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"Schon vor vielen Jahren war Anna Henriette Kamrath, eine kleine, sehr hagere Dame von neunundsiebzig Jahren, gestorben, zumindest teilweise. Eine klare Angabe, wann das geschehen war, lässt sich nicht machen. Es war nicht von ihr beabsichtigt gewesen." Anna Henriette ist noch ein Kind, als ihr Bruder Paul in den 1930er-Jahren verschwindet. Zunächst in ein Heim, dann für immer. Paul war anders als die anderen Kinder. Jahrzehnte später kreuzen sich die Wege der Lehrerin Clara, des Musikers Hannes und des Jugendlichen Viktor in dem kleinen Ort, in dem Anna Henriette mittlerweile lebt. Sie erfahren von dem Schicksal des Jungen - und beschließen, es der Vergessenheit zu entreißen … Behutsam nähert sich Heide Eickmann mit ihrer Novelle dem Thema Kinder-Euthanasie während der NS-Zeit und damit einem lange unbeleuchteten Kapitel deutscher Geschichte.
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Seitenzahl: 163
Veröffentlichungsjahr: 2013
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HEIDE EICKMANN, geboren 1948, lebt seit dem Studium mit Familie in Gießen und arbeitet als Kinder-und Jugendlichen Psychotherapeutin (Psychoanalyse) in eigener Praxis.
Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter www.buchmedia.de
September 2012 © 2012 Buch&media GmbH, München Umschlaggestaltung: Kay Fretwurst, Freienbrink Printed in Germany ISBN 978-3-86520-450-9
Der Zug fuhr auf die Sekunde im Bahnhof ein. Ich stand so, dass das Abteil mit dem reservierten Platz schnell gefunden war. Ich streifte den Mantel ab, klappte das kleine Tischchen aus und entnahm meiner Tasche den Roman, der schon lange zu Hause auf mich gewartet hatte. Ruhe und Gelassenheit breiteten sich in mir aus. Der Druck der vergangenen Wochen fiel von mir ab. Bis zur nächsten Haltestelle des Zuges.
Jetzt platzte ein Jugendlicher, vielleicht fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, in das Abteil, das ich schon als mein eigenes angesehen hatte. Er ließ sich mit einem Seufzer auf den Platz mir gegenüber fallen, rutschte weiter nach vorne und saß mit weit auseinanderstehenden Beinen vor mir. Er blickte mich eindringlich an. Ich rückte ein wenig in meinem Sitz zurück. Seinem kräftigen »Tach« hauchte ich ein »Hallo« entgegen, nicht gewillt, in irgendeiner Form mit meinem Gegenüber Kontakt aufzunehmen. Als der Zug mit einem leichten Ruck wieder anfuhr, hielt ich mein Buch vor mich, was gar nicht so einfach war, denn meine Lektüre umfasste viele Seiten und war deshalb schwer. Auf Dauer würde ich mich auf diese Weise nicht verbergen können. So ließ ich das Buch das ein und andere Mal auf meinen Schoß sinken und betrachtete verstohlen meinen Mitreisenden. Mir wurde kalt.
Kleine silberne Ringe an Augenbrauen, Nase, Mund und –wie ich später feststellte –der Zunge glänzten aus dem Gesicht. Die Arme waren bis zum Ansatz eines etwas zerfledderten T-Shirts mit allerhand von mir nicht klar erkennbaren Motiven tätowiert, die Haare durch eine Kappe verdeckt. Unmerklich stöhnte ich in mich hinein. So hatte ich mir meine Reise, die Stunden dauern würde, nicht vorgestellt.
Vielleicht steigt er ja schon an der nächsten Station aus, dachte ich und machte mir Hoffnung.
Die Geschwindigkeit des Zuges ließ in einer kleinen Senke langsam nach. Rechts und links war Wald zu sehen. Eigentlich schlich der Zug jetzt mehr, als dass er fuhr. Unbehagen breitete sich in mir aus, das in dem Moment anstieg, als er in der Waldeinsamkeit stehen blieb. Mehrfach würde ich umsteigen müssen. So stand es in meinem Plan. Der Blick aus dem Abteilfenster verhieß Frühling.
