Ein Querkopf und die Sache mit dem Anstand - Ben Vensko - E-Book

Ein Querkopf und die Sache mit dem Anstand E-Book

Ben Vensko

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Beschreibung

Eine typische Behördenstory? Bestimmt nicht! Die Geschichte zeigt aber, was in Behör-den, vor allem auf der untersten Ebene, den Gemeinden, möglich ist, wo vielleicht Politikver-drossenheit und der verrufene Bürokratismus ihren Ursprung haben. Es sind die Erlebnisse eines Beamten, der angetreten war, mit Klischees aufzuräumen, der mit Ideen und Einsatz zeigen wollte, dass Beamtentum auch anders geht. Er gerät ausgerech-net an einen Bürgermeister als Chef, der das System zu seinem persönlichen Vorteil ausnutzt und nichts Besseres im Sinn hat, als Politiker und vor allem seine Untergebenen zu bevormun-den. Weil der Mitarbeiter nicht bereit ist, sich dem zu beugen, wird er öffentlich als Querulant denunziert. Es werden ihm Dienstvergehen, sogar Straftaten angehängt und offen seine Ent-lassung betrieben. Der Beamte kann auf die breite Unterstützung seiner Kollegen und politi-schen Vertreter bauen und übersteht nur deshalb ein fünfjähriges Martyrium bis zur Abwahl des ungeschoren davonkommenden Despoten. Der Nachfolger gibt sich als offener, mitarbeiterfreundlicher, zu jedem Scherz bereiter Vorgesetzter. Er hält viel von seinem Beamten, lässt ihn arbeiten, lobt ihn über alles, befördert ihn dreimal und macht ihn zu seiner ‘rechten Hand‘. Selbst aber entpuppt er sich mehr und mehr als ungehobelter Mensch, der gerne schlechte Witze macht, sich eher für das weibliche Geschlecht, als für die Belange seiner Gemeinde interessiert. Für den Mitarbeiter beginnt eine Gratwanderung zwischen seinen Vorstellungen von einer korrekten, bürgernahen Verwaltung und einem, seine eigenen Interessen verfolgenden Populisten als Chef. Der Beamte ist fest davon überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, doch es kommt alles ganz anders.

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Seitenzahl: 383

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Es handelt sich um eine wahre Geschichte, die sich so oder so ähnlich in

vielen Gemeinden zugetragen haben könnte. Sie ist aus den gesammelten Unterlagen eines Beamten entstanden. Zum Schutz von Persönlichkeitsrechten sind die Namen und Ortsangaben frei erfunden. Sollten bei

der Schilderung der Abläufe, Ähnlichkeiten mit dem Verhalten noch lebender oder verstorbener Personen zu erkennen sein, so sind diese Ähnlichkeiten weder beabsichtigt noch zufällig, sondern unvermeidlich.

DAS SCHLIMME

AN

MOBBING

DU FRAGST DICH

NOCH 20 JAHRE DANACH,

WAS HABE ICH EIGENTLICH

FALSCH GEMACHT.

DIE TÄTER ERINNERN SICH

LÄNGST NICHT MEHR.

Das Buch

Eine typische Behördenstory? Bestimmt nicht! Die Geschichte zeigt aber, was in Behörden, vor allem auf der untersten Ebene, den Gemeinden, möglich ist, wo vielleicht Politikverdrossenheit und der verrufene Bürokratismus ihren Ursprung haben.

Es sind die Erlebnisse eines Beamten, der angetreten war, mit Klischees aufzuräumen, der mit Ideen und Einsatz zeigen wollte, dass Beamtentum auch anders geht. Er gerät ausgerechnet an einen Bürgermeister als Chef, der das System zu seinem persönlichen Vorteil ausnutzt und nichts Besseres im Sinn hat, als Politiker und vor allem seine Untergebenen zu bevormunden. Weil der Mitarbeiter nicht bereit ist, sich dem zu beugen, wird er öffentlich als Querulant denunziert. Es werden ihm Dienstvergehen, sogar Straftaten angehängt und offen seine Entlassung betrieben. Der Beamte kann auf die breite Unterstützung seiner Kollegen und politischen Vertreter bauen und übersteht nur deshalb ein fünfjähriges Martyrium bis zur Abwahl des ungeschoren davonkommenden Despoten.

Der Nachfolger gibt sich als offener, mitarbeiterfreundlicher, zu jedem Scherz bereiter Vorgesetzter. Er hält viel von seinem Beamten, lässt ihn arbeiten, lobt ihn über alles, befördert ihn dreimal und macht ihn zu seiner ‘rechten Hand‘. Selbst aber entpuppt er sich mehr und mehr als ungehobelter Mensch, der gerne schlechte Witze macht, sich eher für das weibliche Geschlecht, als für die Belange seiner Gemeinde interessiert. Für den Mitarbeiter beginnt eine Gratwanderung zwischen seinen Vorstellungen von einer korrekten, bürgernahen Verwaltung und einem, seine eigenen Interessen verfolgenden Populisten als Chef.

Der Beamte ist fest davon überzeugt, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben, doch es kommt alles ganz anders.

Der Autor

schreibt unter dem Pseudonym Ben Vensko und ist 1953 als Kind eines Flüchtlings in einem kleinen Dorf in Unterfranken, nahe der Grenze zur DDR, geboren und aufgewachsen. Er studierte an der TU Karlsruhe Geografie und Chemie und später an der Verwaltungsfachhochschule in Kehl. Als Beamter arbeitete er über dreißig Jahre in verschiedensten Bereichen der Öffentlichen Verwaltung. Heute lebt der Pensionär (verheiratet, drei Kinder) mit seiner Frau in einem kleinen Dorf im Schwarzwald.

Inhalt

Teil I

Erster Arbeitstag

Eine Gemeinde

Ein Dickkopf

Schwimmversuche

Alltag

Kennenlernen

Konsequenzen

Psychoterror

Diebstahl

Abgeschoben

Frechheit

Suspendiert

Neuanfang

Ein Glücksbringer

Ein Rechtsexperte

Ernennung

Teil II

Frühlingsgefühle

Outing

Shocking

Rückkehr alter Zeiten

Demontage

Überlebenskampf

Teil III

Durchatmen

Alles in Ordnung

Schikanen

Ein Querkopf

Winds of Change

Fürsorge

Bevormundung

Sanktion

Teil IV

Vergeltung

Teil I

Erster Arbeitstag

Pünktlich um fünf vor acht Uhr traf ich mit meinem silbergrauen Golf im vorwinterlichen Wildtal-Tannenberg, Hauptstr. 4 ein. Hätte nicht in Großbuchstaben der Name

RATHAUS

über dem Eingang gestanden, ich wäre nicht auf die Idee gekommen, in dem alten, offensichtlich umfunktionierten Wohnhaus richtig zu sein. Sicherheitshalber holte ich das Einladungsschreiben aus meiner schwarzen Kunstledertasche, die ich mir extra für den Einstieg ins Berufsleben gekauft hatte. Doch! Da stand es schwarz auf weiß:

Bitte melden Sie sich am Donnerstag, dem 01.12.1983 um 8:00 Uhr im Rathaus in Wildtal!

Und die Adresse stimmte auch.

Ich öffnete die Glastür, in einem stark angerosteten Metallrahmen, zu einem schmalen Flur mit grau melierten Betonfliesen. Auf der rechten Seite eines etwa vier Meter langen Vorraums befand sich ein, mit grauem Kunststoff beschichtetes, fest installiertes, etwa zwei Meter langes Brett mit ebensolcher Rückenlehne, was wohl als Sitzgelegenheit für wartendes Rathauspublikum gedacht war. Hinter einem Durchgang, der früher sicher mit einer Tür versehen war, schloss sich ein dunkles Treppenhaus an, welches in das obere Stockwerk und zu einem Hinterausgang mit einer altertümlichen Holztür führte. In der Holztür befand sich ein kleines Fenster, wodurch nur spärliches Tageslicht in den Treppenraum fiel.

