Zwischen Tag und Traum - Hans Hyan - E-Book

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Hans Hyan

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Beschreibung

Zwischen Tag und Traum entfaltet urbane Miniaturen, in denen Grenzstunden – Morgendämmerung, Dämmerlicht, Schlaflosigkeit – zum Resonanzraum fragiler Existenzen werden. In Prosaskizzen und Gedichten porträtiert Hyan Arbeiter, Flaneure und Nachtgestalten in Kneipen, Hinterhöfen und an Brücken. Der Ton changiert zwischen Ballade und präziser Feuilletonbeobachtung; die Sprache tastet vom rauen Stadtjargon zu lyrischer Innenschau. Realistische Großstadtdetails brechen sich traumhaft, sodass Naturalismus, Symbolenergie und eine frühe modernistische Sensibilität ineinandergreifen. Hans Hyan, Berliner Journalist, Lyriker und Chronist der volkstümlichen Bühne, brachte Reportagehärte und Gassenpoesie in produktive Spannung. Seine Arbeit in Redaktionen, Varietés und literarischen Zirkeln schärfte sein Ohr für Rhythmus, Slang und soziale Nuancen; zugleich suchte er den Übergang vom Stoff der Straße zur Form der Kunst. Aus diesem Umfeld erwächst das Interesse an Grenzzuständen: Hyan sondiert, wie Wahrnehmung kippt, wenn Müdigkeit, Alkohol, Musik oder Sehnsucht den Blick verschieben. Dieses Buch empfiehlt sich Leserinnen und Lesern, die die Großstadt als ästhetischen Prüfstein schätzen und die Verbindung von Beobachtung, Ballade und Traumlogik goutieren. Wer sich auf Hyans modulierte Stimmen einlässt, findet keine Sensation, sondern eine leise Erhellung des Dazwischen – jener Momente, in denen Wirklichkeit und Möglichkeit kurz dieselbe Silhouette tragen. Ein souveräner, kluger Begleiter für Nächte, in denen das Denken weitergeht.

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Veröffentlichungsjahr: 2025

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Hans Hyan

Zwischen Tag und Traum

Kriminalroman
e-artnow, 2025 Kontakt: [email protected]

Inhaltsverzeichnis

I.
II.
III.
IV.
V.
VI.
VII.
VIII.
IX.
X.
XI.
XII.
XIII.
XIV.
XV.
XVI.
XVII.
XVIII.
XIX.
XX.
XXI.
XXII.

I.

Inhaltsverzeichnis

Das Licht der großen Kronleuchter verglomm über dem letzten Flüstern und Räuspern des Publikums, der Theaterraum ward dunkel. Aber unter dem aufrollenden Vorhang warf die Bühne ihren hellen Schein in die ersten Reihen des Parketts, daß man von oben wie in einem goldig dunklen Nebel die Köpfe der Zuschauer schwimmen sah; in den Ecklogen zur Rechten und zur Linken war jede Figur deutlich erkennbar.

Dort drüben trat noch ein großer, schlanker Mann in die Loge Nummer eins, die sonst leer war.

Der Diamantknopf in seinem Frackhemd blitzte mit dem Einglas um die Wette, das er eben geputzt und wieder ins Auge gedrückt hatte – in dies große, von tiefen Schatten umgebene Augenrund, das dem bleichen und völlig bartlosen Gesicht seinen seltsamen, nicht leicht zu deutenden Charakter gab.

Der Herr war im Hintergrund der Loge stehengeblieben. Er betrachtete, jetzt langsam vortretend, mit großer Aufmerksamkeit die schöne Schauspielerin, deren Worte im Selbstgespräch hörbar wurden, deren sanfte und frohe Stimme allein das Publikum in freundliche und dankbare Bewegung brachte.

Es war schon der dritte Akt, der gerade begonnen hatte.

Die junge Frau war aus ihrem Liegestuhl aufgestanden, sie hatte ein bißchen mit dem Kanarienvogel geplaudert und glitt geschmeidig an die Rampe, um ihre Bedenken gegen Herrn v. Müller, mit dem sie seit einer Woche verheiratet war, kundzugeben. Sie trat noch einen Schritt weiter vor, bis an die elektrischen Lampen heran, und da stand sie und starrte wie entgeistert in die Parkettloge hinein, in der der einzelne Herr saß, dessen bleiches, völlig bartloses Gesicht mit dem großen Einglas sich unverwandt auf das Angesicht der Schauspielerin richtete.

