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Neun winterliche und weihnachtliche Erzählungen zu den besonderen Gefühlen in dieser Zeit. Geschichten, die die Seele berühren, fantasievoll, inspirierend, erzählt mit einem Lächeln auf den Lippen. Schneeflocken verzaubern Kinderherzen. Erfahren Sie, wie es ist, wenn ein Schutzengel unter Burnout leidet. Lassen Sie sich auf eine außergewöhnliche Begegnung ein.
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Seitenzahl: 79
Veröffentlichungsjahr: 2017
Wenn ich nachts wachliege, jagen Gedanken durch meinen Kopf. Manche fange ich in Form von Geschichten ein.
Dann leidet ein Schutzengel unter Burnout und der Storch klingelt an der Tür. Und dieses Jahr wird alles anders. Neun literarische Geschichten zu den besonderen Gefühlen, die uns in der Winter- und Weihnachtszeit überfallen: Fantasievoll, mit Humor, inspirierend, manchmal zum Nachdenken und garantiert nicht nur für die Weihnachtszeit.
Angela Thormann wuchs in Norddeutschland auf. Seit mehreren Jahrzehnten lebt sie in Bayern. Bereits während des Anglistikstudiums faszinierten sie amerikanische und englische Kurzgeschichten. Sie liebt das Schreiben von Geschichten. Angela Thormann veranstaltet eigene Seminare. Menschen zu ermutigen, dem eigenen Weg zu folgen und an die Träume zu glauben, sind ihre Themen.
Mehr Informationen unter: www.angelathormann.de
Angela Thormann
Erzählungen:
Gefühle zur WinterWeihnachtsZeit
© 2017 Angela Thormann
Verlag und Druck: tredition GmbH, Halenreie 42, 22359
Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-7439-5960-6
Hardcover:
978-3-7439-5961-3
e-Book:
978-3-7439-5962-0
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Für Alexandra
Gefühle sind der Wegweiser deines Lebens
Draußen war es dunkel. Es regnete leicht. Der Wind fegte die Blätter der Bäume auf dem Gehweg vor sich her. Von Zeit zu Zeit erhob sich eins, tanzte und drehte sich im Rhythmus des Windes um die eigene Achse. Dann fiel es zu den anderen auf den Boden. Das Wetter machte keine Lust auf einen Spaziergang. Die kahlen Äste der Bäume erhoben sich wie ein Gerippe in den von Straßenlaternen erleuchteten Himmel.
›Was mache ich hier draußen? Warum genieße ich nicht die wohlige Wärme meiner Wohnung bei einer heißen Tasse Tee?‹
›Weil du zu faul warst deinen Kühlschrank aufzufüllen. Weil in drei Tagen deine beste Freundin heiratet. Weil du zwar ein tolles Kleid gefunden hast, jedoch die passenden Schuhe dazu fehlen‹, meldete sich meine innere Stimme.
›Pah! Dann nehme ich halt die schwarzen, die ich immer trage.‹
›Du weißt, die passen nicht zum Kleid. Dass du sie ständig trägst, sieht man ihnen inzwischen an. Außerdem bleibt dein Kühlschrank damit trotzdem leer. Lust auf den Pizza-Service?‹
Vom Pizza-Service hatte ich die Nase gestrichen voll. Den hatte ich in der letzten Zeit zu oft in Anspruch genommen. Die Speisekarte kannte ich inzwischen auswendig. Die Pizzas waren allesamt okay. Die Nudeln bei den entsprechenden Gerichten waren mir nicht ›al dente‹ genug. Die ›Lasagne al Forno‹ dagegen ging. Fleischgerichte empfand ich als zu teuer und Fisch mochte ich nicht. Über die Lieferzeiten war ich genauestens im Bilde. Am schnellsten ging es, wenn Antonio kam. Bei Luigi wartete ich am längsten. Er liebte es, sich mit den Kunden zu unterhalten, vor allem mit den weiblichen. Ich zog mir den Schal fester um den Hals, schlug den Mantelkragen hoch und beschleunigte meine Schritte. Meine Laune war auf dem Nullpunkt.
