Ein Rezeptbuch fürs Leben - Sara Brunsvold - E-Book

Ein Rezeptbuch fürs Leben E-Book

Sara Brunsvold

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Beschreibung

Erschüttert von der Scheidung ihrer Eltern und entmutigt durch die wachsende Kluft zwischen sich und ihrem Freund Isaac sucht Nikki Werner Ruhe, Frieden und Trost auf der Farm ihres Onkels in der Nähe einer idyllischen Kleinstadt in Missouri. Dort will sie den Sommer verbringen, um die Scherben ihrer zerrütteten Beziehungen aufzusammeln und sich Gedanken über ihre Zukunft zu machen. Doch was sie auf der Farm ihrer deutschstämmigen Großeltern erwartet, entpuppt sich als eine Reise in die Vergangenheit, auf die sie kaum vorbereitet war. Unter den Habseligkeiten ihrer verstorbenen Großmutter findet Nikki ein altes Notizbuch mit handgeschriebenen Rezepten und Bibelversen aus dem Buch der Sprüche. Mit jedem Rezept, das sie zubereitet, lädt sie Einheimische an den Familientisch ein, um mehr über die Geschichte der Stadt, ihrer Vorfahren und ihres Vaters zu erfahren - und dabei langsam, aber sicher den Weg innerer Heilung zu beschreiten.

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Seitenzahl: 459

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über die Autorin

Sara Brunsvold schreibt preisgekrönte Geschichten voller Hoffnung, (Glaubens-)Weisheit und Freude über die kleinen Dinge des Lebens. Ihre Vorliebe für generationenübergreifende Geschichten rührt aus ihrer Kindheit in einem Mehrgenerationenhaushalt. Sie lebt mit ihrer Familie in Kansas City im US-Bundesstaat Missouri.

Sara Brunsvold

Ein Rezeptbuch fürs Leben

Roman

Aus dem amerikanischen Englisch von Eva Weyandt

Gerth Medien

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.Die automatisierte Analyse des Werkes, um daraus Informationen insbesondere über Muster, Trends und Korrelationen gemäß § 44b UrhG („Text und Data Mining“) zu gewinnen, ist untersagt.

Die amerikanische Originalausgabe ist im Verlag

Revell, a division of Baker Publishing Group, Grand Rapids, Michigan in 11400 Hampshire Avenue South, Bloomington, Minnesota 55438 erschienen.

© 2024 by Sara Brunsvold

© 2025 der deutschen Ausgabe Gerth Medien in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Berliner Ring 62, 35576 Wetzlar

Dieses Buch ist ein Werk der Fiktion. Namen, Charaktere, Ereignisse und Dialoge entstammen der Vorstellungskraft der Autorin. Jede Ähnlichkeit mit tatsächlichen Ereignissen oder Personen, ob lebend oder tot, ist rein zufällig.

Die verwendeten Bibelstellen wurden den folgenden Übersetzungen entnommen:Lutherbibel © 1912, Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart (Zitate aus den Sprüchen)

Neues Leben. Die Bibel, © der deutschen Ausgabe 2002 und 2006 SCM R.Brockhaus in der SCM Verlagsgruppe GmbH, Witten/Holzgerlingen (Sprüche 17,17, Epheser 4,31-32 und Epheser 1,17-18)

Erschienen im August 2025

ISBN 978-3-96122-697-9

Umschlaggestaltung: Hanni Plato

Umschlagmotiv: Gert Wagner unter Verwendung von bildgebenden Generatoren

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

Übersetzung: Eva Weyandt

www.gerth.de

Für PapaDer Samen, der vor so vielen Jahren gesät wurde, trägt nach wie vor Frucht.

Nikki Werners Stammbaum

Eins

Die Nachricht auf ihrem Handy machte Nikki Werner mal wieder sehr deutlich, dass sie im Leben ihres Vaters keine Rolle spielte. Vier Monate lang hatte das kleine Mädchen in ihr in ihrem Herzen gerufen, ihr Vater möge doch zurückkommen, vier Monate lang hatte sie sich gefragt, ob er ihre Schreie wohl hören könnte. Doch nun hatte sie ihre Antwort bekommen. Sie war laut und deutlich und unübersehbar in den sozialen Netzwerken verewigt.

Noch einmal las sie, was Hannah geschrieben hatte. Die Worte waren immer noch dieselben.

Ich dachte, das solltest du wissen.

Auch das Foto hatte sich nicht verändert. Ein Screenshot von einem Post. Ihr Vater stand in einem hellgrauen Anzug neben einer Frau in einem weißen Kleid. An seinem Revers steckte ein Anstecksträußchen. Seine beiden erwachsenen Töchter hatten diese Frau noch nie gesehen.

Sie schickte ihrer Schwester eine Antwort.

Ihm scheint alles egal zu sein.

War das so? Waren sie ihm wirklich gleichgültig? Alle beide?

Die grauen Wolken vor dem Fenster ihres Klassenzimmers breiteten sich über dem stahlblauen Morgenhimmel aus, blähten sich auf wie ein Ballon. Wie ein Makel über einem ruhig daliegenden Meer. Die dunkle Wolke bündelte ihre Kräfte und ließ sich mitreißen von dem unsichtbaren Wind, der auch an den Baumwipfeln riss. Die Welt drehte sich in einem atemberaubenden Tempo weiter, ohne Rücksicht auf die erschöpften und verzweifelten Menschen.

Vier lange Monate waren vergangen, seit ihr Vater eine Tasche gepackt und ihre Mutter und sie, seine beiden Töchter, verlassen hatte. Alles, was sie über ihn zu wissen glaubten, über ihre Familie, über die Liebe, alles war kaputt. Wie viele ihrer Vorstellungen würde sie noch korrigieren müssen?

Die Tür zum Klassenzimmer quietschte in den Angeln. Tracy Brown trat ein und hob die beiden Pappbecher mit Kaffee in ihrer Hand hoch und sagte: „Halleluja, Miss Werner, der letzte Schultag ist da! Juchhu!“

Ihre Füße steckten in diesen Stoffsandalen, die Frauen mittleren Alters, wie sie es war, so liebten. Dazu trug sie ein T-Shirt mit einem witzigen Aufdruck. Wenn ihr Outfit ein Hinweis auf ihre Wünsche für den anstehenden Sommer war, dann gab es keinen Zweifel. Sie wollte ihn ohne Kleiderzwänge und mit jeder Menge Baseballspielen der Kansas City Royals genießen.

Nikki riss sich zusammen und zwang mühsam ein Lächeln auf ihr Gesicht, aber Tracy ließ sich nichts vormachen. Seit siebzehn Jahren gab sie Mathematikunterricht an der Highschool und erspürte die Fassungslosigkeit der jüngeren Kollegin, wie ein Habicht eine Maus aufspürte.

Wie vorauszusehen war, wurden Tracys Gesichtszüge sofort weicher, während sie die Arme herunternahm. „Das ist nicht die Stimmung, die man von einer Lehrerin fünf Stunden vor Ferienbeginn erwartet. Was ist passiert? Wieder Jacobs Mutter wegen seiner Noten?“

Nikki schüttelte den Kopf. Sie hielt ihr Telefon in die Höhe.

Tracy trat um den Tisch herum, und während sie las, fiel ihr die Kinnlade herunter. „Er hat geheiratet?“

„So sieht es aus.“

„Wann?“

„Am vergangenen Samstag hat seine neue Frau dieses Foto gepostet.“

„Oh, Mann, das tut mir so leid.“ Tracy ließ sich auf den Stuhl neben Nikkis Schreibtisch sinken. Genau auf diesem Stuhl saß sie an jedem Donnerstag vor Unterrichtsbeginn zu einer kleinen „Plauder- und Gebetsstunde“, wie sie das nannte. Diese fünfunddreißig Minuten der intensiven Gespräche und des Gebets hatten Nikki durch ihr erstes Jahr an der Northwood High getragen.

Nikki zuckte die Achseln. „Ist seine Entscheidung, oder?“ Hinter ihren Augen pochte der Schmerz.

„Deswegen ist es noch lange nicht richtig oder leicht.“

Ja, das stimmte. Nikki kaute auf ihrer Unterlippe herum und legte ihr Telefon mit dem Display nach unten auf den Tisch.

„Möchtest du wie immer einen Latte?“, fragte Tracy.

„Nein, ich bin nicht in der Stimmung.“ Doch sofort korrigierte sie sich: „Na los, gib schon her.“

Mit einem verschmitzten Grinsen drückte Tracy ihr den Becher in die Hand.

Der erste Schluck tat so unglaublich gut! Die warme, cremige Flüssigkeit erinnerte sie an jene hoffnungsvollen Tage ihres ersten Schuljahres, damals, als sie keine anderen Probleme hatte, als zu überlegen, wie sie den Appetit ihrer Schüler auf die Literatur von Faulkner, Ellison und Twain wecken könnte. Denn ihrer Meinung nach waren die Werke dieser Autoren sehr wichtig für die Bildung der amerikanischen Bevölkerung. Damals, als sie von der Affäre ihres Vaters noch nichts gewusst hatte.

