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Nuko, ein Teenager, wird nach Russland entführt. Paula, seine Freundin, will ihn unbedingt persönlich finden und wagt daher, zusammen mit Detektiv Petrov in den größten Staat der Welt auf seine Suche aufzubrechen. Zwischen Moskau und den unendlichen Weiten Sibiriens, zwischen Krieg und Zerstörung und Momenten der Einsamkeit, zwischen Enttäuschung und Hoffnung bewegt sich Paula an Petrovs Seite durch ein ihr komplett unbekanntes Land, durch eine andere Welt. Ein Kriminalroman? Eine Gesellschaftssatire? Eine Liebesgeschichte? Ein Thriller? Ein Abenteuerroman? Ein Reisebericht? Im Russischen Wintermärchen verschwinden die Genregrenzen.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2020
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MARTIN
SCHERBAKOV
Ein russisches
Wintermärchen
Dieses Buch ist die zweite Fortsetzung der L’Île de Météorite Reihe. L’Île de Météorite und L’Île de Météorite II – auf der Suche nach dem Stein sind 2013 und 2014 erschienen. Ein russisches Wintermärchen kann jedoch auch als ein eigenständiges Werk betrachtet werden.
1. Auflage 2020
Text: © Martin Scherbakov
Umschlagbild und -gestaltung: © Martin Scherbakov
Verlag:
Martin Scherbakov
Felix-Klein-Str. 66
91058 Erlangen
Ich besuchte damals die siebte Klasse der Freien Waldorfschule Erlangen, als ich mit dem Romanschreiben begann. Es war das Jahr 2013, ich war zwölf Jahre alt. Gleich drei meiner Klassenkameradinnen fingen damit an, fiktionale Texte zu kreieren. Auch ich wollte mich in diesem Metier versuchen. Meine ersten beiden Bücher schrieb ich innerhalb von nur ein paar Monaten. Wesentlich länger habe ich für mein drittes Buch, meinen ersten richtigen Roman, gebraucht. Im Frühjahr des Jahres 2014 begonnen, schrieb ich die letzten Zeilen erst 2016, zum Jahresende hin, nieder. Zu diesem Zeitpunkt war ich schon 16 Jahre alt und besuchte mittlerweile die 10. Klassenstufe. Es sollte so kommen, dass ich etwa zu jener Zeit ein Redaktionsmitglied der Schülerzeitung meiner Schule wurde, für die Veröffentlichung meines Buches blieb mir keine Zeit übrig. In der 11. Klasse musste ich meine Freizeit in die Erstellung einer wissenschaftlichen Arbeit investieren, allmählich vergaß ich sogar, dass der Roman schon abgeschlossen war. Immer wieder musste ich an mein
Russisches Wintermärchen
denken, doch traute ich mich nicht, es abzuschließen. Erst in der 13. Klasse, es war bereits Jahresende von 2019, wagte ich einen Blick in mein Manuskript. Zu meiner großen Überraschung musste ich feststellen, dass mein Roman beinahe druckbereit war.
Seit dem Ende der Schreibarbeiten am Roman und seiner Wiederentdeckung vergingen drei Jahre, seit dem Beginn des Schreibens sogar sechs. Vieles hatte sich verändert, natürlich auch mein Schreibstil, meine gesamte Ausdrucksweise. Eigentlich hätte ich das gesamte Buch komplett neu schreiben müssen. Doch ich entschied mich dafür, ebendies nicht zu tun. Stattdessen soll nun, nach mehr als sechs Jahren, dieses Projekt ein Ende finden. Dieser Roman, der von einem 13- bis 15-jährigen Jungen geschrieben wurde, sollte daher als ein Dokument seiner Zeit angesehen werden.
Im ersten Buch bricht die damals noch vierzehnjährige Ingolstädterin Paula Hofer mit ihren Eltern auf einen Weihnachtsurlaub auf die im Pazifik gelegenen Marquesas Inseln auf. Sie vergnügt sich nicht nur ausschließlich mit dem Schnorcheln, sondern trifft dort auch auf einen einheimischen, ihr gegenüber nur leicht älteren Jungen namens Nuko, dessen Mutter deutschsprachig ist, weshalb er diese Sprache perfekt beherrscht und sich problemlos mit Paula unterhält. Schnell werden sie zu guten Freunden. Beim gemeinsamen Tauchen entdecken sie einen metallhaltigen Meteoritensplitter nahe der Küste. Später, nachdem der Splitter auseinanderbricht, stellt sich heraus, dass sich im Meteorit ein Edelstein grünlichen Farbtons befand, genannt Pallavin. Diesen olivengroßen Pallavin trägt Paula von dem Moment an um ihren Hals an einer Goldkette.
