INHALT
IMPRESSUM 2
VORWORT 3
EIN NIEMAND 6
DER ERSTE AKT 8
DER ZWEITE AKT 119
IMPRESSUM
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie.
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99064-995-4
ISBN e-book: 978-3-99064-996-1
Lektorat: Isabella Busch
Umschlagfotos: Andrey Kiselev,
Andreiuc88, Jose Manuel
Gelpi Diaz | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
www.novumverlag.com
VORWORT
Mein großer Dank an
Rosemarie Gulbis
und
Professor Dr. Gisela Levin
dafür, dass ich die Deutsche Sprache
bei Ihnen lernen dürfte.
Die wirkliche Wahrheit liegt sowieso weit jenseits
der Grenzen des menschlichen Verstandes.
Genießen wir die Kunst der Fantasie!
Messen Sie dies bitte nicht mit der wirklichen Geschichte.
Die Ähnlichkeit ist trügerisch.
EIN NIEMAND
Eine verrückte Phantasmagorie-Geschichte fürs Theater,
von der Politik inspiriert
Besetzung:
Niemand – ein Mann, etwa 45 Jahre alt (bis zum Ende der Handlung behält er dieses Alter, er wechselt nur die Kleidung)
Satanin – ein Diktator, mit dichtem Schnurrbart, etwa 50 Jahre alt
Krustoff – ein Mann von etwa 40 Jahren
S. Referent – ein Intellektueller, etwa um die 40
Präsident – ein sportlicher Mann, etwa um die 50
R. Referent – ein eleganter Mann, etwa 28 Jahre alt
Donkosake
(Vater) – ein gut gebauter Mann, etwa 50 Jahre alt
Donkosake
(Sohn) – Mann, etwa bis 30 Jahre alt.
Offizier – jeweils nach Handlungsbedarf ein anderer junger Mann (oder derselbe Mann, durch Schminke und Perücke verändert)
Sekretärin – jedes Mal, der Handlung folgend, eine andere junge Frau (oder dieselbe Frau, durch Schminke, Perücke etc. verändert)
In Massenszenen – Soldaten und Soldatinnen, Bauarbeiter, Bedienung.
Stimmen aus dem Saal – unverbindlich, unbestimmt …
Die Schattenfiguren:
Angelina–eine Dame, etwa um die 50
Alabama–ein schlanker schwarzer Mann
Waldemar–ein kompakter Mann, etwa um die 50
Paris–ein Mann, etwa 30
Donut–ein pummeliger Mann, um die 60
Maskierte Dame
Paraschka–ein pummeliger Mann, etwa 50
Security–ein kräftiger Mann
In Massenszenen–die Bedienung
Avantgardistische sinfonische Musik begleitet hin und wieder das gesamte Stück. Noch ein Wort zur Regie: Wenn eine oder andere Behauptung oder Äußerung als „nicht korrekt“ erscheinen, dann prüfen Sie bitte nach,werspricht.
DER ERSTE AKT
Szene 1 „… Nur unsere Achtung aussprechen …“
(Niemand, der Referent, die Sekretärin, der Offizier).
Soldaten marschieren durch das Proszenium in Rote-Armee-Uniform. Sie singen die Internationale. Ein Mann (das ist ein Niemand) schreit von oben aus dem Saal: „Hey! Hey! Halt!“ Er läuft in Richtung Bühne, fuchtelt mit den Händen.
Niemand: – Hey Genossen, halt, halt! Nicht anfangen! Ich bin noch nicht da, noch nicht angekommen. Der Weg war zu matschig, meine Stiefel sind im Schlamm stecken geblieben.
Ein Mann mit Brille sieht aus dem Vorhang. Das ist der Referent. Er schaut unbeholfen in den Saal, gibt Soldaten ein Zeichen, sie gehen hinter die Kulisse.
Referent: – (ins Publikum, verängstigt) Wer ist das? (lauscht in die Stille) Wer schreit? Ist da jemand?
