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Robert Simon, ein erfolgreicher Anwalt aus Paris, verkauft seine Kanzlei und erfüllt sich mit dem Kauf eines alten Gutshofs in der belgischen Provinz einen lang ersehnten Traum. Mit seiner Familie renoviert er das Anwesen und stößt durch Zufall auf ein Jahr- hunderte altes Geheimnis auf seinem Hof. Ein turbulenter Roman, dessen Handlungsstränge sich über ver- schiedene Orte und Jahrhunderte ziehen und bis in die Gegenwart reichen. Über die fiktive Darstellung hinaus, finden auch aktuelle Menschheitsprobleme Einzug in das Buch.
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Seitenzahl: 146
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Texte: © Copyright by Hans-Joachim Radke Umschlaggestaltung: © Copyright by Hans-Joachim und Ralf Radke
Verlag: Hans-Joachim Radke Schlesische Straße 38 53773 Hennef [email protected]
Es ist Frühlingsanfang, wir schreiben das Jahr 2018. Mein Name ist Robert Simon, ich bin Franzose und zweiundvierzig Jahre jung. Meine bezaubernde Frau Julie ist achtunddreißig. Im Übrigen heißt Julie übersetzt „die Schöne“. Ich bin nicht vermessen wenn ich behaupte, dass dies bei meiner lieben Ehefrau zutrifft. Unsere Kinder Marline und Rene sind fünfzehn und dreizehn Jahre alt. Wir wohnen glücklich und zufrieden am Rande der belgischen Stadt Antwerpen. Unser Anwesen befindet sich in einem kleinen, idyllischen Tal, dass wiederum von uralten Baumbeständen eingebettet ist. Seit dem 14. Jahrhundert, bis zum heutigen Tag, ist die Hafenstadt Antwerpen eine der wichtigsten Metropolen für Handel und Finanzen im westlichen Europa. Uns hat es im Sommer 2012, also vor ungefähr sechs Jahren an diesen Ort verschlagen, denn das stressige Leben in der Weltstadt Paris wurden wir überdrüssig und sagten den täglichen Anforderungen endgültig Servus und Adieu. Unsere lieben Verwandten und diverse Freundeskreise, konnten sich nur schwerlich mit unserer finalen Entscheidung abfinden. Bei meiner Suche nach einem geeigneten Gutshof Objekt, stöberte ich im Internet nicht nur bei uns in Frankreich herum, sondern auch im benachbarten Belgien. Denn wichtig war für uns einzig und allein, dass unsere Kinder die Schule mit ihrer Muttersprache beenden könnten. Nachdem ich bei meiner langen Internetsuche diesen, aus meiner Sicht geeigneten Gutshof fand, versuchte ich vehement meiner skeptischen Familie dieses Anwesen schmackhaft zu machen. Natürlich hatte ich mir für die erste Präsentation beeindruckendes Bildmaterial ausgedruckt und mir die richtigen Worte zurechtgelegt. Meine Überredungskunst war dann wohl so überzeugend, dass der Familienrat nach einer kurzen, aber intensiven Diskussion, die am Anfang emotional, dann erstaunlich sachlich verlief, kurzerhand beschloss, dass wir an einem Wochenende eine Besichtigung vornehmen sollten. Ich telefonierte und vereinbarte mit dem Makler einen Termin für den kommenden Samstag.
Schon als wir uns im Sommer 2011 dem Hof näherten war Julie und unsere Kids, Marline und Rene, von der naturbelassenen Umgebung begeistert. Nachdem wir das Gelände und die Gebäude inspiziert hatten, konnte ich auch hier bei ihnen eine positive Zuneigung erkennen. So kam es, dass wir uns mit dem Immobilienmakler noch vor Ort handelseinig wurden. Umgehend veräußerten wir unsere gut florierende Anwaltskanzlei in Paris Mitte an zwei bestbietende Interessenten. Alle notwendigen Formalitäten verliefen in Frankreich und Belgien reibungslos über die Bühne und so stand dem Umzug nichts mehr im Wege. Als alles in trockenen Tüchern war, keimte plötzlich Skepsis bei Julie und den beiden Kindern auf. Ich beruhigte alle und erinnerte sie daran, wie schön sie es dort fanden. Denn für kein Geld der Welt wollte ich einen Rückzieher machen, im Gegenteil, ich freute mich auf die Veränderung und ein ungewisses Abenteuer.
