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Eines Tages findet der weltberühmte Geiger David ein seltsames Mädchen auf seinem Fensterbrett – wundersam vor allem, weil sich sein Appartement im 20. Stock eines Hochhauses in New York befindet. Dass dieses Mädchen nicht aus seiner Welt stammt, findet er schnell heraus. Das Mädchen zeigt dem Geiger, auf ihre Art die Schönheiten des Lebens und sie erleben fantastische Abenteuer. Bald wird aus der gegenseitigen Bewunderung eine ungewöhnliche Freundschaft, die beide fast mit ihrem Leben bezahlen müssen.
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Seitenzahl: 401
Veröffentlichungsjahr: 2014
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Elke Kulot wurde 1962 in München geboren, lebt aber seit fast 40 Jahren in Waldkraiburg, einer Kleinstadt ca. 70 km westlich der bayerischen Landeshauptstadt. Sie erlernte den Beruf der Damenschneiderin und legte 1983 ihre Meisterprüfung ab.
Aufgrund einer schweren Erkrankung ihrer Tochter fand Elke eine Möglichkeit, sie von den Schmerzen abzulenken. Sie erdachte sich immer wieder neue Geschichten, die sie ihr erst am Krankenbett erzählte, dann aber schließlich zu einem fantastischen Roman zusammenfasste. „Ein Regenbogen für David“ ist Elkes Erstlingswerk.
Sie hat Spaß am Schreiben gefunden und darum ist, unabhängig vom Erfolg, bereits ein weiterer Roman, „Der Feuerdrache“ in Entstehung.
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Es regte sich kein Windhauch, als sie durch den leicht bewölkten Himmel flog. Sie liebte es, wenn die Sonne ihren Körper wärmte und ihren Flügeln einen silbrigen Glanz verlieh. Genussvoll schloss sie die Augen, während sie ihre Flügel nach oben bewegte, so dass sie sich fast berührten, um sie dann kraftvoll wieder nach unten zu schlagen.
Mit jedem Flügelschlag kam sie der City näher.
Eigentlich mied sie die Stadt, den Verkehr, denn überall lauerten Gefahren. Aber es gab da einen Ort, der eine magische Anziehungskraft auf sie ausübte. Durch Zufall hatte sie ihn entdeckt, als sie von einem Regenschauer überrascht wurde und dringend ein geschütztes Plätzchen, möglichst weit oben und weg vom lauten Straßenverkehr, gesucht hatte. Es war eine Fensternische mit einem breiten Fenstersims. Als sie sich dorthin hatte flüchten können, hörte sie zum ersten Mal mit ihren feinen Ohren diese Musik. Woher die Musik kam und was es hervor brachte, wusste sie nicht. Nur dass diese Klänge, diese gefühlvollen und doch kraftvollen Klänge sogar ihren Zauber aufheben konnten! Als ein zarter Wind aufkam, um ihrem Körper eine kleine Erfrischung zukommen zulassen, stöhnte sie wohlig auf. Weit breitete sie ihre Flügel aus, um sich von der aufkommenden Thermik empor tragen zulassen.
Je näher sie den Häusern der Stadt kam, desto unwohler fühlte sie sich. Sie hatte keine Angst, dass man sie entdecken würde, denn durch die unzähligen Fenster, die verglasten und verspiegelten Hausfronten, wurde das Sonnenlicht immer und immer wieder reflektiert, so das ihr Körper dabei einfach durchsichtig wurde. Nein, die Unbehaglichkeit, die sie in sich spürte, ließen der Straßenlärm, der Gestank nach Benzin, Abgasen und nach heißem Asphalt in ihr aufkommen.
Durch das Labyrinth der vielen Hochhäuser konnte sie die drohende Wolkenfront, die auf sie zukam, nicht erkennen. Wurde etwa der Wind stärker oder zehrte bereits die Übermüdung des langen Flugs an ihren Kräften? Sie wusste es nicht!
Während ihre Sinne mit Ungeduld auf das bevorstehende musikalische Ereignis warteten, merkte sie zu spät, dass der Himmel sich in ein tiefes Schwarz verfärbt hatte. Immer heftigere Windböen kamen auf. Sie musste sich sehr anstrengen, um ihre Flugrichtung bei zu behalten.
„Verdammt, wie konnte ich mich nur von meinen Gedanken so sehr ablenken lassen“, stieß sie wütend hervor, während der Sturm um sie herum immer heftiger wurde. Mit größter Anstrengung flatterte sie auf ihr Ziel zu. Der Sturm spielte jedoch mit ihr als wäre sie eine Feder im Wind. Immer wieder blies er sie nach oben, um sie dann noch tiefer fallen zu lassen. Es machte ihm Spaß, so schien es, ihre Flugrichtung zu bestimmen und seine Kraft mit ihrer zu messen.
Verzweifelt und mit aller Macht kämpfte sie gegen die ständigen Windböen an. Jetzt fing es auch noch an zu regen. Erst sanft, aber nach einigen Minuten prasselte es immer stärker auf sie herab. Der Regen war so stark, dass sie glaubte, er könne ihre Haut oder die zarten Flügel sofort durchbohren. Wie lang sie noch durchhalten konnte, um ihre sichere Zuflucht zu erreichen, auch das wusste sie nicht.
Immer wieder versuchte sie durch den dichten Vorhang des Regens, den der Wind vor sich her peitschte, hindurchzusehen. An sich hatte sie sehr gute Augen, doch gegen das eisig kalte Wasser musste sie ihre Lieder zusammenkneifen. Wenn nicht bald ein kleiner Dachvorsprung oder eine Dachnische zu sehen wäre, würde das Unwetter sie besiegen.
Aber die Wolkenkratzer um sie herum waren aalglatt gebaut. Ganze Fronten aus Glas, perfekte architektonische Baukunst, ermöglichten nicht einmal einer Taube sich irgendwo festzuhalten, geschweige denn ein Nest zu bauen. Wie sollte dann sie irgendwo einen Halt oder Unterschlupf finden, der die Größe eines Menschen hatte.
Mit ihren ganzen Sinnen konnte sie nichts weiter als hoffen. Der Elfenzauber würde ihr hier nicht weiter helfen. Nur die Hoffnung, dass das Unwetter bald aufhören würde und der Wunsch, dass sie es schaffen könnte und dabei nicht sterben würde, blieben ihr. Doch die Musik, die sie in sich spürte, verlieh ihr neue Kraft. Sie konnte einfach nicht aufgeben, sie musste die Melodien mit ihren eigenen Ohren hören, mit ihrem ganzen Körper spüren.
Da, endlich konnte sie durch den schwallartigen Regen das gesuchte Gebäude ausmachen. Durch eine Sekunde Unachtsamkeit bezahlte sie es fast mit ihrem Leben. Der Wind packte sie erneut und wirbelte sie durch die Luft. Er spielte mit ihr wie ein Kind mit einem Luftballon, den es mit den Händen in die Luft kickte.
Um den Flügelschlag zu unterstützen, strampelte sie jetzt auch noch mit den Beinen, obwohl sie aus Erfahrung wusste, dass es sie auch nicht schneller machen würde. Mit den Armen versuchte sie das Gleichgewicht zu halten, obwohl sie schon schmerzten und von der Kälte fast taub waren.
Nun hatte eine kräftige Böe sie von unten erfasst und warf sie ein großes Stück nach vorne.
