Ein Rezept fürs Glück - Veronica Henry - E-Book

Ein Rezept fürs Glück E-Book

Veronica Henry

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Beschreibung

Laura zaubert ihre berühmten Köstlichkeiten nach alten Familienrezepten. Seit über zwanzig Jahren ist sie mit ihrem liebevollen Ehemann Dom glücklich verheiratet und hat zwei Töchter. Jetzt muss sich Laura auf eine Umstellung gefasst machen, denn ihre Kinder ziehen aus. Bislang war das Haus immer voller Menschen, Gelächter und köstlicher Gerüche – das soll nun vorbei sein? Und dann erfährt sie auch noch, dass Dom eine Affäre hat. Laura fühlt sich vollkommen allein und sucht Trost in der Kiste mit Rezepten. Davon inspiriert beginnt sie ihre selbstgemachten Leckereien zu verkaufen. Denn wie sagt man so schön: Ein gutes Essen ist das Fundament allen Glücks!

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Seitenzahl: 496

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Zum Buch

»Willow hatte sich für ihr Abschiedsessen Nachos gewünscht. Aber Laura konnte natürlich nicht einfach eine Schüssel mit Chilisoße und eine große Tüte Tortillachips auf den Tisch stellen, wie jeder andere es getan hätte. Stattdessen stand am Tag, bevor Willow ins Studentenheim zog, um fünf Uhr nachmittags ein dampfender gusseiserner Topf auf dem Aga-Herd, aus dem es nach Kreuzkümmel und Zimt und Chili duftete. Auf der Arbeitsfläche standen kleine Schüsseln mit geriebenem Käse, saurer Sahne, Guacamole, Jalapeños, scharf gewürzten Bohnen, gehacktem Koriander und Maissalat. An einem Haken in der Decke hing eine piñata in Form eines Esels. Sie hatte es sich verkniffen, die piñata mit Süßigkeiten zu füllen. Schließlich war das keine richtige Party, nur ein Abschiedsessen für Willow mit ihrer Familie und ein paar Freunden, ein paar Nachbarn und … Laura wusste nicht genau, wer sonst noch alles eingeladen war, aber spätestens um acht würde die Bude voll sein. So war das einfach im Haus mit der Nummer 11.«

Zur Autorin

Veronica Henry arbeitete für die BBC und als Drehbuchautorin für zahlreiche Fernsehproduktionen, bevor sie sich dem Schreiben von Romanen zuwandte. Sie lebt mit ihrem Mann und ihren drei Söhnen in Devon, England. »Ein Rezept fürs Glück« ist ihr siebter Roman im Diana Verlag.

VERONICA HENRY

Ein

Rezept

fürs

Glück

ROMAN

Aus dem Englischen von Charlotte Breuer

und Norbert Möllemann

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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Deutsche Erstausgabe 09/2021

Copyright © 2018 by Veronica Henry

Die Originalausgabe erschien 2018 unter dem Titel

A Family Recipe bei Orion, London

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2020

by Diana Verlag, München,

ein Unternehmen der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Straße 28, 81673 München

Redaktion: Heiko Arntz

Umschlaggestaltung: t.mutzenbach design, München

Umschlagmotiv: © gfdunt, Oksana Shufrych, romeovip_md,

casanisa/shutterstock.com

Herstellung: Helga Schörnig

Satz: Leingärtner, Nabburg

Alle Rechte vorbehalten

e-ISBN 978-3-641-24936-6V001

www.diana-verlag.de

Für Paul und Lucy – 

den wichtigsten Zutaten in meinem Familienrezept

1

1942

Der Abendhimmel war still und wachsam, so wie immer in diesen Zeiten.

Der Vollmond kam hinter einer Wolke hervor, um nach der Stadt tief unten zu sehen wie ein Vater nach seinem Kind. Schlafenszeit in Bath. Die Leute schlüpften unter ihre Bettdecken und ließen den Tag Revue passieren. Bitt- und Dankgebete wurden gesprochen, und alle hofften auf eine Nacht ohne Albträume oder Schlimmeres.

Im Haus Lark Hill Nummer 11 öffnete sich die Hintertür. Eine Gestalt trat in die kleine Gasse hinaus, die hinter den Regency-Häusern verlief. Jilly Wilson zog den Mantel fester um sich, den sie über ihrem Pullover und dem Tweedrock trug. Es war Ende April, und es wurde ziemlich frisch, sobald die Sonne unterging. Sie hätte sich gern etwas Hübscheres angezogen, wollte jedoch keinen Verdacht erregen. Es war zwar Samstagabend, aber es gab keinen plausiblen Grund, warum sie das fliederfarbene Kleid auch heute hätte anziehen sollen. Es hing immer noch über der Rückenlehne ihres Stuhls, wo sie es gestern Abend abgelegt hatte. Es roch nach dem Rauch der geschmuggelten »Black Cat«-Zigaretten – und nach ihm.

Sie hatte um sieben mit ihren Eltern zu Abend gegessen und müsste jetzt eigentlich im Bett liegen und schlafen. Ihre Mutter schnarchte bereits leise, das Buch, in dem sie gelesen hatte, war ihr aus den Händen geglitten und lag auf ihrer Brust. Sie schaffte selten mehr als eine Seite, bevor ihr die Augen zufielen, so erschöpft war sie nach einem Tag mit den Kindern in der Grundschule, deren Ausgelassenheit sie zwar begeisterte, aber auch anstrengte. Ihr Vater saß vermutlich noch in seinem Arbeitszimmer, damit beschäftigt, seine Patientenakten zu studieren, Überweisungsscheine auszustellen und den Papierkram zu erledigen, der in einer gut gehenden Arztpraxis so anfiel. Allerdings waren die Fenster dunkel.

Alle Fenster waren dunkel. In den Hügeln rund um Bath reckten sich schwarze Schatten dem bleichen Mond entgegen. Die mit prächtigen Häusern halbkreisförmig angelegten Straßen und die hübschen Reihenhaussiedlungen gaben sich so unauffällig wie möglich. Bei Tageslicht, wenn der gelbe Sandstein im Sonnenlicht leuchtete, konnten sie ihre Schönheit nicht verbergen. Aber sobald der Abend dämmerte, verbarg sich Bath genauso ängstlich wie alle anderen Städte Englands.

Jilly huschte durch die Gasse hinter den Häusern von Lark Hill. Die Vorgärten befanden sich hinter mannshohen Mauern. Endlose Reihen von Fenstern sahen auf die Straße hinaus, die ins Stadtzentrum hinunterführte. Als Jilly die Landown Road erreichte, wurde sie ein wenig ruhiger. Wenn sie den Kopf einzog und die Hände in den Manteltaschen vergrub, würde niemand sie erkennen oder fragen, was sie um diese Zeit hier wollte.

Auf halbem Weg den Hügel hinunter bog sie in eine Seitenstraße ab, wo die Häuser bescheidener und die Vorgärten kleiner waren. Jilly hatte das Gefühl, dass ihre Beine sich nicht schnell genug bewegten. Sie war außer Atem, sie konnte es kaum erwarten anzukommen.

Bis gestern hatte sie nicht geahnt, dass es solche Gefühle gab. Sie war noch gar nicht dazu gekommen, mit jemandem darüber zu reden. Eigentlich war sie weder geheimniskrämerisch noch unehrlich, aber nicht einmal Ivy hatte sie davon erzählt. Sie fürchtete einfach, es könnte den Zauber zerstören, wenn sie darüber sprach. Vorläufig wollte sie es lieber für sich behalten, was das Ganze nur noch aufregender machte. Und ihm erging es genauso. Sie hatten ausgemacht, dass sie sich heimlich treffen würden.

Wenn sie daran dachte, dass sie um ein Haar gar nicht zu dem Tanzabend gegangen wäre! Ivy hatte sie dazu gedrängt. Jilly hatte gar nicht gehen wollen, aber Ivy hätte bestimmt nicht lockergelassen, und wenn sie so anfing, war es einfacher, ihr nachzugeben. Jilly war fest entschlossen gewesen, sich zu verdrücken, sobald Ivy sich ein Opfer gesucht hatte, wozu sie bei solchen Veranstaltungen in der Regel keine zehn Minuten brauchte. Die Jungs – die Männer – flogen auf Ivy, und Ivy genoss es. In Gegenwart von Männern drehte sie noch mehr auf als sonst. Ivy war der quirligste Mensch, dem Jilly je begegnet war, ein einziges Energiebündel. Sie war zwar klein und drahtig, aber leuchtend wie ein Stern. Neben ihr fühlte Jilly sich manchmal plump und farblos. Niemand würde Jilly als schüchtern bezeichnen, aber im Vergleich zu Ivy war sie das reinste Mauerblümchen, und diese Rolle spielte sie nur höchst ungern.

Der Gemeindesaal war an diesem Freitag zum Bersten voll gewesen. Das mildere Wetter hatte alle in Hochstimmung versetzt. Die Jungs stolzierten mit leuchtenden Augen umher, als hätten sie alle Tennyson gelesen und Frühlingsgefühle im Herzen – obwohl Jilly bezweifelte, dass diese Banausen den Dichter überhaupt kannten. Die Mädchen hatten ihre schönsten Kleider angezogen, froh über einen Grund, sich fein zu machen. Die Kapelle spielte zum Tanz auf. Die Bowle aus illegal organisiertem Dessertwein war süß und berauschend. In diesem Saal konnte man für eine Nacht vergessen, dass draußen ein Krieg tobte.