So ließen wir uns auf diesen idyllischen Flecken Erde nieder. Dieser Besitz war von Beginn an mein Ding, denn hier brauchte kein Ackerbau betrieben werden. Hier auf dem Gut waren neben der Versorgung von einigen Tieren, nur der hinter der Scheune liegende Gemüsegarten zu bearbeiten. Genau solche begrenzte Bewirtschaftung war unsere Vorstellung. Besser gesagt, --meine alleinige Vorstellung,-- denn ich wollte in erster Linie „meinen“ Traum verwirklichen. Aber als die Entscheidung gefallen war, stand Julie von der ersten Sekunde hinter meiner Idee und gab mir dabei bedingungslose Rückendeckung. Uns beiden war natürlich klar, dass dieses Vorhaben viel Geld und Arbeit kosten würde. Denn Fakt war, wenn wir das in die Jahre gekommene Wohngebäude nach unseren Wünschen gestalten wollten, bedurfte das ganz viele Baumaßnahmen zu erfüllen. Wir stellten uns mit Elan diesen geforderten Aufgaben und trotzten alle Hindernisse mit Bravour. Auch wenn sich uns das eine oder andere Mal Chaossituationen in den Weg stellten, fühlten wir uns hier von Beginn an sehr wohl und waren glücklich. Ich für meine Person hängte damals gleich meinen Anwaltsjob an den berühmten Nagel und nahm meine große Leidenschaft sofort in beide Hände. Zuerst erarbeitete ich grobe Skizzen für die Umgestaltung des Hauses und entwarf später Hand in Hand mit dem ideenreichen Architekten die nötigen Bauzeichnungen. Dann hatte das Filigrane seine Schuldigkeit getan und fortan stand das Grobe im Vordergrund. Durch die Denkmalbehörde und einige Baufirmen ergaben sich des Öfteren große Bauverzögerungen. Diese nahmen wir mit viel Geduld auf unsere Schultern und nach zähem jahrelangem Umbau war es endlich vollbracht. Vor uns erstrahlte ein schönes, herrschaftliches Wohngebäude. Die vielen Provisorien, die wir gezwungener Maßen lange auf uns nehmen mussten, konnten endlich ad acta gelegt werden. Julie hat nun ihr neues Büro im linken Flügel des Wohnhauses bezogen und arbeitet wie eh und je sehr erfolgreich und mit großer Leidenschaft als Anwältin. Unsere beiden Kids bezogen mit Stolz ihre großzügig gestalteten Zimmer im rechten Flügel des Gebäudes und erfüllen mit Zufriedenheit ihre Jobs in der Schule. Außerdem haben sie sich hier auf dem Land, nach anfänglicher Unzufriedenheit, mittlerweile gut eingelebt und sind richtig happy, weil auch beide rasch gute Freunde fanden. Ja und ich blühe jeden Tag immer mehr auf, denn die Bewirtschaftung eines Hofes (in dem beschriebenen Umfang) war schon immer mein sehnlichster Wunsch. Unser schönes Anwesen besteht aus einem Hauptgebäude, zu seiner Rechten steht eine riesige Scheune und zur Linken zwei Stallungen, an denen sich noch ein weiteres Gebäude anschließt. Dieses diente in alten Zeiten als Unterkünfte für Knechte und Mägde. In der zentralen Mitte des großen Innenhofes befindet sich ein tiefer Brunnen, der an der Oberkante mit einem dicken Eisengitter abgesichert ist. Wie tief dieser definitiv ist, ist nicht belegt. Unsere direkten Vorbesitzer, ein sehr, sehr liebenswertes betagtes Ehepaar, erzählten uns bei der Übernahme des Hofes, dass in der urkundlichen Chronik alle bisherigen Gutsbesitzer ihre jeweiligen Umbauten an den Gebäuden penibel aufgeführt hätten, aber keiner je etwas über den Hofbrunnen eingetragen hat. Von diesem gibt es nur vage überlieferte Erzählungen, die erstmals um das Jahr 1660 begannen. Weiter erzählte uns der Vorbesitzer, diese Aussagen decken sich bis zum heutigen Tag, aber leider beförderten sie nichts Konkretes ans Tageslicht, im Gegenteil, von einer Erzählung zur nächsten, wurde es stets rätselhafter. Aber immer wieder kursierten Gerüchte, dass sich in der Tiefe des Brunnens einige mysteriöse Geheimnisse verbergen würden.
