Ein Sommer in Niendorf - Heinz Strunk - E-Book

Ein Sommer in Niendorf E-Book

Heinz Strunk

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Beschreibung

"Mir stand beim Lesen oft der Mund offen, und jetzt, wo ich fertig bin, steht er mir immer noch offen. Das ist wie ein Mythos der Alten Griechen, in die Moderne gebeamt (und nach Niendorf)." Ulrich Matthes Das neue Buch von Heinz Strunk erzählt eine Art norddeutsches «Tod in Venedig», nur sind die Verlockungen weniger feiner Art als seinerzeit beim Kollegen aus Lübeck. Ein bürgerlicher Held, ein Jurist und Schriftsteller namens Roth, begibt sich für eine längere Auszeit nach Niendorf: Er will ein wichtiges Buch schreiben, eine Abrechnung mit seiner Familie. Am mit Bedacht gewählten Ort – im kleinbürgerlichen Ostseebad wird er seinesgleichen nicht so leicht über den Weg laufen – gerät er aber bald in die Fänge eines trotz seiner penetranten Banalität dämonischen Geists: ein Strandkorbverleiher, der Mann ist außerdem Besitzer des örtlichen Spirituosengeschäfts. Aus Befremden und Belästigtsein wird nach und nach Zufallsgemeinschaft und irgendwann Notwendigkeit. Als Dritte stößt die Freundin des Schnapshändlers hinzu, in jeder Hinsicht eine Nicht-Traumfrau – eigentlich. Und am Ende dieser Sommergeschichte ist Roth seiner alten Welt komplett abhandengekommen, ist er ein ganz anderer … Seine Romane «Es ist immer so schön mit dir» und «Ein Sommer in Niendorf» waren für den Deutschen Buchpreis nominiert.

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Seitenzahl: 229

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Heinz Strunk

Ein Sommer in Niendorf

Roman

 

 

 

Über dieses Buch

Das neue Buch von Heinz Strunk erzählt eine Art norddeutsches «Tod in Venedig», nur sind die Verlockungen weniger feiner Art als seinerzeit beim Kollegen aus Lübeck. Ein bürgerlicher Held, ein Jurist und Schriftsteller namens Roth, begibt sich für eine längere Auszeit nach Niendorf: Er will ein wichtiges Buch schreiben, eine Abrechnung mit seiner Familie. Am mit Bedacht gewählten Ort – im kleinbürgerlichen Ostseebad wird er seinesgleichen nicht so leicht über den Weg laufen – gerät er aber bald in die Fänge eines trotz seiner penetranten Banalität dämonischen Geists: ein Strandkorbverleiher, der Mann ist außerdem Besitzer des örtlichen Spirituosengeschäfts. Aus Befremden und Belästigtsein wird nach und nach Zufallsgemeinschaft und irgendwann Notwendigkeit. Als Dritte stößt die Freundin des Schnapshändlers hinzu, in jeder Hinsicht eine Nicht-Traumfrau – eigentlich. Und am Ende dieser Sommergeschichte ist Roth seiner alten Welt komplett abhandengekommen, ist er ein ganz anderer …

Vita

Der Schriftsteller, Musiker und Schauspieler Heinz Strunk wurde 1962 in Hamburg geboren. Seit seinem ersten Roman «Fleisch ist mein Gemüse» hat er zehn weitere Bücher veröffentlicht. «Der goldene Handschuh» stand monatelang auf der Bestsellerliste; die Verfilmung durch Fatih Akin lief im Wettbewerb der Berlinale. 2016 wurde der Autor mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis geehrt. Sein letzter Roman «Es ist immer so schön mit dir» war für den Deutschen Buchpreis 2021 nominiert.

Inhaltsübersicht

Kabuff

Likördepot

Sabberquartal

Fresh

Brimborium

Archipel Gulag

Buddelbude

Westenmann

The Beauty and the Senior

Full Metal Jacket

Spinner

The great Escape

Russische Wochen

Bettenwechsel

Apokalypse Now

Zitatnachweise

Kabuff

Der ganze lange und hoffentlich schöne Sommer liegt vor ihm. Ohne Arbeit, Verpflichtungen, Aufgaben; sage und schreibe keine einzige Eintragung im Terminkalender, das gab’s seit zwanzig Jahren nicht mehr. Oder fünfundzwanzig, oder dreißig. Bevor Roth im Oktober seinen neuen Posten antritt, kann er tun und lassen, was er will. Auf eine Kreuzfahrt gehen, in die Berge fahren, einen Abenteuerurlaub machen, ein Apartment am Meer mieten. Er entscheidet sich für Letzteres.

Nach endlosen Recherchen fällt die Wahl schließlich auf «Ostsee-Apartments» in Niendorf, einem Ortsteil von Timmendorfer Strand. Als Kind ist er mal an der Lübecker Bucht gewesen, aber daran hat er keine Erinnerung mehr. Ganz bewusst hat er sich für dieses nicht sonderlich exklusive Seebadentschieden; hier wird ihn nun wirklich niemand kennen.

