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Die mörderischen Seiten eiskalter Finanzgeschäfte: Der norwegische Thriller »Ein schnelles Angebot« von Tom Kristensen jetzt als eBook bei dotbooks. Die teuerste Gegend von Oslo, atemberaubende Büros, die Aussicht auf ein Millionengehalt: Für den jungen Anlageberater Mads Hammer geht ein Traum in Erfüllung, als man ihm einen Job bei ›Finanzplan‹ anbietet, der bedeutendsten Investmentgesellschaft Skandinaviens – und der aggressivsten. Mads verschwendet keinen Gedanken an seine Vorgänger, obwohl der eine im Gefängnis sitzt und der andere Selbstmord beging. Er ist hungrig. Er weiß, dass er es bis ganz nach oben schaffen kann. Und er ist bereit, alles zu tun, was nötig ist. Doch dann begeht Mads einen Fehler, der ihn in tödliche Gefahr bringt … »Tom Kristensen hat eine unglaubliche Geschichte geschrieben, die von der ersten Seite an bis zum atemberaubenden Showdown mitreißt«, urteilt Dagbladet, eine der größten Zeitungen Norwegens: »Ein Thriller erster Güte!« Jetzt als eBook kaufen und genießen – der Scandi-Crime-Thriller »Ein schnelles Angebot« von Tom Christensen für die Fans von Jan-Erik Fjell, Thomas Enger und Jørn Lier Horst. Wer liest, hat mehr vom Leben: dotbooks – der eBook-Verlag.
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Seitenzahl: 482
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Über dieses Buch:
Die teuerste Gegend von Oslo. Atemberaubende Büros. Die Aussicht auf ein Millionengehalt. Für den jungen Anlageberater Mads Hammer geht ein Traum in Erfüllung, als man ihm einen Job bei Finanzplan anbietet, der bedeutendsten – und aggressivsten – Investmentgesellschaft Skandinaviens. Mads verschwendet keinen Gedanken an seine Vorgänger, obwohl der eine im Gefängnis sitzt und der andere Selbstmord beging. Er ist hungrig. Er weiß, dass er es bis ganz nach oben schaffen kann. Und er ist bereit, alles zu tun, was nötig ist. Doch dann begeht er einen Fehler, der ihn in tödliche Gefahr bringt …
»Tom Kristensen hat eine unglaubliche Geschichte geschrieben, die von der ersten Seite an bis zum atemberaubenden Showdown mitreißt. Ein Thriller erster Güte!« Dagbladet, eine der größten Zeitungen Norwegens
Über den Autor:
Tom Kristensen, Jahrgang 1955, wurde auf der Insel Tjøme im Oslofjord geboren. Er war in norwegischen und internationalen Industrieunternehmen sowie als internationaler Finanzberater tätig. Tom Kristensen lebt mit seiner Familie in Oslo.
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eBook-Neuausgabe November 2017
Die norwegische Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel En kule bei H. Aschehoug & Co. (W. Nygaard), Oslo.
Copyright © der deutschen Ausgabe 2004 Piper Verlag GmbH, München
Copyright © der Neuausgabe 2017 dotbooks GmbH, München
Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Titelbildgestaltung: Nele Schütz Design, München, unter Verwendung von Bildmotiven von shutterstock/Victor Torres und shutterstock/elwynn
eBook-Herstellung: Open Publishing GmbH (ts)
ISBN 978-3-96148-036-4
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Tom Kristensen
Ein schnelles Angebot
Thriller
Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob
dotbooks.
Mads Hammer saß auf der äußersten Kante des Ledersofas und stützte sich mit den Ellbogen auf den Oberschenkeln ab. Konzentriert lauschte er dem Mann, der vor ihm auf dem Stuhl saß.
Niels August Henriksen, Geschäftsführer der Firma Finanzpartner AG, lehnte sich zurück und atmete den Rauch seines Zigarillos durch die Mundwinkel aus. Er ließ Mads nicht eine Sekunde aus den Augen.
Es war frühmorgens. Vor den Panoramafenstern ging die Sonne auf und tauchte die Festung Akershus jenseits des Hafens in morgendliches Licht. Sie saßen in einem der größten und mondänsten Büros von Aker Brygge, dem Stadtteil mit den teuersten Räumlichkeiten in Oslo. Doch Mads dachte weder an das Büro noch an die Aussicht.
»Eine Sache müssen Sie wissen, Hammer«, sagte Henriksen. Seine Stimme war heiser und laut.
»Es gibt eine ganze Reihe von Investmentgesellschaften in Oslo. Überall dort arbeiten Personen mit einem gewaltigen Ego, die sich für die besten der Welt halten. Sie verdienen ein paar Millionen im Jahr und sehen das als Bestätigung dafür, daß sie viel schlauer sind als die meisten anderen in diesem Land.«
Mads schluckte. Noch vor zwei Tagen war er arbeitslos gewesen.
»Die Wahrheit ist, daß die meisten von ihnen Arschkriecher sind, Schafe, ohne Verstand und ohne Gespür für das Geniale. Ihnen fehlt die Fähigkeit, in großen Maßstäben zu denken. In wirklich großen! Verstehen Sie mich?«
Mads nickte vorsichtig und schluckte erneut. Er hatte eine neue Chance bekommen, die Chance seines Lebens, das wirklich große Geld zu machen. Wenn alles gut lief, würde er in wenigen Jahren ein Gehalt in siebenstelliger Höhe einstreichen. In sechs oder sieben Jahren konnte er Gesellschafter werden und mit einem achtstelligen Gehalt rechnen.
Er hatte Glück gehabt. Die Firma Finanzpartner gehörte zu den wichtigsten Investmentgesellschaften Oslos. Er konnte es kaum glauben, daß er hier saß.
Henriksen war zierlich, hatte markante Gesichtszüge und volles graues Haar, das nach hinten gekämmt war. Wie immer war er tadellos gekleidet – mit einem schwarzen Anzug und einem kreideweißen, frisch gebügelten Hemd. Der Rauch quoll stoßweise aus seinem Mund, während er fortfuhr:
»Es gibt nur einige wenige Große in dieser Branche. Von ihnen lebt der Rest der Schafherde, in deren Glanz sonnt sie sich.«
Er klopfte die Asche in den Kristallaschenbecher, beugte sich zu Mads vor und sah ihm tief in die Augen.
»Den Schafen in unserer Branche fehlt etwas Essentielles. Gute Schulnoten und Hartnäckigkeit – das reicht nicht. Sie brauchen komplexere Fähigkeiten.«
Mads lehnte sich vorsichtig zurück. Seine Hände schoben sich in die Ritzen des Ledersofas und krallten sich fest.
Arbeitslos sein, das war etwas für Fünfzigjährige draußen in der Provinz. Daß es ausgerechnet ihm passieren würde, mit achtundzwanzig Jahren und als Angestellter von Stockholm Securities, einer der renommiertesten schwedischen Investmentbanken, war schlichtweg undenkbar gewesen. Stockholm Securities – der Name hatte einen ganz besonderen Klang, und das weit über die Grenzen Schwedens hinweg.
»Man braucht drei Dinge, Hammer. Erstens einen Kopf, der schneller denkt und mehr Kapazität hat als die Köpfe der Konkurrenten. Man muß sein Fach beherrschen, die Spielregeln kennen, kreativ und lösungsorientiert sein. Ein guter Kopf ist eine Notwendigkeit, aber alles andere als ausreichend. Da können sogar noch einige von den Schafen mithalten.« Henriksen lächelte zum ersten Mal seit langem. Doch das Lächeln verschwand ebenso schnell, wie es gekommen war.
»Zweitens muß man in der Lage sein, sein Herz zu gebrauchen. In vielen Situationen ist das Herz tatsächlich das wichtigste Arbeitsmittel. Man muß es verstehen, sich in einen Klienten hineinzuversetzen und mit Gefühl und Verständnis zu reagieren. Niemand, wirklich niemand wird bereit sein, etwas von Ihnen zu kaufen, wenn Sie nicht wenigstens ein Minimum an Herz zeigen.«
Mads mußte zu Boden blicken. Er konnte Henriksens intensiven Blick nicht allzulange ertragen.
Die Meldung, daß das Osloer Büro von Stockholm Securities geschlossen werden würde, war für die fünfzig Angestellten ein Schock gewesen. Die Geschäftsführung des Stockholmer Hauptsitzes teilte mit, daß das Büro in Oslo ein Strategiefehler gewesen sei – das war der offizielle Wortlaut. In Wirklichkeit war es Stockholm Securities nie so recht gelungen, auf dem norwegischen Markt Fuß zu fassen. Aus diesem Grund wurde in Norwegen kein Geld eingespielt, weder im Aktienhandel noch im Corporate Finance. Die schwedische Geschäftsführung war zu schwach. Die Händler, die sie an sich banden, bekamen hohe, feste Gehälter und Firmenwagen der Luxusklasse. Zu guter Letzt tat keiner mehr etwas. Die besten Deals machten die Händler privat. Drei Jahre nachdem die Osloer Niederlassung ins Leben gerufen worden war, wurde allen gekündigt und das Büro im Lauf weniger Wochen geschlossen.