Gottlob, daß Fritz Heerfels, der erste Liebhaber des Goethetheaters, so mit allen Hunden gehetzt war ... Er »schwamm«, aber er schwamm meisterhaft ... Er tanzte auf der Bühne hin und her, gebrauchte einmal das liebevolle Du, um gleich danach die Angebetete mit »Sie« und mit »meine Gnädige« anzureden. Und er begann schon, wie man sagt, Blut und Wasser zu schwitzen, weil er sich gar nicht erklären konnte, warum »sie« denn nicht wenigstens ein Wörtchen der Ermunterung an ihn richtete ...

Da auf einmal drehte sie sich um (mehr als man das schicklicherweise auf der Bühne sonst wohl zu tun pflegt) und sah den Spielpartner lange an. Sie sagte noch immer nichts, aber sie sah ihn doch wenigstens jetzt an ... Er dichtete rastlos Sätze und ganze Perioden in seine Rolle hinein und meinte: einmal muß sie doch noch aufwachen, die Ilona! ... Denn in der Tat: was er da vor sich sah, war das Bild einer Schlafenden, einer Frau, die in wachem Traume alles vergessen hat, was um sie her ist und was sie eigentlich hier tun und reden sollte ... Ganz allmählich wich die Erstarrung von ihr, ganz langsam fiel das Vergessen von ihr ab und dann sagte sie, ebenfalls mit verblüffend kluger Improvisation:

»Also Sie sind noch immer da, mein Freund ... ich dachte mein Schweigen sagte Ihnen deutlich genug, was ich von Ihnen erwartete ...«

Nun lenkte Heerfels geschickt in die Rolle ein, sie folgte gehorsam, und zwei Minuten später prasselten die Witzworte von beiden Seiten wie doppeltes Raketenfeuer; der dritte Akt des Lustspiels glitt launig dahin, das Publikum freute sich und spendete am Schluß den reichsten Beifall.

Natürlich hatte Fritz Heerfels vor, der unaufmerksamen Kollegin – er vermutete und konnte ja auch hinter ihrem Schweigen nichts anderes vermuten als eine Laune! – gehörig seine Ansicht zu sagen! Aber Ilona war, als der Vorhang zum letztenmal fiel, weg und verschwunden wie eine Erscheinung. Und nachlaufen mochte ihr der Schauspieler nicht; das brauchte er ja auch gar nicht! Später bei Meisenbach, wohin sie wie ihn der Gesandtschaftsattaché Juan del Galamonte für heute abend geladen hatte, da würde er ihr schon noch die Leviten lesen! ... Geschenkt blieb ihr das nicht! ... So eine Fadesse! ...

Ilona Sebraczety saß inzwischen schon in ihrer Garderobe ... Der Raum, den welkende Blumenarrangements mit einem schweren süßlichen Duft erfüllten, war helles Licht. Und die Schauspielerin, die sich hierher geflüchtet hatte, wie um Schutz zu suchen vor etwas unbegreiflich Furchtbarem, saß mit hängendem Kopf, die Arme schlaff am Körper, untätig auf dem Ruhebett, als die Garderobiere, Frau Weißgerber, eintrat.

»Aber Fräulein Ilona, jnädiges Fräulein, was is denn?«

Die Schauspielerin erwiderte nichts. Sie hob nur ihre dunklen Augen und sah die Frau an, die verblüfft vor ihr stand und sie wiederholt ansprach, ohne eine Antwort zu bekommen.

Ja, Ilona Sebraczety sah die dicke Frau, die die unentbehrliche Gehilfin und die Vertraute sämtlicher Damen am Theater war, ebenso abwesend an, wie sie vorhin den starren, ausdruckslosen Blick auf ihren Partner gerichtet hatte.

Endlich öffneten sich ihre schönen Lippen zu der Klage:

»Ach, ich bin verloren, Weißgerber, ich bin verloren! ...«

»Aber was ist denn, Fräulein? ... Was haben Se denn? So reden Se doch bloß! Sagen Se doch, was soll denn das heißen: Sie sind verloren? ...«

Ilona fing an zu weinen, leise erst, mit langsam rinnenden Tränen, und dann immer stärker, verzweiflungsvoller und todestrauriger, so als wollte sie nie mehr aufhören, als müßte ihre Seele davonfließen in diesem unstillbaren Tränenerguß, als sollte mit ihrem Leid auch ihr Leben enden.