Mit einem Freudenschrei hatte Ivy die Arme in die Luft geworfen und war in der Menge untergetaucht. Sie drehte sich so ausgelassen im Kreis wie die Spiegelkugel über den Köpfen der Tanzenden, die Lichtsplitter auf die Gesichter warf. Der Saal war erfüllt von Musik und Lachen und einer ganz besonderen Energie – die sich auf Jilly allerdings nicht übertrug. Ganz im Gegenteil. Der Taumel der Menge löste Panik in ihr aus, Verunsicherung. Ihre Schuhe fühlten sich an, als wären sie aus Blei, während Ivy in der Luft zu schweben schien. Sie winkte Jilly zu, bedeutete ihr, sich unter die Leute zu mischen. Jilly sah, wie ein fescher junger Soldat Ivy am Arm fasste, die lachend den Kopf in den Nacken warf. Goldenes Haar, rote Lippen, Hemmungslosigkeit. Ach, hätte sie doch einen Funken von Ivys Selbstbewusstsein, dachte Jilly.

Ein pulsierender Schlagzeug-Rhythmus setzte ein, dann spielte die Kapelle ein beschwingtes Stück, dem man unmöglich widerstehen konnte. Ivy und der Soldat begannen zu tanzen, ihre Gesichter strahlten, ihre Arme und Beine wirbelten im Takt, als würde ein geheimer Impuls ihre Bewegungen synchronisieren. Über so einen Impuls verfügte sie nicht, das wusste Jilly.

»Du musst aufhören zu denken und es in dir drinnen spüren«, hatte Ivy ihr mehr als einmal geraten, aber je mehr sie sich bemühte, mit dem Denken aufzuhören, umso weniger gelang es ihr, und desto weniger gehorchten ihr ihre Füße. Genauso erging es ihr beim Korbball und auf dem Lacrossefeld. Schließlich hatte sie sich damit abgefunden, dass sie eher ein Kopfmensch war.

Sie würde erst einmal die Toilette aufsuchen, sagte sie sich, und wenn es nur dazu diente, ein bisschen Zeit zu gewinnen. Draußen im Flur lehnte ein junger Mann an der Wand. Er lächelte sie an und hob verschwörerisch sein Glas.

Sie blieb stehen und erwiderte sein Lächeln. Nervös versuchte sie, ihr Haar zu glätten. Ivy hatte ihr die Haare aufgedreht und an der Stirn zu einer übertrieben großen Tolle frisiert, mit der sie sich albern vorkam. Sie trug ihr schulterlanges Haar meist offen. Am liebsten wäre sie sich mit den Fingern durch Ivys Kunstwerk gefahren, um wieder sie selbst zu werden.

»Du machst ein Gesicht, als wärst du gerade lieber ganz woanders. Geht mir genauso«, sagte der junge Mann. Er wirkte sehr ernst, so als laste ein schweres Gewicht auf seinen Schultern. Er war groß und schlank, hatte dunkelbraune Augen und trug das Haar aus der Stirn gekämmt.

Jilly nickte. »Überall, nur nicht hier«, sagte sie. »Ich tanze nicht gern, aber ich will auch keine Langweilerin sein.«

»Bei solchen Veranstaltungen fühlt man sich immer verpflichtet, gute Laune zu versprühen.«

»Ja, aber entweder liegt einem das Tanzen oder nicht.« Sie lächelte wehmütig. »Mir liegt’s leider nicht.«

»Mir auch nicht.« Er streckte seine Hand aus. »Wollen wir uns gemeinsam langweilen?«

Sie zögerte. Sie fühlte sich zu ihm hingezogen. Er hatte Sommersprossen auf der blassen Haut. Er musterte sie ungeniert. Etwas an ihm irritierte sie. Vielleicht war es das Glas Whisky, das er in der Hand hielt? War er betrunken? Er strahlte die Unerschrockenheit eines Betrunkenen aus, schien sich jedoch noch gänzlich unter Kontrolle zu haben. Aber er verursachte ihr ein Kribbeln im Bauch, eine Art freudige Erwartung. Es war ein Gefühl, das sie nicht kannte, doch es gefiel ihr.

»Was liegt dir denn?«, fragte er.

»Hm.« Jilly zögerte. »Eigentlich bin ich eine Leseratte. Ich beschäftige mich gern mit Büchern. Mit Menschen auch, aber ich unterhalte mich lieber mit ihnen, als mit ihnen zu tanzen. Am liebsten mit einem allein.«

»Mit einem allein«, wiederholte er mit einem angedeuteten Grinsen, und sie errötete.

»Ich mag einfach keine Menschenmengen.«

»Warum bist du dann hier?«

»Meine Freundin Ivy hat mich mitgeschleppt. Wenn sie sich einmal was in den Kopf gesetzt hat, lässt sie nicht mehr locker.«

»Du wirkst nicht so, als könntest du dich nicht durchsetzen.«

»Natürlich kann ich mich durchsetzen«, antwortete Jilly lachend. »Aber du kennst Ivy nicht. Sie würde es mir ewig vorhalten, wenn ich Nein sagte.« Er trank sein Glas aus, ohne den Blick von ihr abzuwenden. »Und du?«

»Dasselbe. Ich wohne gerade bei einem Freund, der hat darauf bestanden. Als Gast wäre es unhöflich gewesen, die Einladung auszuschlagen. Aber er ist der Tänzer, nicht ich.«

»Und was liegt dir so?«

Er wirkte vorsichtig, so als hätte sie ihm eine Fangfrage gestellt, auf die es eine richtige und eine falsche Antwort gab.

»Ich mag Mädchen, die sich für Bücher interessieren«, sagte er schließlich. Er nahm eine Schachtel Zigaretten heraus und bot ihr eine an. Sie schüttelte den Kopf. Ivy rauchte ununterbrochen, aber Jilly vertrug es nicht. Man hatte schon genug Sorgen, auch ohne dass man dauernd zusehen musste, wo man sich schnell eine anstecken konnte, was offenbar allen so ging, die sich das Rauchen angewöhnten.

Sie hörte das Knirschen des Feuersteins und nahm den Benzingeruch wahr, als er sich eine Zigarette anzündete und den Rauch einsog.

»Wollen wir ein bisschen spazieren gehen?« Seine vollen Lippen lächelten nicht, seine Augen dagegen schon.

Jilly schluckte. War es klug, mit jemandem spazieren zu gehen, den man gerade erst kennengelernt hatte?

»Es ist stockdunkel«, sagte sie.

»Ich würde gern die Stadt kennenlernen. Bei Mondschein. Es ist meine einzige Chance.«

»Deine einzige Chance?«

Er blies den Rauch aus, der in einer feinen Spirale in die Luft stieg. »Ich reise am Sonntag ab.« Sein Lächeln war angespannt. »Ich mache eine Ausbildung zum Piloten.«

»Wie aufregend.« Sie stellte sich ihn in einer Fliegerjacke vor. Er sah aus wie ein Kampfpilot. Manchen Leuten sah man ihre Berufe an, das war ihr schon öfter aufgefallen. Ihr Vater sah aus wie ein Arzt – elegant, gelehrt, fürsorglich. Ihre Mutter sah aus wie eine Lehrerin – rundlich, mütterlich, mitfühlend. Ivy sah aus wie eine Friseurin – immer todschick gekleidet, perfekt sitzende Frisur, roter Lippenstift. Aber Jilly sah bisher nach nichts aus. Solange Krieg herrschte, hatte es keinen Zweck, eine Berufsausbildung anzufangen, auch wenn sie die Schule mit guten Noten abgeschlossen hatte. Im Moment konnte sie sich viel nützlicher machen, indem sie ihrem Vater in der Praxis zur Hand ging, das war die beste Möglichkeit, ihre patriotische Pflicht zu erfüllen.

»Vielleicht«, sagte er wenig überzeugt. Er wirkte beunruhigt. Vielleicht langweilte ihn ihr Gespräch schon. Jilly wollte nicht, dass er das Interesse verlor. Sie würde sich ein bisschen mehr Mühe geben müssen. Ein bisschen quirliger sein, so wie Ivy.

»Also los«, sagte sie und bot ihm ihren Arm an. »Wie wär’s mit einer kleinen Stadtführung?«

Er lächelte, ließ seine Zigarette beim Verlassen des Gebäudes fallen, trat sie mit der Schuhspitze aus und stellte sein Glas auf einer Fensterbank ab. Dann hakte er sich bei ihr unter. Sie spürte seine Wärme durch den Wollstoff seines Jacketts. Etwas in ihr regte sich.

Eine Weile schwiegen sie.

»Der Circus ist gleich um die Ecke«, sagte sie dann.

»Ein Zirkus?«, fragte er überrascht. »Mit Elefanten und Clowns und Akrobaten?«

»Nein.« Sie lachte. »Nicht so ein Zirkus. Es ist ein Platz, der heißt so. Die Häuser stehen im Kreis um den Platz.«

»Ach so«, sagte er mit gespielter Enttäuschung. »Klingt nicht so aufregend.«

»Du wirst dich wundern. Komm«, sagte sie und führte ihn hinaus in die dunkle Nacht.

Die Musik der Kapelle folgte ihnen, als sie die Straße hinuntergingen. Die gelben Gebäude waren jetzt grau, aber der Mond spendete ausreichend Licht. Kurz darauf erreichten sie den Circus: kreisförmig angeordnete dreistöckige Häuser mit einer Rasenfläche in der Mitte. Jilly spürte sofort, dass der Anblick eher ernüchternd war.

