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Dieser Vierbeiner weiß, was Frauen wollen!
In Samantha Novaks Leben läuft es nicht gerade rund: Erst ließ ihr Verlobter sie am Altar stehen, und nun hat sie auch noch ihren Job verloren. Da kommt der Auftrag eines Boulevardblatts wie gerufen: Sie soll den Trick hinter der erfolgreichen Reality-TV-Sendung »The Love Dog« enttarnen, in der ein Hund namens Apollo angeblich Paare zusammenbringt. Doch je mehr Samantha herausfindet, desto kniffliger wird ihre Aufgabe. Denn Apollo hat nicht nur einen umwiderstehlichen Hundeblick, sondern wirklich ein besonderes Talent – und schubst Samantha schon bald in die Arme des umwerfenden Moderators …
Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:
Seitenzahl: 478
Veröffentlichungsjahr: 2015
Buch
Seit ihr Exverlobter sie am Altar stehen ließ, ist Sam traurig und sehr misstrauisch gegenüber Männern im Allgemeinen und der romantischen Liebe im Besonderen. In ihrem Schmerz will sie andere Frauen davor warnen, sich romantischen Versprechungen hinzugeben. Eines Tages bekommt sie eine berufliche Anfrage: Man fordert sie auf, die Wahrheit hinter der berühmten Reality-TV-Show »The Love Dog« zu enttarnen. In dieser Sendung sorgt ein Hund dafür, dass sich diejenigen Menschen finden, die zusammengehören. Alles Lüge, vermutet Sam und lässt sich als Hundetrainerin anheuern, um einen Blick hinter die Kulissen zu werfen. Wo sie auch der attraktive Moderator der Sendung erwartet – und zwei unwiderstehliche Hundeaugen …
Autorin
Elsa Watson lebt mit ihrem Mann, zwei Hunden und einer Katze auf einer Insel im Staat Washington (USA). Ihr Lebensmotto ist: »Jeder Tag, an dem man einen Hund streichelt, ist ein guter Tag!« Elsa Watson hat bei Blanvalet bereits erfolgreich den Roman »Hundekuchen zum Frühstück« veröffentlicht sowie die Weihnachtsgeschichte »Mitten ins Herz gebellt«, die exklusiv im E-Book erschien.
Von Elsa Watson bei Blanvalet bereits erschienen:
Hundekuchen zum Frühstück
Mitten ins Herz gebellt
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Elsa Watson
Ein Profi in Sachen Liebe
Roman
Aus dem Amerikanischen von Sonja Hagemann
Die englische Originalausgabe erschien 2013 unter dem Titel »The Love Dog« bei Tor Books, New York.
1. Auflage
Deutsche Erstausgabe Februar 2015 bei Blanvalet, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH, München.
Copyright © der Originalausgabe 2013 by Elsa Watson
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2015 by Blanvalet in der Verlagsgruppe Random House GmbH
Umschlaggestaltung: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung eines Motivs von Shutterstock.com
Redaktion: Susann Rehlein
ES · Herstellung: sam
Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling
ISBN: 978-3-641-14460-9
www.blanvalet.de
Für Lucky,
eine Seele von einem Hund
1
Samantha
Popcorn?
Hatten wir.
Plüschpantoffeln?
Auch.
Eine gehörige Portion Skepsis?
Na, und ob!
Ich ließ mich neben meiner Schwester Cassie aufs Sofa sinken und stellte den Fernseher genau in dem Moment an, in dem ein riesiges rosa Herz, bestehend aus kleinen Pfotenabdrücken, auf dem Bildschirm erschien. Schmalzige Musik ertönte aus den Lautsprechern. Jetzt zoomte die Kamera an einen zauberhaften Hund mit goldenem Fell heran, über dessen Kopf die Worte eingeblendet wurden, auf die wir schon gewartet hatten: The Love Dog
Cassie stieß ein Seufzen aus, das von Herzen kam.