Die Nachricht von der Kündigung war zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt gekommen. Line war schwanger. Was würde geschehen, wenn sie in Mutterschutz ging? Sie arbeitete als Programmiererin in der IT-Branche und erhielt dort reichlich Aktienoptionen, hatte aber ein relativ geringes Grundgehalt, und für die Optionen konnten sie sich nichts kaufen. Eher im Gegenteil. Vorläufig hatten sie ihnen bloß zusätzliche Steuern beschert. Mit ihrem geringen Grundgehalt würden sie nicht lange zurechtkommen. Außerdem war ihr Vater der Ansicht, es sei die Pflicht des Ehemannes, die Familie zu versorgen.
Nimm es nicht so schwer, Mads. Du bist nicht der erste, der arbeitslos geworden ist, hatte Line gesagt. Sie begriff nicht, wie sehr es ihn quälte, keinen Job zu haben.
Sie hätten sparsamer sein sollen, natürlich. Die teuren Restaurantbesuche waren nicht nötig gewesen, ebenso wenig die Wochenenden im Ausland, die Designerklamotten und der Schmuck. Doch das Schlimmste war der Gedanke daran, was sein Schwiegervater sagen würde. Wie er die Hiobsbotschaft wohl bei seinen Bekannten in der Freimaurerloge verbreiten würde. Ganz deutlich glaubte er die nasale Stimme seines Schwiegervaters zu vernehmen: »Hören Sie, Richter Lorentzen, ich muß Ihnen von meinem Schwiegersohn erzählen. Wußten Sie schon, daß ihm gekündigt wurde? Allmählich glaube ich wirklich, daß er nichts taugt. Es wird noch damit enden, daß meine Tochter ihn versorgen muß.«
Alles in ihm zog sich zusammen.
Auch bei den Personalagenturen hatte niemand angebissen, ein paar Wochen nach seiner Bewerbung war ein dünner Brief gekommen, in dem sie ihm für sein Interesse dankten und mitteilten, daß sie zur Zeit keine freien Stellen anzubieten hätten.
Doch dann hatte das Telefon geklingelt. Ein Personalvermittlungsbüro, das er gar nicht angeschrieben hatte. Ob er sich eine Anstellung als Berater im Corporate-Finance-Bereich vorstellen könne? Er hätte fast einen Herzinfarkt bekommen. Fünf Tage und zwei Gespräche später hatte er das Angebot in der Tasche.
»Ihr Kunde investiert nicht einfach in eine Aktie, er kauft sich das Gefühl, am Glück teilzuhaben.« Henriksen deutete mit dem Zeigefinger auf Mads. »Ihre Fähigkeit, die Gefühle und Bedürfnisse der anderen zu verstehen, bedeutet alles. Das ist es, was den Schafen fehlt. Sie wissen nichts über die Bedeutung des Herzens bei solchen Geschäften.«
Er machte eine kleine Pause, in der er Mads betrachtete und herumrätselte, was wohl im Kopf dieses gutgekleideten, hübschen jungen Mannes vor sich ging.
Sie hatten alle Informationen über ihn eingeholt. Mads war mit Line verheiratet, einer sechsundzwanzigjährigen WAP-Programmiererin bei Schibsted Telecom. Sie wohnten in einer Dreizimmerwohnung im Osloer Stadtteil Briskeby. Ihre Miete betrug gut zehntausend Kronen im Monat. Fünfundzwanzigtausend hatten sie auf dem Sparbuch und zwanzigtausend in Anteilen an einem Aktienfonds. Der Kredit, den sie für ihr Studium aufgenommen hatten, belief sich auf insgesamt dreihundertfünfzigtausend Kronen. Sie fuhren einen zwölf Jahre alten Mercedes. Mads war sportlich, lief gerne und hatte früher einmal auf Kurzstrecke trainiert. Als Jugendlicher war er zeitweise auf die schiefe Bahn geraten: Mit siebzehn hatte er eine Bewährungsstrafe für Einbrüche in Wochenendhäuschen und Geschäfte bekommen. Er wurde auch verdächtigt, hinter einer Reihe von Autodiebstählen gestanden zu haben. Doch solche Erfahrungen waren nicht immer von Nachteil, dachte Henriksen und drückte langsam seinen Zigarillo aus.
»Die dritte Eigenschaft ist die wichtigste. Sie ist es, die letztlich die Besten von den Mittelmäßigen abhebt. Verstehen Sie mich nicht falsch, Kopf und Herz sind wichtig. Aber ohne die dritte Eigenschaft taugen Sie gar nichts, Hammer.«
Den letzten Satz flüsterte er fast, hob seine Augenbrauen und sah zu Mads hinüber, der offensichtlich keine Ahnung hatte, worum es ging.
»Man muß es zwischen den Beinen haben. Man braucht einen Schwanz!« Er packte sich selbst fest zwischen die Beine und starrte sein Gegenüber an.
»Ohne Schwanz ist man ein Nichts. Sie müssen so geil auf das sein, was Sie haben wollen, daß nichts Sie stoppen kann, koste es, was es wolle! Ohne Ständer ist man nichts als ein armes Würstchen!«
Mads blickte zu Boden. Er fand es unangenehm und merkwürdig, daß ihn sein neuer Chef derart anstarrte und sich selbst dabei zwischen die Beine griff.
Henriksen ging zum Fenster und sah hinaus, während er fortfuhr:
»Man braucht Kopf, Herz und Schwanz, um einen wirklichen Coup zu landen.« Er hatte seine Stimme wieder gesenkt und sprach wie zu sich selbst. »Für die meisten Investmentbanker sind alle Deals über ein paar Millionen richtige Coups.«
Mads schwitzte. Die Probezeit sollte sechs Monate dauern. Danach mußten Henriksen und die anderen Gesellschafter überzeugt sein, daß er, Mads Hammer, Kopf, Herz und Schwanz am rechten Fleck hatte.
Mit einem Ruck drehte Henriksen sich um.
»Schafe!« rief er und schlug mit der Hand derart fest auf die Glasplatte des Tisches, daß die Kaffeetassen bedrohlich klirrten. Mads zuckte zusammen und sah erschrocken zu Henriksen auf. »Für uns Finanzpartner beginnt ein Coup bei Hundert! Hundert Millionen Kronen! Meinen Sie, daß Sie das in Ihren Kopf kriegen, Hammer?«
Henriksen beugte sich über die Tischplatte. Sein Kopf war nur noch wenige Zentimeter von Mads’ Gesicht entfernt. Aus seinem Mund roch es unangenehm nach Zigarillo.
»Was sind Sie für einer, Hammer? Sind Sie einer von denen, die einen Coup landen können?«
Line haßte es, in der Rushhour die Straßenbahn nehmen zu müssen, und ganz besonders haßte sie es, wenn diese wie jetzt verspätet kam und brechend voll war. Noch dazu regnete es heftig, und sie hatte weder Regenzeug noch Schirm dabei, so daß sie nach fünfzehn Minuten Wartezeit bis auf die Haut durchnäßt war.
Als sie in die Straßenbahn stieg, wurde ihr wieder übel. Es war warm und stickig. Die Fenster waren beschlagen, und all die Gerüche quälten sie. In den letzten Wochen war es immer schlimmer geworden, dabei waren es noch fünf lange Monate bis zum Geburtstermin.
Das billige Aftershave des jungen Mannes neben ihr zwang sie, mehrmals zu schlucken. Als sich ein paar Haltestellen später ein nach Knoblauch und Aschenbecher stinkender Mann hinter sie stellte, verließ sie fluchtartig die Straßenbahn. Sie hatte das Gefühl, sonst ersticken zu müssen. Bis nach Hause waren es noch vier Haltestellen, und so blieb ihr nichts anderes übrig, als den Rest des Weges zu laufen. Mittlerweile regnete es nicht mehr, es goß.
Sobald sie zu Hause war, riß sie sich die nassen Kleider vom Leib und ging ins Bad. Sie stand lange unter der Dusche, es dauerte, bis ihr Körper wieder warm wurde. Danach zog sie ihren Morgenmantel an, kochte sich eine Tasse Tee und setzte sich mit der Abendzeitung an den Küchentisch.
Mads kam etwas später nach Hause. Als sie seine Schritte auf der Treppe hörte, ging sie in den Flur hinaus. Mads öffnete die Tür und warf sich vor ihr auf die Knie. Tropfen rannen von seinem durchnäßten Mantel.
»Ich bete dich an, meine Königin!« sagte er und küßte leidenschaftlich ihre nackten Zehen. Hinter seinem Rücken hielt er einen großen Blumenstrauß.
In diesem Moment kam das ältere Ehepaar, das gegenüber wohnte, aus seiner Wohnung. Verwundert blieben die beiden stehen und betrachteten ihre jungen Nachbarn.
Line zog vorsichtig ihre nackten Füße zurück, doch das ältere Ehepaar glotzte sie unbeirrt an. »Machen Sie sich keine Gedanken, wir sind nur frisch verliebt«, sagte sie aufgesetzt freundlich und schloß vorsichtig die Tür.
Mads überreichte ihr den Blumenstrauß. Dann öffnete er ihren Morgenmantel und legte sein Ohr an ihren Bauch. Sie spürte seine nassen Haare auf der Haut.
»Ich höre, wie er strampelt«, sagte er.
»Merkwürdig. Und du hörst auch, daß es ein Junge ist?«
»Ganz deutlich«, sagte er und küßte ihren Nabel, ehe er ihren Morgenmantel wieder zuknotete.