„Möchtest du darüber reden?“, fragte Tracy.

Nikki trommelte mit den Fingern auf den Becher. Sie schüttelte den Kopf.

„Möchtest du deswegen heulen?“

Ein kleines Lächeln stahl sich auf ihre Lippen. „Ja, das würde ich am liebsten.“

„Ich auch. Weiß deine Mutter eigentlich Bescheid?“ Tracy deutete auf Nikkis Telefon.

„Das weiß ich nicht.“

„Hoffentlich erfährt sie es nicht aus den sozialen Medien.“

„Sie ist schon eine ganze Weile nicht mehr in den sozialen Medien aktiv. Ich übrigens auch nicht. Seit …“ Sie schluckte die Worte lieber hinunter, denn sie klangen zu verbittert.

„Seit die Wahrheit ans Licht gekommen ist“, beendete ihre Freundin den Satz.

Nikki nickte. Dieser Tag war der schwerste Tag in ihrem Leben gewesen.

„Seine Entscheidungen kannst du nicht beeinflussen“, erklärte Tracy. „Aber deine Entscheidungen liegen in deiner Verantwortung. Und ich vermute, dass in diesem Sommer wundervolle Entscheidungen auf dich zukommen werden. Vor allem in Bezug auf einen gewissen jungen Mann.“ Sie zwinkerte ihr zu. Damit lenkte sie geschickt das Thema auf Isaac.

Das Pochen hinter ihren Augen verstärkte sich und wanderte hinunter in ihre Brust. Das passierte immer dann, wenn sein Name fiel. Es war, als hätte sich der Schmerz ihrer Mutter ganz unvermittelt auf sie übertragen. „Wir wissen doch gar nicht, ob Isaac mir einen Antrag machen wird.“

Tracy blickte sie über den Rand ihrer Brille hinweg an. „Ach, nein?“

Nikki zog ihren Becher zu sich heran. „Das ist auf jeden Fall nicht sicher.“

„Möchtest du denn, dass er dir einen Antrag macht?“

„Ja“, erwiderte sie ein klein wenig zu schnell.

Tracy legte den Kopf zur Seite und blickte sie wissend an. Diesen Blick hatte sie mittlerweile perfektioniert.

„Ich liebe ihn. Und ich habe mir vorgestellt, dass wir heiraten. Aber …“

„Aber da steckt mehr dahinter?“

„Ja.“

„Hast du mit Isaac darüber gesprochen?“

Nikki rutschte unsicher auf ihrem Stuhl hin und her. „Nein.“

Tracy streckte den Arm aus und legte ihre Hand auf die von Nikki. „Dieses Gespräch solltest du tatsächlich früher oder später führen, denn die Fähigkeit, Gedanken zu lesen, ist bei Männern nicht sehr ausgeprägt.“

„Man sollte meinen, dass sie diese Fähigkeit mittlerweile doch ausgebaut haben sollten.“

„Ja, das sollte man meinen.“ Tracy lachte leise und warf einen Blick auf ihre Uhr. „Es wird langsam Zeit, dass wir uns dem Zirkus stellen. Vorher solltest du auf jeden Fall deine Portion Koffein bekommen und eine Portion Fröhlichkeit dazu.“ Sie hob ihren Becher und prostete ihr zu. „Auf den Sommer.“

Nikki grinste, stieß mit Tracy an und nahm einen großen, stärkenden Schluck. Aber ihre Seele blieb genauso bewölkt wie der Himmel.

Die Wolken, drohend und düster.

* * *

Schon seit Wochen nahm Chris seine Anrufe nicht mehr entgegen, doch das hinderte Wes Werner nicht daran, es immer wieder neu zu probieren. „Auf einen Freund kann man sich immer verlassen, und ein Bruder ist dazu da, dass man einen Helfer in der Not hat“, war in Sprüche 17,17 zu lesen, und wenn stimmte, was Tante Emma in den sozialen Medien gelesen hatte, dann ging es mit seinem kleinen Bruder stetig bergab. Das war für Wes sogar auf der anderen Seite Missouris, wo er wohnte, deutlich zu erkennen.

Ob Lydia das Foto wohl gesehen hatte? Und die Mädchen?

Die Scheidung war kaum einen Monat her.

Mit dem Telefon am Ohr trat er hinaus auf seine Veranda. Die Vormittagssonne entlockte den geflügelten Sängern in der hundert Jahre alten Eiche am Rande des Hofes fröhliche Melodien. Auf diesem uralten Baum hatten Chris und er als Kinder unzählige Abenteuer erlebt. In der Ferne waren die sanften Abhänge der Werner-Farm zu erkennen.

Am anderen Ende der Leitung läutete es – und läutete – und wurde ignoriert. Der Anrufbeantworter sprang an. Wieder mal.

Wes holte tief Luft und hielt sie an, während er auf den Piepton wartete und ein schnelles Stoßgebet zum Himmel schickte mit der Bitte, er möge doch die richtigen Worte finden und seine Botschaft nicht zu scharf formulieren.

Piep.

„Hallo, Chris, hier spricht Wes. Ich denke jeden Tag an dich. Und an deine Familie. Kürzlich habe ich mit Tante Emma gesprochen. Sie hat mir erzählt, dass du und, äh, Sheryl? Stimmt das? Dass ihr nach Oklahoma gezogen seid und du jetzt nur eine Stunde Fahrt von ihr entfernt wohnst.“ Er hielt inne. „Sie erzählte außerdem, dass du vielleicht … noch andere wichtige Neuigkeiten hast. Ich würde gern mal mit dir reden. Ruf mich doch bitte an.“

Kaum hatte er das Gespräch beendet, fiel ihm ein, was er auch hätte sagen können, eine halbe Minute zu spät.

Ich wünsche mir, dass du glücklich bist – und dass es dir gut geht.

Ich liebe dich.

Mein Herz ist schwer.

Worte, die kein anderer als Gott hörte. Zumindest bis Chris sich tatsächlich einmal bei ihm meldete, falls er sich je dazu aufraffen könnte.

* * *

Die letzte Stunde war zu Ende. Neunhundert Schülerinnen und Schüler der Highschool drängten lachend und lärmend zum Ausgang und in ihre Sommerfreiheit. Tracy wollte mit ihr mit einer vollkommen ungesunden Menge Spinat-Dip feiern, aber Nikki lehnte ab. Ihre Kopfschmerzen bettelten um ein wenig Ruhe.

Eigentlich wollte sie in ihre Wohnung fahren, sich ins Bett verkriechen und den Rest des Tages verschlafen – eigentlich am liebsten die ganzen Ferien. Doch stattdessen stand sie auf einmal in der Einfahrt des zweistöckigen Hauses aus der Kolonialzeit im Norden Missouris hinter dem Wagen ihrer Mutter. Sechsundzwanzig Jahre lang war dieses Haus für Nikki ein Zuhause gewesen, der Mittelpunkt, das Herzstück der Familie Werner.

Das Schild mit der Aufschrift ZU VERKAUFEN hatte Gesellschaft bekommen: Ein rotes rechteckiges Schild prangte daneben. In großen, weißen Buchstaben war darauf zu lesen: VERTRAGSVERHANDLUNGEN LAUFEN.

Ihr Leben als Teil der Familie Werner war Stück für Stück geschrumpft. Nichts war mehr heil und ohne Schrammen.

Sie stieg aus und trat in die helle Nachmittagssonne.

Die Läden vor dem Panoramafenster des Wohnzimmers standen offen, als würde das Haus gierig jeden Lichtstrahl aufsaugen, den es bekommen konnte, um die Dunkelheit zu vertreiben, die sich darübergelegt hatte. Eine ihrer frühesten Erinnerungen hatte mit genau diesem Fenster zu tun. Sie war vier Jahre alt gewesen, hatte sich die Nase an die Fensterscheibe platt gedrückt und darauf gewartet, dass der Wagen ihres Vaters in die Einfahrt einbog.

Ein scharfer Schmerz durchzuckte sie. Sie biss die Zähne zusammen und stieg schnell die Eingangstreppe hoch. Die Haustür stand offen und erlaubte einen ungehinderten Blick ins Haus. Ihre Mutter kniete in der Mitte des möbellosen Wohnzimmers vor einem Karton. Ein Stapel gerahmter Fotos lag auf der einen Seite, ein Stapel Geschirrtücher auf der anderen. Ihr Blick hing an dem Foto in ihren Händen. Sie schaute einfach nur darauf, als versuche sie zu glauben, dass ihre Familie einmal glücklich gewesen war.

Solche Augenblicke hatte auch Nikki in den vergangenen vier Monaten oft erlebt. Momente, in denen sie ein Foto sah oder eine Erinnerung durchlebte, und erneut beschlich sie die bange Frage: Würde sie jemals wieder einen Augenblick erleben, der so unbeschwert war, so voller Freude, dass es sich lohnte, ihn für die Nachwelt festzuhalten?