Anfang Juni, höchste Eisenbahn, die ins Auge gefasste Anlage ist praktisch ausgebucht, nur Wohnung Nr. 15 (26 m2, 1,5 Zimmer, zweites OG, Meerblick) ist noch frei. Eigentlich zu klein, aber er hat keine Lust, noch länger zu suchen. Wer weiß, wenn er zögert, ist alles weg. Also macht er Nägel mit Köpfen.

 

Als er vor Ort aus dem Auto steigt, schlägt ihm sengende Hitze entgegen. Die Sonne steht wie ein Glutstück am Himmel und strahlt, als wolle sie weit und breit alles in Brand stecken. Im Verlaufe des Tages soll die Temperatur sogar noch steigen, für den späten Nachmittag sind 33 Grad prognostiziert.

Der Verwalter, ein Herr Breda, hatte ihm einen Lageplan gemailt, auf dem auch das Büro verzeichnet ist; auf einem unbebauten Grundstück gegenüber vom Apartmenthaus, etwa fünfzig Meter nach hinten versetzt, findense schon. Schlüsselübergabe täglich 11 bis 14 Uhr.

Büro ist geprahlt, denkt Roth, Bretterbude, Verschlag, Kabuff trifft es eher. WE ARE OPEN. Roth klopft. «Ja?» Als er das Kabäuschen betritt, lässt der Mann am Schreibtisch (Breda?) hastig etwas in einer Schublade verschwinden. Flachmann, Porno, Falschgeld? Die Luft ist zum Schneiden, Zigarettenrauch (Reval ohne Filter, Roth kennt den Geruch), Essensmief, menschliche Ausdünstungen und irgendetwas stechend Chemisches. Auf allen Oberflächen liegen Kleidungsstücke, zerfledderte Zeitschriften, Rubbellose, zerknüllte Papiertaschentücher, leere Flaschen. Bredas Schreibtisch ist von einer Ascheschicht bedeckt.

«Sie müssen der Herr Dr. Roth sein.»

«Ja. Aber bitte ohne Doktor, einfach nur Roth. Herr Breda, nehme ich an.»

Breda, Typ krummer, langer Lulatsch mit Plauze, strohiges Haar, pergamenthäutig, dünne Ärmchen und Beinchen, hat das Äußere eines chronischen Alkoholikers. Unter seinem engen T-Shirt zeichnen sich ein halbes Dutzend Speckrollen und zwei auf den Sauf-Spitzbauch herabhängende Titten ab.

Zur Begrüßung schraubt er sich aus seinem Chefsessel und kommt Roth mit unsicheren Tippelschritten entgegen. Irgendwas stimmt mit der Koordination nicht. Wenn der sich den Oberschenkelhals bricht, denkt Roth, ist es aus. Das Alter des Mannes? Schwer zu schätzen. Wahrscheinlich nicht viel älter als ich, denkt Roth. Roth ist 51.

«Ich führ Sie gleich in Ihre neue Behausung. Wenn Sie die Sachen eben ausfüllen würden.»

Während Roth den Papierkram erledigt, lässt Breda nervös den Blick schweifen. Er positioniert die Aschenbecher auf dem Schreibtisch (drei Stück) um, und als er auch dem Locher einen neuen Platz geben will, löst sich die Konfettiklappe, und gleich ist der Schreibtisch bedeckt mit kleinen, weißen Fitzelchen. Unzähligen kleinen, weißen Fitzelchen. Es wird Jahre brauchen, bis sich auch das letzte in Luft aufgelöst hat.

Sie gehen zum Apartmenthaus, Roth seinen Rimowa Cabin Twist schiebend, Breda Roths Reisetasche tragend und dabei das Gewicht komödiantisch übertreibend, immer wieder in den Knien einsackend, als würde er gleich zusammenbrechen.

«Was ist dadrin?», ächzt er grinsend. «Steine, haha?»

Dann informiert er Roth, dass er von den insgesamt sechsundzwanzig Apartments lediglich neun betreue, gehören würden sie ihm leider alle nicht, er sei lediglich für Vermietung und Instandhaltung zuständig.

Wohnung Nr. 15 sieht genauso aus wie auf den Bildern im Netz; die Ausstattung etwas in die Jahre gekommen, aber absolut sauber, auch in Küche und Bad keine Spur von Siff, Kalk, Drecksatollen, Haaren, Schmutzrändern, käsigen Gerinnseln. Die Aussicht ist einmalig, weniger als hundert Meter zur Ostsee, vom Strand ist das Apartmenthaus lediglich durch eine schmale Fußgängerpromenade getrennt, und nicht durch eine Autostraße wie an den anderen Strandabschnitten. Roth sieht sich schon stundenlang auf dem Balkon sitzen und den Blick zum Horizont genießen. Vormittags Balkon, tagsüber Strandkorb, abends wieder Balkon, man wird sehen, es wird sich einspielen. Müßiggang, muss er sich erst noch dran gewöhnen.

«Wenn was ist, die Nummer haben Sie ja. Oder Sie kommen direkt im Büro vorbei. Und jetzt wünsch ich schon mal einen schönen Aufenthalt.»

