Ein Sommer in der Normandie - Nadine Roux - E-Book

Ein Sommer in der Normandie E-Book

Nadine Roux

3,6

Beschreibung

Die Pariserin Camille widmet ihr Leben dem Schreiben von Kriminalromanen und ist damit außerordentlich erfolgreich. Ihr Privatleben möchte sie am liebsten ausblenden, zu sehr schmerzen die Erinnerung an ihre Familie, die sie verloren hat, und an den Tag ihrer Hochzeit, nach dem nichts mehr so war wie vorher. Nur ihr Schwiegervater Georges steht ihr noch nah. Eine Schreibblockade stürzt sie in diese Realität zurück. Bei ihrer Freundin Magali in der Normandie will sie neue Ideen finden und zurück in die Spur gelangen. Doch der lebenslustige Romain macht ihr einen Strich durch die Rechnung und droht den Panzer um ihr Herz zu durchbrechen. Außerdem trifft sie in Trouville-sur-Mer auf die unkonventionelle Madame Jeanette, die etwas über Georges zu wissen scheint. - Ein Roman über den Zauber des Sommers und die Kraft der Veränderung.

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Ein Sommer in der Normandie

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Nadine Roux

Ein Sommer in der Normandie

Roman

Die Pariserin Camille widmet ihr Leben dem Schreiben von Kriminalromanen und ist damit außerordentlich erfolgreich. Ihr Privatleben möchte sie am liebsten ausblenden, zu sehr schmerzen die Erinnerung an ihre Familie, die sie verloren hat, und an den Tag ihrer Hochzeit, nach dem nichts mehr so war wie vorher. Nur ihr Schwiegervater Georges steht ihr noch nah. Eine Schreibblockade stürzt sie in diese Realität zurück. Bei ihrer Freundin Magali in der Normandie will sie neue Ideen finden und zurück in die Spur gelangen. Doch der lebenslustige Romain macht ihr einen Strich durch die Rechnung und droht den Panzer um ihr Herz zu durchbrechen. Außerdem trifft sie in Trouville-sur-Mer auf die unkonventionelle Madame Jeanette, die etwas über Georges zu wissen scheint.

- Ein Roman über den Zauber des Sommers und die Kraft der Veränderung.

Nadine Roux wurde 1988 geboren und studierte in Hamburg Romanistik und Jura. Sie lebt in der Lüneburger Heide. Ein Sommer in der Normandie ist ihr erster Roman.