Unendlich langsam nahm ihre Mutter ein Geschirrtuch und wickelte das gerahmte Foto darin ein. Der Schmerz war unerträglich groß.

Nikki schnappte nach Luft und klopfte schließlich an die Fliegengittertür. Bei dem Geräusch zuckte ihre Mutter zusammen, und die Verwunderung in ihrem Blick wich einem Ausdruck der Verwirrung.

Sie stand auf und kam zur Tür. „Nik? Was machst du denn hier?“

Ja, was machte sie hier? Was hatte sie veranlasst, hierherzukommen, einen Umweg von fünfundzwanzig Minuten in Kauf zu nehmen? Griff auch sie nach jedem Lichtstrahl, den sie finden konnte? Nach einem Hauch eines Lebens, das sie nur Monate zuvor noch geführt hatten?

Ihr Kinn begann zu zittern. Sofort legte ihre Mutter ihr den Arm um die Schultern und zog sie ins Haus. „Komm, mein Schatz. Lass uns eine Tasse Kaffee trinken.“

Zwei

Rate, wer mich angerufen hat.“ Tante Emma hatte die Angewohnheit, ein Telefongespräch ohne große Vorrede zu beginnen. Es war beinahe so, als sei sie der Meinung, mit ihren siebenundsiebzig Jahren sollte sie keine Zeit mehr verlieren und sofort zum Punkt kommen.

Wes legte seinen Stift aus der Hand. Er war froh über die Ablenkung von den Futterrechnungen, die er sich gerade vorgenommen hatte. „Na, wenn ich raten soll, dann kann das nur Chris gewesen sein.“

„Ganz genau. Er rief mich vor knapp fünf Minuten an und war fuchsteufelswild. Ich nehme an, du hast mit ihm telefoniert?“

„Ich habe es versucht, ihm aber wieder mal nur eine Nachricht hinterlassen.“

„Nun ja, du scheinst auf jeden Fall einen wunden Punkt getroffen zu haben. Er sagte, wir sollten uns um unsere eigenen Angelegenheiten kümmern, und vor allem ich. Ich sei schließlich nicht seine Mutter.“

Wes zuckte zusammen. So etwas hätte Chris nicht zu seiner Tante sagen dürfen, die zudem noch seine Patentante war. Trotz der Entfernung hatte sie sich immer für ihn und Chris interessiert und war für sie da gewesen.

„Er meinte auch, dass er und Sheryl nicht mehr sonntags zum Mittagessen zu mir kommen würden.“

„Da habe ich ja wirklich in ein Wespennest gestochen, nicht?“

„Du hast getan, was ein großer Bruder tun sollte. Wir dürfen nicht aufhören zu beten, dass Gott ihm den Kopf zurechtrückt. Während deiner Zeit als Sergeant in der Armee hast du das doch auch bei einigen deiner Jungs so gehalten, nicht? Ich wette, du hast Gott hinsichtlich mancher Männer in deiner Truppe in ähnlicher Weise um Hilfe gebeten.“

Sofort standen ihm die Namen von mehreren Gefreiten vor seinem inneren Auge. „Ja, das kann man so sagen.“

„Weil du ein guter und anständiger Mann bist, Fritz.“

Eine leichte Röte überzog seine Wangen, wie immer, wenn sie ihm ihre Zuneigung zeigte und ihn mit dem Kosenamen ansprach, den sie ihm als Baby gegeben hatte, weil man ihm seine deutsche Herkunft von Geburt an ansah, wie sie sagte. Sie hatte ihm stets ihre mütterliche Zuneigung geschenkt, ein kostbares Gut für einen Jungen, der auf dieser Seite des Himmels ohne seine Mutter aufwachsen musste.

„Ich wünschte nur, ich könnte mehr tun“, seufzte er.

„Ich auch. Als ihr noch klein wart, war es viel einfacher, zu euch Jungs durchzudringen. Erwachsene Männer sind unglaublich schwer davon zu überzeugen, dass der Himmel blau ist. Anwesende natürlich ausgeschlossen.“

„Natürlich.“

„Ich hoffe nur, du bist vorbereitet. Chris ist so wütend, dass er dich dieses Mal vielleicht sogar zurückruft.“

„Ich bin vorbereitet.“

„Gut.“ Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. „Erzähl mir bitte noch etwas Angenehmes, bevor das Grau des Alltags mich wieder einfängt. Wie ist das neue Haus? Ich warte immer noch auf die Fotos, die du mir schicken wolltest.“

„Ich weiß, dass ich hinterherhinke, aber ich bin noch nicht richtig eingerichtet.“

„Du hast gesagt, dass dein neues Haus in der Nähe des Maschinenschuppens steht?“

„Gewissermaßen zwischen dem Maschinenschuppen und dem alten Farmhaus. Von meinem Wohnzimmerfenster aus kann ich das alte Haus und die Weide auf der anderen Straßenseite sehen. So kann ich die Herde immer im Auge behalten.“

„Bestimmt eine wilde Meute. Weißt du denn schon, was du mit dem alten Farmhaus machen willst? Als wir das letzte Mal miteinander gesprochen haben, hast du überlegt, es zu einem Erholungsheim für Veteranen umzubauen.“

„Vielleicht, oder ich vermiete es möbliert. Bezahlbarer Wohnraum ist wie alles andere hier kaum noch zu bekommen. Vor allem in diesem Jahr. Für morgen ist eine Vorstandssitzung der Genossenschaft angesetzt. Ich vermute, dass noch mehr Mitglieder mit ihren Zahlungen im Rückstand sind.“

„Die Armen. Die Landbevölkerung hat schon immer zu kämpfen gehabt. Du hast aber bestimmt eine Idee, was das Beste ist, sowohl für die Genossenschaft als auch für das Farmhaus.“

„In jedem Fall muss einiges am Farmhaus gemacht werden“, erklärte Wes. „Zumindest braucht es einen neuen Anstrich und vielleicht neue Fliesen im Bad und in der Küche. Aber nichts Aufwändiges, denn ich möchte gern den Charakter erhalten.“

„Ich fände es sehr schade, wenn du das nicht tun würdest“, erwiderte sie. „Auch mir hat dieses kleine Haus immer am Herzen gelegen, aber das ist beim eigenen Elternhaus vermutlich nachvollziehbar. Als Kinder haben wir uns darin sehr wohlgefühlt, nicht wahr?“

„Das ist einer der Gründe, warum ich nach dem Militärdienst hierher zurückgekehrt bin.“

„Darum ist auch deine Mutter dorthin zurückgekehrt, zusammen mit deinem Vater. Dieses Stückchen Erde übt eine sehr starke Anziehungskraft aus. Ich hatte den Eindruck, dass meine Schwester kurz vor ihrem Tod immer in Gedanken in dieser Küche war. Das war stets ein besonderer Ort für sie, denn er strahlte Wärme und Herzlichkeit aus, und jeder, der an ihre Tür klopfte, bekam zu seinem Kaffee auch ein Stückchen Kuchen. Wäre es nicht schön, wenn sie uns an den Toren des Himmels mit ihrem unverwechselbaren Lächeln und einer warmen Zimtschnecke in Empfang nehmen würde? So steht es natürlich nicht in der Bibel, aber das ist ein tröstlicher Gedanke.“

Die Erwähnung seiner Mutter weckte in ihm die Sehnsucht nach den Düften und Geräuschen seiner Kindheit, wenn sie in ihrer Küche herumwerkelte. Waren tatsächlich schon fünfzehn Jahre vergangen, seit ihre scheinbar unermüdlichen Hände das letzte Mal eine Mahlzeit zubereitet hatten?

Erneut hörte er einen Seufzer von seiner Tante. „Nun, ich sollte jetzt besser Schluss machen. Es ist gleich vier Uhr.“

„Bocca-Training?“

„Ja, die Damen der Lutherischen Kirche veranstalten an diesem Wochenende ein Turnier, das wir unbedingt gewinnen wollen. Die Jungs in ihren orthopädischen Schuhen können es schon kaum erwarten – ich spüre das. Die T-Shirts für unsere Mannschaft kommen morgen an.“

Er lachte. „Schick mir ein Foto.“

„Du zuerst.“

„Richtig, ich zuerst. Hab Spaß bei deinem Training mit den LLLs.“

„Ich hab dich lieb, mein Junge.“

„Und ich dich.“

* * *

Bevor Nikki auch nur einen Schluck von ihrem Kaffee trinken konnte, brachen alle aufgestauten Gefühle in einem gewaltigen Weinkrampf aus ihr hervor.

Mit gerunzelter Stirn, so, wie sie im Laufe der Jahre stets auf ihre emotionalen Ausbrüche reagiert hatte, ertrug ihre Mutter auch diesen. Irgendwie war es unfair, einer Frau, die bereits so viel zu verkraften hatte, auch noch ihren eigenen Kummer aufzubürden. Er war ihr an ihren eingefallenen Wangen und den weißen Strähnen in ihrem locker zusammengebundenen Pferdeschwanz anzusehen.