Breda beugt sich vor und neigt gleichzeitig den Kopf zur Seite, wie ein Vogel, der ein Wurmloch beäugt. Im Profil gleicht er einem Ausgusshahn. Und weg ist er. Scheenen Ofenthalt. Der ist nicht von hier, denkt Roth. Was ist das bloß für ein Dialekt? Er kommt nicht drauf.

 

Nach dem Auspacken Ortsbegehung. Viel zu erkunden gibt es in Niendorf (achttausend Einwohner) nicht: paar Hundert Meter nach links, paar Hundert Meter nach rechts, fertig ist die Laube. Das Meerwasserhallenbad markiert das östliche Ende, der Hafen das westliche. Attraktion weiter landeinwärts ist ein Vogelpark. Die Münze (Zahl) schickt ihn zum Hafen. Wahrscheinlich ist er der Einzige an der Lübecker Bucht, der im Maßanzug urlaubt. Lediglich seiner Krawatte hat er sich entledigt.

Auf der Promenade reiht sich Ladengeschäft an Shop an Lokalität: Fischereibetrieb Schupp den Fisch – Touristenzentrum – Brutzelhütte (auch zum Mitnehmen) – Strandcoiffeur Runge – Strandlädchen – Seaside Lounge (Crêpes, Croques und MEER) und so weiter, bis die Promenade nach etwa fünfhundert Metern am kleinen Hafen endet. Idyllisches Fleckchen, urig, romantisch, wie auf der Homepage beschrieben. Bei Klüvers Hafenräuchereibestellt er ein Lachsbrötchen. Ein Mitarbeiter in blauem Fischerhemd bringt zwei Kisten voll zappelndem, sich windendem Nachschub. Zum Glück haben Meeresgeschöpfe keine Stimmen, denkt Roth, sonst würden von diesen Kisten entsetzliche Schmerzensschreie ausgehen.

Klüver hat es drauf: Das Brötchen knackig, der Lachs taufrisch, der Meerrettich-Dip schön scharf, ein Zwiebelring rundet das Ganze ab; mehr braucht es wirklich nicht für ein vorzügliches Fischbrötchen. Roth setzt sich auf einen der überall herumstehenden uniformen Plastikstühle und beobachtet die Leute: in der Mehrheit Alte, Uralte und Superalte. Ein paar Familien und Paare im Erwerbsalter. Feierwütige Partypeople Fehlanzeige, für die ist es hier entschieden zu öde und außerdem zu teuer. Ein Mann um die achtzig läuft trotz Unterschenkelprothese mit federndem Gang vorbei. Bravo, denkt Roth. Überall entspannte, fröhliche Gesichter, allerbeste Stimmung, Urlaubslaune eben; bis auf die Spaßbremse im noblen Zwirn. Ihn überkommt das Gefühl beschämender Andersartigkeit, eine diffuse Beklemmung wächst in ihm, er weiß nicht, warum. Nicht Bange machen lassen. Jetzt andere Richtung. Er nimmt den Weg über die Strandstraße. Alle Ferienorte an der Küstenlinie haben eine Strandstraße. Einen Möwenweg. Einen Taubenstieg. Hafenstraße. Gartenweg. Uferweg. Und so weiter.

Er spürt die Hitze des Bürgersteigs durch die Schuhsohlen, schon nach wenigen Schritten prickelt der Schweiß wie Nadeln auf der Stirn. Wo könnte er denn heute zu Abend essen? Zur Auswahl stehen Da Antonio (Italiener), Akropolis (Grieche), Hafenblick, Schipper-Stuv, Scholle (Fisch) oder das Istanbul Döner Haus(Neueröffnung). Noch nie in seinem Leben hat Roth Döner gegessen. Ein Schützenfest oder einen Freizeitpark besucht. Seit ungefähr zwanzig Jahren hat er keine öffentlichen Verkehrsmittel mehr benutzt, Sonderangebote interessieren ihn ebenso wenig wie Frühbucherrabatte. Vielleicht, denkt er, zählt zum Abenteuer Niendorf auch das Abenteuer Döner.

Landeinwärts gehen kleinere Straßen ab. Brookredder, Dr.-Karl-Krause-Straße, Meinsweg. Wohngebiete. Rechter Hand der Fahrradverleih Niendorf Ostsee. Es wäre ratsam, gleich eins für die gesamte Zeit zu mieten. Bald beginnen in Nordrhein-Westfalen, Bayern und noch ein paar anderen Bundesländern die großen Ferien, dann sind alle weg. Er entscheidet sich dagegen. Fahrräder sind genauso wenig etwas für ihn wie Fast Food, Lotto-Toto oder Schnäppchenjagd.

Arzt, Kur-Apotheke, Bank, Pushba-Fashion, Stadtbäckerei Junge. Endlich, das Meerwasserschwimmbad. In der Luft liegt ein schwacher Geruch von Chlor auf Kinderhaut. Wer geht bei den Temperaturen denn in eine Schwimmhalle? Über das Brodtener Steilufer könnte er jetzt weiterlaufen bis ins sechs Kilometer entfernte Travemünde. Ein anderes Mal. Ist diese Seite nun der Ortseingang? Oder ist der Hafen der Ortseingang? Beides möglich. Und ist dies der Ortskern? Beides möglich: zwei Eingänge, zwei Kerne. Niendorf ist ein unstrukturierter Ort ohne jegliche Vibes, keinerlei sexuelle Spannung existiert.