Buschwindröschen bildeten einen weißen Teppich unter dem ersten Grün der Bäume. Freude für die Sinne, eigentlich. So sollte meine Reise sein. Aber damit war es vorbei. Ich wollte einfach nur weiter und meine Anschlussverbindungen nicht verpassen. Dafür wäre mir die Aussicht auf Schornsteine, Fabrikgelände, verrottende Hinterhöfe und Einkaufsmärkte auch recht gewesen.
Nach einer Viertelstunde erschien der Zugbegleiter, um die Fahrscheine zu kontrollieren.
»Was mache ich, wenn ich meine Anschlusszüge allesamt verpasse?«, fragte ich. »Warum«, meine Stimme sollte energisch klingen, zitterte aber ein wenig, »…warum stehen wir eigentlich mitten im Wald und fahren nicht weiter?«
Mürrisch blickte er auf meinen Fahrschein. »Wo wollen Sie denn hin? Ach, nach Lükenwerda? Mit Ü? Brandenburg? Hm, da muss ich nachsehen, da komm ich später noch einmal vorbei. Wir haben einen Betriebsschaden. Da kann ich jetzt noch gar nichts Genaues sagen.«
Er zog die Tür mit einem lauten Krachen hinter sich zu, als wolle er die Verbindung zu meiner Nachfrage durchtrennen, und verschwand.
»So, nach Lükenwerda. Äh …ich auch …Nee, sogar weiter. Nach Schönchen. Das kennen Se bestimmt nich. Oder kennen Se Schönchen?« Der Junge sah mich eindringlich an. Er lächelte unfreundlich. Ein ironischer Zug lag um seinen Mund.
Auch das noch, dachte ich und brachte etwas mühsam »Doch, da genau will ich hin« hervor.
Lange fiel kein weiteres Wort, bis mein Gegenüber mit einem Unterton der Schadenfreude, dass es noch etwas Wichtiges mitzuteilen gab, weitersprach. Meine doch eigentlich spürbare Ablehnung schien er nicht wahrzunehmen. Während er versuchte, mir etwas zu erklären, sah er abwechselnd aus dem Fenster oder zur Abteiltür. Seine Augen flackerten unruhig hin und her, als warte er auf jemanden. Mit mir allein hier zu sitzen war ihm offenbar unangenehm. Mir allerdings auch.
»Schönchen, also, sach ich Ihnen, is een völlig verschlafenes Nest. Muss man eigentlich nich hin. Nee, echt. Was wollen Se denn da?«
»Ach …«, irgendwie sah ich mich genötigt zu antworten, »ausspannen. Abstand von so manchem. Eine kleine Ferienwohnung da in der Nähe …Freunde besuchen. Vielleicht sogar länger bleiben. Mal sehen.«
Es entstand eine Pause.
»Jetzt? Um diese Jahreszeit? Da ist aber noch nich mal Frühling. Nischt mit Schwimmen und so. Und dann das Dorf! Ab-stand gibt’s reichlich –zum Rest der Welt. Die Häuser da, gucken Se, lassen sich …«, er hielt seine Hände hoch, »also die lassen sich an zwei Händen abzählen. Echt tote Hose. Da können Se sogar am Tag die Flöhe husten hören. Vielleicht Vögel, wer’s mag …« Er räusperte sich. »Aber die Seen darum herum, echt geil, sag ich Ihnen. Schwimmen, im Sommer, bis zum Abwinken. Wäre in dieser Jahreszeit allerdings nur was für ganz Harte. Zu kalt. Oder wollen Se …? Training vielleicht. Abhärten. Manche mögen’s.«
Wieder entstand eine Pause, diesmal allerdings kürzer.
Andere in seinem Alter haben doch immer so Dinger im Ohr oder ein Handy vor der Nase, dachte ich. Warum um Himmels willen nicht auch dieser Junge hier? Angestrengt blickte ich nach draußen.
»Schönchen ist ein Zwischenreich. Sach ich. Ein Zwischenreich.«
»Zwischenreich? Wie meinst du, äh, wie meinen Sie das denn?« Ich wollte nicht unhöflich sein.
»Se können mich ruhig duzen. Bitte.« Er räusperte sich. »Ja, Zwischenreich. Zwischen schön und kaputt eben.«
»Aha, da sind wohl viele Häuser abrissreif, wie? Davon habe ich gehört. Meine Freunde dort …die will ich da besuchen. Die wohnen in einem kleineren Häuschen und finden es schön.« Warum klang meine Stimme nur so kläglich?
