Ein Sommer in Nirgendwo - Thomas Plörer - E-Book

Ein Sommer in Nirgendwo E-Book

Thomas Plörer

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Beschreibung

Als die 14-jährige Beverly am letzten Schultag den gleichaltrigen Mike kennenlernt, beginnt für beide ein malerischer Sommer. Die beiden Außenseiter geben sich gegenseitig Kraft und verbringen eine unbeschwerte Zeit zusammen. Bis Beverlys Vater von ihrer Freundschaft erfährt und sich die Dinge schlagartig ändern. Besessen von dem Gedanken, seine Tochter sei Schuld an seinem verkorksten Leben, schmiedet er einen teuflischen Plan ...

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Seitenzahl: 374

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Ein Sommer in Nirgendwo

Titel SeiteZuhauseMikeIm BaumhausAuf dem RevierDas beste Eis der StadtFred Marks belehrt seine TochterDie Suche nach AntwortenEine seltsame BegegnungDie StadthalleDie ErkenntnisDie StrafeMikes BesuchDr. Brooke erinnert sichLauries BesuchDas VerbrechenDer BallWieder im Baumhaus

Ein Sommer in Nirgendwo

von Thomas Plörer

Für Anna

Zuhause

„Ich mache dir Eier mit Speck.“

„Keine Bohnen?“

„Es sind keine mehr da.“

Ihr Vater schlug mit der Faust auf den Tisch, so dass die offene Flasche Bier bedrohlich wackelte und ein Teil herausspritzte. Beverly zuckte zusammen und senkte den Kopf.

„Warum nicht?“, rief er wütend. Dann hob er die Hand, um noch einmal auf den Tisch zu schlagen, überlegte es sich dann aber doch anders und nahm einen tiefen Schluck aus der Flasche. Als er sie wieder hinstellte, war ein Teil seiner Wut verflogen und er atmete tief durch. „Also gut, Bev, dann mach mir Eier mit Speck. Keine Bohnen – nicht so schlimm.“

„Ich könnte noch welche …“

„Du hättest welche besorgen können als ich in der Arbeit war um das Geld für dich, mich und diesen verdammten Köter zu verdienen!“, murmelte er. Sein Gesicht war rot angelaufen, aber in letzter Zeit hatte es sehr oft diesen Farbton, was daran lag, dass er in letzter Zeit sehr viel mehr trank.

„Es war kein Geld mehr in der Kasse“, rechtfertigte sich Beverly kleinlaut. Ihre Hände zitterten, aber sie wollte nicht, dass ihr Vater das sah, darum verschränkte sie die Arme hinter dem Rücken.

„So?“ Fred zog überrascht die Augenbrauen in die Höhe. „Kein Geld mehr, sagst du?“

Sie schüttelte den Kopf.

„Na, ich kann dir auch genau sagen, woran das liegt, mein Schatz: weil du das Geld, das ich jeden Tag nach zwölf Stunden harter Arbeit mit nach Hause bringe, dafür rausschmeißt, diesem Köter sein Futter zu kaufen. Hauptsache, das Mistvieh hat einen vollen Magen, aber ich muss darum betteln, von meiner Tochter, die den ganzen Tag Zeit hat, ein mageres Abendessen serviert zu bekommen! Hast du darüber nachgedacht, wie sich das für mich anfühlt? Ich komme mir vor, als wäre ich der verdammte Hund in diesem beschissenen Haus. Gut genug, um das Geld nach Hause zu bringen, aber zu schlecht, um auch etwas davon abzubekommen. Sag mir, Bev, wie siehst du das? Ist es nicht so?“

„Ich kaufe Belle schon seit Wochen nichts mehr zu Fressen! Er bekommt nur noch die Reste oder lebt von dem, was er draußen so findet!“, verteidigte sich Beverly.

Sie sah die Hand viel zu spät, und als sie sie dann doch wahrnahm, spürte sie schon das heiße Brennen in ihrem Gesicht. Beverly wurde einmal um ihre eigene Achse gewirbelt und fiel dann zu Boden, wo sie sitzen blieb und die Tränen unterdrückte, die in ihr hochsteigen wollten.

„Sei nicht so frech, junges Mädchen!“, schrie ihr Vater. Verächtlich schaute er auf seine Tochter hinab. Er nahm einen Schluck aus seiner Flasche und wartete, bis sie wieder aufgestanden war, um dann mit ruhiger Stimme fortzufahren, so, als wäre überhaupt nichts gewesen.

„Mach mir mein Abendessen.“

Beverly tat es. Sie weinte stille Tränen, die ihr Vater nicht sehen konnte, weil ihre langen, braunen Haare in ihr Gesicht fielen und die Tränen darunter versteckten wie Wolken die Sonne.

Draußen lag Belle auf seiner Decke und schaute traurig hinaus auf die Felder und beobachtete, wie die Sonne sich langsam dem Horizont näherte.

Wenn man das alte Haus zum ersten Mal von der Straße aus sah, so mochte man es zunächst überhaupt nicht als solches erkennen. Vielmehr hätte man an einen alten Schuppen denken können, in dem die Farmer in der Umgebung jenes Werkzeug und sonstigen Plunder lagerten, der ihnen sonst nur im Weg umging und für den sie noch nicht die Zeit gefunden hatten, ihn zu entsorgen.

Das Dach war schief und an einer großen Stelle in der Mitte eingedrückt. Vermutlich, weil einer der Balken darunter im Laufe der Jahre nachgegeben hatte. Die Ziegel, früher in einem dunklen Braun gehalten, waren jetzt ausgeblichen und mit Moos und Gras bewachsen. Die Dachrinne hing nur noch über die Hälfte der Länge des Daches, und auch dort, wo sie noch vorhanden war, war es kaum vorstellbar, dass sie noch einen Nutzen hatte. Zwei verwaiste Vogelnester lagen darin, die Bewohner waren schon vor vielen Jahren ausgeflogen und hatten einen anderen Platz gefunden, um sicher zu nisten.

Unter dem Dach war das Haus gemauert. An vielen Stellen fehlte der Putz und offenbarte die braunen Ziegel, ähnlich jenen auf dem Dach. Vorne waren zwei Fenster, eines links und eines rechts der Tür. Es war ein kleines Haus mit gerade einmal drei Zimmern, die sich unterteilten in einen Wohnraum und zwei Schlafzimmer. Ein Badezimmer war an der Rückseite des Hauses angebaut worden und nicht mehr als ein windiger Schuppen mit einem Waschbecken, einer Toilette und einer Dusche, die diese Bezeichnung nicht verdient hatte. Aber es gab fließend Wasser. Meistens.

Die Haustür war früher weiß gewesen, aber die Farbe blätterte ab und so war sie mehr grau. Das gleiche traf auf die zwei verbliebenen Fensterläden zu – einer am linken Fenster und einer am rechten. Sie flankierten sozusagen alles, was sich dazwischen abspielte. Es kam einem Wunder gleich – und das dachten sich sicher auch der ein oder andere Betrachter, wenn er auf der staubigen Straße an dem Haus vorbeikam – aber die Fensterscheiben waren alle ganz. Und so konnte man, wenn man denn weiterging und noch einmal über das Haus nachdachte, doch mit dem Gedanken leben, dass es sich vermutlich um ein Wohnhaus handeln musste und nicht um einen Schuppen.