Es klopfte.

Die Weißgerber, die neben der Künstlerin saß, sie in ihren Armen hielt und in ihrer völligen Ratlosigkeit eben angefangen hatte, mitzuschluchzen, die stand auf, um zu öffnen.

Da schrie Ilona:

»Bleib hier, Weißgerber! ... Um Gottes willen, mach' nicht auf!«

Die dicke Frau im blaugestreiften Waschkleide blieb unentschlossen stehen:

»Aber Fräulein Ilonachen, liebstes Fräuleinchen, ich muß doch ... wir müssen doch ...«

Es klopfte abermals, und eine Stimme ward hörbar:

»Ich bin's! ... Bauke! ... 'n Brief für Fräulein!«

»Na sehn Se, Bauke is es! ... Bloß Bauke ... Lassen Se mich doch los ... Ich bleibe ja hier ... ja ... ja ... gleich, Bauke, ich komme schon!«

Sie machte sich frei aus den sie umschlingenden Armen, öffnete die auf den Garderobengang hinausgehende Tür nur einen Spalt breit und nahm dem Logenschließer den Brief ab, danach dem alten Weißkopf, der neugierig hereinguckte, die Tür rasch vor der Nase zuschlagend.

Nun brachte sie ihrem Fräulein den Brief. Aber die schrie laut auf:

»Nein, nein! Ich will ihn nicht! Ich les' es nicht!« Sie schluchzte laut, und die dicke Frau hatte wieder alle Mühe, sie zu beruhigen:

»Nebenan hören sie's ja! ... Fräuleinchen! ... Ja ... ja ... lassen Sie doch! ... Sie brauchen ja nicht lesen! ...«

Aber plötzlich wurde Ilona Sebraczety kalt und hart wie Stein. Mit rauher Stimme sagte sie:

»Gib her!«

Die Weißgerber, die, seit dreißig Jahren am Theater, soviel hysterische Frauen mit ihren Leidenschaftsergüssen und wilden Tränenfluten erlebt hatte, stand hier doch vor etwas Ungekanntem; sie blieb ganz wortlos und gab den Brief. Aber als ihn Ilona Sebraczety aufbrach, konnte die Garderobiere nicht anders, sie mußte über die Schulter der gebückt Dasitzenden hineinsehen. Und in dem Brief, auf dem weißen Bogen, stand nur ein Wort geschrieben. In einer großen, bösen Schrift, die unnachahmlich und unerbittlich drohte, stand da:

»Komm!«

Nichts weiter. Keine Anrede, kein Name, nichts als dies, wie von einem Henker geschriebene Wort: »Komm!«

Und in diesem Augenblick, als wollte das Wort, das da so grausam und allein stand, als wollte das lebendig werden – klopfte es abermals, aber diesmal gebieterisch, keinen Widerstand duldend, an die Tür der Garderobe.

Die herrlichen dunkelblauen Augen der Schauspielerin wurden weit wie bei einer Todgeweihten; ihre Hände hoben sich zitternd mit offenen Fingern und der Mund, dieser süße, von so vielen begehrte Rosenmund, tat sich auf wie zu einem Schrei der Angst, des Entsetzens! ...

Aber Ilona Sebraczety schrie nicht ... Ihre Lippen bewegten sich haltlos, sie stieß einen leise jammernden Laut aus und fiel vom Ruhebett auf ihre Knie nieder ...

»Oeffne, Ilona! ... Mach auf!«

Es war, als schnitte die Stimme das harte Holz der Tür durch ... Vor dem Wort des Draußenstehenden, das fühlte selbst die dicke Frau Weißgerber, gab es weder Riegel noch Tür ...

Und es überraschte sie nicht, daß das Fräulein, sich schwer emporrichtend, zur Tür schwankte und den Drücker öffnete.

Die Weißgerber, die selbst mehr Furcht hatte, als ihr lieb war, die treue Seele folgte doch dem Fräulein zaghaft.

Sie sah, als die Tür aufging, einen großen, schlanken Herrn auf dem ziemlich dunklen Gang stehen. Sie sah ein leuchtendes Frackhemd mit blitzendem Brillanten, einen dunklen Anzug und einen Zylinderhut, der vor ein Gesicht gehalten wurde, das sie nicht sah.