»Dir bleibt genau eine Stunde, um dich zurechtzumachen«, sagte er, während er seinen Mantel aufhängte. »Wir gehen mit Falch-Pedersen, dem Leiter des Aktienhandels, und seiner Frau ins Restaurant. Er ist der einzige im Vorstand von Finanzpartner, mit dem ich mich noch nicht getroffen habe. Er hat gesagt, er wolle mich gerne näher kennenlernen. Genauer gesagt – uns.« Mads zuckte mit den Schultern. »Dafür kommen wir in ein verdammt feines Restaurant. Rate mal, wo wir hingehen?«
Line musterte ihn. Mads hatte sich im Lauf der letzten Tage vollkommen verändert. Natürlich freute sie sich für ihn. Das Warten war endlich vorüber. Sie wußte, wieviel ihm der neue Job bedeutete. Die Zeit der Ungewißheit hatte an ihm gezehrt und schließlich auch an ihrer Beziehung.
»Keine Ahnung. Noch mehr interessiert mich aber seine Frau.«
»Sie ist jung. Falch-Pedersen ist einer dieser alten Böcke, die ihre ausgediente Frau durch eine jüngere ersetzen. Nachdem seine Kinder aus dem Haus waren, hat er seine Frau vor die Tür gesetzt und ist mit einer zusammengezogen, die so alt wie seine jüngste Tochter ist. Etwa in deinem Alter, denke ich.«
»Klingt ja nett. Ich hoffe, wir können über irgend etwas reden.«
Sie warteten fast eine Stunde im exklusiven Le Canard, ehe Falch-Pedersen mit seiner Frau auftauchte. Mads wollte gerade die Rechnung für seine zwei Drinks und Lines Mineralwasser begleichen, als sie an den Tisch kamen. Falch-Pedersen wirkte gestreßt und war ganz außer Atem. Er begrüßte Line überschwenglich und küßte sie auf beide Wangen. Seine junge Frau stellte sich als Yvonne vor und streckte Mads die Hand auf eine Weise entgegen, die ihn einen Moment lang glauben ließ, sie erwarte einen Handkuß.
Yvonne trug ein schickes Armani-Kostüm und einen Seidenschal von Hermès. In ihrem blonden Haar steckte eine Designersonnenbrille, und die Finger waren mit Ringen geschmückt. Sie sah genau so aus, wie sich Line die Frau Nummer zwei vorstellte – zwanzig bis dreißig Jahre jünger als ihr Ehemann und vollbusig.
»Wir waren auf dem Weg hierher noch im Henie-Onstad-Kunstcenter«, erklärte Yvonne ihr verspätetes Auftauchen. »Eine fabelhafte Ausstellung läuft da gerade, die müssen Sie einfach sehen. Zur Zeit stellen ein paar junge französische Künstler aus.«
Der Duft ihres schweren Parfüms legte sich über den Tisch.
»Interessant«, erwiderte Line und setzte ihr charmantestes Lächeln auf. Am liebsten wäre sie gegangen, denn sie war reichlich verärgert, daß die beiden sie über eine Stunde hatten warten lassen.
Ein Kellner erschien mit den Speisekarten und nahm die Bestellung der Aperitifs entgegen. Falch-Pedersen begutachtete die Weinkarte, während die anderen die Menüs studierten.
Wenig später tauchte der Kellner mit den Getränken auf. Falch-Pedersen hob sein Glas. »Willkommen in der Familie«, sagte er an Mads und Line gewandt. »Ich möchte Sie beide näher kennenlernen. Und da ist ein gemeinsames Essen doch eine gute Gelegenheit. Außerdem wollte Yvonne mal wieder in die Stadt.« Er zwinkerte seiner jungen Frau zu, die ihrem Mann ihr strahlendstes Lächeln zuwarf und ihn auf die Wange küßte.
»Eine Sache müssen Sie wissen«, sagte Falch-Pedersen zu Mads. »Finanzpartner – das ist nicht nur ein Arbeitsplatz, der alles von Ihnen fordert, das ist auch eine besondere Lebensart.«
Line warf Mads einen raschen Blick zu. Er begriff sofort, was sie meinte: Es würde ein langer Abend werden.
»Heißt das, Sie bekommen Ihren Ehemann nur selten zu Gesicht?« wollte Line von Yvonne wissen.
»Ich sehe ihn selten, manchmal sehr selten. Ich kann Ihnen nur einen guten Rat geben: Schaffen Sie sich einen Hund an.« Yvonne kicherte.
Dann begann sie, ausführlich über ihre Leidenschaft für die Kunst zu sprechen, während Line darüber nachdachte, wie anstrengend es doch war, so freundlich zu dieser aufgedonnerten, oberflächlichen Frau zu sein.
»Spielen Sie?« fragte Falch-Pedersen Mads und wischte sich die Mundwinkel mit einer Serviette ab.
»Was meinen Sie?«
»Poker, Wetten, Pferderennen?«
»Nein. Dafür habe ich mich noch nie interessiert. Und Sie?«
Falch-Pedersen verzog seinen Mund zu einem schiefen Lächeln. »Das kann man wohl sagen. Ich bin ein notorischer Spieler. Nach meiner Frau ist das meine größte Leidenschaft.« Er beugte sich zu Mads hinüber. »Wenn nicht sogar umgekehrt.«
Mads lachte etwas zu laut. Die Atmosphäre wurde formell und steif. Falch-Pedersens Gespräch mit Mads war ins Stocken geraten und verstummte ganz, als seine Frau in immer kürzeren Abständen zum Weinglas griff. Mads spürte, wie er vor lauter Anspannung Kopfschmerzen bekam.
»War Peter Heffermehl nicht früher Geschäftsführer der Finanzpartner AG?« fragte Mads, während die dritte Flasche Wein und der fünfte von sieben Gängen serviert wurde.
»Kennen Sie ihn?« fragte Falch-Pedersen.
»Nein. Ich habe bloß mitbekommen, daß er vor ein paar Jahren von der Bühne verschwunden ist. Er galt ja als eine Art Nestor der Investmentbranche. Was ist damals geschehen?«
Die Investmentbranche in Oslo war überschaubar, und es kursierten reichlich Gerüchte, als sich Heffermehl vor zwei Jahren plötzlich zurückzog. Eines dieser Gerüchte besagte, daß er vom Geld und Streß genug bekommen hatte und sich nun ganz seinem Hobby widmen wollte, der Pferdezucht. Ein anderes Gerücht behauptete, Heffermehl sei von den anderen Vorstandsmitgliedern aus dem Geschäft gedrängt worden. Niemand kannte den wahren Grund. Heffermehl hatte die Finanzpartner AG zu einem lukrativen, florierenden Unternehmen gemacht, und er genoß großen Respekt in der Branche. Es war deshalb mehr als unwahrscheinlich, daß die anderen Gesellschafter ihn loswerden wollten.
»Er hat sich zurückgezogen und einen großen Hof in Trøndelag gekauft.« Falch-Pedersens Augenbrauen zogen sich zusammen. »Er war Mitte Fünfzig und wollte den Rest seines Lebens dort verbringen.«
»Fredrik nähert sich selbst diesem Alter«, unterbrach ihn Yvonne mit unnatürlich glänzenden Augen. »Ich würde ja nicht auf einem Bauernhof wohnen wollen. Falls wir aufs Land ziehen sollten, dann nur auf ein Weinschlößchen in Italien oder Südfrankreich.« Sie kicherte und hob ihr Glas. »Außerdem war Heffermehl die reinste Spaßbremse. Viel zu seriös, wenn ihr mich fragt.« Sie nahm einen weiteren Schluck.
Falch-Pedersen legte seine Hand auf die seiner Frau. Er wollte Yvonne ganz offensichtlich zum Schweigen bringen.
Verärgert zog sie ihre Hand weg. »Das hast du doch selbst gesagt, Fredrik«, insistierte sie. »Er war eine Bremse, sowohl sozial als auch fürs Geschäft. Er ist wirklich der langweiligste Mensch, der mir je begegnet ist.«
»Das ist Geschichte, Yvonne. Wir sollten unsere Zeit nicht mit ihm vergeuden.«
»Warum kannst du nicht frei heraus sagen, daß ihr ihn rausgeschmissen habt?«
Falch-Pedersen sah seine junge Frau resigniert an. »Das stimmt, ja.« Er richtete seinen Blick auf Mads. »Peter Heffermehl mußte gehen. Wir waren uneins über die zukünftige Strategie der Finanzpartner AG.«
Yvonne Falch-Pedersen schnaubte über die Erklärung ihres Gatten und begann Line vom Kunstgeschichtsseminar zu erzählen, das sie gerade besuchte.
Sie hatten sieben Gänge, vier Flaschen Wein und zwei Runden Cognac hinter sich, und Yvonne Falch-Pedersen war sichtlich beschwipst. Auch Mads spürte die Wirkung des Alkohols.
»Henriksen hätte niemals Geschäftsführer werden dürfen«, vertraute Yvonne Line an und beugte sich dabei so weit vor, daß ihre Brüste fast aus dem Ausschnitt rutschten. »Er macht die Firma kaputt. Fredrik hätte diesen Posten bekommen müssen, er …«
Fredrik Falch-Pedersen legte seine Hand erneut über die ihre und warf ihr einen vielsagenden Blick zu. Diesmal ließ sie ihre Hand an Ort und Stelle, lehnte sich zur Seite und gab ihrem Ehemann einen Kuß auf die Wange. Trotz ihres leicht benebelten Zustandes begriff sie, daß sie zu weit gegangen war.
Falch-Pedersen bat um die Rechnung. Offenbar hatte er es plötzlich eilig.