»Du hast recht. Ein richtiger Zirkus wäre aufregender gewesen«, sagte sie. Gut aussehende junge Männer wie er waren vermutlich nicht besonders beeindruckt von jungen Frauen, die sich für Architektur interessierten.

»Schsch«, machte er und zog sie über den Rasen zu ein paar Platanen, die dort in der Mitte standen. Die Nachtluft streichelte ihre Haut. Er setzte sich, lehnte sich mit dem Rücken an einen Baumstamm und klopfte mit der flachen Hand auf den Platz neben sich. Eine Weile saßen sie schweigend da. Er strahlte eine Ruhe und eine Schwere aus, die sie anziehend fand, und sie fragte sich, ob er wohl immer so war, oder ob es das Wissen darum war, dass dies sein letztes Wochenende in Freiheit war, seine letzte Gelegenheit, ein paar unbekümmerte Stunden zu verbringen, bevor er in eine Welt eintrat, in der das Chaos herrschte.

»Erzähl mir was«, sagte er. »Erzähl mir was, woran ich denken kann, wenn ich da oben in der Luft bin.«

Ihre Gedanken rasten. Sie bekam Herzklopfen. Was in aller Welt sollte sie ihm erzählen?

»Der Circus wurde von John Wood Elder entworfen«, plapperte sie drauflos, um irgendetwas zu sagen. Sie war schrecklich nervös, weil sie nicht wusste, welche Regeln in dieser Situation galten, oder wie sie sich verhalten sollte. »Das hier ist sein größter Wurf, sein Meisterwerk. Aber die Fertigstellung hat er nicht mehr erlebt …« Sie brach ab. Dieser Teil der Geschichte machte sie immer traurig. Und plötzlich kam es ihr taktlos vor, ihm von jemandem zu erzählen, der vor der Vollendung seines Werks gestorben war. Wahrscheinlich wollte er eher etwas hören, was ihn vom Thema Sterblichkeit und Tod ablenkte, anstatt ihn mit der Nase darauf zu stoßen.

Er wandte sich ihr zu. In der Dunkelheit sah sie, dass er lächelte.

»Machst du öfter Stadtführungen?«

»Nein!« Sie lachte. »Ich bin in Bath geboren und aufgewachsen, das ist alles. Ich kann dir alles über die Stadt erzählen – über die Römer, über die georgianische Architektur, über Beau Nash, Jane Austen …«

»Erzähl mir was über dich«, sagte er und nahm ihre Hand. »Etwas Interessantes über dich, über das ich nachdenken kann. Das mir einen Grund gibt, überleben zu wollen.«

Sie blinzelte. Das war viel verlangt. Viel zu viel. Was konnte sie ihm über sich erzählen, das auch nur im Entferntesten interessant war?

»Das ist ein bisschen unfair«, sagte sie.

»Na ja, wenn dir nichts einfällt, was du sagen könntest …« Seine Finger streichelten ihren Handrücken. »Vielleicht fällt dir ja was ein, was du tun könntest.«

Die nächtliche Brise ließ das Laub über ihnen rascheln, aber Jilly rührte sich nicht. Was konnte er meinen? Sie glaubte es zu wissen. Er schaute sie unverwandt an. Sie würde ihm nicht verraten, dass sie noch nie jemanden geküsst hatte. Ivy regte sich dauernd darüber auf. In Bath gab es kaum jemanden, den Ivy nicht geküsst hatte.

»Es ist die einzige Möglichkeit, rauszufinden, was für ein Mann einer ist«, sagte sie immer wieder. »Wenn er es falsch macht, dreht es dir den Magen um. Aber wenn er es richtig macht …«

Jilly betrachtete seine Lippen. Es wären die perfekten Lippen für eine junge Frau, und doch wirkte er nicht feminin. Eine volle Unterlippe und eine schön geschwungene Oberlippe. Genauso war es mit seinen Augen: Die dichten dunklen Wimpern sahen aus wie gemalt. Und das Zusammenspiel mit der geraden Nase und dem kräftigen Kinn war überwältigend. Je länger sie ihn anschaute, desto schöner fand sie ihn.

Herrgottnochmal, Jilly, hörte sie Ivys Stimme. So eine Chance kriegst du nie wieder. Nicht solange Krieg ist. Es ist doch nur ein Kuss.

Sie schloss die Augen. Es war schlimmer, als den Mut aufzubringen, in Maiden Cove in Cornwall von der Klippe zu springen, wo sie einmal die Sommerferien verbracht hatten.

Als ihr Mund seine Lippen berührte, wusste sie sofort, was für ein Mann er war.

Seine Lippen waren weich und zart. Jilly fühlte sich an einen festen, reifen Pfirsich erinnert, ihn zu küssen kam ihr so natürlich vor wie das Atmen, und so wie ihr Körper reagierte, verstand sie auf einmal jedes Buch, das sie je gelesen, und jedes Lied, das sie je gehört hatte. Sie zog ihn auf den Boden, ohne sich um das kühle Gras zu scheren. Der Kuss schien eine Ewigkeit zu dauern, und zugleich war er im Nu vorbei. Sie hielten sich immer noch in den Armen und schauten einander in die Augen, ihr Atem ging keuchend, aber im selben Rhythmus.

»Und?«, fragte sie mit einem unsicheren Lachen. »Wird das als Grund reichen?«

»Das will ich wohl meinen«, sagte er. Er schob ihr ein paar Strähnen aus der Stirn, und als er ihr mit der Hand über den Kopf bis in den Nacken fuhr, überlief sie ein wohliger Schauer.

»Hast du große Angst?«, brachte sie den Mut auf zu fragen. Sie wussten beide, welches Risiko Kampfpiloten eingingen, er wahrscheinlich besser als sie. Worauf er sich einlassen würde, hatte er sich sicherlich reiflich überlegt. Sie konnte seinen Mut nur bewundern.

Er ließ sich Zeit mit seiner Antwort. »Manche behaupten, dass das Risiko bei jedem Flug gleich groß ist. Dass das Rouletterad kein Gedächtnis hat.«

»Aber das kann doch nicht stimmen, oder?« Sie zog die Nase kraus, während sie sich zu erinnern versuchte, was sie in der Schule über Wahrscheinlichkeitsrechnung gelernt hatte. »Mit der Erfahrung erhöht sich doch bestimmt …«

»Ich will nicht darüber reden«, fiel er ihr ins Wort.

»Tut mir leid«, sagte sie hastig, als er sich mit düsterer Miene abwandte. »Lass uns über was anderes reden. Erzähl du mir was.« Sie überlegte. »Sag mir, wie du heißt! Ich kenne nicht mal deinen Namen!«

Er schien darüber nachzudenken. Vielleicht wollte er nicht, dass sie wusste, wer er war? Vielleicht verhielt er sich allen Frauen gegenüber so? Vielleicht war sie gar nichts Besonderes für ihn? Vielleicht löste er bei allen, die er küsste, die gleichen Gefühle aus?

»Harry« sagte er schließlich. »Harry Swann. Und du?«

»Jilly.« Ihren Familiennamen nannte sie nicht. Wilson klang so banal im Vergleich zu Swann.

»Jilly. Jilly und Harry.« Er nahm sie in die Arme und zog sie an sich. »Klingt perfekt, findest du nicht auch?«, murmelte er, dann küsste er sie wieder.

Jilly und Harry … Die Worte gingen ihr seitdem nicht mehr aus dem Kopf, sie klangen wie ein Kinderreim.

Und jetzt, einen Abend später, war sie auf dem Weg zum Hedgemead-Park, wo ein paar große alte Eichen zusammenstanden wie eine Gruppe Mädchen auf dem Spielplatz. Als sie unter den Bäumen hindurch ging und schließlich von tiefer Dunkelheit umfangen war, fragte sie sich, ob es eine gute Idee gewesen war, sich ausgerechnet hier zu verabreden. Sie hatten sich heimlich treffen wollen, an einem Ort, wo sie niemand sehen würde, wo sie sich nicht vor den neugierigen Blicken von Freunden oder Passanten zu fürchten brauchten.

Sie dachte nicht einen Moment daran, was ihre Eltern dazu sagen würden. Sie waren nicht besonders streng, aber sie liebten sie sehr, und sie hätten sich bestimmt Sorgen gemacht. Harry Swann würde schon am nächsten Morgen zu einer Luftwaffenbasis in Devon reisen, um sich zum Piloten ausbilden zu lassen. Jeder wusste, was das bedeutete. Tag für Tag verlobten sich Paare hastig oder heirateten gar. Der Krieg beschleunigte das Leben. Alles passierte immer schneller, und es herrschte ein allgemeines Gefühl der Dringlichkeit, das ansteckend war. Auch sie spürte es jetzt, als sie durch den Park eilte und in der tintenschwarzen Nacht nach ihm suchte. Es war ihre letzte Gelegenheit, ein bisschen Zeit miteinander zu verbringen. Wenn Harry erst einmal fort war, wusste der Himmel, wann sie sich wiedersehen würden. Natürlich konnte er sich Urlaub nehmen, aber noch nicht gleich. Ihre Zukunft stand in den Sternen.

