders, dessen blendende Anekdoten eine ganze Stadt betören. Im Panorama von Redaktionen, Kaffeehäusern und Hinterzimmern prüft der Text die poröse Grenze zwischen Fakt und Fiktion: Wie entsteht Glauben? Wovon lebt die Sensation? In schnellem, feuilletonistischem Rhythmus, mit dialogischer Pointierung und wechselnden Perspektiven knüpft Hyan an die Tradition des Hochstaplerromans von Münchhausen bis zur Moderne an. Hans Hyan, Berliner Feuilletonist und Satiriker des frühen 20. Jahrhunderts, schrieb aus unmittelbarer Nähe zu Presse, Bühne und Alltagsmilieus. Erfahrung mit Reklame, Klatsch und Skandal schärfte seinen Blick für jene Zonen, in denen Lüge zur sozialen Technik wird. Seine ökonomische, pointierte Prosa verrät den geübten Kolumnisten mit Sinn für Stimmen und Codes – weshalb ihn die Figur des schillernden Hochstaplers nahezu folgerichtig anzog. Wer Poetik der Moderne, Mediengeschichte und urbane Milieus sucht, findet hier eine funkelnde, lehrreiche Prosa. Empfohlen für Germanistik und Kulturwissenschaft ebenso wie für Leserinnen und Leser, die psychologische Nuancen und Satire schätzen. Ein phantastischer Lügner ist mehr als Unterhaltung: eine hellsichtige Studie der Öffentlichkeit, sprachartistisch, präzise – und in seiner Frage nach Wahrheit und Schein überraschend aktuell.
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Veröffentlichungsjahr: 2025
Die großen Deckenlichter erloschen, die Wandarmleuchter schwanden in Finsternis, und mit leisem Surren richtete die Scheinwerfermaschine zartgrüne und goldige Lichtbreiten auf die umfangreiche Bühne, deren Kulisse eine Art Traumlandschaft darstellte.
Man sah, offenbar durch Spiegelung hervorgerufen, in der Tiefe der Auen die Elfen tanzen zu einer zarten, sehnsuchtsvollen Melodie, die aus der versenkten Kapelle tönte.
Und auf einmal, von einem starken, silbernen Licht empfangen, glitt eine Gestalt auf die Bühne, ein herrlich gewachsenes Mädchen, nackt, nur mit einem Gewirr goldglitzernder Bänder umgürtet. Während sie langsam hin zur Mitte schwebte, kam von der anderen Seite die Partnerin, nackt, wie die erste, doch von einer schwarzen Crepewoge überflossen, auch das Gesicht von dunklem Schleier verhüllt.
Die beiden tanzten, die Lichtblonde, Goldflimmernde, die das Leben darstellte, und die dunkelhaarige, Schwarzverschleierte, die den Tod bedeutete. Sie suchten sich, und sie flohen einander, sie umschlangen sich wie in heißester Leidenschaft, und dann riß sich die Lichte aus den Armen der Dunklen wie in namenlosem Entsetzen. Ein Gaukelspiel zwischen dem gleißenden Tageslicht und der schwermütigen Nacht, das der surrende Zauber von der Decke her mit bunten Blitzen und schattenhaften Tinten malte. Zuletzt ein rasender Tanz der Leidenschaft, in dem das Leben den Tod zu besiegen schien und der doch zuletzt die süße Blonde niedersinken ließ, von den Armen der Schwarzverhüllten trauervoll umschlungen.
Jener Beifall, der, durch nichts als durch die Leistung hervorgerufen, den Theaterraum wie knatternde Salven durchrollt, belohnte die beiden schönen Geschöpfe, die, als die Sterne des Abends, immer wieder von den tausend Besuchern des Varietés umjubelt, hervorkommen mußten.
Bis das Gebrüll der Löwen hörbar ward, die ihr Bändiger schon aus den Käfigen trieb.
Um den Clown im weißen Pierrotkittel, der in drolligem Schreck, wie vom Staunen über die Anmut der beiden Tänzerinnen auf den Boden geworfen, noch immer in der Mitte der blendend hellen Bühne saß, um den bauten jetzt blausilberne Livreen mit fabelhafter Geschwindigkeit den Riesenkäfig für die Bestien. Und der verdutzt Dasitzende konnte unter Verlust seines spitzen Hütchens noch eben zwischen der letzten Gitterverschraubung hindurchwischen, als die ersten gelben Großkatzen vor den knallenden Peitschenschlägen des Dompteurs hereingaloppierten. Der arme Weißgeschminkte rannte mit offenem Munde, wie in toller Furcht, außen um die Gitterstäbe herum und verschwand, von dem Gebrüll der Löwen und dem kreischenden Gelächter der Galerie verfolgt, hinter der Bühne.