Mads wurde auf dem Weg nach draußen von Falch-Pedersens Frau mit einer heißen Umarmung beehrt und revanchierte sich, indem er sie eng an sich drückte. Line verdrehte die Augen. Ein paar Minuten später tauchte das Ehepaar Falch-Pedersen in ein Taxi ab und verschwand.
»Es ist nur gut, daß nicht Falch-Pedersen dein direkter Vorgesetzter ist. Ich glaube, ich würde irgendwann Schwierigkeiten mit seiner vollbusigen Frau bekommen.« Line machte eine vielsagende Geste.
Mads lachte. Er war berauscht und glücklich. Motivation und Drive waren zurückgekehrt. Teure Restaurants, guter Wein, schöne Kleider, viel Geld. Er würde sich problemlos wieder an dieses Leben gewöhnen.
Mads spürte bohrende Kopfschmerzen, als er am nächsten Morgen erwachte. Es war wohl doch zuviel Cognac und Wein gewesen. Beim Frühstück warf er ein paar Ibuprofen ein und hoffte auf baldige Besserung.
Um sechs Uhr morgens öffnete er die Tür zu den Büroräumen der Finanzpartner AG.
Der Empfangsbereich war groß, sehr groß sogar. Der edle Holzfußboden war mit erlesenen Perserteppichen belegt, und an den Wänden hingen einige große, abstrakte Gemälde in massiven Goldrahmen. Eine Aura von Erfolg und Reichtum lag über den Räumlichkeiten. Genug, damit sich die meisten Kunden klein fühlten.
Es war still, außer ihm war noch niemand gekommen. Nachdem er sich einen Kaffee aus dem Automaten genommen hatte, ging er in das Büro, das ihm zugeteilt worden war. Er blieb stehen und sah sich um. Der Kontrast zu den übrigen Räumen war gewaltig. Sein Büro war klein und sparsam eingerichtet: ein Schreibtisch und ein Stuhl, ein paar leere Metallregale, ein Telefon, ein Rechner und ein kleines Fenster, das zum Hinterhof hinausging. Verglichen mit den anderen Büros der Finanzpartner AG konnte dieses glatt als Besenkammer durchgehen. Vermutlich eines der kleinsten Büros in ganz Aker Brygge. Weiter unten im Flur gab es zwei leere Büroräume. Er hatte keine Ahnung, warum er nicht einen von ihnen bekommen hatte, mochte aber nicht danach fragen.
Er schaltete den PC ein und begann zu arbeiten. Von seinem neuen Chef Ove Ringdal hatte er bereits seine ersten Aufträge bekommen.
Erst gegen acht kam die erste Kollegin: Elise, die Sekretärin. Sie schaute kurz bei ihm herein, um ihn zu begrüßen, kennengelernt hatten sie sich schon am Tag zuvor.
Zwischen acht und neun trafen die anderen ein. In Mads’ Stockwerk arbeiteten nur sechs Personen: die vier Mitarbeiter aus dem Corporate Finance, die Sekretärin Elise sowie der Geschäftsführer Henriksen, dessen Büro am Ende des Flurs lag. In der Etage unter ihnen befanden sich die Räume des Aktienhandels. Dort arbeiteten fünfzehn Händler, sieben Analysten, eine Reihe von Sekretärinnen, eine Empfangsdame und der Leiter der Handelsabteilung, Falch-Pedersen.
Um neun Uhr steckte Elise ihren blonden Schopf durch den Türspalt.
»Ringdal möchte mit Ihnen sprechen. Können Sie gleich in sein Büro kommen?«
»Natürlich.« Mads schloß das Programm, mit dem er gerade arbeitete, und ging zu Ringdal.
Er hatte sich noch nicht richtig an das Äußere seines Chefs gewöhnt. Durch den überdimensionalen Oberkörper, den Stiernacken und den glattrasierten Kopf sah er eher wie ein Bodyguard aus, nicht wie der Chef der Corporate-Finance-Abteilung einer Investmentgesellschaft.
Ringdal bat ihn, Platz zu nehmen.
»Sie kommen zurecht?«
»Ja, danke, alles in Ordnung.«
Ringdal saß entspannt hinter seinem Schreibtisch. Zwei große haarlose Fäuste lagen auf der Tischplatte, und die roten Hosenträger dehnten sich über seiner Brust. »Ich tue mich seit meiner Rückkehr aus den USA mit den norwegischen Arbeitsbedingungen ein wenig schwer.«
»Ach ja?« Mads bemerkte die kleine amerikanische Flagge auf dem Konferenztisch. Ringdals Büro war ansonsten vollkommen kahl. Man konnte sich in den Mahagoniflächen der Tische und Schränke spiegeln. Wie das Büro von Henriksen hatte der Raum große Panoramafenster mit Blick über den Hafen und Aker Brygge.
»Der große Unterschied zwischen den Arbeitnehmern in den USA und in Norwegen ist, daß sich der norwegische Staat um alle kümmert, egal wie schlecht sie arbeiten. Wenn man in den USA gefeuert wird, hat man nicht nur den Job verloren, sondern ist außerdem noch obdachlos.«
Mads wurde heiß und kalt. Er spürte, daß Ringdal über ihn sprach. Mads hatte am eigenen Leibe erfahren, wie es war, arbeitslos zu sein. Es war die Hölle gewesen. Er bezweifelte, daß sein Chef jemals etwas Ähnliches durchgemacht hatte.
Ringdal stand auf, setzte sich vor Mads auf einen Stuhl und beugte sich zu ihm herüber.
»Ich entstamme einem vollkommen anderen Milieu als Sie, Hammer. Ich habe acht Jahre in den USA gelebt und dort als Investmentbanker gearbeitet. Vermögensverwaltung und Kapitalmarkttransaktionen. Ich habe in New York gewohnt, in Washington und in Boston.«
Was zum Teufel machst du dann in einer norwegischen Investmentgesellschaft, dachte Mads, doch er fragte höflich: »Und was hat Sie nach Norwegen zu Finanzpartner gebracht?«
»Nennen wir es eine Herausforderung. Ich bekam ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.«
»Das gleiche kann ich wohl auch sagen«, sagte Mads und versuchte, freundlich zu lächeln.
»Ich bin seit zwei Jahren in Norwegen, habe mich aber noch immer nicht daran gewöhnt, hier zu arbeiten.«
»Nun ja, es wird Ihnen vermutlich nichts anderes übrigbleiben«, meinte Mads achselzuckend.
Ringdal sah ihn an, als halte er ihn für einen eigensinnigen kleinen Jungen, und schüttelte den Kopf. »Sie irren sich, Hammer. Ich brauche mich an überhaupt nichts zu gewöhnen. Das soziale Netz und der Schutz der Arbeitnehmer sind anders, aber die Ansprüche, die ich an meine Untergebenen stelle, sind die gleichen wie in den USA.« Ringdal wirkte kühl. Seine Stimme war monoton und verriet keine Emotionen. »Nur damit Sie wissen, wie Sie mich einzuschätzen haben, Hammer: Niemand hat eine Garantie, in meiner Corporate-Finance-Abteilung zu bleiben. Sie wurden aufgrund Ihrer Leistungen ausgesucht. Nur Ihre Leistungen zählen etwas. Sie haben genau sechs Monate Zeit, um mich davon zu überzeugen, daß Sie die richtige Wahl sind.«
Mads konnte seinen Chef schon jetzt nicht leiden. Ringdal führte sich wie eine aufgeblasene Bulldogge auf.
»Ich werde Sie nicht enttäuschen.« Mads spürte, wie seine Stimme ein wenig brüchig wurde und räusperte sich vorsichtig. Die Kopfschmerzen wurden stärker.
»Ich erwarte uneingeschränkte Loyalität und vollen Einsatz. Ich erwarte, daß die Arbeiten fristgerecht erledigt werden und daß die Qualität stimmt. Wie mein früherer Chef in den USA sagte: If you can’t get it done within the next twentyfour hours, work nights.«
Mads rang sich ein Lächeln ab, verstand aber nur zu gut, daß Ringdal es genau so meinte, wie er es gesagt hatte.
Ringdal erhob sich. »Ich möchte, daß Sie sich bei Ihren Kollegen vorstellen. Wir beginnen mit Karl Tiller, er sitzt nebenan.«
Gemeinsam gingen sie in das Büro von Tiller, der konzentriert vor dem Bildschirm saß. Ringdal stellte sie einander vor. Karl Tiller stand auf und wischte seine Handfläche am Hosenbein ab, bevor er Mads die Hand gab. Er war ein ganz gewöhnlicher Durchschnittsnorweger, der es unbemerkt bis in die Osloer Finanzwelt geschafft hatte: Mitte Dreißig, hohe Stirn und ein paar Kilo zuviel. Tiller begrüßte seinen neuen Kollegen und sagte, er freue sich, seine Bekanntschaft zu machen, ehe er sich wieder an den Computer setzte, um weiterzuarbeiten. Die Vorstellung war ebenso rasch vorüber, wie sie begonnen hatte.
»Den vierten Mann, Nicolai Heftye, werden Sie in ein paar Tagen kennenlernen. Er ist zur Zeit in London«, sagte Ringdal.
Er führte Mads auf den Flur und dann in den Aufzug, damit dieser einen Blick in die Handelsabteilung werfen konnte.