Trotzdem, ihre Mutter nahm es mit Gelassenheit und streckte eine Hand aus, deren Finger sie mit Nikkis verschlang. „Diese letzten Monate sind schwierig für dich gewesen, das weiß ich, in der Schule, wie auch zu Hause. Die Sommerferien kommen gerade zur rechten Zeit, nicht wahr?“

Nikki wischte sich ihre Tränen von den Wangen und nickte.

„Und Isaac kommt morgen von seiner Dienstreise zurück?“

„Genau.“

Sie drückte Nikkis Hand. „Darauf kannst du dich doch freuen. Ich wünschte, ich könnte dir in der Zwischenzeit irgendwie helfen.“

„Eigentlich sollte ich doch dir helfen, Mama. Du hast viel mehr zu verkraften. Der Hausverkauf, der Umzug zu Hannah nach Salina, eine neue Stadt, du musst dir eine neue Arbeitsstelle suchen … Papa.“ Es waren nur zwei Silben, aber mit ihnen kam ein riesengroßes Knäuel aus Schmerz.

Ihre Mutter senkte den Blick auf den Tisch. Die dunklen Ringe unter ihren Augen traten jetzt noch deutlicher hervor. Sie sprachen von den großen Verlusten, die sie nicht selbst gewählt hatte, aber hatte ertragen müssen. Trotzdem streichelte sie Nikkis Hand mit ihrem Daumen, eine Geste des Trostes von einer Mutter für ihr Kind.

„Hast du etwas von deinem Vater gehört?“, fragte sie.

Nikki versteifte sich. „Nein, und nach dem letzten Post bin ich auch nicht sicher, ob ich das überhaupt möchte.“

„Welcher Post?“

Nikki erstarrte. Ihre Mutter wusste tatsächlich noch nicht Bescheid. Natürlich nicht. Sie hatte in der letzten Zeit die sozialen Medien gemieden. Wenn Nikki schon so entsetzt darüber war, dann würde ihre Mutter bestimmt zusammenbrechen.

Sie atmete tief durch und schickte ein Gebet zum Himmel, Gott möge ihre Mutter in sein Erbarmen hüllen, bevor sie ihr die schlechte Nachricht überbrachte. „Papa hat am Samstag geheiratet.“

Die Lippen ihrer Mutter teilten sich. Der hilflose Ausdruck in ihren Augen war für Nikki kaum zu ertragen. „Hat er …“ Ihre Stimme kippte. Sie schluckte und versuchte es erneut. „Ist … sie es?“

Der Name war wie ein Fluchwort. Niemals würde Nikki ihn aussprechen, also nickte sie nur.

Ihre Mutter zog die Hand zurück und legte sie in ihren Schoß.

Wenn Nikki könnte, würde sie die Zeit bis zum Tag ihrer Geburt zurückdrehen und jedes respektlose Wort, das sie je zu ihrer Mutter gesagt hatte, zurücknehmen. Sie würde jede Beleidigung, die ihre Mutter jemals erlebt hatte, auf sich nehmen, wenn sie ihrer Mutter dadurch irgendwie Erleichterung verschaffen könnte. Warum nur war das nicht möglich?

Langsam und mit ungelenken Bewegungen griff ihre Mutter nach ihrem Kaffeebecher. „Du solltest lieber austrinken, bevor der Kaffee noch kalt wird“, sagte sie mit leiser und angespannter Stimme.

Der Schmerz hinter Nikkis Augen meldete sich erneut. Ihre Mutter trank einen großen Schluck, und auch Nikki hob ihren Becher an die Lippen.

Der mittlerweile lauwarme Kaffee war Lydia Werners ganz spezielle Kreation. Eine dunkle Röstung, leicht gesüßt durch einen kleinen Schuss Vollmilch. Ihr Vater hatte keine andere Milchsorte im Haus geduldet. Auf der Farm war er mit Vollmilch aufgewachsen und damit wollte er auch alt werden.

Als Familie hatten sie sich in vielen Dingen nach seinen Vorlieben gerichtet. Sonntags hatten sie sich im Fernsehen die Sendungen über die Sportarten angeschaut, die gerade Saison hatten, weil das seine Freizeitbeschäftigung war. Und sie hatten die Farm der Familie Werner in Eddner in Missouri nur am Weihnachtstag besucht. Dafür hatten sie sich morgens auf den Weg gemacht und waren am Abend die drei Stunden wieder zurückgefahren. Ihr Leben war ganz eng mit seinem verbunden gewesen, und das war es, durch all die Dinge, die so ganz besonders wehtaten, immer noch.

Ihre Mutter stellte ihren Becher auf den Tisch, legte beide Hände darum und starrte in die hellbraune Flüssigkeit.

Auch Nikki stellte ihren Becher wieder auf ihr Platzdeckchen und räusperte sich. „Mama? Alles in Ordnung?“

„Alles okay, mein Schatz.“

Aber das stimmte nicht und das machte sie wütend. Die im Wohnzimmer verteilten Kartons gaben Zeugnis von der wachsenden Scham ihrer Mutter.

„Ich könnte hierbleiben und dir helfen.“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Für heute bin ich fertig. Später muss ich mich noch mit dem Makler treffen.“

„Wann ist die Übergabe?“

„In zwei Wochen.“ Der Blick ihrer Mutter wanderte durch die Küche und das Wohnzimmer zu den leeren Flächen, wo früher die Möbel und Fotos gestanden hatten. Jetzt waren sie fort, mitsamt den Geschichten, die sie erzählten, in Kisten verpackt. „Noch zwei Wochen, um neunundzwanzig Jahre in Kartons zu verpacken.“

Nikki ließ den Kopf sinken. Der Schmerz war so groß, dass er die Luft zwischen ihnen aufsog. „Wie schaffst du das nur, Mama?“

Sie legte den Kopf zur Seite. Tränen traten in ihre Augen. „Deine Großmutter Werner liebte ein bestimmtes Sprichwort. Sie sagte häufig: ‚Immer einen Schritt nach dem anderen.‘ Das hatte sie aus einer Radiosendung über die Autorin Minnie Paull.“ Ihre Mutter strich über den Griff ihres Bechers und blickte Nikki an. „Und genau das tue ich. Ich mache weiter und gehe den nächsten Schritt. Etwas anderes bleibt mir nicht übrig.“

Nikki schüttelte den Kopf. „Du solltest aber nicht darauf reduziert werden, Mama.“

Tränen rannen aus den Augen ihrer Mutter. Sie wandte den Blick ab. So müde, so niedergeschlagen.

Nikki rollte die Ecke des Platzdeckchens zusammen. „Ich wette, wenn Großmutter noch am Leben wäre, hätte sie einiges zu all dem zu sagen.“ Das war eine Vermutung. Oma Ann war gestorben, als Nikki erst zwölf gewesen war, viel zu früh, sodass Nikki nicht viele Erinnerungen an sie hatte, außer die Erinnerungen an die Weihnachtstage in ihrem Farmhaus, in dem es immer nach gebratenem Schinken gerochen hatte. Dieses Farmhaus hatte einen tiefen Frieden ausgestrahlt, den sie woanders nicht spürte und nach dem sie sich sehnte. „Wünschst du dir manchmal, Oma Ann würde noch leben? Dass sie hier wäre, um ihre Meinung zu allem, was grade passiert, beizutragen?“

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. „Omas Ansichten hätten nichts bewirkt, Nik.“

Sie widersprach nicht, aber in diesem Punkt war sie anderer Meinung.

Wenn ihrem Vater nur mal jemand die Meinung sagen würde. Bald.

* * *

„Chris, bitte.“ Wes versuchte, den Zornesausbruch am anderen Ende der Leitung einzudämmen. „Ich will dir doch nur helfen.“

Stille.

„Chris?“ Wes nahm sein Mobiltelefon vom Ohr und las auf dem Display die gefürchteten Worte: Das Gespräch ist beendet.

Seufzend legte er das Telefon mit dem Display nach unten auf die Armlehne seines Sessels. Er stand auf und ging zum Fenster, durch das er nach Osten, zum alten Farmhaus hinüberschauen konnte. So lange war es doch noch gar nicht her, dass er und Chris unter jenem Dach gelebt und den Wert von Familie, Gehorsam und vor allem des Glaubens kennengelernt hatten. Und noch viel weniger lang war es her, dass Chris seine Frau und seine Töchter geliebt hatte.

So vieles war nun anders, und Wes konnte die Flut der Veränderung nicht aufhalten, wie sehr er sich auch wünschte, er hätte die Macht dazu.

Er strich sich mit der Hand über das Gesicht. Seine Barthaare blieben an den Schwielen an seinen Finger hängen. Alles lag in Gottes Händen. Trotzdem, immer wieder hörte er in sich die Worte: Sei die Hilfe. Das war der Satz, den seine Mutter ihm bei seiner Einberufung mitgegeben hatte. Sie hatten ihn in seinem dreißigjährigen Armeedienst begleitet und auch in den sieben vergangenen Jahren in Eddner.

Sei die Hilfe.

„Aber wie denn, Gott?“, flüsterte er.