Da war er, im Musikpavillon. Sie stellte sich vor, wie geisterhafte Musiknoten ihn umschwirrten, Viertel- und Achtelnoten auf der Suche nach einem Publikum. Sie musste lächeln. Vor lauter Liebe ging ihre Fantasie mit ihr durch.

Liebe. Wie konnte man das, was man für einen Menschen empfand, den man gerade erst kennengelernt hatte, Liebe nennen? Aber sie wusste nicht, wie sie es sonst nennen sollte, diese glühende, überwältigende Gewissheit, dass jemand den Schlüssel zu ihrer Zukunft besaß. Wenn sie an Harry Swann dachte, schoss etwas Heißes durch ihre Adern, ungestüm und süß und unaufhaltsam. Und das Gefühl war nicht einseitig. Das machte es so berauschend, zu spüren, dass es auf Gegenseitigkeit beruhte: Wie ihre Blicke sich ineinander gebohrt hatten, auf der Suche nach Anhaltspunkten, nach Informationsschnipseln, aus denen Erinnerungen entstehen konnten. Die Farbe einer Sommersprosse, die Länge einer Wimper, die Art, wie Haare sich im Nacken kräuselten. Schließlich blieb ihnen nicht viel Zeit, um gemeinsame Erinnerungen zu erschaffen.

Sonntag. Das war schon morgen. Noch nie hatte sie solche Angst empfunden. Sie stellte sich vor, wie sie in einer riesigen Standuhr hockte und sich an das Gewicht des Pendels klammerte, um die Uhrzeiger am Weitergehen zu hindern. Noch nie hatte sie sich ihrem Schicksal so ausgeliefert gefühlt. Nicht einmal der Krieg hatte eine solche Panik in ihr ausgelöst. Andererseits war der Krieg an der ganzen Situation schuld.

Der Krieg war an allem schuld.

»Jilly.« Sie sah sein Lächeln nicht, doch sie spürte es, als sie die Stufen zum Pavillon hochging und er sie in die Arme nahm.

Harry Swann. Ein Heldenname, dachte sie. In weniger als zehn Monaten war er vielleicht schon Pilot und flog in die Schlacht … 

Der Stoff seiner Windjacke fühlte sich rau an, rauer als das Jackett, das er am Vorabend getragen hatte. Sie schob die Arme unter die Jacke und spürte seine Wärme unter dem Flanellhemd, atmete seinen Geruch ein, der ihr schon so vertraut war. Dieser Geruch nach Zedern und Tabak und Leder machte sie ganz schwindelig. Es war der Geruch eines Mannes, nicht der eines Jungen.

Sie sprachen kaum. Beide wussten, dass Worte beinahe bedeutungslos sein würden. Was sie tagsüber getan hatten, war irrelevant. Über die Zukunft zu sprechen war sinnlos, dafür war sie viel zu ungewiss. Sie lebten nur für diesen Augenblick, das Gestern und das Morgen spielten keine Rolle.

Sein Mund fand den ihren. Ihre Finger gruben sich in sein Haar. Seine Lippen waren an ihrem Hals. Sie spürte, wie der Knopf an ihrem Rockbund aufging und der derbe Tweedstoff an ihren Beinen hinunterrutschte, wie ihr weicher Pullover über ihren Kopf glitt und ihre bleiche Haut entblößte. Er wärmte sie mit seinem Körper, raubte ihr den Atem, raubte ihr die Sprache, ließ ihre Knie weich werden. Und auch sie erkundete seinen Körper, zog ihm ohne Hemmungen ein Kleidungsstück nach dem anderen aus.

Schon bald lagen ihre Kleider um sie herum auf dem Boden verstreut, war nur noch Haut auf Haut zu spüren.

In Jillys Kopf schrillten keine Alarmglocken. Keine strengen Eltern oder Lehrer und keine entsetzte Freundin ermahnte sie innezuhalten. Nicht einmal ihr Gewissen, das normalerweise ziemlich lautstark war, regte sich. Jilly war von Natur aus nicht besonders verwegen, aber die Anziehungskraft, die Harry auf sie ausübte, war stärker als ihr moralischer Kompass.

Es war ihre erste und letzte Chance. Sie wollte ihm so nahe kommen wie irgend möglich. Sie wusste, dass es der reine Wahnsinn war, doch das Verlangen war stärker. Er hielt einen Moment lang inne.

»Bist du dir ganz sicher?«, flüsterte er ihr ins Ohr, und sein Atem ließ sie erschauern.

Sie brachte kein Wort heraus. Stattdessen drängte sie ihn mit ihrem Körper weiterzumachen. Es war eine instinktive Reaktion, und sie war eindeutig.

Sie spürte den unebenen Boden des Pavillons unter sich und seinen warmen Körper auf sich, spürte, wie er in sie eindrang, hörte ihr Blut rauschen. Es war überwältigender, als sie es sich je hätte vorstellen können. Und irgendwie wusste ihr Körper, was er zu tun hatte, wann er nachgeben, wann er die Führung übernehmen, wie er den Rhythmus vorgeben musste. Sie fühlte sich geschmeidig und sicher, zog ihn immer tiefer in sich hinein, bis eine furiose Explosion sie durchfuhr, und sie lachten und weinten und küssten sich gegenseitig die Tränen von den Wangen.

Jilly stöhnte.

»Du bist wunderbar«, flüsterte Harry. »Ich möchte dich nie mehr loslassen.«

»Dann tu’s nicht«, flüsterte sie. »Halt mich fest. Lass uns für immer hier bleiben.«

Er war immer noch in ihr. Langsam begann er wieder, sich zu bewegen, und sie spürte seine Erektion, spürte das warme Kribbeln in sich wieder anschwellen und durch ihre Adern schießen, und sie stieß einen Laut größter Lust aus.

»Schsch«, sagte er lachend und küsste sie. »Du weckst noch ganz Bath auf.«

Auch sie musste lachen und küsste ihn. »Das ist mir egal«, hauchte sie und umklammerte ihn mit den Beinen, um ihn in sich zu halten. Ihr Körper war wie elektrisch geladen und schien den Pavillon erbeben zu lassen. Das Blut rauschte ihr in den Ohren.

Plötzlich hielt er inne, anscheinend hatte er etwas gehört. Der Pavillon bebte immer noch, und in ihren Ohren rauschte es immer noch, aber es war noch ein anderes Geräusch zu hören. Ein sehr Reales.

»Verdammt. Wir werden bombardiert.« Er rollte sich von ihr hinunter, und plötzlich wurde ihr alles klar. Das Rauschen kam nicht von ihrem Blut. Es kam von den Bombern. Sie war es gewohnt, dass sie jede Nacht auf dem Weg nach Bristol über Bath hinwegflogen. Aber diesmal waren sie nicht auf dem Weg nach Süden. »Sie bombardieren uns! Diese dreckigen Hunde!«

Jilly setzte sich auf. Sie sah Leuchtbomben vom Himmel fallen, sah sie sich wie tödliche Ballerinas im Mondlicht drehen. Und dann das schreckliche Geräusch, als sie einschlugen, überall um sie herum, und das Aufheulen der Sirenen.

»Es kann nicht sein, dass sie Bath bombardieren!« Das musste ein Irrtum sein, ein fehlgeleiteter Angriff. Bath war weder strategisch von Bedeutung, noch hatte es viele Einwohner. Niemand hatte je geglaubt, dass die Stadt einmal das Ziel von Bomben werden konnte.

»Doch, genau das tun sie!«, sagte Harry. Er stützte sich mit den Händen auf das Geländer des Pavillons und schaute zum Himmel hinauf. Nackt, wie er war, wirkte er im Mondlicht wie eine marmorne Statue. Doch dann bückte er sich und suchte seine Kleider zusammen.

»Meine Eltern. Ich muss zu meinen Eltern.« In aller Eile zog Jilly ihren Rock und ihren Pullover an. Sie schlüpfte in ihre Schuhe, machte sich jedoch nicht die Mühe, sie zuzubinden. Als sie die Stufen hinunterlaufen wollte, hielt er sie fest.

»Du musst hierbleiben. Offene Flächen werden nicht bombardiert, nur Gebäude. Du bringst dich in Gefahr, wenn du den Park verlässt.«

Er umarmte sie von hinten, drückte ihre Arme an ihren Körper. Sie wand sich in seinem Griff, versuchte, seine Hände von ihren Armen zu lösen. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie sich gewünscht, für immer in seinen Armen zu liegen.

»Lass mich los«, sagte sie.

»Nein. Es ist zu gefährlich.«

Er war viel stärker als sie, und sie hörte auf, sich zu wehren.

»Keine Sorge, ich beschütze dich.«

Sie nickte und lehnte sich an ihn. Ihr Atem ging schwer von der Anstrengung. Schließlich lockerte er seinen Griff. Sie rührte sich nicht, bis er sich bückte, um sich die Schuhe anzuziehen. Dann rannte sie los.

»Jilly!« Immer noch halb nackt stand er im Pavillon. Hastig sammelte er seine restlichen Kleider ein. »Jilly! Warte!«

Sie verschwand im Dickicht. Sie kannte den Park wie ihre Westentasche, hier hatte sie schon als Kind gespielt. Er hatte keine Chance, ihr zwischen den Bäumen hindurch bis zur Straße zu folgen. Auf seine Rufe reagierte sie nicht. Sie würde sich nicht aufhalten lassen. Selbst als sie einen Schuh verlor, blieb sie nicht stehen, sondern schüttelte den zweiten auch noch ab. Barfuß zu laufen war einfacher als mit einem Schuh. Die Leuchtbomben erhellten den Nachthimmel, während die Flugzeuge über ihr kreischten, ein grauenvolles Geräusch. Sie hatte über Bombenangriffe gelesen, das hatten sie alle. Aber weder die Beschreibungen in den Zeitungen noch die Radioberichte kamen der Realität nahe.