AuchRühmlings Ostseeräucherei bietet frisch belegte Fischbrötchen an. Coffee to go in der einen Hand und Krabbenbrötchen in der anderen setzt er sich auf eine Bank mit Blick auf die zweihundert Meter in die Ostsee ragende Seebrücke. Das Brötchen ist genauso frisch wie bei Klüver, die Cocktailsauce (hausgemacht) delikat, statt Zwiebelring ein knackiges Eisbergsalatblatt. Heerscharen behelmter Fahrradsenioren ziehen an ihm vorbei. Bei den Alten, denkt Roth, wirken Schutzmaßnahmen besonders affig. Was gibt es denn da noch groß zu schützen? Auch hier vermitteln die Senioren den Eindruck enormer Rüstigkeit und unerschöpflicher Energie. Treten kraftvoll in die Pedale, genießen ihren Ruhestand, den endlosen Lebensabend. Ein Kind hebt, unbeobachtet von seinen Eltern, einen halb aufgegessenen Schokoladenriegel vom Boden auf und steckt ihn sich in den Mund. Na, na, na, denkt Roth und zwinkert dem Jungen zu.

Hier wird er nun den Sommer verbringen. Ein ganzes Vierteljahr. Drei Monate. Quartal. Jahreszeit. Was sind schon drei Monate? Nichts. Ein Wispern, das Rascheln von Papier im Wind. Sein Kopf fühlt sich mehlig an, und sein Blick schweift über die spiegelglatte Ostsee bis zum dunstigen Horizont.

Likördepot

Abmarsch, zurück in die eigenen vier Wände. Auf dem Rückweg läuft er an einer Gedenktafel vorbei.

Im Hotel Kasch in Niendorf, damals ein Ferienheim des NWDR, traf sich im Mai 1952 auf Einladung des ehemaligen NWDR-Intendanten Ernst Schnabel die legendäre Gruppe 47. Beteiligt waren u.a. Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Heinrich Böll, Paul Celan, Günter Eich, Walter Jens, Karl Krolow, Siegfried Lenz und Hans Werner Richter. Diese Tafel will daran erinnern.

Gruppe 47, denkt Roth, aha. Ein Literatentreffen in Niendorf ist schwer vorstellbar. Na ja, 1952, lange her, vielleicht wehte damals ein anderer Wind. Könnte man mal im Netz recherchieren. Er wechselt von der Strandpromenade zur Strandstraße, wo er ein Ladengeschäft entdeckt, das er auf dem Hinweg übersehen haben muss: LIKÖRDEPOT. Feine Weine und Spirituosen. Inhaber M. Breda.

Das gibt’s doch nicht! Verstohlen linst er durch die Scheibe, und tatsächlich hält hinter dem Verkaufstresen Breda die Stellung. Kunden sind keine zu sehen. Da hat einer sein Hobby zum Beruf gemacht, denkt Roth und will weitergehen, doch zu spät, Breda hat ihn entdeckt und winkt ihn energisch herein.

«Na, schon eingelebt? Wie wär’s mit ’ner kleinen Stärkung?»

Breda zwinkert ihm konspirativ zu. Alkoholiker, denkt Roth, freuen sich immer diebisch, ihr Schicksal mit anderen (vermeintlichen) Alkoholikern zu teilen. Bredas Augen sind noch glasiger als vorhin; hat wohl schon einiges an Weinen, Likören und Spirituosen verkostet. Der Laden ist dunkel und trotz der Hitze draußen seltsam klamm. Schimmelig. Renovierungsbedürftig. Schlechte Schwingungen, Alkoholschwingungen, machen platt, ziehen runter. Ob das Likördepot so etwas wie eine Stammkundschaft hat? Laufkundschaft? Sind Kunden überhaupt erwünscht? Oder betreibt Breda den Laden nur zum Eigenbedarf? Aber wo er mal hier ist, kann er sich auch gleich für die kommenden Tage eindecken: zwei Flaschen Roten, zwei Flaschen Weißen und «eine Flasche Rum bitte, aber einen wirklich guten». Wie kommt er denn auf Rum? Wegen Meer, Küste, Seefahrt wahrscheinlich. Und ’ne Buddel voll Rum.

Breda blüht sichtlich auf, sein Typ ist gefragt, jetzt kann er mit seinem ertrunkenen Know-how punkten. Ein Schwall Säuferlatein ergießt sich über Roth. Ein Alkoholiker ist jemand, der Ahnung von Alkohol hat, ein Morphinist hat Ahnung von Morphium usw. «Haben Sie zufällig Havana Club?», fragt Roth, um Bredas Redefluss zu stoppen. Breda schlägt die Hände an den Kopf. Gott bewahre, Havana Club sei ein Industrieprodukt, eine gepanschte, untrinkbare Plörre.

«Wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, Finger weg!Aber hier, Ron Zacapa 23 Solera Gran Reserva, schlappe fünfzig Euro. Und nicht nur das Preis-Leistungs-Verhältnis ist unschlagbar, sondern auch der Geschmack. Himmlisch.» Breda rollt wie zum Beweis mit den Augen. «Wie wär’s mit einem Probierschlückchen? Geht aufs Haus.»

Roth winkt ab. Schnaps am Nachmittag, der Mann muss wahnsinnig sein, aber Breda setzt nach: «Ich hab auch Cola. Und Eis. Na komm.» Er wirft ihm einen geradezu flehentlichen Blick zu. Cola Rum, denkt Roth, das ist doch eher was für Jugendliche und Heranwachsende. Hat er zum letzten Mal mit zwanzig getrunken. Was soll’s, kleine Reminiszenz, heute ist der erste Tag, da darf ich mir ausnahmsweise mal ein Schlückchen gönnen. Der ganze Sommer liegt vor ihm, so langsam kann er in den Genussmodus schalten: das Meer, das Wetter, Köstlichkeiten, Sinnenfreuden aller Art, das Leben an sich. Also gut, einverstanden.

Breda, freudig-erleichtert, eilt in den rückwärtigen Teil, wo ein laut brummender, sichtbar altersschwacher Klotz von einem Kühlschrank steht. Das muss jetzt zack, zack gehen, damit der wankelmütige Kunde es sich nicht doch noch anders überlegt.

«Und, wie ist?»

«Ganz schön stark.»

Breda grinst. Ja, ja, ja!

«Aber wirklich gut.»

«Genau das Richtige bei der Hitze, was?»

Eigentlich genau das Falsche bei der Hitze. Na ja.

«Also dann, prost. Auf einen schönen Sommer.»

«Ja, richtig.»

«Sei, wie du bist, aber sprich nicht drüber», sagt Breda und zwinkert. Aha?

Bredas Glas ist bereits leer. Wann der wohl seinen ersten Schluck nimmt? Morgens nach dem Aufstehen? Im Kabuff? Beim Mittagessen? Viel Arbeit dürfte die Vermietung von neun Wohnungen nicht machen, und die vielen, langen Stunden, gerade in der Nebensaison, wollen ausgefüllt sein. Breda schenkt nach und schenkt nach und schenkt noch mal nach und redet sich in Rage: Er sei ja auch nicht von hier; ursprünglich komme er aus Recklinghausen und sei gelernter Fernmeldetechniker. Vor zwölf Jahren habe er seinen Urlaub in Niendorf verbracht, zufällig war da die Stelle in der Vermietung vakant. Der Rest ist Geschichte. Wörtlich. Bald hat Roth schwere Schlagseite, während der vermeintlich halb tote Breda zu Höchstform aufläuft. Wie macht der das nur?

«Ich muss gleich noch was arbeiten», sagt Breda mit einem Mal, als habe Roth ihn aufgehalten. «Wir sehen uns dann morgen.» Er verpackt sorgsam die Flaschen und bringt Roth zur Tür.

 

Die Alten räumen gegen fünf ihre Strandkörbe, machen sich frisch, nehmen in einem der umliegenden Restaurants ihr Abendessen ein und fallen danach direkt ins Bett. Dabei ist es doch jetzt, zur blauen Stunde, wenn die Sonne nicht mehr brennt, die Hitze nachgelassen hat, am schönsten, denkt Roth, der so langsam wieder klarer denken kann. Er setzt sich in einen verwaisten Strandkorb und schlummert ein.

Noch im Halbschlaf nimmt er eine sich langsam nähernde, krächzend-heisere Stimme wahr: «HABEN SIE DEN KORB VON HERRN HOOG (sprich HÖÖG) GEMIETET?»

«Nein. Wieso?»

«Dann muss ich Sie bitten, den Korb zu räumen.»

Aha, der Korb wurde nicht ordnungsgemäß gemietet, sondern unrechtmäßig besetzt. Roth erkennt jetzt, wem die Stimme gehört. Breda setzt seinen Rundgang fort: «HABEN SIE DEN KORB VON HERRN HOOG GEMIETET?»

Hat überhaupt jemals jemand seinen Korb bei Herrn Hoog gemietet?

«HABEN SIE DEN KORB … Ach, guten Abend, Herr Dr. Roth, was machen Sie denn hier?»

«Ich wollte mich nur kurz ausruhen und muss wohl eingenickt sein.»

Breda ist die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben. Liebend gern hätte er Roth wie alle anderen Korb-Erschleicher nach allen Regeln der Kunst zusammengefaltet und-geschissen.

«Ach so. Kein Problem. Wenn Sie den Korb nachher verlassen, dann drehen Sie ihn doch bitte.»