Text: © Natalie Rusch

Umschlaggestaltung: © Natalie Rusch

Lektorat: SB

Verlag: Natalie Rusch

c/o Stefan Stern

Feldkreuzweg 11

79793 Wutöschingen

ISBN: 978-3-7450-9377-3 

4. Auflage September 2017

-1-

Sie sah das Cover ihres neuen Buches schon vor sich. Camille Brochard – L’amertume. Bitterkeit. Darauf ein Foto von ihr in der oberen Hälfte und darunter irgendein düsteres Landschaftsbild einer Agentur, das sich der Verlag aussuchen würde. Camille ging es aber um ihr Foto. Der Grund für ihren Ruhm, ihre umfassende Bekanntheit im ganzen Land. Nicht hinten auf dem Buchdeckel, nicht als kleines Foto auf der letzten Seite, nein, vorne auf dem Cover war sie stets zu sehen und für jedes Buch mit einem anderen, immer exakt ausgefeilten Gesichtsausdruck. Ihr neuer Krimi würde also L’amertume heißen und vor dem Spiegel probte Camille ihren Blick. Sie fand, dass sie durchaus Schauspielerin hätte werden können, ihr Repertoire war groß: Kaum merklich kniff sie die Lippen zusammen und die kleinen Muskeln unterhalb der Augen, außerdem  ihre Augenbrauen. Keine großen Veränderungen, aber die Wirkung war enorm: Feindseligkeit. Jener Ausdruck, der ihren Debütroman zu einem Erfolg gemacht hatte, damals vor sieben Jahren. Fünf Bücher waren gefolgt und jedes Mal wieder stand Camille vor dem Spiegel, wo ihre stechend blauen Augen sie anstarrten, wahlweise also mit Feindseligkeit, Entsetzen, Hass, Verschwiegenheit und nun Bitterkeit. Das war leicht. Camille drapierte ihre blondierten, mittellangen Haare so, dass sie nicht den Verdacht erweckten, schön, schwungvoll und lebendig zu sein. Nein, das passte nicht zu ihr und nicht zu ihrem Krimi. Ein Seitenscheitel verdeckte einen Teil ihrer Stirn, die Zornesfalte, die sie zog, einen anderen. Sie kräuselte die Mundwinkel und hörte für einen Moment auf zu atmen. Ein  imaginäres Blitzlicht und Camille atmete auf. So würde es perfekt sein, das neue Foto. Camille Brochard war Perfektionistin, niemals würde sie sich in die Hände eines Fotografen begeben und sich vor der Kamera dirigieren lassen. Niemand sagte Brochard, was sie zu tun hatte. 
Brochard, so nannte man sie und so nannte sie sich selber. Nicht Madame Brochard, nicht Camille Brochard. Für die Öffentlichkeit war sie einfach nur Brochard. Ohne den Glanz einer Diva zu haben wie La Bardot oder der Dietrich. Immerhin schrieb sie Kriminalromane und machte keine Liebesfilme, die sie für überflüssigen Schund hielt. Aber wenn ihr auch der Glanz fehlte, so hatte sie doch etwas, das sie von allen anderen Frauen in der Öffentlichkeit unterschied. Sie war respekteinflößend und verbreitete mitunter Angst und Schrecken. Eine Frau, die die Hosen anhatte, kompromisslos und hart. Diese Härte war etwas, was sie sich über viele Jahre erarbeitet hatte und nun begründete sich darauf sogar ihr Ruhm. Niemand liebte sie, aber man respektierte sie und las ihre Bücher, das war alles, was für sie zählte. „Quelle femme!“ war etwas, was sie häufig hörte, wenn die Leute hinter ihr tuschelten. War der Ton bewundernd, verzog sie kaum merklich die Mundwinkel zu einem Mona-Lisa-Lächeln. War er leicht despektierlich, brauchte sie sich nur umzudrehen und den Widersacher mit einem Blick aus ihren stahlblauen Augen zu töten und sie trug erneut den Sieg davon. 
Einer Konfrontation ging sie nie aus dem Weg, La Brochard. Sie war daher ein gern gesehener, aber auch heikler Gast in den zahlreichen Talkshows in Fernsehen und Radio. Jene, die sich gut präsentieren wollten, brachte sie ein ums andere Mal richtig ins Schwitzen und dann gab es für diese Blender nichts mehr zu lachen. 
Einmal war sie in einer Talkshow, in der der Moderator versuchte, Camille in ein angenehmes Licht zu rücken. 
„Madame Brochard, Sie sehen heute fabelhaft aus. Man mag gar nicht glauben, dass Sie die düstersten Kriminalromane Frankreichs schreiben!“ Es folgte ein kleines Lachen, jenes, das diese Fernsehleute immer beherrschten. Jenes, das aussagte: Schaut her, wie fantastisch ich bin, niemand kann mir widerstehen! Aber eine Camille Brochard hatte darauf natürlich die richtige Antwort.
„Man mag aber sehr wohl glauben, dass Sie die langweiligste Talkshow des Landes moderieren, Monsieur. Haben Sie meine Bücher gelesen?“
Sämtliche Gesichtszüge waren dem Moderator bereits entglitten und dann sollte er auch noch eine Frage beantworten. Was für eine Katastrophe. Er wand sich wie ein Wurm. Camille unterdessen hatte sich zurückgelehnt und ihren linken Fuß, an dem ein roter High Heel steckte, auf ihr rechtes Knie gelegt. Sie saß da wie ein Mann und nagelte den armen Kerl mit ihrem stechenden Blick fest, in dem Spott, Missachtung und auch eine Spur Spaß stand. 
„Nun ja, es sind ziemlich dicke Bücher, nicht wahr?“, versuchte Monsieur sich aus der unangenehmen Lage zu befreien, zupfte an dem Knoten seiner Krawatte, der ihm urplötzlich viel zu eng vorkam und bemühte sich, eine neue, diesmal unverfängliche Frage zu stellen. Camille machte sich einen Spaß daraus, ab sofort nur noch mit Ja und Nein zu antworten und dabei ihre beste und erfolgreichste Karte auszuspielen: Ihre Mimik. Welche Wirkung ein „Nein!“ hatte, wenn man es  mit einem Ausdruck untermalte, der auch noch sagte: Sie stehlen meine Zeit, Sie unverschämter Kerl und Ihre Frage ist die dümmste, die mir je untergekommen ist. Aus dieser Talkshow machte Camille jedenfalls ihre eigene Show und sie genoss es, sie zu zerstören. Sie spürte das blanke Entsetzen  der Redakteure hinter den Kameras und die freudige Anspannung des Publikums, das sie anstarrte wie einen Autounfall. Man findet nicht gut, was da passiert, aber man kann einfach nicht weggucken. Camille hatte statt eines Glases Wasser Whiskey bestellt, natürlich. Auf keinen Fall konnte sie Wasser trinken so wie alle anderen. Und Whiskey zu trinken, das war außerdem das nächste Tabu in Frankreich. 
Während nach einem solchen Auftritt der Ruf eines jeden seriösen Autors unwiederbringlich zerstört gewesen wäre, so gab es bei Camille Brochard keinen Ruf, der auf dem Spiel gestanden hätte. Sie war immer so und es war ihrem Erfolg nicht hinderlich, sondern befeuerte ihn nur. Unnötig zu erwähnen, dass nach dieser Fernsehshow die Verkaufszahlen ihrer Romane ins Unermessliche gestiegen waren. 
Das war schon ein Jahr her, mittlerweile hatte sie weitere Bücher veröffentlicht, deren Titel stets mit einem „A“ begannen. Zuletzt L’abîme, der Abgrund. Ein erfolgreicher Krimi, der im Périgord spielte, dem Zentrum des guten Lebens in Frankreich. Gänseleber, Wein, Cognac, weite Landschaft, dunkle Wälder. Aber es war auch der am dünnsten besiedelte Landstrich jenseits der Berge. Nirgendwo war es in den Nächten dunkler. Camille hatte daraus einen wunderbar düsteren Krimi gesponnen, der auch in einer der prähistorischen Stätten spielte, die es in jener Wiege der Menschheit mitten in Frankreich gab. Ein purer Erfolg, denn Camille wusste die Liebe ihrer Landsleute zu ihrem eigenen Land zu nutzen. Ein bisschen schade war es nur, dass sich natürlich mal wieder kein Office de Tourisme aus der Gegend bei ihr melden und sich bedanken würde. „Merci, Brochard“ hätte ihr schon gereicht und dazu vielleicht eine Flasche Cognac oder eine Dose Foie Gras. Aber nein, damit konnte sie nicht rechnen, schon gar nicht sie. Sie gönnte sich stets nur einen kurzen Moment des Bedauerns. Ebenso wie sie sich immer nur einen kurzen Moment jener Gefühle gönnte, die für sie Schwäche darstellten. Freude, Trauer, Scham und Liebe zum Beispiel. Manchmal hielt sie es für unmöglich, dass sie dazu imstande war, überhaupt Derartiges zu fühlen, aber Kopf und Herz waren immer noch zwei verschiedene Personen und es gab Dinge, die Camille nicht unter Kontrolle hatte. Sie hasste das. Und hassen konnte sie wiederum gut. 