»Ja, ja, die Gegend. Bilderbuch. Äh, die Seen natürlich.«
Wann würde er endlich seinen Mund halten? Wieso redete er überhaupt mit mir? Er rutschte unruhig auf seinem Sitz hin und her. Irgendwie schien er in seinem Redebedürfnis nicht zu bremsen zu sein. Aber warum gerade heute, in diesem Abteil, bei mir?
Sein Knie stieß an meins. »Tschuldigung. Wollte nich …« Er räusperte sich erneut. »Nich nur Bilderbuch. Trotz Frischanstrich. Soll ja alles hübsch aussehen. So neu. Glatt vielleicht auch. Und verdammt ordentlich. Verdammt, ja. Bleibt aber was Wildes. Restposten, irgendwie. Ungemähtes Gras, ne riesige Kastanie, Grabsteine von ganz früher und so. Ne Kirche, die auch beinahe in sich zusammengefallen is. Wird gerade wieder aufgepäppelt. Alles kurz vorm Umkippen. Nich so in Reih und Glied und gerade wie sonst überall. Das nich. Nee …«
Wieder schwieg er eine Weile.
Endlich, dachte ich.
»Da is die Zeit stehen geblieben. Und die Zeit, die alte, die sieht man hier irgendwie. Is einfach nicht wegzurenovieren, echt nich. Zwischenreich passt. Zwischen leben und sterben, zwischen reden und schweigen. Oder umgekehrt. Ich weiß auch nich so genau. Und zwischen leben lassen und morden, das auch.«
Ich erschrak. »Morden?«
»Klar doch. Morden …«, redete er unbekümmert weiter, »vielleicht nur ein Mord. Keine Ahnung. Reicht ja schon. Finden Se nich? Mord im Zwischenreich. Oder im Reich der Einsamkeit. Da brauchen Se gar nicht so dicke Schinken lesen wie den da.« Er schaute verächtlich auf mein Buch, auf das ich mich so gefreut hatte. »Brauchen Se echt nich. Können Se alles in Schönchen, in dem netten kleinen Ort …Da haben Se dann ne Geschichte. Von …«
Die Abteiltür wurde aufgerissen. »Kaffee? Tee? Cola? Eine Brezel?«
Ich entschied mich für Kaffee. Mein Gegenüber für nichts.
Ich nippte an meinem Kaffeebecher.
»Ich heiße übrigens Shakespeare.«
Hustenreiz und Lachschwall überfielen mich, so dass ich mit Mühe ein wenig Kaffee hinunterschlucken konnte. Der Rest spritzte mir aus Mund und Nase und landete tröpfchenweise auf meiner sorgsam ausgesuchten Reisekleidung. Alle möglichen Namen hätte ich mir für den Jungen vorstellen können, aber nicht diesen.
So sieht also Shakespeare aus, dachte ich. Wieder musste ich lachen. Ich verschluckte mich und Shakespeare stand auf und klopfte mir auf den Rücken. Beinahe beruhigend und an-scheinend von meiner Reaktion völlig unbeeindruckt meinte er: »Meine Freunde nennen mich so. Unser Shakespeare, sagen se. Naja, Freunde …Die sagen das so, weil ich mich für vieles interessiere, was andere nich hören wollen. Ich sach ja, Morde zum Beispiel. Die besonders. Nur schreiben kann ich leider nich. Und Shakespeare, hat der was geschrieben?«
Er sah mich fragend an, beinahe erwartungsvoll. Ich vergaß das viele Silber, die wilden Zeichnungen auf den Armen. Ich sah seine Augen, sein Lächeln, das jetzt gar nicht mehr ironisch wirkte. Ich hörte die Scheu, die in seiner Frage lag.
Unversehens war ich neugierig geworden. Der Junge entdeckte es in meinem Gesicht, das er immer wieder erforschte. Er wartete ab, bis ich meine Kleidung geordnet, den Pappbecher entsorgt und das Buch weggepackt hatte. Dann räusperte er sich und verstummte. Sein Blick verlor sich in der Frühlingslandschaft, die er nicht wahrzunehmen schien. Ab und zu gab er abgehackte Sätze von sich. Wiederholt vernahm ich »Schönchen«; immer wieder fiel ein Name.