Es war keine typische Wohngegend. Das Grundstück lag eine Meile außerhalb der Ortsgrenze. Der nächste Nachbar war etwa eine halbe Meile entfernt und dazwischen gab es neben Feldern aller Art nicht viel. Man kam hier vorbei, wenn man in den Nachbarort wollte, aber nur dann, wenn die Hauptstraße gesperrt war. Und man kam hier vorbei, wenn man einfach nur einen Spaziergang machen und nicht gestört werden wollte. Denn gestört wurde man hier im Sommer höchstens von den gefräßigen Mückenschwärmen und im Winter von einem beißenden Wind, der einem das Gesicht zu zerschneiden schien.

Das Grundstück war mit einem alten Zaun abgetrennt, der in einem ähnlichen Zustand war wie das Haus. An einer Stelle fehlten fünf Latten hintereinander, weil hier vor zwei Jahren einmal ein Autofahrer mit seinem Wagen hängen geblieben war. Der Schuldige war entkommen und der Zaun nie geflickt worden. Die Gartentür hing in einer quietschenden Angel, und wenn der Wind besonders heftig blies, schlug sie hin und her. Wenn man den Rest so sah, vom verwilderten Rasen bis hin zu den wuchernden Bäumen und Sträuchern, hätte man meinen können, der Mann wäre blind oder schwer krank, so dass er es nicht mehr selbst richten konnte.

Doch er war nicht blind und von schwer krank konnte man auch nicht reden. Dieser Mann war traurig, dieser Mann war wütend, dieser Mann war verbittert. So war er nicht immer gewesen, aber bis zu seinem Tod sollte er es bleiben. Vielleicht hätte er gerettet werden können, wenn er nur die richtigen Menschen um sich gehabt hätte – Menschen, die sich um ihn kümmerten und ihn aus dieser Situation gezogen hätten, wie Rettungsschwimmer einen Ertrinkenden, aber diese Menschen waren spärlich. Und seine Tochter – ja, seine Tochter war noch ein Kind. Beverly war 13 Jahre alt.

Und Beverly war eine Halbwaise.

Hinter dem Haus war eine alte Schaukel. Das Gerüst war rostig und schief, aber irgendwie hielt es noch zusammen. In der Mitte hing, an einem dicken Strick befestigt, ein alter Traktorreifen. Von hier aus hatte man einen guten Blick auf das hinter dem Haus beginnende wilde Land, wo die großen Wälder lagen und viele, viele Meilen keine Zivilisation zu finden war. Man konnte sich in diesem Wald leicht verlaufen, wenn man sich nicht auskannte, aber das kam nicht häufig vor, weil sich selten Fremde hierher verirrten. Wenn man einen dichten Dschungel erwartete, der die Leute nur so verschluckte, dann wurde man enttäuscht. Er war genauso uninteressant und langweilig wie der Rest der Stadt und seine Leute auch, zumindest für denjenigen, der von außen einen Blick darauf warf.

In dem Reifen saß Beverly Marks. Sie hatte langes, braunes Haar, das ihr in Wellen über die Schultern fiel, außerdem große, dunkle Augen und ein freundliches Lächeln, dass sie aber viel zu selten zeigte. Sie fürchtete sich. Das Lächeln war nicht gestorben, aber es hatte sich tief in sie zurückgezogen und kam nur selten zum Vorschein. Beverly war kein trauriges Kind, aber sie war einsam. Sie ging zur Schule, sie hatte gute Noten, sie erledigte ihre Arbeiten im Haushalt und spielte mit ihren wenigen Freunden, wie es ein ganz normales Mädchen eben auch machte. Viele Eltern wären insgeheim vielleicht sogar froh gewesen, wenn ihr Kind so brav gewesen wäre wie Beverly, auch wenn das natürlich niemand zugegeben hätte.

Aber Beverly war nachdenklich geworden. Und eben in jenem Moment, als der leichte Wind sie sanft hin und her schaukeln ließ, war sie tief in Gedanken versunken und schaute mit leerem Blick auf die hinter dem Haus liegenden Wiesen und die beginnenden Wälder. Wäre in diesem Moment neben ihr eine Bombe explodiert – sie hätte es vermutlich gar nicht gehört.

Es gab nur ein einziges Geräusch, was sie aus ihren Gedanken zu reißen vermochte: das Bellen ihres Hundes. Und genau das war es, was sie plötzlich hörte, sie zusammenzucken ließ und dann doch ein Lächeln auf ihr oft viel zu ernstes Gesicht zauberte.

Sie drehte sich herum und benutzte dabei ihre Zehenspitzen, die gerade so noch den Boden berührten, um mit dem Reifen eine Drehung zu vollführen, um dann den Blick in Richtung Haus und Straße zu haben, von wo aus sie das Bellen gehört hatte. Im selben Moment schoss Belle (das letzte „e“ im Namen war stumm) um die Ecke. Belle war ein etwa drei Jahre alter Golden Retriever mit ganz hellem Fell und großen, schwarzen Augen, die in diesem Augenblick hell funkelten. Er machte große Sprünge auf sie zu und beschleunigte noch einmal, als er sah, dass sie sich freute ihn zu sehen und ihre Arme ausbreitete um ihn in Empfang zu nehmen.

„Hey, Belle!“, rief sie erfreut. „Komm her mein Kleiner!“

Belle, ob er sie nun verstand oder nicht, machte genau das und sprang auf sie zu. Hätte er nicht auf den letzten Metern noch abgebremst hätte er sie wahrscheinlich von der Schaukel gerissen, aber Belle war ein kluger Hund, und so kam er kurz vor ihr zum Stehen und stellte nur seine Vorderpfoten auf ihren Oberschenkeln ab und bedachte ihr Gesicht zur Begrüßung mit seiner nassen Zunge.

Beverly lachte, obwohl die Haut auf ihrer rechten Wange dabei unangenehm spannte. Aber die Schwellung war nicht schlimm. Man sah sie fast nicht.

Sie fuhr ihm durchs Fell und kraulte ihn hinter den Ohren. Sie hatte Belle bekommen als er nicht viel größer gewesen war als der Arbeitsschuh ihres Vaters. Ihre Tante, hatte ihn ihr geschenkt. Ihr Vater war von der Idee überhaupt nicht begeistert gewesen, hatte es dann aber nach einer längeren Diskussion mit seiner älteren Schwester doch durchgehen lassen. Beverly hatte sich nie die Frage gestellt, ob er einfach nur nachgegeben hatte, weil sie gute Argumente für einen Hund gehabt hatte, oder weil ihm einfach die Diskussion zu blöd geworden war. Seine einzige Auflage war, dass er mit dem Hund nichts zu tun haben musste und sich Beverly um ihn kümmerte, egal ob es um Auslauf, Arzt oder Verpflegung ging. Er wollte sich nicht damit beschäftigen, weil er keine Zeit dafür hatte, und Beverly hatte dem ohne zu zögern zugestimmt. Sie war vom ersten Moment an verliebt in ihn gewesen: in seine großen Augen, die Art und Weise, wie er bellte und sprang und nicht zuletzt wegen der Tatsache, dass sie in den langen, einsamen Nächten gerne jemand bei sich hatte, wenn ihr Vater nicht zu Hause war und draußen Füchse oder andere Tiere unterwegs waren und um das Haus herumschlichen.