Die nächste Frage, die ich mir stellte: „Wo muss ich eigentlich hin?“ Also nahm ich erneut das Einladungsschreiben zur Hand und stellte fest, dass da tatsächlich nur ‘im Rathaus’ vermerkt war. Kein Problem, schließlich hing über der grauen Bank ein schwarzer Wegweiser mit auswechselbaren Setzkasten-Buchstaben, worauf stand:

HAUPT- UND PERSONALAMT HERR ISABO ZI. 3

Das war sicher die richtige Stelle, bei der ich mich zu melden hatte.

Die Nummer 3 stand auf der einzigen, im dunklen Treppenhaus befindlichen Tür. Also, tief Luft holen, anklopfen und hineinspaziert! Es empfing mich ein schon etwas ergrauter, untersetzter Herr mit gepflegtem Vollbart und Brille, mit einem freundlichen „Guten Morgen, was möchten sie?“

„Guten Morgen, ich heiße Andreas Stühler und bin der Neue. Ich soll mich hier melden“ erwiderte ich und reichte ihm die Einladung.

Ungläubig schaute er auf das Papier und meinte: „Davon weiß ich nichts.“ Die Einladung sei aber vom Bürgermeister und der sei noch nicht da. „Warten sie doch draußen bis der Chef kommt.“ Also setzte ich mich auf das graue Bänkchen im Flur und wartete und wartete.

Ich hatte mir fest vorgenommen, einen guten ersten Eindruck zu hinterlassen. Aber was war das denn? Wollten die etwa testen, wie ich in ungewöhnlichen Situationen verhalten würde? Vielleicht gehörte sich das im Schwarzwald so? Es war schließlich mein erster, erster Arbeitstag als Diplom-Verwaltungswirt.

Eine gute Viertelstunde war also weder etwas zu hören, noch zu sehen, bis die Stille von einer aufgehenden Tür unterbrochen wurde und eine nette ältere Dame mich in ihr Büro holte, damit ich nicht frieren müsse. Ich hatte ihr erklärt, auf den Bürgermeister zu warten. Es war in der Tat sehr kalt, und vielleicht hatte sie mein leichtes Zittern in dem unbeheizten Flur bemerkt, wobei nicht klar war, ob es an der Kälte oder meiner sich langsam steigernden Nervosität lag.

Im der Mitte des Raumes befanden sich zwei gegenüberstehende Schreibtische, an denen sich die ältere Dame und ein weiterer Mitarbeiter gegenübersaßen. Nach kurzer Vorstellung vertieften sich beide auffallend schnell wieder in ihre Arbeit an der Schreibmaschine, sodass mir ein Gespräch nicht unbedingt angebracht schien.

Dieser Zustand einer immer unangenehmer werdenden Büroatmosphäre, wurde nach etwa einer weiteren halben Stunde jäh unterbrochen mit einem halb geflüsterten Zischen: „Der Chef kommt“. Ich wurde aufgefordert, mich ganz schnell wieder auf mein graues Bänkchen zu begeben, damit der Chef nicht sehen sollte, dass ich bei Mitarbeitern im Büro gewesen war. Das war alles andere als eine Begrüßung, wie ich sie mir vorgestellt hatte.

Kaum auf meinem Bänkchen angekommen, ging auch schon die rostige Glastür auf, und ein jugendlich aussehender Mann, mittelgroß, mittelschlank, blondes schütteres Haar, Schnauz- und Kinnbart, mit schwarzem Köfferchen in der Hand, stürmte auf mich zu und streckte mir die Hand entgegen, noch bevor ich richtig aufstehen konnte. Mit einem knappen, militärischen „Oltmann, ´Morgen! Sie sind der Herr Stühler? Komm´ se mit!“ begrüßt er mich, und ich schlich wie ein begossener Pudel hinter ihm her, die Treppe hinauf, bis zu einer doppelten Tür, die auch doppelt verschlossen war, mit der Aufschrift:

1

Im ‘Heiligtum’ angekommen, stand mitten im Raum ein monströser, mit Leder bezogener Schreibtisch und ein exklusiver Lederschreibtischstuhl, auf dem der Chef sich zunächst einrichtete. In dem bereits bekannten Stakkato hörte ich „Herr Stühler, nehm´ se Platz!“ Ohne mir die Gelegenheit zu geben, meine Winterjacke abzulegen, wies er mir einen von zwei extrem niedrigen Polstersesseln zu, die dem Chef gegenüber, neben einem ebenso niedrigen Glastisch standen.

Er thronte hinter seinem Schreibtisch wie der Riese Goliath über dem armen, kleinen David. Nur ganz kurz schoss es mir durch den Kopf, was denken wohl andere Besucher, wenn sie so empfangen werden? Das konnte mir in diesem Augenblick egal sein. Hauptsache ich durfte endlich einmal anfangen zu arbeiten und meine vierjährige Ausbildung an den Mann bringen.

Bevor er mit seiner Einweisung begann, holte er erst mal eine Schnupftabakdose aus der Hose. Der Blondschopf mit Kinnbart und Schnauzer zog genüsslich den ‘schwarzen Dreck’ vom Handrücken in die Nase, wobei es nicht ausblieb, dass ein Teil der Schwärze im Schnauzer hängenblieb. Ein paarmal schniefen und das Geschäft war erledigt. Zum Schmunzeln war ich viel zu aufgeregt.

„Herr Stühler, es ist vorgesehen, dass sie in der Bauverwaltung arbeiten. Dort sind sie für den Einsatz der Gemeindearbeiter zuständig. Aber zunächst gehen sie mal ins Rechnungsamt. Dort sind noch ein paar Erschließungsbeiträge zu erheben.“

„Was ich vor allem von ihnen erwarte, ist bedingungsloser Gehorsam!“

Diesen Ausspruch kannte ich eigentlich nur als Relikt unrühmlicher deutscher Geschichte. Gemeint hatte er wohl so etwas wie Loyalität, womit ich überhaupt keine Probleme haben würde.

„Gleich vorweg“ fügte er hinzu „bei guter Leistung erhalten sie eine Verkürzung ihrer halbjährigen Probezeit“.

„Na bravo“ dachte ich, „der spuckt ja große Töne.“ Die Probezeit als Inspektor zur Anstellung beträgt zweieinhalb Jahre und kann ausnahmsweise bei sehr guten Leistungen auf eineinhalb Jahre verkürzt werden.

Doch gleich ergänzte er seine Einweisung mit wichtigen Warnungen: „Hüten sie sich vor den Gemeinderäten. Wenn einer was wissen will, verweisen sie ihn sofort an mich. Halten sie sich auch mit Kontakten zu Kollegen zurück! Vor allem nehmen sie sich vor Frau Herwig in Acht! Sie war die Sekretärin meines Vorgängers und von dort werden so manche Intrigen gegen mich inszeniert!“

Wie sich später herausstellen sollte, war das die nette ältere Dame, die mich morgens zum Aufwärmen ins Büro gebeten hatte.

Nach dieser ‘Einführung’ begab ich mich, wie geheißen, ins Rechnungsamt, wo mir vom Rechnungsamtsleiter, einem netten älteren Herren namens Röder, ein an der Wand stehender, uralter, hölzerner Schreibtisch zugewiesen wurde, an dessen Rand eine alte mechanische Schreibmaschine stand. Ich war somit gezwungen, mit dem Rücken zu den anderen Mitarbeitern des Rechnungsamtes zu arbeiten.

Das Rechnungsamt war mit der Gemeindekasse im Nebengebäude, in einem alten, dunklen Betonbau mit Flachdach untergebracht, der mit seinen vergitterten Oberlichtern eher einem Gefängnis ähnelte, als einem Bürogebäude. So hatte ich mir weiß-Gott-nicht meinen ersten Arbeitsplatz vorgestellt.

Nachdem ich mich mit Schreibstift und Papier eingerichtet hatte, viel mehr gab es ohnehin nicht, erhielt ich vom Rechnungsamtsleiter einen Ordner mit der Aufschrift ‘Schlattweg‘ und einem Sammelsurium an Rechnungen, mit dem Auftrag, diese Erschließungsanlage müsse so schnell wie möglich abgerechnet und die Bescheide versendet werden.