Eine Antwort blieb aus. Es war, als traute Gott ihm zu, den Weg selbst zu erkennen. Der Krieg hatte seinen Glauben so sehr gefestigt, dass er nun sogar zwischen den schärfsten Dornen der Verderbtheit die schönste Blüte erkennen konnte. Aber Gott hätte doch mittlerweile wissen müssen, wie angespannt Wes tatsächlich war.

* * *

Das Pochen in ihrem Kopf verlangte nachdrücklich nach ein wenig Ruhe, nach einem Ort, an dem sie dem unerträglichen und nicht enden wollendem Schmerz entkommen könnte. Nikki fuhr in südliche Richtung zur Innenstadt, wo ihr kleines Studioappartement lag.

Der Feierabendverkehr war sehr dicht. Mehrmals musste sie abbremsen und sich im Schneckentempo an den Menschenmengen vorbeischlängeln, die zu den verschiedenen Restaurants unterwegs waren – zum Vietnamesen, Chinesen, Thailänder, Italiener, Äthiopier, Mexikaner, Inder, zu mittelöstlichen, osteuropäischen Restaurants, und natürlich durften auch die obligatorischen Grillrestaurants nicht fehlen. Ein Querschnitt der Welt auf einem Quadratkilometer, eine zeitgemäße Verbeugung vor der Vergangenheit des Bezirks als Hafen für die Dampfschiffe, die die Siedler mit ihren Träumen in diese Stadt gebracht hatten.

Nachdem sie mehrere Minuten um ihren Block gekurvt war, fand sie endlich einen Parkplatz, nicht weit von ihrem Apartmenthaus entfernt. Das rhythmische Geklapper der Eisenbahn am Flussufer, das Rattern der elektrischen Straßenbahn, das Surren der Autos, die sich durch die engen Straßen schoben, das Quietschen einer Fahrradkette, mit diesen vielfältigen Geräuschen wurde ihr überanstrengter Geist konfrontiert.

Das letzte Stück zur Haustür legte sie im Laufschritt zurück. Ihre knapp vierzig Quadratmeter große Wohnung lag am nordwestlichen Ende des dritten Stocks, über dem chinesischen Supermarkt. Das einzige Fenster ging zur Feuerleiter an der Nordseite hinaus. Und der breite, schlammige Missouri wälzte sich in mittlerer Entfernung durch die Stadt.

Sie legte ihre Handtasche und ihre Aktentasche in ihrer kleinen Küchenzeile ab und warf sich mit dem Gesicht nach unten auf ihr Bett. Ihre Füße, noch immer in ihren flachen Schuhen, hingen zur Seite hinunter.

Vielleicht würde sie in den vier Wänden ihrer kleinen Wohnung endlich den Frieden finden, den sie so dringend brauchte, die Art von Frieden, die inmitten des hohen Grases einer von der Sonne beschienenen Wiese zu finden war, wo nur Schmetterlinge und leichtfüßige Rehe herumstromerten. Weit fort von dem Lärm, der in ihrem Inneren und in ihrer Umgebung tobte.

Sie drückte ihr Gesicht tiefer ins Kissen und schloss die Augen.

Drei

Der Klingelton ihres Mobiltelefons, der einen hereinkommenden Videoanruf anzeigte, weckte Nikki aus einem oberflächlichen Schlaf. Mittlerweile hüllte vor ihrem Fenster die Dämmerung die Stadt ein.

Sie tastete nach der Lampe auf ihrem Nachttisch und rannte los, um ihr Telefon zu holen, das immer noch in ihrer Handtasche steckte. Nach dem vierten Klingeln hielt sie das Gerät endlich in der Hand.

Isaac.

Schnell strich sie mit den Fingern durch ihre Haare und nahm den Anruf entgegen.

Sein Gesicht auf dem Display strahlte sie an. Seine Lächeln zog sich hoch bis zu seinen schokoladenbraunen Augen. „Hallo, meine Schöne.“ Seine Stimme war weich wie Honig und tat ihr gut.

Sie lächelte ihn an. Wenn sie sich nur in ihn hineinfallen lassen könnte. „Ich vermisse dich.“

„Ich vermisse dich auch.“

Trotz des freudigen Pochens ihres Herzens machte sich ein nicht bestimmbares Ziehen in ihrem Bauch breit.

Isaac ließ sich gegen sein Kopfkissen sinken und legte einen Arm hinter seinen Kopf. Seine Hemdsärmel waren bis zur Mitte seiner Unterarme hochgekrempelt, die Krawatte schon längst abgenommen, doch seine pechschwarzen Haare wurden durch das Gel immer noch in Form gehalten. In seiner Firma gab es eigentlich keine Kleidervorschriften, er bräuchte sich nicht so formell zu kleiden; sein Wunsch, dies zu tun, war aber darauf zurückzuführen, dass er seinen Großvater, der Pastor gewesen war, wie einen Helden verehrte.

„Wie war dein letzter Schultag?“, fragte er.

„Lief glatt. Niemand ist aus der Reihe getanzt.“

„Auch nicht dieses Kind, dessen Mutter dir per Mail ‚Vorschläge‘ schickt?“

„Nicht einmal er.“

Er lachte. „Scheint ja ein toller Tag gewesen zu sein. Und jetzt ist Sommer. Freiheit!“

Dieses Wort behagte ihr nicht so richtig, denn ihr Empfinden ließ sich nicht damit beschreiben. Sie ließ sich auf ihr Bett sinken und lehnte sich gegen das Kissen. „Wie waren deine Sitzungen?“

„Wirklich gut. Um ehrlich zu sein, ich habe Neuigkeiten.“ Sein Lächeln wurde breiter. „Man hat mir den Posten des leitenden Projektmanagers angeboten.“

Nikki fuhr hoch. „Du machst Witze! Isaac, das ist ja toll. Ich bin so stolz auf dich!“

Seine Augen funkelten und die reine Lebensfreude brach sich Bahn. Er berichtete von den nächsten Schritten, der Zukunft, die strahlend und hell vor ihm lag. Von allen Träumen, die sich nun erfüllt hatten, und den Chancen, die sie mit sich brachten. Alles, was noch am Tag zuvor unklar gewesen war, nahm nun allmählich realistische Formen an.

„Und mit dem höheren Gehalt“, erzählte er begeistert, „könnte ich definitiv auch eine Hypothek bedienen.“

Das Grummeln in ihrem Bauch verstärkte sich.

Sie hatten die Umgebung erkundet, Routen zur Arbeit erstellt, die Entfernung zu Geschäften, Krankenhäusern und zu den Häusern der verschiedenen Mitglieder der Familie Sarn gemessen. Der Weg in ihre gemeinsame Zukunft wurde Schritt für Schritt klarer.

Auch ihre Eltern hatten ganz bestimmt eine Vorstellung von ihrem gemeinsamen Leben gehabt. Sie hatten sich Häuser angeschaut und sich schließlich für dieses Haus im Kolonialstil entschieden. Aber zu ihren Träumen für die Zukunft hatten weder ein Ehebruch noch eine Scheidung gehört.

Ihre Mutter hatte sich verliebt, geheiratet und hatte dann eine Scheidung über sich ergehen lassen müssen zu einem Zeitpunkt, an dem sie eigentlich nur Sicherheit verdient gehabt hätte. Mit einem solchen Einschnitt hatte sie nicht gerechnet.

Nikki drückte ihren freien Arm gegen ihren Bauch.

„Nik?“

Sie schob ihr Kinn vor. „Mmmm?“

„Alles in Ordnung? Du hast so abwesend gewirkt.“

„Entschuldige bitte, aber ich bin nur müde.“

Isaac legte die Stirn in Falten. „Beschäftigt dich etwas?“ Noch bevor sie eine Antwort geben konnte, schüttelte er den Kopf über seine Frage. „Natürlich beschäftigt dich so einiges. Wie ist … die Lage?“ Die kleine Pause war ein deutlicher Hinweis auf das, was er mit „die Lage“ meinte.

Sie zuckte die Achseln. „Es ist schwer. Das ist alles.“

„Das ist alles?“, fragte er sanft.

„Ja.“

Einen kurzen Moment musterte er sie, sein Blick glitt forschend über ihr Gesicht.

„Ich bin wirklich nur müde“, versicherte sie ihm.

Schließlich nickte er. „Dann solltest du dich ausruhen. Ich habe eine Idee. Ich komme morgen gegen sechzehn Uhr zurück. Dann hole ich dich ab, und wir machen uns einen schönen Abend. Du darfst das Restaurant aussuchen. Wollen wir vielleicht in dieses kleine laotische Bistro gehen?“

Bei der Erinnerung daran stahl sich ein Lächeln auf ihre Lippen. Dort hatte sie zum ersten Mal das Essen seines Heimatlandes probiert – und ihren ersten Kuss bekommen.

Er grinste ebenfalls. „Dann halten wir das so fest. Wir werden Nam Khao bestellen und extra viele Frühlingsrollen. Und vielleicht können wir unser Gespräch vom vergangenen Freitag fortsetzen.“

Ihr Lächeln beizubehalten, kostete sie viel Kraft, denn in dem Gespräch war es um die Form des Ringes gegangen. Das Grummeln in ihrem Bauch weitete sich zu einem scharfen Schmerz aus.