Bredas Drittjob ist es also, allabendlich die Strandordnung wiederherzustellen und die Körbe Richtung Morgensonne zu drehen. Apartmentvermieter, Spirituosenhändler, Strandkorbdreher, oder wie nennt sich diese Tätigkeit? Ein guter Beruf wäre das gewesen, bei Robert Lembkes heiterem Beruferaten. Multijobber gab es damals noch nicht. Höchstschwierigkeit bei einer Neuauflage von WAS BIN ICH?: Welche drei Berufe übt die Kandidatin oder der Kandidat aus? (Versicherungsmathematiker, Beikoch, Herrgottschnitzer.) Wer weiß, ob Breda sogar noch einem Viert- oder Fünftjob nachgeht; Müll sammeln, Krabben pulen, Teller spülen. Im Abschnitt des Hoog’schen Strandkorbverleihs stehen sicher einhundert Körbe, die sieben Tage die Woche gewendet werden wollen. Der Mann muss über erstaunliche Kräfte und eine noch erstaunlichere Kondition verfügen.

«HABEN SIE DEN KORB …»

Langsam entfernt sich Bredas Schlachtruf. Die Sonne sinkt in Tönen von geronnenem Rot und geht allmählich in eine weiche verhauchende Mattigkeit über, der Strand saugt sich im Dämmer mit Licht voll. Schön ist das. Roth nickt wieder ein.

Als er aufwacht, ist die Röte des Himmels auf einen schmalen Streifen über dem Horizont reduziert. Das Dunkel ringsherum wird dichter, und der Himmel vergrößert sich, als würde er mit der ausgebrannten Schlacke angefüllt, aus der das Universum gemacht ist. Roth steht auf, bringt den Korb wie geheißen in Position und trottet in sein Apartment. Statt sich die Zähne zu putzen, trinkt er noch ein eiskaltes Bier, gegen den Durst. Hunger verspürt er keinen.

Sabberquartal

Er schläft durch, ohne ein einziges Mal aufzuwachen. Inklusive des Strandnickerchens hat er es auf zwölf Stunden gebracht, rechnet er am Morgen aus, das war wohl mal wieder nötig. In der Stadtbäckerei Junge besorgt er sich sein Frühstück, Coffee to go, ein halbes Honig- und ein halbes Käsebrötchen, Joghurt mit frischen Erdbeeren. Herrlich, so lässt’s sich leben.

Was war da gestern eigentlich los mit dem Cola-Rum-Gesaufe? Abartig. Was für ein komischer Vogel, dieser Breda. Irgendwie auch unheimlich, wie der da in seinem Laden stand, sah er ganz anders aus als im Kabuff, wie so eine vertrocknete alte Oma. Besser, man geht dem aus dem Weg, der Typ zieht runter. Der umkreist schon zu lange den Planeten Alkohol, und wenn man nicht aufpasst, landet man auf seiner Umlaufbahn.

Punkt zehn setzt Roth sich an den Tisch, um mit den Vorarbeiten zu beginnen. Zunächst einmal gilt es, sechsundsechzig Stunden Rohmaterial zu sichten bzw. durchzuhören. Seine Familiengeschichte, die nirgends vernünftig dokumentierte Geschichte der Familie Roth, die, wenn sich nicht endlich jemand darum kümmert, bald schon im Orkus des Vergessens entschwunden sein wird. Mehrere Jahre hat er Material zusammengetragen, seine Mutter, Onkel Karl (den Bruder seines Vaters) und alle Zeitzeugen, deren er habhaft werden konnte, während langer Sitzungen befragt. Jetzt weiß er alles über den kometenhaften Aufstieg des Unternehmens in den Zwanzigerjahren, die Geschwindigkeit, mit der sich das Haus nach 1933 mit dem Regime arrangierte, die ungeheuren Kriegsprofite, das Vertuschen und den phönixhaften Wiederaufstieg nach dem Krieg, Schmiergeldskandal in den Siebzigern, der finale Bankrott 1996. Zentraler Baustein sind die Gespräche mit seinem Vater, den er, bereits schwer krank, dazu hatte überreden können, auszupacken, und dem er am Krankenbett dann geradezu eine Generalbeichte abgenommen hat. Dokumentiert mit einer RevoxB 77, aus irgendwelchen altersstarrsinnigen Gründen hatte sein Vater auf Tonbandaufzeichnungen bestanden. Roth denkt an die großen Skandale der Nachkriegszeit, Flick-Spendenaffäre, Neue Heimat, SPIEGEL, Contergan, Hitler-Tagebücher. Das könnte was Großes werden. Abenteuer Niendorf, Expedition Bestseller.

Vater, Mutter, Onkel Karl und die meisten anderen Zeitzeugen sind inzwischen verstorben, jetzt müssen keine Rücksichten mehr genommen werden, jetzt kann man was daraus machen: Buch, Hörbuch, E-Book, Podcast, vielleicht findet sich sogar jemand, der den Stoff verfilmt. Netflix oder Amazon Prime oder RTL+ oder Disney+; ein Mehrteiler im Öffentlich-Rechtlichen zur besten Sendezeit. So was. Und das ganze Drumherum, Interviewanfragen, Talkshows, Kritikerdebatte. Ein Starautor auf ausverkaufter Lesereise, an dessen Lippen allabendlich Hunderte (Tausende) von Menschen hängen. Kann seinem Leben eine Wende geben. Muss aber nicht. Wenn es nichts wird, macht er weiter wie bisher, und das ist ja nun wirklich nicht schlecht.