Als sie die Hauptstraße erreichte, sah sie Menschen zu den Schutzräumen rennen, Panik in den Augen, Frauen mit Säuglingen, Männer mit Kleinkindern auf dem Arm. Jillys Lunge brannte vor Anstrengung, ihre Fußsohlen waren blutig, und sie blieb kurz stehen und schaute hinter sich den Hügel hinunter. Am Horizont hatte der Himmel sich vor Flammen rot gefärbt. Immer noch fielen die Leuchtbomben und tauchten alles in silbriges Licht. Der Lärm war infernalisch. Ihr Herz raste, Sirenen heulten, Flugzeugmotoren dröhnten … 

Plötzlich kam ein Flugzeug im Sturzflug auf sie zu. Sie hörte Warnrufe. Das Flugzeug würde doch wohl nicht auf der Straße landen? Sie stand im Licht seines Suchscheinwerfers. Der Bordschütze hatte sie direkt im Visier. Er zielte auf sie. Sah er denn nicht, dass sie nur ein junges Mädchen war? Eine ängstliche, verzweifelte junge Frau? Sie warf sich in einen Hauseingang, als der Schütze das Feuer eröffnete.

Sie kauerte sich in die Ecke, zu panisch, um zu weinen. Ein Rettungswagen raste mit eingeschalteter Sirene vorbei. Sie atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen, und nach einer Weile wagte sie sich vorsichtig und zitternd aus ihrem Versteck.

Sie lief weiter hügelan. Überall um sie herum roch es verbrannt. Ihre schöne Stadt, dachte sie. Sie konnten sie doch nicht einfach zerstören. Es wäre doch ein Verbrechen, jahrhundertealte Gebäude in Schutt und Asche zu legen, oder? Als sie um eine Ecke bog, sah sie, dass von einem der Häuser in der Straße nur noch ein Haufen Schutt übrig war. Unmöglich zu sagen, ob die Bewohner darunter begraben lagen. Sie überlegte, ob sie versuchen sollte zu helfen, doch sie dachte an ihre Eltern. Dann sah sie ein Feuerwehrauto um die Ecke biegen und atmete erleichtert auf. Angesichts des Ausmaßes der Zerstörung hätte sie sowieso nicht viel tun können.

Sie setzte ihren Weg fort, den Hügel hinauf, keuchend vor Anstrengung. Noch einmal blieb sie stehen, um zu verschnaufen, und drehte sich um. Über dem Stadtzentrum waberte schwarzer Rauch, blutrote Flammen züngelten gen Himmel, und der Mond blickte verwundert zur Erde herab.

Endlich erreichte sie ihre Straße. Lark Hill. Ein Dutzend Häuser, die ihr so vertraut waren wie ihre Finger. Der Rauch war so dicht, dass sie nur die ersten drei Häuser erkennen konnte. Der schreckliche Lärm explodierender Bomben hatte nachgelassen, und die Flugzeuge entfernten sich, stattdessen waren Schreie zu hören und Sirenen und das Prasseln von Flammen. So musste es in der Hölle sein, dachte Jilly.

»Jilly!« Mr. Archer, ihr Nachbar, kam ihr entgegen. Er war der Luftschutzwart für Lark Hill. Sie kannte ihn, seit sie denken konnte. Seine Frau hatte sie im Kinderwagen spazieren gefahren, wenn ihre Mutter arbeiten musste. Wenn sie die steile Straße in Richtung Park hinuntergingen, hatte sie oft so getan, als würde sie den Kinderwagen loslassen. Jilly konnte sich noch erinnern, wie sie vor Vergnügen gejuchzt hatte.

»Ich muss nach Hause«, sagte sie.

»Es tut mir so leid, Liebes.« Mr. Archer packte sie an den Armen und zog sie fort.

»Meine Eltern …« Schluchzend wand sie sich in seinem Griff, er hielt sie genauso fest wie Harry. Aber sie hatte längst keine Kraft mehr, um sich loszureißen. »Meine Eltern …«

»Du kannst nichts mehr tun«, sagte Mr. Archer.

Und da begriff sie.

2

September 2017

Willow hatte sich für ihr Abschiedsessen Nachos gewünscht. Aber Laura konnte natürlich nicht einfach eine Schüssel mit Chilisoße und eine große Tüte Tortillachips auf den Tisch stellen, wie jeder andere es getan hätte. Stattdessen stand am Tag, bevor Willow ins Studentenheim zog, um fünf Uhr nachmittags ein dampfender gusseiserner Topf auf dem Aga-Herd, aus dem es nach Kreuzkümmel und Zimt und Chili duftete. Auf der Arbeitsfläche standen kleine Schüsseln mit geriebenem Käse, saurer Sahne, Guacamole, Jalapeños, scharf gewürzten Bohnen, gehacktem Koriander und Maissalat. Limettenschnitze warteten darauf, in Bierflaschen gesteckt zu werden – Laura hatte mexikanisches »cerveza« gekauft, wie sie scherzhaft mit einem spanischen Lispeln verkündete.

Auf Margaritas hatte sie verzichtet, schließlich wollte niemand den nächsten Tag mit einem Kater beginnen: Es war eine sechsstündige Autofahrt bis York, und der Tag würde schon anstrengend genug werden, auch ohne von Tequila verursachte Kopfschmerzen.

Auf die Schieferplatte der Kücheninsel hatte sie winzige Blumentöpfe mit Kakteen und leere Milchflaschen mit rosa, gelben und orangefarbenen Gerbera gestellt. An einem Haken in der Decke hing eine piñata in Form eines Esels. Sie hatte es sich verkniffen, die piñata mit Süßigkeiten zu füllen. Schließlich war das keine richtige Party, nur ein Abschiedsessen für Willow mit ihrer Familie und ein paar Freunden, ein paar Nachbarn und … Laura wusste nicht genau, wer sonst noch alles eingeladen war, aber spätestens um acht würde die Bude voll sein. So war das einfach in der Nummer 11.

Es war Lauras Art, sich gewaltig ins Zeug zu legen, aber diesmal hatte sie doppelten Aufwand betrieben, um sich davon abzulenken, dass morgen der Tag kam, vor dem sie sich fürchtete, wie sie sich noch nie vor einem Tag gefürchtet hatte – und es hatte einige gegeben. Einen Moment lang hielt sie in der stillen Küche inne.

Diese Küche war ihr Zufluchtsort, der Ort, wo sie sich geliebt fühlte und wo sie Liebe schenkte. Bei allem Trubel strahlte Laura dabei immer eine tiefe Ruhe aus. Niemand verstand, wie sie das machte.

»Wie schaffst du es, alles immer so mühelos aussehen zu lassen? Ich stehe jedes Mal kurz vor einem Herzinfarkt, wenn ich für Gäste kochen muss. Nichts sieht richtig aus, nichts schmeckt, wie es soll, ich mache mich komplett verrückt.« Sadie, ihre beste Freundin, war immer wieder von Neuem verblüfft über Lauras Kochkünste.

»Vielleicht liegt es daran, dass es mir einfach Spaß macht? Und dass ich nicht berufstätig bin und nicht immer so aussehen muss, als wäre ich gerade der neuesten Vogue entstiegen?«, gab Laura gern zurück.

Sadie war die Eigentümerin von »Ella«, der trendigsten Boutique in Bath, und sah immer aus wie aus dem Ei gepellt. »Du bist eben eine natürliche Schönheit. Du brauchst dich nicht stundenlang zurechtzumachen, um umwerfend auszusehen«, jammerte Sadie dann im Gegenzug.

Laura war tatsächlich eine Schönheit, mit Augen so braun wie Ahornsirup und einer wilden dunklen Mähne. Und sie machte in der Tat nichts aus sich, sie schaffte es gerade mal, sich morgens die Haare zu bürsten. Sie trug enge Jeans, weil sie Beine wie Bleistifte hatte, und darüber weite Leinenblusen und übergroße Sweatshirts, um ihren Busen und ihren Bauch zu verbergen, weil sie beides für zu dick hielt. Sie war sich ihrer Schönheit überhaupt nicht bewusst.

»Ich bin unförmig«, beklagte sie sich. »Wie eine Wachtel – viel zu viel Vorbau für meine dünnen Beine.«

Jetzt gerade kam sie sich ganz besonders unscheinbar vor, die Haare oben auf dem Kopf mit einem Gummiband zusammengehalten, eine blau-weiß gemusterte Schürze um den Bauch, einen hölzernen Kochlöffel in der Hand und die Ärmel mit Tomatensoße bekleckert. Und sie konnte nicht aufhören zuzusehen, wie Willow ihre Sachen packte.

Der Kofferraum ihres Wagens war bereits vollgestopft mit allem, was eine frischgebackene Studentin brauchte, das meiste von Ikea, weil es preiswerter war. Aber Laura hatte Willow auch ein paar Extras spendiert. Eine teure Matratzenauflage zum Beispiel, unerlässlich, wenn ein fremdes Bett bequem sein wollte. Eine Kuscheldecke für kalte Winterabende, für den Fall, dass Willow Heimweh bekam. Und ein teures Badeöl, denn Laura glaubte an die tröstende Kraft von Düften.