Im zweiten Buch verliert Paula ihre Halskette mit dem Stein, wenig später findet sie heraus, dass dieser via eBay nach New-York an einen gewissen John Collins verkauft wurde. Mittlerweile ist wieder Neujahrszeit und am ersten Januartag bricht Paula mit ihrem Opa in die USA „auf die Suche nach dem Stein“ auf. Nach dem Treffen mit John stellt sich heraus, dass er den Stein bereits weiter an seinen Freund Juan in Mexico versendet hat. Juan teilt jedoch Paula und ihrem Opa Alfred während ihres Treffens mit, er habe den Stein bereits weiter nach Alaska verfrachtet. Auch dorthin fliegt Paula mit ihrem Großvater. Alfred hat einen Sinn für Humor und ist ein großer Spaßvogel. Seinen „Amerikaurlaub“ bereichert er regelrecht mit Hochprozentigem und weiteren, unanständigen Sachen. Wenig später stellt sich allerdings heraus, dass der Pallavin wieder seinen letzten Absender wegen einer Briefmarke mit einem nicht ausreichenden Wert erreicht hat. Juan verschickt den Stein wieder zurück nach Deutschland und Paula erreicht zusammen mit ihrem Opa auch nach einigen Tagen auf eine sehr abenteuerliche Weise ihr Heimatland. Bei einem Umstieg findet Paula in einem Schmuckladen einen grünlichen Stein mit einer Kette, der genauso aussieht, wie ihr Pallavin. Der Kristall jedoch, den sie von Juan erhält, hat nun eine mehr gelbliche Farbe bekommen. Paula ist sich nicht mehr sicher, welches der beiden Edelsteine ihrer ist. Kurz nach ihrer Ankunft in Ingolstadt kommt Nuko aus Polynesien nach Deutschland, um Paula zu besuchen. Er hat vor, für eine etwas längere Zeit in Bayern zu bleiben.
Exkurs Pallavin:
Die olivgrünen Edelsteine kommen nur in Pallasiten vor, metall- und steinhaltigen Meteoriten aus dem Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Bisher fielen 97 Pallasite auf die Erdoberfläche, jedoch nur in einem von denen blieben die außerirdischen Edelsteine unzerbrochen.
Melnikowo, irgendwo in Sibirien
Es war kalt. Nuko wusste nicht wie viel Grad die Raumtemperatur betrug, aber so eine Kälte bekam er noch nie zu spüren. Wie ein Schwert traf ihn der eisige Frost von draußen. Heftiger Wind blies dutzende Schneeflocken durch das gebrochene Fenster in das Zimmer. Nuko konnte sich nicht ausreichend bewegen, um sich zumindest zu erwärmen, darum begannen seine Hände und Füße zu erstarren. Er sammelte seine letzten Kräfte und begann, die Seile an einem rostigen Nagel, der aus dem Boden hervorstand, aufzulösen. Nach 15 Minuten waren die Seile schon so dünn, dass Nuko sie einfach durchreißen konnte. Die Hoffnung auf eine erfolgreiche Flucht gab ihm neue Kräfte, darum zögerte er nicht lange und sprang durch das gebrochene Fenster in die Freiheit. Vor sich sah er nur kahle Baumstämme und endlos viel Schnee. So viel hat er noch nie in seinem Leben gesehen. Er rannte los so schnell er konnte. Er wusste nicht genau, ob ihn jemand verfolgte oder nicht, er raste jedoch immer weiter vorwärts, ohne einen Blick nach hinten zu werfen. Als die Kräfte Nuko endgültig verließen, stürzte er kraftlos auf eine Felskante nieder. Weit unten sah er vereinzelte kleine Lichter aus der Dunkelheit herausflimmern. Nuko spürte die Kälte nicht mehr, im Gegenteil, es breitete sich eine angenehme Wärme in seinem Körper aus, er wollte sich kurz hinlegen, um sich zumindest für 5 Minuten auszuruhen. Der Junge schloss seine Augen, jedoch nach wenigen Momenten wachte er wieder auf. Er wusste: Es begann die zweite Phase des Erfrierens, die hintertückischste und gefährlichste. Das Gehirn hörte auf zu kämpfen, es war so, als ob es zu ihm sagen würde:
„Alles ist gut, es gibt keinen Grund für Eile, fünf Minuten machen doch nichts aus, ein kleines Nickerchen und weiter geht’s…“
Viele Wanderer hörten auf diesen betörenden Ruf und schliefen ein, für immer. Der „kleine“ Polynesier verstand: Seine einzige Chance war das kleine Dorf in der Flusssenke. In einem halb bewusstlosen Zustand lief er weiter.
Ingolstadt, Deutschland, 16 Tage früher
Mittlerweile wohnte Nuko schon seit drei Wochen bei Paula zu Hause. Das Land mit der schwarz-rot-goldenen Flagge begann ihm langsam auf die Nerven zu gehen. Ganz besondere Beziehungen pflegte er zur bayrischen Küche. Vor allem hasste er Kartoffelsalat. Er verstand überhaupt nicht, wieso Deutsche dieses Gericht überhaupt Salat nannten.
„Gekochte Kartoffeln mit Essig? – Und das sollte Salat sein? Einfach abartig! Viel besser wären doch geschmorte Holzwurmlarven, oder nicht?“ dachte Nuko jedes Mal für sich, als er dazu gezwungen wurde, das leckere Gericht aus Erdäpfeln zu verspeisen. Genauer gesagt wurde er gar nicht dazu gezwungen, sondern er wollte einfach nicht hungrig bleiben und aß deshalb den Holzwurmlarvensalat à l’Allemagne.