„Nicht mehr weit, dann hast du es geschafft“, sagte sie zu sich selbst, „gib nicht auf!“
Durch den feinen Wasserschleier, den ihre eigenen Flügel verursachten, sah sie verschwommen das Ziel näher kommen. So gut sie konnte riss sie ihre Augen auf und fixierte den Fenstervorsprung, der reich mit Stuck verziert war. Der eisige Regen brachte ihre Augen zum Tränen. Dennoch hielt sie sie weit geöffnet.
„Nicht mehr weit“, dachte sie abermals.
Mit äußerster Kraftanstrengung führte sie ihre, vom Regen ausgefransten Flügel, nach oben, um sie gleich darauf dynamisch wieder nach unten zu drücken. Durch diesen Schub nach vorne, konnte sie mit den Fingerspitzen das Fenstersims erreichen. Licht strahlte durch das geschlossene Fenster. Zarte Musik ließ sie ihre Ohren spitzen.
„Ja, da war er wieder, der gefühlvollste Klang, den sie je auf Erden gehört hatte“, dachte sie lächelnd. Diese Musik, die sie so viele Tage schon vermisst hatte.
Als sie nochmals mit den Flügeln ausholte, um sie darauf gleich für eine Landung auf solch kleiner Fläche zusammen zu falten, passierte es!
Abermals erfasste sie eine Böe, zog an ihr und wirbelte sie herum. Bevor sie nur einen Gedanken an ihre Rettung machen konnte, wurde sie mit solch einer Wucht gegen das Fernster geworfen, dass es ihr sämtliche Luft aus der Lunge presste. Ihr schlaffer Körper blieb reglos liegen.
Als er spät am Abend von einer anstrengenden Tournee nach Hause kam, ahnte er noch nicht was ihn erwartete.
Er betrat sein Apartment, das weit oben, über der Stadt lag. Er wusste nicht, ob er sich erleichtert fühlen würde oder nicht. Hier war er zwar privat, keine Kameras und keine Reporter, aber er war auch allein. Manchmal war er gerne allein, er genoss die Stille. In ihr konnte er neue Melodien für bekannte Lieder im Geiste ausprobieren und versuchen, sie für sich umzusetzen. Bevor die Stille zu drückend wurde, hatte er ja seine beste Freundin dabei, seine Geige. Auch wenn sie seine Stimmungen mit ihm teilte, und mit ihm fühlte, vertrieb sie doch seine Einsamkeit nicht ganz aus seinem Leben.
Wie immer hatte er zuerst die Post durchgesehen, dann den Anrufbeantworter abgehört und schließlich den Kühlschrank begutachtet. Seine Haushälterin, Frau Sue, hatte es gut mit ihm gemeint und ihn reich bestückt. Sie wusste um seine Vorlieben: reichlich Schokolade und einen Mitternachts-Snack, den sie eigenhändig für ihn zubereitet hatte. Alles war attraktiv in Klarsichtfolie verpackt.
Damit der Vitaminhaushalt auch nicht zu kurz kam, stellte Frau Sue immer eine Schale mit frischem Obst auf den Wohnzimmertisch.
Die kleine, alte Chinesin war mehr und mehr zu einem Mutterersatz für ihn geworden. Sie kam drei Mal pro Woche und erledigte nicht nur den Haushalt, sondern erfüllte stets auch all seine kleinen Wünsche, ob er sie aussprach oder nicht. Sie hörte gern zu, wenn er spielte und nicht selten bereicherte sie mit kurzen Kommentaren die neuen Kompositionen.
Auch eine Flasche Weißwein hatte sie für ihn kalt gestellt. Er betrachtete sie eine Weile unschlüssig. Dann nahm er sie aus der Kühlung und goss sich ein Glas ein. Gedankenverloren nippte er daran. Es war der erste Schluck Wein, den er sich seit vier Monaten gönnte. Auf seiner Tournee achtet er immer sehr auf seinen Körper und lebte eher spartanisch. Es war noch nicht spät am Abend, doch der Sturm der draußen aufgekommen war, ließ das Zimmer dunkel und trostlos erscheinen. Müde war er eigentlich nicht, nur irgendwie ausgelaugt. Vielleicht würde ein heißes Bad ihm die innere Ruhe bringen? Als er seine Augen auf die Badezimmertür richtete, fiel sein Blick auf das Gepäck und den Geigenkoffer, der daran lehnte. Mit schnellen Schritten ging er darauf zu, öffnete den Geigenkoffer und holte das wertvolle Instrument heraus. Bevor er die Geige zum Spielen an den Hals setzte, strich er liebevoll mit seinen Fingerspitzen über das glatte, kühle Holz. Dann machte er sich gedämpftes Licht an und begann auf ihr zu spielen.
Ohne nachzudenken ließ er seine Finger die Saiten drücken, während seine andere Hand sachte den Bogen darüber führte. Ungewollt ging sein planloses Spielen in die Melodie eines Liebesliedes über, das ihm im Kopf herum spukte. Über die leisen, gefühlvollen Klänge vernahm er, nur im Unterbewusstsein, das unregelmäßige Klopfen des Regens auf die Fensterscheibe. Er schloss die Augen und genoss die süßen Klänge, die ihm seine Geige ins Ohr flüsterte, als plötzlich ein großer Gegenstand mit dumpfem Schlag gegen sein Fenster flog und die Scheibe vibrieren ließ. Starr vor Schreck, blickte er auf das Fenster. Hatte er eben einen erstickten Schrei gehört? Da war doch etwas! Schnell legte er sein Instrument in den Kasten zurück und ging zum Fenster. Etwas Großes lag da auf seinem Fenstersims.
Als er das Fenster vorsichtig öffnen wollte, drückte der Wind mit einem Mal so gewaltig dagegen, dass es ihn heftig in die Schulter stieß.
„Au, verdammt“, fluchte er.
Der Regen, der vorher nur gegen das Fenster getrommelt hatte, ließ ihn binnen Sekunden klatschnass werden. Er hatte kaum Gelegenheit das „Etwas“ auf seinem Fenstervorsprung zu begutachten, da holte schon die nächste Windböe zur Attacke aus, um ihm abermals einen kräftigen Schwall Wasser entgegen zu schleudern.
Mit der linken Hand wischte er sich über das Gesicht, während die Rechte nach dem Fensterrahmen tastete, um sich daran festzuhalten. Blinzelnd versuchten seine Augen durch den stetigen Regen etwas zu erkennen. Was lag da nur? Es sah aus wie ein großes Stoffbündel. Als er mit den Fingern danach tastete, erschrak er heftig.
Ein menschlicher Körper lag in Mitten des Stoffbündels.
„Oh mein Gott“, flüsterte er. Mehr konnte er nicht hervor bringen. Fieberhaft suchte er nach einer plausiblen Erklärung. „Wie zum Teufel noch Mal, kommt ein menschlicher Körper auf einen Fenstersims im 20. Stock?“, überlegte er still in Gedanken. Die einzige Antwort die ihm darauf einfiel war: „ Ein Selbstmörder!“
Erschrocken hörte er sich die Worte flüstern.
„Er muss aufs Dach gestiegen sein, um zu springen. Dann hat ihm der Sturm einen Strich durch die Rechnung gemacht und ihn auf meinen Fenstervorsprung geweht“, mutmaßte er.