»Jetzt mach mal halblang«, knurrte ich. Meine Katze Zephyr marschierte über Cassies Schoß und ließ sich dann auf meinem nieder.
Meine Schwester rollte mit den Augen. »Musst du immer alles miesmachen? Oder lernt ihr Anwaltsgehilfen so was in der Ausbildung? Lass die Sendung doch erst einmal losgehen, bevor du sie in der Luft zerreißt. Ooh!« Cassie griff nach einem meiner Kissen. »Da ist er ja.«
Und da erschien er auch schon – der Präsentator der Show, Mr. Love Dog höchstpersönlich: Mason Hall. Er lächelte in die Kamera, als wende er sich an jeden einzelnen von uns Zuschauern, als wäre er mit uns fünfzehn Millionen vor den Bildschirmen auf Du und Du. Wahrscheinlich seufzten die Frauen in ganz Amerika bei seinem Anblick sehnsüchtig. Dabei sah er eigentlich gar nicht so toll aus, wie mir jetzt wieder auffiel. Seine Nase hatte auf der rechten Seite eine kleine Delle, und eine schmale weiße Narbe durchtrennte seine Braue. Der rotbraune Schopf war gekonnt verwuschelt und erinnerte an einen Surfer oder Extrem-Kletterer.
»Ich glaube, der kriegt auch langsam schütteres Haar«, bemerkte ich. Cassie schlug mit dem Kissen nach mir, und Zephyr zuckte mit den Ohren. Ich lachte, weil selbst mir tief in meinem Inneren klar war, wie albern ich mich gerade aufführte. »Was denn?«, fragte ich glucksend. »In drei Jahren muss er sich den Pony über die Glatze kämmen.«
Cassie warf mir einen finsteren Blick zu, kicherte dann aber auch los. Ich wandte mich wieder Mason zu, und ein kleiner widerwilliger Teil von mir musste zugeben, dass er trotz dieser Makel ein geradezu absurd attraktiver Zeitgenosse war. Was er vermutlich nur zu gut wusste.
Im Fernsehen stand Mason nun vor nachtblauem Himmel und hatte die Daumen jungenhaft in den Gürtelschlaufen eingehakt. »Liebe«, erklärte er mit einem schiefen Lächeln, »ist eine universelle Wahrheit. Wir alle sehnen uns danach, sie ist jedoch nur schwer zu finden oder gar zu halten. Und wie einst ein weiser Mann gesagt hat: Auch in der wahren Liebe läuft nicht alles glatt. Aber heute Abend wird uns Apollo hier bei The Love Dog Dinge zeigen, die man selbst gesehen haben muss, um sie zu glauben.« Er legte eine dramatische Kunstpause ein. »Heute Abend lernen Sie den Hund kennen, der gebrochene Herzen heilt.«
Die Kamera fuhr zurück und zeigte uns nun, dass Mason auf einer typischen Talkshow-Bühne stand, auf der man einen gemütlichen Samtsessel, ein rotes Samtsofa und auf einem winzigen Tisch einen Strauß gelber Tulpen arrangiert hatte. »Meine Damen und Herren, darf ich vorstellen …«, verkündete er mit einer ausholenden Geste, »unser Liebeshund!«
Während die Musik anschwoll, ließ ich das Kinn sinken und murmelte in meinen Kragen: »Wer schreibt bloß diese Texte?«
»Psst!« Cassie klebte förmlich am Bildschirm. »Da kommt er!«
Zephyr warf einen argwöhnischen Blick in Richtung Fernseher, als Apollo, der vierbeinige Star der Show auf der Bühne erschien. Er joggte mit federnden Schritten über den Teppich, und seine Mähne wehte dabei durch die Luft wie Farrah Fawcetts blonde Locken.
Als Mason ihn dazu aufforderte, sprang Apollo auf die rote Samtcouch und ließ sich dort nieder. Seine Pfoten baumelten herab, und er schaute, ohne zu zwinkern, in die Kamera.