Sobald er an seine Heimatküche dachte, floss ihm der Speichel im Mund zusammen. Frischgefangene, von der grellen, tropischen Sonne erhitzte Raupen konnte man mit dem Saft einer Auster beträufeln. Manchmal hatte Nuko sogar das Glück, einen riesigen Wasserkäfer zu fangen. Dieses Insekt wehrte sich natürlich mit gigantischen Krebsscheren, mit denen es auch locker einen Finger durchbeißen konnte, wenn man jedoch eine Menge Erfahrung und etwas Glück hatte, bekam man als Belohnung das feinste Innere und den leckeren Käfersaft.
Außerdem fühlte er sich nach dem tropischen Klima in Ingolstadt wie in der Antarktis. Egal, wie viele Kleidungsstücke er anzog, es war ihm immer noch zu kalt. Es war kein milder Winter. -16°C. „Sibirische Kälte“. Keiner wagte sich nach draußen. Einmal stand Nuko an einer Haltestelle, er wartete auf einen Bus und zitterte schon vor Kälte, als ihn ein Obdachloser bemerkte und sich ihm näherte.
„Ej, Bongo-Bongo, was ist los, schon zu Tode gefroren? Schau her, so geht’s!“ Der Penner öffnete ruckartig seinen Mantel und obwohl sich Nuko schon auf das Schlimmste vorbereitet hatte, sah er dort nur Zeitungspapier, das aus der Hose, dem Pullover und den Achseln herausquoll.
„Nimmste Zeitung und schiebst dir’s überall hinein. Nehme nur kein glänzendes, das wärmt nicht! Vollgestopft und warm is’es“ Zum Abschluss sprach er noch: „Und stinkt auch gar net!“
„Morgen soll’s wärmer werden!“ rief Johanna.
„Toll, dann gehen wir in den Zirkus“, freute sich Paula.
„Irgendwie verstehe ich diese Logik nicht, aber egal“ dachte sich Nuko.
„Gute Nacht“
„Gute Nacht“, und alle verschwanden flott in ihren Zimmern.
In dieser Nacht träumte Paula einen sehr bösartigen Traum. Es ging um Nuko, um den Stein und sie hatte Angst. Angst wie nie zuvor. Am frühen Morgen wachte sie schweißgebadet auf. Sie tastete gleich ihren Körper ab, um sicherzustellen, dass noch alle Körperteile intakt geblieben waren, erst dann konnte sie ausatmen. Sie ging zur Toilette und legte sich wieder hin. Als die Sonne schon hoch über dem Himmel stand, wachte sie wieder auf, weil Johanna zum Frühstück rief. Es gab Haferbrei. Nuko mochte Haferbrei, denn es erinnerte ihn stark an das Püree aus Schnecken und Grashüpfern, das er sehr mochte.
„Wo bleibt er nur denn?“ dachte sich Paula.
„Nuko!“ „Nukooo!“
„Nuko, komm jetzt zum Frühstück, du machst uns alle nervös!“
„Dein Haferbrei wird kalt!“
Paula rannte hoch zu seinem Zimmer.
„Nuko, das ist nicht mehr lustig, wo bist du?“ rief Paula verzweifelt.
Sie schaute unter dem Bett und im Schrank. Dann wollte sie das Fenster öffnen und bemerkte dabei, dass es nicht verriegelt war.
Sie schaute angsterfüllt nach unten – dort war er jedoch auch nicht.
Stattdessen sah sie dort Spuren im Schnee.
„Nuko“, rief sie verzweifelt.
Doch sie bekam keine Antwort.
Sie meldeten sofort der Polizei, Nuko sei verschwunden. Nach einer Stunde kam die Polizei mit einem Deutschen Schäferhund zu ihnen nach Hause. Der Vierbeiner begann unter dem Fenster zu bellen, trampelte auf dem verschneiten Blumenbeet herum, schnüffelte danach bis zur Straße und blieb dort stehen. Zu ihnen trat ein Polizist ein, welcher Robert mit Fragen zu quälen begann.
„Wann haben sie den Jungen das letzte Mal gesehen?“
„Wissen sie, wo er hingelaufen sein könnte?“
„Wüssten sie vielleicht…?“
Er teilte ihnen mit, er werde sich alle Mühe geben, den Jungen bis zum heutigen Abend nach Hause zu bringen. „Wieso blieb ihr Hund eigentlich an der Straße stehen?“ fragte Paula den Polizisten neugierig und besorgt zugleich.
Noch bevor er ihr eine Antwort geben konnte, warf Johanna ein:
„Paula, mein Mäuschen, du musst jetzt schon wirklich los, sonst kommst du auch zur zweiten Fachstunde nicht!“
Johanna schob ihren Sprössling, ihr dabei leicht in den Rücken drückend, vor die Tür, die sie hinter ihr auch sofort verschloss.
„Sehr nett!“ dachte sich Paula.