Der nächste Regenschwall traf ihn so hart ins Gesicht, so dass er aus dem Schockzustand, der ihn für Minuten erstarren ließ, erwachte. Er streckte beide Hände aus und versuchte das „was auch immer“ zu fassen. Mittlerweile hatte sich so viel Wasser auf dem Fensterbrett angesammelt, dass er Angst bekam, das „Päckchen“ würde, bei der geringsten Bewegung in die Tiefe stürzen.
Er sah schon die Schlagzeilen vor sich: „Berühmter Musiker stürzt Unbekannten in den Tod!“
„Das hat mir gerade noch gefehlt“, murmelte er vor sich hin.
Abermals wischte er sich mit der Hand über das tropfende Gesicht. Es war sinnlos die Hände danach an der triefnassen Hose trocken zu reiben, er tat es trotzdem.
„Wie blöd von mir, ist ja alles nass“, stellte er ärgerlich fest.
Er beugte sich aus dem Fenster, um über den reglosen Körper zu fassen. Wie ein Bagger zog er ihn an sich und schließlich ins Zimmer hinein. Jetzt erst konnte er den Kopf ausmachen. Er drehte den Körper so, dass er den Kopf in seine Armbeuge betten konnte. Als er den nassen, kalten Körper, vorsichtig anhob, war er über das leichte Gewicht sehr erstaunt. Beim Versuch, sich mit samt seiner Last umzudrehen und sich vom Fenster zu entfernen, rutschte er aus und wäre beinahe gestürzt.
„Verdammt noch Mal!“, stieß er wütend hervor.
Schließlich gelang es ihn doch, den schlaffen Körper auf sein Sofa zu legen. Schnell ging er zum Fenster zurück, um es zu schließen. Beim Anblick der Wassermengen am Boden, fluchte er erneut vor sich hin. Sein Blick wanderte zurück zum Sofa. Mit einem Kloß im Hals näherte er sich dem leblosen Bündel.
„Ob es noch lebt? Und wenn nicht, was mach ich dann?“, fragte er sich insgeheim.
Es war bestimmt nicht gut der Polizei zu erzählen, er habe einen Toten auf dem Sofa, von dem er nicht Mal wusste, ob er männlich oder weiblich war. Vor dem Sofa blieb er stehen. Mit zittrigen Händen und vor Kälte bibbernd, machte er sich daran, das menschliche Knäuel zu entwirren.
Da waren Unmengen von feuchten Haaren, die er versuchte bei Seite zu schieben, um ein Gesicht auszumachen. Vergeblich! Also hob er mit einer Hand vorsichtig den Kopf an. Sofort fielen die Haare wie von selbst auseinander und umrahmten das oval geformte Gesicht eines Mädchens.
Beim Anblick des Mädchens musste er tief Luft holen. Noch nie in seinem Leben hatte er so eine Schönheit gesehen. Das junge Mädchen hatte die Augen geschlossen. Das regenfeuchte Gesicht war blass und glänzte leicht im Licht. Die nassen, blonden Haare umrahmten jetzt in sanften Wellen, ihr Gesicht. Ihre mandelförmigen Augen verliehen ihr ein exotisches Aussehen. Die langen schwarzen Wimpern ruhten leicht, wie Federn, auf ihren Wangenknochen.
Das Mädchen war das, was man im Allgemeinen als eine natürliche Schönheit bezeichnete. Für einen Moment vergaß er alles um sich herum; das er pitschnass bis auf die Knochen war, dass sich da, wo er stand, bereits eine Lache unter seinen Füßen bildete, und auch, dass er vor Kälte bereits zu zittern begann, spürte er nicht.
Erst als seine Zähne so heftig aufeinander schlugen, dass es zu schmerzen begann, ließ er von der stillen Bewunderung ab. Schnell überlegte er, was zu tun war.
Zuerst rannte er ins Bad und entledigte sich umständlich seiner nassen Kleidung. Nackt lief er ins Schlafzimmer, krallte sich eine Jogginghose und das nächstbeste T-Shirt aus dem Schrank und zog es sich hastig über. Auf der Schwelle ins Wohnzimmer machte er noch einmal kehrt, um eine zweite Garnitur Shirt und Hose für das Mädchen aus dem Schrank zu fischen.
Er warf die Sachen auf den Stuhl daneben. Da fiel ihn ein, dass ein Handtuch auch ganz brauchbar wäre. Also eilte er nochmals ins Badezimmer, holte einen frischen Stapel Badetücher und wandte sich damit dem Mädchen zu.
„Ich sollte vielleicht erst einmal feststellen, ob sie überhaupt noch lebt!“, sagte er fast belehrend zu sich selbst. „Aber was wenn sie schon tot ist?“, überlegte er weiter.
Vorsichtig beugte er sich über ihren Körper und legte eine Hand an ihren Hals.
„Da müsste ja dann der Puls zu fühlen sein“, sagte er sich bestimmt. Aber nach ein paar Minuten der vergeblichen Suche nach ihrem Herzschlag, war er sich sicher, dass er sich keineswegs sicher war.
„Mal überlegen, … man könnte am Brustkorb horchen, ob da das Herz schlägt“, schlug er sich selber vor.
Aber konnte er einfach sein Ohr auf ihre Brust legen, auf ein fremdes, vielleicht totes Mädchen? Keine so gute Idee! Nachdenklich betrachtete er das Geschöpf, bis ihm auffiel, dass es am ganzen Leib vor Kälte zitterte.
Das war eindeutig der Beweis! Das Mädchen war nicht tot, es lebte. „Den Tote zittern nicht!“, sagte er laut vor sich hin.
Die neu errungene Erkenntnis ließ ihn lächeln. „Ach ja, kalt. Ich sollte sie wohl abtrocknen und warm anziehen“, murmelte er in den Raum.
Mit einem der Badetücher tupfte er ungeschickt das Gesicht der Fremden ab. Vorsichtig nahm er einen Arm und wischte zaghaft mit dem weichen Tuch darüber.
„So wird das nichts“, ärgerte er sich.
Behutsam schob er seinen Arm unter die Schulter des zitternden Körpers, hob ihn leicht an und schob dann mit der anderen Hand das Badetuch darunter. Sachte wickelte er ihren Oberkörper ein. Ein zweites Tuch schob er ihr unter ihre Hüfte und faltete auch dieses über ihrem Körper zusammen.
„Was waren das bloß für seltsame Stofffetzen, die da an ihren Rücken klebten?“, wunderte sich der Musiker.
Mit einem dritten Badetuch umschlang er ihre Beine. Als das Mädchen immer noch zitterte, holte er schnell noch eine kuschlige Decke von seinem Bett und breitete sie über ihren Körper aus. Mit unsicherer Miene betrachtete er sein Werk. Seine Augen schweiften suchend durchs Zimmer. Sie blieben am Weinglas hängen. Nervös griff er danach, tat einen tiefen Zug. Dann fuhr er sich mit beiden Händen durch seine langen, blonden Haare, nahm diese im Nacken zu einem Zopf zusammen, während er das Mädchen auf seiner Couch nachdenklich betrachtete. Dabei zog er sich einen Stuhl heran und setzte sich ihr gegenüber.
„Warum in aller Welt, will sich ein so junger, attraktiver Mensch nur das Leben nehmen?“, fragte er sich verwundert.
Ohne dass er es vorhatte, hob er seine Hand und strich ihr sanft eine Haarsträhne von der Wange.
„Was für zarte Haut sie hat“, fiel ihm dabei auf. Die Versuchung war zu groß, er musste sie einfach nochmals berühren. Dabei bemerkte er, dass sie nicht mehr zitterte.