Es stellte sich heraus, dass bisher noch keine Erschließungsbeiträge nach der im Jahr 1982 erlassenen Erschließungsbeitragssatzung abgerechnet worden waren und der ursprünglich zuständige, einzige Gemeindebeamte seit zwei Jahren pensioniert war. Also musste ich selber schauen, wie ich in dem völligen Neuland zurechtkommen würde.

Es war nicht einfach mit den beiden älteren Kollegen, die ihr ‘Großraumbüro’ nun auch noch mit einem ‘Gstudierten’, der nicht nur aus der Stadt kam, sondern auch keinen Schwarzwälder Dialekt sprach, eine Unterhaltung zu suchen. Aber das würde sich sicher bald ändern.

Eine Gemeinde

Man muss sich vor Augen halten, dass sich diese Geschichte in einer kleinen Gemeinde im Schwarzwald abspielte. Doch so klein war die Kommune mit 4.500 Seelen für Schwarzwälder Verhältnisse nun auch wieder nicht, was sie jedoch ausschließlich der Gemeindereform 1975 mit dem Zusammenschluss mehrerer, bis dahin selbständiger Gemeinden zu verdanken hatte. Man war stolz auf die selbstgewählte Bezeichnung als ‘Großgemeinde’.

Das Besondere daran war, dass sich die ursprünglichen Gemeinden vehement gegen ihre Zwangsehe gewehrt hatten. Das wiederum hatte seinen Ursprung darin, dass die Gemeinden durch stark eingeschnittene Täler, teilweise Schluchten, voneinander getrennt waren und damit nicht viele Gemeinsamkeiten hatten. Der Höhenunterschied vom tiefsten bis zum höchsten Punkt betrug an die 500 Meter und genau so unterschiedlich waren die Mentalitäten. Früher, so erzählte man sich, hätte es noch richtige Fehden hauptsächlich unter den Heranwachsenden gegeben, die sich zum Teil noch bis in die Neuzeit gehalten hatten.

Alles Wehklagen, alle Versuche, diese Zusammenlegung zu verhindern, scheiterten letztendlich am politischen Willen in Stuttgart, an den Beamten, so war die landläufige Meinung, die eh keine Ahnung von den örtlichen Verhältnissen hatten und am grünen Tisch entschieden. Also wurde zusammengefügt, was nicht zusammengehörte. Schuld an diesem Desaster war in den Köpfen vieler Bürger, die Obrigkeit und deren Vertretung auf der untersten Ebene, die Gemeindeverwaltung mit ihrem Bürgermeister.

So wurde aus den früheren Gemeinden Brand, Schwenden, Steinach, Walden, Tannenberg, Wildtal, Untertal und Obertal, die Gemeinde mit dem schönen Doppelnamen Wildtal-Tannenberg mit Verwaltungssitz in Wildtal, obwohl der größere Ortsteil eigentlich Tannenberg gewesen war. Man erzählte mir, es habe daran gelegen, dass der Bürgermeister von Wildtal seine guten Beziehungen hätte spielen lassen und als Entgegenkommen der größere Ort zumindest im Namen der Gemeinde verewigt worden sei.

Um sich annähernd eine Vorstellung von diesem, auf über 70 Quadratkilometern verteilten, Konstrukt machen zu können, muss man wissen, dass die Großgemeinde nun nicht mehr nur aus acht Ortsteilen, sondern daneben auch noch aus dreizehn Weilern und unzähligen Einzelgehöften bestand; so wie man den Schwarzwald eben kennt.

Die Ortsteile, wie die ehemaligen Gemeinden jetzt genannt wurden, waren sich bestimmt nicht spinnefeind, aber das Zusammenwachsen gestaltete sich schwierig. Dies wurde bei der im Jahr 1980 zum ersten Mal anstehenden, gemeinsamen Bürgermeisterwahl deutlich. Der Amtsinhaber, der sehr viel für seinen Ortsteil Wildtal, aber auch für die übrigen Ortsteile bewirkt hatte, war sich seiner Wiederwahl sicher. Was er nicht bedacht hatte: Aufgrund seines Auftretens als konservativer, sehr auf Etikette bedachter Mensch, galt er nicht gerade als volksnah und bürgerfreundlich.

Er hatte die Rechnung ohne den Gegenkandidaten, einen jungen – heute würde man sagen, Populisten – gemacht, der aus einer Stadt in Norddeutschland auf ‘hohem Ross’ daher kam, sich dynamisch und ambitioniert gab. Er war unabhängig vom Ortsteildenken, legte ein wortgewandtes Auftreten an den Tag und stellte sich auch noch als ein von der Pike auf gelernter Verwaltungsfachmann vor.

Das hatte zumindest die Mehrheit der Wähler zutiefst beeindruckt, und es kam zu einer typischen Denkzettelwahl, die der auswärtige Bewerber namens Jens-Thorben Oltmann gleich im ersten Wahlgang knapp für sich entschieden hatte. Das hatten die Wenigsten gewollt, und es hatte auch kaum jemand damit gerechnet. Aber er war gewählt, und er trat sein Amt Anfang Dezember 1980 an.

Es sollte sich alsbald herausstellen, dass es mit seinen Verwaltungskenntnissen, seiner Bürgerfreundlichkeit und vor allem mit seinen Führungsqualitäten nicht so weit her war. Er hatte aber das große Los gezogen und war für acht Jahre Alleinherrscher in einer Gemeinde, in der man sich ohnehin nicht einig war. In seiner Heimat brüstete er sich in den Medien wegen seiner umfassenden Befugnisse als Bürgermeister, die es so nur im Süden der Republik gäbe.

Seine erste Amtshandlung bestand darin, den Schlüssel des Gemeindetresors in Verwahrung zu nehmen. Er glaubte tatsächlich, ab jetzt nicht nur über die Gemeinde mit ihren Ländereien, sein Wahlvolk – um das er sich bestenfalls mit ein paar Veröffentlichungen im Mitteilungsblatt zu kümmern hätte – die Gemeindebediensteten, den Gemeinderat, vor allem aber über die Gemeindefinanzen zu herrschen.

Es folgten weitere Aktionen, über die man sich nur wundern konnte. Aktionen, die nicht nur die Gemeinderäte, die mit den Vorstellungen des neuen Bürgermeisters alles andere als einverstanden waren, sondern auch die Aufsichtsbehörde, das Landratsamt in der Kreisstadt Waldheim, auf den Plan rief. Kurzum, es wurde eine Prüfung der Gemeindeverwaltung durch die Gemeindeprüfungsanstalt in die Wege geleitet.

Das Ergebnis war ein ganzes Buch von Beanstandungen, die natürlich nicht ihm, sondern seinem Vorgänger zu verdanken waren. So zumindest die Lesart des neuen Bürgermeisters. Unter anderem war auch beanstandet worden, dass die Gemeinde ihrer Verpflichtung zur Einnahmenbeschaffung, sprich, der Erhebung von Erschließungsbeiträgen nicht oder nur unzureichend nachgekommen war. Das lag vor allem daran, dass sie keinen ‘Fachbeamten für das Finanzwesen’ beschäftigte, wie es die Gemeindeordnung verlangte.

Der Bürgermeister hatte zwar im Wahlkampf damit geworben, dieser Fachmann zu sein, was zu seinem Bedauern die Gemeindeprüfungsanstalt ganz und gar nicht so gesehen hatte, weshalb sie angeordnet hatte, die Gemeinde müsse unverzüglich die Stelle für einen Beamten mit Verwaltungs-Fachhochschulabschluss ausschreiben.

Ein Dickkopf

Auf die Annonce hatte sich unter anderem meine Wenigkeit, der Fachhochschulabsolvent Andreas Stühler gemeldet, für den das Verwaltungsstudium ein Zweitstudium gewesen war. Ich hatte bereits so manche Lebenserfahrungen hinter mir und war nicht mehr unbedingt als ‘Greenhorn’ oder ‘Jungspund’ zu bezeichnen, wie man damals zu sagen pflegte.