Diese Schilderung der Vorbesitzer hat uns ein wenig erschrocken und verunsichert. Aber mich persönlich auch sehr neugierig gemacht, was eventuell dahinter stecken könnte.
Um dieser Sache auf den Grund zu gehen, habe ich momentan noch keine Zeit, denn mit der zehnköpfigen Alpakafamilie, zwei Pferde zwei Hunde, eine Schar Gänse und Hühner bin ich vollauf beschäftigt und habe außerdem mit der Restauration der Ställe und Gesindeunterkunft noch viel zu tun. Aber eines Tages, wenn die Zeit gekommen ist, werde ich die in einer uralten Holzkiste schlummernde Hauschronik richtig studieren und vielleicht einige Geheimnisse lüften. Denn in den Jahren in denen wir hier schon wohnen, gab es nur Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit. Und so reichte es nur für einen kurzen Blick in dieses alte Buch. Aber es ist natürlich spannend zu wissen, dass dieser Gutshof aus dem frühen 16.Jahrhundert stammt und mit Sicherheit sich schon viele skurrile, aber auch hochinteressante Menschen hinter den alten Mauern versteckt haben. Jetzt schossen mir Mutmaßungen durch meine abenteuerlichen Gedanken: „Bestimmt hausten hier einst mutige Ritter, die skrupellose Machthaber bekämpften, weil diese die armen Menschen knechteten und denen buchstäblich durch überhöhte Abgaben das letzte Hemd vom Körper rissen!“ Aber rasch zweifelte ich meine blühende Fantasie an und ließ wieder Platz für die Sachlichkeit in meinem Kopf.
Ein weiteres Jahr war verstrichen und alles lief in geordnete Bahnen bei uns ab. Neue Freunde aus der Nachbarschaft haben mir bei der Fertigstellung der Baumaßnahmen geholfen. Die Scheune ist von unseren Vorbesitzern erst vor acht Jahren mit einem neuen Dach versehen worden und den Rest der alten Scheune wollen wir im jetzigen Zustand belassen, denn die uralte Fachwerkstruktur hat seinen besonderen Reiz. Die wichtige Tierversorgung ist mittlerweile bei mir zur Routine gereift. Somit habe ich jetzt die Muße und die nötige Zeit, um endlich den spannenden Schilderungen auf den Grund zu gehen, die sich seit Ewigkeiten um den Hofbrunnen ranken. Voller Hoffnung, dass wir da unten etwas finden, oder sogar Geschichtliches entdecken, bestellte ich eine Gerüstbau-Firma, die mir einen Flaschenzug, oder Lift über dem Brunnen installieren sollte.
An einem sonnigen Montagmorgen kreuzten zwei Männer des Unternehmens bei uns auf, um die Sachlage zu inspizieren. Sie machten sich eifrig Notizen und dann teilte einer der Männer mir mit, dass sie diverse Spezialutensilien für mein Vorhaben benötigen, für dessen Besorgung beraumten sie circa zwei bis drei Tage an.