„Vielleicht ist sie ja verletzt?“, schoss es ihm durch den Kopf. „Bestimmt sogar, nach solch einem Sturz. Vielleicht sollte ich den Notarzt anrufen?“, dachte er weiter.
„Nein, bitte keinen Arzt“, flüsterte das Mädchen mit geschlossenen Augen.
Erschrocken fuhr er zusammen. Hatte er den Satz etwa laut gesagt? „Ich dachte nur, vielleicht bist du ja verletzt“, fragte er vorsichtig nach.
Nachdem er lang Zeit keine Antwort bekam, meinte er schon, sie hätte ihn nicht gehört. Aber dann schlug sie ihre Augen auf und blinzelte.
„Nein, ich bin nicht verletzt, denke ich“, brachte sie mühsam hervor. Ihre Augen suchten nach ihm. Als sich ihre Blicke trafen, konnte er nicht anders - er musste sie einfach anstarren. Noch nie hatte er so blaue Augen gesehen. Je intensiver er ihren Blick suchte, umso blauer erschienen sie ihm. Fast meinte er, darin ertrinken zu müssen.
Das Mädchen lächelte und sah verlegen weg, als ob es seine Gedanken lesen konnte!
„Äh, ich heiße übrigens David und … äh, ich habe dich auf meinem Fenstersims gefunden“, sagte er etwas verlegen zu ihr.
„Kannst du mir erklären, wie du dort hingekommen bist?“, fragte er und hatte dabei das Bild eines Mädchens im Kopf, das mit Angst geweiteten Augen, in einen tiefen Abgrund springt.
„Ich bin nicht vom Dach gesprungen!“, rief sie empört und stützte sich dabei auf ihre Ellenbogen. „Ich bin bestimmt keine Selbstmörderin“, fügte sie trotzig hinzu.
Komisch, das hatte er doch wirklich nicht laut gesagt, dessen war sich David sicher.
Das Mädchen lächelte wieder. „Ich glaube ich muss dir ein paar Sachen erklären, auch wenn du mich danach wahrscheinlich für verrückt hältst. Du hast das vorhin nicht laut gesagt. Es ist nur so, dass ich deine Gedanken hören kann.“
„ Alles klar“, dachte er, „verarschen kann ich mich selber.“
Kaum ging ihm das durch den Kopf, als sie ihm auch schon antwortete: „Ich will dich nicht …verarschen, es ist die Wahrheit. Und wenn ich es möchte, kannst du meine Gedanken auch hören“, ergänzte sie etwas leiser.
Er hob die Augenbrauen und sah sie skeptisch an. „Vielleicht hat ihr Kopf bei dem Sturz ja doch etwas abbekommen?“, überlegte er. „Gedanken lesen“, wiederholte er zerstreut. „Äh, … das ist jetzt völlig egal“, fügte er, härter als beabsichtigt, hinzu. „Ich möchte einfach nur wissen, wie du vor mein Fenster gekommen bist? Wir reden hier immerhin von 20 Stockwerken! Und … soweit ich weiß, haben sie hier auch noch keinen Außenaufzug installiert!“
Ohne es zu wollen, war seine Stimme mit jedem Wort lauter geworden, aber das, was das junge Mädchen ihm weiszumachen versuchte, war einfach ein Ding der Unmöglichkeit. Da wollte er sich nicht von ihrer Schönheit, oder ihrer wohlklingenden, sanften Stimme einlullen lassen ... Punkt!
„Ich werde es dir sagen, wenn du schwörst es niemandem, und damit meine ich wirklich niemandem, zu verraten“, sagte sie eindringlich. „Es ist mir sehr wichtig. Mein Leben hängt davon ab!“, fügte sie mit ernster Miene hinzu.
Er sah sie prüfend an und überlegte kurz: „Hoffentlich hat das nichts mit so einem Junkie-Kram oder irgendwelchen Drogen zu tun.“
Bevor er seine Gedanken in Worte fassen konnte, sagte sie schon: „Ich gebe dir mein Wort, dass es nichts Kriminelles oder Verbotenes ist.“
„Na gut, dann hast du mein Wort. Ich verspreche dir, dein Geheimnis für mich zu behalten“, erklärte er feierlich. „Hoffentlich bereue ich es danach nicht!“, fügte er in Gedanken noch hinzu. „Also, ich warte…!“, meinte er und trommelte dabei ungeduldig mit den Fingern auf seine Knie.
Sie sah zum Fenster hinaus. Der Sturm hatte nachgelassen und war einem beständigen Regen gewichen. Langsam richtete sie ihren Blick wieder auf David und sagte dann, als wäre es das Natürlichste der Welt: „Ich bin geflogen.“
O.k., das reichte jetzt! Was glaubte die eigentlich, was für einen „Deppen“ sie vor sich hatte? Na gut, er war Künstler, aber das hieß doch nicht automatisch, dass er bekloppt war wie einige seiner Kollegen.
„So, ich würde sagen, das reicht jetzt!“, raunzte er sie in schroffem Ton an. „Wenn es dir gut geht, würde ich dich bitten, jetzt zu gehen“, fügte er hinzu. Um nicht weich zu werden, vermied er es, sie anzusehen.
Mit gesenktem Blick schälte sie sich aus den Unmengen von Badetüchern. Vorsichtig stellte sie ihre nackten Füße auf den Boden und erhob sich. Als sie nun so leicht taumelnd vor ihm stand, nahm er sie zum ersten Mal richtig wahr.
David blickte auf ein zierliches, junges Mädchen. Das Alter war schwer zu schätzen, vielleicht 20 Jahre. Ihre langen, blonden Haare fielen in sanften Wellen bis zur Taille herab. Sie hatte die schmalste Taille, die er je gesehen hatte. Er war sich sicher, dass er sie mit beiden Händen umfassen konnte. Am Körper trug sie nur ein dünnes, enganliegendes Top, das die Rundung ihrer Brüste zur Geltung brachte. Dazu hatte sie eine kurze Hose an, die ihre Beine geradezu endlos lang erscheinen ließen. Am Rücken hing eine Art grau glitzernder Schal nass und schlaff bis zu den Knien herab. In dem Moment, als sie einen Schritt auf ihn zu machen wollte, taumelte sie und wäre beinahe gefallen. Mit schlechtem Gewissen fing er sie gerade noch rechtzeitig, auf.
„Entschuldige“, sagte sie schüchtern, „ich bin gleich weg. Aber … könnte ich vorher bitte etwas Obst haben? Ich … ich habe heute noch nichts gegessen. Der Flug …“, sie verstummte.
Ihre Augen waren an den Früchten hängen geblieben, die Frau Sue in einer Schale bereitgestellt hatte. Weil sie ihm Leid tat, führte er sie zum Sofa zurück. Wortlos reichte er ihr mit beiden Händen die Obstschale.
„Vielleicht hat sie ja wirklich einen „Dachschaden“ abbekommen und sie kann nichts für den Blödsinn, den sie sagt?“, überlegte David.
Sie nahm sich einen Pfirsich und biss zaghaft hinein. Dabei sah sie ihn immer wieder flüchtig an. Währenddessen beobachtete David sie genau. Noch nie hatte er erlebt, dass jemand eine Frucht mit solcher Anmut essen konnte. Es war irgendwie appetitlich anzusehen, wie sich ihre vollen, zartrosa Lippen an den Pfirsich schmiegten. Als sie fertig war, hielt sie den Kern unsicher in der Hand.