Selbst ich konnte nicht abstreiten, dass er ein schönes Tier war. Ich hatte noch nie einen Golden Retriever mit so unfassbar hellem Fell gesehen. Mit Mason hatte ich so meine Probleme, aber gegen Apollo konnte man wirklich nichts sagen. Er hatte es verdient, ein Star zu sein.
Natürlich war er nicht wirklich ein »Liebeshund«, was auch immer das sein sollte. So etwas gab es genauso wenig wie den Liebeszauber unterm Mistelzweig oder Amor oder gute Feen. Das wusste ich aus eigener Erfahrung.
Während im Hintergrund vom Band ein Publikum johlte und Apollo bejubelte, ging Mason zu dem Hund rüber und kraulte ihm den Kopf, direkt unterm Ohr. Strahlend blickte Apollo zu ihm hoch – die beiden sahen aus wie alte Freunde. Ich zog eine Augenbraue hoch.
Im Blogger-Universum – einem meiner Lieblingsorte – wurde hitzig darüber spekuliert, ob Apollo wohl wirklich Mason gehörte. Ich glaubte es nicht, wie ich der Sendung generell kritisch gegenüberstand. Wahrscheinlich zogen sie diese kleine Nummer nur ab, um Masons Beliebtheit noch zu steigern. Denn wenn ihn der Hund anhimmelte, dann musste er doch ein toller Typ sein, oder?
»Das ist alles bloß ein großer Schwindel«, murmelte ich Zephyr zu.
Cassie erstarrte an meiner Seite. »Warum guckst du dir das überhaupt an, wenn du es für solchen Mist hältst? Im Ernst, das machst du jedes Mal!«
»Was denn?«
»Mir mit deinen Bemerkungen die ganze Show vermiesen.«
Ich sah Zephyr an, legte ihre Pfote auf einen meiner Finger und balancierte sie dort sanft. »Tut mir leid. Ich wollte dir nichts vermiesen. Gib mir doch mal das Popcorn rüber – das hilft mir dabei, den Mund zu halten.«
Was ich gesagt hatte, stimmte – ich wollte Cassie die Show wirklich nicht madig machen. Das war nur eine Begleiterscheinung meiner Berufung – nicht meines Berufs, bei dem ich mich in einer Anwaltskanzlei um den Papierkram kümmerte, sondern eine Begleiterscheinung dessen, was meinem Leben einen Sinn gab. Zusammen mit zwei anderen Frauen schrieb ich einen Blog, in dem ich vor der Illusion romantischer Liebe warnte, die unter einer Million Menschen vielleicht ein einziger auch wirklich erlebte. In unserem Blogger-Team war ich fürs Reality-TV zuständig. Ich schaute mir The Love Dog an, weil das eine der erfolgreichsten romantischen Fernsehsendungen war. Diese Show war der Feind. Wenn ihre Fassade durch mich nach und nach zu bröckeln begann, war schon die halbe Schlacht geschlagen.
Noch hatte ich meine Schwester allerdings nicht davon überzeugen können, dass Der Liebeshund Mist war. Cassie verlor sich nämlich gerne in Fantasien, vor allem, wenn es um Liebe und ein Happy End ging. Und das wollte ich ihr ja auch gar nicht nehmen, aber es machte mich wahnsinnig, wie naiv und verletzlich sie war. Ihr blindes Vertrauen in die Liebe hatte sie schon mehr als einmal in Schwierigkeiten gebracht.
In der nächsten Werbepause gingen Cassie und ich in die Küche rüber. Ich goss ihr ein Glas Wasser ein, gab eine Zitronenscheibe dazu und schob ihr das Getränk über den Küchentresen zu, während ich mit der anderen Hand meine Absagen zur Seite schob. Cassie wusste, dass ich einige von meinen Kurzgeschichten losgeschickt hatte, aber ich war noch nicht dazu bereit, auch das Ausmaß meines Scheiterns preiszugeben.