Es war im Herbst, als ich mich aus dem grauen, mit einem Hochnebeldeckel versehenen Rheintal in Richtung Schwarzwald auf den Weg zum Vorstellungsgespräch gemacht hatte. Spätestens nachdem der Nebel einem stahlblauen Himmel in dieser herrlichen Mittelgebirgslandschaft gewichen war, stand fest: „Dort will ich künftig arbeiten!“

Ich war mir sicher, mich in der Vorstellungsrunde vor dem zwanzigköpfigen Gemeinderatsgremium gut verkauft zu haben, auch wenn ich mit ungewöhnlichen Fragen, wie etwa, ob ich hierher ziehen wollte, konfrontiert worden war. Wohin denn sonst, wenn die nächste Stadt 60 km entfernt war? Und ich wollte schließlich aufs Land; zurück aufs Land, wo ich meine Kindheit und Jugend verbracht hatte.

Vielleicht war es dem Umstand zu verdanken, dass ich als Flüchtlingskind von Anfang an gelernt hatte, mich durchzubeißen, vielleicht war es auch nur die 68er-Bewegung, die nicht spurlos an mir vorübergegangen war: Mir konnte man so leicht kein X für ein U vormachen.

Alles was mit logischem Denken, mit praktischem Arbeiten zu tun hatte, fiel mir leicht, dagegen auswendig lernen, ein absolutes No-Go. Der prägendste Satz, den ich mir von meinem Lateinlehrer gemerkt hatte, war: „Non scolae, sed vitae discimus“ (nicht für die Schule, sondern fürs Leben lernen wir). Ein wichtiges Anliegen der Schule war es damals die Heranwachsenden zu politischen, kritischen, ihre Meinung äußernden, Verantwortung übernehmenden Menschen zu erziehen. Immer offen, ehrlich und korrekt, aber auch kritisch zu sein, waren meine Zielvorgaben für die Zukunft. Kurzum, es war das, was ich auch mit dem Begriff ‘Anstand’ verbunden hatte.

Schon mit sechzehn Lenzen hatte ich als Milchgesicht meinen Rucksack gepackt und mich per Anhalter auf die Reise nach Schottland gemacht. Nicht ohne mir vorher beim Dorfpfarrer – wo denn sonst? – wertvolle Tipps für die ungewöhnliche Reise geben zu lassen. Da half alles Flehen und Wehklagen der Eltern und aller Bekannten und Verwandten nicht, mich von dem äußerst gefährlichen Vorhaben abzubringen. Ich sah das anders – einen Dickkopf hatte ich scheinbar schon immer – und hatte natürlich Recht behalten.

Nach dem Abi studierte ich als Lehramtskandidat Chemie und Geographie. Vier Jahre später zeigte sich jedoch aufgrund mäßiger theoretischer Leistungen, dass wegen der damals äußerst geringen Übernahmequote keine erfolgversprechenden Berufsaussichten als Lehrer bestünden. Es fiel mir leicht, einen Schuldigen zu finden: Wieder einmal hatte die Planung des Kultusministeriums versagt.

Trotzdem hatte ich enorm viel dazugelernt; zwar nicht ‘für die Katz’, aber auch nichts, was für einen vernünftigen Einstieg ins Berufsleben geeignet gewesen wäre. Folglich musste ich mich nach etwas Neuem umsehen. Mein Favorit war ein Architekturstudium. Nur, womit sollte ich es ohne Bafög finanzieren?

Also landete ich als ‘anderer Bewerber’ in einer vergüteten Ausbildung zum gehobenen Verwaltungsdienst. Der Weg zum Verwaltungsbeamten war geebnet, was ich schon alleine wegen des Rufs der Beamten, eigentlich niemals hatte werden wollen.

Umso mehr versuchte ich während der praktischen Ausbildung zu zeigen, dass ich, trotz des versemmelten Studiums, in der Lage war, etwas zu leisten. Also stürzte ich mich mit Begeisterung in die Arbeit, die mir aufgetragen worden war.

Gleich in der ersten Abteilung wurde ich vom Abteilungsleiter gefragt, ob ich mir zutrauen würde, die Aufgaben des für längere Zeit erkrankten Registrators zu übernehmen. Ich verstand sofort, was zu tun war, aber nicht die Frage des Vorgesetzten.

Nach drei, vier Wochen waren Berge von Rückständen aufgearbeitet, sodass ich lediglich noch eine Halbtagsbeschäftigung hatte. Deshalb wandte ich mich fragend an meinen Ausbilder, ob er nicht zusätzliche Aufgaben für mich hätte.

Das kam gar nicht gut an. Ich musste mir anhören, meinen Übereifer doch etwas zu zügeln. So würde der langjährigen Mitarbeiter in ein schlechtes Licht gerückt, was hier keiner möchte. „Am besten sie nehmen sich ein gutes Buch zum Lesen mit, damit niemand sieht, wenn sie keine Arbeit haben“ waren die Worte des Vorgesetzten.

Das war eine völlig neue Erfahrung, die leider das Klischee von den trägen Beamten bestätigte, das eigentlich schon längst überholt sein sollte. So funktionierte also Beamtenmikado: „Wer sich zuerst bewegt, hat verloren!“ Es ging zum Glück nur in dieser Abteilung so zu.

Die ersten zwei Jahre praktische Ausbildung vergingen wie im Flug und es zeigte sich, dass es gar nicht so uninteressant war, nach und nach zum Verwaltungsfachmann ausgebildet zu werden. Vor allem als sich das Studium an der Fachhochschule in Kehl anschloss, war ich ausgesprochen glücklich, diesen Beruf gewählt zu haben.

~

Nachdem der Landmensch Stühler zehn Jahre in städtischen Gefilden verbracht, sich die Hörner abgestoßen hatte, freute er sich riesig auf die Chance, wieder aufs Land ziehen zu können, noch dazu in diese herrliche Mittelgebirgslandschaft.

Die Freude steigerte sich, als ich tatsächlich kurze Zeit später die Zusage für die Einstellung erhalten hatte.

Wovon ich natürlich nichts wusste, waren die zuvor geschilderten Umstände, die mich an meinem ersten Arbeitsplatz erwarten würden. Damals waren die Büros noch mit Schreibmaschinen, mit viel Glück auch schon elektrisch, ausgestattet. Es gab noch richtige Telefone mit Wählscheiben, also von wegen Smartphone, Internet oder Computer. Das kannte man nur aus Science-Fiction Filmen im Kino oder Fernsehen. Deshalb wusste ich über die Gemeinde, außer wo Wildtal zu finden war und es nicht identisch mit Wildtal-Tannenberg war, so gut wie nichts.

Ich hatte also, als frischgebackener Diplom-Verwaltungswirt, von Bürgermeister Jens-Thorben Oltmann am 30. November 1983 die schriftliche Mitteilung erhalten, meinen Dienst als Beamter am nächsten Tag um 8:00 Uhr im Rathaus von Wildtal anzutreten.

Schwimmversuche

Mit Hilfe von Studienunterlagen und einem älteren Kommentar zum Erschließungsbeitragsrecht machte ich mich in dem ‘Gefängnis’ an die Arbeit. Zu meiner Überraschung hatten die Anlieger noch nicht einmal eine Ankündigung erhalten, dass sie demnächst mit in die Tausende gehenden Erschließungsbeitragsbescheiden zu rechnen hätten. Bürgernah ließ ich zunächst die Ankündigungen ausfertigen und durfte sie – ganz stolz – sogar selbst unterschreiben und verschicken.

Bereits am nächsten Tag stand mein Telefon nicht mehr still. Der Tenor lautete: „Wer sind sie überhaupt? Was soll diese Unverschämtheit? Der Bürgermeister hat erst kürzlich bekanntgegeben, dass für unsere Straße keine Beiträge zu zahlen sind, weil es sich um eine Ortsdurchfahrt handelt.“

Niemand hatte mich zuvor auf die Brisanz dieser Abrechnung hingewiesen. Erst jetzt zeigte mir der Rechnungsamtsleiter die Anordnung der Gemeindeprüfungsanstalt, die bei der letzten Prüfung beanstandet hatte, dass die Gemeinde keine Erschließungsbeiträge erhebe und kein dafür erforderliches Fachpersonal vorhalte. Also war ich der Gemeindeverwaltung aufgezwungen worden und, wie ich später erfahren sollte, auch dem Bürgermeister, der bei der Einstellung im Gemeinderat, aus welchen Gründen auch immer, gegen mich gestimmt hatte.