„Wo kommst du denn her, hm? Belle – du warst hoffentlich nicht wieder bei Mister Jenkins im Garten, oder? Du weißt, dass er keine Hunde mag und ich hab gehört, dass er eine Schrotflinte neben der Tür stehen hat!“

Belle bellte. Das konnte Ja oder Nein heißen, oder einfach nurIch verstehe dich doch sowieso nicht.

Beverly wertete es als Nein und drückte ihn fest an sich. Er roch gut, und das obwohl sie ihn schon lange nicht mehr gewaschen hatte. Er liebte Wasser, aber er hasste es, wenn man ihn wusch. Danach wälzte er sich meistens sofort wieder im Staub, um auch ja den ganzen Dreck, den er gerade verloren hatte, schnell wieder ins Fell zu bekommen, als wäre es überlebenswichtig. Ihr Vater hatte das einmal beobachtet und ihm dann verboten, zu ihnen ins Haus zu kommen. Seitdem hatte Belle sein Quartier hinter dem Haus neben dem kleinen Anbau, wo sich das Badezimmer befand, und kam nur nachts herein, wenn ihr Vater nicht im Haus war oder es draußen regnete.

Es war Donnerstag und der letzte Schultag stand unmittelbar bevor. Ihm würde ein langer Sommer folgen, ein Sommer, auf den sich die meisten Kinder im Ort und im ganzen Land freuten. Denn Sommer bedeutete Spaß, bedeutete keine Schule und vor allem viel Zeit, um auszuschlafen oder die Welt zu erkunden. Beverly wusste noch nicht, ob sie sich freuen sollte. Denn für sie bedeutete der Sommer zwangsläufig, mehr Zeit Zuhause zu verbringen.

Als hätte das Schicksal diesen Gedanken aufgeschnappt, hörte sie plötzlich das Quietschen der Gartentür. Sie bekamen selten Besucher und außer dem Postboten verirrte sich kaum jemand hinter die schäbigen Überreste ihres Gartenzaunes. Belle erstarrte in ihren Armen und schaute mit festem Blick in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Von seiner Freude und seinem überschwänglichen Lebensglück war in diesen Moment nichts mehr übrig und es schien so, als würde er die Luft anhalten und auf das warten, was als nächstes passieren würde. Beverly ging es nicht anders, auch wenn sie schon wusste, was kommen würde. Es war immer das gleiche und es wurde mit jedem Mal schlimmer, je länger es so ging.

Dann hörte sie die Stimme ihres Vaters ihren Namen schreien.

„Beverly!“

Wütend.

„Beverly!“

Betrunken.

Belle schaute sie mit großen Augen an und gab ein leises Winseln von sich. Sie fuhr im über den Kopf, versuchte zu lächeln und sprang dann auf. Es war nicht gut, wenn sie ihn warten ließ.

Belle blieb alleine bei der Schaukel zurück, weil er wusste, dass er nicht mitkommen durfte. Er wusste, dass das ein Kampf war, den seine Herrin alleine führen musste, und so sehr er sich auch wünschte, bei ihr zu sein, so glaubte er doch, dass er damit alles nur schlimmer machen würde. Er mochte ihn nicht, ihren Vater.

Fred Marks war ein großer Mann Ende vierzig mit grauen Haaren. Er war schlecht rasiert und machte alles in allem nicht den Eindruck, dass er viel von Körperpflege hielt. Er arbeitete in einer Fabrik, aber nur noch deshalb, weil der Boss ein alter Schulfreund von ihm war. Und auch dieser ganz spezielle Bonus neigte sich langsam dem Ende zu, denn Fred war nicht unbedingt einer jener Arbeitnehmer, die durch Leistung auffielen. Seitdem seine Frau ums Leben gekommen war trank er häufiger als zuvor. Und er trank nicht mehr nur in seiner Freizeit nach Feierabend oder am Wochenende, sondern er trank schon früh morgens, bevor er den ersten Schritt vor die Tür machte, er trank in seinen Pausen und auch während der Arbeit. Hinter seinem Rücken sprach man davon, dass er seinen Lebenswillen verloren hatte, doch das war nicht wahr, denn Fred Marks dachte zurzeit nicht daran, seinem Leben ein Ende zu setzen. Der Tod seiner Frau hatte ihn mitgenommen und ihn manchmal mit dem Gedanken spielen lassen, aber die Tendenzen zu seiner Sucht und zu seinem Wesen hatte er schon vorher gehabt und diesen Teil seines Ichs einfach nur versteckt. Jetzt war er frei, wenn man so wollte, konnte tun und lassen was er wollte. Er hatte seine Freunde, zumindest eine Handvoll, er hatte einen Job, der ihm das nötige Geld für seine Sucht lieferte und entgegen aller Meinungen hatte er Spaß an dem, was er tat. Er liebte es, zu trinken, er liebte es, die Welt in jenem ganz speziellen Licht zu sehen, wie man es nur konnte, wenn man einen über den Durst getrunken hatte und er liebte es, von den anderen Menschen in der Stadt gemieden zu werden, weil sie Angst vor ihm hatten. Er legte keinen Wert darauf, sinnlose Gespräche mit diesen ganzen Schwachköpfen zu führen, die ihn einerseits mitleidig anschauten und auf der anderen Seite hinter seinem Rücken über ihn sprachen, als sei er das Letzte auf dieser Welt: ein Alkoholiker, der sich aufgegeben hatte und dem das Leben zwischen den Fingern hindurch rann wie Wasser. Sie wussten nichts von ihm, wussten nichts von seiner Situation und seinen Gefühlen. Sie kannten ihn nicht und doch erlaubten sie sich, ein Urteil über ihn abzugeben, als wären sie zornige Götter, die auf ihn herabsahen und am liebsten von dieser schönen Erde verbannen würden, weil er ihren Boden mit Schmutz bedeckte, diesen schönen Boden einer heilen Welt, in der alles gut war und er nichts weiter war als ein dunkler Schandfleck. Hinter vorgehaltener Hand konnte er sie tuscheln hören, jeden einzelnen Tag, wenn er durch die Straßen lief. Er spürte ihre Blicke hinter seinem Rücken. Er konnte sogar die Angst riechen, diese schwere Ausdünstung der Schwachen, wenn er an ihnen vorbeiging und sie schleunigst versuchten, ihm irgendwie aus dem Weg zu gehen.

Nein, was er wollte, das hatte er und seitdem seine Frau weg war, konnte er sein Leben so leben, wie er es wollte. Vorwürfe wollte er keine hören, schließlich war sie es gewesen, die ihn verlassen hatte. Er war jetzt alleine mit all der Verantwortung, und das war etwas, was vielleicht gar nicht so schlecht war. In schlimmen Zeiten war es immer so gewesen, dass das Volk einen Einzelnen zu ihrem Führer gemacht hat, weil eine Person alleine die Entscheidungen schneller und besser treffen konnte. Nun hatte das Schicksal dafür gesorgt, dass er dieser Führer war, sowohl für sein Wohl als auch für das, was seine Frau ihm als einziges zurückgelassen hatte, nämlich seine Tochter.

Beverly … Er musste lächeln, als er das Gartentor aufstieß und hineinging. Es quietschte, aber er hörte es nicht. Er schwankte, aber bemerkte es nicht. Und anstatt zu rufen, wie er glaubte, schrie er mit sich überschlagender Stimme ihren Namen, so dass man ihn noch hundert Meter weiter hören konnte.