Sie sah genauso aus, wie Mads sie sich vorgestellt hatte. Hinter der Tür lag eine kleine Rezeption, dahinter befand sich der große Handelsraum, es folgten die Büros der Analysten, das Backoffice und das Zimmer von Falch-Pedersen. Die fünfzehn Händler trugen weiße oder hellblaue Hemden, hatten einen Bildschirm vor sich und fast alle einen Telefonhörer zwischen Schulter und Kinn geklemmt. Überall lagen Papiere, leere Pappbecher und Schachteln von Burger King oder McDonald’s. Die Händler nahmen Ringdal und Mads kaum zur Kenntnis, sondern warfen ihnen nur flüchtige Blicke zu, während sie weitertelefonierten.
Ringdal und Mads gingen den Flur hinunter und wechselten ein paar Worte mit einem der Analysten. Durch die offene Tür grüßten sie Falch-Pedersen, der am Schreibtisch saß und ihnen zuwinkte, jedoch keine Anstalten machte, sie hineinzubitten.
Wenig später saß Mads wieder in seinem kleinen Büro. Die Einführung in die Firma war damit offenbar abgeschlossen.
***
»Mads?«
»Ja?«
»Hallo, hier ist Klas. Gratuliere zum neuen Job!«
Es war Klas Bergman. Einige Wochen waren vergangen, seit sie zuletzt miteinander telefoniert hatten. Tags zuvor hatte Mads ihm per E-Mail von seiner Stelle bei der Finanzpartner AG berichtet.
»Ich freue mich für dich, Mads. Was ist das denn für ein Unternehmen?«
»Vorläufig läuft alles bestens«, antwortete Mads. »Wo steckst du? Rufst du vom Handy aus an?«
»Ich bin gerade auf dem Flughafen in Kopenhagen. Meine Sekretärin hat mir von deiner E-Mail erzählt. Halt mich auf dem laufenden über deinen neuen Job, ja? Wie geht es eigentlich Line?«
»Ihr wird ziemlich schnell schlecht, ansonsten geht es ihr aber gut.«
Klas lachte. »Glaub mir, Mads, da kommt noch was auf euch zu. Selbst nach dreißig Jahren erinnere ich mich genau an die Zeit, als meine Kinder in den Windeln steckten. Ich möchte das nicht noch einmal erleben.«
»Danke für die Ermutigung. Wie geht es dir?«
»Ich kann nicht klagen. Bin gerade auf dem Weg nach Bangkok. Du weißt ja, Stockholm Securities hat auch da ein paar Großkunden. Danach fahre ich weiter nach Singapur und Hongkong.«
»Wolltest du nicht zu Stockholm Securities, um es etwas ruhiger angehen zu lassen? Jetzt bist du mehr unterwegs als je zuvor.«
»Du hast mich nicht erlebt, als ich noch jünger war.« Klas lachte. »Du, die anderen haben schon eingecheckt. Ich muß los. Ich wollte nur sagen, daß ich mich wirklich für dich freue. Mach’s gut.«
Mads legte auf und lehnte sich zurück. Er spürte, wie er Klas vermißte, die Sicherheit, die er ausstrahlte. Trotz des Altersunterschieds war ihm Klas in der Zeit bei Stockholm Securities ein guter Freund geworden. Für Mads war er eine stärkere Vaterfigur, als es sein leiblicher Vater jemals gewesen war. Klas arbeitete bei Stockholm Securities als Compliance Officer und war einer der fachkundigsten Männer, die Mads kannte. Er verfügte über langjährige Auslandserfahrung und hatte sich ein beeindruckendes Netzwerk in der internationalen Finanzwelt aufgebaut. Obwohl er sich dem Rentenalter näherte, war er ständig auf Reisen.
Mads versuchte seine Erinnerungen beiseite zu schieben. Jetzt war der falsche Zeitpunkt für Nostalgie. Er hatte eine neue Stellung. Natürlich war die Atmosphäre bei Stockholm Securities angenehm gewesen. Aber es war der Niederlassung in Oslo nun einmal nicht gelungen, genug Geld zu verdienen und die fähigsten Händler und Analysten an sich zu binden. Das Osloer Büro von Stockholm Securities war eine Totgeburt gewesen. Jetzt hatte er einen neuen Job mit neuen Chancen. Anders als bei seinem vorigen Arbeitgeber wurden bei der Finanzpartner AG astronomische Bonussummen ausbezahlt, hier verdiente man richtiges Geld und hatte seinen Erfolg selbst in der Hand.
***
Ringdal und Henriksen standen am Fenster von Henriksens Büro und beobachteten das Leben auf Aker Brygge. Die Sonne war untergegangen, und es begann zu dämmern.
»Was meinst du?« fragte Henriksen. »Können wir ihn gebrauchen?«
»Ganz bestimmt«, antwortete Ringdal. »Der Junge war arbeitslos. Er ist hungrig. Er will sich von seiner besten Seite zeigen. Und außerdem hat es ihn nicht gerade kaltgelassen, als ich erwähnte, daß wir alle Non-Performer der Gesellschaft feuern.«
»Wirklich?« Henriksen holte seine Zigarilloschachtel hervor und zündete sich einen an. »Das ist gut. Wir brauchen jemanden, der wirklich motiviert ist. Was hast du mit ihm vor?«
»Wir haben da einige Sachen am Laufen.« Ringdal fuhr sich mit seiner fleischigen Hand über den kahlen Schädel. »Wir brauchen bald einen richtigen Deal.«
Henriksen drehte sich zu Ringdal um und sah ihn direkt an. »Das nenne ich das Understatement des Jahres.«
»Hallo Mads, wir haben Besuch.« Line hatte ihn kommen hören und öffnete ihm die Tür. Sie küßten sich, und Mads hängte seinen Mantel auf.
»Wer ist es denn?«
»Dreimal darfst du raten.«
»Torstein, Torstein oder Torstein?«
»Wie …?«
»Das rieche ich«, antwortete Mads. Im selben Moment war ein Freudenschrei aus dem Wohnzimmer zu hören. Torstein kam angeschossen, legte seine Arme um Mads’ Kopf und drückte ihn nach unten.
»Hör auf«, sagte Mads und kämpfte sich frei. »Weißt du denn nicht, daß sich meine Frau bei allen üblen Gerüchen übergeben muß? Komisch, daß sie den Fischgestank erträgt, den du von den Lofoten mitgebracht hast.«
Torstein lachte. »Ich rieche bloß nach Natur und Calvin Klein. Hab ich richtig gehört – mein kleiner Bruder hat wieder eine gute Arbeit?«
»Gut ist ein dehnbarer Begriff. Sie ist in Ordnung. Zieht euch was über und kommt mit, ich muß euch etwas zeigen.«
Line und Torstein begleiteten Mads nach draußen. Stolz ging er an der Reihe der geparkten Autos entlang und blieb neben einem nagelneuen silbergrauen Golf 1,9 TDI stehen.
»Na, was sagt ihr jetzt? Ganz frisch vom Händler. Die Firma stellt mir einen Wagen zur Verfügung.« Mads legte seinen Arm um Line.
»Vom Firmenwagen hast du gar nicht erzählt«, sagte Line. »Ich wollte dich überraschen.«
»Es ist schon gut, daß ihr euch von dem rostigen Mercedes trennen könnt«, sagte Torstein und nickte zu dem alten grauen Wagen hinüber, der hinter dem neuen Golf stand.
»Darf ich mal eine Runde fahren?« fragte Line.
»Natürlich«, erwiderte Mads und zog die Schlüssel aus der Innentasche, »aber erst mußt du Torstein sagen, was für einen phantastischen Mann du hast.«
Line schmiegte sich an ihn, schob ihre Hände unter sein Hemd und begann ihn stürmisch zu küssen.
Mads zog sich lächelnd zurück und legte ihr die Schlüssel in die Hand. »Okay, du hast mich überzeugt.«
Line setzte sich ins Auto, warf ihre langen, blonden Haare mit einer theatralischen Geste nach hinten und kurbelte die Scheibe nach unten. »Feigling«, sagte sie zu Mads, startete den Motor und verschwand am Ende der Straße.
Mads schüttelte den Kopf. »Sie ist verrückt«, sagte er zu seinem Bruder, aber Torstein schlug ihm nur lachend auf die Schulter.
Oben in der Wohnung holte Mads zwei Dosen Bier aus der Küche und warf eine davon seinem Bruder zu.
»Ein Golf 1,9 TDI. Mit der ganzen Sonderausstattung kostet der gut und gerne seine dreihundertfünfzigtausend Kronen. Wie sind die übrigen Konditionen?« Torstein ließ sich aufs Sofa fallen und nahm einen kräftigen Schluck Bier. Mit seinen Jeans und seinem Norwegerpullover sah er sportlich aus. Sein widerspenstiges blondes Haar stand nach allen Seiten ab.