Im Gang, der zu den Garderoben führte, erreichte der Clown, mit seinen grell ummalten Augen immer vorausspähend, noch die schwarzlockige Tänzerin, die in ihren pelzbesetzten Brokatmantel gehüllt, zwischen den Zwergen stand, die, schon in ihrem Hochzeitsstaat, nachher eine Pantomime aufführen sollten. Diese kleinen, lächerlichen Menschen, mit ihrer nachgemachten Würde doch albern und kindisch, drängten und sprachen mit quietschender Stimme auf die schöne Eva Sarranski ein, die mit einem holden Lächeln den Täppischen wehrte, die hinter ihrer Kindergestalt die Dreistigkeit Erwachsener verbargen.
»Aber Fräulein Maron, wie können Sie nur solange hier auf dem zugigen Gang bleiben, erhitzt wie Sie sind!« Er schob die Pygmäen, es waren zwölf an der Zahl, mit weitem Armschwung zur Seite, »weg da, ihr Kroppzeug!«
Sofort kam die eigentliche Natur der Krüppelhaften zum Vorschein. Sie zischten und zeterten, und widrige Worte flogen den beiden nach, die schnell den langen Gang zur Garderobentreppe hingingen.
Das Mädchen, das sich in all der bunten Lüge des Varietés, in der selbstsüchtigen Roheit dieser wirbelnden Scheinwelt ihre heitere helle Seele bewahrt hatte, plauderte mit dem Bajazzo, der so ungeschickt und hilflos komisch neben der wie auf Federn gehenden Schönheit aussah. Einmal sah sie ihn an mit ihren dunklen Sternen und traf den Liebesblick des von ihrem Reiz berauschten. Sie lächelte, wußte als Weib wohl, daß er sie liebte, ahnte aber kaum, welch' eine verzehrende Leidenschaft im Herzen dieses armen Jungen für sie brannte.
»Halt, Mr. Flic-Flac!« sie verhielt am Fuß der Treppe, die zu den Garderoben führte, den Schritt, »mit herauf dürfen Sie nicht! … Also auf Wiedersehen!«
Er nahm ihre zartgeformte Rechte in seine beiden Hände, die klein und für einen Mann zu zierlich waren; er beugte sich, seine Lippen auf den Schmelz ihrer Haut zu drücken; aber dann: »Ich bin ja noch geschminkt« murmelnd, hob er den Kopf wieder, sah der Schönen mit einer wehmütigen Bitte um Vergebung in die Augen und ging schnell zurück.
Langsam die Treppe hinaufsteigend, dachte sie an ihn. Sie gehörte nicht zu den Frauen, denen es Freude macht, Männer, soviel als sie können, in sich verliebt zu machen. Die bloß Begehrlichen sah sie nicht, und, wenn einer wirklich verliebt war, so tat er ihr von Herzen leid, weil sie noch keinen fand, den sie hätte lieben können – bis auf den einen, dessen Bild aus ihrer Kindheit heraufdämmerte, nach dem ihr Herz verlangte mit einer unbeschreiblichen Sehnsucht; den ihr die Phantasie als den Liebsten, den Besten, den Schönsten zeichnete und den nichts ihr ersetzen, nichts aus ihrem Herzen verdrängen konnte – ihren Vater.
In diesen Tagen kam er zurück! Er, der sein Leben für seine Ideen geopfert, der aus Gründen der Politik an einer Verschwörung teilgenommen und zu langjähriger Gefängnisstrafe verurteilt war, er wurde frei und kehrte heim zu seinem Kinde, zu seiner Eva! … Wie hätte sie ihn nicht lieben sollen? Sie küßte ihn jeden Abend, ehe sie schlafen ging. Im Bilde nur, aber für sie, für ihr zärtliches Kinderherz war er lebend! War schöner als alle Männer, die sie kannte! Und so gut, so gut! … Nicht zwölf Jahre war sie alt, als er fort mußte!