Er war Zuhause.

Mike

Der Schulbus hielt nicht vor ihrem Haus, wie er es bei den ganzen anderen Kindern machte. Vor drei Jahren, an einem verregneten Tag im Herbst, war er auf der schlechten Straße stecken geblieben und die Feuerwehr hatte den Bus befreien müssen. Danach hatte sich der Busfahrer geweigert, weiter zu fahren, weil er sein eigenes Leben und auch das der Kinder nicht aufs Spiel setzen wollte. Dann, bevor man ihm daraus einen Strick hätte drehen können, war die Stadtverwaltung eingesprungen und hatte beschlossen, die letzte Haltestelle etwa eine Meile vor das Haus von Beverly zu verlegen. Deshalb stand sie seitdem immer etwas früher auf und ging die Strecke bis dahin zu Fuß. Sie konnte zwar Fahrrad fahren, besaß aber keines mehr. An schönen Tagen machte ihr das Laufen nichts aus. Belle blieb stets an ihrer Seite und genoss die Zeit mit ihr sichtlich – schließlich musste er dann immer den halben Tag warten, ehe er sie wiedersehen konnte. Oft saß er dann schon an der Haltestelle und holte sie sozusagen ab, was einigen Eltern etwas Angst machte, weil sie es nicht guthießen, wenn ein Hund ohne Leine und vollkommen ohne Führung durch die Straßen lief. Man konnte schließlich nie wissen, was in so einem Hund vor sich ging: ein lautes Geräusch, eine plötzliche Bewegung – und schon waren Unglücke vorprogrammiert. Beverly konnte über solche Gedanken nur lachen, denn Belle war der sanfteste Hund auf der Welt und schaffte es noch nicht einmal, den Fliegen etwas zu leide zu tun, die ihn den ganzen Sommer über nervten.

Sie wartete zehn Minuten an der Haltestelle zusammen mit drei anderen Kindern, dann kam der Bus und sie stieg hinein. Belle blieb draußen zurück und wartete, bis der Bus aus seinem Sichtfeld verschwunden war, ehe er zurück stapfte und den Tag irgendwie rumbrachte, nur um dann am Nachmittag wieder auf Beverly zu warten.

Beverly saß alleine, während um sie herum die Kinder artig in Zweierreihen saßen, miteinander redeten, scherzten und lachten. Es war eine ausgelassene Stimmung im Bus, schließlich war es der letzte Tag vor den langen Sommerferien. Man unterhielt sich über Urlaube, Ausflüge zum Wandern und Zelten, über den Besuch der Verwandtschaft in den umliegenden Städten und Bundesstaaten, Sommerlager in den Wäldern und der Bereitschaft, dort zu lernen, wie man ein Feuer machen konnte, wenn man kein Feuerzeug hatte oder Fische zu fangen, um in der Wildnis zu überleben. Die Jungs unterhielten sich häufig über Sport: Football spielen hier, Baseball dort und – ganz selten – europäischen Fußball. Die Mädchen sprachen über Rollschuhlaufen, Volleyball, schöne Kleidung für das große Sommerfest in der Stadt in einigen Wochen. In diesem Zusammenhang fielen häufig die WorteVerabredungoderDate. Für viele Mädchen waren das die ersten Erfahrungen in dem Bereich. Später, auf dem College, würde sich das ändern. Sie redeten von Ballkleidern, schönen Schuhen, Tanzen, und vor allem darüber, wer mit wem ging und welcher der Jungs wohl welches der Mädchen fragen würde, ob es mit ihm zum Sommerfest gehen würde.

Es war ein großes Durcheinander, aber ein ausgelassenes und fröhliches. Nur Beverly beteiligte sich nicht daran. Sie saß alleine am Fenster und schaute nach draußen, wo die Landschaft und die Häuser der Stadt an ihnen vorbeiflogen, während die Sonne langsam aufstieg und die Wolken dahin schmelzen ließ wie Eis. Sie freute sich auch auf das Sommerfest, vor allem auf das große Feuerwerk am Ende, aber es kümmerte sie nicht, ob sie eine Verabredung für diesen Abend hatte oder nicht. Noch hatte sie keiner der Jungs gefragt und sie war auch nicht besonders scharf darauf, noch von jemandem gefragt zu werden. Die meisten waren Idioten, und das sagte sie nicht, weil sie naiv war und einfach generell etwas gegen Jungs hatte, sondern das sagte sie, weil sich die meisten ihr gegenüber wie welche benahmen. Sie hatte in der Schule nicht wirklich gute Freundinnen, und damit war sie in den Augen der Jungs eine Außenseiterin. Auch wenn der ein oder andere heimlich für sie schwärmte, wagte es doch niemand, sich mit ihr zu unterhalten. Sie war deswegen nicht unglücklich, auch wenn man das hätte meinen können, wenn man sie so alleine am Fenster sitzen sah.

Der Bus erreichte den großen Platz vor der Schule und sie gingen in ihre Klassenzimmer. Obwohl es noch früh am Morgen war, hatte es schon über fünfundzwanzig Grad im Schatten. Fast alle Kinder trugen kurze Hosen und T-Shirts, die Mädchen trugen alle Kleider. Auch Beverly trug ein Kleid, auch wenn es schon etwas älter war und nicht mehr so schön war, wie die der meisten anderen Kinder. Sie konnte ein bisschen Nähen, aber noch nicht gut genug, um sich selbst ganze Kleider anzufertigen. Aber sie hatte es zumindest geschafft, aus dem bisschen, was sie hatte, etwas zu machen, was sie nicht ganz als Außenseiterin dastehen ließ. Diesen Sommer hatte sie jedoch vor, besser Nähen zu lernen. Es gab in der Stadt noch Kinder, denen es schlechter ging als ihrem Vater und ihr, und denen man es auch ansehen konnte. Die meisten dieser Kinder kannte Beverly, weil sie es waren, mit denen sie ab und zu am Nachmittag etwas unternahm. Sie waren eine kleine Gruppe Kinder, die sich nicht darauf reduzierten, was sie hatten oder was sie nicht hatten, sondern die einfach nur Spaß miteinander wollten und damit zurechtkamen, dass sie von den meisten anderen Kindern nur schief angeschaut wurden.

Das Leuten der Schulglocke zeigte allen, dass der letzte Schultag begann. Der Hof leerte sich schnell, Kinder liefen durch die Gänge auf der Suche nach ihren Klassen, Lehrer drängten sich durch die Scharen an Schülern und beteten, dass sie diesen letzten Tag gut herumbringen würden. Einige hatten den Sekt schon kaltgestellt, andere die Koffer bereits gepackt in den Autos und wieder andere waren auch ein wenig wehmütig.