Willow neigte dazu, alles in letzter Minute zu machen. Gerade im Moment befand sich ihr Lieblingssweatshirt im Trockner, weil sie es erst am Vormittag bei ihrer Freundin abgeholt hatte. Laura, die eine Woche bevor sie in Urlaub fuhr, alle Sachen, die sie mitnehmen wollte, auf dem Gästebett zurechtlegte, brachte diese Eigenheit ihrer Tochter schier zur Verzweiflung.

Dom hatte gemeint, sie solle sich keine Sorgen machen. Falls Willow irgendetwas vergaß, konnte sie es immer noch mitnehmen, wenn sie das nächste Mal übers Wochenende nach Hause kam.

»Ich komm wahrscheinlich erst Weihnachten nach Hause«, hatte Willow daraufhin gesagt. »York ist echt weit weg, und ich kann mir die Zugfahrt nicht leisten.«

Bei der Vorstellung, ihre Tochter drei Monate lang nicht zu sehen, wurde Laura flau im Magen. Mit einem Seufzer verdrängte sie den Gedanken. Sie setzte sich an die Kücheninsel und nahm ihren Stift zur Hand. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zuletzt einen richtigen Brief geschrieben hatte, aber was sie zu sagen hatte, konnte sie nicht aussprechen, ohne loszuheulen. Sie begann in ihrer schönsten Handschrift zu schreiben, und genoss es, wie die feine Spitze des Stifts über das Papier glitt, wie sie aus Bögen und Kringeln perfekte Buchstaben formte.

Lark Hill 11

Bath

Meine liebste Willow,

ich möchte dich im Voraus um Verzeihung dafür bitten, dass ich so eine peinliche Mutternummer abziehe. Aber du kennst mich ja! Ich wollte dir auf deine Fahrt ins Abenteuer etwas mitgeben, was dich an dein Zuhause erinnert, und da ist mir einfach nichts Besseres eingefallen als diese Rezepte. Sie stammen alle aus der kleinen Rezeptschachtel, die in der Vorratskammer steht. Du und Jasmine habt sie im Lauf der Jahre oft benutzt und eure klebrigen Fingerabdrücke darauf hinterlassen!

Die ältesten Rezepte sind von deiner Ururgroßmutter – zum Beispiel die Pfannkuchen und der Yorkshirepudding (der Teig eignet sich auch gut für Würstchen im Schlafrock!). Der Streuselkuchen und das Teebrot sind von Kanga – beides hat sie für die Leute gebacken, die während des Kriegs bei ihr in der Nummer 11 einquartiert waren. Die Rezepte für Avgolemono und Spanakopita hat meine Mutter von ihren Reisen nach Griechenland mitgebracht (ich war nicht das einzige Mitbringsel … ). Sie eignen sich hervorragend für kühle Tage, wenn draußen der Wind heult, denn man kann die griechische Sonne herausschmecken!

Die restlichen Rezepte sind von mir, lauter Gerichte, die ich im Lauf der Jahre für euch gekocht habe. Brownies und Pfannkuchen und Würstchen im Schlafrock als Häppchen. Und deine Lieblingsgerichte: Spaghetti Bolognese und Chili con Carne und Thai Curry. Ich bin mir ziemlich sicher, dass du das alles auch so kochen kannst, aber sie gehören einfach dazu, und ich wollte, dass du ein kleines Andenken an die Familiengeschichte hast. Außerdem bin ich mir sowieso ziemlich sicher, dass du dich die meiste Zeit von Cheerios und Cheesy Puffs und Essen aus dem China-Imbiss ernähren wirst, aber vielleicht hast du ja auch hin und wieder Lust, deine neuen Freunde zu einem richtigen, selbst zubereiteten Abendessen einzuladen.

Ich bin unendlich stolz auf dich, Liebes, und ich bin davon überzeugt, dass du erfolgreich sein und das Beste aus deinem Studium machen wirst.

Ich drücke dich ganz fest,

deine Mum

Mit Tränen in den Augen überflog Laura ihren Brief noch einmal, dann faltete sie ihn zweimal quer. Sie steckte ihn in das Moleskine-Notizheft, das sie extra besorgt hatte. Auf jeder Seite stand ein Rezept. Sie hatte über eine Woche gebraucht, bis sie alles sorgfältig abgeschrieben hatte, und sie hatte das Heft die ganze Zeit vor der Familie versteckt. Es sollte eine Überraschung sein, aber sie war auch ein bisschen nervös. War das Geschenk vielleicht ein bisschen kitschig?

»Gott, wie das hier wieder duftet!«

»Kanga! Du hast mich zu Tode erschreckt!« Laura fasste sich ans Herz. »Ich war ganz in Gedanken.«

Kanga ging zum Aga-Herd, hob den Deckel vom Topf und schnupperte genüsslich. Dann schaute sie sich in der Küche um.

»Was wird das? Eine Party?«

»Ach, du kennst mich doch. Ich kann nicht anders.« Lächelnd ließ Laura das Notizheft in einer Schublade verschwinden. »Wahrscheinlich würde Willow viel lieber mit ihren Freunden in einen Pub gehen.«

»Das hat sie doch gestern Abend gemacht. Heute ist die Familie dran, das weiß sie.«

»Ja, und es soll ein schöner Abschied werden.«

»Du bist eine gute Mutter.«

»Ich hatte eben ein gutes Vorbild.« Laura lächelte ihre Großmutter an. Ihre Mutter war gestorben, als sie vier war, und von da an hatte Kanga sie großgezogen. Irgendwann hatte die kleine, nachdenkliche Laura sie nicht mehr »Granny« nennen wollen, weil sie viel mehr für sie war als eine Großmutter, und hatte ihr den Namen Kanga gegeben, nach dem Känguru aus Winnie Pu.

Mit dreiundneunzig Jahren – sie sah aus wie zwanzig Jahre jünger – war Kanga immer noch viel mehr als eine Großmutter. Sie trug eine hellgrüne Leinenbluse, eine schwarze Hose und Stiefeletten, ihr weißes Haar war kinnlang, und ihren dunkelgrauen Augen unter den schweren Lidern entging nichts. Laura sorgte sich immer, dass sie zu dünn war, aber Kanga tat das mit einem Lachen ab und sagte, ihr Appetit habe sich gleichzeitig mit ihrer Libido abgemeldet, und darüber sei sie froh. »Seitdem habe ich viel mehr Zeit, weil ich mir weder über Sex noch über Essen Gedanken machen muss«, verkündete sie, aber Laura fragte sich, wofür es sich sonst zu leben lohnte.

»Wo ist Dom?«, fragte Kanga, als sie an der Kücheninsel Platz nahm.

»Er hat heute Nachmittag eine Besprechung mit dem Baukalkulator. Auf dem Heimweg macht er bestimmt noch einen Abstecher zum Wellie.«

Das Wellington Arms war Doms Lieblingspub, wo er sich mit seinen Maklerfreunden traf, um Geschäfte zu besprechen, sich ein Rugby-Spiel anzusehen oder sich freitagnachmittags ein paar Drinks zu genehmigen.

Kanga runzelte die Stirn. »Selbst an Willows letztem Abend?«

»Ist schon in Ordnung. Er würde mich nur verrückt machen, wenn er hier wäre. Mir ist es viel lieber, wenn er fünf Minuten vor den anderen eintrudelt und mir nicht in die Quere kommt.« Laura zog das Gummiband aus ihrem Haar und verzog das Gesicht, weil ein paar Haare sich darin verfangen hatten. »Kannst du den Topf im Auge behalten, während ich mich umziehe?«

»Klar.«

»Im Kühlschrank ist Wein.«

Im Schlafzimmer neigte Laura den Kopf, sprühte sich etwas Trockenshampoo ins Haar und fuhr sich dann mit den Fingern durch ihre Locken. Zum Duschen reichte die Zeit nicht. Sie zog sich das Sweatshirt aus, in dem sie gekocht hatte, und suchte im Kleiderschrank nach etwas zum Anziehen. Sadie war so nett, ihr immer wieder etwas aus ihrer Boutique zum Geburtstag zu schenken, das Laura sich selbst nie geleistet hätte. Sie nahm eine hellgraue Bluse mit Pailletten und Perlmuttknöpfen aus dem Schrank und zog sie über den Kopf. Sie saß perfekt, so wie alle teuren Sachen.

»Hallo, Mum.« Willow stand in der Tür. Lauras Herz machte einen Satz. Jedes Mal, wenn sie ihre Tochter in letzter Zeit sah, würde sie sie am liebsten ganz fest in die Arme nehmen, weil alle ihre Ängste auf einmal über sie herfielen – ein außer Kontrolle geratener Bus, ein ungesicherter Balkon, eine Grippewelle … Gott, hatte Willow auch alle nötigen Impfungen? Laura wusste, dass sie das unzählige Male überprüft hatte, aber was, wenn sie irgendetwas durcheinandergebracht hatte? Wie immer, wenn die Angst sie packte, bekam sie einen trockenen Mund, und sie fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

»Bist du fertig mit Packen?«

»So ziemlich. Mein Schminkzeug und den Rest pack ich morgen früh ein.« Willow warf sich auf das Bett.