Am Abend klopfte erneut jemand an die Tür, Paula sprang vor Freude vom Stuhl, sie dachte, es sei Nuko, doch leider war es ein Polizist, der ihnen mitteilen wollte, sie hätten den Jungen noch nicht finden können, daher käme Morgen eine Spezialeinheit zu ihnen nach Hase, die sich mit solchen Vorfällen besser auskenne.
Am nächsten Morgen, es war ein Samstag, klopfte schon um 8 Uhr morgens ein Mann mittleren Alters an die Tür. Er trug ein dunkelbraunes Hemd und eine Krawatte und stellte sich als Kommissar Schmitt vor. Er besaß eine kleine, stämmige Figur, leicht graue Haare und hellbraune Augen. Er trug einen dunkelbraunen Filzhut, sobald er ihn absetzte und vorsichtig an einen Halter hängte, konnte man auch seine breite Glatze erkennen. Bevor er in das Haus hereintrat, streifte er gefühlte hundert Mal seine braunen, leicht abgetragenen Lederschuhe auf den sowohl außen, als auch innen liegenden Fußmatten ab.
„Guten Morgen allesamt. Manfred Schmitt mein Name, Sonderermittler des LKA. Ich würde mal sagen, ich lege gleich los!“ Schmitt lächelte zur Begrüßung alle kurz und höflich, aber auch unaufrichtig an. Paula begann ihn gleich mit zahlreichen Fragen, Nuko betreffend, zu quälen, doch er ließ sich nicht so einfach von seinem Kurs abbringen.
„Gnädiges Fräulein! Lassen sie mich doch zuerst meine Arbeit erledigen, dann können wir in Ruhe miteinander reden!“ sprach Schmitt mit bayerischem Akzent.
Bevor er in Nukos Zimmer eintrat, zog er sich weiße Handschuhe über und fing an, nach Hinweisen zu suchen, die ihm helfen würden, Nuko zu finden. Er inspizierte das Zimmer mit Hilfe einer Pinzette, Zentimeter für Zentimeter. Nach 5 Minuten kamen noch zwei Männer in weißen Overalls, die mit Hilfe eines Pinsels und speziellem Puder nach Fingerabdrücken suchten. Und die fanden sie auch.
„So, so“, sagte Schmitt. „Jetzt ist die Sache schon fast erledigt! Die Übeltäter haben mit Spiritus übergewischt, doch einen Fingerabdruck vergaßen sie… Seltsam! Wahrscheinlich wurde Nuko entführt!“
„Aber warum?“ dachte sich Paula und versuchte Schmitt noch mit allen möglichen Mitteln dazu zwingen, noch für kurze Zeit zu bleiben, dabei wies sie auch auf das versprochene Gespräch hin.
„Je eher ich die Ergebnisse dem Untersuchungslabor übergeben werde, desto besser ist es für diesen Jungen!“
„Dieser Junge heißt Nuko!“ sprach Paula verärgert.
„Ach stimmt ja, Nuko. Wie heißt er eigentlich nochmal mit Nachnahmen? In dem ganzen Papierkram ist diese Einzelheit irgendwie untergegangen!“
Die ganze Familie schaute sich Fragend gegenseitig an.
„Also gut“, sagte Schmitt, „kein Nachnahme ist ja auch in Ordnung!“
Sicherheitshalber sperrte Schmitt Nukos Zimmer mit einem Roten Band ab und sagte, er käme Morgen wieder.
Während sich Paula noch die nächste Frage für Schmitt ausdachte, war er schon nach draußen gegangen und in seinem Elektroauto, einem BMW i3, davongefahren.
Schmitt kam noch an diesem Tag zu ihnen zurück und hatte eine schlechte Nachricht für die Hofers parat:
„Nun, meine Damen und Herren, dieser Finderabdruck, den die Übeltäter seltsamerweise vergessen haben wegzuwischen, der gehört ’nem russischen Gauner. Dies bedeutet, das Nuko in Russland sein könnte. Wir können die Sache nicht so einfach übergeben, aber…“
„Nichts aber, ein Junge ist verschwunden und…“ entgegnete Johanna.
„Ich wollte ja bloß sagen, verehrte Frau, dass zu ihnen am Montag Detektiv Petrov kommt, der ist in Sachen Russland Spezialist“, schloss Schmitt ab und drehte sich rasant zur Tür, um im Dunkeln zu verschwinden und sich so vor weiteren Fragen des neugierigen Fräuleins zu verbergen.
„Aber hören Sie, wie ist es eigentlich…“, begann Johanna, „Sie können doch jetzt einfach nicht so abhauen!“ schrie sie dem Sonderermittler durch die geschlossene Haustür hinterher.
„Mein Schatz, der Mann hat vielleicht noch was Anderes zu erledigen!“ kommentierte Robert.
„Nichts auf der Welt ist jetzt wichtiger als Nuko!“ schloss Paula ab und entfernte sich in ihr Zimmer ohne einen weiteren Laut von sich zu geben.