Eine von ihnen war Laurie Wittmann, die Lehrerin von Beverly Marks. Laurie war dreißig Jahre alt und seit zwei Jahren an der Schule. Sie kam nicht aus der Gegend, sondern aus dem Norden des Landes, aber während ihres Studiums war sie weit herumgekommen und hatte sich schließlich hier niedergelassen. Das lag zum einen daran, dass sie eine Stelle bekommen hatte – eine Stelle, von der sie schon seit ihrer Kindheit geträumt hatte - zum anderen natürlich daran, dass sie einen Mann kennen und lieben gelernt hatte. Shawn war der Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Sie hatten sich in einem kleinen Café kennengelernt und waren nach einem Jahr zusammengezogen. Er liebte sie so, wie es noch nie ein anderer Mann vor ihm getan hatte und sie fühlte sich in seiner Gegenwart geborgen und war jede einzelne Sekunde glücklich, dass es ihn gab. Sie hatte einmal gelesen, dass es Menschen gab, die ihr ganzes Leben lang nach demjenigen suchten, der sie so glücklich machte und dann doch einsam starben, und war umso dankbarer für das, was das Leben ihr schon jetzt beschert hatte.

Sie glaubte, dass er ihr bald einen Antrag machen würde.

Jetzt, da die Kinder an ihr vorbeiliefen, alle gut gelaunt und fröhlich, konnte sie sich bei dem Gedanken ein Lächeln nicht verkneifen. Es war ein strahlendes Lächeln, das auf ihrem makellosen Gesicht so natürlich wirkte, als ginge gerade die Sonne am Horizont auf. Sie hatte langes, blondes Haar, das ihr glatt über die Schultern fiel. Häufig trug sie während der Arbeit einen Pferdeschwanz, aber heute war ihr nicht danach gewesen. Vielleicht würde sie sich später darüber ärgern, wenn die Hitze drückend wurde und ihre Haare an ihrem Hals und ihrem Nacken kleben würden, aber so weit mochte sie heute gar nicht denken. Heute dachte sie nur daran, wie schön es sein würde, wenn sie die Ferien mit Shawn verbringen konnte. Sicher: er musste zur Arbeit, aber er arbeitete im Ort und war damit immer in ihrer Nähe.

Immer noch lächelnd betrat sie das Klassenzimmer –ihrKlassenzimmer – und wollte gerade die Tür hinter sich schließen, als zwei letzte Nachzügler sich noch hereindrängten, ein knappes „Entschuldigung“ und „Guten Morgen“ hervor pressten und dann schnell auf ihren Plätzen verschwanden, wobei sie ihre Schultaschen achtlos unter die Tische warfen. Laurie war sich sicher, dass die meisten von ihnen nicht mehr als ein Blatt Papier dabei hatten und die ganzen Hefte und Blöcke bereits Zuhause ihr Dasein fristeten, achtlos und hektisch liegen gelassen in einer Ecke, wo sie erst in einigen Wochen wieder hervorgeholt werden würden.

Wenn überhaupt.

Sie stellte sich vor die große Tafel und schaute in die Runde. Die Gespräche wurden zu einem leisen Murmeln, dann wurde es schließlich ganz still. Sie blickte in zwei Dutzend gespannte, junge Gesichter. Mädchen und Jungs, blond oder brünett, im letzten Jahr gewachsen oder immer noch so klein wie zu Jahresbeginn – die Veränderungen, die die Kinder in diesen Jahren durchmachten, waren unglaublich und faszinierend.

Sie atmete tief durch: „Guten Morgen ihr Lieben.“

Und im Chor: „Guten Morgen Ms. Wittmann.“

Laurie nickte. Der letzte Tag vor den Ferien hatte begonnen.

„Susann Looper.“

Ein Mädchen mit dunklen Zöpfen stand auf. Sie kicherte, als ihre Sitznachbarin etwas sagte, und ging dann schnell nach vorne zu Laurie, um sich ihr Zeugnis abzuholen.

„Gut gemacht, Susann.“ Laurie überflog das Zeugnis noch ein letztes Mal, obwohl sie es selbst am Vortag unterschrieben hatte. Nur bei den wenigsten ihrer Schüler musste sie sich ernsthaft Sorgen machen. Viele waren hier und da etwas faul, aber wenn sie sich recht erinnerte, war sie das in dem Alter auch gewesen (und wenn sie noch genauer nachdachte fiel ihr auf, dass sie auch im Studium nicht immer zu den Fleißigsten gehört hatte) und im Vergleich mit den anderen Klassen aus dieser Schule lag sie etwas über dem Schnitt. Was wollte sie mehr?

„Danke, Ms. Wittmann.“ Das Mädchen mit den Zöpfen nahm ihr Zeugnis mit großen Augen entgegen, schüttelte Laurie schüchtern die Hand und ging dann mit schnellen, kleinen Schritten zurück an ihren Platz, wo das andere Mädchen wieder etwas flüsterte. Es war etwas unruhiger in der Klasse geworden, gerade in den letzten zehn Minuten, als sie begonnen hatte, die Zeugnisse zu verteilen. Die Uhr zeigte jetzt kurz vor zwölf Uhr Mittag und es waren nur noch wenige Minuten übrig, bevor das Schuljahr sich dem Ende neigen und einen Sommer voller Möglichkeiten und Abenteuer eröffnen würde.

„Beverly Marks.“

Beverly saß in der dritten Reihe am Fenster. Sie schaute verträumt nach draußen, doch als sie ihren Namen hörte, zuckte sie kurz zusammen und ging nach vorne. Laurie folgte ihr mit den Augen, dann warf sie einen Blick auf das Zeugnis und verzog den Mund zu einem leichten Lächeln. Beverly Marks war ihre beste Schülerin. In jedem Fach. Und in den Fächern, in denen sie von den Noten so gut war wie manche ihrer Mitschüler, hätte Laurie am liebsten einen Stern hinter die Eins gemalt, um zu signalisieren, dass diese Note für die Leistung noch nicht einmal angemessen war.

„Das wird deine Eltern stolz machen“, sagte sie und hielt Beverly das Zeugnis hin. Doch noch ehe sie es aus der Hand gegeben hatte, hielt sie einen Moment lang inne.

„Was ist mit deinem Gesicht passiert?“, fragte sie erschrocken. Die Wange von Beverly war leicht verfärbt. Nicht so stark, dass man es von der Ferne hätte sehen können, aber wenn man nah genug dran war, stach es einem sofort ins Auge. Die Backe war nicht rosa, sondern an einigen Stellen etwas lila gefärbt und am Mundwinkel hing etwas, was aussah wie getrocknetes Blut von einer Wunde.

Beverly blickte sich nervös um, fast so als wollte sie sicherstellen, dass auch niemand etwas mitbekommen hatte. Dann senkte sie den Kopf, als sie Laurie antwortete.

„Ich bin gestern hingefallen.“

„Wie ist das denn passiert?“ Laurie betrachtete das Gesicht des Mädchens eingehender, konnte aber sonst keine Wunden feststellen.

Die Antwort kam rasch, aber dennoch entging Laurie die kurze Pause nicht.

„Als ich mit dem Fahrrad Milch holen war.“ Sie lächelte unsicher und schaute Laurie fest in die Augen. „Ich musste nochmal zurückfahren und neue kaufen, aber die Scherben habe ich eingesammelt, damit sich niemand verletzt.“

Laurie runzelte die Stirn, während in ihrem Kopf die Sirenen aufheulten. Das lag nicht daran, dass sie ihre Lehrerin war und im Studium gelernt hatte, auf gewisse Zeichen zu achten, sondern vielmehr daran, dass es in diesem Fall so offensichtlich war, dass es schon weh tat. Beverly hatte nicht eine einzige Schramme an der Hand oder an den Unterarmen, und auch die Knie waren völlig in Ordnung. Auf gar keinen Fall war sie mit dem Fahrrad gestürzt. Und sie war auch nicht gegen einen Türstock gelaufen oder von einer Treppe gefallen, weil sie wieder einmal nicht aufgepasst hatte. Laurie kannte viele solcher Geschichten.