„Kann ich noch was haben?“, fragte sie flüsternd.
„Ja, klar! Ist ja genug da“, antwortete der Geiger nickend.
Während sie nach einer Aprikose griff, stand David auf, um aus der Küche einen Teller und eine Serviette zu holen.
„Hier für die Kerne“, sagte er, ohne sie dabei anzusehen.
„Tja, dann gehe ich mal,… es ist schon spät und… ich wollte dich nicht aufhalten. Naja … ähm“, ihr Blick fiel auf die Koffer an der Eingangstür. „Vom Verreisen? Danke für alles.“
Langsam stand sie auf und ging in Richtung Tür. „Danke nochmals“, wiederholte sie leise. Dabei drehte sie sich kurz zu ihm um.
„Halte sie auf!“, schrie eine innere Stimme David an, „sonst bist du wirklich ein ziemlicher Depp!“
„Äh, … warte“, sagte er schnell und war mit ein paar langen Schritten bei ihr. „Es ist ja echt schon sehr spät. Wenn du nicht weißt, wo du heute Nacht bleiben kannst, … die Couch ist heute noch nicht ausgebucht“, bot er ihr unsicher lächelnd an.
Sie legte den Kopf auf ihre Schulter und sah ihn neugierig an. „Ich“, sagte sie und betonnte dieses Wort genüsslich, „brauche keine Hilfe. Ich komme wunderbar allein zurecht! Aber du, glaube ich, könntest eine Menge Hilfe vertragen!“
„Ich? Was meinte sie damit? Ich habe schließlich nicht behauptet auf ein Fenstersims „geflogen“ zu sein“, dachte er entrüstet. „Wenn sie nicht von so einer Aura umgeben wäre, hätte ich sie wahrscheinlich schon längst der Polizei übergeben.“
„Also gut!“, er atmete sehr tief ein und noch fester wieder aus. „Erzähl mir dein Geheimnis. Ich verspreche dir, es für mich zu behalten und es niemandem zu verraten und ….“, er machte eine kurze Pause, „egal wie verrückt es ist.“
Lange sah sie ihn prüfend an, dann nickte sie. „Es ist wirklich wie ich es gesagt habe. Ich lüge nicht und ich nehme auch keine Drogen!“
„Wer hat denn was von Drogen erwähnt“, fragte er aufgebracht.
„Du hast über meinen Drogenkonsum nachgedacht, gieb’s zu. Ich hab es gehört“, beharrte sie.
„Gut, dann eben dabei ertappt“, gab er kleinlaut zu.
„Also, ich musste auf deinen Fenstervorsprung notlanden, weil mich das Unwetter überrascht hatte“, sprudelte es an Erklärungen geradezu aus ihr heraus. „Normalerweise kann ich so etwas ganz gut einschätzen. Aber heute, naja, sagen wir mal, ich habe geträumt“, versuchte sie ihren Fehler zu beschönigen.
Während sie sprach, setzte sie sich wieder auf die Couch. „In so einer Lage, kann ein Tagtraum geradezu tödlich enden“, gestand sie und nickte dabei bedeutungsschwer mit dem Kopf.
„Ich, äh bin normalerweise nicht begriffsstutzig“, antwortete er stockend, „aber wenn du sagst, du bist geflogen, … äh, wie darf ich mir das vorstellen? Mit einer Art „Fluggerät“ oder wie „Karlsson vom Dach“ mit einem Propeller?“
Diese Vorstellung belustigte ihn. Er konnte einen Lachanfall nur mühsam unterdrücken. Sie warf ihm einen beleidigten Blick zu. Als er sich beruhigt hatte, sagte sie eindringlich: „Ich habe keinen Propeller, ich habe halt meine Flügel. Ich bin eine Elfe!“, behauptete sie vollkommen ernsthaft.
„Eine Elfe“, wiederholte er ihre Worte und ließ sie für einige Sekunden im Raum stehen. „Der Tag war einfach zu lange, um noch klar denken zu können“, meinte er insgeheim.
„Aber ich kann es dir zeigen, wenn du mir nicht glaubst“, beteuerte sie in seine Gedanken hinein.
„Ach wirklich?“, fragte er und war nicht gerade überzeugt von ihren Worten.
Sie war ja so gesehen ganz in Ordnung, und sie sah ganz gut aus, dachte er. (Das war wirklich die Untertreibung des Jahres, denn sie sah einfach umwerfend aus. Andere Männer in seiner Situation hätten wahrscheinlich „ihr letztes Hemd gegeben“, um so einer „Super-Frau“ nahe sein zu können.)
„O.k.!“, ging er schließlich auf sie ein. „Zeig schon her. Aber nur, wenn du keinen Dreck dabei machst“, fügte er noch hinzu und fand sich äußerst witzig dabei.
Prüfend sah sie sich um. Dann trat sie auf eine nahezu freie Fläche, zwischen „Wohnzimmerliegewiese“ und Panoramafenster.
„Gut, ich bin so weit“, nickte sie und gab ihm ein Zeichen, etwas zurück zu treten. „Ich habe meine Flügel noch nie in einem geschlossenen Raum ausgebreitet“, flüsterte sie etwas verlegen. „Ich weiß nicht, ob ich das alles unter Kontrolle habe. Bist du bereit?“, fragte sie theatralisch.
David verdrehte die Augen: „Fang schon an. Verblüff mich einfach!“
Ganz ruhig stand sie da, und konzentrierte sich auf ihren Körper. Normalerweise breitete sie einfach ihre Flügel aus und flog los - das war`s dann. Aber hier wollte sie ihm einfach nur beweisen, dass sie keine Lügnerin war. Sie wollte ihn beeindrucken, ohne ihn zu verängstigen und ohne viel Schaden anzurichten.
Mit einem laut schlagenden Geräusch, breitete sie ihre Flügel aus. Sie reichten weit über ihren Kopf und ihre Schultern hinaus.
Er erkannte diesen komischen grau schimmernden Stoff, der an ihren Rücken hing wieder. Jetzt war er straff gespannt und glitzerte silbrig. Wie bei den Flügeln einer Libelle, schimmerte auch hier das Deckenlicht leicht hindurch.
David war sichtlich beeindruckt.
Ganz sachte ließ sie ihre Flügel vibrieren. Es klang so, als ob hundert Tänzerinnen zum Opernball ihre Kleider rascheln ließen. Mit zwei schwungvollen Flügelschlägen hob sie, vor seinen Augen, ca. einen Meter vom Boden ab. Da der Platz knapp war und sie in der Beweislast lag, flog sie horizontal auf der Stelle wie ein Kolibri und holte dabei voll mit ihren Flügeln aus. Versehendlich streifte sie mit ihren Flügeln seine Wange, was einen kleinen silbernen Strich auf ihr hinterließ.
„Wahnsinn“, kommentierte David das Gesehene. „Ich gebe zu, ich habe es nicht glauben wollen“, sinnierte er vor sich hin. „Ehrlich, wem könnte ich davon erzählen, der mich nicht sofort in eine Klapsmühle einweisen würde“, sprach er seine Eindrücke offen aus.
Langsam ließ sie sich zu Boden sinken und faltete ihre Flügel sorgsam zusammen. „Glaubst du mir jetzt?“, fragte sie mit viel Hoffnung in der Stimme.