»Also«, begann sie nun, nahm einen Schluck und strahlte mich an. »Was gibt’s Neues?«
Die arme Cassie. Jedes Mal, wenn wir uns sahen, stellte sie mutig dieselbe Frage, obwohl ich doch immer wieder nur von der Arbeit, Zephyr oder dem Song zu berichten hatte, den ich zurzeit probte. Ich versuchte nämlich, alle Lieder aus dem Beatles Songbook auf meiner kleinen Gretsch-Gitarre zu lernen, und langweilte Cassie fast jede Woche mit meinen Ausführungen zu Themen wie die Akkordwechsel bei Blackbird. Aber dieses Mal war es anders.
»Du wirst nicht glauben, wer mir eine E-Mail geschickt hat«, verkündete ich und lehnte mich an die Theke. Ich hatte so lange darauf gewartet, darüber sprechen zu können, dass mein Puls jetzt zu rasen begann.
»Wer denn?« Cassie musterte mein Gesicht. »Warte mal. Nein!« Sie starrte mich an. »Auf gar keinen Fall! Das würde er nicht wagen, oder?«
»Und ob, er hat es gewagt. Richard. Kannst du das fassen?«
Cassie schüttelte den Kopf. »Was hat er denn geschrieben?«
Ich zuckte nur mit den Achseln, obwohl ich mich so gar nicht lässig fühlte. »Nicht viel. Er meinte, dass es ihm leidtut, wie das alles gelaufen ist, und dass er nur mal hallo sagen wollte und dass er sich fragt, wie’s bei mir so aussieht. So was eben.«
»Es tut ihm leid?« Meine Schwester machte große Augen. »Es tut ihm leid?« Sie knallte das Glas auf die Theke. »Dieses Arschloch. Dieses absolute Oberarschloch!« Wasser schwappte auf den Tresen, als sie sich ihr Glas wieder schnappte und ihren Worten mit einem Fuchteln Nachdruck verlieh. »Unglaublich! Un-glaub-lich! Dieser Typ hat offensichtlich nicht das kleinste bisschen Anstand.« Sie lehnte sich vor und starrte mich an. »Macht es dich nicht fertig, Sam, dass du diesem Typen beinahe das Jawort gegeben hättest, um auf immer und ewig mit ihm verbunden zu sein?«
Ich nickte, ihre Empörung war Wasser auf meine Mühlen. »Ich weiß. Gruselig, oder? Und er hat in der Mail ganz zahm getan. Kannst du das fassen? Echt. Und dann hat er noch sein neues Forschungsstipendium erwähnt. Als ob mich das interessieren würde.«
Cassie schwang sich auf einen Barhocker, sie war immer noch ganz rot im Gesicht. Dann nahm sie ein Küchentuch und wischte kopfschüttelnd das Wasser auf, das sie verschüttet hatte. »Ich bin völlig perplex, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll. Aber was ist denn mit dir? Wie war es, das zu lesen? Was hast du gemacht?«
Ganz ehrlich? Ich war in meiner Wohnung Amok gelaufen und hatte eine halbe Stunde aus vollem Hals vor mich hingebrüllt. Dann hatte ich meinen Computer mit zusammengerollten Socken bombardiert und die arme Zephyr mit Verwünschungen für Richard und seine Familie in Angst und Schrecken versetzt. Zum Schluss hatte ich mich dann hingesetzt und die E-Mail nochmal gelesen.