Nach einem wärmeren Sonntag kam wieder ein kühlerer Montag. Am Abend dieses Tages klopfte erneut jemand an der Tür. Noch bevor Paula diese öffnen konnte, ging diese schon scheinbar von selbst sperrangelweit auf. Es war der Detektiv. Nicht der kleine Schmitt mit dem bisschen grauen Haar. Es war ein hoher Mann mit hochgelegten Haaren und einem Deutsch-Russlandanstecker auf seinem bleistiftgrauen Anzug. Er stellte sich vor:
„Meine verehrten Damen und Herren, guten Abend, Detektiv Petrov, zu ihren Diensten. Ich werde alles tun, um den Jungen zu finden!“
Diesen Satz sprach er langsam, sehr überzeugt und zielbewusst, ohne jegliches Lächeln. Und ohne jeglichen Akzent. Anders als Schmitt begab er sich nicht gleich in Nukos Zimmer, sondern ging mit großen, langsamen Schritten durch den Raum, eher die etwas bezüglich seines Auftretens überraschten Personen ihm etwaige Fragen stellen konnten. In der Mitte des Zimmers blieb er stehen und versank für einen kurzen Moment in seinen Gedanken. Anders als Schmitt streifte er seine schwarzen, bis zum Glänzen polierten Schnürer von Gucci nicht tausendmal an den Fußmatten ab. Streukiesel, der in seinen Sohlen stecken blieb, kratzte sich schon tief in das Nussbaumparkett ein, jedoch traute sich keiner, den Detektiv darauf aufmerksam zu machen. Sein Blick war durchdringend und hart. Seine Augen, hellblau, genauso wie seine Krawatte. Paula gefiel der neue Detektiv sofort. Sie wusste sofort: Dieser Typ, auch wenn er etwas streng erscheine, er wird Nuko finden, egal was er dafür auf den Tisch legen wird. Nach einer kleinen Pause kündigte Petrov an:
„Setzten wir uns doch alle erstmal hin!“
Als nächstes wandte er sich an Paula:
„Dürfte ich fragen, wie sie mit Vornamen heißen, Madame?“
„Sie können mich duzen, Herr Petrov. Mein Name ist Paula!“ sprach Paula etwas stotternd.
„Also dann Paula, erzähl mir alles über deinen Franzosen!“
„Eigentlich ist Nuko ein Polynesier!“
„Es gehört doch zu Frankreich, also ist er immer noch Franzose!“ sprach Petrov so überzeugt, dass Paula ihm gar nicht widersprechen wollte.
Auf seinem Schoß lag eine noch dünne, verschnürte Mappe auf der in Kyrillischen Lettern folgendes gedruckt war:
ДЕЛО № 576 (Verfahren № 576)
Unterhalb dieser Zeile befand sich noch Weitere, in welche etwas von Hand dazugeschrieben wurde:
ИМЯ: Нуко (Name: Nuko)
ФАМИЛИЯ: ? (Familienname: ?)
Nun hörte sich der Detektiv alles genau an. Dabei unterbrach er die Erzählenden oft und stellte viele Fragen. Er wollte alles bis ins kleinste Detail wissen. Anders als Schmitt hatte er kein Miniatur-Polizei-Notizbuch, sondern eher einen Zeichenblock dabei. Paulas Vater schaute interessiert hinein. Außer kleinen Notizen, zeichnete Petrov schon eine ganze Strategie in sein Heft. Darauf machte er den Block zu, stand ohne Worte auf und schritt in Richtung Nukos Zimmer. Dabei achtete er überhaupt nicht auf Johanna, die ihm gerade etwas lebhaft erzählte. Man hatte den Eindruck, Petrov habe einen Geistesblitz bekommen.
„Sind diese ganzen Sonderermittler eigentlich immer so unhöflich, und wollen einen einfach nicht zu Ende ausreden lassen?“ sprach Johanna leise vor sich hin.
„Vielleicht liegt es ja einfach an deinen Redegepflogenheiten!“
„Robi, die Nachspeise kannst heute vergessen!“
Mit einem großen Schritt überwand er die Absperrung und begann das Zimmer zu untersuchen, ohne jegliches Hilfsmaterial und Gummihandschuhe. Schon nach drei Minuten fand Petrov im Zimmer mindestens genauso viel, wie Schmitt und die Anderen. Es handelte sich um eine halbe Zigarette, die er nach dem Aufheben zu kneten und den Tabak zwischen den Fingern zu zerreiben begann. Für einen kurzen Augenblick bildete sich eine Grimasse des Abscheus auf seinem Gesicht.
„Hoyo de Monterrey!“ murrte Petrov.
„Ja…“ sagte der Detektiv mit einer gesunkenen und leicht besorgten Stimme. Er ließ den Tabak wieder auf den Boden fallen und ging zurück ins Wohnzimmer, zusammen mit neugierigen Zuschauern, die jedoch ganz brav die ganze Zeit über hinter dem Absperrband standen und den Profi bei der Arbeit beobachteten.
„Wie ist ihnen das so einfach gelungen?“ fragte Johanna sehr interessiert.
