Ein Sommer voller Überraschungen - Anna Sonngarten - E-Book

Ein Sommer voller Überraschungen E-Book

Anna Sonngarten

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Beschreibung

In diesen warmherzigen Romanen der beliebten, erfolgreichen Sophienlust-Serie wird die von allen bewunderte Denise Schoenecker als Leiterin des Kinderheims noch weiter in den Mittelpunkt gerückt. Denise hat inzwischen aus Sophienlust einen fast paradiesischen Ort der Idylle geformt, aber immer wieder wird diese Heimat schenkende Einrichtung auf eine Zerreißprobe gestellt. Diese beliebte Romanserie der großartigen Schriftstellerin Patricia Vandenberg überzeugt durch ihr klares Konzept und seine beiden Identifikationsfiguren. Sina schaute aus dem Fenster im ersten Stock eines schlichten Mehrfamilienhauses. Das kleine Mädchen mit den lichtbraunen feinen Haaren hatte sich einen Hocker ans Fenster gestellt, um die Straße vor dem Haus besser überblicken zu können. Im Hintergrund hörte sie ihren Vater rumoren. Er packte. Dabei sprach er immer mal wieder mit sich selbst. »Wo ist der Neoprenanzug … den hatte ich doch … Ach da ist er ja.« »Da kommt Mama!«, rief Sina plötzlich, sprang von dem Hocker herunter und wollte zur Tür eilen. Dabei stolperte sie über eine große Reisetasche, die eben noch nicht dagestanden hatte. »Pass auf, Sina!«, rief Jacques Schneider unnötigerweise, denn es war schon passiert. Sina hatte sich aber nicht wehgetan, rappelte sich auf und drückte den Türöffner, noch bevor ihre Mama klingelte. So war es meistens. Zoe Günther lächelte. Sie wurde erwartet. Sina ließ sich in ihre Arme fallen, sobald Zoe auf dem Treppenabsatz erschien und wie immer trug die junge Mutter ihre Tochter über die Türschwelle. Noch war das kein Problem. Sina war erst acht. »Ups, Schätzchen. Ich setz dich mal wieder ab.

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Seitenzahl: 128

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Sophienlust - Die nächste Generation – 156 –Ein Sommer voller Überraschungen

Drei Wochen, die alles verändern

Anna Sonngarten

Sina schaute aus dem Fenster im ersten Stock eines schlichten Mehrfamilienhauses. Das kleine Mädchen mit den lichtbraunen feinen Haaren hatte sich einen Hocker ans Fenster gestellt, um die Straße vor dem Haus besser überblicken zu können. Im Hintergrund hörte sie ihren Vater rumoren. Er packte. Dabei sprach er immer mal wieder mit sich selbst.

»Wo ist der Neoprenanzug … den hatte ich doch … Ach da ist er ja.«

»Da kommt Mama!«, rief Sina plötzlich, sprang von dem Hocker herunter und wollte zur Tür eilen. Dabei stolperte sie über eine große Reisetasche, die eben noch nicht dagestanden hatte.

»Pass auf, Sina!«, rief Jacques Schneider unnötigerweise, denn es war schon passiert. Sina hatte sich aber nicht wehgetan, rappelte sich auf und drückte den Türöffner, noch bevor ihre Mama klingelte. So war es meistens. Zoe Günther lächelte. Sie wurde erwartet. Sina ließ sich in ihre Arme fallen, sobald Zoe auf dem Treppenabsatz erschien und wie immer trug die junge Mutter ihre Tochter über die Türschwelle. Noch war das kein Problem. Sina war erst acht.

»Ups, Schätzchen. Ich setz dich mal wieder ab. Hallo, Jacques … was machst du? Bist du nicht ein bisschen früh dran mit Koffer packen?«

»Wieso früh? Morgen geht es doch los. Mein Vertrag startet am fünfzehnten.« Jacques sah kurz auf und dann wieder auf das Chaos im Wohnzimmer. Überall lagen Sachen, die noch eingepackt werden sollten.