„Abgefahren“, mehr konnte er nicht hervor bringen. Dabei schüttelte er leicht den Kopf. „Wie kann ich sicher sein, dass das kein Traum ist?“
Plötzlich klingelte es an der Wohnungstür. Erschrocken schauten beide zur Tür.
„Ich erwarte keinen Besuch“, entschuldigte sich David, als noch ein zweites Mal, etwas länger, geklingelt wurde. „Warte hier, ich sehe mal kurz nach. Bin gleich wieder zurück“, gab er verstört von sich.
Kaum hatte er die Türklinke nach unten gedrückt, wurde sie auch schon von außen energisch aufgestoßen.
„David, Darling, ich hoffe du hast noch nicht geschlafen. Ich habe vergessen meiner Putze zu sagen, dass sie meinen Kühlschrank auffüllen soll. Und dieses dumme Stück denkt ja an solche Sachen überhaupt nicht. Hast du vielleicht etwas Brauchbares zum Essen da? Deine Frau Sue würde dich doch bestimmt nicht verhungern lassen, oder?“, plapperte Pandora, seine Managerin einfach auf ihn ein.
Mit selbstgefälliger Miene schob sie sich an David vorbei, ging in die Küche und öffnete, wie selbstverständlich, den Kühlschrank. David, der mit einem Mal das Gefühl hatte, wieder in der Realität gelandet zu sein, folgte ihr nach.
„Hab ich es doch gewusst, deine Frau Sue ist einfach ein Engel. Schade, dass sie nicht auch für mich arbeiten will“, bedauerte Pandora.
Sie nahm den Teller mit den kleinen Hors-d`Oevre heraus und ließ anerkennend ein „Mmh, lecker“, hören. Anschließend bemächtigte sie sich auch noch der Flasche mit dem Wein. Mit „fetter Beute“ schlenderte sie ins Wohnzimmer.
„David, Schatz, ich kann kein Glas finden“, trällerte sie mit gespielter Hilflosigkeit.
„Oh Gott, das Mädchen ist ja im Wohnzimmer“, fiel es ihm wieder ein. Schnell ging er ins Wohnzimmer zurück, blieb da einen Augenblick stehen, um sich dann verwirrt in der Wohnung umzusehen.
Das Mädchen war weg!
Diese Entdeckung ließ ihn komischerweise traurig werden. Wahrscheinlich ist sie zur Tür hinaus geschlüpft, als wir in der Küche waren. Ob ich sie wohl irgendwann wiedersehe?
„David, wo ist mein Glas“, riss es ihn aus den Gedanken.
„Ja, natürlich, entschuldige Pandora“, antwortete er verstört und reichte ihr eines.
„Oh, wo sind deine Manieren, Liebling? Schenk mir doch bitte ein, ich bin sehr durstig!“
Er nahm ihr Glas nochmals in die Hand, goss es halb voll und gab es ihr zurück. Dann sah er sich nach seinem Glas um und goss sich noch etwas kühlen Wein auf seinen Rest. Während er seiner Managerin beim Essen „seiner“ Speisen zusah, nippte er ab und zu an seinem Wein.
„Du hast sicher schon etwas gegessen, Darling? Es macht dir doch nichts aus, wenn ich alles aufesse, oder? Denn ich bin hungriger als ein Wolf.“ Bei diesen Worten zeigte sie ihm spielerisch die Zähne und knurrte leicht.
„Nein, eigentlich hatte ich noch keine Gelegenheit dazu, aber es freut mich, dass es dir so schmeckt!“, bemerkte er beiläufig sarkastisch.
Als sie bis auf ein paar Krümel alles verspeist hatte, nahm sie noch einen großen Schluck Wein. Dann ließ sie sich wohlig in die dicken Sofakissen zurück plumpsen. Für kurze Zeit schloss sie genüsslich die Augen. Als sie wieder aufblickte stand David immer noch ungemütlich neben dem Tisch. Pandora merkte, dass ihr unter seinem Blick unbehaglich wurde. Um von sich abzulenken, schaute sie sich im Raum um.
„Ach herrje“, quietschte sie und ließ David zusammen zucken. „Was ist denn hier passiert? Wo kommt denn das ganze Wasser her? Hattest du einen Wasserschaden oder hat deine Frau Sue vergessen, die Fenster zu schließen? Jaja, sie ist halt doch nicht mehr die Jüngste. Bei den Chinesen weiß man ja nie, wie alt sie sind. Sehen aus wie 60 und dabei sind sie schon 100 Jahre alt. Ich wette es liegt an ihrer Ernährung“, philosophierte Pandora.
David ließ sie einfach reden. Er hatte keine blasse Ahnung, wie er das viele Wasser erklären könnte.
„Und die vielen nassen Tücher, Schatz. Wolltest du etwa das Wasser damit wegwischen? Komm, lass uns deine Putze anrufen. Sie soll auf der Stelle herkommen und das in Ordnung bringen, bevor der ganze Boden ruiniert ist. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das verbockt hat. Wofür bezahlst du sie eigentlich?“
„Nein!“ David schüttelte energisch den Kopf. „Das hat Zeit bis morgen. Ähm, sei mir nicht böse, Pandora, aber es ist schon 23 Uhr durch, und ich bin hundemüde. Du wahrscheinlich auch.“ Bevor sie widersprechen konnte, setzte er hinzu: „Komm ich bringe dich zur Türe.“
Widerwillig stand sie auf, nahm ihr Weinglas zur Hand und trank den Rest in einem großen Zug aus. Dabei hatte er Gelegenheit sie zu betrachten. Nicht, dass er das nicht schon früher gemacht hatte, aber jetzt verglich er sie insgeheim mit dem Mädchen, das vor weniger als einer Stunde noch hier gesessen hatte.
Pandora war eigentlich eine sehr attraktive Frau, in seinem Alter. Sie hatte ein hübsches, sonnengebräuntes Gesicht, das von schulterlangen, schwarz-blauen Haaren eingerahmt wurde. Ob sie der Farbe etwas nachhalf, oder nicht, wusste bestimmt nur ihr Friseur. Sie war groß und schlank und verstand es die Vorzüge ihres Körpers gut zu betonnen. Außerdem war Pandora hartnäckig - wenn sie etwas wollte, ging sie jeden Weg um es zu bekommen. Für eine Managerin einfach genial. Für den Ehemann, (den es noch nicht gab) konnte es bestimmt zur Katastrophe werden. Kurz gesagt: Sie war eine reizvolle Frau, aber für „ihn“ ohne Reize.
Nachdem sie ihr Glas geleert hatte, folgte sie artig dem Hausherrn bis zur Wohnungstür, die ihr David, als wohl erzogener Gentleman, öffnete. Pandora drehte sich zu ihm um und wollte ihn auf die Wangen küssen, als sie lächelnd die Augenbrauen nach oben zog.
„Warte mal Liebling, du hast da ja Glitter auf der Wange“, flötete sie süß und hob schon ihre Hand, um es weg zu wischen. Noch bevor sie seinem Gesicht zu nahe kommen konnte, packte er ihr Handgelenk und hielt es fest. Erstaunt folgte sie seiner Bewegung und sah ihn fragend an.
„Ich, ähm … Jeff … du weißt ja, mein Visagist, hat mir eine neue Effektcreme zum Testen gegeben. Ähm … die muss noch ganz lange einwirken.“ Wie zur Bestätigung seiner Worte nickte er dazu.