„Was meinst du?“, fragte er.

„Das – ja – das hört sich gut an.“

* * *

Die Tasse Kaffee am Morgen war nichts im Vergleich zu einer Zeit des Bibellesens bei Sonnenaufgang. Das war in der Wüste so und auch hier auf der achtzig Hektar großen Farm im Nordosten Missouris.

Wes saß in der Hollywoodschaukel auf seiner Veranda. Der Epheserbrief lag aufgeschlagen auf seinem Schoß. Der Horizont im Osten hatte sich dunkelorange und pink verfärbt. In den Zweigen der Eiche am Rand des Vorgartens schmetterten die Vögel ihre Loblieder. Die eindringlichen Worte des Apostels Paulus klangen in ihm nach: „Nun bitte ich euch als einer, der für den Herrn im Gefängnis ist: Lebt so, wie es sich für Menschen gehört, die Gott in seine Gemeinde berufen hat. Erhebt euch nicht über andere, sondern seid immer freundlich. Habt Geduld und sucht in Liebe miteinander auszukommen“ (GNB).

Er schloss die Augen und wiederholte die Worte, während die Vögel in allen Tonlagen ihr Morgenlied trällerten. Jede dieser Weisheiten, die sich ihm eröffneten, nahm er in sich auf. Erhebt euch nicht über andere, seid immer freundlich, habt Geduld und sucht in Liebe miteinander auszukommen. Er bat Gott um Kraft, sich Chris gegenüber so verhalten zu können.

Schließlich atmete er hörbar aus und dankte wie jeden Morgen aus tiefster Seele dem Schöpfer des Universums. Dann erhob er sich aus der Schaukel und ging ins Haus, um sich ein schnelles Frühstück zuzubereiten, Instanthaferflocken mit Butter und Schinkenwürfeln. Sein Arzt hatte ihm zwar geraten, den Konsum von Salz und Fett einzuschränken, aber diese beiden Zutaten gönnte er sich, wenn er sich sonst schon für die ziemlich geschmacklosen, aber für das Herz so gesunden Flocken entschied.

Gegen acht Uhr schickte er das lange überfällige Foto von seinem Haus an Tante Emma, dann belud er seinen grauen Silverado und folgte der gekiesten Auffahrt am alten Farmhaus vorbei zu der unbefestigten Landstraße, die das Land der Werners durchschnitt. Seine kleine Herde Angusrinder drängelte sich vor dem Tor zur Weide auf der anderen Straßenseite. Ihre rotbraunen Köpfe wendeten sich ihm zu, als er vorfuhr.

„Na, ihr wartet schon auf mich, Mädels, nicht wahr?“, sagte er, als er aus dem Truck ausstieg. Er hievte die Zwanziglitereimer mit Maisfutter von der Ladefläche seines Trucks und verteilte sie gerecht auf die Futtertröge. Er musste mehrmals zum Auto laufen, um alle vier Eimer auf die Weide zu holen, aber keine der Kühe wagte es, während der Fütterungszeit durch das geöffnete Tor zu entwischen.

Als die Eimer leer und die Kühe mit Fressen beschäftigt waren, holte er einen frischen Salzleckstein von der Ladefläche und schob ihn in die Halterung am Torpfosten. Eine der Kühe, deren Fell von einem helleren Braun war als das der anderen, kam neugierig angetrottet.

„Guten Morgen, Connie.“

Ihre Ohren waren in Bewegung, um unsichtbare Störenfriede abzuwehren, wodurch ihre gelbe Ohrmarke wackelte. Auf war in seiner Handschrift eine „17“ zu lesen. Sie musterte Wes mit ihren dunklen Augen. Sein Vater hatte ihm einmal gesagt, dass bestimmte Kühe die unleugbare Fähigkeit besaßen, Menschen zu verstehen, genau wie Hunde. Connie gehörte zu den wenigen Kühen, mit denen Wes in seinem Leben zu tun gehabt hatte, auf die diese Aussage zutraf.

„Ich habe euch heute das gute Futter mitgebracht. Sag deinem kleinen Lausbuben, er soll herkommen.“

Wie auf ein Stichwort löste sich das Bullenkalb aus der Menge und trottete zu seiner Mutter. Als es sah, wie nah sie bei Wes stand, blieb es stehen. In den zwei Wochen seit seiner Geburt hatte es beträchtlich zugenommen, was auf das nährstoffreiche Frühlingsgras zurückzuführen war.

Wes ging rückwärts durch das Tor und legte die Kette vor. „Das gehört alles dir, mein Großer.“

Das Kalb ließ ihn nicht aus den Augen. Connie dagegen trottete furchtlos zu dem Leckstein hinüber. Ihre lange, bräunliche Zunge strich langsam über den Leckstein, während ihr Schwanz pausenlos in Bewegung war. Zögernd, Schritt für Schritt trottete das Kalb an ihre Seite. Wie bei seiner Mutter zuckten seine Ohren. Doch im Gegensatz zu seiner Mutter hatte es noch keine Ohrmarke, da noch nicht sicher war, ob es auf der Werner-Farm bleiben würde. Gegen Ende des Sommers, bevor es vier Monate alt wurde, würde Wes entscheiden, ob er es verkaufen oder als Stier aufziehen würde.

Wes hockte sich hin und griff mit den Handflächen nach oben durch das Gatter. „Komm her“, rief er dem Kalb zu.

Das junge Tier überlegte kurz, machte auch tatsächlich einen Schritt in seine Richtung, suchte dann aber schnell wieder Deckung hinter seiner Mutter.

Wes lachte leise. „Das kann ich verstehen. Vielleicht das nächste Mal.“ Bevor er zu seinem Truck zurückkehrte, streichelte er Connie noch zwischen den Augen und wünschte ihr einen guten Tag.

Die Sitzung des Genossenschaftsvorstands begann um neun Uhr in Redmont, der nächsten „größeren“ Stadt. Er konnte es gerade noch so schaffen.

Einen guten Kilometer von zu Hause entfernt erklomm er einen Hügel. Dahinter lag das kleine Dörfchen Eddner, das der Familie Werner länger gehörte als die Farm an sich. Zuerst kam der Friedhof. Auf den Grabsteinen waren die Namen von vielen Menschen zu lesen, in deren Adern dasselbe Blut floss wie in seinen. Auf dem Turm der lutherischen Kirche in der Ferne prangte ein silbernes Kreuz. Darunter breiteten sich die übrigen Gebäude der einst so lebendigen Siedlung aus. Ein frei stehendes Gemeindehaus, das Pfarrhaus, das nicht mehr genutzte Schulhaus mit einem einzigen Klassenzimmer, in dem er und Chris – und auch schon ihre Eltern – die Grundschule absolviert hatten, außerdem das Haus des Lehrers und mehrere Hütten. Die meisten Gebäude waren mit reinweißen Schindeln gedeckt.

Pappeln und Ulmen spendeten dem Schulhof Schatten. Hemden auf der Wäscheleine hinter dem Pfarrhaus waren an diesem Freitagmorgen das einzige Anzeichen dafür, dass dort jemand lebte. Jeweils am Sonntag und am Donnerstagabend herrschte im Schulhaus jedoch mehr Betrieb.

Das Gras auf dem Friedhof musste unbedingt vor dem Wochenende zum Memorial Day noch gemäht werden, deshalb würde er später seinen kleinen Traktor herbringen und einmal drüber mähen, um alles tipptopp zu machen. Jede letzte Ruhestätte sollte so respektabel wie möglich hergerichtet sein, ganz besonders für diesen Feiertag. Das hatte der Krieg ihn gelehrt.

Eddner war ein winzig kleines, beinahe vergessenes Fleckchen auf der Erde. Einen großen Teil seines Lebens hatte Wes hier verbracht und die Erinnerungen daran bedeuteten ihm viel. Sie waren ihm beinahe so wichtig wie die Dinge im alten Farmhaus seiner Eltern. Chris verstand seinen Wunsch, ihr Elternhaus zu erhalten, nicht. Aber ganz ähnlich wie in Eddner befanden sich viele Erinnerungen unter der Oberfläche und durften nicht vollkommen ignoriert werden.

Wes würde einen Weg finden, dafür zu sorgen, dass das Haus auch noch in Zukunft seine Bedeutung behielt. Auf die eine oder andere Weise.

* * *

Roy, der Vorsitzende der Genossenschaft, klickte zur nächsten Folie seiner Präsentation. „Hier seht ihr die bisherigen monatlichen Einkünfte für dieses Jahr“, erklärte er. „Der schwarze Balken in jedem Monat zeigt die Anzahl der Konten, die in dieser Zeitspanne konstant geblieben sind. Aber ich weiß, wir alle machen uns gerade mehr Gedanken wegen des roten Balkens – den überfälligen Zahlungen.“

Monat für Monat war das Loch größer geworden. Obwohl die Zahlen im April ausgeglichen zu sein schienen, war das Minus insgesamt immer noch viel zu hoch.