Umso schwerer fielen ihr die nächsten Worte.

„Dann pass in den Ferien besser auf dich auf, okay?“ Sie reichte Beverly das Zeugnis, die es schüchtern entgegennahm. „Du bist eine sehr gute Schülerin. Mach so weiter und du hast eine große Zukunft vor dir, hörst du?“

„Danke, Ms. Wittmann.“

Laurie schaute ihr noch kurz in die Augen, schaute auf ihre Wange und von dort weg auf ihre Lippe, und nickte ihr dann zu – das Zeichen, dass sie sich wieder hinsetzen durfte.

Für die Kinder endete das Schuljahr zehn Minuten später. Laurie blieb noch länger im Klassenzimmer sitzen und schaute nach draußen. In ihrem Kopf flogen die Gedanken in einer leichten Brise hin und her wie Blätter im Herbst. Laurie versuchte, sie zu ordnen. Schließlich dachte sie an Beverly Marks und an den schüchternen Blick in den Augen des Mädchens, als sie ihr das Zeugnis gegeben hatte und sie wohl gebetet hatte, keine weiteren Fragen über sich ergehen lassen zu müssen. Ihr Blick war so traurig gewesen wie bei keinem anderen Kind an diesem Tag. Laurie konnte sich überhaupt nicht erinnern, jemals einen so traurigen Blick in den Augen eines Kindes gesehen zu haben.

Beverly passte sich der Geschwindigkeit der anderen Kinder an, die schnellen Schrittes durch die Gänge und Treppenhäuser eilten, um so bald wie möglich draußen zu sein und den ersten Tag ihrer Freiheit genießen zu können. Erst, als sie auf den Treppenstufen vor dem Gebäude angekommen war und nur noch die letzten Stufen hinuntergehen musste, blieb sie für einen kurzen Moment stehen und schaute sich um. Überall waren Kinder, die kreuz und quer über den Schulhof liefen. Hin und wieder hatte sich auch ein Lehrer zwischen sie verirrt, aber das war die Ausnahme. Die meisten Lehrer trafen sich nach Ende der letzten Stunde noch im Lehrerzimmer, um die letzten Worte ihres Direktors zum Jahresabschluss zu hören und – natürlich – auch, um miteinander anzustoßen. Das Jahr war gut verlaufen, besser als das vorherige. Im letzten Schuljahr hatte es vor dem Gebäude einen tragischen Unfall gegeben, als eine gestresste Mutter ein Kind übersehen und es beim Ausparken mit dem Heck ihres Wagens mitgenommen hatte. Das Kind war später im Krankenhaus gestorben. Doch in diesem Jahr war alles glatt gelaufen, und wenndasfür einen Lehrer kein Grund war, anzustoßen, was sollte es denn dann für einen geben?

Beverlys Haare wurden von einem sanften Windstoß in Bewegung gebracht. Sie schloss die Augen, atmete einmal tief durch und ging dann die Treppe hinunter. Hätte sie in diesem Augenblick jemand gesehen, dann hätte dieser Jemand sie nicht für ein gerade dreizehn Jahre altes Mädchen gehalten, denn sie wirkte so viel älter, so viel erwachsener, dass es einem die Sprache verschlagen hätte. Erst, als sie die letzte Stufe hinter sich gelassen hatte, war dieser seltsame Moment wieder vorbei und auf dem Boden vor dem Schulgebäude stand wieder eine Schülerin, ein Mädchen, das sich zum einen freute, dass jetzt der lange Sommer kam, und zum anderen ein wenig wehmütig war, dass das Schuljahr nun hinter ihr lag.

Sie hatte beschlossen, zu Fuß nach Hause zu gehen. Das hatte sie früher schon gemacht, und bei diesem Wetter war das kein Problem. Sie brauchte für den Weg etwa eine Stunde, aber sie hatte bequeme Schuhe an, ihre Schultasche war leicht und die Sonne strahlte so freundlich vom Himmel, dass es eine Schande gewesen wäre, in einem überfüllten und stickigen Bus zu sitzen. Also drängte sie sich an den anderen Kindern vorbei und hielt sich zunächst ein wenig links, wo die große Sporthalle stand. In ihrem Schatten ging sie dann weiter vorbei an den schweren, steinernen Tischtennisplatten, die weniger zum Spielen als vielmehr als Sitzmöglichkeit verwendet wurden, hinunter durch die angelegten Terrassen zur Straße. Die Schule lag leicht erhöht auf einem kleinen Hügel, und wenn man unten an der Straße stand, wo jetzt die Autos der Eltern und die Busse sich ein wütendes Hupkonzert lieferten, musste man den Kopf leicht heben, um es zu sehen. Dazwischen lag eine Ansammlung von Grünflächen und Bäumen, die dafür sorgten, dass man in den Pausen im Freien sitzen konnte und sogar noch Schatten hatte, was gerade an manchen Tagen in den letzten Wochen dringend nötig gewesen war, als das Thermometer dreißig Grad leicht geknackt hatte.

Sie ging an ihrem Bus vorbei und winkte einem Mädchen zu, das sie kannte. Dieses erwiderte den Gruß und verschwand dann in einer Traube aus größeren Schülern, die in den Bus drängten als gäbe es kein Morgen mehr. Beverly lächelte und ging mit festen Schritten auf dem Gehsteig entlang weiter in Richtung Innenstadt. Langsam wurden die Geräusche leiser, das Hupen und die Schreie verklangen in der Ferne, und als sie schließlich um eine Ecke bog, waren es nur noch die üblichen Geräusche der Stadt, die sie wahrnehmen konnte. Da war das Klingeln eines Glöckchens oberhalb einer Ladentür, die gerade geöffnet wurde, entfernt das Bellen eines Hundes, Autos, die gemütlich durch die Straßen fuhren und das Husten eines Mannes, der sich an etwas verschluckt hatte und dem von einer hübschen jungen Frau, vielleicht seiner Freundin, auf den Rücken geklopft wurde, während er mit hochrotem Kopf etwas vornübergebeugt dastand.

Beverly überlegte kurz, welchen Weg sie nehmen wollte und entschied sich dann, nicht direkt durch die Stadt zu gehen, auch wenn das der kürzere Weg wäre. Sie bog an den nächsten beiden Kreuzungen jeweils nach rechts ab und kam so schließlich in eine ruhigere Seitenstraße, an deren Ende ein großer Park war, durch den man sowohl zu Fuß als auch mit dem Rad gelangen konnte. Dort war es zu dieser Zeit immer ruhig. Erst nach Feierabend trafen sich dort viele Gruppen mit ganz unterschiedlichen Zielen: die einen zum Grillen mit Freunden, die anderen zum Baseballspielen und wieder andere nur, um sich in der Abendsonne mit einem Glas Rotwein in das kleine Restaurant zu setzen, das das letzte Gebäude in der Straße war und an dem Beverly auch gerade vorbei ging. Noch war es leer, aber ein fleißiger Kellner hatte bereits damit begonnen, die Stühle von den Tischen zu nehmen und Schirme aufzustellen.