Einige Tage verstrichen, dann rückten vier Handwerker bei uns an. Jetzt begann eine spannende Zeit. Julie war der Ansicht: „Lieber Robert, du wirst sehen, da unten werdet ihr nichts finden, außer einen tiefen, aber völlig ausgetrockneten Brunnen.“ Ich dagegen, habe meine jugendliche Abenteuerlust bis zum heutigen Tage nie abgestreift und glaubte auch in diesem Fall fest an irgendeine sensationelle Entdeckung dort unten. Nun begann endlich mein erhofftes Abenteuer.
Die Handwerker hievten alle Utensilien von ihrem LKW und bauten zunächst einen Flaschenzug auf. Dieses circa drei Meter hohe, vierfüßige Gestell errichteten zwei der Männer mittig über den Brunnen auf. Parallel installierten die beiden anderen um den Brunnen herum einen stabilen Sicherheitszaun und befestigten an alle vier Seiten je ein Warnschild mit dem Hinweis: ---Achtung, Lebensgefahr, betreten ist strengstens untersagt!--- Jetzt demontierten sie das über den Brunnen befestigte Schutzgitter und einen verrosteten Doppelhaken, der direkt unter dem Gitter in der Innenwand des Brunnens verankert war. Abrupt in diesem Augenblick, öffnete sich ein gespenstig anmutender Schlund vor uns, der sich im Brunneninneren in die Tiefe schlängelte und im Dunkeln spurlos verschwand. Ab jetzt war höchste Konzentration von den Jungs angesagt und jeder Handgriff musste sitzen, sonst drohte der sichere Absturz von Mensch oder Material. Der nächste Schritt ihrer Arbeit war die schwere Stahltrosse mit ihrem großen Haken über die Rolle des Flaschenzugs zu montieren. Danach kam der schwierigste Akt, denn drei Männer hievten nun den schweren Drahtkäfig in den Brunnenschacht hinein und der vierte koppelte den Käfig an den Haken der Seilwinde. Als das mit voller Energie geschafft war, atmeten alle erst einmal erleichtert durch, denn nun war der Aufbau des Lifts abgeschlossen. Jetzt bekam ich das okay von den Männern, dass ich mir die Liftkanzel anschauen durfte. Ich begutachtete den Acrylboden, denn durch diese durchsichtige Konstruktion des Fußbodens, hatten wir nun die Möglichkeit, mit einem Scheinwerfer direkt unter uns in die Tiefe zu leuchten. Die drei nachfolgenden Testläufe verliefen positiv und der Teamleiter gab daraufhin den Lift frei. Ab sofort stand meinem Vorhaben nichts mehr im Wege. Die Winde hatte satte 50 Meter Stahltrosse auf der Spule und dies war sicherlich genug, denn bei der Besprechung vor ein paar Tagen hatten die zwei Männer einen größeren Stein in die Tiefe geworfen und errechneten durch die Fallzeit des Steines, eine ungefähre Tiefe von 40 Metern. Jetzt war die Basis gelegt, um bis zum Grund des Brunnens zu gelangen. Vom Lastwagen holten sie zwei Scheinwerfer, zwei Beatmungsmasken, ein Tiefenmessgerät, sowie ein Funkgerät. Ich hatte eine klare Absprache mit dem Chef des Unternehmens, dass die erste Fahrt in den Brunnen mit einem seiner Männer und mit mir in Angriff genommen wird. Dies stieß auf heftigen Wiederstand bei meiner Frau, aber für nichts in der Welt wollte ich mir das Abenteuer nehmen lassen. Nun stand ich aufgeregt in dem Käfig und fragte mich: „Ist das wirklich die richtige Entscheidung, dass ich bei der ersten Fahrt unbedingt dabei sein muss?