So lernte ich Anna kennen. Wortfetzen verwandelten sich beim Hören in einen Film, in den ich eintauchte und in dem sie die Hauptrolle zu spielen schien. Eine riesige Kastanie musste vor ihrem Haus gestanden haben. Grabsteine tauchten vor meinem inneren Auge auf. Mit all dem musste Anna verwachsen gewesen sein.
Schon vor vielen Jahren war Anna Henriette Kamrath, eine kleine, sehr hagere Dame von neunundsiebzig Jahren, gestorben, zumindest teilweise. Eine klare Angabe, wann das geschehen war, lässt sich nicht machen. Es war nicht von ihr beabsichtigt gewesen. Es war einfach passiert. Und sie wehrte sich auch nicht dagegen. Wie hätte das auch gehen können? Die Kraft dazu fehlte, der Wille war ihr schon lange abhandengekommen, und so ließ sie es einfach geschehen.
Spürte sie selbst den Schatten, der sich über sie legte, jede Sekunde, Minute, Stunde, jeden Tag, in all den vergangenen Monaten und Jahren?
Ein einziges Mal, lange nachdem ihr bisheriges Leben nach und nach verschwunden war, durchzuckte sie einen kurzen Atemzug lang die Sehnsucht nach Auflehnung gegen das Unvermeidliche. Das war an dem Tag, an dem das Klavier abgeholt wurde. Das Haus ihrer Eltern war schon beinahe ganz leergeräumt, als es plötzlich da war, das Gefühl, sich wehren zu müssen, sich gegen etwas stemmen zu wollen, sich anders zu entscheiden.
»Nein, ich will das nicht! Das darf nicht weg! Das muss bei mir bleiben!«
So etwa wollte sie die Sätze laut herausschreien, die dann aber doch nicht über ihre Lippen kamen. Stattdessen stand sie, damals ein Mädchen von vierzehn Jahren, nur stumm dabei, blickte starr in eine unbestimmte Ferne, als die Männer kamen und die schwere Arbeit des Abtransportes in Angriff nahmen, und ging dann in die Küche, denn dort gab es allerhand Kleinigkeiten, die sie selbst in Kisten verpackte. Es geschah mühsam. Anna Henriette war ja fast noch ein Kind.
Sie überprüfte die Liste, auf der das Allernotwendigste vermerkt war, was sie mitnehmen wollte. In Kinderschrift hatte sie einiges aufgekritzelt, so wie andere Kinder ihren Wunschzettel vor Weihnachten mit ihren Wünschen vollschreiben.
»Überleg dir gut, was du behalten willst«, meinte dann auch Onkel Hans, der wohl eher an Spielsachen, eine Puppe vielleicht, dachte.
Für sie, die auch damals schon vorzeitig Gealterte, stand fest, dass sie für ihr weiteres Leben nicht viel würde brauchen können. Jetzt nicht mehr. Ein Bett, ein Tisch, zwei Stühle –obwohl sie fand, dass doch einer reichen müsste, denn wer sollte auf dem zweiten sitzen wollen –und ein paar weitere Gegenstände des täglichen Gebrauchs, so sollte es sein.
Doch, es gab noch etwas, beinahe Überflüssiges, was sie zwischen die Dinge schob, das sie zu all den Sachen legte, die sie dann wahllos zusammensuchte. Ein kleines Bündel, mit einem dünnen Band mühsam und eng verschnürt. Auf dem oberen Teil des winzigen Bündels erkannte sie den Stempel einer Klinik mit einer Briefmarke aus einer lange vergangenen Zeit, einer Zeit, die verschwunden war. Sie versteckte es, wohl am ehesten vor sich selbst. Sie gab es nicht weg. Als sie es dann beim Auspacken wieder entdeckte, erschrak sie.
Dies geschah nach vielen Jahren des Umherziehens. Da war sie schon eine erwachsene Frau, die nicht mehr an die Kisten dachte, bis sie in ein kleines Haus zog, in ein Dorf, das ihr Einsamkeit und Stummheit versprach.
Es dauerte, bis sie in ihrem neuen Heim eine Entscheidung fällte. Den Inhalt der zwei verbliebenen Kisten vergaß sie beinahe völlig, bis zu dem Tag, an dem sie all die Habseligkeiten auspacken musste, die dort Platz gefunden hatten. Dabei stieß sie auf das, was sie vor sich selbst verbergen wollte.