Aber sie würde noch Zeit haben, um ihre Härte zur Perfektion zu bringen, denn sie war noch jung. Man mochte es kaum glauben, aber Camille Brochard war erst neunundzwanzig Jahre alt. Nicht dass sie älter aussah, denn sie war durchaus hübsch und bis auf die leichte Zornesfalte faltenfrei und rank und schlank. Chic, wie alle Pariserinnen. Aber alles an ihr, was nicht mit ihrem Aussehen zu tun hatte, war alt und sehr erwachsen. Während ihre Kommilitonen sich früher auf Partys gehen ließen und feierten, jung zu sein, konnte Camille nur spöttisch auf sie herabschauen und bis spät in die Nacht für die Uni arbeiten oder an ihrem ersten Roman. Sie würden sich noch wundern, fand sie, wenn sie nach dem Abschluss ein Praktikum nach dem nächsten machen würden und mit dreißig herumjammerten, dass die Gesellschaft am Abgrund stehe und die Wirtschaft die jungen gut Ausgebildeten ausbeute. Eine frappierende Naivität, fand Camille schon damals und stellte immerhin die Weichen für ihr eigenes Leben richtig. Dass das Talent zum Schreiben etwas war, das man sich nicht erarbeiten konnte, wurmte sie durchaus, denn sie war ein Freund von harter Arbeit und Kompromisslosigkeit. Wann immer sie gefragt wurde, wie sie denn auf ihre Ideen kam und wie sie es hinbekomme, ihre Figuren so plastisch wirken zu lassen und die Geschichte so packend, antwortete sie immer: Mit harter Arbeit. Das war eine Lüge, aber es war eine, die Camille selber glaubte.
Nun stand sie also vor dem Spiegel und probte den Gesichtsausdruck zu ihrem neuen Roman. L’amertume. Das war für sie sehr einfach, weil nur zu gut bekannt. Bitterkeit war das Gefühl, das sie am meisten spürte in jenen kleinen schwachen Momenten, die sie nicht kontrollieren konnte. Bitterkeit spürte sie manchmal, wenn sie im Fernsehen an jenen Schmonzetten vorbeizappte, die sie hasste und ihr Blick für den Bruchteil einer Sekunde auf glücklichen Gesichtern landete, die auf das Meer schauten oder in die Augen ihres Geliebten. Bitterkeit spürte sie auch, wenn ihr Blick an einer buchartigen Box in ihrem Bücherregal hängen blieb, in dem sich die Fotos aus ihrer Kindheit befanden. Sie stand ganz oben in ihrer Bibliothek, beinahe außer Sicht, aber nie weit genug entfernt, als dass ihr Inhalt nicht doch einen Weg in Camilles trübe Gedanken an die Vergangenheit fanden. Und schließlich spürte sie  Bitterkeit, wenn ihr Mann Marc Laffont mit ihr sprach und das Gefühl, das er währenddessen spürte, Gleichgültigkeit war.
Laffont. Natürlich hatte Camille ihren Namen behalten, als sie ihn vor zwei Jahren geheiratet hatte. Ihr Name war ihre Marke und außerdem ihr Anker der Stärke, an dem sie sich festklammerte. Camille Laffont, das klang höchstens nach einem Hausmädchen, in jedem Fall aber viel zu jung und lieblich. Auch Marc war ein erfolgreicher Autor, jedoch weit entfernt von dem Ruhm seiner Frau. Er verdingte sich mit „echter Literatur“, wie er gerne betonte. Feingeistige Geschichten, verpackt in komplizierte Satzkonstrukte, die seinen Lesern und ihm selber Anspruch vermitteln sollten. Mittlerweile konnte Camille darüber nur lächeln, aber sie ließ ihn in dem Glauben, dass er Literatur fabrizierte und sich in vierzig Jahren Hoffnung auf den Literaturnobelpreis machen konnte. Ihr war es recht, dass sie die Ernährerin im Haushalt war und noch viel besser gefiel es ihr, wie Marc darunter litt. Dieses Gefühl der spöttischen Freude überdeckte ihre Bitterkeit bei weitem.
Camille setzte sich wieder an den Schreibtisch in ihrer großen Bibliothek, die ihr auch als Arbeitszimmer diente. Ihr Schreibtisch war aus schönem Mahagoniholz und sehr teuer gewesen, ebenso das helle Parkett. Von der Wohnung ganz zu schweigen. Altbau, hohe Decken, Balkone mit verschnörkelten Eisengittern. Fünf Zimmer, allein für sich und Marc. In den guten Momenten ihrer kurzen Beziehung hatten sie auf der Dachterrasse gesessen, Wein getrunken und ihren Blick über Montmartre schweifen lassen. Ihre Wohnung lag unterhalb der Sacré-Cœur und Camille mochte das Monumentale, das sie im künstlichen Licht der Nacht ausstrahlte. Sie konnte durchaus zugeben, dass sie auch Dinge mochte, sie war kein Unmensch, trotz ihres Images. Aber Enthusiasmus lag ihr fern. Ihr Humor bestand nicht darin, über die Witze anderer zu lachen, sondern selber trockene, spröde Witze zu machen, über die andere lachen konnten, während sie selber keine Mine verzog. 
Es war November, ein äußerst trüber Monat, selbst in Paris, der Stadt des Lichts. Camille hatte also gerade ihren neuen Roman beendet, der diesmal in Paris spielte, in einem schönen Palais, wie sie ihn selber bewohnte. Eine Kriminalgeschichte, die brutal und raffiniert zugleich war. Diesmal waren ihre beiden Protagonisten ein Schriftstellerehepaar und die Mörderin die Frau. Wer das Opfer war, versteht sich von selbst. Dieser Roman würde hohe Wellen schlagen, dessen war sie sich sicher, und das nicht nur in der Öffentlichkeit. Sie war darauf vorbereitet. Im Einreißen dessen, was sie sich aufgebaut hatte, war sie schon immer gut gewesen, keine Freundin, kein Freund, keine Verwandten hatten es lange mit ihr ausgehalten. Aber wenn Gliedmaßen krank waren, musste man sie eben abschneiden, das war sicher. 
Camille schaute mit leerem Blick aus dem Fenster. Die Arme hatte sie verschränkt, ihr war plötzlich sehr kalt. Eine blonde Strähne löste sich aus dem nach ihrer Fotoprobe vor dem Spiegel eilig gebundenen strengen Haarknoten und fiel ihr ins Gesicht. Draußen war der Himmel grau, ein kompaktes Grau ohne Unterbrechung und Hoffnung auf Besserung. Der Winter würde lang werden.
Nach einer ganzen Weile stand sie auf, öffnete eine Schublade ihres Schreibtisches und dann das Fenster einen Spalt breit. Sie holte eine Handvoll Nüsse aus der obersten Schublade und legte sie auf das Sims. In der Dachrinne über ihr hörte sie das Kratzen von kleinen Spatzenfüßen und wie sie in dem Sand und Schmutz nach Essbarem suchten. Camille schloss das Fenster wieder und setzte sich auf die Fensterbank. Keine zehn Sekunden später kam der erste Vogel angeflogen und beäugte das Festmahl, das ihm bereitet wurde, erst zögerlich, bevor er angehopst kam, gekonnt in einer Millisekunde eine  Nuss herauspickte und davonflog. Flugsaurier hatte Camille die Vögel immer genannt, früher, als sie ein kleines Mädchen gewesen war, aber schon viel schlauer als die Kinder in ihrem Alter, die noch nichts von der Evolution und dem Massenaussterben vor zig Jahrtausenden gehört hatten. 
Das Schloss klickte und die Tür öffnete sich langsam. Camille fuhr zusammen und sprang von der Fensterbank herunter. 
„Yolande! Was machst du noch hier? Es ist Nachmittag, deine Arbeitszeiten sind morgens.“
In der Tür stand eine kleine Frau, die kaum älter als Camille war. Ihre Schürze spannte über ihren üppigen Rundungen und die Hände spielten nervös an einem Staubtuch, das sie bei sich trug. Wie immer wagte sie es nicht, ihre Arbeitgeberin zu korrigieren. Ihr Name war Namira, ihre Vorgängerin war die alte Yolande gewesen, das hatte sie bereits erfahren. Yolande hatte einige Jahre Camilles Haushalt geführt, bis sie vergangenes Jahr starb. Camille hatte die Beerdigung bezahlt und auch die Trauerfeier für ihre Familie. Anwesend war sie jedoch nicht gewesen. Camille wusste sehr gut, dass Namira nicht Yolande war, denn Yolande war unersetzbar, aber sie machte sich nicht die Mühe, sich ihren Namen zu merken. Schließlich hörte sie auch auf sie, wenn sie sie nannte wie sie wollte.
„Madame, ich sollte diesen Freitag Ihre Bibliothek saubermachen, aber Sie waren den ganzen Morgen hier drin.“ Schüchtern blickte die Frau zu Boden. Camille legte sich im Kopf eine passende Antwort zurecht. Was erlaubte sich diese Frau! Dann aber musste sie zugeben, dass sie recht hatte. Der Freitag war ausgemacht gewesen und tatsächlich hatte Camille heute nicht gearbeitet, sondern lediglich den ganzen Morgen, Mittag und nun auch die ersten Stunden des Nachmittags in diesem Zimmer mit ihren eigenen Gedanken verbracht und Posen vor dem Spiegel geübt. Das war ihr in der Tat ein bisschen unangenehm, aber sie ließ sich nichts anmerken.
„Du kannst in fünf Minuten wiederkommen“, sagte sie also nur knapp. Namira nickte glücklich und verzog sich wieder.
Camille atmete einmal tief ein, klappte den Laptop zu und strich die widerspenstige Haarsträhne zurück hinters Ohr. Dann fielen ihr die Vögel wieder ein, die nun im Sekundentakt das Fenstersims anflogen. Namira würde es sehen. Also öffnete Camille das Fenster erneut, diesmal hastig, und wischte die Nüsse herunter, die sich in der Luft zerstreuten und dann tief hinunter in den Innenhof fielen.