»Grundgehalt dreihunderttausend, gratis Telefon und kostenlose Zeitungsabos und ein Firmenwagen. Eigentlich nicht so außergewöhnlich. Aber es gibt viel bessere Chancen auf fette Bonuszahlungen als bei Stockholm Securities. Außerdem Locken sie damit, daß man nach sieben bis zehn Jahren Gesellschafter werden kann.«
»Und dann kannst du das richtig große Geld machen, nicht wahr?«
»Ich rechne damit, daß die Gesellschafter zwischen fünf und fünfzehn Millionen Kronen pro Jahr einstreichen.«
»Wow, das ist verdammt viel Geld.«
Mads nickte. »Und du? Wie läuft’s auf den Lofoten?«
»Gut. Sigrun kümmert sich um das Haus, die Kinder und den Webstuhl. Sie kann sogar das eine oder andere Stück verkaufen. Und ich will mich als Reeder versuchen.«
»Als Reeder? Willst du deinen Job als Zimmermann aufgeben?«
Torstein zerdrückte die Bierdose zwischen den Fingern. »Es ist an der Zeit, etwas Neues auszuprobieren. Die Zimmerei bringt uns doch kein Geld. Ich bin eigentlich in Oslo, weil ich auf der Suche nach einem Kredit bin. Ich brauche Geld für den Kutter, den ich mir kaufen will.«
»Du wirst also bald wirklich nach Fisch stinken?«
»Den Plan habe ich schon lange. Ich werde nicht von der Fischerei leben, sondern von den Touristen. Die will ich zu den Fischgründen vor den Lofoten bringen. Im Winter und Frühling werden wir Kabeljau fangen und im Sommer und Herbst Dorsch und Seelachs. Ich vermiete die Angelausrüstung, und noch an Bord bekommen die Touristen selbstgefangenen, frischen Fisch mit Fladenbrot und Butter. Für die ist das ein unglaubliches Naturerlebnis. Weißt du eigentlich, daß du uns noch kein einziges Mal besucht hast?«
»Tut mir leid. Die Wildnis war noch nie etwas für mich. Aber kann man denn davon leben?«
»Im Tourismus ist viel Geld zu holen. Man muß es nur professionell genug angehen.«
»Wieviel mußt du investieren?«
»Ein paar Millionen. Wir haben so viele Hypotheken aufgenommen wie möglich und unser ganzes Gespartes investiert. Jetzt fehlt nur noch das letzte Puzzleteilchen.«
»Sag Bescheid, wenn ich dir helfen kann.«
»Danke, das werde ich, ganz bestimmt.«
»Wie geht es eigentlich Mutter und Vater, redest du mit ihnen? Vater wäre sicher begeistert, daß du wie er beruflich mit Schiffen zu tun hast«, sagte Mads. »Wie der Vater, so der Sohn.« Er versuchte einen humorvollen Ton zu treffen, doch ohne Erfolg.
Torstein warf Mads einen Blick zu, der mehr ausdrückte als viele Worte. Seit er vor bald zwanzig Jahren zu Hause ausgezogen war, hatte er kein Wort mehr mit dem Vater gewechselt.
Auch zur Mutter hatte er nur selten Kontakt – bis auf die obligatorischen Karten zum Geburtstag und zu Weihnachten. Mads wechselte rasch das Thema.
Mads stand auf, als er die Schritte des Zeitungsboten auf der Treppe und das Klatschen der Zeitung auf der Türschwelle hörte. Es war fünf Uhr morgens. Er schaltete die Kaffeemaschine ein, die er schon am Abend vorbereitet hatte, und ging unter die Dusche. Nachdem er sich angezogen hatte, stieg er noch einmal ins Bad. Er zögerte einen Augenblick, ehe er das tags zuvor gekaufte Gel in die Haare massierte und sie glatt nach hinten strich. Genau wie Gordon Gecko im Film Wall Street. Die roten Hosenträger mußten noch ein Weilchen warten.
Zehn Minuten später war er fertig. Er hatte in der kleinen Küche zwei Scheiben Knäckebrot gegessen, Kaffee getrunken und rasch die Zeitung durchgeblättert. Bevor er ging, gab er Line noch einen Kuß, doch sie schlief fest und bemerkte es nicht.
Draußen auf der Straße war es still, kaum jemand war zu sehen. Bei so wenig Verkehr brauchte er nur fünf Minuten, bis er den neuen Wagen auf einem der Angestelltenparkplätze der Firma parken konnte.
Mads hatte sich vorgenommen, früh zu beginnen. Jeden Tag. Und er hoffte, der erste zu sein. Diese Strategie wollte er beibehalten. So mußten die Gesellschafter bemerken, daß er es ernst meinte. Es sollte bald keinen Zweifel mehr geben, daß Mads derjenige war, der am längsten arbeitete, von früh morgens bis spät in die Nacht.
Sein kleines Büro war mit der Zeit etwas freundlicher geworden. Elise hatte ein paar Bilder aufgehängt, und er selbst hatte ein paar Bücher in die Regale geräumt.
Mads schaltete das Licht ein und setzte sich vor den Bildschirm. Zwei dicke Mappen lagen auf seinem Schreibtisch. Elise hatte sie ihm am Tag zuvor gebracht. Sie enthielten Informationen über zwei Internetfirmen, Superstore und NetWiz. Auf einem handgeschriebenen Zettel von Ringdal stand, daß er je einen Entwurf für eine zwei- bis vierseitige Kurzstudie wolle. Beide sollten am Freitag der nächsten Woche fertig sein, um Punkt zwölf.
Diese Deadline wäre machbar gewesen, wenn Henriksen ihm nicht auch noch eine Unternehmensanalyse mit einem noch engeren Zeitraum aufs Auge gedrückt hätte. Er sollte Marktinformationen über private Gesundheitsdienste in Schweden und Norwegen beschaffen und darüber hinaus so viele Daten wie möglich über Privatkliniken und Gesundheitszentren zusammentragen. Das Material sollte bereits am nächsten Montag vorliegen, was bedeutete, daß er die Studien zu Superstore und NetWiz aufschieben und die nächsten zwei Wochen rund um die Uhr arbeiten mußte.
Er spürte eine Unruhe im Körper. Die ganze Zeit über schwelte der Gedanke an die sechsmonatige Probezeit in seinem Hinterkopf. Eine gute Studie zu schreiben war nichts für Anfänger, doch er hatte keine Wahl. Mads war sich im klaren darüber, daß er keinen der Aufträge allein mit Hilfe von Telefonaten, Datenbanken und Internet würde bewerkstelligen können. Er mußte sich mit Leuten treffen und nach versteckten Informationen suchen. Wenn er jedoch ein paar Tage für Reisen aufwandte, blieb ihm noch weniger Zeit für die eigentliche Analyse.
Mads startete seinen Rechner und fing an.
Die nächsten Tage gingen ineinander über. Er stand noch vor dem Zeitungsboten auf, war immer der erste im Büro und ging als einer der letzten. In manchen Nächten wachte er schweißgebadet auf und dachte an alles, was er noch nicht geschafft hatte.
Mittags nahm Elise die Bestellungen fürs Essen auf. Er aß wie die meisten anderen im Büro, während seine Finger über die Tastatur knatterten. Oft bat er nur um einen Hamburger und eine Cola.
Mit der Zeit kam er mit PageMaker ganz gut zurecht, dem Computerprogramm, mit dem in der Firma Präsentationen erstellt wurden. Mit der Analyse ging es weniger gut voran. Ihm fehlten noch immer viele Informationen, und es war nahezu unmöglich, Statistiken oder Erklärungen zu entdecken, die sich verwenden ließen. Er versuchte alle möglichen und unmöglichen Quellen anzuzapfen, doch niemand hatte eine Übersicht über die privaten Gesundheitsdienste in Norwegen und Schweden, und so blieb ihm keine andere Wahl, als sich einen nach dem anderen eigenhändig vorzunehmen.
Nach sechs Tagen Mikrowellenessen aus der Teeküche war er es leid. Er brachte kein Plastikschalenhühnchen mit Reis mehr hinunter und konnte auch keine Cola light mehr sehen.
Die Analyse der Gesundheitsdienste für Henriksen nahm langsam, aber sicher Formen an. Ein bißchen Feinschliff fehlte noch, doch das konnte er Montag morgen erledigen. Mit den Kurzstudien für Ringdal hatte er noch nicht einmal begonnen, aber er wollte jetzt einfach nicht daran denken. Es war Sonntag nachmittag, und er wollte nach Hause zu Line, um wenigstens das Abendessen mit ihr zu genießen. Line schlief gewöhnlich noch, wenn er zur Arbeit ging, und auch abends war sie oft schon eingeschlafen, wenn er zwischen neun und elf nach Hause kam. Ihre einzige Kommunikation bestand aus einem Telefongespräch pro Tag (Mads wollte nicht, daß sie öfter telefonierten) und kleinen Zetteln, die sie sich auf den Küchentisch legten. Außerdem spürte er, daß eine Erkältung im Anmarsch war. Seine Nase war verstopft, und ihm war heiß.
Mads packte seinen Aktenkoffer und machte sich auf den Heimweg. Es war schon halb sechs.
***
»Hallo, kennen wir uns nicht irgendwoher?«
Line saß am Küchentisch und sah ihn über ihre runde Lesebrille hinweg an, die ihr auf die Nasenspitze gerutscht war. Der kleine Tisch quoll über von aufgeschlagenen Büchern, und der Laptop stand angeschaltet vor ihr. Mads ließ sich auf einen Stuhl fallen, zog sein Taschentuch heraus und schneuzte sich kräftig.
»Erkältet hast du dich also auch noch.« Sie lehnte sich zurück und nahm einen Schluck aus ihrer Teetasse. »Wie läuft es? Bist du fertig?«
»Die Fristen sind verflucht eng. Ich arbeite wie ein Verrückter, aber sie erwarten, daß Analysen, die normalerweise Wochen dauern, in ein paar Tagen erledigt werden. Ich mußte jetzt einfach nach Hause. Ich verkrafte keinen weiteren Abend mit geschmacksneutralem Hühnchen und lauwarmer Cola.« Mads strich sich über die Stirn. Er schwitzte.