»Ich hab sie gelöscht«, behauptete ich kühl und spreizte die Finger über einem Fleck auf der Theke. Vor meiner großen Schwester musste ich einfach Stärke und Überlegenheit vortäuschen. »Und ich werde auf keinen Fall antworten.«
»Ja, aber ist das alles? Du hast also keinen Virus auf seine Festplatte geschmuggelt? Oder seine gesamte Nachbarschaft in die Luft gesprengt?«
Wenn ich doch nur wüsste, wie so was geht. Ehrlich gesagt hatte ich mir die Nachricht ausgedruckt und sie dann mit großem Brimborium auf der kleinen Veranda meiner Wohnung in Flammen aufgehen lassen. Im Geranientopf waren immer noch Überreste der Asche zu finden. Vor dem Brandopfer hatte Zephyr eigentlich draufpinkeln sollen, aber sie gehörte leider nicht zu den Katzen, die sich was befehlen ließen.
»Richard ist für mich gestorben«, erklärte ich und hoffte, vornehm auszusehen, als ich an meinem Wasser nippte. »Dieses Kapitel ist abgeschlossen, und darüber bin ich unglaublich froh.«
Cassie schüttelte wieder den Kopf. »Du schreibst ja wenigstens. Du kannst Richard in eine deiner Geschichten einbauen und ihn tausend schmerzhafte Tode sterben lassen. Du könntest ihm die Eier abschneiden und sie Piranhas zum Fraß vorwerfen oder so.«
Ich stieß ein Seufzen aus. »Ja, vielleicht bin ich irgendwann so weit und kann was über ihn schreiben. Aber das wird noch eine Weile dauern.«
Cassie griff wieder nach ihrem Wasserglas. »Dann lass uns auf diesen fernen Tag anstoßen!«, sagte sie und prostete mir zu.
Die Sendung ging weiter, und wir erreichten die Couch gerade rechtzeitig, um Mason bei einem letzten Kraulen zuzusehen. Dann stand er auf und wandte sich wieder der Kamera zu.
»Apollo ist ein einzigartiger Hund – er ist Spezialist für gebrochene Herzen und gescheiterte Beziehungen. Er bringt jenen die Liebe zurück, die sie verloren haben. Heute Abend kümmert er sich um ein ganz besonderes Paar, das extra den langen Weg aus Colorado auf sich genommen hat. Ich möchte Ihnen Jonathan und Keisha Tate vorstellen.«
Jetzt wurden Mason und Apollo ausgeblendet, und es wurde eine Videocollage von einem kräftigen Football-Spieler-Typen und seiner dunkelhäutigen, glutäugigen Braut gezeigt. Da gab es Fotos, auf denen Jonathan bei der Hochzeit Keisha das Strumpfband abstreifte, Bilder von ihren Flitterwochen auf Hawaii, Schnappschüsse zusammen mit Freunden, einen Martini in der Hand.
»Jonathan und Keisha haben sich mit den besten Absichten auf das Abenteuer Ehe eingelassen«, erzählte uns Masons Stimme aus dem Off. »Sie versprachen, einander zu lieben und zu ehren. Aber in jeder Beziehung gibt es auch schwierige Momente, und das war bei ihnen nicht anders.«
Nun wurde eine Aufzeichnung eingeblendet, in der Jonathan und Keisha über den Abwasch stritten. Offenbar hatte sich Jonathan schon zum sechsten Mal davor gedrückt und hatte lieber Football geguckt.