Dann war jener Mann drin im Zimmer und sie selbst hinausgeschoben, ohne daß es ihr recht zu Sinne kam, wie das geschah ... Sie entrüstete sich, war wütend darüber, aber doch auch ein bißchen froh, diesem Finsternen entronnen zu sein.

Aber sie blieb an der Tür, wollte horchen ... umsonst ... nichts zu verstehen ... die dadrin sprachen laut wohl, doch in einer fremden Sprache ... sie stritten sich auch nicht ... eigentlich sprach ja nur er ... das Fräulein gab schüchtern bittende Antwort ... so ergeben, so demütig klang, was sie sagte ... Es war wirklich, wie wenn ein Herrscher zu seiner Sklavin spricht ...

Dann ging die Tür wieder auf. Und ebenso wie vorher sein Gesicht mit dem Hute deckend, schritt der Unheimliche, der übrigens tadellos, wie ein wirklicher Kavalier gekleidet war, so rasch an der Frau Weißgerber vorüber, daß sie nicht mehr von ihm sah als bei seinem Eintritt.

Das Fräulein Sebraczety aber stand mit einem starren Lächeln auf ihrem schönen Angesicht mitten im Zimmer. Sie blickte nach der Tür. Aber es war, wie wenn ihre Augen durch Mauer und Wand drängen und jenem geheimnisvollen Manne nacheilten, der, schnell an dem alten Logenschließer vorbeieilend, das Theater verließ.

II.

Inhaltsverzeichnis

Die großen, weißen Lichtkugeln an den Arkaden des Theatereingangs flammten auf; Droschken und tutende Autos kamen von allen Seiten über den noch eben so stillen Theaterplatz und reihten sich hintereinander drüben auf der anderen Seite des Bürgersteigs; in wenigen Minuten mußte die Vorstellung zu Ende sein ... Da, ein paar von denen, die dem Gedränge an den Garderoben entgehen wollen und deshalb das Fallen des Vorhanges nicht abwarten, kamen schon aus den geöffneten Glastüren.

Jetzt fuhr ein Auto, ein geschlossener Taxameter, vor das Portal, hielt dort einen Augenblick und glitt auf den Zuruf seines Insassen, der sich aus dem offenen Fenster des Wagens beugte, weiter bis vor den dunklen Nebeneingang, der zu den Bühnenräumen, den Garderoben der Schauspieler führte.

Dort stieg ein Herr aus, eine hohe, stolze Männererscheinung, der mit einem leisen Ausruf des Unwillens seinen Schirm aufspannte; vom dunklen Himmel der warmen Maiennacht fielen schwere Tropfen.

Er ging ein paarmal unschlüssig auf und ab. Dann trat er unter den Torbogen, weiter über den langen Bühnenhof, bis zum Garderobeneingang, weil er voraussah: Ilona würde ihren Schirm nicht bei sich haben. Und dann war der schöne Abendmantel aus Crepe de Chine und spanischen Goldspitzen, über den sie sich neulich so gefreut hatte, futsch ...

Während Graf Zeinfeld, der bis vor kurzem noch bei den Gardekürassieren gestanden hatte, vor dem engen Treppenflur wartete, mußte er mit innerer Heiterkeit daran denken, wie sehr die Liebe doch selbst den Verwöhntesten gefügig und bescheiden zu machen imstande ist. Er hatte wahrhaftig so mancher Schönen Huld genossen, aber noch niemals, ehe er Ilona Sebraczety kennenlernte, war es einer gelungen, ihn aus seiner verwöhnten Bequemlichkeit, seiner stolzen Zurückhaltung zu locken.

Diese merkwürdige Frau, die, von irgendeinem Variété kommend, hier eine kleine Nebenrolle gespielt und sich nach der ersten Kritik sofort zum Star der großen Berliner Bühne emporgeschwungen hatte, die hatte ihn sein Herz und die Stärke einer Leidenschaft kennen lassen, an die er, ein Skeptiker bisher in solchen Dingen, bei anderen nie hatte glauben mögen.