›Es ist nicht mehr weit‹, redete ich mir einem Ertrinkenden gleich ein, der das rettende Ufer vor Augen hat. Von weitem sah ich die Lichter des Einkaufszentrums.
Drinnen war es taghell. Geblendet schloss ich für einen Augenblick die Augen. Es war so warm, dass ich meinen Schal lockerte und sogar den Mantel öffnete. Menschen schoben sich an mir vorbei, ohne auf mich zu achten. Genauso gut hätte ich ein im Weg stehender Einkaufswagen sein können. Sie hatten es eilig. Neuerdings schien es auf ›Eile‹ beim Kauf an der Kasse einen Rabatt zu geben. Nun, es war mir egal! Allerdings wollte ich ebenfalls möglichst schnell dem Hexenkessel entfliehen und heim in meine vertrauten vier Wände. Im Gegensatz zu anderen Frauen hasste ich nämlich Shoppingtouren. Shoppen bedeutete für mich reine Notwendigkeit. ›Hexenkessel‹ war das Stichwort. Im Eingangsbereich des Einkaufzentrums stachen mir zahlreiche, ausgehöhlte Kürbisse mit ihren Fratzengesichtern in die Augen, die von Kerzen erhellt wurden. Von der Decke hingen Skelette. Kinder liefen als Monster oder Hexen verkleidet herum. In manchen Geschäften standen schwarz geschminkte Verkäuferinnen mit einem Hexenhut auf dem Kopf am Eingang. Das Outfit gereichte den wenigsten von ihnen zum Vorteil fand ich. Endlich dämmerte es mir: Halloween! Der Brauch, der ursprünglich aus Irland stammte und über die USA den Weg zu uns gefunden hatte.
›Wieder so etwas wie der Valentinstag, der den Geschäften das Geld in die Kasse spült‹, dachte ich. Ich beeilte mich, die Dinge zu kaufen, die meinen Kühlschrank wieder seiner ursprünglichen Funktion zuführten. Erstaunlicherweise sah ich Warteschlangen an den Kassen, obwohl mir auf dem Weg hierher niemand begegnete. Welcher Moloch mochte die Massen ausgespuckt haben? Den breiten Gang zu den einzelnen Geschäften flankierten brennende Kerzen. Sie steckten in Gefäßen, die mehr oder weniger an einen Kürbis erinnerten. Mit dem gleißenden Licht des Eingangsbereichs bildete sich ein Kontrast. Wie sollten da Halloween-Emotionen bei den Kunden aufkommen? Fehlanzeige - bei mir nicht!
Jetzt hatte ich alles beisammen - bis auf die Schuhe. Schuhe zu kaufen war für mich jedes Mal mit großer Anstrengung verbunden. Ich litt unter zwei verschieden großen Füßen, die um fast eine Nummer differierten. Im wahrsten Sinn des Wortes litt ich wirklich. Was hatte ich angestellt, als Petrus bei der Gestaltung meiner Person die Füße verteilte? Wahrscheinlich hielt ich ein Bein versteckt und bekam den Fuß zugewiesen, den er übrig behielt. Bereits als kleines Mädchen bedeutete der Schuhkauf für alle Personen meines Umfeldes eine Tortur. Meine Mutter rollte mit den Augen, wenn ich ihr zum x-ten Mal erklärte, dass ein Schuh am großen Zeh drückte. Die Verkäuferin stand mit einem eingefrorenen Lächeln im Gesicht daneben, während sich neben mir Schuhberge stapelten. Am einfachsten wäre es gewesen, in den verschiedenen Größen den jeweils passenden Schuh auszuwählen. Als Erwachsene stieß ich bei den Verkäuferinnen stets auf Verständnis, wenn sich um mich herum auf dem Fußboden die einzelnen Paare stapelten. Jedoch ging ihr Verständnis nie so weit, mir zu erlauben, von der einen Größe den einen Schuh zu kaufen und von der anderen den zweiten. Dabei war ich sicher, dass andere Frauen unter demselben Problem litten. Sofern ein Schuhgeschäft den Anfang machte, täte sich garantiert eine Marktlücke auf. Da die Geschäftswelt noch nicht so weit war, blieb mir die Entscheidung zwischen einem Paar Schuhe, bei dem ein Schuh drückte oder einem Paar, bei dem ich einen beim Gehen fast verlor. Das Kleid zur Hochzeit war ausgerechnet rot. Es bedeutete, ich suchte ein rotes Paar Schuhe. Das schränkte die Auswahl in meinen Augen drastisch ein. Einem Torero gleich straffte ich meine Körperhaltung und hob den Kopf. Auf in den Kampf und stellte ich mich vor das Regal mit den roten Schuhen.