Die Stimme der Sekretärin erklingt hinter dem Vorhang.
Sekretärin: – Genosse Referent, wer ist da?
Referent: – Niemand. Ich seheniemanden.
Der Referent verschwindet hinter den Vorhang. Die Beleuchtungführt die Blicke des Publikums nach hinten. Ein Mann, armgekleidet, mit einem Bündel in der Hand, marschiert in RichtungBühne. Er bemerkt die Aufmerksamkeit des Publikums, macht halt,nimmt seinen ganzen Mut zusammen und geht weiter, laut die„Internationale“ singend.
Niemand:
– (singt) Wacht auf, Verdammte dieser Erde,
– die stets man noch zum Hunger zwingt!
– Das Recht wie Glut im Kraterherde
– Nur mit der Macht zum Durchbruch dringt.
– Reinen Tisch macht mit dem Bedränger!
– Heer der Sklaven, wache auf!
– Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger,
– alles zu werden, strömt zuhauf!
– Wer Niemand ist, der Alles wird!
– Völker, hört die Signale!
– Auf zum letzten Gefecht!
– Die Internationale erkämpft das Menschenrecht!
(ins Publikum). Ich komme vom Lande, ich gehe zum Genossen Satanin, um ihm unsere Hochachtung auszusprechen.
Niemand, auf die Bühne gekommen, schaut hinter den Vorhang.
Niemand: – (zum Publikum, erleichtert) Ja, Genossen! Ich bin da, ich bin angekommen.
Niemand zieht den Vorhang zur Seite. Zum Vorschein kommt das Sekretariat. Als Hintergrund dient das Porträt von Generalparteisekretär Satanin. Hinten befindet sich eine Tür mit der Aufschrift „Generalparteisekretär Satanin“. Am Tisch sitzt der Referent. Seitlich sitzt eine Sekretärin an der Schreibmaschine. Niemand platziert sich auf den Boden neben dem Ausgang. Ein bewaffneter Offizier kommt aus Satanins Büro.
Offizier: – (auf den Mann deutend) Wer ist das?
Referent: – Niemand. Vom Lande gekommen.
Sekretärin: – Wir haben ihm schon N-malgesagt, dass Genosse Satanin niemanden empfängt. Weil er gedanklich mit bedeutenden politischen Analysen und Strategiefindungen beschäftigt ist.
Referent: – Genau. Und danach wird er diktieren.
Offizier: – (zur Sekretärin) Soll ich ihn rausschmeißen?
Sekretärin: – Oh ja, bitte! Er vergiftet mir die Luft, er riecht nach Knoblauch.
Offizier: – (zu Niemandem) Genosse, Sie haben es gehört. Gehen Sie, gehen Sie!
Der Offizier führt den Mann hinaus. Der Mann wirft sich plötzlich in die Mitte des Sekretariats, reißt die herabhängende Glühbirne ab. Nach einem Blitz wird es dunkel. Die Bühne dreht sich. Alle bisher Anwesenden hasten durch die Dunkelheit mit den Worten: „Wo ist er?“; „Hey Sie, wo sind Sie?“ „Wir müssen ihn fangen.“ Auf der anderen Seite der Bühne erscheint das Satanins Büro. Es erklingt orientalische Musik. Satanin, in Militäruniform, tanzt temperamentvoll einen Tanz (die „Lisginka“). Neben der Tür steht Niemand. Satanin bemerkt ihn, schaut ihn schweigend an.
Szene 2 Die Volksstimme
(Satanin, Niemand)
Satanin: – Na, Volksstimme? Was? Keine Angst, komm näher. Trink mit mir.
(Niemand kommt näher, Satanin schenkt ihm etwas Kognak in ein Kognakglas und reicht es ihm.)
Satanin: – Trink. Trink auf unsere Mutter Partei, auf unsere Erfolge. Weißt du, Volksstimme, ich mache mir Sorgen um unsere Partei. (plötzlich misstrauisch) Wer bist du? Wer hat dich reingelassen?