Die Zeit, die sie während des Auspackens zum Nachdenken brauchte, war ihr unendlich vorgekommen. Wie erstarrt stand sie da. Lange hielt sie das Wenige in den Händen, das Päckchen der Erinnerung, das, woran sie nicht denken wollte, bis sie nach einer Zeit, die kein Ende zu nehmen schien, alles in eine Schublade des Küchenschranks legte, der noch eine weitere Schublade bereithielt, die sie täglich würde benutzen müssen, weil dort Messer, Gabeln und Löffel ihren neuen Platz fanden.
Schließlich rückte das, was einmal in einem Versteck hätte verschwinden sollen, gefährlich nah an ihr Leben, an ihren Alltag heran. Vielleicht lag hierin das Geheimnis ihres nicht vollständigen Sterbens, der letzte Rest Hoffnung.
Am Tage ihres Einzuges hatte Anna Geburtstag. Sie war fünf-undzwanzig Jahre alt geworden.
War es leicht gewesen, das Elternhaus schon als Kind, das sie damals noch war, mit vierzehn, verlassen zu müssen?
Auf dem Weg von der Haustür bis zu dem kleinen Gartentor hielt sie den Blick auf die Schuhe gesenkt.
Wenn ich bis zwanzig gezählt habe, ist es vorbei.
Mühsam unterdrückte sie die aufkommenden Tränen. Anna Henriette, früher einmal Jettchen genannt, ließ alles hinter sich und reichte Onkel Hans, dem Bruder des verstorbenen Vaters, den Schlüssel. Onkel Hans, der alle Formalitäten und finanziellen Angelegenheiten regelte, stand wartend vor seinem Wagen. Er wollte geduldig sein. Der Kleinen, wie er sie zärtlich nannte, Zeit lassen für den schmerzlichen Abschied.
Aber Jettchen kehrte ganz plötzlich um, mehrfach.
Kaum war das Tor hinter ihr verschlossen worden, blieb sie stehen. Als sei ihr noch etwas eingefallen, das sie überprüfen müsse, bat sie um den Schlüssel, ging wieder zurück, machte die Tür auf und verschwand für mehrere Minuten im Haus. Es war nicht groß. So genau sah sie sich allerdings auch gar nicht um. Sie suchte nicht nach etwas Bestimmtem. Sie überprüfte auch nicht, ob sie etwas vergessen haben könnte. Eher durchstreifte sie die Zimmer, als wolle sie die Luft atmen, die ihr vertraute, die sie in sich aufnahm als das einzig Verbliebene, das sie bei sich zu behalten und in sich zu schützen wünschte.
Hoffte sie auf eine Stimme, die sie rufen würde? Dass alles nur ein Traum gewesen war? Oder war es etwas ganz anderes, was sie zurückgehen ließ? Dass es gerade nicht die Luft war, die sie in sich aufnahm, sondern dass sie überprüfen wollte, ob wirklich alles dort blieb, was sie an ein Leben erinnerte, das nun end-gültig vorbei war? Man hätte denken können, sie kontrollierte, dass niemand und nichts sie aus dem Haus verfolgte, dass mit dem Abschließen der Schlussstrich gezogen war. Eine Befreiung von Vergangenem. Kinder haben solche Gedanken nicht. Oder doch?
Bei einem dieser Rundgänge, es war ihr letzter gewesen, hatte sie ein Heft auf dem Boden liegen sehen. Sie erkannte den Schriftzug auf dem Titelblatt sofort und las, langsam, beinahe ungläubig, zweifelnd: »Polonaisen und Mazurken. Eine Auswahl.«
Damit hatte sie nicht gerechnet.
Alle Zimmer waren leer gewesen. Warum hatte sie ausgerechnet dieses Heft übersehen? Sie hatte sich an die Wand lehnen müssen, war dann langsam auf den Boden gesunken und hatte nach ihm gegriffen. Ihre Hände nahmen es auf, vorsichtig, legten es zu sich auf den Bauch. Sie brauchte nicht hineinzusehen. Sie wusste, was darin war. Sie fand sich, als hätte es in den letzten Monaten keine Veränderungen in ihrem Leben gegeben, in ihrer behüteten Wunschwelt wieder.
Ein Mann beugt sich über sie und streicht ihr mit seiner Hand über den Kopf. Seine Augen leuchten.