»Bist du aufgeregt?«

»Weiß nicht …«

Natürlich. Aufgeregt zu sein war uncool. »Freust du dich denn?«

»Es wird kommen, wie’s kommt.«

»Also, ich finde es aufregend. York ist eine schöne Stadt. Wir können uns morgen ein bisschen umsehen. Wenn die Sonne scheint, machen wir eine Stadtrundfahrt in so einem Bus mit offenem Verdeck.«

Willow lachte.

»Was ist?«, fragte Laura gekränkt.

»Du bist so lustig, Mum.«

»Das sollte gar nicht lustig sein.«

»Ich weiß. Deswegen bist du ja so lustig.«

Willow sprang auf und umarmte ihre Mutter. Laura atmete den Geruch ihrer Tochter ein. Süßliches, pudrig duftendes Parfüm und Kaugummi und diese fürchterlichen Räucherstäbchen, die Willow ständig in ihrem Zimmer abbrannte. Ganz anders als Jasmine, die schon im fünften Semester war und morgen in ihrem eigenen Wagen zurück zur Uni in Loughborough fahren würde, Jasmine, die nach Chlor und Talkum und Tigerbalsam roch.

Laura hatte immer dem Himmel dafür gedankt, dass Jasmine so sportlich war. Es hatte ihrem Leben Struktur gegeben, als alles andere im Chaos versunken war. Asthma war eine schwere Belastung für eine Familie. Man konnte nie wissen, wann Willow ihren nächsten Anfall hatte. Es hatte ein ganzes Team von Müttern gegeben, die im Notfall jederzeit bereit gewesen waren, zu helfen. Die Mitglieder der Korbball-Mafia, wie sie sich nannten, waren unglaublich loyal gewesen, hatten Jasmine für einen Nachmittag oder auch über Nacht mit zu sich genommen und nachher nach Hause gebracht. Das würde Laura ihnen bis an ihr Lebensende nicht vergelten können – aber das erwarteten sie auch nicht.

Hätte Jasmine ihr erklärt, sie wolle mit einem Skateboard nach Timbuktu fahren, hätte Laura sich keine Sorgen gemacht. Sie standen einander nahe, aber auf eine ganz andere Art. Als Jaz zum Studium nach Loughborough gegangen war, hatte Laura ihrer Tochter und sich einen Tag im Spa in Bath spendiert. Sie waren im Pool auf dem Dach geschwommen, hatten im römischen Dampfbad und in der Eiskammer gesessen und sich im Ruheraum mit Sternenhimmel und sanfter Musik entspannt. Es war ein wahres Vergnügen für die körperliche Jaz, die kaum jemals still sitzen konnte und eigentlich kaum umsorgt werden musste.

Aber Willow … 

Laura spürte, wie ihr die Tränen kamen. Sie wollte nicht in die Küche gehen und Willow mit den anderen teilen. Sie wollte sich mit ihr aufs Bett legen, auf Netflix ein paar Episoden Gilmore Girls schauen, M&M’s essen, warten, bis ihre Tochter in ihren Armen eingeschlafen war, so wie sie es immer nach einem Asthmaanfall gemacht hatten.

»Meinst du, ich sollte Magic mitnehmen?«, fragte Willow.

Magic. Der weiße Plüschhase, der vom vielen Schmusen ganz kahl war. Der Magic hieß, weil er Willow in allen möglichen Krankenhäusern beim Einschlafen geholfen hatte. Laura hatte plötzlich Angst um ihn. Was, wenn er verloren ging oder gestohlen wurde? Oder wenn irgendein Student ihn aus Jux und Tollerei aus dem Fenster warf?

»Wenn du ihn lieber hierlassen möchtest, passe ich auf ihn auf.«

»Ich hätte ihn gern bei mir, aber ich weiß nicht, ob es cool ist, ein Kuscheltier mit ins Studentenheim zu nehmen.« Willow verzog das Gesicht. »Jaz hat natürlich kein Kuscheltier mitgenommen, aber wir wissen ja alle, dass sie selbst auf sich aufpassen kann.«

Jasmines Teddybär war so gut erhalten wie an dem Tag, an dem er gekauft worden war.

»Ich würde ihn hierlassen«, sagte Laura, die nicht zugeben wollte, dass Magic nicht nur für Willow, sondern auf für sie ein Talisman gewesen war. »Aber du passt doch auf dich auf, oder?«

»Mum.« Willow setzte sich auf und sah ihre Mutter streng an. »Kannst du mal aufhören, dir Sorgen zu machen? Ich bin doch nicht dumm. Außerdem ist es schon anderthalb Jahre her.«

»Das bedeutet nicht, dass du keinen Anfall mehr bekommst. Alles Mögliche könnte einen auslösen.«

York, dachte Laura. Wenn irgendetwas passierte, konnte sie unmöglich schnell genug dort sein. Selbst London wäre näher gewesen. Aber vielleicht hatte Willow das Bedürfnis auszubrechen. Laura wusste, dass sie eine Glucke war, aber welche Mutter war das nicht?

Lass sie los, mahnte ihre innere Stimme.

Sie drehte sich um und nahm ihre Wimperntusche von der Kommode. Dieses Gespräch hatten sie schon zigmal geführt, seit Willow sich für einen Studienplatz beworben hatte. Wenn es nach Laura gegangen wäre, würde Willow in Bristol studieren.

»Mummy. Es wird alles gut. Ich versprech’s dir.«

Die Stimme ihrer Tochter klang lieb und verständnisvoll, was sie nur noch mehr zum Weinen brachte.

Es klopfte, und Jaz streckte den Kopf in die Tür.

»Alles in Ordnung? Kann ich noch irgendwas tun? Ich war unterwegs tanken und hab von der Tankstelle einen Beutel Eis mitgebracht.«

Laura seufzte erleichtert. Jaz war so praktisch und vorausschauend – ganz anders als die meisten jungen Leute. Sie legte die Wimperntusche ab und drehte sich um.

»Komm rein. Kommt her zu mir, alle beide.«

Ihre Töchter ließen sich von ihr umarmen.

»Gruppenumarmung«, sagte Jaz, und sie drückten einander ganz fest.

»Ich bin so stolz auf euch«, sagte Laura mit erstickter Stimme. »Was mach ich nur, wenn ihr beide weg seid?«

»Darüber haben wir doch gesprochen«, sagte Jaz ernst. »Du hast Pläne, oder? Und ich hab dir versprochen, dir mit der Technik zu helfen.«

Laura drückte ihre große Tochter, dankbar für die Unterstützung. Die praktische Jaz ließ sich von nichts aus dem Konzept bringen. Das hatte sie vermutlich von Kanga. Sie selbst besaß nicht das Selbstbewusstsein ihrer Tochter, auch wenn sie als Mutter oft so tun musste, als ob.

»Auf geht’s, Griffin Girls«, rief sie und reckte die Faust in die Luft wie eine Cheerleaderin. Das war ihr Team-Name, den sie ausriefen, wenn sie mal wieder den familiären Zusammenhalt spüren wollten.

»Auf geht’s, Griffin Girls«, wiederholten Willow und Jaz im Chor.

Laura lächelte.

»Kommt. Das Essen wartet.«

Eine Stunde später war Laura davon überzeugt, dass das Abschiedsessen genau die richtige Idee gewesen war. Aber sie hatte keine Zeit, bei dem Gedanken zu verweilen. Als Erste war Sadie eingetroffen und hatte Willow einen Schuhkarton überreicht. Er enthielt mit Pailletten besetzte Sneakers.

»O mein Gott, die sind ja großartig!«, rief Willow begeistert aus.

»Die bringen dir Glück, wenn du sie trägst«, sagte Sadie. »Für Jaz hab ich auch ein Paar mitgebracht.«

»Spendabel wie immer«, flüsterte Laura ihrer Freundin lächelnd zu. Sadie, die keine eigenen Kinder hatte, liebte es, Willow und Jaz zu beschenken.

Mike und Daphne von nebenan kamen mit einer Popcorn-Maschine. Dann traf Edmond ein, der Wirt der Cocktailbar, in der Willow den Sommer über gejobbt hatte. Das »Reprobate« war eine angesagte Bar, die als irgendwie glamourös und verrucht zugleich galt. Mit seinem blassen Gesicht, den großen grauen Augen und dem grünen Samtanzug wurde Edmond diesem Ruf gerecht, aber Laura wusste, dass er unter der gestylten Oberfläche sehr liebenswürdig und ein äußerst angenehmer Chef war – mit ein Grund für den großen Erfolg der Bar.

Er überreichte Willow eine Grußkarte mit einem Motiv von Gustav Klimt, in der zwei Fünfzig-Pfund-Scheine steckten. Es war eine Anerkennung für Willows Zuverlässigkeit und dafür, dass sie immer bereit gewesen war, sofort einzuspringen, wenn sich jemand krankgemeldet hatte.

»Ich weiß gar nicht, was ich ohne sie machen soll«, sagte er zu Laura. »Ich hoffe, dass sie über Weihnachten in der Bar aushilft.«

»Macht sie bestimmt. Sie wird das Geld brauchen«, erwiderte Laura lächelnd.