Niemand: – Ich? Ich bin ein … Nein, ich bin nix. Niemand. Vom Lande …
Satanin: – (beruhigt) Du bist also ein Niemand. Und dein Name? Ach, wer braucht schon deinen Namen. Hauptsache – treu. Bist du mir treu?
Niemand: – Das bin ich! Jawohl!
Satanin: – Und dumm bist du auch, Volksstimme. Bist du ein bisschen dumm, Mann? Nur ein kleines bisschen?
Niemand: – Jawohl, Genosse Generalparteisekretär!
Satanin: – Weißt du was, du Volksstimme? Mit so einem wie dich fühle ich mich besser. Irgendwie sicherer. Solche wie du führen nichts im Schilde. Weil ihre Schädel leer sind! (bricht in Lachen aus)
Niemand: – (geschmeichelt) Jawohl, Genosse Parteisekretär! Mein Schädel ist total leer!
Satanin: – Weißt du, Leerschädel, was mir schlaflose Nächte bereitet? Weißt du das?
Niemand: – Nein. Ich würde es gerne wissen.
Satanin: – Die Feinde … Die feindlichen Kräfte, sie platzieren sich überall. Hinter jede Tür, in jede Ecke. Man darf sich nie entspannen, man muss ständig wachsam bleiben. Als Parteimitglied müsstest du es wissen. Ja … Und auf was zielen die Feinde, was ist deren feindliche Zielscheibe, Mann?
Niemand: – (starrt Satanin mit glücklichen, voller Bewunderung, beinahe verliebtem Blick an) Was ist deren feindliches Ziel, Genosse Generalparteisekretär, was ist ihre Zielscheibe?
Satanin: – Ich natürlich! Durch die Vernichtung meiner Person wollen sie unsere Mutter Partei kaputt machen. Wenn ich sterbe, stirbt auch die geliebte Mutter, unsere Partei. Weil wir – ich und die Mutter Partei – fest aneinandergebunden sind. Zusammengewachsen.
Niemand: – Die Feinde wollen Sie vernichten? Wissen Sie schon womit?
Satanin: – Durch Vergiften. Wie sonst.
Niemand: – Durch Vergiften. Niederträchtig. Und wie genau?
Satanin: – Nun, ich bin nicht immer gesund, mein Lieber. Ich bin auch nur ein Mensch. Manchmal bin ich krank. Und dann schickt man mir einen Arzt. Und der verabreicht mir statt eines normalen Medikaments Gift.
Niemand: – Aha! Und wie das? Durch eine Pille? … Eine Spritze?
Satanin: – (misstrauisch) Was bist du, Mann? Was willst du? Wer hat dich zu mir rein gelassen?
Niemand: – (beim Trinken sich verschluckend) Ich … Niemand, Genosse Generalparteisekretär
– Ich komme vom Lande, Ihnen unsere Achtung auszusprechen. Und, um Sie mit unserem bescheidenen Präsent zu stärken.
Satanin: – Hm … Und wo ist das? Das Präsent?
Niemand: – Na hier. (setzt sich auf den Boden und zieht die Stiefel aus und die dicken Socken von den Füßen) Handgestrickte Wollsocken. Das Beste, was unser Dorfweib je eigenhändig gestrickt hat.
Satanin: – Und wieso hast du meine Socken an?
Niemand: – Klar, habe ich sie an! Sonst würde jemand sie mir aus den Händen reißen.
Satanin: – (lacht, zieht die Stiefel aus und die Socken an) Gute Socken! Musik!
Satanin tanzt. Seine Stimmung reißt den Niemanden mit, er fängt an zu tanzen. Satanin hört auf zu tanzen und erstarrt. Er beobachtet Niemanden verwundert, als ob er ihn eben erst entdeckt hätte. Niemand bemerkt die Gefahr nicht und tanzt weiter. Satanin schlägt dem Tanzenden mit der Faust ins Gesicht. Niemand fällt zu Boden und bleibt reglos liegen.