Sie lebte damals in Dresden; Maria, die Mutterstelle an ihr vertreten hatte, und sie. Der Vater war immer auf Reisen. Aber seine Heimkehr war jedesmal ein Glückstag, ein Fest. Er schenkte ihr fast zu viel. Wenn er sie in seine Arme nahm und an seine Brust hob, dann waren ihre Augen immer voll Tränen. Damals schon und später noch häufiger dachte sie, ob es natürlich wäre, einen Vater so zu lieben? … Aber sie hatte ja keinen Menschen sonst auf der Welt! Maria, ja gewiß! Doch die gehörte zu ihr, wie ihre Wohnung, wie die Wärme und das Licht des hübschen Häuschens, das sie draußen im Vorort bewohnten. Ihrer Mutter konnte sich Eva nicht entsinnen. Später hatte sie andere Frauen an des Vaters Seite gesehen. Aber sie waren wohl nicht gut zu ihm gewesen. Warum hätte er sonst bei keiner bleiben können?! Eva dachte nicht an sie. Wollte auch nichts davon wissen! Darin war sie seltsam: häßliche und widerwärtige Dinge vermied sie mit sicherm Instinkt. Ihr klares und reines Fühlen glich einer gläsernen Wand, das Menschen, die nicht zu ihr gehörten, abhielt, ihr nahe zu kommen. So war ihre feine und lautere Seele nicht zag, aber scheu und flüchtete, wie der Vogel in seinen lichten Wipfel, immer wieder zu dem einzigen, der sie ganz erfüllte. Als kleines Kind hatte sie ihn »Mappa« genannt, hatte so in ihrer Kinderzärtlichkeit den Mutternamen mit dem des Vaters vereinigt. Und jetzt, da er nach so langem Fortsein endlich heimkehren sollte, jetzt jubelte ihre Liebe, ihr Glück ihm, nur ihm entgegen!
So, ganz fern der Gegenwart mit ihren Gedanken und Sehnsüchten, stieg Eva die eiserne Wendeltreppe hinauf und ging nach der Garderobe, in der sie sich mit Madeleine, ihrer Partnerin, umkleidete. Ein Gefühl des Unbehagens beschlich sie, als sie drinnen Männerstimmen hörte. Zögernd klopfte sie.
Die Tür ging sogleich auf, ein älterer Herr im Abendanzug, ein großes Monokel im hakennasigen Gesicht, stand vor ihr und lächelte sie an. Ein anderer Kavalier kniete vor Madeleine, die halb liegend auf dem Kanapee saß, und löste ihr mit feierlicher Bewegung die goldenen Bänder, die von den glitzernden Schuhen herauf ihre schlanken Beine umwanden. Das schöne Mädchen, dem das aschblonde Haar, schon entfesselt, um die weißen Schultern floß, war noch im Kostüm ihres letzten Tanzes. Und da die Goldbänder des Hüftenschurzes auseinanderfielen, so lag die Tänzerin nur mit dem Trikot bekleidet, das oberhalb der Knie aufhörte, in einer verführerischen Pose unter den Augen des Mannes, der eben einen Kuß auf das helle Knie drückte.
Eva stand, ohne den sie begrüßenden Kavalier zu beachten, in ihrem Brokatmantel wortlos an der Tür. Dann ging sie um den Herrn herum an ihren Toilettentisch, setzte sich und sagte, geradeaus blickend, mit harter Stimme:
»Ich möchte mich umziehen!«
Der Kavalier vor Madeleine erhob sich, und diese selbst richtete sich, etwas verlegen, in die Höhe, während der ältere Herr eine leichte Verbeugung nach dem Spiegelbilde der Schwarzlockigen hin machte.
»Das heißt, wir sollen das Feld räumen, Gnädigste?«
Eva antwortete ihm nicht. Sie wandte sich wieder an die Blonde:
»Du weißt doch, Madeleine, daß es streng verboten ist, in der Garderobe Herrenbesuch zu haben!«
Madeleine hatte ihre Keckheit wiedergewonnen:
»Für die Statistinnen, ja … wir machen uns unsere Vorschriften selber!«
Eva erwiderte nichts. Sie zog den Mantel fester um die Schulter und blieb still sitzen.
»Gestatten Sie also, daß wir uns empfehlen!« Der Jüngere der Kavaliere folgte dem anderen. Sie sagten einander mit leisem Lächeln etwas und schlossen die Tür hinter sich.