-2-

„Bonsoir, Chérie!“ rief Marc, als er die Wohnung betrat. Es hallte durch den Flur bis in das spartanisch eingerichtete Wohnzimmer, in dem Camille saß und in der aktuellen Ausgabe von Le Point blätterte. „Chérie“ war eine Lüge, aber das „Bonsoir“ meinte er durchaus ernst, das wusste Camille. Immerhin stritten sie selten, was jedoch Camille zu verdanken war. Sie gewann jeden Streit. Marc ging ihr also aus dem Weg und begnügte sich damit, freundlich zu sein und Gewohnheiten zu frönen. 
„Bonsoir, Marc.“ Camille schaute  nicht auf. Sie hockte in einer Ecke des großen weißen Sofas und hielt in der freien Hand eine Tasse Ingwertee. Marc hatte ein kleines Büro nicht weit von ihrer Wohnung gemietet. Er brauchte die Trennung von Beruflichem und Privatem und konnte nur arbeiten, wenn er nicht bei Camille zu Hause war. Sein kreativer Fluss floss eher gemächlich, aber das war für ihn selber ein Zeichen von Anspruch und Qualität. Es konnte durchaus vorkommen, dass er einen Tag in seinem Büro – das er Atelier nannte – verbrachte und gerade einmal drei Sätze schrieb. Gerne verwies er dabei auf James Joyce, und Rom wurde schließlich auch nicht an einem Tag gebaut. Er lachte immer, wenn er sein langsames Arbeitstempo erklärte und das hatte etwas Sympathisches, aber im Grunde meinte er es sehr ernst. Ein Wunder, dass er es geschafft hatte, im letzten Jahr seinen neuen Roman zu veröffentlichen, seinen dritten überhaupt erst. Ein dünnes, schmales Büchlein über die Kunst der Erinnerung.
„Ein bisschen wie bei der Madeleine von Marcel Proust, nur dass hier eine Tasse Kaffee aus Tansania meine Erinnerung angeregt hat.“ Immer, wenn er der Presse diesen Satz sagte, zwinkerte er, denn ihm gegenüber saßen überwiegend Journalistinnen. So war die Branche eben, die Kultur, mit Ausnahme der Hochkultur, war den Frauen überlassen und Marc war das absolut recht. Und häufig hatten sie ihn auch noch auf den geringen Umfang und die trotzdem atmosphärische Dichte seines Werkes angesprochen. Marc hatte diese Bemerkung erwartet und stets antwortete er: „Es kommt nicht auf die Länge an.“ Wieder ein Zwinkern. Wie er das Erröten der Journalistinnen genoss! 
Camille nahm den letzten Schluck Tee und stellte die Tasse zurück auf das Beistelltischchen, wie immer den Bodensatz mit den Schwebstoffen übriglassend. Sie wusste auch, dass Namira die Tasse morgen, in dem Glauben sie sei ganz leer, in den Geschirrspüler stellen würde und sich beim Umdrehen den Rest auf die Schürze kippen würde. Aber das war ihr ganz recht, denn wer nicht lernte musste eben erfahren. Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen und Camille sah keinen Grund, sich nicht ein bisschen über die Missgeschicke anderer zu freuen. 
„Bist du heute gut vorangekommen, Marc?“, fragte sie ihren Mann und sah ihn jetzt aus ihren durchdringend blauen Augen an. Er setzte sich ihr gegenüber in den Sessel und legte beide Arme auf die Lehnen, als hätte er einen körperlich anstrengenden Tag gehabt. 
„Vorankommen, was heißt das schon?“, seufzte er, „Das ganze Denken ist ein steter Fluss.“ Er schaute Camille an und zwar länger als gewöhnlich. Dann stand er auf. „Pardon, Chérie. Ich habe dich gar nicht richtig begrüßt.“ Er wollte ihr einen Kuss geben.  Camille drehte sich weg und ließ sich auf die Wange küssen. So nicht, Monsieur. Auch heute nicht und am liebsten gar nicht mehr. Er verstand und ging in die Küche, um sich Kaffee zu machen. Marc trank jeden Abend Kaffee, es machte ihm nichts aus, dass das Koffein ihn wach hielt, denn für gewöhnlich verbrachte er die Abende und manchmal auch die Nächte in der Bar um die Ecke oder rauchend und sich in Melancholie suhlend auf der Dachterrasse. 
In den Jahren, in denen sich Camille und Marc schon kannten, hatte sie festgestellt, wie berechnend er sein konnte und tat alles dafür, dass er keinen Erfolg hatte. Marc war einer jener Menschen, die andere Menschen anzogen wie ein Magnet. Er hatte braune Locken, wie sie Frauen so gerne hatten, und trug stets einen modischen Hut und einen Dreitagebart, was ihn verwegen aussehen ließ. Um die Augen hatte er Lachfältchen und er beherrschte ein Lächeln, bei dem er den Kopf leicht schief legte, einen Finger an die Wange und dann nur einen Mundwinkel nach oben zog, wobei sich Grübchen bildeten. Auch Camille war diesem Lächeln verfallen, damals vor fast vier Jahren. 
Camille war mit ihrer besten und einzigen Freundin Magali in Fontainebleau gewesen, ein beliebtes Ausflugsziel der Pariser am Wochenende. Sie waren in dem kühlen Wald spazieren gewesen und hatten anschließend ein Eis gegessen. Camille hatte gerade ihren dritten Roman erfolgreich veröffentlicht und auf der Straße erkannten sie immer mehr Leute, jedoch sprach sie niemals jemand an. Camille bemerkte aus den Augenwinkeln, wie hin und wieder jemand sein Fotohandy zückte und verstohlen auf den Auslöser drückte, wenn sie stehenblieb und sich etwa die Auslage eines Geschäftes ansah. Eine Mine verzog sie dabei nie und niemand fühlte sich ermutigt, sie anzusprechen.
An jenem Tag aber war sie gut gelaunt und Magali sowieso. Ihre Freundin war ein Sonnenschein von Person und hochschwanger gewesen. Wann immer sie sich trafen, und das war nicht allzu oft, obwohl Camille sie als beste Freundin bezeichnete, schwelgten sie in Erinnerungen an ihre Studienzeit an der Sorbonne. 
„Erinnerst du dich, wie Jacqueline betrunken ihr Referat hielt? Das war so großartig. Sie wollte eigentlich über Flaubert sprechen, aber dann erzählte sie nur etwas von Apollinaire und seinen Alcools.“ Magali kicherte. Camille nicht, aber sie lächelte immerhin, denn Jacqueline hatte sich ihren Respekt verdient.
„Natürlich. Sie war hervorragend. Eine fantastische Idee, wie sie nur wenig Betrunkene je haben.“ Camille wusste, wovon sie sprach und die Erinnerung versetzte ihr einen Stich. Immer, wenn sie nicht an ihre Familie denken wollte, so wie an diesem sonnigen Tag, dann passierte es doch und riss sie in einen dunklen Abgrund aus  Erinnerungen und Schwäche.
Magali stupste sie an. „Schau mal da rüber zu der Eisbude.“ Ihr Blick war an dem Eisverkäufer mit seiner schiefen weißen Mütze hängen geblieben, der gerade kunstvoll einem Kind eine Eiswaffel reichte und dann die Münze flippen ließ, die es ihm gab. „Ich glaube, du hast jetzt auch Lust auf Eis, Camille. Komm mit!“
Magali hievte sich hoch und stützte sich dabei auf Camilles Schultern. 