„Ich bitte dich David, das ist ein Mann, glaubst du wirklich er versteht mehr davon als jede Frau? Glaube mir, diese „Creme“ ist was für eine Nutte oder bestenfalls für Karneval, aber doch nicht für einen seriösen Musiker, wie du es bist. Aber bitte, probiere sie aus, wenn du meinst. In spätestens zwei Tagen wirst du mir Recht geben.“
Überzeugt von sich selbst, warf sie den Kopf in den Nacken und schüttelte dabei leicht ihr Haar. Der Musiker ließ ihr Handgelenk los, gab ihr einen flüchtigen Kuss auf die Wange und wünschte ihr noch eine gute Nacht. Ohne auf eine Erwiderung zu warten, schloss er die Tür und ließ sich erleichtert dagegen fallen.
So „nett“ Pandora auch war, so anstrengend konnte sie sein. Es könnte durch aus seinen Vorzügen haben, nicht im selben Haus mit ihr zu wohnen, überlegte er kurz.
Auch er leerte sein Weinglas in einem Zug, als er zur Couch zurückkehrte. Alles andere ließ er stehen und liegen. Müde ging er ins Bad, um sich seine Zähne zu putzen. Beim Anblick seines Spiegelbildes musste er lächeln.
„Effektcreme“, das war gut!
David trat näher an den Spiegel und betrachtete konzentriert den silbrigen Streifen. Er war ganz zart und zog sich von der Schläfe bis zum Nasenflügel auf seiner rechten Gesichtshälfte. „Ob das mit Wasser zu entfernen sein würde?“, überlegte er.
Fieberhaft wühlte er mit den Händen in den Schubladen seines Badezimmerschrankes, bis er endlich das Gesuchte fand. Vorsichtig tupfte er mit einem Wattestäbchen etwas von dem Glitter ab und legte es auf eine Glasschale.
Sich den Rest abzuwaschen, erschien ihm als Verrat an dem Mädchen, „Elfe“, wie sie sagte, und als glaubwürdiger Beweis dafür, dass sie Wirklichkeit war und kein Traum.
Gegen Mittag wurde David unsanft geweckt. Jemand flitzte durch die Wohnung und schimpfte dabei unentwegt vor sich hin. So lange es ging, ließ er die Augen geschlossen. Nicht so, wie er es oft als Kind getan hatte und seine Mutter glauben sollte, dass er noch schlief. Nein, vielmehr weil er die Augen noch nicht bewegen wollte. Schlicht gesagt, war er einfach zu faul dazu. Er wollte den Tag nicht mit Denken beginnen müssen, an unzählige Termine. Er wollte einfach „nichts tun“. Bei dem Gedanken grinste er in sein Kopfkissen hinein. Er hatte so gut geschlafen und so schön geträumt… Da wollte er einfach noch nicht aufstehen! Trotzig hielt David sein Kopfkissen umschlungen und versuchte dabei seinen Traum wieder einzufangen, bevor er in die Wirklichkeit hinüber glitt. Ein paar Minuten verharrte er noch so.
„Was zum Teufel war heute nur mit Sue los“, schoss es ihm ärgerlich durch den Kopf. Die chinesische Haushälterin war sonst mehr als rücksichtsvoll, wenn er nach Monaten von einer Tournee nach Hause kam. Sie störte auch sonst niemals seinen Schlaf oder mischte sich in seine privaten Dinge ein. Umso mehr wunderte es ihn, dass Sue heute mit aller Gewalt versuchte, ihn wach zu bekommen. Gähnend quälte er sich aus dem Bett und strich sich mit einer angewöhnten Geste das wirre Haar aus dem Gesicht. Danach schlenderte er zur Schlafzimmertür.
„Morgen Sue“, nuschelte er und gähnte herzhaft. „Hast du vielleicht zufällig einen Kaffee für mich?“
Die alte Chinesin hielt in der Bewegung inne und schaute David vorwurfsvoll an: „Ja, ich machen Kaffee für Schülzenjäger, kommt sofolt.“
„Was ist denn nur in Sue gefahren? Sie war sonst immer höflich und respektvoll. Wer hatte sie nur derart geärgert?“, fragte sich David verwundert.
Langsam ging er ins Bad, um sich zu duschen und die Zähne zu putzen. Dabei fiel sein Blick auf den Silberstreifen auf seiner Wange. Er war also noch da. Diese Feststellung ließ sein Herz einen kleinen Hüpfer machen. Mit einem berauschenden Glücksgefühl zog sich David aus, ließ seine Sachen, der Einfachheit halber, auf dem Boden liegen, und ging unter die Dusche. Das warme Wasser belebte ihn und ließ ihn laut ein Lied singen.
Er stieg aus der Dusche, fand aber keine Badetücher vor. Normalerweise achtete seine Haushälterin immer darauf, genügend Badetücher für ihn bereit zu halten.
„Sue!“, rief er zuerst vorsichtig, um seine Haushälterin nicht noch mehr zu reizen. Als keine Antwort kam, schrie er etwas lauter: „Sue, ich habe keine Handtücher hier.“
Was sollte er nur machen, wenn sie sich entschloss, herein zukommt? Schließlich war er nackt, schoss es ihm gerade noch rechtzeitig durch den Kopf. Peinlich berührt stieg er schnell aus der Dusche, suchte seinen Bademantel und schlüpfte hinein. Gerade noch rechtzeitig, da Frau Sue in diesen Moment die Türe aufriss.
„Ah-ha“, sagte sie schnippisch. „Also keine Badetüchel, oder? Alle Tüchel liegen im Wohnzimmel und sind nass!“, setzte sie noch eins oben drauf.
Die Chinesin schimpfte weiter und David war froh, dass er chinesisch nicht verstehen konnte.
Nur mit dem Bandmantel bekleidet ging er in die Küche und goss sich eine Tasse Kaffee ein. Dann schlenderte David zur Couch, um es sich gemütlich zu machen. Frau Sue beobachtete ihn dabei genau.
„David“, sagte sie schließlich mütterlich, „du seien wie Sohn für mich. Du fleißig und blav und … sittsam. Ich liebe dich sehl, du dalfst glauben.“ Mit festem Blick sah sie ihn an.
„Mil macht nichts aus die „Afel-Show-Party“, das Schweinellei wed machen. Abel ich machen mil Sorgen, wenn du blingst flemdes Mädchen heim.“
Jetzt wurde er hellhörig, was meinte sie bloß damit? „Sue, ich habe nicht die geringste Ahnung wovon du sprichst. Könntest du mir das bitte erklären?“
„Du weißt nicht was ich meinen? Weißt du, ich zwal alt, aber ich nicht blöd“, knurrte Frau Sue beleidigt. „Ich haben Augen im Kopf, und sehen zwei Gläsel und leere Flasche Wein. Ich sehen jede Menge nasse Badetüchel, und übelall seien viel Wassel…“ Besorgt sagte sie noch: „Couch ist auch ganz nass.“
Sie machte eine Pause und holte dabei tief Luft.
„Und du haben im ganzen Gesicht Schminke von Flauen.“ Als sie ihm das vorwarf, musterte sie ihn mit scharfem Blick.
David zog erstaunt die Augenbrauen nach oben.
„David, ich weiß du seien Mann und auch viel allein, abel du musst suchen anständiges Mädchen. Du nicht Mädchen kaufen für eine Nacht!“
Jetzt konnte er sich nicht mehr beherrschen. Laut platzte er mit einem Gelächter heraus. Er musste so lachen, dass ihm die Tränen in die Augen schossen.