“ Julie hat sich in unserem Haus verschanzt und wahrscheinlich telefoniert sie mit ihrer besten Freundin. Dies macht sie immer, wenn sie nervös oder angespannt ist. Übrigens, unsere Kids sehen das alles lockerer. Da sie aber in der Schule sind, können sie die Jungfernfahrt leider nicht live miterleben. Außerhalb des hohen Schutzzauns bellten unsere zwei Jagdhunde schon eine ganze Weile lautstark und aufgeregt um die Wette. Sie wollten offensichtlich nicht, dass ihr Herrchen in eine ungewisse Tiefe fährt. Meine Aufregung stieg und im selben Augenblick gab der Windenführer das Kommando, „Achtung Leute, konzentriert euch, denn die Fahrt beginnt.“ Langsam setzte sich unser Gefährt in Bewegung und wir glitten in die Tiefe. Das Gebell der Hunde nahmen meine Ohren nur noch als dumpfe Töne wahr, bis sie gänzlich erloschen und ich das Gefühl hatte, das wir plötzlich von der Außenwelt völlig abgeschlossen waren. Über unsere Funkverbindung baten wir um noch langsamere Fahrt, denn wir wollten gewissenhaft die Brunnenwände inspizieren. Im hellen Scheinwerferlicht konnte ich erstaunt feststellen, wie eben und exakt die Wände da unten gemauert waren. Nach geraumer Zeit unseres Dahingleitens fielen mir auf meiner Seite plötzlich zwei Steine ins Blickfeld, die circa zwei Zentimeter aus dem planen Mauerwerk vorstanden. Sie lagen parallel nebeneinander. Ich warf unbeobachtet einen hastigen Blick auf die Seite meines Mitfahrers, aber konnte dort nichts der Gleichen erblicken. So entschied ich mich, diese Beobachtung vorerst für mich zu behalten. Mein gezielter Blick auf den Tiefenmesser zeigte mir 35 Meter an, die ich mir sofort einprägte. Nach weiteren gefahrenen drei Meter leuchtete ich durch den Acrylboden nach unten und gab abrupt das Kommando „Stopp“ nach oben durch. Auf der Stelle stand der Lift ruhig und eine unheimliche Stille breitete sich um uns aus. Unsere Blicke erstarrten, als wir dort unten zwei Skelette eng nebeneinander liegen sahen. Nur kurzzeitig waren wir sprachlos. Unsere Blicke kreuzten sich und schnell löste sich unsere Fassungslosigkeit. Wir konnten den von oben aufgeregt nachfragenden Männern berichten, welch makabren Fund wir hier unten erblickten. Kurz korrespondierten wir eine Weile miteinander, ob wir die eine Hälfte des Acrylbodens hochklappen und aussteigen sollten, oder nicht. Unsere mitgeführte zwei Meter lange Leiter hätte uns die Möglichkeit dazu gegeben. Dann waren wir uns aber schnell einig, dass dies zuerst einmal eine polizeiliche Angelegenheit sein müsste. So entschieden wir uns für den direkten Aufstieg. Übrigens, die Tiefe des Brunnens hatten die Männer mit ungefähr 40 Meter richtig errechnet. Als wir oben ankamen, alarmierte ich umgehend die hiesige Polizei und die entschieden sofort, dass wir den Brunnen umgehend absichern müssten. Bis zum Eintreffen einer Sonderkommission, durfte keiner mehr das umzäunte Gelände betreten. Ich vereinbarte mit dem Chef der Gerüstfirma, dass ich mich bei ihm melden würde, wenn die Justiz das Gelände wieder frei gibt. Somit war mein Abenteuer fürs erste unterbrochen. Meine Frau Julie war natürlich erleichtert, dass ich wohlbehalten von dort unten zurück war. Meine Familie diskutierte ausgiebig mit mir über den schrecklichen Fund. Ich holte nochmal die Chronik aus der Holzkiste um eventuelle Hinweise zu finden, die der Polizei bei der Aufklärung in dieser Sache dienlich sein könnte. Aus meiner Sicht fand ich leider keine Anhaltspunkte, denn es war verdammt schwierig, die uralte, vergilbte Schrift zu entziffern. So beschloss ich, die Hauschronik der Sonderkommission leihweise zu überlassen, vielleicht entdecken ihre Spezialisten eher einen Anhaltspunkt, um die Sache aufzuklären.