Der Park war ein großes Oval und man ging praktisch genau vom unteren Ende dieses Ovals hinein. Auf der linken Seite befanden sich zunächst nur wenige Bäume, weiter hinten dann ein kleiner Wald mit einem winzigen Teich in der Mitte, in dem ein paar Fische lebten. Auf der rechten Seite befand sich eine große Wiese, die nur ab und zu von fest montierten Sitzgruppen und Mülleimern unterbrochen wurden. Das Gelände war zuerst sehr eben, aber dann fiel es leicht ab. Weiter hinten kamen dann ein Baseballplatz und eine Minigolfanlage, die erst seit drei Jahren wieder geöffnet und es dann geschafft hatte, sowohl junge als auch alte Gäste anzuziehen. Am hinteren Ende des Parks befand sich ein gemauerter Platz mit einem kleinen Springbrunnen in der Mitte, der vor vielen Jahren von den wohlhabenderen Einwohnern gespendet worden war, in einer Initiative, die irgendetwas mit dem verschönern des Stadtbildes zu tun gehabt hatte. Dieser Initiative waren auch die zahlreichen neuen Laternen zu verdanken, die den Weg in regelmäßigen Abständen säumten. Wenn es dunkel war und man im Restaurant saß, ein Glas Wein in der einen Hand und einer Zigarette in der anderen, sah es so aus, als würde sich ein leuchtender Wurm seinen Weg durch den finsteren Park bahnen. Der Springbrunnen am anderen Ende war auch beleuchtet und rundete das Gesamtkunstwerk ab.

Ganz in Gedanken versunken nahm Beverly die Schreie zunächst nicht wahr. Erst, als ein lautes Lachen dazu kam, schreckte sie aus ihren Träumen hoch und blieb stehen. Die Geräusche waren von links gekommen, wo einige Bäume standen, ehe in etwa fünfzig Metern Entfernung dann der eigentliche Wald begann. Sie musste zweimal hinsehen, um die Gestalten zwischen den Bäumen zu erkennen. Sie glaubte, dass es sich um drei Jugendliche handeln musste, von denen einer um ein gutes Stück größer war als die anderen.

Dann wieder ein Schrei – ein Schmerzensschrei um genau zu sein. Dann wieder das Lachen. Beverly war sich sicher, dass es die drei Jugendlichen waren, die dort lachten. Aber wer schrie?

Ohne lange darüber nachzudenken ging sie vom Weg ab und in Richtung des Waldes. Als sie näherkam und ihre Augen sich an die Schatten gewöhnt hatten, konnte sie sehen, von wem die Schreie kamen. Es waren nicht nur die drei Jungen, die im Wald standen, sondern es waren vier. Der Vierte lag am Boden und war über und über mit Dreck besudelt. Als sie nahe genug dran war, konnte Beverly auch sehen, dass seine Nase blutete.

„Quieke für uns, du Schweinchen! Nur noch einmal!“, rief der Größte der drei, die um das am Boden liegenden Häufchen Elend standen.

„Quiek, quiek“, machte einer der anderen beiden, ehe er nach dem Jungen am Boden trat, und alle drei lachten.

Der vierte Junge versuchte aufzustehen, aber noch bevor er sich vom Boden hochdrücken konnte, wurde er schon wieder zu Boden getreten.

„Bleibst du wohl unten!“, rief der dritte Junge und trat noch einmal nach. Er traf sein Opfer in die Rippen, so dass er jaulend zu Boden ging und sich vor Schmerzen krümmte. Die anderen drei kicherten vergnügt.

Beverly war jetzt nahe genug bei ihnen, um ihre Gesichter zu sehen. Vom Sehen kannte sie alle, aber den dritten Kerl kannte sie persönlich beim Namen. Er hieß Tom und wohnte in derselben Straße wie sie, wenngleich auch immer noch über eine Meile entfernt.

„Was tut ihr denn da?“, rief sie empört aus.

Alle drei zuckten zusammen und fuhren herum, als hätten sie einen elektrischen Schlag bekommen. Sogar der Junge am Boden, ein etwas dickerer blonder Kerl mit geröteten Augen, schaute zu ihr hoch. In seinen Augen flammte kurz Hoffnung auf, gerettet zu sein, doch als er registrierte, dass es sich bei seiner vermeintlichen Rettung um ein kleines Mädchen handelte, dass etwa in seinem Alter war, sank er wieder zu Boden und atmete schwer weiter.

„Lasst ihn in Ruhe! Er kann sich doch schon gar nicht mehr wehren.“

Der größte Junge hatte sich am schnellsten wieder gefangen. Er lächelte Beverly böse an.

„Du vorlautes kleines Miststück. Sieh zu, dass du verschwindest, sonst landest du bei ihm auf dem Boden!“

„Du würdest ein Mädchen schlagen?“, fragte Beverly trotzig und ging noch einen Schritt auf sie zu. Die anderen beiden wichen zurück, nur der große Kerl blieb stehen und musterte sie interessiert. „Was würde deine Mutter sagen, wenn sie dich so sehen würde?“

„Wage es nicht, über meine Mutter zu sprechen!“, zischte er, aber Beverly konnte sehen, dass ihre Worte Eindruck hinterlassen hatten. Zumindest dachte er kurz darüber nach.

Sie ging noch einen Schritt auf die Gruppe zu. Dieses Mal wichen sie alle drei zurück. Ihr Blick fiel auf Tom.

„Tom - lasst ihn in Ruhe. Er kann sich doch überhaupt nicht mehr rühren.“

„Du kennst die Kleine?“, fragte der Große.

Tom schaute zu Boden. „Ja, Henry. Von früher – naja, sie wohnt in meiner Straße. Ich … kommt schon, vielleicht hat sie recht. Er ist fertig und wir haben noch den ganzen Sommer vor uns. Lassen wir die Sache für heute gut sein.“

„Bist du jetzt vollkommen übergeschnappt?“, fauchte Henry wütend und schlug Tom gegen den Oberarm. „Nur, weil ein Mädchen hier auftaucht?“

„Sie hat doch recht“, mischte sich der andere Junge ein. Beverly musterte ihn und war sich sicher, dass sie ihn auch irgendwoher kannte. Aber sein Name fiel ihr nicht ein, zumindest im Moment. Sie schaute auf den Jungen am Boden, der sich mit dem Handrücken das Blut vom Gesicht wischte, es aber nicht wagte, den Blick zu heben.

„Alan – du auch noch?“ Henry gab ein verächtliches Schnaufen von sich und schloss für einen Moment die Augen. Als er sie wieder öffnete, fiel sein Blick auf Beverly. Ihr Herz machte einen erschrockenen Sprung, als sie das böse Blitzen darin sah. „Gut, wir verschwinden. Das Wetter ist gut und der Sommer noch lang. Aber wir sind noch nicht fertig, klar? Nicht mit ihm und erst recht nicht mit dir, klar?“

„Klar“, antwortete Beverly und schaute ihm fest in die Augen. „Wie du meinst.“

Henry leckte sich über die Lippen und nickte. Dann drehte er sich um, trat noch einmal gegen den am Boden liegenden Jungen und ging dann an Beverly vorbei, wobei er es sich nicht nehmen ließ, ihr mit der Schulter einen kräftigen Stoß mitzugeben. Beverly hatte alle Hände voll damit zu tun, nicht zu stürzen und ihm diesen Erfolg zu gönnen, und sie blieb auch stehen. Alan und Tom gingen ohne solche Aktionen an ihr vorbei und schauten ihr auch nicht einmal in die Augen. Sie mussten einige Meter laufen, um Henry einzuholen. Dann gingen sie alle drei nebeneinander in Richtung Springbrunnen davon.