Nun warf Madeleine ihren Goldschurz ab und befreite den Körper, der ganz Zartheit und Grazie war, vom Trikot. Dann rieb sie die blendende Haut, warf ihr Spitzenhemd über und sagte, die vollen Lippen schürzend:
»Du bist doch 'ne rechte Zierliese, Eva!«
Die Schwarzlockige hatte begonnen sich abzuschminken. Sie wandte sich zu ihrer Freundin:
»Aber Madeleine, du kennst mich ja! Auch wenn es nicht verboten wäre, ich kann mich nicht umziehen, wenn jemand im Zimmer ist!«
»Ach was, wir sind doch auch so auf der Bühne!«
»Ja, beim Tanzen, das ist ganz was anderes, da sieht uns das Publikum aus der Ferne, als Bild. Wenn ich in demselben Kostüm in einem Zimmer zwischen fremden Menschen tanzen sollte, das brächt' ich nicht fertig!«
»Du bist eben ein Dummchen! Übrigens wir sind eingeladen, beide … Graf Sterneich feiert seinen Namenstag im »Bristol« heute abend.«
Eva schüttelte ihren Lockenkopf.
»Da wirst du schon allein hingehen müssen. Du weißt ja, ich erwarte meinen Vater.«
»Aber er soll doch erst morgen kommen?«
»Vielleicht schon heute nacht … und wenn auch, ich habe keine Ruhe … denke doch, beinah' sieben Jahre sind es her! Ich weiß ja gar nicht mehr, wie er aussieht!«
»Du hast doch sein Bild …«
»Ja, aber … das ist so komisch … ich erkenn' ihn wohl, aber er ist es doch nicht … mir ist, als wär' das 'n ganz anderer, ich glaube, mein Papa ist viel schöner und größer …«
»Natürlich muß er viel größer sein, als das Bild.«
»Ach, du willst mich nicht verstehen, Madeleine … denkst du denn nie an deine Eltern?«
Madeleine Brixon streifte eben über das weißseidene Unterkleid eine seegrüne Robe aus Seidenkrepp, die, glatt gearbeitet, um die schlanken Hüften von einem Gürtel aus blitzendem Straß gehalten wurde. Und ihr schmales Gesicht mit den dunkelblauen Augen, die noch leuchtender schienen unter dem matten Hellblond des kurzgeschnittenen Haares, sah ganz unbewegt zu der Freundin herüber:
»Meine Familie läßt mich sehr kalt. Wenn ich nicht zufällig mein Talent hätte, wer weiß, wo ich dann schon wäre.«
»Das begreif ich nicht, Leni!«
Die Blonde hob mit dem Aufwerfen ihrer rotgeschminkten Lippen die schmalen Schultern. –. Ihr schönes Gesicht bekam einen fremden, fast abstoßenden Zug, und für Augenblicke zeigte sich ihre kalte, egoistische Seele in einem höhnischen Lächeln:
»Meine Mutter war eine Puppe und mein Vater ein Spieler. Er hat mich ja lieb gehabt, hat mich auch was lernen lassen … Vielleicht wär' manches anders gekommen, wenn er nicht so früh hätte weg müssen …«
»Ja, du hast mir's erzählt, er ist im Duell gefallen, nicht wahr?«
Die Blonde nickte, ihr Antlitz verriet keine Spur von Schmerz und Trauer:
»Es werden jetzt drei Jahre … Und meine Frau Mama hat sich sofort wieder verheiratet. Der Mann ist Beamter, irgendein hohes Tier, unsere Beziehungen haben seitdem überhaupt aufgehört.«
»Und dein Bruder? der hält doch zu dir?«
Mit einem heiteren Lachen, das wie ein voller Sonnenstrahl alles Trübe aus diesen reizvollen Zügen fortwischte, hatte Madeleine ihre nackten Arme erhoben und sich im Tanzschritt ein paarmal hin- und hergedreht, ehe sie antwortete:
»Mein Bruder, der liebe Junge! Aber der studiert doch noch! Wenn ich ihm nicht gelegentlich helfen würde, dann läg' er längst auf der Nase! Aber das ist ja auch alles egal! Das Leben ist doch so wunderschön! Für mich liegt all der Jammer tief unten! Und ich bin oben! Oben auf der Spitze! Ich sehe das gar nicht mehr! Ach, Eva, komm' doch mit heut' abend! Du bist der einzige Mensch, der mir wirklich fehlt, wenn du mal nicht da bist!«
Sie umschlang die Freundin, die jetzt auch mit ihrem Anzug fertig war und in dem schwarzen, schmelzbestickten Taffetkleid wie eine Südländerin aussah, und küßte sie zärtlich auf die dunkeltonigen Augenlider.