Er schob ihr eine Strähne hinters Ohr. »Und was ist mit Ihnen, meine Liebe? Was werden Sie machen, jetzt wo die Kinder aus dem Haus sind? Haben Sie schon irgendwelche Pläne?«

Laura fand es rührend, dass er sie danach fragte. Er war kein Typ, von dem man erwartete, dass er sich für die Sorgen von Frauen in mittleren Jahren interessierte. »Ich habe durchaus ein paar Ideen«, sagte sie. »Zum Beispiel wird es allmählich Zeit, dass ich zum Unterhalt der Familie beitrage.«

Edmond runzelte die Stirn. »Das kommt aber hoffentlich nicht von Dom, oder?«

»Gott, nein. Aber machen wir uns nichts vor. Ich habe schon seit Ewigkeiten kein Geld verdient. Jetzt habe ich keinen Grund mehr, mich davor zu drücken.« Sie zwinkerte ihm zu.

»Und was haben Sie vor?«

Laura hatte ihren Töchtern von ihrer Idee erzählt, sie Dom gegenüber jedoch nur beiläufig erwähnt, denn er hatte schon genug Stress in seinem Job, auch ohne dass sie ihm mit ihren Plänen in den Ohren lag. Jetzt entschloss sie sich, Edmond ihre Idee zu unterbreiten, denn sie gab viel auf seine Meinung.

»Ich hatte mir überlegt, es mal mit Airbnb zu versuchen. Wir haben oben unterm Dach noch zwei Zimmer. Im Moment dienen sie nur als Rumpelkammern, aber sie wären perfekt dafür geeignet.«

Edmond nickte. »Damit könnten Sie sich eine goldene Nase verdienen. Das ist leicht verdientes Geld. Und Ihr Haus ist groß genug, Sie würden die Gäste nicht mal bemerken. Und Sie können so viel verlangen, wie Sie wollen. Ein Croissant zum Frühstück, dazu die Rechnung, Job erledigt. Und schon klingelt’s in der Kasse.«

Sie lachte. »Na ja, ganz so einfach wird es wohl nicht sein.«

»Doch, doch! Ehrlich, alle machen das. Ich sag’s Ihnen, Laura. Sie können pro Wochenende ein paar Hundert Pfund verdienen, und dafür brauchen Sie nur die Betten frisch zu beziehen und ein paar Fresien in eine Vase zu stellen. Am frühen Abend einchecken, bis elf Uhr auschecken. Und so gut wie Sie kochen, könnten Sie den Leuten noch für fünfzig Pfund ein Abendessen anbieten – Bœuf bourguignon oder Rouladen oder was weiß ich.«

»Meinen Sie das ernst?« Seine Begeisterung war regelrecht ansteckend.

»Na klar. In Bath wimmelt es von Touristen, und die brauchen schließlich eine Bleibe. Sie könnten schon nächstes Wochenende die ersten Gäste haben. Aber nehmen Sie bloß keine Leute, die einen Junggesellenabschied feiern.« Er schürzte die Lippen. Im Reprobate waren Junggesellenabschiede nicht gestattet. »Das passt einfach nicht zu Bath. Die mögen eine Menge Geld ausgeben, aber sie richten nur Chaos an.«

Das stimmte – die Stadt war bei jungen Leuten, die vor der Hochzeit noch mal eine Sause machen wollten, sehr beliebt, aber das hatte auch Nachteile.

Laura war auf einmal ganz aufgeregt. Vielleicht sollte sie Dom ihre Idee als ernst gemeinten Vorschlag präsentieren und nicht einfach nur als vage Möglichkeit. Eigentlich war es nur ein Gedankenspiel gewesen, weil sie ohnehin schon seit Längerem vorhatte, die Dachzimmer auszuräumen. Aber jetzt, nachdem sie es ausgesprochen hatte, schien ihr die Idee durchaus realistisch zu sein. Die perfekte Möglichkeit, etwas Neues auszuprobieren, das sich vielleicht sogar als lukrativ erweisen würde. Dom hatte sich noch nie darüber beklagt, dass er allein das Geld verdiente, aber er arbeitete seit vielen Jahren sehr hart. Mit einer eigenen Einkommensquelle konnte sie ihn vielleicht ein bisschen entlasten. Und zusätzlich würden sie womöglich ein paar nette Leute kennenlernen. Laura liebte es, wenn das Haus von Lachen erfüllt war, und jetzt, wo die Mädchen beide aus dem Haus sein würden … 

Sie warf einen Blick auf die Uhr. Eigentlich müsste Dom längst zu Hause sein. Es war schon nach acht. Ein paar weitere Freunde und Nachbarn waren eingetroffen, außerdem mehrere Schulfreunde von Willow. Sasha, Poppy und Emma würden in einem Monat zu ihrem freiwilligen sozialen Jahr ins Ausland aufbrechen. Laura war dem Himmel dankbar, dass Willow nicht auf die Idee gekommen war, für ein Jahr nach Kolumbien zu gehen. Sie wollte sich nicht einmal vorstellen, wie es wäre, wenn die eigene Tochter sich in Lateinamerika herumtrieb. Für sie war York schon schlimm genug.

»Für mich gab es keine solche Abschiedsparty«, sagte Jaz grinsend, aber es machte ihr nichts aus. Alle wussten, dass es an ein Wunder grenzte, dass Willow überhaupt die Schule erfolgreich abgeschlossen und den gewünschten Studienplatz bekommen hatte. Sie hatte im Lauf der Jahre sehr viel in der Schule gefehlt, den Stoff jedoch jedes Mal mit großem Fleiß aufgeholt. Einmal hatte die Schulleitung ihr empfohlen, ein Jahr zu wiederholen, aber sie hatte unbedingt mit ihren Freunden zusammenbleiben wollen, und mit Entschlossenheit und Ausdauer hatte sie es geschafft. Und so war dieses Essen heute neben einem Abschied auch eine echte Feier.

Als Laura um halb neun vorgewärmte Teller verteilte, damit alle mit dem Essen anfangen konnten, kam Dom herein. Er wirkte angespannt.

»Alles in Ordnung?«, fragte Laura.

»Jetzt ja. Ich musste mir den Mund fusselig reden, um denen die nächste Finanztranche aus den Rippen zu leiern. Tut mir leid, dass ich so spät bin, aber es war gut investierte Zeit.«

Laura wusste, dass Dom mit seinem neuesten Bauprojekt unter enormem Druck stand. Es ging um den Umbau eines siebenstöckigen Hauses in den Wellington Buildings, einer prächtigen Häuserreihe aus dem achtzehnten Jahrhundert in unmittelbarer Nähe zum Royal Crescent, zu drei Eigentumswohnungen. Es war sein bisher größtes Projekt. Die Finanzierung war kompliziert, und das Gebäude selbst stellte sie vor immer neue Probleme – die Tücken eines uralten Abwassersystems, die Anforderungen der Denkmalschutzbehörde, der Nachweis, dass der Bau auch dem Standard der Zukunft entsprechen würde. Jeder Tag brachte neue Herausforderungen mit sich. Und eine davon bestand darin, die Banken bei Laune zu halten. Laura nahm es ihm nicht übel, dass er sich verspätet hatte, denn sie wusste genau, dass er viel lieber zu Hause gewesen wäre, als bei einer Besprechung mit den Bankern schön Wetter zu machen.

Sie umarmte ihren großen Bären von einem Mann. Er wurde häufig für Will Carling gehalten, mit seinem dichten Haar und dem Grübchen am Kinn. Dom hatte das Rugbyspielen nach dem Studium aufgegeben, aber bei wichtigen Spielen war er immer im Stadion.

»Möchtest du was essen?«

»Ja, gern.« Er nahm sich eine Flasche Bier und trank sie in einem Zug halb aus. »Um wie viel Uhr geht’s morgen los?«

Das hatte sie ihm schon mindestens zehnmal gesagt, dachte Laura verärgert, während sie einen Teller mit Chili con Carne füllte.

»Um sieben.«

Er blies die Backen auf und nickte erschöpft. Laura hatte sofort ein schlechtes Gewissen, weil seine Frage sie geärgert hatte. Er war müde. Sie wusste, dass er häufig nachts nicht schlafen konnte, weil sein Projekt ihn so beschäftigte. Geplant war, die Wohnungen zu Beginn des neuen Jahres auf den Markt zu bringen, aber er hatte noch einen weiten Weg vor sich. Und jeder Tag kostete ihn horrende Zinsen. Sie würde ihm vorschlagen, dass sie sich morgen ans Steuer setzen würde. Sie fuhr nicht gern lange Strecken, aber so würde er im Auto ein bisschen Schlaf nachholen können.

Als alle mit dem Essen fertig waren, stand Willow auf und klopfte mit ihrer Gabel an ihr Glas. Normalerweise war sie sehr zurückhaltend, doch jetzt lächelte sie glücklich in die Runde.

»Das ist ein Riesending für mich. Ich hätte nie gedacht, dass dieser Tag mal kommen würde. Und deswegen möchte ich mich bei ein paar Leuten bedanken. Vor allem bei meiner großen Schwester. Sie hat sich nie beklagt, wenn ich mal wieder alles über den Haufen geworfen hab, weil ich einen Asthmaanfall hatte, nicht mal, als wir den Ausflug nach Euro-Disney absagen mussten. Und sie hat mir für die Zeit im Krankenhaus richtig geile Playlists zusammengestellt und mich in ihrem Zimmer Skins gucken lassen, obwohl ich das eigentlich gar nicht sehen durfte.«

Laura tat so, als wäre sie schockiert, als die Mädchen sie verschwörerisch angrinsten.

»Ich bin stolz auf dich, Willow«, sagte Jaz. »Aber falls du mein Jack-Wills-Sweatshirt geklaut hast, bring ich dich um.«