Allerdings brauchte ich mich in der Folgezeit nicht über einen Mangel an Aufgaben zu beklagen. Der Bürgermeister übertrug mir alles was rechtlich etwas anspruchsvoller und liegengeblieben war und schließlich meinem Ausbildungsprofil entsprochen hatte. Noch im Januar wurde ich zum Schriftführer im Gemeinderat und Verwaltungsverband bestellt und bekam volle Unterschriftsbefugnis. Ich fühlte mich so richtig wohl bei meiner Arbeit und führte sie mit Begeisterung aus.

Der Bürgermeister lobte mich nach sechs Wochen Verwaltungstätigkeit: „Ich halte viel von ihnen. Sie machen ihre Sache sehr gut. Ich bin so froh, mit ihnen einen so guten Griff getan zu haben.“ Bei jeder Gelegenheit wurde ich schon nach so kurzer Zeit als seine „rechte Hand“ vorgestellt, an der sich alle ein Beispiel nehmen könnten. Warum sollte ich nicht stolz auf den schnellen Erfolg sein?

Das änderte sich schlagartig, als ich einen Fehler im Protokollentwurf der Gemeinderatssitzung vom 24. Februar 1984 korrigieren wollte. Der Text verfälschte die Aussage eines Gemeinderats. Hauptamtsleiter Isabo hatte mich auf den Fehler hingewiesen, und er hatte Recht gehabt. Also war es für mich selbstverständlich, die erforderliche Korrektur vorzunehmen.

Das passte Oltmann ganz und gar nicht. Irgendetwas hatte er scheinbar gegen den Gemeinderat, weshalb er darauf bestand, die ursprüngliche Fassung beizubehalten: „Herr Stühler, wie kommen sie mir vor? Sie als kleiner Inspektor zur Anstellung (z. A.) mit ein paar Wochen Praxis wollen mir erzählen, was richtig ist. Ich werde ihnen schon noch zeigen, wo es lang geht. Was sie vielleicht noch nicht wissen, als Bürgermeister habe ich in der Gemeinde alleine das Sagen und bestimme als ihr Vorgesetzter was ins Protokoll kommt oder nicht. Ich muss mir doch von ihnen keine Vorschriften machen lassen!“

Ich war von den Socken und versuchte mich zu rechtfertigen. Doch Oltmann wurde gleich laut: „Ich habe sie nicht nach ihrer Meinung gefragt. Was fällt ihnen ein, mich zu unterbrechen? Wo haben sie ihre Manieren gelassen? Machen sie, dass sie hier verschwinden!“

Was war dem über die Leber gelaufen? Wegen so einer Kleinigkeit, dieser Wutausbruch? Der wird sich schon wieder beruhigen, dachte ich. Doch es sollte ganz anders kommen.

~

Am gleichen Abend – es war ein Freitag – fand nach Dienstschluss die Geburtstagsfeier eines Kollegen in einem Gasthaus statt, zu der ich etwa eine halbe Stunde zu spät kam. Zur Verspätung war es gekommen, weil ich von Rechnungsamtsleiter Röder zu einen Kollegen in die Nachbargemeinde geschickt worden war, damit dieser mir die dortige Globalberechnung – Voraussetzung für das korrekte Abrechnen von Wasser- und Abwasserbeiträgen – erläutern konnte.

Als der Bürgermeister die späte Ankunft bemerkte, zitierte er mich zu sich: “Herr Stühler, wo kommen sie jetzt so spät her?“ Ich versuchte es ihm zu erklären, doch der fauchte nur: „Aha! Sie haben sich unerlaubt vom Dienst entfernt! Sie wissen hoffentlich als Beamter, dass unerlaubtes Entfernen vom Dienst ein schweres Dienstvergehen ist! Doch jetzt Schwamm darüber. Wir sprechen uns am Montag.“

„Toll“, dachte ich. „Jetzt kann ich mir übers Wochenende den Kopf darüber zerbrechen, was ich falsch gemacht habe. Wieso unerlaubt vom Dienst entfernt? Ich war doch dienstlich unterwegs gewesen.“

Am Montag gegen 14:00 Uhr erfuhr ich des Rätsels Lösung. Viel früher erschien der Bürgermeister montags ohnehin nur selten, was nicht gerade außergewöhnlich schien, weil er schließlich als Schultheiß immer eine Fülle von Terminen an den Wochenenden wahrzunehmen hatte. Zusammen mit dem Hauptamtsleiter, Herrn Isabo und dem Leiter des Ordnungsamts, Herrn Birkle, wurde ich hoch zitiert. ‘Hoch’, das war der übliche Sprachgebrauch, wenn man zum Chef musste.

Dort wurde mir sogleich eröffnet, dass Oltmann ein ernstes Wörtchen mit mir zu reden hätte. Ich sei durch mein unmögliches Verhalten für ihn und für die Gemeinde nicht länger tragbar.

Völlig irritiert über den Vorwurf fragte ich: „Weshalb? Ich habe doch nichts falsch gemacht!“

Darauf fing er an, mich in einem militärischen Ton aufzuklären: „Herr Stühler, jetzt spielen sie hier nicht den Naiven. Sie haben sich in der vergangenen Woche zweier schwerer Dienstvergehen schuldig gemacht,

Auflehnung gegen einen Vorgesetzten,

unentschuldigtes Entfernen vom Dienst.“

Verwundert runzelte ich die Stirn: „Davon weiß ich aber jetzt gar nichts.“

Er brüllte nun, dass es die Mitarbeiter im Erdgeschoss hören konnten, obwohl Tür und Fenster geschlossen waren: „Jetzt haben sie auch noch die Unverschämtheit zu behaupten, von alldem nichts zu wissen. Sie waren ohne meine Erlaubnis während des Dienstes in der Nachbargemeinde, und den Inhalt eines Protokolls lasse ich mir als Bürgermeister schon gar nicht vorschreiben. Sie bekommen einen Vermerk in ihre Personalakte. Da sie sich in der Probezeit befinden, sehe ich keine Möglichkeit für eine Weiterbeschäftigung.“

Völlig vor den Kopf gestoßen, erwiderte ich entsetzt: „Die Fahrt in die Nachbargemeinde war doch mit Herrn Röder abgesprochen und …“ Er ließ mich nicht ausreden und zitierte den Rechnungsamtsleiter herbei. Der wurde dann im gleichen Stil angebrüllt, weil er es gewagt hatte einen Mitarbeiter ohne ausdrücklichen Auftrag des Chefs wegzuschicken.

Ich war nicht wenig erstaunt darüber, wie sich der Rechnungsamtsleiter, wenn er auch dastand wie ein kleiner Schulbub, ruhig und sachlich damit rechtfertigte, dass sich der Bürgermeister so gut wie nie um die Erledigung von Verwaltungsaufgaben kümmere, und den Mitarbeitern gar nichts anderes übrig bliebe, als die notwendigen Arbeiten selbst in die Hand zu nehmen.

Das hatte aber nur zur Folge, dass alle Vier mit lautstarken Worten des Zimmers verwiesen wurden.

Völlig ratlos ob dieses Umgangs mit Mitarbeitern, meiner bevorstehenden Entlassung, fragte ich den Rechnungsamtsleiter, was nun geschehen werde.

Herr Röder meinte nur: „Ich kenne die Eskapaden des Bürgermeisters zu genüge. So kann man nicht mit Mitarbeitern umgehen. Melden sie den Vorfall dem Landratsamt. Die kennen die Problematik in der Wildtal-Tannenberger Verwaltung.“

Nachdem ich dem Leiter des Kommunalamtes, Herrn Bienzle, den Vorfall geschildert hatte, wurde ich noch am gleichen Tag zum Bürgermeister gerufen.