Aber Eva entschlüpfte ihr und lächelte:
»Ich kann nicht, Madeleine, wahrhaftig nicht … Mit meinen Gedanken bin ich ja doch ganz wo anders! Ich würde die Gesellschaft bloß langweilen!«
»Also, wie du willst!«
Sie zogen beide ihre Pelzmäntel an – der Maulwurf an Madeleines Kragen hatte einen kleinen Riß, den Eva ihr noch schnell zusteckte – und verließen die Garderobe.
*
»Ich soll Sie noch mal bei Herrn Direktor vorführen, er will Ihn' wohl noch 'ne Abschiedsrede halten!«
Der Strafgefangene Nr. 212 war damit beschäftigt gewesen, vor einem kleinen Spiegel, den ihm Aufseher Wildrich geborgt hatte, sein leicht ergrauendes, dunkelblondes Haar zu scheiteln, das noch dicht und voll den schmalen, gut geformten Schädel deckte. Er hatte einige Mühe damit; in den sechs Jahren, die er in diesem stillen Hause zugebracht, hatte er mit der Zeit allen Eitelkeiten Valet gesagt. Die Tage kamen und gingen hier, nur bestimmt durch Arbeit, Essen und Schlaf, wozu lauter Glockenschlag rief. Was, karg genug, an Zeit blieb, das füllte die Lektüre aus, die Lektüre der Bücher jener umfangreichen Anstaltsbibliothek, die die große Doppelzelle Stanislaus Sarranskis bis unter die geweißte Decke, in schmucklose Regale geordnet, füllte.
Er sah, da er jetzt mit seinem Kopf fertig war, verlorenen Blickes darüber hin. Mit den meisten dieser Werke war er bekannt geworden, hatte sie oft und oft in Händen gehabt bei dem wöchentlich stattfindenden Bibliothekswechsel, wenn die Kalfaktoren die Bücher in vollen Körben durch die Zellengänge schleppten, um sie durch die »Futterklappen« der Zellentüren den gespannt aufhorchenden Gefangenen hineinzureichen.
»Ja, denn komm' Se man,« meinte der Aufseher, »ich halte ja nich viel von solche Predigten … jebessert wird dadurch selten mal einer … und Sie …« Der alte Mann verstummte und sah den Gefangenen, dem weder die lange Strafe, noch seine fünfzig Jahre die schlanke, elegante Gestalt hatten beugen können, mit einem halb spöttischen, halb wehmütigen Ausdruck an: »Sie sind ja doch klüger, als wir alle, Sarranski … un haben nu auch all die furchtbar vielen Bücher da gelesen … na, mich soll's doch wundern … aber … Sie haben mir ja keine so 'ne Mühe jemacht, wie manche von die andern, und waren immer orntlich un anständig … ja, das waren Sie und hab' ich auch schon zu Herrn Direktor jesagt … und wenn Sie Ihr Weg mal da raus führt … ich meine, nach meine Wohnung, un woll'n mal 'ne Tasse Kaffee bei mir trinken … meine Frau fragt schon immer nach Ihnen … ich hab' ihr doch erzählt … solche wie Sie haben mir doch hier nicht oft … Denn die meisten, das sind wirklich große Hallunken und Strolche und verdienen auch gar nichts Besseres … aber ich meine: lieber will ich Sie überhaupt nie nich mehr zu sehen kriegen, als daß Sie hier wieder herkommen, Sarranski! …«
Da richtete sich der Gefangene Nr. 212 hoch auf, sah den viel kleineren Aufseher mit seinen langbewimperten, so eigentümlich strahlenden Augen voll an:
»Sie dürfen fest versichert sein, Papa Wildrich, ich komme nicht wieder hier her!«
»Wenn's man wahr is! Ja, wenn Sie noch zum erstenmal drin wären … aber Sie gehören doch zu die Rückfälligen!«
Der Gefangene sah einen Augenblick in das vor dem hochgelegenen Gitterfenster wirbelnde Flockentreiben, dann glitt sein Auge über den feinen, hellen Frühjahrsanzug, mit dem er soeben die Anstaltskleidung vertauscht hatte und der zu dem Winterwetter draußen gar nicht passen wollte, und dachte ein wenig nach. Langsam, wie aus einem wohlüberlegten Entschluß, kam es von seinen Lippen:
»Als ich hierher kam, hatte ich keine Ahnung, was sechs Jahre Gefängnis bedeuten. Meine längste Strafe war vorher ein halbes Jahr gewesen. Und sehen Sie, Papa Wildrich, ich bin das, was man eine sanguinische Natur nennt … Ich bewahre mir immer noch eine Hoffnung … das heißt, solange wie ein vernünftiger Mensch eben noch hoffen kann. Ich habe mir auch ausgerechnet, daß ich mit fünfzig Jahren frei komme. Und da kann man bei meiner Konstitution sein Leben immer noch einmal beginnen … aber heute, wenn ich das noch einmal durchleben sollte, nochmal sechs Jahre oder auch bloß drei – – nein, das nicht … auf keinen Fall!«
»Na, ich will's hoffen, Sarranski … ja, komm' Se man … der Herr Direktor wartet doch auf Ihnen.«
Und er ließ den Gefangenen nach alter Gewohnheit vor sich her aus der Zelle treten, in deren großen und blankgeputzten Stahlschloß er den Schlüssel drehte. Dann gingen sie beide, einer hinter dem anderen, den sauber gescheuerten Eisengang hinauf.
Vor der Wendeltreppe klopfte Wildrich mit seinem Schlüssel an das Geländer zum Zeichen, daß nun der Aufseher von Station II den aus der obersten Etage herabsteigenden Gefangenen übernehmen sollte. Da aber dort sich niemand aufhielt, ging Sarranski, wie schon häufig, über die eisernen Treppen und Galerien durch das ganze, im Stil des Observationssystems erbaute Gebäude bis ins Parterre, wo im »Zentral«, dem Schneidepunkt der auseinandergehenden Zellengänge, der Oberaufseher Munter stand. Bei dem meldete er sich, und der ging selbst mit ihm bis an das mächtige Doppelgitter, das das Gefängnis gegen die Büros der Beamten abschloß.
Dort in dem langen, etwas dämmrigen Gang, der sein Licht nur von vornher aus den vergitterten Fenstern des Eingangstores erhielt, hatte der Gefangene Nr. 212 manchesmal gestanden. Wenn er sich zum Arzt vormeldete oder zum Geistlichen wollte, oder damals, als er – was nur ein einziges Mal in den langen Jahren passiert war – beim Oberinspektor zur Bestrafung gemeldet wurde.
Ganz im Anfang seiner Zeit war es gewesen. Der damalige Aufseher, ein roher, ungebildeter Mensch, der ihn seiner sauberen Gewohnheiten, seines ganzen besser gearteten Wesens halber nicht leiden mochte, hatte ihn mehrmals dabei abgefaßt, daß Sarranski seinen Schemel unter das hochliegende Fenster stellte und hinausblickte … Man sah da ein Stück Heide, gelben Sand und ein paar Kiefern … Ach, was wissen die Menschen, die draußen sind, was so eine dunkelgrüne Kiefer dem bedeutet, der in fünf Schritten seinen Lebensraum durchmißt, dem jahrelang Luft und Licht durch dieses unerträgliche Gitter filtriert zukommen?!
Dann, als er bei jener Strafmeldung mit einem Verweis davongekommen, hatte sich Sarranski diesen letzten, zitternden Sehnsuchtsblick auf die in Himmelsbläue gewiegten oder vom Sturm gepeitschten Wipfel auch abgewöhnt. Die eiserne Konsequenz, mit der er einer Idee nachhing, gab ihm die Kraft, alles zu meiden, was die Anstaltsleitung mißbilligte. Und schon nach einem halben Jahr fiel ihm die Frucht seiner Mäßigung in den Schoß: er hatte nicht mehr nötig, früh morgens zu den Gemeinsamen in den Arbeitssaal zu gehen, um dort Glasballons mit weißen Weidenruten zu beflechten. Der Posten des Bibliothekars war erledigt, man stellte diesen ruhigen, korrekten und auch nicht mehr zu jungen Mann, der sich überall beliebt machte, mit Vergnügen ein.