„Ich möchte kein Eis“, sagte sie. Denn auch ihr war der Eisverkäufer nicht entgangen und sie wollte alles andere als ihm jetzt auch noch näherkommen, diesem Hallodri, diesem Zirkusclown. Aber ihre Freundin kannte sie nur zu gut, denn sie war auch in ihrer schwächsten Zeit an ihrer Seite gewesen. Damals, als sie noch über Gefühle sprach und gemeinsam mit Magali lachte, in jenen unbeschwerten Momenten, die sie sich gegönnt hatte. Aber da war sie jung und dumm, wenn auch niemand außer ihr selber das so gesehen hatte. 
„Ich muss Eis essen, ich bin schwanger. Und wenn du mich nicht dorthin bringst, dann gehe ich eben alleine und der beau gosse wird sofort wissen, warum du mich nicht begleitet hast. Nicht so schüchtern!“ Magali watschelte los.
„Ich bin nicht schüchtern“, hatte Camille schwach protestiert und auch nur ganz leise. Immerhin waren sie hier in der Öffentlichkeit und sie eine erwachsene Frau und noch dazu eine erfolgreiche Schriftstellerin, man könnte sie überall erkennen. Was dachte sich Magali dabei, sie so bloßzustellen?
„Zwei Kugeln Vanille für meine Freundin und fünf Schokolade für mich!“, bestellte sie. Camille setzte ihre Sonnenbrille auf, das war alles unfassbar peinlich.
„Aber natürlich, gerne!“, lachte der Eisverkäufer und machte sich ans Werk. „Fünfmal Schokolade für die Flora von Botticelli und zweimal Vanille für Mademoiselle Brochard.“ Er reichte den Freundinnen mit Schwung und einer halben Verbeugung wie ein mittelalterlicher Diener ihre Bestellung. 
„Die Flora ist blond, Sie haben ein schlechtes Gedächtnis. Haben Sie meine Bücher gelesen?“, fragte Camille ungerührt. Sie ließ sich ihr Unbehagen nicht anmerken, die Sonnenbrille und ihr Name gaben ihr Halt. Auch wenn es sie fast aus der Bahn warf, dass ausgerechnet dieser Typ sie erkannt hatte. Camille errötete nie, aber wäre sie nicht La Brochard gewesen, wäre das eine Situation gewesen, in der man hätte erröten können und sollen. In ihrem Eis steckte ein kleines Plastiklöffelchen in Form eines Herzen. Sie war fünfundzwanzig Jahre alt und viel zu alt für pubertäre Symbolik. Dieser unverschämte Eisverkäufer war aber kaum älter als sie und fand seine Idee offenbar unwiderstehlich. 
„Fahren Sie morgen auch zum Feuerwerk nach Paris?“, fragte ihn Magali auch noch zu allem Überfluss, ohne dass er Camilles Frage beantwortet hatte. Am kommenden Tag war der 14. Juli und es war  ein warmer Sommertag angesagt.
„Bis gerade eben hatte ich morgen noch nichts vor“, antwortete er ihr, schaute aber nur Camille an und lehnte sich nach vorn auf die Theke.
„Großartig! Camille kommt auch und ich bringe meinen Mann mit. Wir essen vorher noch etwas in der Rue des Abbesses und gehen dann hoch zur Sacré-Cœur. Auf dem Vorplatz hat man die beste Sicht. Treffen Sie uns um 19 Uhr vor der Post. Ich bin übrigens Magali.“
„Und ich bin Marc. Es wäre mir ein Vergnügen, Madame Magali und Mademoiselle Brochard.“
Camille ärgerte es, wie er sie Mademoiselle nannte. Ein einfaches Brochard hätte genügt, dieser unverschämte Kerl hatte überhaupt keinen Respekt. Unter keinen Umständen würde sie morgen bei der Verabredung auftauchen. Sie hasste Magali in diesem Moment und konnte gar nicht schnell genug wegkommen von der Eisbude, in der dieser Hansdampf vermutlich gleich der nächsten Mademoiselle einen Herzchenlöffel ins Eis steckte. Ihr Appetit war verdorben und sie entsorgte das Eis nach wenigen Happen in einen Mülleimer. Gleich würden Tauben angeflogen kommen und an der Waffel herumpicken und hoffentlich die Spuren ihrer Schwäche verwischen.
Natürlich war Camille am 14. Juli um neunzehn Uhr vor der Post an der Place des Abbesses erschienen. Der Eisverkäufer war bereits da und zum Glück auch Magali und ihr Mann Laurent. Beide waren lebenslustige Menschen und eine gute Begleitung und Camille war froh darüber, dass Schweigen nicht aufkam und sie auch nicht genötigt war mit diesem Dahergelaufenen zu sprechen. Sie bevorzugte es, ihn nur aus dem Augenwinkel zu beobachten und wenn es sein musste, ein professionelles Gespräch mit ihm zu führen. Ein Glück, dass er sich ebenfalls als Schriftsteller herausstellte. Auch er hatte gerade sein Studium abgeschlossen, allerdings an der Universität in Amiens, und war nun in seine Heimat Fontainebleau zurückgekehrt, wo sein Vater lebte. Etwas veröffentlicht hatte er noch nicht, er schrieb zu der Zeit noch an seinem Erstling. Camille und er unterhielten sich über Literatur und das Business. 
„Wenn du davon leben willst, Marc, musst du etwas schreiben, was viele Menschen lesen. Auch in Frankreich wartet niemand auf den nächsten Jean-Paul Sartre. Schreiben ist Arbeit und Schriftsteller sein ein Beruf.“
Marc hatte aufgelacht und Camille dabei seine schönen, ebenmäßigen Zähne gezeigt. „Das mag sein. Aber ich brauche nicht viel. Einen Platz zum Schlafen und Luft und Liebe.“
Camille überhörte die letzte Bemerkung mit Absicht, aber sie fühlte Hitze in sich aufsteigen. Nun war sie doch in eine äußerst unangenehme Situation geraten und sie wünschte sich das Ende des Abends herbei. Dann würde sie eben wieder weglaufen, sie hatte damit kein Problem. Das war eine Art, Schwäche zu überwinden.
„Oder ich muss reich heiraten“, sagte Marc noch im Spaß und rückte seine Mütze so zurecht, dass sie ein bisschen schief saß und zu seinem unwiderstehlichen Lächeln passte. 
Spitz bemerkte Camille: „Das wird dir wohl kaum möglich sein.“ Und es klang genauso scharf wie gewollt.
„Vermutlich“, antwortete Marc nur und schaute ihr tief in die Augen. Jetzt hatte Camille ein Eigentor geschossen und das erste Mal seit Jahren hatte sie beim Spielstand des Gesprächs in ihrem Kopf nicht die höhere Zahl an Treffern auf ihrer Seite.
Camille versuchte die Erinnerung an jenen 14. Juli zu verdrängen, als sie nun auf dem Sofa saß und noch immer in ihrer Zeitschrift blätterte, aber sich nicht konzentrieren konnte auf das, was sie dort eigentlich las. Mal wieder eine Regierungskrise, mal wieder Nicht-Neuigkeiten im Kampf gegen den IS und im Kulturteil nur Infos zu Blockbustern, die sie sich niemals ansehen würde.
„Ich fahre morgen zu Georges nach Fontainebleau“, sagte sie laut und hoffte, dass Marc sie in der Küche hören konnte. Es hallte in der beinahe leeren Wohnung mit den hohen Decken. „Soll ich deinem Vater etwas von dir ausrichten?“
Marc kam zurück ins Wohnzimmer und rührte in seiner Tasse Kaffee, während er Richtung Fenster ging und hinaussah. „Grüß ihn von mir und sag, dass ich an ihn denke“, sagte Marc tonlos. 