Cassie schnaubte. »Da bin ich ja mal gespannt, wie Apollo das ändern will. Er kann Jonathan schlecht genetisch manipulieren, oder?«
Dann sahen wir ein Video mit Keisha am Telefon. Sie erzählte gerade, wie Jonathan seine schmutzigen Socken rumliegen ließ und am Wochenende immer vor dem Fernseher klebte und Football schaute. Dann schwenkte die Kamera zu Jonathan, der stöhnte: »Sie ruft jeden Tag ihre Mutter an, um sich über mich zu beschweren. Tag für Tag. Und nach diesen Gesprächen hat sie dann stundenlang schlechte Laune.«
»Na ja.« Cassie drehte sich zu mir um. »Dieses Problem hatten wir wenigstens nie.«
»Absolut«, stimmte ich zu. »Wir haben uns ja schon früh von Moms Rockzipfel gelöst.«
Auf dem Bildschirm brachte Mason Apollo hinaus zu einem hellen Strand mit einer Promenade, die ganz wie der Santa Barbara Boardwalk aussah. Dort sollte er das Paar kennenlernen. Wir sahen den Hund am Strand mit Keisha spielen, die ihm von ihrer Mutter erzählte. »Sie ist so einsam, seit Dad tot ist«, murmelte sie und strich Apollo über die seidigen hellen Ohren. »Es tut weh, diese Traurigkeit in ihrer Stimme zu hören. Und darüber würde ich so gern mit Jonathan reden, aber er glaubt ja, dass sich die Anrufe immer nur um ihn drehen. Gut, natürlich sprechen wir auch über ihn, aber in Wirklichkeit geht es doch um etwas ganz anderes.«
Später warfen Jonathan und Apollo dann zusammen mit Mason ein paar Körbe. Wir hörten Jonathan sagen, dass er in letzter Zeit oft das Gefühl hatte, nie gut genug für Keisha zu sein. »Seit ihr Vater gestorben ist, habe ich ständig den Eindruck, dass sie mich mit ihm vergleicht. Und da schneide ich einfach schlechter ab.«
Als die Show wieder für Werbung unterbrochen wurde, ließ mich Cassies schweres Seufzen wissen, dass sie etwas auf dem Herzen hatte. Meine Schwester war alleinerziehende Mutter, also begann ich mit der offensichtlichsten Frage.
»Wie geht’s den Kindern? Freut sich Lulu auf die Schule?«
»Sie ist total aufgeregt. Die Klamotten für den ersten Schultag hat sie schon vor Wochen ausgesucht. Oh, da fällt mir etwas ein.« Sie warf sich ein Stück Popcorn in den Mund. »Könntest du vielleicht am Freitag babysitten? Du müsstest nur auf Lulu aufpassen, Jacob ist bei seinem Vater.«
»Natürlich. Was steht denn an?«
Sie lächelte verschämt. »Ich hab eine Verabredung.«
Ich wollte mich ja für sie freuen – wirklich. Aber ich scheiterte schon an dem Versuch eines Lächelns. »Mit wem denn?«
»Er heißt Liam. Und verkneif dir bloß diesen Blick.« Sie rückte näher und gab mir einen Stups.
»Was denn für einen Blick?« Ich hatte eigentlich gehofft rüberzukommen, als wäre ihr meine Unterstützung sicher.
»Diesen Überfürsorgliche-kleine-Schwester-Blick. Ich weiß ja, dass du keinem meiner Dates über den Weg traust. Aber bei Liam ist deine Sorge ganz unbegründet. Er hat nämlich einen Sohn und kennt also die Sorgen alleinerziehender Eltern. Wir werden bestimmt keinen Unsinn machen.«
Kurz zog ich in Erwägung, ihren zweiten Ehemann zu erwähnen, mit dem sie nach Las Vegas durchgebrannt war. Der war auch alleinerziehender Vater gewesen und hätte es besser wissen sollen. Aber so war Liebe nun mal. Sie verdrehte den Leuten den Kopf.
»Ich will einfach nur nicht, dass man dir wehtut«, verteidigte ich mich. Mir war schon klar, wie abgedroschen das war. Wie oft hatte ich das schon in Filmen gehört? Dass es von Herzen kam, ließ es nicht weniger platt klingen. Aber das war meine Rolle, ich war die hilfreiche Nebenfigur, die kritisch die Stirn runzelte, wenn die Hauptdarstellerin mal wieder ins Schwärmen geriet.
»Das weiß ich doch. Aber dieses Mal wird das wirklich anders«, behauptete Cassie zuversichtlich und mit verträumtem Blick. »Du wirst schon sehen.«
Zurück in der Sendung kam Apollo jetzt so richtig in Schwung. Die Show (die ohne Reklame gerade mal auf zweiundzwanzig Minuten kam) ging in die dritte Runde. Wenn Apollo das Leben von Keisha und Jonathan verändern wollte, dann jetzt oder nie.