Sarranski hatte auch damals keinerlei Bewegung gezeigt. Sein heißes, leidenschaftliches Temperament mit der undurchsichtigsten Gleichmut zu überziehen, das war das Studium und die Mühe seiner Jahre. Und doch wich mit dem Morgen, dessen Erwachen ihn in der hohen, luftigen Bibliothekzelle fand, die graue Verzweiflung, die ihm schon an Hirn und Herz zu saugen begann. Er brauchte nicht mehr neben dem Gesindel zu hocken, er war allein und doch beisammen mit den feinsten, klügsten Menschen, die alle zu ihm redeten, die ihn oft frei und hoch aus Zellenwand und Gitter davontrugen, in das heißersehnte Leben hinaus.
Dafür war Stanislaus Sarranski dem Direktor dankbar.
Als er jetzt zu dem Beherrscher des Gefängnisses ins Zimmer geführt wurde, saß Direktor Starenkamp eifrig arbeitend an seinem Schreibtisch. Er blickte flüchtig auf:
»Aufseher Breidel, Sie können gehen! … Sarranski, setzen Sie sich dahin!«
Dann schrieb er mit großem Eifer und ganzer Hingebung an seiner Arbeit weiter, wohl zehn Minuten noch. Plötzlich fuhr er empor, sah den Gefangenen an und sagte, laut sprechend, denn er hörte schwer und setzte das unbewußt auch bei den anderen voraus:
»Wann sind Sie damals eingeliefert worden, Sarranski?«
»Die Uhr schlug zwölf, als wir im Gefängnishof aus dem Wagen kletterten, Herr Direktor.« Sarranski sprach ebenfalls mit erhobener Stimme.
Ein rascher Blick zu dem Regulator hinauf, der über dem Schreibtisch hing:
»Mensch, dann sind Sie ja schon eine Viertelstunde zu lange hier! Ich habe nicht mehr das Recht, Sie länger da zu halten.«
»Herr Direktor haben sich jedes Recht an mir und meinem Leben durch Ihre große Güte erworben … Ihnen, Herr Direktor, verdanke ich es, daß ich heute noch lebe.«
Dr. Starenkamp schüttelte den feinen Gelehrtenkopf mit den schmalen Lippen, um die ein rötlicher Bart, wenig gepflegt, wucherte:
»Unsinn, Sarranski! Sie haben sich gut geführt. Sonst wären Sie nicht Bibliothekar geworden …«
Er sah einen Augenblick auf sein Manuskript:
»Es ist doch alles Ursache und Wirkung. Sie sind ein gutes Studienobjekt für mich gewesen. Wer zerstört denn sein Steckenpferd mutwillig? … Ja, also, da wir gerade dabei sind … das heißt, ich meine mich … oder meine Arbeit … Sehen Sie, ich bin hier Direktor und geb' mir Mühe, etwas herauszubringen für Sie … für die Gefangenen … Wir haben ja schon darüber gesprochen. Das Leben kehrt sich nicht an die, die gerade da sind … Im besten Falle erreicht man etwas für die Kommenden.«
Er dachte wieder nach und sprach im Grübeln, stockend fast, wie zu sich selber:
»Das Schwerste ist und vielleicht gelingt es niemals, die Menschheit von ihrer eigenen Ohnmacht zu überzeugen … und nicht einmal die Dümmsten sind es, die glauben, daß mit dieser Erkenntnis die Anarchie beginnt … Also Sarranski, ich will Ihre Lebensgeschichte hören, wenn Sie noch so viel Zeit haben, heißt es … Erzählen Sie mir alles, von Anfang an, der Wahrheit entsprechend oder so, wie Sie, als pathologischer Lügner, der Sie ja doch zu sein glauben, sich die Sache vorstellen.«
*
Oberregierungsrat Dr. Weber, der Dirigent der Kriminalabteilung, sah ein dickes Polizeiaktenstück ein, während der Kriminaloberinspektor Bernsdorf, der auf der anderen Seite des Schreibtisches ihm gegenüber saß, sich Notizen in sein Taschenbuch machte.
»Scheint doch ein ganz gerissener Kunde zu sein, dieser Sarranski … sechs Jahre hat er gehabt … und wird heute entlassen?«
»Um zwölf Uhr«, nickte der Oberinspektor, der das Betrugsdezernat verwaltete.