Mein Chef war nicht wiederzuerkennen. Mit ausgesuchter Freundlichkeit beruhigte er mich: „Ich verstehe gar nicht, wie man sich über solche Kleinigkeiten aufregen kann. Es gibt doch viel wichtigere Dinge zu erledigen. Lassen wir doch die Sache auf sich beruhen. Das Ganze war ein Missverständnis, weil ich es sehr eilig hatte.“

Alltag

Der ‘kleine’ Beamte Stühler hatte in der Folgezeit viel Arbeit, anspruchsvolle Arbeit, und es wurde ihm immer mehr zugeteilt. Mir machte es riesigen Spaß, vor allem weil mir immer bewusster wurde, dass ich mit dem Verwaltungsstudium eine exzellente Grundlage erhalten hatte, ohne die ich als ‘Alleinkämpfer’ mit Sicherheit auf verlorenem Posten gestanden hätte.

Noch Mitte März 1984 führte Oltmann mit mir ein ausführliches Gespräch, in dessen Verlauf er mir mitteilte, mit meiner Arbeit sehr zufrieden zu sein und Großes mit mir vorzuhaben. Ich würde demnächst mein eigenes Büro erhalten und eigenverantwortlich die Bauverwaltung übernehmen. Hinzu käme wie bisher das Beitragsrecht, Satzungsrecht, Protokollführung in allen gemeindlichen Gremien und schließlich alle Widerspruchs- und Gerichtsverfahren. Für die Protokollführung sollte ich Freizeitausgleich erhalten. Später habe er ohnehin vor, mich zum Leiter des Hauptamtes zu machen, da der bisherige Amtsinhaber für diese Aufgabe nicht der rechte Mann sei.

Scheinbar hatte ich doch nicht so viel falsch gemacht. Überglücklich machte ich mich an die Arbeit.

Doch schon ein paar Tage später erhielt ich eine weitere Kostprobe der Oltmannschen Eigenwilligkeiten. Als ich, wie vereinbart, eine Auflistung meiner, durch die Protokollführung entstandenen Überstunden vorlegte und um Freizeitausgleich bat, wurde ein größerer Teil mit Grünstift gestrichen.

Oltmann schrieb grundsätzlich mit ‘Grünstift’. Diese Farbe war ausschließlich dem obersten Chef vorbehalten. Vielleicht war er ja der erste ‘Grüne’ und keiner hat´s gemerkt? Darauf legte er ebenso viel Wert, wie auf das ‘Vfg.’ über jedem Durchschlag eines Schreibens mit dem Vermerk, was damit zu geschehen habe. Das Kürzel für ‘Verfügung’ war für den Chef einfach angebrachter, als das ‘B.’ für ‘Beschluss’, das die Mitarbeiter verwenden durften.

Was soll´s? Jedenfalls wollte ich mich nicht damit abfinden, dass meine Überstunden einfach unter den Tisch fallen sollten.

Nun musste ich eine schulmeisterliche Belehrung über mich ergehen lassen: „Wenn eine Sitzung während der Dienstzeit beginnt und erst nach Dienstschluss endet, so fällt das unter ‘verlängerte Dienstzeit’ für die es, wie auch für ‘freiwillige Mehrarbeit’ keinen Ausgleich gibt. Die Gemeinde kann schließlich nichts dafür, wenn ein Mitarbeiter seine Aufgaben nicht innerhalb der Dienstzeit schafft. Aber so viel müssen sie doch als Beamter des gehobenen Dienstes wissen! Sie werden sich doch nicht lächerlich machen wollen. So einer hat studiert und will mir, einem erfahrenen Verwaltungsfachmann erklären, was Sache ist!“

Ich dachte, äußerst bestechend diese Logik und erwiderte: „Sehe ich das richtig, wenn Gemeinderäte mit ihrer Sitzung nicht vor Dienstschluss fertig werden, dann bin ich schuld daran“?

Das wollte Oltmann so nicht stehen lassen: „Herr Stühler, sie werden doch nicht schon wieder aufmüpfig? Sie wissen doch, dass sie den Kürzeren ziehen.“

Selbstverständlich wusste ich das, und einen Streit wollte ich wirklich nicht vom Zaun brechen. Also ging ich zurück an meinen Schreibtisch, kramte die Vorschrift heraus, nach der mir Freizeitausgleich zustand und zeigte sie dem Chef. Ich bekam meinen Freizeitausgleich und die Sache war scheinbar erledigt.

Ähnlich verlief ein späteres Gespräch über die Abrechnung von Reisekosten. Zunächst musste ich sie noch einmal schreiben, weil sie zu ungenau und schlampig gewesen sei. Da es meine erste gewesen war, hatte ich mich zuvor vom Hauptamtsleiter beraten lassen, dessen letzte Abrechnung zurückgewiesen worden war, weil sie zu ausführlich gewesen war.

Für Oltmann einmal mehr ein Grund seine langjährige Erfahrung an den Mann zu bringen: „Als studierter Beamter müssen sie doch wissen, wie man eine Reisekostenabrechnung fertigt! Das lernt man im Fach Beamtenrecht (das Fach gab es fatalerweise nicht). Dazu ist doch dieses Fach da! Erzählen sie mir nicht, dass sie nicht wissen, dass man dafür ein Formular verwendet. Im Übrigen, ich will ja nichts gegen sie persönlich sagen, aber die von ihnen abgegebene Reisekostenabrechnung ist eine einzige Schlamperei.“

Und jetzt kam das Beste: „Außerdem können sie froh sein, wenn sie überhaupt Reisekosten für ihren PKW erstattet bekommen. Genau genommen müssten sie mit dem Bus fahren, denn die Busfahrkarte in den Nachbarort ist mit 2,70 Mark günstiger, als ihre abgerechneten Reisekosten in Höhe von 3,00 Mark. Die Zeit spielt dabei keine Rolle. Sie sehen also, dass ich es gut mit ihnen meine.“

Damit hatte er absolut Recht. Ich dachte mir: „Okay, da fährt morgens ein Bus hin und abends einer zurück. Aber ich will ja keinen neuen Streit heraufbeschwören, indem ich die nächste Dienstfahrt mit dem Bus mache.“

Diese immer wieder an den Tag gelegte Scharfsinnigkeit und Logik verblüffte schon ein ganz klein wenig. Wie konnte man sich überhaupt wegen solcher Nichtigkeiten aufhalten? Was musste wohl im Kopf dieses Mannes vorgehen?

Nur zwei Tage später – es war immer noch im März – zeigte er mir in der alltäglichen Dienstbesprechung Rechnungen über die betriebsärztliche Untersuchung von Gemeindearbeitern. Wie sich herausstellen sollte, waren sie ausgestellt von einem Arzt, dessen Praxis früher direkt gegenüber dem Rathaus im ehemaligen Forsthaus angesiedelt war, und mit dem er, natürlich im Namen der Gemeinde, vor Gericht stand.

Er tobte nun: „Es ist doch eine bodenlose Unverschämtheit, sich von einem Arzt untersuchen zu lassen, gegen den die Gemeinde einen Prozess führt. Das wird für die Betreffenden ernste Konsequenzen haben. Ich habe angeordnet, nicht zu diesem Arzt zu gehen. Herr Stühler, was halten Sie von so einer Frechheit?“

Ich antwortete, wie ich es für richtig hielt: „Wenn der Arzt die Zulassung für solche Untersuchungen hat, weshalb sollen die Leute dann zwanzig Kilometer in die nächste Kreisstadt fahren? Meines Erachtens kann sich jeder den Arzt selbst aussuchen.“

Damit war ich zu weit gegangen: „Wollen sie die Leute jetzt auch noch in Schutz nehmen? Es zeigt sich mal wieder ihre widerspenstige Gesinnung. Sie sollten doch am besten wissen, dass die Anordnungen eines Dienstvorgesetzten immer zu befolgen sind. Das Nichtbefolgen zieht ernste Konsequenzen nach sich. Selbst wenn ich sage, eine schwarze Wand ist weiß, dann ist für einen Bediensteten die Wand weiß.“

Nun wusste ich endlich Bescheid. Ähnliche Zurechtweisungen, Moralpredigten, Zeugnisse seiner umfassenden Verwaltungskenntnisse oder wie auch immer man das nennen mochte, gab es nun am laufenden Band. Mittlerweile dämmerte es selbst mir, dass es in diesem Rathaus nicht gerade zum Vorteil gereichte, eine eigene Meinung zu haben oder diese gar zu vertreten. Immer öfter kam auch von den Kollegen die Rückmeldung, dass das ganz normal sei und im Prinzip schon jeder über sich hatte ergehen lassen müssen.