„Die einfachste Art, ein Gegenstand zu verstecken besteht darin, es auf den sichtbarsten Platz zu legen. Oft bemerkt man, wenn man sich mit Pinsel und Handschuhen ausrüstet, die Dinge, nach denen man die ganze Zeit sucht, gar nicht!“ beantwortete Petrov sehr seriös.
Johanna begann schon etwas an der professionellen Arbeit des neuen Detektivs zu zweifeln, schloss sogar nicht aus, dass Petrov die Zigarette nur mitgebracht hätte, um Furore auf alle auszulösen. Sie wollte jedoch weiterhin intelligent aussehen und stellte deshalb der Person im grauen Anzug eine Frage:
„Waren da nicht Fingerabdrücke an dieser Zigarette, die sie da vorhin zerdrückten, oder so?“
Petrov entgegnete ihr prompt:
„Die Arbeit eines Detektivs besteht nicht nur darin, Einzelstücke aufzusuchen, sondern auch diese wie ein Puzzle zu einem großen Ganzen zusammenzulegen!“ Zwar blieb Johannas Frage genauso, wie beim ersten Mal, unbeantwortet, doch auch die Lust, weitere kluge Fragen zu stellen, verschwand rasant.
Es war schon Viertel vor Zwölf, als Petrov endlich die Idee bekam, langsam die Arbeit für den ersten Tag zu beenden. Zum Schluss, wieder in Gedanken versunken, machte er nur einen kleinen Kopfnicker und sprach noch ein kurzes «Wiederseh’n», bevor er draußen im und in der Dunkelheit verschwand.
Dienstagabend kam Petrov wieder. Diesmal trug er einen hellgrauen Anzug und eine pink-gepunktete Krawatte.
„Interessante Farbwahl für eine Krawatte für einen Detektiv!“ kommentierte Paula.
„Pink ist eine meiner Lieblingsfarben, doch es wäre ja geradezu unanständig für einen Detektiv, am Arbeitsplatz in einer pinken Hose oder einem rosa Anzug zu erscheinen. Also muss man sich auf kleine Details reduzieren!“
„Also normal ist es nicht für einen Mann“ sagte Robert, als Petrov im anderen Zimmer war.
„Die Kleinigkeit kann man ihm doch verzeihen, Hauptsache er findet Nuko. Außerdem mag ich pink auch sehr gerne!“ spaßte Paula.
Als sie später wieder zusammensaßen, wandte sich Petrov zu Paula und begann zu sprechen:
„Ich werde voraussichtlich diese Woche nach Russland fliegen, denn dort befindet sich mein eigentlicher Arbeitsplatz!“
„Vielleicht könnte ich dort auch behilflich sein?“ fragte Paula vorsichtig.
„Auf keinen Fall, in so ein Land lass ich dich nicht ohne anständige Begleitung fahren!“ rief Robert mit einer entsetzten Stimme.
„Eher nicht, du wirst mich bei der Arbeit nur stören, außerdem musst du zur Schule gehen!“ fügte Petrov ernsthaft hinzu.
Paula verstand, dass genau jetzt der richtige Moment gekommen war, Petrov die ganze Geschichte über ihre Edelsteine zu erzählen, natürlich sollten die Geschichten den Familienkreis dabei nicht verlassen.
„Vor mehr als einem Jahr… – fing Paula an – … und jetzt sind beide Steine bei mir!"
Petrov machte nur eine kleine Bewegung mit dem Kopf und sprach schließlich: „Ich überleg es mir noch!“ bevor er, wie am Vortag, mit einem weiteren kleinen Kopfnicken sich bei den Hofers verabschiedete und ihr Haus verließ. Genau in dem Zeitpunkt klingelte das Telefon. Es waren Paulas Oma Rosa und Opa Alfred, sie telefonierten gerade aus Schweden.
„Wir haben heute Elche gesehen und ich ging sogar auf Jagd“, setzte Alfred ein.
„Er hat nach dem 200m entfernten Elch seinen Skistab geworfen, und nur, weil er davor Alkohol zum Erwärmen getrunken hat!“ setzte Rosa ein.
Anscheinend lief es nicht so glatt bei Paulas Großeltern. Nun nahm Paula das Telefon, und schlug ihrem Opa vor, ohne groß zu überlegen:
„Hättest du was gegen eine Reiseverlängerung nach Russland?“
„Ja, aber...?“
An diesem Moment unterbrach die Verbindung, wahrscheinlich aus menschlichen Gründen.
„Paula, was bildest du dir überhaupt ein, du fährst mit Alfred nirgendwo hin, es ist nicht mal ein Monat nach eurer Spielkasinotour durch den Wilden Westen vergangen!“
„Es war nur einmal, und nicht im Wilden Westen, sondern in Mexico und außerdem wollte ich gar nicht dorthin!“ setzte Paula zu ihrer Verteidigung ein.
„Ja Paula, außerdem wolltest du in den Winterferien nach Paris mit deiner Oma!“ Roberts Replik erschien in dem Moment nicht so überzeugend.