In drei Monaten soll eine erste Fassung stehen. Hat er mal so ausgerechnet: eine Stunde gleich eine halbe Seite mal 5 (Tagespensum) mal 90 (Tage) gleich 225 Seiten. Es ist sein erstes Buch, er kennt sich mit ersten und zweiten und dritten Fassungen nicht aus, er hat es ohnehin nicht so mit Zahlen, aber was ihm möglicherweise an Talent (vielleicht steckt in ihm auch ein geborener Schriftsteller, dessen Genie mühelos und stetig in die Zeilen sickert) abgeht, wird er, der mustergültig Disziplinierte, durch Ausdauer, Fleiß und Beharrlichkeit wettmachen. Fünf Stunden netto täglich. Der große Thomas Mann, hat er recherchiert, brachte es lediglich auf vier Stunden, jeweils neun bis dreizehn Uhr; die Nachmittage blieben privater Korrespondenz vorbehalten. Der Trottel. Lebenszeitvergeudung, Verschwendung von Ressourcen. Allein der Briefwechsel zwischen Thomas Mann und Hermann Hesse umfasst 500 Schreiben. Hesse hat insgesamt etwa 35000 Briefe geschrieben, Alexander von Humboldt gar 50000 verfasst und 100000 empfangen. Das Leben eine Mühle, mit der ohne Unterlass Briefe gemahlen und beantwortet werden. Aus diesem Grund hatte Hemingway, quasi in Notwehr, vorgedruckte Karten versandt, «Habe keine Zeit, Briefe zu beantworten», oder so ähnlich. Roths letzter Handgeschriebener dürfte etwa 25 Jahre zurückliegen.

Los geht’s also mit dem ersten von insgesamt vierundvierzig Tonbändern (Laufzeit 90 Minuten/Normalband). Zermürbende eineinhalb Stunden lässt er die näselnde, kraftlose Stimme seines Vaters über sich ergehen. Viel langweiliger, als er es in Erinnerung hatte, anekdotengesättigt (die meisten ziemlich peinlich), weder Interviewer noch Befragter scheinen eine Vorstellung davon zu haben, was wichtig ist und was belanglos. An den Haaren auf seinem Bauch ziehend denkt er nach. Ihn beschleicht ein Gefühl von Ratlosigkeit und Gereiztheit. Gereiztheit ist der Zustand, der ihm von allen Zuständen am besten vertraut ist. Er steht dauernd unter Strom, immer knapp vor der Überlastung, selbst wenn er schläft; er kann es nur schwer ertragen, Zeit zu verlieren, zu verplempern.

Band zwei von vierundvierzig. Der Alte springt wie verrückt durch die Zeiten, verliert den Faden, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, weiß bei der Hälfte des Satzes schon nicht mehr, worauf er eigentlich hinauswollte. Da kommt doch kein Mensch mit! Und dann dieses Genuschel! Sprich doch deutlich, Mensch, das Gesprötzel und Gesabber macht einen ja wahnsinnig! Stundenlanges Aktenstudium macht Roth überhaupt nichts, aber dieses Lauschen verlangt ihm alles ab, das hat er ganz offenbar unterschätzt. Er räumt den Tisch auf, sortiert Stifte, entwirrt Kabel, wischt die Maschine ab. Greisenhafte Geschäftigkeit. Mittagspause, beschließt er. Neunzig Minuten, keine Minute länger.

Wieder schlendert er, diesmal in sommerlich-luftigem Freizeitdress, zum Hafen und bestellt bei Klüvers Garnelenspieße vom Grill. Das fröhliche Motto der Hafenräucherei (seit 1973) «EIN KLÜVER GEHT IMMER». Tja, denkt Roth, wenn das mal stimmt. Um ihn herum nichts als alte Leute. Man sieht den alten Leuten an, dass sie, wie alle alten Leute, in erster Linie ans Mittagessen denken. Ein unterschwelliges Gefühl der Ausweglosigkeit zieht in ihm auf. Gar nicht schön, so allein unter Fremden, in einer feindlichen Umgebung. Reiß dich zusammen, du hast doch noch nicht mal richtig angefangen. Pause vorbei, ab, retour an den Schreibtisch. Er hat jetzt schon das Gefühl, als rinne ihm die Zeit durch die Finger. Ganz kurz noch entspannen! Er setzt sich auf den Balkon, schaut aufs Meer. Sein Gehirn gleicht einem leeren Kessel. Warum macht er sich eigentlich einen solchen Druck? Work safely – die old. Für heute lass ich’s gut sein! Immerhin, drei Stunden Material hat er gesichtet. Jetzt sacken lassen, eine Nacht drüber schlafen, und morgen früh springt der Motor dann ganz von alleine an. Hoffentlich. Zwei Tage hat er verloren (auch Anreisetage sind Arbeitstage!), zwei von neunzig, klingt erst mal nicht viel, ist es aber. Morgen! Irgendwie misstraut er seinem Vorrat an Entschlossenheit. Ihm fällt die Gedenktafel wieder ein.