Die alte Chinesin zog die Stirn in Falten und betrachtete ihn argwöhnisch. Als er sich weitgehend beruhigt hatte, stand er auf, ging auf sie zu und nahm sie liebevoll in die Arme.
„Sue, meine liebe Sue. Es tut mir leid, wenn ich dir Kummer bereitet habe. Aber es ist alles anders als du denkst. Du musst dir um mich keine Sorgen machen. Den Wein habe ich mit Pandora getrunken und das Wasser, naja, ich hatte das Fenster geöffnet und vergessen es wieder zu schließen“, log er. „Und die Schminke, ist eine Creme, von Jeff zum Testen.“ Wie sollte er sonst alles erklären, damit es halbwegs logisch klang.
So ganz überzeugt, war seine Haushälterin noch nicht. Weil sie schließlich über eine gewisse Menschenkenntnis verfügte, stellte sie erneut fest: „Pandora hat hiel Wein getrunken, … und du sagen ich sollen keine Solgen machen. Jetzt mich lassen, ich müssen albeiten schließlich“, bemerkte sie und entwand sich seinem Griff.
Er musste immer noch schmunzeln, über die blühende Fantasie seiner Angestellten. Andererseits, so viele Notlügen, wie in den letzten zwei Tagen, hatte er in den letzten fünf Jahren nicht gebraucht. Und alles nur wegen einer Elfe! Aber einer süßen, bezaubernden, wunderschönen Elfe. Die genauso schnell aus seinem Leben verschwand, wie sie gekommen war.
Die Erinnerung machte ihn traurig.
Der Tag plätscherte so dahin, wie ein kleiner, kühler Wildbach.
Nachdem er Frau Sue überzeugen hatte, dass ihr „anvertrauter Junge“, wie sie oft sagte, sich keine nächtliche Schandtat geleistet hatte, war sie wieder zu alltäglichen Sachen zurückgekehrt. Zusammen mit David packte sie seinen Koffer aus. Anschließend reinigte sie das Bad, machte die Küche sauber und putzte seine Schuhe. Da bemerkte sie, dass David sich immer wieder in die Küchen treiben ließ; mal den Kühlschrank öffnete und ein andermal den Brotkasten.
„Herrje, hatte er vielleicht Hunger?“ Bei diesen Gedanken bekam sie ein schlechtes Gewissen. Schnurrstraks ging sie zum Kühlschrank, um sich selbst ein Bild über dessen Inhalt zu machen.
Wo ist denn nur der Teller mit den Häppchen geblieben? Er war so voll, dass sie hätte schwören können, er würde auch für diesen Tag noch reichen. Energisch schloss sie den Eisschrank, stemmte die Fäuste in die Hüfte und drehte sich suchend zu David um. Der wollte gerade wieder einen Abstecher in die Küche machen.
„David, walum du nicht sagen, - Flau Sue, ich haben Hungel“, forderte sie ihn auf.
David lächelte verlegen: „Ist nicht schlimm, Sue, ich kann mir ja eine Pizza bringen lassen.“
„Ist nicht schlimm, ist nicht schlimm!“, brauste sie auf. „Ist doch schlimm! Du hunglig und ich melken nicht. Nix da Pizza. Ich machen meine Spezialität für dich, das du so lieben. Dauelt nicht lange.“
Mit diesen Worten rannte sie schon zur Haustür, packte ihre Tasche und war verschwunden, bevor David ihr extra Geld für den Einkauf geben konnte. Mit Vorfreude auf das Essen (denn Sue konnte besser kochen, als jedes Chinarestaurant), schnappte er sich seine Geige und fing an zu spielen. Aber kaum hatte er sich mit Tonleitern und Akkorden eingespielt, als auch schon das Telefon klingelte. Ein Blick auf das Display sagte ihm, das er abheben sollte. Es war Franck, sein Freund und Konzertmeister.
„Hallo, David, ich hoffe ich störe dich nicht bei etwas Wichtigem“, leitete er das Gespräch ein.
„Nein, ganz und gar nicht, bin nur ein bisschen am „fiedeln“. Du kennst mich ja“, antwortete David grinsend. „Was gibt es denn? Ich dachte eigentlich, dass du deine Freizeit genießen würdest. Die nächste Probe mit dem örtlichen Sinfonieorchester war doch erst in zwei Tagen ausgemacht, oder?“, fragte der Geiger schelmisch.
„Bin halt auch ein Workaholic, genau wie du“, neckte Franck zurück. „Ich wollte nur fragen, ob ich wie besprochen, die neuen Stücke mit ihnen vorbereiten soll? Oder hast du etwas Anderes vor?“
„Ich habe mir darüber noch keine Konkreten Gedanken gemacht. Hast du vielleicht einen Vorschlag. Du weißt ja, bin für alles offen!“
„Mal sehen, ich werde mir etwas überlegen. Ich rufe dich dann nochmal an. Um welche Uhrzeit willst du die Probe haben, das war noch nicht ausgemacht?“, erkundigte sich Franck.
Nachdenklich fuhr sich David mit der Hand über seine Bartstoppeln und sah dabei aus dem Fenster: „In Anbetracht der momentanen Hitzewelle in der Stadt, schlage ich vor, die Probe so früh wie möglich an zu setzen. Sagen wir mal 9 Uhr. Natürlich nur, wenn du einverstanden bist“, fügte er höflich hinzu.
„Alles klar, du bist der Boss!“ erwiderte Franck, verabschiedete sich und legte auf.
Stimmt, er war der Boss, bestätigte er sich, auch wenn er oft genug daran zweifelte. Denn schließlich bestimmten der Terminplaner, und seine Managerin sein Leben.
Mit leicht knurrenden Magen, nahm er nochmals die Geige zur Hand, stimmte sie erneut und versuchte dem Magenknurren mit dem Zupfen der Saiten entgegen zu treten. Aber auch dabei hatte er kein Glück. Ließ ihn doch erneut das Klingeln des Telefons genervt aufstöhnen. Die Nummer die es anzeigte, kannte er auswendig.
„Hallo Pandora“, begrüßte er gleich seine Managerin, „was hast du für mich?“ Denn 95% aller Anrufe von Pandora, hatten mit Auftritten, Partys oder kleinen Gefälligkeiten, die immer absolut wichtig waren, zu tun. Deshalb erstaunte es ihn gar nicht, als er das aufgeregte Trällern von Pandora vernahm.
„Hallo Darling! Weiß du, wer gerade bei mir angerufen hat? Ach, du errätst es ja doch nicht! Die Frau des englischen Botschafters aus Boston. Stell dir vor, ihr Mann hat Geburtstag…“
„Soll vorkommen“, quatschte David dazwischen.
„Und sie gibt eine kleine Privatparty, für nur 300 Personen“, ließ Pandora sich nicht ablenken. „Und jetzt kommt es“, schwärmte sie, um Spannung aufzubauen, „du bist eingeladen! Ist das nicht wunderbar“, ihre Stimme klang glücklich.
„Ich kenne ihn doch gar nicht“, erwiderte David trocken.
„Du sollst ja nicht hin, weil du ihn kennst, sondern weil er DICH kennenlernen will, stell dich nicht so an“, klang Pandora schon ungeduldiger. „Also Liebling, kommenden Samstag. Du hast da hoffentlich noch nichts vor?“
„Doch“, konterte er trotzig, „ich habe ein Rendezvous.“