»Wie bitte? Das ist jetzt nicht dein Ernst, Jacques. Mein Vertrag beginnt am fünfzehnten, deiner drei Wochen später. So war es vereinbart! Ich arbeite die erste Hälfte der Sommerferien und du die zweite. So machen wir es doch immer.«

»Nein, da irrst du dich Zoe. Es ist genau umgekehrt.« Er zog sein Smartphone aus der Jeanstasche und zeigte ihr ein Schreiben. Sie sah kurz auf die Daten. Dann holte sie ihr Smartphone hervor und zeigte ihm ihren Vertrag. Es war derselbe Zeitraum, nämlich ab dem fünfzehnten drei Wochen im »Club Surfstar« an der Algarve. Für einen Moment sahen sich die beiden entgeistert an. Dann polterte Maren los.

»Ich glaub`s nicht. Das kann doch nicht wahr sein! Ich weiß ganz genau, dass es anders abgesprochen war. Wo hast du nur deinen Kopf, Jacques!?«

»Ach, jetzt bin ich es wieder. Madame macht natürlich immer alles richtig und ich bin mal wieder der Trottel … Darf ich dich daran erinnern, dass du den letzten Elternabend verpasst hast und beim Schulfest ohne den versprochenen Kuchen aufgetaucht bist …«

»Jetzt komm mir doch nicht mit diesen alten Kamellen. Das ist Monate her und bei Weitem nicht so schlimm wie … was sollen wir jetzt überhaupt machen? Kannst du deinen Vertrag rückgängig machen?«

»Nein, natürlich nicht, Zoe. Ich brauche das Geld genauso wie du.«

Zoe und Jacques waren beide Animateure ohne feste Anstellung. Jacques war Surf-Instructor und Fitnesstrainer. Maren war Tänzerin. Sie bot Zumba, Latin Dance und auch Pilates an. Sie waren nicht verheiratet und hatten sich knapp zwei Jahre nach Sinas Geburt getrennt. Aber beide kümmerten sich um ihre Tochter, die mal bei Papa mal bei Mama wohnte. Normalerweise klappte das ganz gut. Dieser Meinung waren jedenfalls die beiden jungen Eltern. Außer kleineren Absprachefehlern war noch nichts schiefgelaufen, was man nicht wieder hatte geradebiegen können. Wenn auch auf den letzten Drücker und mit viel Wirbel. Die beiden temperamentvollen jungen Eltern stritten viel und heftig und schoben einander regelmäßig ihre fehlerhaften Absprachen in die Schuhe. So war es auch jetzt. Es ging lautstark mit gegenseitigen Schuldzuweisungen über mehrere Runden, wobei sie nicht bemerkten, dass sich Sina ins Schlafzimmer geschlichen und die Bettdecke über den Kopf gezogen hatte.

»Was sollen wir tun? Wie können nicht beide gleichzeitig im Club arbeiten«, stellte Zoe genervt fest, um endlich zur Lösung des Problems vorzudringen.

»Vielleicht kann Sina bei Bernd bleiben«, schlug Jacques vor.

»Auf gar keinen Fall, Jacques. Dein Vater bläst immer Trübsal, raucht wie ein Schlot, kann nicht kochen und der Fernseher läuft von morgens bis abends. Das kommt gar nicht infrage.« Zoe funkelte Jacques böse an.

»Bernd wäre jedenfalls mit Sicherheit bereit einzuspringen, was man von Maren kaum erwarten dürfte«, ätzte Jacques und fuhr dann mit möglichen Ausreden fort, die Sinas Oma schon oft parat gehabt hatte, wenn es um ihren Einsatz bei ihrer Enkelin ging.

»Maren wird uns bestimmt von ihren Bridge-Nachmittagen erzählen, oder von Vernissagen, die sie nicht verpassen dürfte, oder von anderen wichtigen Terminen wie Shoppingtouren nach München …«

»Rede nicht so über meine Mutter …«, drohte Zoe, obwohl sie wusste, dass Jacques recht hatte. Maren war nicht gerade das, was man sich unter einer engagierten und fürsorglichen Oma vorstellte. Sina durfte sie noch nicht einmal Oma nennen, weil sich Maren dafür zu jung fühlte. Sie wollte bei ihrem Vornamen genannt werden.

Für einen Moment standen sich die beiden fast feindselig gegenüber, bis sie plötzlich ein Schluchzen aus dem Schlafzimmer hörten. Sie stürzten sofort los, ließen sich zu beiden Seiten auf der Bettkante nieder und sprachen gleichzeitig auf ihre Tochter ein.