Am Morgen des nächsten Tages rollte ein Lieferwagen auf unserem Gutshof, diesem entstiegen drei Männer in Arbeitskleidung. Dahinter fuhr ein schwarzer PKW, aus dem zwei Zivilisten ausstiegen. Es waren zwei Beamte, die den gesamten Ablauf protokolieren würden. Nach ihrer Begrüßung besprachen wir gemeinsam die Sachlage und nach kurzer Zeit war alles geklärt. Jetzt legten die drei mit Overalls bekleideten Männer los. Unter den üblichen Utensilien, die auch wir schon bei unserer Fahrt nach unten benutzt hatten, nahmen sie zusätzlich eine Filmkamera und zwei größere, schwarze Plastiksäcke vom Wagen und begaben sich zum Lift. Die Säcke waren die Behältnisse für die zwei Skelette. Zwei Männer stiegen in den Lift und der dritte bediente die Seilwinde. Mittlerweile fuhr noch ein Leichenwagen auf unseren Hof. Ich hatte mich nach der Besprechung mit den beiden Beamten in unser Haus zurückgezogen und wollte die Szenerie jetzt vom Fenster aus beobachten. Fast 80 Minuten waren vergangen, bis das der Lift die zwei Männer wieder ans Tageslicht beförderte. Ruhig und reibungslos verlief der Abtransport der Gebeine. Einer der Männer läutete noch rasch an unserer Hausglocke und teilte mir mit, dass meine Familie die weiteren Schritte telefonisch und in schriftlicher Form übermittelt bekommt. Er fügte noch hinzu, dass bis auf weiteres keiner den Lift benutzen darf.
Die lokale Presse berichtete von dem Fund in unserem Brunnen und sorgte für einiges Aufsehen in der breiten Öffentlichkeit. Viele unserer Freunde und auch einige Nachbarn kamen, oder aber telefonierten mit uns, um genaueres über die Sache zu erfahren.
Nach einer Woche wurde uns ein Brief von der Universität Brüssel zugestellt. Ein Professor Chirac schrieb darin, dass es sich bei den Skeletten eindeutig um eine junge Frau und einen jungen Mann handelte. Im Beisein eines Anthropologen sind seine Wissenschaftler bei ihren Untersuchungen eindeutig zu der Erkenntnis gekommen, dass der Tod der Beiden um circa 1650-60 eingetreten sein müsste. Wie und warum das geschah, konnten sie auch an Hand der alten Chronik nicht ermitteln. Somit bleibt es ein Rätsel und jede Vermutung wäre reine Spekulation. Weil aber etliche Knochen der zwei Skeletts zertrümmert sind, scheint es wahrscheinlich, dass beide Personen freiwillig von dort oben gesprungen sind, oder aber von anderen hinab gestoßen wurden. Die Gebeine der Namenlosen werden anonym auf dem Brüsseler Friedhof beigesetzt. Für ihn und seine Mitarbeiter, sowie der Polizei, sei der Fall somit abgeschlossen. Ab sofort durften wir das abgesperrte Gelände wieder betreten.
Ich hatte schon vor einigen Tagen meine beiden engsten Freunde gefragt, wenn die Freigabe von der Polizei erteilt wird, ob sie mir behilflich wären, das vorstehende Mauerwerk in circa 35 Meter Tiefe in Augenschein zu nehmen. Beide waren genau wie ich von der Abenteuerlust gepackt und sagten spontan zu. Ich war heilfroh, dass offensichtlich keinem der Männer, die bisher mit dem Lift nach unten fuhren, die zwei parallel hervorstehenden Mauersteine aufgefallen waren. Mein Inneres sagte mir, dass dort unten etwas Interessantes auf uns wartet und somit war der Weg frei, um am kommenden Wochenende diese Aktion in Angriff zu nehmen. Ich bat alle drei Familien eindringlich, keinem Menschen davon zu erzählen, was wir vorhaben.
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