Die nächste Begegnung hatte aber offensichtlich nicht er, sondern der Produzent der Show eingefädelt, es wurde nämlich Keishas Mutter aus Los Angeles für ein vertrauliches Gespräch mit Jonathan eingeflogen, von dem wir zwei Minuten zu sehen bekamen. Dann unternahm Apollo mit Keishas Mutter einen Spaziergang am Strand und »half« ihr dabei, ein paar ältere Herren kennenzulernen. Wieder im Studio zeigte Mason diese Bilder Keisha, der ein Stein von der Größe des Himalaja vom Herzen fiel. »Mom sieht so glücklich aus. Gute Arbeit, Apollo!« Falscher Applaus vom Band wurde eingespielt. Ich rollte mit den Augen.
Jetzt kam Apollo mit einem Geschirrtuch im Maul auf die Bühne getrottet. Er ging damit zu Jonathan rüber und legte es ihm auf den Schoß. »Ich weiß, ich weiß«, lachte der Kandidat. »Und ich kümmere mich auch ums Geschirr!«
Während die Zuschauer tobten, verließ Apollo das Set und kam mit einem Umschlag im Maul wieder zurück. Keisha warf einen Blick darauf und lehnte sich dann lächelnd zu Jonathan vor. »Das wird dir gefallen. Das sind nämlich Eintrittskarten für die Broncos gegen die Rams. Wenn du ab jetzt das Geschirr spülst, hab ich auch endlich mal Zeit, mir mit dir ein Football-Spiel anzusehen. Solange du mir nur alles erklärst.«
»Baby, wir machen dich zu einer Football-Expertin«, versprach Jonathan mit einem so breiten Grinsen, als hätte er gerade einen Touchdown erzielt.
Und so war zwischen ihnen plötzlich alles wieder in Ordnung.
»Na, ist das nicht süß?«, fragte Cassie. »Sie haben sich wieder vertragen. Sag mir doch mal bitte, was es daran auszusetzen gibt!«
Ah, da saß ich wirklich in der Zwickmühle. Hielt ich nun besser den Mund, weil ihre Frage rhetorisch gemeint war? Oder sollte ich sagen, was ich wirklich dachte? Ich zögerte und entschied mich für Ersteres, als sie auch schon weitersprach: »Ich frage mich, ob Apollo vielleicht auch David und mir geholfen hätte.«
»Nein, Cass, nein. Fang damit gar nicht erst an. Das war doch keine wirkliche Versöhnung.« Ich deutete auf den Bildschirm. »Man kann keine Ehe retten, indem man Trockentücher und Football-Tickets verteilt. Das ist Fernsehen. Echte Beziehungen kann man nicht in einer Sendezeit von zweiundzwanzig Minuten kitten. Du hast geheiratet und dich scheiden lassen, und zwar schon …«
»Zweimal.«
»… zweimal. Du weißt, dass Beziehungsprobleme viel komplexer sind, es geht nicht darum, dass er nie das Geschirr spült und sie zu oft mit ihrer Mutter telefoniert. Das ist doch nur, was man von außen sieht. Unsinn, der fürs Fernsehen erfunden wurde. Wunderbar nach Drehbuch auswendig gelernt und meisterhaft einem Publikum vorgespielt, das nicht einmal anwesend ist.«
»Vorgespielt? Was soll das heißen?« Cassie starrte mich entsetzt an.