»Schätzchen, was ist los?«

»Du brauchst doch nicht zu weinen. Wir finden bestimmt eine Lösung.«

»Wir haben doch bisher immer eine Lösung gefunden …«

»Wie lassen dich doch nicht allein …«

Beide liebten Sina und es war ihnen ernst mit ihren Beteuerungen, aber in Wirklichkeit sah es dieses Mal düster aus. Sie hatten keine Lösung, denn mitnehmen konnten sie die Achtjährige nicht. Selbst wenn Clubchef Bill ein Auge zugedrückt hätte, wäre es schwierig geworden. Der Club »Surfstar« war kein Familienressort. Sein Programm war auf junge Erwachsene und jung gebliebene ältere Sportenthusiasten ausgerichtet, aber nicht auf Familien. Es gab weder Kinderanimation noch eine kindgerechte Poollandschaft. Und wer hätte sich um Sina kümmern sollen, wenn Zoe und Jacques ihre Kurse leiteten? Der Job ging praktisch rund um die Uhr. Die beiden Freiberufler konnten auf dieses Einkommen nicht verzichten. In den wenigen Wochen verdienten sie so viel, dass sie Flauten ausgleichen konnten. Beide leiteten übers Jahr Kurse in Fitnessstudios und im Rehasport. Es war ein Auf und Ab. Mal lief es super, dann auch mal weniger gut. Der Freizeitsport folgte eigenen Gesetzen. Man musste sich anpassen. Eine Zeit lang stand plötzlich Bogenschießen ganz hoch im Kurs oder Aquajogging. Dann war es wieder Yoga oder Chi-Gong. Das Einkommen, das sie im Club generierten, war deshalb ihr Polster, wenn es schlecht lief.

Sina beruhigte sich langsam, kam unter der Bettdecke hervor und setzte sich auf. Sie schniefte noch ein paar Mal und dann sah sie ihre Eltern mit großen Augen an.

»Wenn ihr euch immer streitet, habe ich selber eine Idee. Ich will zu Heidi. Sie wohnt in Sophienlust. Das ist ein Heim, aber dort soll es ganz toll sein.«

Zoe und Jacques sahen sich an.

»Wer ist Heidi? Was ist Sophienlust?«, fragten sie wie aus einem Mund.

»Heidi ist meine Freundin. Sie wohnt in einem Kinderheim. Das Kinderheim heißt so«, erklärte Sina wichtig.

»Sophienlust. Davon habe ich noch nie etwas gehört«, musste Jacques zugeben. Zoe war neu, dass Sina eine Freundin namens Heidi hatte. Aber beide waren so ratlos, dass ihnen die Idee mit dem Kinderheim wie ein Rettungsring erschien, der ihnen im letzten Moment zugeworfen wurde, bevor sie in der stürmischen See versanken. Sie griffen zu.

*

Dominik von Wellentin-Schoenecker, wie sich Nick, der junge Besitzer von Sophienlust, bei den Eltern der kleinen Sina vorgestellt hatte, versuchte sich seit geraumer Zeit ein Bild von Zoe Günther und Jacques Schneider zu machen. Sie saßen im Biedermeierzimmer. Der stilvolle, aber dennoch behagliche Raum mit den Biedermeiermöbeln war als Empfangszimmer und für Besprechungen vorgesehen. Die Kinderschwester Regine Nielsen und die Heimleiterin Else Rennert waren auch anwesend und die Köchin Magda schob gerade einen Teewagen herein und wurde somit ebenso Zeuge von den heftigen Auseinandersetzungen, die das junge Elternpaar lautstark vor ihnen austrug.

»Entschuldigen Sie bitte«, unterbrach Nick die beiden endlich.

»Es ist eigentlich nicht so wichtig, wessen Schuld es ist, dass sie mit Ihren Terminen durcheinandergekommen sind. Erzählen Sie doch stattdessen mal, was wir über Sina wissen müssen«, schlug er vor, hatte aber damit unbeabsichtigt ein weiteres Feld der Uneinigkeit angesprochen.

»Sina hat viele Allergien und Unverträglichkeiten. Ich habe eine Liste mitgebracht. Da steht alles drauf, was sie nicht essen darf«, sagte Zoe und kramte ein Blatt aus ihrem Rucksack, der ihr offenbar auch als Handtasche diente.

»Kümmern Sie sich nicht um die doofe Liste. Das ist alles Quatsch. Zoe hat einen Ernährungstick und überträgt ihre Spinnereien auf Sina«, protestierte Jacques ungnädig.