»Weißt du, worüber ich mich freue?«
Mads schüttelte den Kopf und schneuzte sich noch einmal. »Daß wir unser Kind schon gemacht haben.«
Mads rang sich ein Lächeln ab, doch er hörte nur zu gut, daß mehr Ernst in ihrer Stimme lag, als ihm lieb war.
»Tut mir leid, Line. Ich muß jetzt einfach alles geben. Ich bin neu und in der Probezeit. Danach wird es sicher besser.«
»Schon klar, Mads. Aber jeden Tag von fünf Uhr morgens bis zehn Uhr abends arbeiten, Samstage eingerechnet, ist doch ein bißchen viel. Dein Arbeitgeber kann dich nicht behandeln, wie er will.«
»Dann arbeitest du besser nicht als Investmentbanker. Das ist eine ganz eigene Branche.«
Mads sah, wie Line diese ganz besondere Falte zwischen den Augenbrauen bekam, ein sicheres Zeichen, daß sie verärgert war.
»Ich weiß nur zu gut, was knappe Fristen und Arbeitsstreß bedeuten. Du hast doch keine Ahnung, wie es ist, als Programmiererin in einer privaten IT-Firma zu arbeiten. Der große Unterschied zwischen uns ist, daß ich gewisse Ansprüche an meinen Arbeitgeber stelle.«
Mads fuhr sich ärgerlich mit der Hand durchs Haar.
»Spezialisierte Programmierer wie dich gibt es nicht wie Sand am Meer. Dagegen wimmelt es nur so von qualifizierten Leuten, die als Investmentbanker arbeiten wollen. Das ist eine Frage von Angebot und Nachfrage. Deshalb kannst du auch Ansprüche stellen.«
Line stand abrupt auf und ging ins Wohnzimmer. Mads wurde immer wärmer, und er wischte sich den Schweiß von der Stirn. Anscheinend hatte er Fieber. Er stand auf und stellte sich in die Wohnzimmertür. Line hatte den Fernseher eingeschaltet und starrte mürrisch auf die Mattscheibe. Ein tiefes, brodelndes Husten kam aus seinem Hals.
»Du bist erkältet und hast Fieber. Du solltest ins Bett gehen«, meinte Line.
Da es Mads auch später noch nicht besser ging, fuhr Line zur Apotheke am Hauptbahnhof, die rund um die Uhr geöffnet hatte. Dort kaufte sie Vitamin C, Nasentropfen, Ibuprofen und die stärksten Halstabletten, die sie finden konnte.
Der Wecker klingelte wie gewöhnlich um halb fünf. Schlaftrunken taumelte Mads in die Dusche, wo er sich vom kalten Wasser wecken ließ. Sein Hals war geschwollen, aber er dachte nicht einmal daran, sich krank zu melden.
Zwanzig Minuten später setzte er sich ins Auto. Er fühlte sich besser, er mußte sich besser fühlen. Eben hatte er eine Handvoll Vitamintabletten und vier Ibuprofen genommen. Gab es denn nichts Stärkeres? Er spürte, daß er etwas brauchte, was sein System von Grund auf in Ordnung brachte.
Auf dem Weg in sein Zimmer holte er sich eine Tasse schwarzen Kaffee. Der Stoff seines Hemdes klebte am Rücken, und er fror. Ein paar Male im Jahr wurde er krank, doch meistens war es nach drei Tagen vorbei. Am schlimmsten war das Fieber. Er konnte damit leben, daß Nase und Hals verstopft waren, doch wenn es sich zu einer richtigen Halsentzündung auswuchs, war er mindestens vier Tage außer Gefecht gesetzt und brauchte eine Penizillinkur. Diesmal war es nicht so schlimm, vorläufig zumindest. Mit ein bißchen Glück würde das Schlimmste schon nach einem Tag überstanden sein.
Auf dem Schreibtisch lag der letzte Entwurf der Analyse für Henriksen. Mads nahm sie und ging noch einmal seine Korrekturen vom vergangenen Tag durch, doch Wörter und Buchstaben verschwammen vor seinen Augen. Er schloß die Lider, schüttelte den Kopf und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Verflucht, warum mußte er ausgerechnet jetzt eine Grippe bekommen?
Schließlich gelang es ihm, sich so weit zu konzentrieren, daß er alle Korrekturen vom letzten Entwurf einarbeiten konnte. Dann druckte er die Analyse aus, schob sie in eine Plastikmappe und legte diese deutlich vor Ablauf der Frist auf Henriksens Schreibtisch. Es war eigentlich egal, denn Elise hatte erzählt, daß Henriksen bis Mittwoch in Kopenhagen sein würde.
Um zehn Uhr holte er sich seinen fünften Kaffee. Das heiße Getränk linderte seine Halsschmerzen. Am Kaffeeautomaten traf er einen Kollegen, den er bisher nur flüchtig gegrüßt hatte. Es war Nicolai Heftye, der vierte Mann von Corporate Finance. Er war groß und ungelenk und hatte die Haare wie Mads glatt nach hinten frisiert. Im Gegensatz zu Mads trug er rote Hosenträger, und auf der Brusttasche seines weißen Hemdes waren seine Initialen eingestickt.
»Sie schwitzen, sind Sie gerannt?«
Mads blickte zu Boden und schüttelte den Kopf. »Die Grippe.« Er schob einen Plastikbecher in die Öffnung und drückte den Knopf. Kochend heißer Kaffee lief in seinen Becher.
»Von allen Mitteln, die nicht wirken, ist Cognac noch immer das beste.«
Mads hatte diesen Satz schon oft gehört, aber er tat so, als finde er ihn amüsant. Heftye hatte einen breiten Mund mit ungewöhnlich langen, gelben Zähnen.
»Natürlich. Das habe ich auch schon versucht. Es geht sicher bald vorüber.« Mads zog sein Taschentuch heraus und putzte sich die Nase. »Wie lange arbeiten Sie eigentlich schon hier?«
»Bald vier Jahre. Im Grunde bin ich am längsten hier. Ringdal hat vor zwei Jahren angefangen und Karl Tiller vor drei.«
»Dann waren Sie also schon hier, als Heffermehl noch Geschäftsführer war?«
»Er hat mich damals eingestellt. Als Henriksen das Zepter übernahm, holte er Ringdal als Abteilungsleiter, und wir zogen von der Storgata hierher nach Aker Brygge.«
Mads spürte, wie er von Kopf bis Fuß gemustert wurde. »Und Sie haben sich im Probezimmer installiert?«
Mads nahm vorsichtig einen Schluck heißen Kaffee. »Probezimmer? So wird also die Besenkammer genannt, die ich bekommen habe?«
Heftye grinste. »Ringdal besteht darauf, daß die Neuen dort sitzen, bis sie die Probezeit überstanden haben. Er will nicht, daß man sich zu wohl fühlt, ehe man bewiesen hat, daß man zu etwas taugt.«
»The American way?«
»Ganz genau«, antwortete Heftye. »Ich glaube, das ist in norwegischen Firmen sonst nicht so üblich. Ringdal hat ein paar Sachen aus den Staaten mitgebracht.«
»Ich habe mich schon gefragt, warum ich nicht statt dessen in eines der beiden leerstehenden größeren Büros ziehen kann.«
»Jetzt wissen Sie es. Sie sind ein Rekrut und müssen beweisen, daß Sie so hungrig sind, daß Sie ein ganzes Kamel verschlingen könnten. Erst dann werden Sie fest angestellt und bekommen ein größeres Büro.«
Mads dachte, daß Heftye wohl kaum Probleme haben würde, sich Kamele zwischen seine enormen Kiefer zu schieben.
»Das Probezimmer bekommt allmählich einen etwas zweifelhaften Ruf. Mit den beiden, die vor Ihnen dort gesessen haben, ist einiges schiefgelaufen.«
»Ach ja? Was ist denn passiert?« Mads wischte sich den Schweiß von der Oberlippe.
»Der letzte war eigentlich eine tragische Gestalt. Vor zwei Monaten hat er Selbstmord begangen. Er hat sich in seiner Garage in seinen Wagen gesetzt, mit einem Plastikschlauch, der vom Auspuff ins Wageninnere führte.«
Mads spürte, wie es ihm kalt den Rücken hinunterlief. »Wie hieß er?«
»Mikkel Petlund.«
Mads schüttelte den Kopf. Den Namen hatte er noch nie gehört.
»Wie lange war er hier?«
»Etwas über ein Jahr. So ist das Leben. Er machte nicht gerade den Eindruck von einem Selbstmörder. Aber so ist das wohl. Man weiß doch wenig über die Menschen.«
»Und der andere?«
»Den Namen Roald Hoff haben Sie doch sicher schon gehört?«
Mads nickte. Vor ein paar Jahren hatte dieser Name Schlagzeilen gemacht. Hoff war wegen eines schweren Falles von Insiderhandel verurteilt worden. Jeder in der Finanzwelt wußte von diesem Skandal.
»Er sitzt im Kreisgefängnis von Drammen und verbüßt sein zweites Jahr.«
»Der hat auch in meinem Büro gesessen?«
»Stimmt genau. Das waren die Jungs aus dem Probezimmer. Sie sind der dritte, das heißt, der dritte, seit Ringdal die Leitung übernommen hat. Wir sind gespannt, wie es mit Ihnen laufen wird.«
Mads nahm einen Schluck Kaffee und rang sich ein Lächeln ab.