Nur mit den Augen sortierte ich einen Teil der Schuhe sofort aus. Eine Eigenheit, die ich bereits als Kind besaß und meine Mutter wahnsinnig machte. ›Wie kannst du wissen, dass sie nicht passen, ohne die Schuhe anzuprobieren?‹, war ihr Kommentar. Ich wusste es eben! Basta! Absätze von geschätzten 15 cm Höhe - toll, für andere Frauen! Dennoch stapelten sich in meinem rechten Arm eine Reihe Schuhe, von denen ich meinte, sie harmonierten mit dem Kleid. Am Anfang des Kaufvorgangs war ich ständig euphorisch. Das kannte ich bereits. Ich wandte mich an eine lächelnde Verkäuferin, die mich aus der Entfernung bereits beobachtet hatte. Noch kannte sie nicht die Herausforderung, die ihr mit meiner Person begegnete! Momentan ahnte sie, dass ich erst einmal schauen wollte und später auf sie zukommen würde. Freundlich machte ich ihr klar, dass ich für den Stapel in meinem rechten Arm den linken Partner suchte. Sie wiederum machte mich darauf aufmerksam, ich solle erst einmal jeweils den rechten probieren. Im Bedarfsfall brächte sie dann den Partner. Daraufhin erklärte ich ihr mein Größenproblem mit den Schuhen. Ihr Lächeln ging in ein Dauerlächeln über. Sofort erinnerte ich mich an den Verkaufsslogan ›Der Kunde ist König‹. Sie verschwand im hinteren Bereich des Geschäfts. Beladen mit einem hohen Stapel Kartons kehrte sie nach einiger Zeit zurück. Ihre Miene, mit der sie die Kartons um mich herum abstellte, verhieß nichts Gutes. Das Dauerlächeln war verschwunden, so dass die entsprechenden Gesichtsmuskeln entspannen konnten. Wahrscheinlich sah sie in mir - passend zu Halloween - eine Hexe, die ihr den nahen Feierabend verleidete. Dabei hatte ich im Gegensatz zu ihr keinen Hexenhut auf. Das fiel mir jedoch erst jetzt auf. Er schien ihr zu stehen, dachte ich schmunzelnd. Sonst hätte ich ihn gleich bemerkt.
»Nimm Dich in Acht! Hexen verfügen über besondere Kräfte«, raunte ich leise zu mir selbst.
An meinem Platz herrschte mit den zahlreichen Schuhschachteln das totale Chaos. Auf Anhieb wählte ich meine Lieblingsschuhe aus und zog sie an. Drei, vier andere Paare kamen ebenfalls in die engere Wahl. Dazu nahm ich sie aus dem Karton und stellte sie auf die Erde. Mit den neuen roten Schuhen wagte ich ein paar Schritte. Ein Spiegel fehlte. Da war er. Von vorne sahen die Schuhe gut aus. Erstaunlicherweise drückte keiner oder war zu groß. Ich drehte mich zur Seite, um einen seitlichen Blick zu erhaschen … und … sah … nichts. Augenblicklich stand ich im Dunkeln. Das ehemals taghelle Einkaufszentrum war von einem Moment auf den anderen stockfinster. Das heißt, nicht ganz. An einigen Stellen flackerte ein Kerzenlicht.
›Das darf nicht wahr sein! In der heutigen, technisierten Welt ein totaler Stromausfall‹, ging es mir durch den Kopf.