»Prinzessin, das ist keine Tanzmusik, das ist eine ernsthafte Angelegenheit«, sagt er und lächelt.
Das kleine Mädchen blickt zu ihm auf. Voller Ungeduld. Es tritt von einem Fuß auf den anderen.
Sieht Vater nicht, dass ich das weiße Kleid nur für ihn angezogen habe? Dass ich Hochzeit spiele, solange Mutter nicht da ist?
Jetzt weiß er es. Das kleine Mädchen spürt es.
Endlich hält er die Hände über die Tasten, gleich wird er sich mit ihr in ein Abenteuer stürzen. Einen Rausch verursachen, der das Zimmer in einen verspiegelten Ballsaal verwandelt. Vater wird sich in die Musik werfen und das kleine Mädchen wird die Töne in sich spüren und die ersten Schritte wagen, mit nackten kleinen Füßen, erst ein wenig zögerlich, dann aber immer ent-schiedener, bis die Musik ganz in ihm ist.
Die ersten Töne wirbeln empor. Das kleine Mädchen dreht sich, es hüpft, schwebt und kann von keiner Kraft mehr auf dem Boden gehalten werden. Es schwingt sich auf, es fliegt durch das geöffnete Fenster hinaus bis zu dem blühenden Kirschbaum, direkt auf seine Krone zu, die das kleine Mädchen erklimmt. Das Haarband hat sich gelöst. Die Locken fallen wild über seine Schultern.
Nichts kann passieren. Sie singt: »Der Himmel gehört mir. Mir ganz allein.«
Aber was ist das?
Mutter steht in der Tür, ein kleines Wesen neben sich an der Hand. Stumm. Sie lässt sich auf den Stuhl am Küchentisch sinken und starrt vor sich hin.
»Nichts weiß man. Gar nichts. Sie können ihm nicht helfen. Und uns auch nicht. Keinem.« Sie haucht es und legt den Kopf auf den Tisch. »›Wir werden uns etwas überlegen müssen.‹ So sagen die Ärzte. Ich weiß nicht …Was machen wir bloß mit ihm? Er ist doch unser kleiner …«
Das Mädchen lauscht dem leisen Schluchzen der Mutter. Wenn das Kleid Flügel bekäme, dann könnte sie von hier fortfliegen, in den Kirschbaum im Garten hinein.
Der Rausch steht still.
Helligkeit verschwindet.
Die Töne werden dunkel.
Führen auf einen Abgrund zu.
Ich stürze, denkt das kleine Mädchen.
Ist Vater böse mit mir?
Weil ich so wild getanzt habe?
Weil ich in den Himmel geflogen bin?
Vaters Hände fallen voller Zorn in die Tasten. Sein Rücken krümmt sich.
Das kleine Mädchen spürt, dass sich in ihm etwas ausbreitet. Ein schwarzes Gift. Es ahnt, dass in diesem Moment sein bisheriges Leben zerbricht.
Vater, das ist zu laut! Das tut mir weh!
Vaters Augen leuchten nicht mehr.
Das Spiel verstummt.
Die Prinzessin fällt.
Vater?
Was ist mit dir?
Vater?
In das Haus kehrt Stille ein. Etwas verschwindet. Wenige Jahre vergehen. Irgendwann sagt der Vater: »So werden wir nicht weiterleben können. Nicht mit dem, was hier drin steht. Das ist ein Auftrag, Anna Henriette. Siehst du das?«
Vater kehrt dem Klavier den Rücken zu und hält dem kleinen Mädchen ein Bündel Briefe hin.
Das kleine Mädchen versteht nicht, was der Vater sagen will.
Mitten in die Stille hinein spürte Anna Henriette ein Bersten, das sie in zwei Teile zerriss. Sie blickte auf. Wo war sie? Sie befühlte das Heft auf ihrem Bauch, das sie noch immer etwas krampfhaft hielt, strich dann darüber, sah, dass es feuchte Flecken bekommen hatte. Es war etwas darauf getropft. Vorsichtig legte sie es wieder auf den Boden, strich erneut darüber, behutsam.
Es ist besser, ich lasse es hier. Irgendjemand wird es finden. Das Heft bei sich aufnehmen. Darin lesen können. Vielleicht danach spielen? Und dort, irgendwo, wird man die Noten vor mir schützen.