Die Tür zur Garderobentreppe ging auf, ein heller Lichtkegel fiel über den dunklen Hof, und dessen Asphaltboden, der glänzte vom leise rieselnden Regen. Der Komiker Renz war herausgetreten und prallte ein bißchen zurück vor der Gestalt unter dem Regenschirm. Dann erkannte er den Grafen, lachte laut über sich selber und sagte, die Tür wieder öffnend:

»Aber kommen Sie doch 'rein in die gute Stube, verehrter Herr Graf! Das Sich-unter-Feuchtigkeit-Setzen können Sie ja nachher bei Meisenbach noch besorgen!«

»Fräulein Sebraczety ist doch noch oben?« fragte der Graf, indem er dem zurücktretenden Schauspieler in den engen Flur folgte, der sein Licht aus der über der schmalen Treppe hängenden Kastenlampe bekam.

»Wer?« Der Komiker machte sein berühmt dummes Gesicht, »ach, die Ilona meinen Sie! ... Ja, die is noch oben ... aber da kommt sie schon, auf den Flügeln der Liebe ...«

Er blickte die Treppe hinauf. Doch da war's Mariechen Quessel, die erste Naive, die übrigens auch eingeladen war, heute nacht zu dem Abschiedsessen, das Sennor del Galamonte, der Attaché der peruvianischen Gesandtschaft, seinen Freunden gab.

Die drei plauderten eine Minute, dann ging Renz mit Mariechen Quessel; weil man, meinte er, das erste Wiedersehen zweier Liebenden nach vierundzwanzig Stunden niemals stören dürfe ...

Und gleich schritt – nein, sie schritt nicht! Ilona Sebraczety schwebte die schmale, häßliche, hölzerne und schlechtbeleuchtete Treppe hinab, die durch den Zauber ihrer Anmut, durch den bezaubernden Reiz ihres ganzen Daseins zu einem glückseligen Ort wurde ... Ja, dieses Mädchen, das eben achtzehn Jahre alt war, das aus einem rätselvollen und schattenhaften Düster, wie hier auf der elenden Treppe, so auch aus ihrem bisherigen Leben überraschend auftauchte, brauchte nur da zu sein, hatte nur nötig, ihr Lächeln zwischen anderen Menschen strahlen zu lassen, um alle zu entzücken, um die Herzen zu erobern und sich zur Königin zu machen!

Aber der Graf hatte sofort das Gefühl, daß heute nicht die Ilona daherkam, die sonst mit einer so unnachahmlichen Gebärde der Liebe, der Hingebung ihre Arme um seine Schultern legte. Sie lächelte ihn an, wie sonst, mit ihrem Madonnenantlitz, dessen tiefdunkelblaue Augen aus einer geheimen Ferne, irgendwo aus den Fluten des Meeres aufzuleuchten schienen. Sie umschlang und küßte ihn und riß all' sein Denken und Fühlen auf den unerschütterlichen Satz zusammen, daß er sie liebe, daß er ohne sie nicht leben könne. Und doch war es heute nicht wie an anderen Abenden, doch fehlte ihm etwas in seiner Zuneigung, irgend etwas enttäuschte leise den Herzensjubel, mit dem er sie immer erwartete ...

»Liebling, fehlt dir etwas?« fragte er leise, den schon der Gedanke, sie könnte erkranken, erschrecken machte.

Sie schüttelte ihren lieblichen Kopf, dessen Nase so fein und edel über der Granatblüte des ernsten Mundes stand. Dabei sah sie ihn nachdenklicher als sonst an, schien ihm, und die langen, schwarzen Wimpern senkten sich rascher vor seinen forschenden Augen.

»Komm!« Sie zog ihn fort.

»Aber es regnet draußen.«

»Du hast ja einen Schirm.«

Sie lachte, als sie fest aneinandergeschmiegt in den noch immer gleichmäßig fallenden Regen hinaustraten. Aber auch das Lachen klang nicht wie sonst. Es war, als sei über ihr ganzes Wesen ein Schleier gebreitet; wie entrückt schien sie ihm, der vergeblich alle seine Zärtlichkeit aufbot, sie heranzuholen. Er fragte sie noch einmal, sie schüttelte nur den Kopf. So gingen sie die kurze Strecke bis zum Auto und stiegen ein. Wie er sie stützte, fühlte er einen pressenden Druck ihrer Hand; ihm war, als läge eine verschwiegene Klage, ein geheimes Flehen in diesem kurzen Zeichen, daß sie sein sei und nichts sie trennen dürfe ...

Dann stiegen sie ins Auto, dessen Lenker der Graf die Adresse des Meisenbachschen Restaurants genannt hatte.