»Ach, was du nicht sagst … bei dir hat sie also keine Bauchschmerzen, wenn sie Laktose oder Weizen isst?«, fuhr Zoe Jacques an.

»Doch schon, aber ich mache da kein Drama draus … Dann bekommt sie halt eine Wärmflasche und gut ist es«, behauptete Jacques.

Zoe verdrehte die Augen und murmelte »typisch«.

»Geben Sie mir die Liste«, bot Magda freundlich an. Sie reichte der aufgebrachten jungen Frau eine Tasse Tee und nahm die Liste entgegen.

»Danke«, sagte Zoe und ein kleines Lächeln erhellte ihre angespannten Züge. Sie war eine hübsche Frau, die ihre langen Haare zu einem Dutt aufgetürmt hatte. Einige Strähnen fielen ihr ins Gesicht. Sie klemmte sie ständig hinter die Ohren. Auch Jacques sah gut aus. Er war groß und muskulös. Sein gestählter Körper schien dafür gemacht zu sein, als Fitnesstrainer zu arbeiten.

Nick entfuhr ein Seufzer. »Also, Sina braucht drei Wochen Betreuung, während Sie beide als Animateure in einem Club an der Algarve arbeiten. Gibt es weitere Ansprechpartner, oder können wir sie kontaktieren, wenn es ein Problem mit Sina geben sollte?«

»Meinen Vater Bernd Schneider können Sie jederzeit anrufen. Ich gebe Ihnen die Nummer«, bot Jacques an.

»Bloß nicht Bernd. Ich gebe Ihnen die Nummer von meiner Mutter«, widersprach Zoe.

Jacques lachte spöttisch. »Maren Günther wird aber keine Zeit haben. Das kann ich Ihnen schon mal verraten.«

Nick, Regine, Else und Magda warfen sich heimliche Blicke zu. Was war das für ein seltsames Gespann? Waren sie sich in irgendetwas einig?

»Ich möchte gerne beide Nummern haben«, sagte Nick klar. Ihm wurde das langsam zu bunt.

»Möchten Sie noch eine Führung durch das Haus und den Park, damit Sie sich einen Eindruck verschaffen können, wo Ihre Tochter in den nächsten drei Wochen zu Hause ist?«, fragte Else Rennert vorsichtig.

»Das ist sehr freundlich …«, begann Zoe.

»Wir müssen leider los. Der Flieger wartet nicht …«, setzte Jacques mit einem Blick auf die Uhr fort.

Tatsächlich war alles in größter Hektik organisiert worden. Nachdem Sina Sophienlust ins Spiel gebracht hatte, galt es keine Zeit mehr zu verlieren. Im Internet hatten sie sich die Telefonnummer herausgesucht und dann für den nächsten Tag einen Termin mit dem Besitzer vereinbart. Danach waren in aller Eile Sinas Sachen zusammengesucht und die überraschten Großeltern informiert worden. Maren und Bernd wurde gesagt, dass sie sich nicht zu kümmern brauchten. Alles sei perfekt organisiert. Nur in Notfällen würde man sich bei ihnen melden. Sina hatte bei ihrer Mutter übernachtet und Jacques hatte die beiden am nächsten Morgen abgeholt. Erst als sie das schmiedeeiserne Tor mit Jacques altem Kombi passiert hatten und das stolze Herrenhaus mit der imposanten Freitreppe in dem riesigen Park gesehen hatten, war ihnen plötzlich die Lage bewusst geworden, in die sie sich selbst und vor allem Sina gebracht hatten. Das schlossähnliche Gebäude passte so wenig zu ihrem provisorischen Lebensstil, dass es ihnen für einen Moment den Atem verschlagen hatte.

»Ach du meine Güte. Das ist ja ein Schloss«, hatte Zoe erschrocken ausgerufen.

»Krass!«, hatte Jacques verlauten lassen.

Ein kurzer Moment der Einigkeit, bis ihnen wieder eingefallen war, wer Schuld an dem ganzen Schlamassel hatte.

Beiden schien nicht bewusst zu sein, was für ein Bild sie abgaben. Doch jetzt schien erst mal alles gesagt zu sein. Zoe stellte ihre Teetasse ab und warf sich den Rucksack über eine Schulter. Sie schienen beide bereit zu sein, um aufzubrechen.