Nicolai Heftye hatte während der gesamten Unterhaltung seinen Kaffee umgerührt. Jetzt zog er den Plastiklöffel heraus und warf ihn in den Mülleimer.
»Ich muß los«, sagte er und verschwand.
Mads ging in sein kleines Büro zurück – das Probezimmer. Er setzte sich und sah sich um. Sein Körper fühlte sich klamm an.
Sein Vorgänger hatte vor zwei Monaten Selbstmord begangen.
Das Telefon klingelte nur selten bei Mads, und so schrak er auf, als es läutete. Es war Torstein.
»Wie geht’s, kleiner Bruder? Gefällt dir dein neuer Job?«
»Könnte schlimmer sein. Nur etwas viel Arbeit. Zur Zeit rund um die Uhr.«
»Hört sich gut an.« Torstein lachte. »Du klingst ansonsten aber gar nicht gut.«
»Eine kleine Grippe. Die geht sicher bald vorbei.« Mads versuchte, durch seine verstopfte Nase etwas Luft zu bekommen. »Wie ist es mit dem Boot weitergegangen? Hast du das Geld zusammengekriegt?«
»Zu guter Letzt ja. Es war schwieriger, als ich gedacht hatte.«
»Wer hat dir den Kredit gegeben?«
»Cato, erinnerst du dich an ihn?«
»Dein alter Klassenkamerad? Wenn ich mich recht entsinne, fuhr der doch schon einen Jaguar, ehe er alt genug war, überhaupt den Führerschein zu machen.«
»Genau. Er hat mich zu ein paar Freunden mitgenommen, die mit Kreditvermittlung zu tun haben. Sagt dir Oslo Finanzvermittlung etwas?«
»Nein«, antwortete Mads und schloß die Augen. Er ahnte schon, wie das Ganze enden würde.
»Jedenfalls haben sie jemanden aufgetan, der mir das nötige Geld gegeben hat.«
»Und wieviel hast du aufgenommen?«
»Eine Million. Das ist etwas mehr, als ich brauche, aber es tut ganz gut, in der ersten Zeit ein bißchen Luft zu haben.«
Mads spürte, daß er Kopfweh bekam. Er wußte nicht, ob die Grippe daran schuld war oder Torstein.
»Zu welchen Bedingungen?«
»Es wird teuer. Teurer, als ich zu Beginn gedacht hatte.«
»Ja?«
»Vierzehn Prozent Zinsen und zusätzlich fünf Prozent Vermittlungsgebühr.«
Mads lehnte sich zurück. Eigentlich war er die Projekte seines Bruders leid. Torstein war immer schon so gewesen. Es verging nicht ein Jahr, ohne daß er sich in irgend etwas verstrickte. Zuletzt hatte er versucht, alte Autos aus England zu importieren. Mit jedem Verkauf hatte er weiteres Geld verloren.
»Das ist teuer«, war das einzige, was Mads über die Lippen brachte. Er konnte ihn einfach nicht mehr zurechtweisen. Torstein war alt genug, um allein zurechtzukommen.
»Mach dir keine Sorgen, kleiner Bruder. Du hast ja keine Vorstellungen davon, wieviel Geld man im Tourismus machen kann, wenn man nur groß genug einsteigt. Den Kredit zahle ich im Handumdrehen zurück.«
»Na dann viel Glück.« Mads sah das optimistische Lächeln seines Bruders vor sich. Jedesmal der gleiche Enthusiasmus, wie hoffnungslos das Projekt auch war.
***
Alle kamen pünktlich. Ringdal hatte für Mittwoch nachmittag um fünf eine Sitzung der Corporate-Finance-Abteilung anberaumt. Auch Henriksen war anwesend. Laut Ankündigung sollte es sich um eine Strategiesitzung handeln.
Mads befand sich auf dem Weg der Besserung. Das Fieber war abgeklungen, und die Erkältung hatte sich glücklicherweise nicht zur Halsentzündung entwickelt, doch er stopfte noch immer Vitamine und Pillen in sich hinein.
Sie setzten sich um den großen Mahagonitisch im Sitzungszimmer: Henriksen, Ringdal, Heftye, Tiller und Mads. Alle in schwarzen Anzügen, weißen Hemden und Schlipsen in verschiedenen Rottönen. Alle außer Mads hängten ihre Anzugjacken hinter sich über die Stuhllehne. Er fühlte sich noch nicht sicher genug, um in Henriksens und Ringdals Anwesenheit seine Anzugjacke abzulegen.
Ringdal begann damit, allen einen Zettel auszuhändigen. Mads sah sofort, worum es sich handelte. Links standen die Namen der Mitarbeiter der Corporate-Finance-Abteilung, in der Mitte war eine Spalte mit den Provisionen und rechts eine mit potentiellen Deals und Namen von Firmen.
Mads bemerkte, daß Heftye auf dem Stuhl hin- und herrutschte, und er begriff auch, warum. Hinter seinem Namen standen eine Null bei den Provisionen und lediglich drei potentielle Deals. Tiller hatte zwei Millionen erwirtschaftet, und hinter Ringdals Namen waren sieben Millionen verzeichnet. Ganz unten stand Mads. Er war der einzige, bei dem weder in der Spalte mit den Provisionen noch bei den potentiellen Deals etwas aufgeführt war.
Henriksen schaltete den Projektor ein. Der Zettel, den sie gerade studierten, wurde in Großformat an die Wand geworfen. Alle, die etwas zu verbergen hatten, bekamen ihr Elend jetzt in dreißig Zentimeter hohen Lettern vorgehalten.
»Die Corporate-Finance-Abteilung hat die schlechtesten Monate seit vielen Jahren hinter sich. Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals so schlechte Resultate gesehen zu haben«, begann Henriksen und sah jeden einzelnen am Tisch an.
Mads bemerkte, wie Heftye in seinem Stuhl zusammenschrumpfte. Er versuchte, seinen langen, ungelenken Körper so klein und unauffällig wie möglich zu machen, und kritzelte auf einer Ecke des Zettels herum.
»So darf es nicht weitergehen. Jeder einzelne von euch ist angestellt worden, um mindestens zehn Millionen pro Jahr zu machen. Mit Ausnahme von Ringdal liegen alle weit darunter.«
Mads betrachtete die anderen am Tisch. Niemand erwiderte seinen Blick. Warum sagte Henriksen denn nicht, daß Mads erst seit ein paar Tagen bei ihnen war? Er konnte doch nicht mit dem gleichen Maß gemessen werden wie die anderen?
Heftye schrieb immer wieder das Wort »mindestens« auf seinen Zettel, so daß die Buchstaben dicker und dicker wurden und schließlich ineinanderflossen.
»Es gibt keine Entschuldigungen für so erbärmliche Resultate.« Henriksen schwieg. Es wurde vollkommen still. Nur der schwere Atem des übergewichtigen Karl Tiller war zu hören.
Ringdal saß am Kopfende des Tisches und hatte die Arme vor seinem gewaltigen Brustkorb verschränkt. Er und Henriksen musterten die drei anderen mit eindringlichen Blicken.
Dann begann Henriksen die potentiellen Deals durchzugehen. Tiller hatte zusätzlich zu seinen zwei Millionen Provision fünf potentielle Deals mit Firmen, von denen Mads noch nie gehört hatte. Henriksen bohrte und fragte. Mit wem Tiller im jeweiligen Unternehmen in Kontakt stehe, wieviel Kapital sie bräuchten, wie groß die Eigenkapitalreserve sei, wie die Wachstumschancen und der zukünftige Kapitalbedarf aussähen, wie weit er von einer möglichen Vertragsunterzeichnung entfernt sei und mit welcher Provision man rechnen könne. Die Fragen hagelten nur so auf Tiller ein, unter dessen Armen sich immer größere Schweißringe abzeichneten. Er war sichtlich erleichtert, als das Verhör endlich vorbei war.
Als nächster war Heftye an der Reihe. Henriksen hielt einen Moment still, blieb stehen und betrachtete ihn mit herabgezogenen Mundwinkeln. Heftye hob den Kopf und begegnete Henriksens Blick.
»Was zum Teufel soll das, Heftye? Arbeiten Sie nicht?«
»In der letzten Zeit ist es nicht sonderlich gut gelaufen, das muß ich zugeben.«
Henriksen nickte vielsagend. »Ach ja, das müssen Sie zugeben.« Henriksen klopfte so hart mit dem Zeigefinger auf den Projektor, daß das Bild an der Wand ins Hüpfen geriet. »Seit sechs Monaten sehe ich die immer gleichen potentiellen Deals bei Ihnen. Sie werden keinen davon landen und auch sonst keine mehr anbringen. Sie haben sich zu einem einzigen großen Kostenfaktor entwickelt. Finden Sie, daß Sie Ihr Gehalt verdient haben?«
Mads sah wie die anderen zu Nicolai Heftye hinüber, der mit den Schultern zuckte. Er wich ihren Blicken aus.
»Ich habe gefragt, ob Sie das Gehalt verdienen, das Sie bekommen!«
»Zwei meiner Deals haben gute Chancen, bald zu einem Abschluß zu kommen. Die werden fünf Millionen an Provisionen bringen.«
»Danach habe ich nicht gefragt«, sagte Henriksen. »Ich habe gefragt, ob Sie Ihr Gehalt verdienen.«
»Ja«, sagte Heftye laut und deutlich und verschränkte die Arme vor der Brust. Auf seinen Wangen breiteten sich hektische rote Flecken aus. »Ich verdiene das Gehalt, das ich bekomme.«