Mittwochmittag rief Petrov wieder an und teilte mit, dass er Paula in Russland womöglich gut gebrauchen könnte. Er fliege Donnerstagabend los. Danach legte er auf. Wahrscheinlich war er schon dabei, seine Sachen zu packen. Nun stand die Ingolstädter Familie vor einem Dilemma: Paula in ein unbekanntes Land mit einem fast unbekannten Menschen zu schicken? Wahnsinn! Alfred herbeirufen, damit er wieder alles in einen Casinourlaub verwandele? Auch keine gute Idee! Allerdings sollten sie sich bis Donnerstag entscheiden.
Am Morgen des nächsten Tages offenbarte Johanna schließlich ihren gut durchdachten Plan:
„Du fährst mit Susanne!“
Susanne, Wolf mit Nachnahmen, unterrichtete Russisch an Paulas Schule und war außerdem eine gute Freundin von Johanna. Sie veranstaltete eine Fahrt nach Moskau, Ingolstadts Partnerstadt, und zwar genau im richtigen Zeitraum. Wie passend. Paula hingegen hasste Susanne Wolf. Frau Wolf hatte schon mal ein Jahr lang bei Paula unterrichtet und das reichte ihr: Sie verbot im Unterricht alles, was ihrer Ansicht nach „nicht zum Unterricht gehörte“ und verteilte Strafarbeiten, als wären es Süßigkeiten. So einen Russlandaufenthalt wollte Paula überhaupt nicht. Ihre letzte Hoffnung war ihr Opa, auch wenn ihr Plan sogar ihr selber ziemlich wage erschien. Sie rief ihn mithilfe ihres Mobiltelefons an und teilte ihm mit, wer mit ihr nach Russland fahren sollte. Sie bekam sofort eine Antwort, die sie hören wollte:
„Sag mir ein Datum und Ort, dann treffen wir uns dort, mein Ehrenwort!“
Auch wenn Paula einsah, dass dies nur blöde Schwatzerei ihres Opas war, fand sie in ihr eine Art Erleichterung.
Nach einem langweiligen Schultag packte sie schnell ihre Sachen zu Ende und schon klopfte es an der Tür. Es war Petrov. Er führte einen weißen Koffer mit sich, eine Seltenheit, und eine Aktentasche, ganz in Schwarz.
„Paula, mein Schatz, wo willst du den jetzt mit dem Koffer hin?“ wunderte sich Johanna.
„Mama, du siehst doch! Petrov ist da!“
„Aber wir haben das Thema doch schon zigmal durchgekaut, ich dachte, es sei dir bewusst, dass du mit erst Susanne Samstagmorgen nach Moskau fliegen wirst!“
„Aber Mummy!“
„Kein Aber!“ Paulas Mutter schien nicht nachgeben zu wollen.
Zum Glück erkannte Petrov die heikle Situation und sprang sofort ein:
„Sehr geehrte Frau, ich versichere Ihnen, das ich auf Ihre Tochter aufpassen und kein Auge von ihr lassen werde. Außerdem habe ich bereits zwei Plätze gebucht, in der Business Class! Wäre wirklich schade, sollte eins leer bleiben!“ Petrov sprach zwar freundlich, seine Stimme war aber auch sehr durchdringlich. Sogar Johanna musste sich für einen kurzen Moment zusammennehmen, um eine situationsgerechte Antwort zu finden.
„Ich lasse mein Kind eigentlich nicht mit fremden Männern gehen. Und schon gar nicht in unbekannte Länder!“
„Madame, beruhigen sie sich! Schauen sie auf mich! Bin ich ein fremder Mann für sie? Einer, der nicht in der Lage ist, auf ihre Tochter aufzupassen? Und Russland als ein unbekanntes Land zu bezeichnen? Nein, dies stimmt auch nicht! Moskau, es ist schon fast Europa! Glauben sie mir, alles wird laufen wie geschmiert!“
Johanna wollte einfach nicht aufgeben:
„Aber Paula trifft sich mit Frau Wolf trotzdem?“
„Ja klar, ich werde persönlich dafür sorgen!“
Den letzten Stein setzte Robert:
„Abgesehen von dem Rosa finde ich, dieser Detektiv ist ein g’scheiter Mann. Er wird Paula sicher nichts tun!“
„Also gut! – Johanna gab auf – Paula, du fliegst mit Petrov!“
Paula machte vor Freude sogar einen kleinen Luftsprung. Zum Abschied umarmte Robert seine Tochter und Johanna küsste ihre Tochter direkt auf ihre Lippen, was Paula, an ihrem Gesichtsausdruck erkennend, anscheinend nicht gefiel. Danach schlossen sie die Tür und die Reise konnte beginnen.