„Der Sommer steht jetzt vor der Tür, und die Kunden werden verstärkt Kühlgeräte brauchen, sowohl für sich als auch für die Tiere, diese Zahlen werden also auch weiterhin steigen“, fügte er hinzu.

Die Vorstandsmitglieder kannten die Identität der Risikokunden natürlich nicht, aber es war keine große Herausforderung zu erkennen, dass die roten Zahlen für Leute standen, in deren Heim jeder von ihnen bereits zu Gast gewesen war – für Nachbarn, frühere Klassenkameraden, andere Farmer, vielleicht sogar Mitglieder der Kirchengemeinde. Menschen, deren Einkommen von den Preisen für landwirtschaftliche Produkte abhängig war und die auf Gedeih und Verderb den Launen des Wetters ausgeliefert waren.

„Die wirtschaftliche Flaute trifft immer die Menschen besonders schwer, die wenige Rücklagen besitzen“, klagte der Vorsitzende mit vom Alter belegter Stimme, ein leicht gebückter Mann namens Otis Harman, der die siebzig mittlerweile überschritten hatte. „Können wir irgendetwas tun, um den Schlag für unsere Leute ein wenig abzufedern? Gibt es etwas, Roy, das wir noch nicht versucht haben?“

Roy umklammerte die Rückenlehne des Stuhles, hinter dem er stand. „Unsere Möglichkeiten sind begrenzt, liebe Leute. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir Gewinn erwirtschaften müssen. Auch wir müssen unsere Rechnungen bezahlen und unsere Untergrenze einhalten.“

„Aber an erster Stelle sollte für uns stehen, unsere Gemeinschaft zu schützen“, gab Otis zurück.

Wes meldete sich zu Wort und versuchte zu vermitteln. „Die Genossenschaft ist für uns alle da. Nur aus diesem Grund wurde sie gegründet. Die Leute haben sich zusammengeschlossen, damit wir uns gegenseitig helfen können.“

„Und das immerhin bereits während der großen Weltwirtschaftskrise.“

Alle Köpfe drehten sich zum hintersten Ende des Tisches. Joyce Kindstrom, die Leiterin der Backwarenabteilung in Redmonds einzigem Supermarkt, hielt Roys Blick stand. „Wir sind es denen, die Opfer gebracht haben, um diese Genossenschaft aufzubauen, schuldig, dass wir auch weiterhin unserer Gemeinschaft oberste Priorität einräumen.“

„Amen!“, rief Otis. Andere stimmten ebenfalls zu.

In dem Zustimmungsgemurmel flog Joyce’ Blick zu Wes hinüber. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln.

Schnell wandte er sich wieder der Tabelle zu und rückte seine Lesebrille gerade. Trotz seiner Abwehrhaltung war es ihm bisher noch nicht gelungen, ihr Interesse an ihm zu dämpfen. Mit diesem Bereich seines Lebens hatte er schon lange abgeschlossen. Er hatte sich in dem Augenblick, in dem er Ada verlassen hatte, in Luft aufgelöst.

Nach einer weiteren Stunde der Diskussion und respektvollen Debatte vertagte Otis die Sitzung. Während Wes seine Papiere in einen Aktendeckel schob, war er mit seinen Gedanken bereits wieder bei seiner Farm, wo ihm nur das Vieh und eine lange Aufgabenliste Gesellschaft leisten würden.

Mehrere Vorstandsmitglieder blieben auf dem Weg nach draußen bei ihm stehen und gratulierten ihm zum neuen Haus.

„Vielen Dank und bleibt gesund“, erwiderte er jedem von ihnen.

Dieser Austausch geschah mehrmals hintereinander und lenkte ihn ab von der Tatsache, dass Joyce an der Tür zum Sitzungssaal mit einem in Folie gewickelten Behälter auf ihn wartete.

Wes wappnete sich innerlich und schritt langsam auf die Tür zu. Otis und Roy waren in ihr Gespräch vertieft und alle anderen hatten den Raum bereits verlassen. Aber selbst eine kleine Zuhörerschar bei dem, was nun kommen würde, war ihm immer noch zu groß.

Joyce strahlte ihn an. Ihre perfekten Zähne schimmerten weiß zwischen ihren rosa Lippen. Ihr strohblondes Haar war kinnlang geschnitten. Als Teenager hatte sie im Schulhaus von Eddner nur eine Reihe hinter ihm gesessen. Doch ihr Interesse schien damals mehr Chris zu gelten. Alle Mädchen hatten sich mehr für Chris interessiert.

Er nickte ihr höflich zu und murmelte: „Guten Morgen, Joyce.“

Sie hielt ihm den Behälter hin. „Ein kleines Geschenk zum Einzug für dich.“

„Das ist sehr aufmerksam von dir. Danke.“ Er nahm ihr den Behälter ab, wobei er sehr genau darauf achtete, ihre Hand nicht zu berühren, um ihr keinen falschen Eindruck zu vermitteln.

„Rhabarberkuchen“, erklärte sie. „Wir haben für den Laden eine ganz frische Lieferung Rhabarber bekommen, und ich dachte, ich könnte für einen alten Freund eine gute Verwendung dafür finden. Natürlich habe ich ein wenig für meine Mädchengruppe zurückbehalten, damit sie das Einkochen üben können, aber ich weiß, wie sehr du Rhabarber magst.“

„Ja, das stimmt.“

„Ich hoffe, dieser Kuchen ist besser als diese Fertiggerichte, die du normalerweise isst.“ Sie lachte.

Die Falten um ihre Mundwinkel bildeten kleine Klammern. Tiefe Krähenfüße zogen sich bis zu ihren Schläfen. Trotz allem, was in den Schönheitsmagazinen über solche Anzeichen des Alters geschrieben wurde, strahlte Joyce viel mehr Anmut aus als jede andere Frau in der Stadt. Eine Anmut, die Wes irgendwie anrührte und tief in seinem Inneren eine Empfindung in Bewegung setzte, die ihm ganz und gar nicht willkommen war.

Er räusperte sich und konzentrierte sich wieder auf den Augenblick. „Wirklich sehr aufmerksam“, wiederholte er und wollte weitergehen.

Joyce streckte die Hand nach ihm aus, um ihn aufzuhalten. Ihr Blick wanderte zu Otis und Roy, bevor sie sich zu ihm hinüberbeugte. „Ich habe das mit Chris gehört.“ Sie hielt die linke Hand in die Höhe und wackelte mit ihrem leeren Ringfinger.

„Woher weißt du …?“

„Ich habe über die sozialen Medien Kontakt zu Chris und die Fotos gesehen, die seine Frau von ihrer Party gepostet hat. Von ihrem Hochzeitsempfang, so würde man das wohl nennen.“

Ein weiterer Grund, die sozialen Medien zu meiden. Die zweifelhaften Verrenkungen der Menschen waren irgendwie entwürdigend. Wenn Joyce über die sozialen Medien von ihren Familienangelegenheiten erfahren hatte, dann wussten bestimmt auch Lydia und die Mädchen Bescheid.

Joyce senkte zögernd den Blick. „Seine Frau – Sheryl – hat auch einige Dinge über deine Familie gepostet.“

Der Heilige Geist half ihm, seine Zunge im Zaum zu halten, und hinderte ihn daran, etwas zu sagen, was nicht gut gewesen wäre. Aber schließlich war es seine Familie, über die Sheryl sich da ausließ.

Er konnte sich deshalb die Frage nicht verkneifen: „Was hat sie geschrieben?“

Joyce kaute einen Augenblick verlegen auf ihrer Unterlippe herum. „Dass ihr alle engstirnig seid und, mit anderen Worten, herzlos.“

Das Urteil einer Frau, die ihm nie begegnet war und die, soweit er wusste, außer Chris auch keinen anderen aus seiner Familie kannte.

Er nickte. „Ja, das war zu erwarten.“

„Ich persönlich bin davon überzeugt, dass niemand, der deine Familie kennt, euch so einschätzen würde.“ Erneut wanderte ihr Blick zu den beiden Männern, bevor sie hinzufügte: „Vor allem nicht dich.“

Hitze stieg ihm in die Wangen. Ihr Kuchen in seinen Händen, ihr Kompliment in den Ohren … Man brauchte nicht sonderlich intelligent zu sein, um diese Rechenaufgabe zu lösen.

Er hielt ihr Geschenk in die Höhe und nickte. „Noch mal vielen Dank. Ich muss jetzt los.“

„Bevor du gehst.“ Joyce wollte nach seinem Arm greifen, zog die Hand aber zurück, bevor ihre Finger ihn berührten. „Wenn du Hilfe mit dem alten Haus deiner Eltern brauchst – du weißt schon, putzen, vorbereiten für das, was du damit vorhast –, dann sag mir gerne Bescheid. Auch für mich birgt dieses kleine Haus ganz besondere Erinnerungen. Deine Mutter war immer so nett zu mir. Ich helfe dir gern bei allem, was nötig ist.“

Er verlagerte sein Gewicht von einem Fuß auf den anderen. „Also eigentlich …“

„Oh, vielleicht hast du ja schon Pläne? Ich hätte zuerst danach fragen sollen.“

Nur ein Wort kam über seine Lippen: „Ja.“ Innerlich wand er sich, denn Lügen schmeckten wie Essig.