»Gut, dann gibt´s keinen Rundgang. Aber Sie wollen sich sicher noch von Sina verabschieden«, sagte Nick überrascht. Er hätte Zoe Günther und Jacques Schneider zugetraut, auch das zu vergessen. Und im Flugzeug wären sie dann in Streit geraten, wessen Schuld nun das wieder gewesen sei.

»Natürlich«, beeilte sich Zoe zu sagen. Else führte sie dann in Zimmer 3 im ersten Stock. Das war das Zimmer von Heidi. Die beiden Mädchen saßen auf Heidis Bett und schauten sich gemeinsam ein Fotoalbum an. Es beinhaltete Aufnahmen aus der Zeit als Sophie von Wellentin, die Urgroßmutter von Nick, das Herrenhaus bewohnte. Die Fotos waren schwarz-weiß und nicht sehr scharf, aber sie zeigten, dass sich an dem noblen Hause seitdem nicht viel verändert hatte. Heidi erzählte Sina gerade die Geschichte, wie Sophienlust zum Kinderheim geworden war.

»Hallo, Sina. Deine Eltern wollen sich von dir verabschieden«, unterbrach Else Heidis Erzählung.

»Oh, schon?«, fragte das Mädchen überrascht. Sina begleitete ihre Eltern nach unten bis zum Auto. Der alte verbeulte Kombi stand vor der Freitreppe, als hätte er sich verirrt.

»So, mein Schatz. Wir müssen zum Flughafen. Ich glaube, du wirst uns nicht vermissen. Drei Wochen sind schnell vorbei«, sagte Jacques und hob Sina hoch. Sie schlang ihre dünnen Kinderärmchen um seinen Hals und drückte ihren Vater ganz fest. Dann nochmal dasselbe mit Zoe.

»Du hast bestimmt schöne Ferien, meine Kleine«, sagte Zoe, obwohl nicht klar war, woher sie ihre Zuversicht nahm. Viel gesehen hatte sie von Sophienlust nicht.

»Das glaube ich auch«, antwortete Sina tapfer. Zoe streichelte ihr über das lichtbraune Haar, das Sina in einem dünnen Flechtzopf zusammengebunden trug. Die feinen Haare hatte sie von Jacques geerbt. Die großen grünen Augen von Zoe. Wem die Kleine charakterlich ähnelte, darüber konnten sich ihre Eltern genauso wenig einigen, wie über alles andere. Jacques mahnte nervös zur Eile.

»Wir müssen los, Zoe!«

Nick und Regine beobachteten die Szene.

»Denen mangelt es nicht an Liebe für Sina, aber an Zeit«, diagnostizierte Regine.

»Ja, auch das«, meinte Nick, ließ aber unbeantwortet, woran es Jacques und Zoe noch mangelte.

Regine lachte kurz auf. Sie hatte verstanden, was Nick meinte.

»Bei manchen Paaren fragte man sich, wie sie überhaupt zusammengefunden haben, oder ob sie sich jemals verstanden haben«, überlegte sie.

»Jetzt verstehen sie sich jedenfalls so etwas von gar nicht …« Nick schüttelte den Kopf. Arme Sina dachte er.

*

Jacques und Zoe hatten sich vor neun Jahren in Spanien in einem Surf-Camp kennengelernt. Beide waren damals sehr jung, sehr attraktiv und sehr lebenslustig. In diesem ›Endless Summer‹ unter der heißen spanischen Sonne hatte es sie mit größter Selbstverständlichkeit zueinander gezogen. Ein Magnetismus aus Leidenschaft, Unbeschwertheit und Lebensgier hatte ihnen ein rauschhaftes Liebesglück beschert. Keine Party war ihnen zu laut, keine Unternehmung zu anstrengend, kein Blödsinn zu albern und am Ende war Zoe schwanger. Das war nicht vorgesehen gewesen.

»Was ist Jacques Schneider von Beruf?«, hatte Maren Günter geschäftsmäßig gefragt, als sie von der Schwangerschaft ihrer Tochter erfahren hatte.

»Surfinstructor, Mama. Also Surflehrer.«

»Ist das ein Beruf?«, hatte Maren mit hochgezogenen Augenbrauen gefragt. Das war der Beginn ihrer skeptischen Haltung gegenüber Jacques, die sie in den zurückliegenden Jahren nie aufgegeben hatte.