»Jetzt ist es genau halb zehn,« Dr. Weber ließ seine goldene Savonettuhr klingend die Zeit angeben, wie er gern tat, wenn ihn eine Sache sehr beschäftigte, »wir dürfen den Mann nicht aus den Augen lassen während der ersten Tage, lieber Herr Bernsdorf!«
Der nickte.
»Ich habe das Nötige angeordnet, Herr Oberregierungsrat. Er wird, sowie er aus dem Gefängnistor tritt, von zweien beobachtet, meine besten Leute habe ich dafür eingesetzt … er kann uns kaum auskommen.«
»Das Wichtigste ist, daß wir ihm seinen Raub wieder abnehmen … fünfzigtausend Mark waren es, nicht wahr? … aber …« Der nicht große, doch gedrungene Mann sprang von seinem Stuhl auf, »das Geld ist doch, wie alles andere längst entwertet!«
Über das flächige, gesund rosige Gesicht des Oberinspektors, das ein wenig an einen wohlgenährten Priester erinnerte, glitt ein bewußtes Lächeln:
»Der gute Sarranski … oder vielmehr wir haben Glück gehabt. Es hat sich nämlich gleich nach seiner Verurteilung jemand bei uns gemeldet, ein gewisser Herr Bialla aus Tschernowitz. Den hat Sarranski zum Schluß auch noch reingelegt. Er hat nämlich von ihm für die fünfzigtausend Mark englische Goldpfunde gekauft. Es war neunzehnhundertsechzehn, das Gold fing damals schon an, sehr rar zu werden. Der Galizier hatte ihm zweitausend Pfund gegeben dafür und glaubte, ein gutes Geschäft gemacht zu haben. Wie er aber zu Hause sein Geld noch einmal nachzählte, waren es tatsächlich nur vierzigtausend Mark, aber doch der reelle Wert. Damit fiel für Bialla der Klagegrund weg. Und außerdem war der Goldverkauf und besonders das Geschäftemachen in feindlicher Münze damals verboten. Herr Bialla hat denn auch von einer Anzeige abgesehen.«
»Aber wo Sarranski das Geld gelassen hat, davon haben Sie keine Ahnung?«
Der Oberinspektor hob die massigen Schultern, er konnte seinem Vorgesetzten nicht gut sagen, daß diese Frage eigentlich überflüssig war. Aber der »Ober« merkte es selbst:
»Natürlich, sonst brauchten wir ja jetzt nicht hinter ihm herlaufen! … Hat er denn gar keine Verwandte, der Sarranski?«
»Eine Schwester, die in Hamburg lebt. Sie war vor anderthalb Jahren in eine Kuppeleisache verwickelt und mehrere Monate in Untersuchung. Leider versagten in der Hauptverhandlung die Zeugen, sonst säße sie wahrscheinlich jetzt noch.«
»Na, und in Hamburg, was macht sie da?«
Wieder das leichte Heben der breiten Schultern und das halb spöttische, halb nachsichtige Lächeln auf dem feisten Gesicht des Untergebenen.
Der Oberregierungsrat nickte:
»Sie haben recht! Das Geschäft ist zu einträglich, um es wegen ein paar Monate Kittchen aufzugeben … Aber wissen Sie, lieber Bernsdorf, ich habe solchen Animus, als wenn wir das Geld von Sarranski auch nicht kriegen werden.«
Er blätterte in den Akten, »hier les' ich: er ist erst eine Woche später verhaftet, nachdem er seinem Onkel die Summe abgeknöpft hat.«
»Sonst hätte er ja die Transaktion mit Herrn Bialla nicht machen können.«
Der »Ober« sah seinen Untergebenen, von dem Aktenfaszikel aufblickend, etwas indigniert an:
»Sie haben so 'ne komische Art und Weise, lieber Herr Bernsdorf.«
Das Antlitz des Oberinspektors war ganz unerschütterlicher Ernst. Ja, er sah fast dumm aus, als er sagte:
»Darf ich fragen, wie Herr Oberregierungsrat das meinen?«
»Na ich … is ja auch ganz egal! Wir sind jedenfalls im Bilde!« Der hohe Beamte ließ seine Uhr wieder spielen, »dreiviertel auf zehn! … Die höchste Zeit, mein Lieber, wenn Sie den Kerl fassen wollen!«