Jeder sah diese Reise als etwas Anderes:
Aus Johannas Sicht sollte es eine ruhige Fahrt werden, bei der sich ihre Tochter im Polizeibüro entspannen würde, betreut von Susanne, mit einem Abstecher auf den Roten Platz. Aus Alfreds Sicht sollte es eine Vergnügungsreise mit einem Schuss Abenteuer sein. Rafting auf einem wilden Fluss, Bärenjagd und als er von Nuko erfuhr, schrieb er noch ein Feuergefecht dazu. Von Petrov wusste er überhaupt noch nichts. Petrov und Paula hatten nur ein Ziel: Nuko finden, egal welche Schwierigkeiten auftreten würden. Petrov buchte einen Non-Stop-München-Moskau-Flug. Am späten Abend hob das Flugzeug ab…
Um halb zwölf flogen sie schon hoch über Ingolstadt und um 4:00 nach Moskauer Zeit stand Paula bereits auf russischem Boden. Sie konnte während des etwa dreistündigen Fluges nur für kurze Zeit die Augen schließen, denn ihr Herz wollte einfach das schnelle Pochen nicht aufhören, sie war zugleich aufgeregt, beunruhigt und gespannt, gespannt darauf, was kommen würde. Als die beiden bei der Passkontrolle ankamen, blieb Petrov stehen und fing an, mit der Dame im Schalter etwas auf Russisch zu klären. Dies dauerte eine Weile. Bald kam noch eine Frau von der Passkontrolle angelaufen, dann noch eine dritte, kurz darauf fingen sie an, sich gegenseitig anzumotzen. Petrov entfernte sich dabei rasch und machte einen Anruf von seinem Mobiltelefon aus. Nach einer guten halben Stunde kam ein Mann im schwarzen Anzug mit schwarzen Haaren und einer schwarzen Uhr an und diskutierte eine Zeit lang mit Petrov. Danach entfernte er sich wieder eilig, jedoch mit Paulas Pass in der Hand. Erst um 7:30 kam der Mann in Schwarz zurück und nach letzten Kleinigkeiten bekam Paula ihren Pass zurück. Petrov sagte Paula, hätte die FSB nicht mitgeholfen, wäre sie bereits auf dem Weg in ihr Heimatland.
„Ich hatte doch eigentlich ein Visum, oder nicht?“ wunderte sich Paula.
„Ja“, murrte Petrov mit einer leicht gesunkenen Stimme „aber irgendeine Kurzaufenthalts-Schülergruppenvisa, gültig ab Übermorgen! Und das mit den Visa in Russland wird alles sehr ernst genommen! Weil du nicht als ein einfacher Toury nach Russland einreisen solltest, hast du ein Spezialvisum benötigt!“
„Und was ist eigentlich FSB?“ fragte Paula weiter neugierig.
„Hm… Könnte man mit FBI vergleichen“
Jetzt verstand Paula, wie ernst diese ganze Sache war. Sie nahmen ein Taxi, blieben aber schon bald im riesigen Morgenstau stehen. Paula schlummerte wieder ein. Als sie von Petrov geweckt wurde, stand auf ihrer Uhr 7:03, in Russland schon neun Uhr morgens. Das Gebäude, in das sie eintraten, sah nicht wie ein Hotel aus, sondern eher wie Haus aus einem Viertel mit nicht wirklich gut betuchten Menschen. Petrov sagte dazu:
„Das Haus hat eine gute Lage und es ist aus der Weltkriegszeit, also kannst du dich freuen!“
Nach solch einer Nacht war es für Paula keine leichte Sache sich zu freuen. Halb im Schlaf sah Paula in dem dunklen Gang ein Albert Einstein Bild hängen. Sie vermutete zumindest, es gesehen zu haben. Petrov kommentierte Paulas irritierten Blick mit einem knappen Bonmot:
„Kultur muss sein!“
Paula war’s egal wohin sie gingen, als sie ein Bett sah, warf sie sich darauf und schlief ein. Um elf nach der Moskau-Zeit weckte Petrov sie wieder auf und sagte:
„So du Faulpelz, jetzt geht die Sache erst so richtig los. Meine Kollegin hat eine frische Spur entdeckt.“
Auf dem Thermometer stand -10°C, recht warm für einen Februar in Moskau. Petrov fuhr ein Auto aus der Garage, welches man in Deutschland selbst auf einem Platz für Gebrauchtwägen nicht kaufen würde. In Russland galt es als „Rarität“.
Paula schaute Petrov mit einem Blick an, als gebe er ihr ein Stück verschimmelten Käse, in dem schon die Maden herumwühlten. Petrov sah dabei Paula an und meinte:
„Du verstehst gar nichts in Autos!“
Danach fuhren sie los. Sie stoppten bei einem Polizeigebäude, gingen in ein kleines Zimmerchen mit einem Blick auf die Moskauer Skyline. Paula stürzte sich auf ein Sofa und schaute mit auf den Bildschirm, wo verschiedene Fotos zu sehen waren.
„Ist Nuko dort?“ fragte Paula erwartungsvoll.
„Ne, ne das sind die Fotos vom Thailandurlaub 2013, hat mit Nuko nichts zu tun“, antwortete Petrov.
„Und Nuko ist vielleicht in Irkutsk, dort wurde einer aus der Bande, die womöglich Nuko entführte, wegen Rangelei verhaftet. Doch bis jetzt sind auf dem Konto dieser Gruppierung nur ein kleiner Diebstahl und Verkauf von Haschisch, also interessieren sie hier keinen!“
„Und wir brechen nach Irkutsk auf?“ fragte Paula dabei vom Sofa aufspringend.