Kennenlernen

So nach und nach lernte ich mich in der Gemeinde und vor allem in der Verwaltung zurechtzufinden, gewöhnte mich an den etwas anderen Chef. Ich bekam ein eigenes Büro. Langsam entwickelten sich Kontakte zu Mitarbeitern, die sich auch mal mit mir über Privates unterhielten. Selbst Gemeinderäte oder Ortsvorsteher wagten es ab und zu mal ein Wort mit dem Fremden zu wechseln. Es war auffallend, dass die Kommunikation geprägt war von großer Zurückhaltung, Misstrauen, ja selbst von Angst, etwas Falsches zu sagen.

Vor allem der Hauptamtsleiter fasste Vertrauen zu mir und erzählte, was er schon alles mit dem Chef erlebt hatte. Es war nichts Gutes dabei!

Ich erfuhr, dass der Bürgermeister wie ein Haudegen in die Gemeinde gekommen sei, sich gleich mal mit allem was zwei Beine hat, angelegt hätte, egal ob Gemeinderat, Landrat oder Regierungspräsident. Seine erste Amtshandlung bestand scheinbar darin, den Schlüssel des Gemeindetresors an sich zu nehmen, den er zu allem Übel wieder hatte abgeben müssen. Einen Dienstwagen sollte ihm die Gemeinde besorgen. Eine teure Tracht, die er sich auf Gemeindekosten gegönnt hatte, hatte zu einer Rüge durch die Rechtaufsicht geführt. Es war unschwer zu erkennen, der Hauptamtsleiter hätte stundenlag erzählen können, was er die letzten Jahre in diesem Rathaus hatte erleben oder besser gesagt, hatte ertragen müssen.

Das Fazit: Der Bürgermeister führte nunmehr seit über drei Jahren ein nahezu einsames Schreckensregiment. Doch für mich stand fest: „Mir gefällt meine Arbeit; mir gefällt es in dieser Gemeinde. Wenn ich mich korrekt verhalte, was sollte schon passieren.“ Ich sollte bald merken, dass dies lediglich eine Wunschvorstellung war.

~

Wie üblich, war ich in einer Gemeinderatssitzung Ende Mai 1984 zum Schriftführer bestellt worden und hatte gleich am nächsten Morgen den Protokollentwurf diktiert. Das Diktat erhielt, wie gewohnt, die Chefsekretärin zum Abtippen.

Kurz darauf war ich vom Bürgermeister zu einem mehrtägigen Lehrgang in Karlsruhe angemeldet. Zur selben Zeit hatte Oltmann vor, die Hauptsatzung zu seinen Gunsten zu ändern, womit der Gemeinderat natürlich nicht einverstanden war.

Anscheinend brauchte er mal wieder jemanden, an dem er seinen Frust auslassen konnte und ließ bereits zu Beginn des ersten Lehrgangstages ausrichten, dass ich unverzüglich die Heimreise anzutreten hätte.

Da ich mir ohnehin einen grippalen Infekt eingefangen hatte, war ich nicht gerade erpicht darauf, jetzt auch noch den Prügelknaben spielen zu müssen. Ich versuchte also den Bürgermeister telefonisch zu erreichen, um die Sache persönlich mit ihm zu besprechen.

Das scheiterte allerdings an der forschen Auskunft des Hauptamtsleiters: „Der Chef ist da, aber für dich nicht zu sprechen.“

Folglich sagte ich mir, wenn der Oltmann nichts mit mir zu besprechen hat, dann brauche ich auch nicht zurückzukommen. Damit man mir aber auf keinen Fall etwas anhängen konnte, begab ich mich zu einem Arzt, der mich für eine Woche krankschrieb und teilte es dem Hauptamt mit.

Nach der Rückkehr aus Karlsruhe, hatte ich freilich ein mulmiges Gefühl, als ich das Rathaus betrat. Es war schon bedenklich, dass ich nichts mehr aus Wildtal-Tannenberg gehört hatte. Doch was mich dort erwartete, übertraf allerdings meine schlimmsten Befürchtungen bei weitem. Kurz nachdem das bekannte „der Chef kommt“ bereits gegen 11:00 Uhr durch die Büros hallte, klingelte auch schon mein Telefon: „Sie sollen hoch zum Chef.“

Wer sich einmal eine Gerichtsverhandlung, mit dem Präsidenten Freisler am Volksgerichtshof in der NS-Zeit angehört hat, der kann sich in etwa den Ton vorstellen, in dem ich jetzt zur Rechenschaft gezogen wurde: „Herr Stühler, sie waren letzte Woche in Karlsruhe. Weshalb haben sie ihrem Dienstherrn nicht Bescheid gesagt?“

Kleinlaut erwiderte ich: „Sie haben mich doch selbst hingeschickt!“

Nun wieder seelenruhig, holte Jens-Torben Oltmann seine Schnupftabakdose aus der Hosentasche, schüttete gekonnt eine Prise Schnupftabak auf den Handrücken und sog das schwarze Pulver in sich hinein, währenddessen er den Handrücken unter der Nase hin und her rieb. Die gleiche Prozedur gönnte er nun auch noch dem anderen Nasenloch. Passend zur Situation, verfärbte wieder ein wenig Schwärze seinen blonden Schnauzer. So skurril das auch gewesen sein mag, es war einmal mehr alles andere als zum Lachen. Für einen Augenblick war es einfach nur still.

Noch ein paarmal Schniefen, und es ging in ruhigem, lässigem Ton weiter: „Herr Stühler, sie sind auf meine Anordnung hin nicht zurückgekehrt.“

In dem Irrglauben, die Zeit für eine Rechtfertigung sei gekommen, stammelte ich: „Ich war doch krank, und das ärztliche Attest habe ich im Hauptamt abgegeben.“

Jetzt wurde ich wieder laut angeschrien: „Unterbrechen sie mich gefälligst nicht, wenn ich mit ihnen rede! Sie sollten eigentlich gelernt haben, dass man seinen Vorgesetzten nicht unterbricht. Sie sind ja ein unverschämter Bengel! So etwas hat in Kehl studiert. Haben sie in der Schule geschlafen, weil sie scheinbar nicht wissen, dass sie einem Vorgesetzten immer zu gehorchen haben. Es wird höchste Zeit, dass ich ihnen Manieren beibringe.“

Ohne groß Luft geholt zu haben, fuhr er fort: „Das Maß ist jetzt endgültig voll. Sie haben sich unerlaubt vom Dienst entfernt, meine Anordnungen nicht befolgt und das mehrfach. Ich werde gegen sie ein Disziplinarverfahren einleiten. Sie sind für die Gemeinde nicht mehr tragbar.“

Nach einem weiteren Wortwechsel im gleichen Stil, stand ich auf und verließ fluchtartig das Büro des Chefs. Was sollte ich auch sonst tun? Das „Bleiben sie da, ich bin noch nicht fertig!“ ließ ich unbeachtet und schaute, dass ich so schnell wie möglich außer Reichweite kam. Es war das einzig Richtige.

~

Für Mittwoch, den 13. Juni 1984 war die nächste Gemeinderatssitzung anberaumt, sodass die Tagesordnung mit dem Chef durchgegangen werden musste. Wie inzwischen gewohnt, wurde ich wenige Minuten vor Dienstschluss – es gab immer noch nicht die versprochene gleitende Arbeitszeit – hochgerufen. Das war dann die ‘freiwillige Mehrarbeit’, für die die Gemeinde nichts konnte, weil der Mitarbeiter sein Arbeitspensum nicht schaffte. Vor allem war um diese Zeit niemand mehr im Rathaus. So konnte Oltmann seine Dienstherreneigenschaften hemmungslos ausleben, ohne gestört zu werden.