„Du denkst nicht an ihn.“ Es war eine Feststellung und Camille brachte sie ebenso tonlos hervor. Marc könnte jetzt mit ihr streiten, aus der Haut fahren und ihr vorwerfen, wie herzlos sie selber war und wie grausam zu ihrem eigenen Ehemann, wie kalt und verbittert und geistig total verarmt. Er hatte ihr das alles schon mehrfach an den Kopf geworfen, aber es hatte ja doch keinen Sinn. Jede Diskussion war für Camille etwas zwischen Spiel und Krieg und sie gewann eben immer. Also zuckte er nur mit den Schultern und sagte nichts weiter. Er hoffte lediglich, dass sie nicht weiter in seinen Wunden bohrte.
„Denkst du an ihn, wie er langsam körperlich und geistig zerfällt und seine Persönlichkeit schwindet, während er im Seniorenheim sitzt und sich wünscht, seinen Sohn nochmal zu sehen?“ Sie tat es doch, in den Wunden bohren.
„Ja, daran denke ich.“ Marc hatte genug, nahm seine Tasse und verzog sich in sein Büro. Auch wenn er hier vermeintlich nicht schreiben konnte, ein Büro hatte er trotzdem. Die fünf Zimmer mussten irgendwie gefüllt werden und sowohl Camille als auch Marc brauchten dringend einen Rückzugsort. Das wurde ihm jetzt wieder einmal klar. 
Camille und Marc besaßen ein Wochenendhaus in Fontainebleau, fünfzig Kilometer südöstlich von Paris. Eigentlich war es Camilles Haus, natürlich. Ein schönes Herrenhaus auf einer Lichtung im Wald, an einer schmalen, schlecht asphaltierten Straße, die sowieso nur von Wanderern genutzt wurde und an diesem Samstag von Camilles SUV-BMW, den Marc abfällig Flusspferd nannte. In der Tat waren SUV sehr bullige Autos und vom erhobenen Fahrersitz hatte man alles im Blick. Perfekt für Camille. Mit einem SUV bekam sie den Respekt, den Porschefahrer schon längst nicht mehr bekamen: Denen der Fußgänger auf den Zebrastreifen. An diesem Samstag aber fuhr Camille nicht schnell und auch nicht aggressiv, sondern eher gemächlich, fast nachdenklich. Es war ausnahmsweise ein sonniger Novembertag und die Luft klar und kühl. Als sie in die Straße zu ihrem Haus einbog, wirbelten letzte Herbstblätter durch die Luft und auf die Straße. Leise öffnete sich das elektrische Tor und sie fuhr hindurch, über helle Kieselsteine, die unter den Reifen knirschten. Dann stellte sie den Wagen vor dem Haus ab und blieb einen Moment darin sitzen. Wie friedlich es hier war, ein kleines Refugium, wobei es „klein“ nicht traf. In diesem Haus könnte sie eine Großfamilie und zwanzig Angestellte unterbringen. Aber sie hatte diesen Ort ganz für sich. Die langen Flure, die leeren Zimmer, das alte Mobiliar. Sie würde zunächst die Fensterläden öffnen und die kalte Luft hereinlassen und dann den großen Marmorkamin im Wohnzimmer anheizen. Schließlich würde sie sich in eine Decke eingewickelt in den alten Ohrensessel setzen und durch die großen Fenster hinaus in den Garten schauen. Zeit zum Durchatmen. 
Georges erwartete sie am Nachmittag. Die Seniorenresidenz lag am anderen Ende von Fontainebleau, Richtung Seine und damit deutlich weniger idyllisch als Camilles Refugium. Aber Georges fühlte sich dort wohl, nachdem er vor einem Jahr dort eingezogen war. Es gab einen kleinen parkähnlichen Garten hinter der Residenz, in dem sie mit ihm und dem Rollator schon oft spazieren gewesen war. Ging es ihm gut, würde sie das auch heute tun. In der Sonne ist man immer weniger alt. 
„Camille! Wie schön dich zu sehen“, begrüßte Georges sie und reckte seine Arme, um sich drücken zu lassen. Er hatte seine Schwiegertochter erkannt, also war heute einer der guten Tage. „Hast du mir wieder diese Macarons mitgebracht? Hier gibt es nie richtigen Kuchen. Das wäre wohl zu viel des Guten für die Alten“, sagte er und lächelte Camille an. Ihm fehlten bereits einige Zähne, aber er liebte Essen und hatte auch mit fünfundachtzig noch einen gesunden Appetit.
„Natürlich, Papa. Von Ladurée, den Besten der Stadt.“ Camille setzte eine Pappkartonbox vor ihm ab und zog sich einen Stuhl heran. Er hatte es schön in seinem Zimmer. An der Wand hingen Fotos seines alten Häuschens nicht weit von hier, dem einst üppigen Garten und seiner Familie. Auf einem Foto über seinem Bett grinste ein kleiner Junge mit Zahnlücke in die Kamera und hielt einen großen Mistkäfer auf der Handfläche. Wie einen Engel umrahmten braune Locken sein Gesicht.
„Ist das ein Freund von dir, Ladurée?“
„Nein“, lachte Camille. „Das ist ein Teesalon unweit  der Place de la Concorde.“
„Ach, ich dachte schon, du kennst diesen Ladurée persönlich. Du kennst doch so viele Leute aus dem Fernsehen und in Paris. Jedenfalls hättest du ihm sagen können, dass ich Pistazie am liebsten mag.“ Georges steckte sich einen grünen Macaron in den Mund. Er biss nicht einmal ab und bewunderte dann die Crème und die leicht knusprige Kruste. So wie Camille es kannte in den Kreisen, die sie streifte, wenn sie Lesungen hielt, in TV-Shows ging oder einfach nur, wenn sie sich eine neue, sündhaft teure Uhr gönnte. Diese Leute waren überall und Camille hatte für sie nichts übrig.  Bon chic, bon genre, BCBG nannte man sie in Paris. Sie selber hatte genug Geld, um dazu zu gehören, aber nicht genug Eitelkeit. Nein, dieser Mann vor ihr war ein wahrer Genießer der alten Schule, dachte sie und lächelte ihn an. Sie wünschte sich, sie könnte auch einfach zu Ladurée gehen, Tee und zwei Macarons bestellen und sie dann mit einem Bissen aufessen, ohne dass die Leute sie bemerkten und ohne dass unvorteilhafte Fotos im Internet oder in der Presse auftauchten. Immer musste sie Haltung bewahren und vor allem Angst einflößend sein. Hier bei Georges aber konnte sie einfach Camille sein.
Sie half ihrem Schwiegervater beim Anziehen der Jacke, legte ihm den grünen Kaschmirschal um, den sie ihm letzten Winter geschenkt hatte, und schob ihn in seinem Rollstuhl nach draußen. Heute war zwar ein guter Tag, aber wenn es dem Kopf gut ging, ging es meistens den Beinen schlecht oder umgekehrt. Aber der alte Mann nahm es mit Humor und ließ sich nur zu gerne von seiner hübschen Schwiegertochter durch den Park fahren. Camille machte es nichts aus, dass man sie  hier erkannte und dass sie ein Lächeln auf den Lippen hatte. Von Senioren ging keinerlei Gefahr aus. Sie wunderten sich vielleicht, sie hier zu treffen, aber keiner hatte jemals Angst vor ihr oder schaute sie mit schiefem Blick an. Das war der Segen des Alters, man versöhnte sich mit der Welt und stellte nicht Fotos ins Internet.