Gruppe 47, benannt von Hans Werner Richter nach dem Jahr ihrer Gründung 1947, 1990 aufgelöst. Haben die ja ordentlich lange durchgehalten, denkt Roth. Die siebzig in Niendorf teilnehmenden Schriftstellerinnen und Schriftsteller zählten zum Who’s who des Nachkriegs-Literaturbetriebs. Ihm sagen nur die Namen Heinrich Böll, Ingeborg Bachmann und Uwe Johnson etwas, gelesen hat er im Deutschunterricht Bölls Ansichten eines Clowns, woran er keinerlei Erinnerung mehr hat. Böll wurde 1972 der Nobelpreis verliehen, immerhin. Die zehnte Tagung fand vom 23. bis zum 25. Mai 1952 in Niendorf statt. Haben sich gegenseitig aus ihren Texten vorgelesen, über die dann lebhaft diskutiert wurde.

Ob die die Abende auf der Seebrücke haben ausklingen lassen? Klüver gibt’s seit 1973, ihre Fischbrötchen mussten die Teilnehmer also woanders verspeisen. In Rühmlings Ostseeräucherei? Wohl kaum. Im Netz finden sich zu diesem Aspekt keine Informationen. Egal, untergegangene Welten, untergegangene Zeit, untergegangene Werke. Niendorf durchdrungen vom Geist der Literatur, muss man sich mal vorstellen. Poesie und Krabbencocktail, Dichtung und Labskaus, Novelle und Aalsuppe. Die nehmen mich richtig in die Mangel, denkt Roth, nebenan in Lübeck Thomas Mann und die 47er hier.

DING DANG DONG.

«Hallo? Wer ist da?»

«Der Herr Breda.»

Der Herr Breda drückt ihm einen Bademantel in die Hand.

«Hier. Hatte ich ganz vergessen.»

«Ach so, ja. Danke.»

Breda schaut ihn erwartungsvoll an.

«Na, wie isses?»

«Och, so weit, so gut», fällt ihm ein.

Erfrischend, mit jemandem auf niedrigem Niveau zu verkehren.

«Darf ich mal was fragen?»

«Nur zu.»

«Was macht einer wie Sie eigentlich hier?»

Bredas pralle Herrentitten zeichnen sich unter dem T-Shirt ab. Schrecklich sieht das aus.

«Ein Buch schreiben.»

«Einen Roman?»

«So was Ähnliches.»

«Aha. Einen Krimi?»

«Na ja, nicht ganz, so was in der Art, sagen wir mal.»

«Verstehe. Ein Thriller, der hier bei uns an der Ostsee spielt. Und Sie gucken praktisch vor Ort nach.»

Ostseekrimi, Nordseekrimi, Heimatkrimi. Darunter kann Breda sich was vorstellen. Bei seinem geheimnisvollen Gast handelt es sich also um einen Provinzkrimischreiber.

«Genau, Recherche.»

«Wenn ich Ihnen wo helfen kann, ich kenn mich prima aus in der Gegend.»

«Gut.»

«Hier ist im Laufe der Jahre auch schon so einiges passiert, kann ich Ihnen sagen.» Breda setzt eine Miene auf, die etwas ausdrücken soll.

«Sehr freundlich. Zunächst mal muss ich mir einen Überblick verschaffen. Aber wenn ich Fragen habe, komme ich gern auf Sie zurück.»

Bloß nicht. Loswerden den Mann, am besten keinerlei Kontakt mehr bis zur Schlüsselabgabe am einunddreißigsten August.

Am Abend geht’s ins Da Antonio. Insalata Bufala, Bruschetta tradizionale, Strascinati, eine Flasche Barolo. Etwas Teureres gibt die Karte nicht her. Die Strascinati kleben ihm im Mund wie nasse Konfetti. Wie erwartet unterdurchschnittlich, alles.

 

Band drei von vierundvierzig hat er bereits zum zweiten Mal abgehört, ohne dass ihm auch nur das kleinste Fitzelchen einer Idee gekommen wäre, was er damit anfangen soll. Jetzt bloß nicht hängen bleiben. Nicht nachlassen, weitermachen, irgendwann läuft es von selbst, kennt er. Ein häufig benutztes neuronales Netzwerk ist infolge von Ionenanhäufung immer leichter zu aktivieren. Anders gesagt: Gleich fällt der Groschen, gleich macht es klick.

An den Abenden testet er immer je ein anderes Restaurant; Akropolis (ganz schlimm), Schipper-Stuv (fettig), Seaside Lounge (schreckliche Klientel), Stube 12 (Schlangenfraß, dummes Personal), Long Chang (mehr künstliche Aromen geht nicht), Feuerstein (indiskutabel). Leider ist er ein miserabler Koch, und mit den zwei Mini-Herdplatten käme er sowieso nicht weit.

Als er vom Einkaufen (Edeka Jens) kommt, läuft er Breda über den Weg.Schon wieder. Zufall? Bisschen viele