(Satanin ordnet seine Uniform.)
Satanin: – Pfui! Schluss mit den Genossen! Widerlich! Jede Küchenschabe denkt, sie darf Kognak mit mir, dem Generalparteisekretär, schlürfen. Und warum? Weil er auch ein Genosse ist. Widerlich. Referent! Ich will diktieren.
Szene 3 Der Aufstieg
(Satanin, Referent, Niemand, Offizier)
Der Referent kommt herein und steht bereit zum Schreiben.
Satanin: – Ach, noch was … (setzt sich und zieht die Socke aus und die Stiefel an) Die Socken sollen einem Altenheim geschenkt werden. Unsere Partei lässt alte Menschen nicht im Stich. Also, zum Wichtigen … Schreiben Sie. Wir, die Neudemo… Hm …
Referent: – Bitte, bitte entschuldigen Sie, Genosse …
Satanin: – Was, was!
Referent: – (unsicher) Ge… Genosse Satan…nin… Wie soll ich das Wort „Neudemo“ schreiben? Stammt das Wort von dem Begriff „Dämonen“? Wenn Sie das definieren wollen, dann weiß ich schon, wie man es schreibt. Soll das etwa von Ihren hoch-linguistischen Neologismen stammen, dann weiß ich nicht weiter …
Satanin: – Was, was, was!! Verdreh mir nicht den Kopf mit akademischem Müll. Kennst du etwa den Begriff „Neudemokratie“ nicht?!
Referent: – Ach das … Ja, natürlich. Jawohl, Genosse Generalparteisekretär Sa… Satan… nin! Davon muss die ganze progressive Welt erfahren, unbedingt. Jawohl.
Satanin: – Also, Folgendes: Schluss mit Genossen.
Referent: – Wie … das?!
Satanin: – Sonst denkt jede Kakerlake, dass sie mich duzen darf. Wir, die Neudemos, wollen lieber mit „Herr“ angesprochen werden.
Referent: – Ja … Jawohl, Ge… Ab jetzt anstatt Genosse – Herr und Herrin.
Satanin: – (denkt nach). Nein, Dummkopf. Mich Herrin zu nennen, das ist nicht gut. Frau bleibt Frau.
Referent: – Jawohl, Ge… mein Herr!
Satanin: – Nein, nein, nicht dein Herr! Ich bin nicht nur dein Herr, es gibt noch andere. Übrigens, du und alle anderen bleiben Genossen, verstanden? Mit „Herr“ darf nur das Staatsoberhaupt angeredet werden.
Referent: – Wird sofort auf dem Papier festgehalten!
Satanin: – Du, Referent, das darf auf gar keinen Fall „MeinHerr“ heißen. Wir sind doch keine Herrenmenschen, Ausbeuter, Blutsauger, die ihren Profit auf Kosten der einfachen Arbeiter machen. Wir sind, und wir bleiben unserer Partei treue Söhne. Und was verlangt von uns die Mutter Partei? (schaut streng den Referenten an. Der schweigt wartend, dann bereitet er sich vor, etwas zu sagen) Psst! Die Mutter Partei verlangt von uns … etwa … Na, was, was?
Referent: – Treue.
Satanin: – Psst! Treue!Dasverlangt von uns die Mutter Partei. Wir sind ihre treuen Söhne und Töchter. Und Enkel. Hm … Eine komplizierte Angelegenheit: Sollte diese Titulierung nur unter uns Politikern verwendet werden, würde sich das einfache Volk benachteiligt fühlen. Und das – zu Recht. Denn wenn wir das einfache Volk statt mit „Genosse“ mit „Herr“ ansprechen würden – und das ganz gesetzmäßig festlegten, wird das Volk uns für bescheuert halten. Und warum? Was sagst du, Schlaukopf?
Referent: – (völlig verwirrt) Sagen? Was sagen? Ja, und warum?
Satanin: – Weil unsere Revolution das Volk sowieso zu Herren gemacht hat!