Sie beobachteten, wie ein kleiner Windwirbel in einer Ecke Blätter in die Luft hob, sie kreisen und dann über den ganzen Park verstreut wieder fallen ließ. Dann erfasste der Wirbel eine Aloe in einem Beet vor ihnen und wirbelte schließlich auch Georges und Camille durchs Haar, das sie heute offen trug. 
„Eine Windhose, Camille! Das ist ein Wunder, n’est-ce pas? Windstille und dann eine Windhose.“ Georges freute sich darüber und lachte. Er hatte immer ein Auge für die schönen Dinge. Sein Garten war ein Prachtwerk gewesen, ein Eden. Er sah die kleinen Details und freute sich an ihnen. Marc muss das auch gelernt haben, dachte Camille und erinnerte sich an das Foto über Georges‘ Bett. Wo ging es nur verloren?
Georges sagte eine Weile nichts und fragte dann: „Hast du eine Nachricht von meinem Sohn?“
„Er lässt dich grüßen und sagt, er denke an dich.“
„Das tut er nicht. Was macht er heute?“
Camille log niemals. Das brauchte sie auch nicht, denn Lügen waren immer dazu da, um jemandem zu gefallen oder ihn nicht zu verletzen. Beides Dinge, die La Brochard nicht interessierten. Auch für die Menschen, die sie mochte, machte sie keine Ausnahme. Es tat ihr aber sehr leid, dass sie Georges sagen musste, dass Marc heute in seinem Büro war und arbeitete. 
„Er hätte auch kommen können, er ist doch Schriftsteller. Er hat Zeit, wann er will.“ Georges schlug mit einer Hand auf die Armlehne seines Rollstuhls. Camille nickte nur, aber dann fiel ihr ein, dass er das nicht sehen konnte. 
„Ja“, sagte sie knapp. Als beide wieder schwiegen, musste Camille zurückdenken an ihre erste Begegnung mit Georges und warum er alles ein bisschen verändert hatte in ihrem Leben.
Camille hatte sich unwohl gefühlt an jenem Tag im Juni vor  drei Jahren. Ihre Freizeit verbrachte sie fast ausschließlich vor ihrem Laptop, wie auch ihre Arbeitszeit. Nur dass sie in ihrer Freizeit auf Wikipedia surfte und sich dort von einem Link zum nächsten führen ließ. Eine der wenigen Situationen, in denen sie die Kontrolle abgab und sich einfach führen ließ durch den Dschungel an Informationen, die Magie des Wissens. Und mit Magali erinnerte sie sich hin und wieder daran, dass das Leben Spaß machte. Sie trafen sich meistens außerhalb von Paris, fuhren Fahrrad im Val d’Oise oder spazierten durch den Schlossgarten von Versailles, wo es hauptsächlich ausländische Touristen gab. Und nun war dieser Marc in ihrem Leben aufgetaucht und hatte es  quasi ohne ihre Zustimmung durcheinandergewirbelt. Das heißt, leider hatte sie zugestimmt und das war der Fehler gewesen. Ein halbes Jahr hatte es gedauert, bis sie seine Familie kennenlernen sollte, die lediglich aus Georges bestand. Sie hatte keinen Grund darin gesehen, seine Familie kennenzulernen, denn ihr Verhältnis betraf schließlich nur sie zwei. Sie kannte seine Freunde nicht und sie hatte auch nicht vor, ihn in ihr Leben zu lassen und gleichzeitig in seines einzutauchen. Aber dann war es geschehen, sie waren plötzlich verlobt. Camille verdrängte die Erinnerung daran, als sie Georges durch den Park des Seniorenheims schob, so wie sie sie damals verdrängt hatte, als sie das erste Mal vor dem Tor zu seinem Häuschen in Fontainebleau gestanden hatte, mit Marc an ihrer Seite. Sie trug eine Sonnenbrille, die Haare zu einem Knoten gebunden und war angezogen wie immer, wenn sie aus dem Haus ging zu einem offiziellen Termin: Dunkelblaue Stoffhose, dunkelblauer Blazer, darunter ein weißes T-Shirt. Lediglich Sandalen mit Absatz trug sie als Zugeständnis, dass das hier kein Businesstermin war. Camille trug niemals eine Handtasche. Sie besaß einen dunkelbraunen Aktenkoffer, der mit Leder bezogen war. Erst als sie auch den edlen Metallfüllfederhalter in ihrer linken Brusttasche spürte, fühlte sie die Sicherheit, die sie jetzt brauchte.
Ein alter Mann öffnete die Tür und Camille hielt ihn zuerst für Marcs Großvater, er musste um die achtzig sein, Marc war aber erst einunddreißig.
„Papa, schön dich zu sehen“, sagte Marc und Camille wunderte sich. Er hatte nie über seinen Vater gesprochen. Georges umarmte und herzte seinen Sohn, aber zu Camille sagte er: „Ich kaufe heute keine Schuhbürsten, tut mir leid“, und ließ seinen Blick an ihr herab auf den Koffer schweifen.
„Aber das ist doch Camille, meine Verlobte!“, lachte Marc da.
„Weiß ich doch, mein Sohn, weiß ich doch. Kommen Sie herein, Mademoiselle Camille. Ich nehme Ihnen Ihren Koffer ab, schauen Sie, wir stellen ihn hier hinter die Tür, da ist es warm und trocken für das gute Köfferchen.“
Er zog ihr den Aktenkoffer aus der Hand. „Aber der ist ja federleicht, Mademoiselle! Haben Sie darin Luft und Liebe?“
Camille lächelte gequält und wollte nicht antworten, aber Marc tat das für sie. „Da sind nur Lippenstift, ein Spiegel und ihre Geldbörse drin. Eine typische Frauenhandtasche, sieht nur nicht so aus. Sie hat da so einen Tick, denk dir nichts dabei, Papa.“
Camille wollte nur weg. Sie war hier falsch, komplett falsch. Sie war hier falsch und sie war in ihrem Leben falsch. Sie wollte zurück nach Paris, an ihren Schreibtisch oder ihretwegen auch in eines dieser Interviews, die man ständig mit ihr führen wollte. Dort konnte sie La Brochard sein. Es wurde noch schlimmer, als Georges ihnen dreien Erdbeersirup in ein Duralex-Glas einschenkte und mit billigem Mineralwasser vom Carrefour aufgoss. Das war ihre Kindheit. Wie oft hatte sie mit ihrem Vater im Innenhof vor ihrer kleinen Wohnung gesessen und Sirup aus diesen Gläsern getrunken. Schlichte Gläser, die mittlerweile zum Nationalheiligtum Frankreichs geworden waren, weil wohl jeder sich mit ihnen an seine Kindheit erinnerte und wie man die Zahlen auf dem Glasboden verglich. Und dann sagte Marc auch noch zu allem Überfluss: „Ich habe eine Dreiundvierzig, und ihr?“
Camille kamen die Tränen. Wie dumm das eigentlich war, denn die Zahlen waren alles andere als magisch, sondern bezeichneten nur die Glasformen, in denen die Gläser geformt werden. 
„Vierzig!“, rief Georges und blickte kurz darauf auf Camille, die sich nicht rührte und nur auf den Tisch starrte, in der Hoffnung, dass die Tränen nicht fließen würden. Georges nahm ihr das Glas aus der Hand und schaute darunter. „Fünfundvierzig. Camille lebt am längsten von uns dreien“, sagte er nur, aber ohne seinen Enthusiasmus von vor wenigen Sekunden. Er hatte bemerkt, dass mit Camille etwas nicht stimmte. Und überhaupt, irgendetwas stimmte wohl grundsätzlich mir ihr nicht, dachte er sich und musste das ändern. 