Kaum fuhren sie aber, warf die Schauspielerin sich leidenschaftlich an ihres Liebsten Brust und sagte:

»Ich kann nicht, Hugo! Ich kann da heute nicht hingehen!«

Er war bestürzt. Er hatte sich auf den Abend gefreut, war selig in dem Gedanken gewesen, an ihrer Seite dort sein zu dürfen und bewundert zu werden wegen dieses Kleinods, dessen Wert ihm unermeßlich dünkte. Aber er war auch ein Mann von Charakter; er hatte versprochen, beim Feste seines Freundes zu sein; daß er jetzt, wenn auch ihr zuliebe, absagen sollte, das kränkte ihn. So blieb er ihr Sekunden die Antwort schuldig.

Ein tiefer Seufzer aus einer Brust, die zart hervorsah aus dem tiefen Ausschnitt des Seidenkleides, ließ ihn nach ihren Händen greifen.

»Aber, um Gottes willen, ja, mein Herzblatt! Wenn dir nicht so ist, wenn du dich nicht wohl fühlst, dann gehen wir eben nicht hin ... bloß, du erlaubst doch, daß ich mitheranfahre und absage, nicht wahr? ... sag', bist du wirklich nicht krank? ...«

»Nein, nein!« sie schüttelte energisch den Kopf, den das tiefbrünette Haar in seiner Fülle immer ein wenig nach hinten zu ziehen schien.

»Mir fehlt nichts, Liebster ... nicht das mindeste! Wirklich, du darfst dich nicht ängstigen! ...«

»Dann ist dir irgend etwas passiert im Theater ... ja?«

Sie nahm rasch seine Rechte, zog sie an ihre heißen Lippen und stammelte:

»Frag' doch nicht! ... jetzt nicht ... ich sag' dir alles ... morgen vielleicht schon ... ja ... bitte!«

Er nahm sie, wie er oft tat, an seine Brust, wie ein Kind, fühlte ihr unruhiges Atmen und versuchte durch die Ruhe, das Gleichmaß seines starken Herzens das ihre zu besänftigen, das er verstand in seiner leichten Erregbarkeit; er kannte ihre Empfindsamkeit unvorhergesehenen Dingen gegenüber, er wußte, daß ein rauhes Wort, ein widriges Bild, oft schon ein rein seelischer Eindruck, ihr zartes Nervenleben so verstimmen konnten. Und er war klug und gütig genug, alles das zu begreifen und ihr Weh durch seine stille Liebe auszugleichen ...

So legten sie schweigend die Fahrt zurück. Das Auto hielt vor dem Restaurant von Meisenbach.

Ein von wildem Wein umranktes Gitter umschloß den kleinen Vorgarten, unter dessen regenfeuchten Zelten ein paar Gäste bei rotgedämpftem Lampenlicht saßen.

Der Graf ging rasch hinein, durch den kleinen Vorraum, der mit seinem verschwenderisch besetzten Büfett das Beste versprach, in das große Hinterzimmer, in dem die Gesellschaft des Senor del Galamonte tagte.

Vielleicht zwanzig Personen, die schon kleine Berge von Austern- und Hummerschalen vor sich hatten und die ihre Sektschalen leerten, mit jener ein wenig geräuschvollen, aber dafür auch witzigen Fröhlichkeit, die Künstlergesellschaften so angenehm auszeichnet.

Eben hielt Renz eine Rede – ohne Worte.

Und Graf Zeinfeld blieb stehen und freute sich mit den übrigen, wie urdrollig der Komiker, nur durch die Gebärden, die Worte wirken ließ, die er nicht aussprach, die er durch ein leises, hin und wieder verstärktes Summen und Raunen markierte, das wirklich den Eindruck weckte, als spräche der Redner in einer Gesellschaft von Hunderten von Personen im größten Saal und vielleicht ganz weit ab, oben am Tafelende.

Dann kam der Peruaner dem Freunde grüßend entgegen.

»Aber, wo sein deine Liebe?«

Der Graf entschuldigte sie und sich. Doch das wollte keiner gelten lassen. Wirklich, es kostete ihn große Mühe, sich freizumachen. Minuten vergingen darüber, und als Hugo Zeinfeld nach der Uhr sah, war fast eine Viertelstunde vergangen, seit er hier eingetreten. Er eilte, Ilona sollte nicht länger warten!

Durch die Drehtür trat er in den Garten.

Wo war denn sein Auto?

Er erschrak und rannte durch den Zeltgang auf die Straße.

Kein Auto war da – der Wagen fort.