Referent: – Oh … Ja, genau! Genial.
Satanin: – Nein, nein, Genosse Referent, wir werden mit den neuen Zeiten ganz angemessen, ganz in parteiischem Sinne, bescheiden und hart voranschreiten. Ja, ganz hart! Können Sie, Genosse Referent, mir folgen? Ja, das soll kompliziert für Sie sein, Sie können es nicht verstehen, Sie sind nicht von unserem Schlag, sozusagen … Also, „Herr Satanin“, das wird schon reichen.
Referent: – Jawohl, Herr Satanin!
Satanin: – (lauscht). Nein, warte, warte mal … Na, sag es!
Referent: – Herr Satanin.
Satanin: – Das ist doch, zu wenig … Irgendwie respektlos. Das muss solide klingen, das muss die kapitalistischen Schweine zum Zittern bringen! Man muss uns mit „Herr Vater der Völker“ ansprechen.
Referent: – Genoss … Mein … Ich bitte um Entschuldigung … Herr der Völker, meine ich … Ich meine aber – wenn ich überhaupt etwas meinen darf, wenn es in Ihrem Sinne ist, dann erlaube ich mir die Freiheit zu bemerken, dass diese Anrede nicht mehr bescheiden klingt.
Satanin: – Was? Du widersprichst mir? Dumeinst?! Du wagst es, in meiner Anwesenheit etwas zu meinen?! Du?! So einer wie du?! So eine kleine … (zischt wütend) Wache!
Der Offizier betritt den Raum.
Satanin: – Genosse … Genosse Offizier, verhaften Sie den … Diesen … Schmeißen Sie ihn ins Untersuchungsgefängnis, er labert zu viel. Ein Spion vermutlich.
Offizier: – Den Referenten?! Jawohl, Genosse Satanin! Gern!
Referent: – Genosse … Ge… Ge…
Satanin: – (veralbernd) „Ge-e-e…” „Be-e-e…“ Wer hat den Mann so kaputt gemacht? Bist du ein Schaf?
Referent: – Verzeihung, Genosse Satanin. Ich bin kein Spion. Bitte! Ich bitte Sie! Ich habe eine Familie zu ernähren, Sie wissen schon …
Satanin: – Ach, natürlich, er hat eine Familie. Genosse Offizier, schicken Sie Bewaffnete zu ihm nach Hause. Die Erwachsenen ins Gefängnis, die Kinder – ins Waisenhaus. Na, wie üblich.
Referent: – (in Panik) Nein, nein, nein!
Offizier: – Jawohl, Genosse Satanin!
Referent: – Genosse Satanin, meine Frau ist Lehrerin, sie unterrichtet Kinder!
Satanin: – Oh! Lehrerin! Die schlimmste Sorte von allen, die verbreiten feindliche Propaganda schon in den Schulen, sie verseuchen uns die kindlichen Gehirne! Offizier, schnell! Und prüfen Sie nach, mit wem seine Frau Kontakte pflegt.
Referent: – Meine Söhne sind beide vielversprechende Schachspieler, sie werden unserem Land Ehre machen!
Satanin: – (murmelt) Ja, ja, ja …
Der Offizier führt den Referenten ab. Satanin macht durch
das Zimmer unruhige Schritte, tigert hin und her.