Schweigend tranken sie noch ihren Sirup aus, dann holte Georges aus dem kleinen Wohnzimmer seine Lesebrille und ein Buch. Camille erkannte es sofort und war ein bisschen erleichtert, jetzt wohl über die Dinge sprechen zu können, von denen sie etwas verstand, ein fachliches Gespräch über ihren Roman zu führen, welcher es auch immer war. Aber Georges stellte sich nur neben sie und hielt das Buch neben ihr Gesicht. Sie wusste gar nicht, wie ihr geschah.
„Nicht bewegen!“, sagte er.
Camille zog die Augenbrauen zusammen, so wie sie es immer tat, wenn ihr unbehaglich war und sie etwas hasste. Doch bevor sie ihre Fassung wiedererlangen und protestieren konnte, hatte er das Buch schon wieder heruntergenommen und auf den Tisch gelegt.
„Passt genau“, sagte er nur. „Das sind Sie, Mademoiselle. Ich dachte mir, sie sehen ein bisschen anders aus als auf Ihren Büchern, aber das sind Sie ja wirklich.“
Hätte das jemand anderes als Georges gesagt, dem Vater des Mannes, den sie heiraten würde, hätte sie jetzt Stolz empfunden. Aber irgendwie fiel es ihr hier schwer, La Brochard zu sein und hart und abweisend. Denn sie wurde das Gefühl nicht los, dass dieser Alte ihr das nicht durchgehen lassen würde. Er würde sich wiederum einen Spaß daraus machen, sie wie eine Nuss zu knacken und sie wusste, dass ihm das noch besser gelingen würde als seinem Sohn, und schon dort hatte es irgendwie geklappt, zumindest halb.
Außerdem brachte sie aus dem Konzept, dass er gar nichts weiter sagte. Er legte das Buch auf den Tisch und goss sich dann Wasser in sein Glas. Es war für Camille an der Zeit, die Kontrolle zurückzuerlangen.
„Haben Sie es gelesen?“, fragte sie, so wie sie es immer tat. 
„Was gelesen?“
„Mein Buch, L’affiche, der Aushang. Es war mein Erstlingswerk. Es liegt hier auf dem Tisch.“ Gut, würde sie den alten Mann doch behandeln wie La Brochard Menschen behandelte, die schwer von Begriff waren und es nicht mit ihr aufnehmen konnten.
„Das da? Nein.“ Diese Antwort hatte sie nicht erwartet und sie schockierte sie. „Aber es ist gut. Das Burgund als Schauplatz, der Aushang eines angekündigten Mordes in einem Zirkuszelt. Wirklich gut, Mademoiselle. Sie sollten weiter schreiben.“ Er sagte es ohne Ironie und Spott. Es verwirrte Camille.
„Aber Sie haben es doch gar nicht gelesen, Monsieur Laffont!“
„Das muss ich doch auch nicht, um zu wissen, dass es gut ist. Ich weiß auch, dass Ihre Figuren plastisch und lebendig sind. Spielt es an der Côte d’Or oder weiter oben bei Chablis?“
„Bei Chablis“, antwortete Camille, obwohl sie gar nicht vorgehabt hatte, noch irgendeine Frage von diesem unverschämten Alten zu beantworten.
„Chablis, ja.“, sagte er und schwieg einen Moment, während er in die Leere starrte. „Sehr gut, Chablis.“
Camille fasste sich wieder. „Nehmen Sie mich auf den Arm, Monsieur? Sie scheinen es doch gelesen zu haben, Sie kennen die Geschichte und die Figuren offenbar.“
„Nein, habe ich nicht. Ich mag keine Krimis. Ich habe das Buch wegen Ihnen, Marc hat es mir mitgebracht. Ich muss es nicht lesen, ich kann ein Buch auch besprechen, ohne dass ich es gelesen habe. Kennen Sie Ephraim Kishon? In einer Kurzgeschichte von ihm geht es genau darum, wie man ein Buch bespricht, ohne es gelesen zu haben. Das macht doch heute jeder so, n’est-ce pas? Wer liest denn noch Bücher?“
Er wollte sie provozieren, ganz klar, und sie wollte darauf nicht eingehen. Also sagte sie nur: „Aber den Kishon haben Sie ja anscheinend gelesen. Wenn Sie ihrer Linie wenigstens treu geblieben wären und auch nur so getan hätten, als hätten Sie Kishon gelesen!“
Da erstarrte Georges für einen Moment und dachte nach. Dann brach er in lautes Lachen aus. 
„Sie haben recht, Camille, Sie haben recht! Ihr Verstand ist gestochen scharf, dabei sind Sie doch erst sechsundzwanzig! Gefällt mir, gefällt mir. Marc kann viel von Ihnen lernen.“ Er klopfte seinem Sohn auf die Schulter und Camille sah, wie der gequält lächelte. 
„Lasst uns doch in den Garten gehen, Papa. Zeig uns mal, was du alles gepflanzt hast“, versuchte Marc das Thema zu wechseln.
„Eine gute Idee! Aber ich kann euch nicht alles zeigen, was ich gepflanzt habe, dann seid ihr morgen noch hier. Und euch Städtern müsste man absolut alles erklären, ihr könnt ja nicht einmal eine Primel von einer Tulpe unterscheiden.“ An dieser Stelle lachte er erneut kurz auf. Als Marc erleichtert aufstehen wollte, drückte Georges ihn  zurück auf seinen Stuhl.
„Du bleibst schön hier. Ich gehe mit Camille alleine.“
„Aber Papa…“, brachte Marc hervor und konnte dann nur verwirrt und kommentarlos zusehen, wie sein Vater seine Verlobte in den Garten entführte.
„Achtung, Tür quietscht!“, warnte er Camille, die ebenso verwirrt war wie Marc und sich ebenso unbehaglich fühlte. Georges war ihr nicht geheuer. Tatsächlich quietschte die Tür laut und eröffnete dann den Blick in ein Paradies, den Garten Eden, den Himmel auf Erden. Mehrere Rosenbögen umfassten den schmalen Kiespfad, Sonnenblumen standen höher als sie beide groß waren und neigten ihre Köpfe der gleißenden Lichtquelle entgegen. Eine dicke Hummel schleppte ihren schweren Körper von Blume zu Blume, offenbar benebelt vom Pollenrausch. Die Luft war süß und schwer. Camille erkannte Malven, Margeriten und rote Tulpen in den Beeten, sofern man sie als Beete bezeichnen konnte, denn eigentlich schien alles nur zu wuchern ohne Anfang und Ende. Sie lächelte in sich hinein, denn sie kannte sich besser mit Blumen aus, als Georges es dachte. Ihre Kindheit im Hinterhof machte es möglich. Georges führte sie weiter nach hinten in den kleinen, vollgestopften Garten, wo er Gemüse gepflanzt hatte und auch einiges an Obst. Ehe sie es sich versah, sagte er: „Mund auf!“ und steckte ihr eine süße Erdbeere in den Mund. Sie war sonnenwarm und zerging auf der Zunge. Das Licht blendete sie und außerdem war ihr warm, ihre Wangen mussten glühen. Sie hatte die Erdbeere kaum hinuntergeschluckt, als Georges ihr wieder etwas vor die Nase hielt, diesmal eine gelbe Himbeere, die noch viel mehr auf der Zunge zerging und gar nichts von der Säure der roten Himbeeren hatte. Diesmal schaffte sie es nicht zu kauen und zu schlucken, als Georges ihr mit dem nächsten „Mund auf!“ zwei Blaubeeren zuteilte und daraufhin gleich parfümsüße Walderdbeeren, die in kleinen Büscheln wuchsen.