Beverly schaute ihnen noch nach, bis sie sich sicher war, dass sie nicht wieder zurückkommen würden. Dann atmete sie einmal tief durch.

„Danke.“

Sie drehte sich um. Der Junge, der am Boden gelegen hatte, saß jetzt bereits aufrecht da und wischte sich immer noch das Blut vom Gesicht. Seine Hände waren ganz rot verfärbt, aber Beverly bemerkte, dass sie Blutung in der Nase schon aufgehört hatte und sich bereits eine dunkle Kruste über seiner Oberlippe bildete.

„Was hast du ihnen getan?“, fragte sie.

Er zuckte mit den Schultern. „Die sehen nicht so aus, als bräuchten sie einen Grund, um jemanden zu verprügeln.“

„Wie kommt es, dass ich dich hier noch nie gesehen habe?“

„Ich bin noch nicht lange auf dieser Schule. Erst vier Wochen oder so.“

Er stand auf und klopfte sich den Staub von den Klamotten. Er war ziemlich mitgenommen – ein Knopf von seinem Hemd war ausgerissen, sein linker Ärmel war kaputt und auch seine Hose hatte einiges abbekommen. Außerdem waren überall kleine Blutflecke zu finden. Er schaute an sich herab und verzog das Gesicht zu einer Grimasse, die Beverly ein Lächeln auf die Lippen zauberte. Es war eine Mischung aus angewidertem Staunen und humorvollem Feststellen.

„Meine Mum wird sich freuen“, gab er zu Protokoll und schaute Beverly an.

Jetzt konnte sie sich nicht mehr zurückhalten und lachte laut auf. Er betrachtete sie einen Moment lang fragend, dann stimmte er ein. So standen sie sich lachend gegenüber, zwei Fremde, und machten so die Schmerzen und die Angst vergessen, wie es nur Kinder können.

„Mein Name ist Michael. Michael Tanning.“ Er hielt ihr die Hand hin. „Aber meine Freunde nennen mich Mike.“

„Freut mich dich kennenzulernen, Mike.“ Sie drückte seine Hand. „Ich bin Beverly Marks. Meine Freunde nennen mich Beverly.“

Sie lächelte.

„Ich werde dich Bev nennen.“

Sie schaute ihn verwirrt an. „Warum?“

„Jeder Name verdient eine Abkürzung. Beverly ist ein schöner Name, aber der ist auch ganz schön lang. Bev kling irgendwie cooler.“

Sie dachte kurz darüber nach, dann nickte sie. „Warum eigentlich nicht?“

Mike seufzte. „Jetzt muss ich nur noch überlegen, wie ich damit klarkommen soll, dass mich ein Mädchen gerettet hat. Das ist nichts, womit ich auf dem Schulhof mehr Freunde finden würde, hm?“

„Ich werd es keinem verraten. Und wenn du auch niemandem davon erzählst dann wissen es nur wir beide und diese drei Schläger. Und denen glaubt doch sowieso niemand, hab ich nicht recht?“

Er zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ja, vielleicht nein.Ichweiß es aber. Mein inneres Ich wird sich lange Zeit darüber schlapp lachen was für ein Weichei ich bin.“

Beverly lächelte. „Du wirst sicher die Gelegenheit bekommen, dich bei mir zu revanchieren.“

Mikes Gesicht hellte sich auf. „Meinst du wirklich?“

Sie nickte. „Man bekommt im Leben für alles die Möglichkeit, es zu verändern oder zu verbessern. Man muss die Möglichkeiten nur finden und sehen.“

Sie standen sich einen Moment schweigend gegenüber. Mike schaute auf seine Füße, Beverly auf Mikes rundes Gesicht, das zwar blutverschmiert war, aber trotzdem freundlich wirkte.

„Wo wohnst du?“

„Kennst du das große Autokino?“

„Ja.“

„Nicht weit von dort. Wenn ich aus dem Fenster schaue, kann ich die Filme mit ansehen. Es sind dann zwar Stummfilme, aber besser als gar nichts, oder?“

„Dann könnten wir ein Stück zusammen gehen. Das liegt fast direkt auf meinem Heimweg.“

Das war eine Lüge, aber wohl keine, für die man nach seinem Tod in die Hölle kam. Sie tat niemandem weh. Eigentlich war es für Beverly ein kleiner Umweg, aber sie hatte es nicht eilig und Zuhause wartete außer Belle niemand auf sie. Bis ihr Vater von der Arbeit zurück kam würde die Sonne schon untergegangen sein.

„Klar.“ Mike war anzusehen, dass er froh war, nicht wieder alleine sein zu müssen.

Gemeinsam verließen sie den Wald, gingen zurück auf den Weg und dann durch den Park weiter in die Stadt. Sie unterhielten sich den ganzen Weg über, und als Beverly und Mike sich schließlich vor seinem Haus trennten, verabredeten sie sich für den nächsten Tag.

Damit begann der Sommer.

Im Baumhaus

Als Shawn nach Hause kam, saß Laurie in ihrer kleinen Küche am Tisch und spielte lustlos mit der Kordel des Vorhangs, der am Fenster hing. Im Backofen schmorte ein Braten vor sich hin, der das ganze Haus in einen abenteuerlich guten Geruch hüllte, und in einem Topf, der nur noch bei halber Hitze auf dem Herd stand, warteten die Kartoffeln darauf, die Dunkelheit hinter sich zu lassen, um auf einem Teller zu landen.

Er blieb im Türrahmen stehen.

„Du bist eine super Köchin, weißt du das eigentlich?“

„Warte nur mal, bis du es probiert hast. Das, was mein Vater kocht, riecht auch immer gut.“

Shawn zuckte mit den Schultern. „Bei dir bin ich mir sicher.“

Sie lächelte ihn an. „Ich mir bei dir auch.“

Ihre Blicke trafen sich und Laurie spürte, wie am ersten Tag ihres Kennenlernens, wie ihr Herz höherschlug. Er kam ganz durch die Tür, bückte sich zu ihr herunter und gab ihr einen Kuss auf die Stirn. Sie berührte ihn am Arm und streichelte ihn sanft.

„Wie war dein Tag?“

„Nichts Besonderes. Der Briefkasten der alten Mrs. Tekle ist in der Nacht schon wieder zerstört worden.“

„Schon wieder?“

„Ja. Sie sagt, sie hat in der Nacht ein Geräusch gehört, aber in der Dunkelheit nichts gesehen. Sie glaubt, dass es ihr Nachbar ist, aber es ist nicht so leicht, dem etwas nachzuweisen. Gründe dafür hätte er genug – und ich wäre der letzte Mensch, der ihn nicht verstehen würde. Die Frau ist verrückt, Laurie, einfach nur verrückt! Hat ihn bei Alf angeschwärzt, dass er angeblich in seinem Keller irgendwelche illegalen Dinge mit Alkohol macht.“

„Schnaps brennen?“