Satanin: – (gekränkt) „Nicht mehr bescheiden“ … Wie soll ich in meiner Position mich anreden lassen … Soll ich mich „Monster“ nennen lassen? „Der Genosse Generalparteisekretär ist ein Monster, er hat die Familie des ärmsten Referenten ins Gefängnis gesteckt …“ Na und? Das war nötig. Nein, ich bin kein Böser. Ich bin ihm, dem Referenten, trotz all seiner frechen Worte nicht böse. Etwas gekränkt … Der Ärmste, er tut mir leid, weil ich weiß, dass meine Völker mich rächen werden. Was wird nur aus ihm im Gefängnis? … Kaum vorstellbar. Meine Völker werden jeden, der mich kränkt, ins Verderben stürzen. Wenn ich sogar dem Offizier sagen würde: „Genosse Offizier, schicke ihn, den frech gewordenen Referenten, in den Kurort, er ist immer noch unser Parteigenosse“, wird dies nicht geschehen, und der ärmste Referent wird trotz meiner Bitte ins Gefängnis gesteckt. Meine Völker lassen es nicht zu, mich, den Generalparteisekretär, straflos zu kränken. (setzt sich müde auf den Boden) Ach, ich kann für ihn nichts mehr tun. Tja … Der Tod eines Mannes ist immer eine Tragödie.Der Vater derVölker spürt sie tief in seinem Herzen. So tief, als sei das seine eigene Tragödie. Erstaunlich, dagegen ist der Tod einer Masse von Menschen nichts. Oh!Das ist genial!! Diktieren … Referent! (sieht sich um) Ach verflucht! Jemand muss doch meine Worte notieren. Meine politischen Gedanken und Analysen gehören zu den wertvollsten Schätzen unserer Mutter Partei, sie sind Staatskapital, sie dürfen nicht verloren gehen. (In den Saal:) Hey, Genossen, ich will diktieren. Wer von euch kann schreiben? (erinnert sich plötzlich an etwas, schaut um sich herum auf den Boden) Wo war dies … das …
Hinter ihm zeigt sich Niemand. Er steht auf allen vieren, kriecht zu Satanins Füßen.)
Niemand: – Ich bin hier (steht auf) zu Ihren Diensten, Herr Vater der Völker! Jawohl, der Tod eines Mannes ist eine Tragödie, was sonst. Und der Vater der Völker spürt sie tief in seinem Herzen, so tief, als sei sie seine eigene.
Satanin: – Oh! Oh! Das ist ein Mann! Das istmeinMann! Ein Adler! Unser Vaterland braucht solche Männer. Mit diesen werden wir große Politik machen. Sie dürfen den Schatten wichtiger Männer behüten.
Niemand: – Immer bereit!
Satanin: – Dann nimm schnell den Stift und schreib. Du kannst doch schreiben? Natürlich kannst du das. Wichtige politische Aufgaben warten auf dich. Wie war dein Name?
Niemand: – E … Mein Name ist nicht wichtig. Besonders hier in Ihrem Schatten. Ich bin nicht wichtig, einer vom Lande … Ich bin ein Niemand.
Satanin: – Genau. Wer braucht schon deinen Namen.
Niemand: – Ich bin wie jeder andere. Herr Vater der Völker, was bin ich schon neben Eurer Partei-Höhe?
Satanin: – Du gefällst mir immer mehr. Genug von dir. Wir dürfen keine Zeit vergeuden, das Schicksal der Völker liegt in unseren Händen, und es ist in Gefahr. Wo ist dein Notizblock?
Niemand ist verwirrt, ängstlich breitet er die Arme aus.
Niemand: – Nie gehabt.
Satanin: – Wie jetzt? Genosse Niemand, enttäusche mich nicht. Du hast gesagt, du stehst mir zur Verfügung.
Niemand: – Jawohl …
Satanin: – Willst du mir etwa sagen, dass du nicht schreiben kannst?!
Niemand: – Nein, das will ich nicht sagen.
Satanin: – Hey, Offizier!
Niemand: – Nein, nein, wir brauchen keinen Offizier! Wir brauchenNiemanden. Ich wollte sagen, dass wir keine Notizblöcke brauchen.
Satanin: – (wie unter Hypnose) Wir brauchen hier Niemanden … Und keine Notizblöcke …Hey, und wieso brauchen wir keine Notizblöcke?