Beim Tagesordnungspunkt „Verlesen der nichtöffentlichen Protokolle“ erkundigte ich mich nach dem Entwurf vom 17. Mai, welchen ich nach vier Wochen immer noch nicht zurück erhalten hatte.

„Ach ja, den hat die Sekretärin soeben geschrieben“ antwortete er. „Schauen sie doch mal nach! Es müsste fertig sein.“

Diese neue Taktik kam mir sehr merkwürdig vor. Ein kurzer Blick auf den diktierten Entwurf reichte, um festzustellen, dass längere Passagen mit dem bekannten Grünstift abgeändert waren. Bei näherem Hinsehen stellte sich heraus, dass unter anderem ein Beschluss so abgeändert worden war, dass er nicht mehr, auch nur im Entferntesten, den Tatsachen entsprochen hatte.

Spätestens jetzt war es an der Zeit, ihm klar zu machen, dass das so nicht gehe. „So etwas kann und darf ich nicht unterschreiben.“

Diesmal blieb Oltmann jedoch ganz ruhig: „Herr Stühler, muss ich ihnen schon wieder sagen, dass ich allein bestimme, was im Protokoll steht?“

Diese ewige Bevormundung ging mir nun doch auf den Wecker. Doch weshalb sollte ich eine weitere Moralpredigt über mich ergehen lassen? Stattdessen machte ich am Abend in der nichtöffentlichen Gemeinderatssitzung den Gemeinderat auf die Änderung aufmerksam, damit der Gemeinderat selbst entscheiden konnte, was richtig war. Die erwartete Beamtenschelte blieb diesmal überraschenderweise aus. Der Gemeinderat beschloss meine richtige Protokollfassung, doch die Sache war damit längst nicht erledigt.

Innerlich kochte Oltmann.

Die Ursache war wohl auch der Eklat gewesen, den ich ungewollt, aber dummerweise bereits im öffentlichen Teil der Sitzung herbeigeführt hatte.

In der Bürgerfragestunde am Anfang der Sitzung, hatte sich ein Bürger nach dem Verbleib seines, vor einiger Zeit an die Verwaltung gerichteten Schreibens erkundigt. Der Bürgermeister kannte das Schreiben angeblich nicht und wandte sich fragend an seinen Gemeinde-inspektor. Ich erinnerte mich aber, es ihm schon vor Tagen zur Bearbeitung vorgelegt zu haben. Offen, ehrlich und spontan, ohne lang zu überlegen antwortete ich: „Herr Oltmann, ich habe es ihnen doch hochgebracht.“

Nun saß ‘das übergelaufene Fass’ neben mir. Wie konnte ich es wagen, ihn vor der versammelten Öffentlichkeit so bloßzustellen? Er tobte: „Das ist doch eine bösartige Unterstellung. Ich habe das Schreiben noch nie gesehen. Womöglich haben sie es mir untergejubelt. Wir sprechen uns morgen. Sie werden mich kennenlernen!“

Wie erwartet, musste ich tags darauf bei ihm antreten und ein gewaltiges Donnerwetter über mich ergehen lassen. Ich dachte nur: „Ein Glück, dass ich nur vor einem Bürgermeister und nicht vor dem Scharfrichter stehe.“

Es wurden mir etwa acht bis zehn Dienstvergehen vorgehalten, die sich der Vorgesetzte auf einem Stapel von kleinen Zetteln notiert hatte. Er hatte alles wieder aus seiner Schreibtischschublade hervorgeholt, was angeblich bis dato erledigt gewesen sein sollte.

Alle Rechtfertigungsversuche wurden konsequent mit den üblichen Beschimpfungen unterbrochen. Ungehobelter Klotz, schäbiger Kerl, einfach zu dumm, waren ein paar Begriffe, die ich mir aufgeschrieben hatte, nachdem ich die Höhle des Löwen fluchtartig verlassen hatte.

Konsequenzen

Ich saß an meinem Schreibtisch und fragte mich: „Was ist bloß in diesen Psychopathen gefahren? War er ein Relikt aus der Nazizeit? Vielleicht war es der Erziehung in seinem Elternhaus geschuldet? Sein Vater war – so der Lebenslauf Oltmanns – in der Zeit des Nationalsozialismus Polizist, in einer Zeit, in der bedingungsloser, blinder Gehorsam der Beamten den Holocaust erst möglich gemacht hatte.

So konnte es jedenfalls nicht weiter gehen. Wie sollte ich vernünftig arbeiten können, wenn ich mich tagtäglich mit Rechtfertigungsversuchen für angebliche Dienstvergehen befassen musste? Deshalb reichte ich beim Landratsamt eine Beschwerde über das, meines Erachtens grob pflichtwidrige Verhalten des Dienstvorgesetzten ein.

Mein Fazit: „Gehorsam ja, aber bitte nicht unter allen Umständen. Ich lasse mich nicht zur Marionette eines Despoten machen!“

Prompt bekam ich einen Anruf des Kommunalamtsleiters Bienzle, der mich darauf hinwies, dass die Rechtsaufsichtsbehörde kaum Möglichkeiten habe, den Bürgermeister zur Raison zu bringen. Allerdings würde er empfehlen, die Einleitung disziplinarrechtlicher Vorermittlung zu beantragen, um mich vom Verdacht disziplinarrechtlicher Vorwürfe zu befreien. Dann müsse der Dienstherr die Fakten auf den Tisch legen.

Also folgte ich blauäugig dem Rat des erfahrenen Verwaltungsfachmanns und stellte noch am gleichen Tag den entsprechenden Antrag.

Doch solche Unverschämtheiten ließ sich ein Oltmann nicht gefallen: „Herr Stühler, sie haben jetzt einen großen Fehler begangen. Sie werden unter meiner Amtsführung als Bürgermeister hier in Wildtal-Tannenberg keine ruhige Minute mehr haben. Ich werde auch dafür sorgen, dass sie keinerlei berufliche Zukunft mehr haben werden.“

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Zufällig erschien am folgenden Tag Frau Hinz bei mir im Büro, die ich bereits aus den Sitzungen als Gemeinderätin kannte. Sie erkundigte sich als betroffene Anliegerin nach dem Stand der Abrechnung der Erschließungsbeiträge und natürlich auch nach meinem Befinden aufgrund des Eklats in der Gemeinderatssitzung vor zwei Tagen. Wir führten ein längeres Gespräch.

Da der Bürgermeister während seiner nicht allzu üppigen Anwesenheit offensichtlich nichts Besseres zu tun hatte, als die Tätigkeit seiner Mitarbeiter zu überwachen und zu reglementieren, hatte er den Besuch der Gemeinderätin natürlich mitbekommen.

Acht Wochen später vermerkte er in einem dreiseitigen Brief an das Gemeinderatsgremium unter „Betreff: Gemeindeinspektor z. A. Andreas Stühler“, als wäre es ein Vergehen gewesen: „An dieser Stelle soll nicht unerwähnt bleiben, dass am Vormittag des 15. Juni Gemeinderätin Hinz ca. zwei Stunden bei Herrn Stühler weilte.“

Ich konnte mir gut vorstellen, unter welch enormer psychischer Belastung Oltmann in diesen zwei Stunden hatte leiden müssen. Wahrscheinlich hatte er zur Problembewältigung die Zeit genutzt, um die Anordnung zu diktieren, mit der er der Gemeinderätin ein Rathausverbot erteilt hatte.

Hätte er mich um Rat gefragt, ich hätte ihm sicher nicht den Hinweis gegeben, dass er damit das Eigentor des Jahres schießen würde.

Wie fast nicht anders zu erwarten, erhielt ich noch am gleichen Tag die schriftliche Anordnung, mit der mir jegliches Unterzeichnungsrecht entzogen und jegliche Kontaktaufnahme mit Gemeinderäten und insbesondere mit Behörden untersagt wurde. Jede Dienstreise musste ausdrücklich vom Chef persönlich genehmigt werden. Ich sollte keine Möglichkeit mehr haben, mich – bei wem auch immer – über ihn zu beschweren.