Joyce nickte. „Natürlich, ich verstehe. Aber das Angebot steht. Wir sehen uns in der Kirche.“ Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Ein Lächeln, das ein wenig zu strahlend ausfiel. Wie ein Scheinwerfer, der direkt auf seine Verfehlung gerichtet war.

„Bis dann“, verabschiedete er sich, während er sich umdrehte und den Saal verließ.

Mit hängendem Kopf überquerte er den Parkplatz und ging zu seinem Truck. Jetzt brauchte er dringender denn je einen Plan für das Haus.

Vier

Die Knoten in Nikkis Nacken waren ein Anzeichen für die Anspannung in ihren Muskeln. Ihre zerwühlten Bettlaken zeugten von einer unruhigen Nacht, ein Hinweis darauf, dass sich die innere Ruhelosigkeit sogar in ihren Schlaf eingeschlichen hatte. Sie zwang sich aufzustehen und rief in ihrem Fitnessstudio an, um eine persönliche Trainerstunde zu vereinbaren. In diesem Jahr hatte sie noch keine in Anspruch genommen, und dass diese Stunde nun auf den ersten Ferientag fiel, besänftigte ihre Gewissensbisse ein wenig. Wenigstens versäumte sie keine Schulstunde. Anschließend schaltete sie ihr Telefon stumm und versteckte es unter den Bettlaken.

Um kurz vor zehn schleppte sie sich schließlich ins Bad. Das Gesicht, das ihr im Spiegel über dem Waschbecken entgegenblickte, erschreckte sie. Zerzauste, haselnussbraune Haare, hängende Augenlider, dunkle Halbmonde unter den Augen. Eine Katastrophe. Sie suchte ihren Blick im Spiegel. Dieselben braunen Augen wie die ihres Vaters schauten sie an.

Schnell wandte sie den Blick ab und drehte den Wasserhahn auf. Das kalte Wasser in ihrem Gesicht verjagte die Gedanken, die schon wieder auf sie einstürmten.

Genau das würde sie auch weiterhin tun: Sie würde die Gedanken an ihren Vater, ihre Mutter und das bevorstehende Gespräch mit Isaac am Abend wegschieben. Wenn ihre Hände in Bewegung waren, dann würden die Gedanken bestimmt verstummen.

Sie zog eine Sweathose an, streifte ihr altes T-Shirt von der Kansas State Universität über und nahm die einzige Aufgabe in Angriff, die ihr in den Sinn kam – putzen. Von oben bis unten, einer Seite zur anderen, von vorn bis hinten würde sie ihre kleine Wohnung auf Hochglanz bringen. Den Kühlschrank nahm sie sich gründlich vor, entfernte die Spinnweben aus den Ecken, zog ihr Bett ab, putzte das Fenster und sogar die Fugen der Fliesen in der Dusche wurden mit einer Zahnbürste und Scheuerpulver bearbeitet.

Schweißtropfen bildeten sich auf ihrer Stirn, während ihr Apartment langsam blitzte und blinkte und sich sauber und gemütlich anfühlte wie das alte Farmhaus von Oma Ann. An ihre Großmutter hatte sie nur Erinnerungsfetzen – wie sie die Arme weit öffnete, wenn Nikki durch ihre Haustür trat, an ihr fröhliches Lachen, die spürbare Sauberkeit ihres Heims. In ihrer Reichweite lag scheinbar immer ein Geschirrtuch griffbereit, um auch den kleinsten Krümel oder Spritzer aufwischen zu können.

Kreisend zog Nikki den Wischmob über den Boden, so wie Oma Ann nach dem Weihnachtsessen mit einem feuchten Lappen den Tisch sauber gewischt hatte. Das strahlende Lächeln ihrer Großmutter hatte gezeigt, wie froh sie war, dass sie ihrer Familie einen gemütlichen Ort schaffen konnte, an dem jeder und jede herzlich willkommen war, wann immer sich die Gelegenheit zu einem Besuch ergab. Was jedoch nicht oft der Fall war.

Wie schön wäre es gewesen, wenn Nikki ihre Großmutter besser gekannt hätte, wenn sie gewusst hätte, wie sie im Alltag war. Ob sie Nikki wohl gern besser kennengelernt hätte? Ob sie wohl mit ihrem Sohn darüber gesprochen hatte? Ob er wohl zugehört hatte?

Nikki schrubbte noch fester, bis ihre Gedanken davonflatterten.

* * *

Gegen ein Uhr war ihr Apartment blitzsauber. Nikki bereitete sich ein Spinatsandwich mit geschmolzenem Käse zu und ließ sich auf dem Fensterbrett ihres einzigen Fensters nieder. Die Sonnenstrahlen tanzten auf den Wellenkämmen des Flusses. Sie schloss die Augen und versuchte, in diesen Augenblick der Stille einzutauchen. Leider störte der Lärm eines Flugzeugs ihre Ruhe. Das Rumpeln wurde lauter, je mehr sich das Flugzeug dem nur etwa eineinhalb Kilometer entfernten Flughafen der Stadt näherte. Abgelöst wurde das Brummen des Flugzeugs außerdem durch den schrillen Pfiff eines Zuges.

Seufzend öffnete sie die Augen. So viel zu einer friedlichen Mittagspause. Sie nahm einen Bissen von ihrem Sandwich, dann noch einen. Das Sandwich war perfekt gesalzen und gebraten, nach einer Technik, die sie im Lauf der Zeit perfektioniert hatte.

Sorgsam leckte sie das Fett von ihren Fingern, dabei war sie froh, dass ihre Großmutter nicht in der Nähe war und ihre schlechten Umgangsformen mitbekam. Schließlich ging sie hinüber zu ihrem Nachttisch, um sich ein Papiertuch zu holen. Die Schachtel bewegte sich und stieß gegen ihr Telefon, das seit ihrem Gespräch mit dem Fitnessstudio mit dem Display nach unten dort lag. Obwohl sie es einerseits gern so liegen gelassen hätte, wollte sie sich doch vergewissern, dass ihre Mutter sich nicht gemeldet hatte und ihre Hilfe brauchte.

Sie nahm das Telefon zur Hand und entdeckte eine Textnachricht von Tracy.

Ich habe gehört, dass du dir den Tag freigenommen hast. Hoffentlich kannst du dich gut ausruhen. Schreib mir, wenn du irgendetwas brauchst.

Lächelnd stellte sie ihren Teller auf das Bett, um ihr eine Antwort zu schicken.

Du bist die Beste.

Noch eine ungelesene Nachricht wartete auf sie, die heute Morgen abgeschickt worden war – von Isaac.

Bin am Flughafen. In wenigen Stunden bin ich zu Hause. Muss immer an dich denken – an uns.

Ein scharfer Schmerz zuckte durch ihren Körper. Er liebte sie. Andere Frauen würden sie beneiden um das, was sie hatte. Warum nur machte ihr das so zu schaffen? Warum schon wieder diese nagende Unruhe?

Wenn ihr nur irgendjemand erklären könnte, was das bedeutete. Jemand, der schon einmal vor einer solchen Entscheidung gestanden hatte – zum Beispiel ihre ältere Schwester.

Sie schaute auf die Uhr, es war zwanzig nach eins. Vielleicht war das ein guter Zeitpunkt für ein Gespräch mit Hannah. Sie wählte ihre Nummer und wartete.

„Hallo, du“, meldete sich ihre Schwester.

„Schlechter Zeitpunkt?“

„In zwanzig Minuten habe ich eine Sitzung, aber jetzt kann ich reden. Wie geht es dir? Schwieriger Tag gestern, nicht?“

„Ein schlimmer Tag.“ Sie erzählte Hannah von dem Besuch bei ihrer Mutter und deren ausgezehrten Wangen. Außerdem berichtete sie, wie sie allen Lebensmut verloren hatte, als sie von der Hochzeit ihres Vaters erfuhr.

„Ach, die arme Mama.“ Hannah seufzte. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, was sie durchmacht.“

Nikki ging zurück zum Fenster und ließ sich erneut auf der Fensterbank nieder. Die Sonnenstrahlen wärmten ihr Gesicht. „Denkst du, dass sie es bereut, ihn geheiratet zu haben?“

„Bereut? Das ist ein ziemlich starkes Wort.“

„Würdest du nicht so empfinden, wenn du in ihrer Lage wärst?“

„Nik, was ist los? Geht es hier um dich und Isaac?“

„Nein, ich meine nur …“ Sie könnte genauso gut ehrlich sein. „Ja, vermutlich. Ich denke schon.“

„Du und Isaac, ihr seid nicht Mama und Papa.“

„Ich weiß, aber …“

„Aber was?“