Niemand: – Ich kann … Ich kann alles! Und noch viel mehr! Na, wozu sollte meine Wenigkeit Notizblöcke verbrauchen, wenn Eure Worte, Herr Vater der Völker, Eure Weisheiten so klar und so erleuchtend sind, dass mein Hirn alles von Euren Lippen saugt. Wozu unser parteiisches Gut, Notizblöcke, verschwenden, wo es auch so geht. Alles was Sie sagen, bleibt einfach in meinem Kopf. So können wir Staatsgut sparen.
Satanin: – Dein Kopf, sagst du? Dein blöder Kopf reicht mir nicht. Was? Du denkst, du seist schlau – erst schmeichelst du dich bei mir ein – und schon bist du dabei, mit …
Niemand: – (schüchtern) Jawohl, mein Herr Vater der Völker. Jawohl, ich habe es getan, habe geschmeichelt. Aber doch nicht umsonst. Nun mal ehrlich – wer verdient mehr als Sie, mein Vater der Völker, geehrt und bewundert zu werden? Wer hat das mehr verdient? Wer in der ganzen Welt genießt so viel Völkerliebe wie Sie?
– Niemand. Nur Sie allein, mein Herr Vater der Völker, haben es geschafft. (immer pathetischer) Wer hat …
Satanin: – Genug, genug. Nun, trotz all der Schmeichelei verlange ich, dass meine politischen Bedenken morgen früh in allen unseren Zeitungen erscheinen. Wie üblich. So wie es sich gehört. Also …
Niemand: – Jawohl! Selbstverständlich! Keines Ihrer genialen Worte wird verloren gehen.
Satanin: – Das will ich für dich hoffen, Genosse Niemand. Es wäre schade, solch einen lustigen Kauz wie dich zu verlieren.
Satanin läuft nachdenklich hin und her durch das Büro und äußert seine politischen Ideen. Niemand sitzt auf der Couch und hört aufmerksam zu. Satanin spricht immer leiser, das Büro wird dunkler. Das Gemurmel zwischen der Sekretärin und dem Offizier übertönt Satanins Stimme. Es wird immer heller, das Sekretariat tritt in Erscheinung.
Szene 4 „Was ist er?!“ (Sekretärin, Offizier, Niemand)
Sekretärin: – (empört) Was soll das?! Was ist er? Vorgestern –erinnern Sie sich, Genosse Offizier? – haben Sie ihn beinahe rausgeschmissen. Dann war das Licht ausgegangen – die alte Glühbirne oder was – und als die Glühbirne gewechselt und es wieder hell wurde, war er verschwunden. Wie in Luft aufgelöst. Und gestern steht er plötzlich da – in Militäruniform! – und verlangt von mir, ich solle ihm schnellstens das Schreiben beibringen. Privatunterricht! Als ob ich nicht wüsste, was er im Schilde führt …
Offizier: – Und weiter?
Sekretärin: – Ich sagte ihm, dass ich schon vergeben bin.
Offizier: – Und weiter?
Sekretärin: – Können Sie sich das vorstellen, Genosse Offizier?
Offizier: – Was?
Sekretärin: – Er sagte, er sei an mir nicht interessiert. Ist das nicht eine Frechheit? Er wolle mir keine Angebote machen, er wolle nur lesen und schreiben lernen.
Offizier: – Und dann?
Sekretärin: – Dann habe ich ihm meine Mitbewohnerin vorgeschlagen. Sie ist hässlich wie eine … Sie ist aber eine gute Lehrerin.
Offizier: – Und?
Sekretärin: – (kichert) Sie hat ihm abgesagt. Sie sagte ihm, er muss zur öffentlichen Schule für Analphabeten gehen. Sie hat recht: Wer ist er denn, dass er nach Extrawürsten für sich verlangt?!
Offizier: – Na, wer weiß …
Niemand kommt ins Sekretariat aus Satanins Büro. In der Hand mehrere Zettel. Er schaut den Sprechenden mit kritischem Blick an.
Niemand: – Na, ihr Spaßvögel? Zwitschern – zwitschern? Was, nix zu tun?
Sekretärin und Offizier:
– (zusammen) Doch, doch, Genosse Generalniemand!