»Damit will ich sagen, dass Keisha und Jonathan vermutlich Schauspieler sind. Nette, arbeitslose Hollywood-Typen, die diese Rolle in der Realityshow nur zu gerne übernehmen. Mein Gott, es kann durchaus sein, dass die nicht einmal bezahlt werden. Die Publicity ist ja schon Tausende Dollar wert. Aber ich wette, dass die ganz genau wissen, wie man vor der Kamera agiert.«
Cassie presste sich das Kissen gegen den Bauch und wandte sich wieder dem Fernseher zu, wo jetzt eine Werbung für einen Scheidungsanwalt lief. »Ich schaue mir diese Show nie wieder mit dir an. Nie wieder. Du bist so zynisch, Sam. Dürfen sich die Menschen denn nicht von Zeit zu Zeit ihren Träumen hingeben? Was ist falsch daran, an die Liebe zu glauben?«
Ich zuckte mit den Achseln. »Ich denke einfach nur, dass nichts an dieser Show echt ist. Und nicht nur an dieser Show, sondern an allen anderen von diesen Liebesshows auch. First Date. Der Verlobte. Sie liebt mich, sie liebt mich nicht. Das ist alles völliger Schwachsinn und hilft den Leuten nun wirklich nicht weiter.«
»Nicht weiterhelfen?« Cassie schnaubte leise. »Das sind doch bloß Fernsehsendungen, die sind nicht dazu da, jemandem zu helfen.«
»Sicher. Aber sie verstärken die Sehnsucht nach diesem unerreichbaren Mythos, der da über unseren Köpfen schwebt.« Als sie mich verständnislos anstarrte, führte ich aus: »Die Liebe. Die Leute scheinen diesen ganzen Kitsch doch für bare Münze zu nehmen. Paare wie Keisha und Jonathan für echt zu halten. Ich beraube dich ja nur ungern deiner Illusionen, aber diese Pärchen bleiben nach der Show nicht zusammen.«
Sie zog eine Augenbraue hoch. »Und woher willst du das wissen?«
Ich seufzte. »Liest du eigentlich nie unseren Blog?«
2
Apollo
Ich starrte auf Lucas’ Lippen, wedelte sanft mit dem Schwanz und versuchte zu verstehen, was er von mir wollte.
»Schnapp dir das Tuch und leg es Jonathan auf den Schoß. Jonathan, das ist der Mann.« Ich sah das Trockentuch an, dann Lucas und wieder das Tuch. Lucas roch nach Schweiß, mit einer metallischen Note, die von seiner Anspannung zeugte. Das machte mich auch nervös.
Er hielt mir das Küchentuch vor die Nase. »Hier, nimm schon.«
Ich nahm das Tuch, dann sah ich in die Richtung, die Lucas mir zeigte. Das war mein Lieblingsbereich auf dem Set, die Stelle mit den gemütlichen Sitzmöbeln, wo Mason und ich uns mit Leuten unterhielten. Ich sah Mason bei der Arbeit zu und vergaß für einen Moment alles, sogar das Trockentuch in meinem Maul. Wenn Mason sprach, hörte ihm einfach jeder zu. Er hatte so etwas Erhabenes an sich. Deshalb lauschten ihm die Leute auf der Bühne, aber auch die, die nicht im Rampenlicht standen. Selbst die mit den großen Kopfhörern und riesigen Kameraelementen hingen an seinen Lippen.
Ich war wirklich stolz darauf, so eng mit ihm zusammenzuarbeiten. Wenn wir nicht vor der Kamera standen, berührte mich Mason manchmal am Kopf oder am Rücken. Am Bauch allerdings nie, obwohl ich mir das doch so sehr wünschte, aber ich wollte es lieber nicht übertreiben. Außer mir berührte er sonst niemanden. Nicht einmal an der Hand. Aber mich fasste er an. Wir arbeiteten zusammen.
Eine neue Brise metallischen Geruchs rief mir Lucas in Erinnerung. Ich musste mich jetzt konzentrieren, ich musste das hinkriegen. Wieder starrte ich zu Lucas hoch und versuchte, seinem Gesichtsausdruck, seinem Tonfall und seiner Körperhaltung – dem ausgestreckten Arm – ein Kommando zu entnehmen, das ich vorher gelernt hatte. Angestrengt lauschte ich seinen Worten.
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