War Ilona davongefahren, allein, ohne ihn? Hatte sie geglaubt, er bliebe? ... Aber sie kannte ihn doch! Wußte, daß er einer solchen Rücksichtslosigkeit nicht fähig war ... Ihr konnte schlechter geworden sein. Sie war vielleicht doch ernstlich krank, vielmehr am Ende mit ihren Kräften, als sie ihm hatte zugeben wollen ...

Ein Auto fuhr vorbei.

»Chauffeur!«

Graf Hugo gab die Adresse und stand zehn Minuten später vor Ilonas Wohnung.

III.

Inhaltsverzeichnis

Es dauerte recht lange, ehe die Zofe mit verschlafenen Augen öffnete.

Graf Zeinfeld, sonst zu dem einfachsten Menschen von einer feinen Höflichkeit, war so erregt, daß er das Mädchen anfuhr:

»Wo bleiben Sie denn, Hedi? Ich warte ja schon eine Viertelstunde! Ist das gnädige Fräulein zu Hause?«

Das Mädchen schüttelte ängstlich den blonden Kopf, dann griff sie nach ihrer notdürftig geschlossenen Bluse und legte die Hand über den bloßen Hals.

»Nein, Herr Graf ... das gnädige Fräulein sagte, es würde spät werden ... da hab' ich mich solange hingelegt.«

Dem Aristokraten war seine Heftigkeit leid.

»Sie haben ganz recht, Hedi ... aber ... Fräulein Sebraczety ist nicht da? ... ich weiß gar nicht ...«

Die Mutlosigkeit übermannte ihn derart, daß er dem Mädchen alles erzählte. Alles, was er wußte und was doch nicht den geringsten Aufschluß gab über Ilonas Fortbleiben.

»Mein Gott,« seufzte das Mädchen, »wenn er ihr bloß nichts getan hat!«

Der Graf war eingetreten, in den hellen Korridor. Nervös seinen Schnurrbart drehend, sah er in den Garderobenspiegel und erschrak über den alten, verfallenen Ausdruck seiner Züge ... Er fühlte in dieser Minute, daß Ilonas Leben das seine bedeute, daß er nie wieder froh werden könnte, wenn sie von ihm genommen würde ...

Aber er mußte einen Entschluß fassen ... nur welchen? ... was er jetzt tun sollte, das war ihm ganz unklar.

»Ich glaube, man müßte zur Polizei gehen,« sagte das Mädchen schüchtern.

Zur Polizei ... nein ... nein ... damit morgen eine ganze Skandalgeschichte in den Zeitungen stand und sein Name in allen möglichen Kombinationen genannt wurde ...

Er schüttelte heftig den Kopf, erwiderte aber nichts.

Das hübsche Mädchen fing an zu weinen.

»Das arme, gnädige Fräulein! ... wenn ihr doch bloß nichts passiert ist!«

Graf Zeinfeld atmete tief. Sein Herz zog sich schmerzhaft zusammen, er durfte diesen Gedanken gar nicht ausdenken ... seine Ilona, sein alles in der Gewalt eines fremden Mannes, eines Verbrechers obendrein!

Er biß die Zähne zusammen, unterdrückte das übermächtig aufquellende Gefühl des haltlosen Schmerzes, der Tränen, die sein Auge schon feuchteten, und sagte:

»Kommen Sie, Hedi, wir wollen in den Zimmern des Fräuleins nachsehen, ob vielleicht irgend etwas da ist ... ob wir vielleicht einen Anhaltspunkt finden ... kommen Sie! ...«

Das elektrische Licht flammte auf in dem hübschen Biedermeiersalon, in der kleinen Tee- und Plauderstube und im Boudoir der Schauspielerin. Der Graf sah, was seinem vornehmen Wesen sehr entgegen war, auf allen Schalen und in jeder Mappe nach, die seinem Suchen offen standen. Irgendein Behältnis, am Ende gar den Schreibtisch zu öffnen, das ließ sein Takt nicht zu ... Er fand nichts, war auch im Innersten überzeugt, daß er nichts finden würde.

Und doch ließ etwas nicht ab von ihm, ein Gefühl, so vage, so ohne jede greifbare Form, daß er ihm nicht Gehör schenken wollte! Das ihn doch ankroch und immer wieder nach ihm züngelte. Bis er, ohne es eigentlich zu wollen, ihm Worte lieh.