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Die Sonne versank rot flimmernd im Meer. Der Wind brauste ungestüm übers Land, die Wellen rollten schwer und kalt an den Strand. Kaum einer hielt sich draußen auf. Die bunten, lustigen Sonnenschirme des Sommers; die mobilen Restaurants auf hart gewalztem Sand, die Buvettes; die nimmermüden Strandverkäufer und die lauten Touristen waren verschwunden. Geblieben waren Dünen und Stille. Am Ufer stand eine einsame, schlanke Gestalt, tief in einen warmen Mantel vergraben, den weiten Kragen schützend hochgeschlagen. Sie schaute zum endlosen Horizont hinaus und gab sich der Vergangenheit hin. Cathérine Chapuis erinnerte sich an einen bestimmten Sommer, an einen Sommer voller Wunder! Begleiten Sie sie in den Sommer und Sie werden neben den Menschen das Land in der Sonne noch besser kennenlernen
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Seitenzahl: 129
Veröffentlichungsjahr: 2022
Esther Grünig-Schöni
Ein Sommer voller Wunder
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
EINLEITUNG
Prolog
1. KAPITEL
2. KAPITEL
3. KAPITEL
4. KAPITEL
5. KAPITEL
6. KAPITEL
AUSKLANG
Impressum neobooks
Viele leben in der Vergangenheit, mancher eilt bereits in die Zukunft.
Menschen kommen und gehen, Augenblicke fliegen vorbei, und oft tun sie das, ohne bemerkt zu werden, weil die Gegenwart als zu unwichtig angesehen wird.
Die Sonne versank rot flimmernd im Meer. Der Wind brauste ungestüm übers Land, die Wellen rollten schwer und kalt an den Strand.
Kaum einer hielt sich draußen auf. Die bunten, lustigen Sonnenschirme des Sommers; die mobilen Restaurants auf hart gewalztem Sand, die Buvettes; die nimmermüden Strandverkäufer und die lauten Touristen waren verschwunden. Geblieben waren Dünen und Stille.
Am Ufer stand eine einsame, schlanke Gestalt, tief in einen warmen Mantel vergraben, den weiten Kragen schützend hochgeschlagen. Sie schaute zum endlosen Horizont hinaus und gab sich der Vergangenheit hin.
Cathérine Chapuis erinnerte sich an einen bestimmten Sommer, an einen Sommer voller Wunder!
Sie kam seit drei Tagen an ihm und seinem Iglu-Zelt vorbei, wenn sie sich duschen, Zähneputzen oder wenn sie abwaschen ging; jedes Mal, wenn sie etwas bei den Sanitäranlagen zu tun hatte. Denn seine Behausung hatte er sich gleich neben dem Weg eingerichtet. Neben seinem graugrünen Zelt stand ein schweres, lila Motorrad, und am Boden neben dem Baum lag eine leicht ausgefranste, oft benutzte Matte.
Katie lebte gerne auf diesem Zeltplatz. Trotz seiner Größe, herrschte eine familiäre Atmosphäre. Die Anlagen wirkten sauber, aber nicht steifsteril. Bäume und Sträucher spendeten Schatten. Genügend Freiraum für jeden war vorhanden. Für Wassersportler stand ein Schwimmbad zur Verfügung, und außerdem ein Pool, der zum gutgeführten Restaurant gehörte. Die großzügig gestalteten Freizeitanlagen lockten. Ein Fußballplatz für eifrige Spieler war angelegt worden. Ganz in der Nähe befand sich ein Tennisplatz, eine Minigolfanlage und auch vielfältige Reitmöglichkeiten fehlten nicht. Wer wollte, konnte in einem Kurs die Kunst des Tauchens oder des Bogenschießens erlernen. Die Direktion und die Animatoren betreuten die Feriengäste freundlich und organisierten viele Veranstaltungen. Außerdem war der Strand nicht weit.
Diesmal hatte Katie ihre ganzen Ferien zusammengelegt. Dabei waren sechs Wochen herausgekommen, ausreichend, um sich endlich ganzheitlich zu erholen. Einige Bekannte hatte sie bereits gefunden, mit denen sie gelegentlich etwas unternahm, ohne sie gesucht zu haben; junge, unkomplizierte Leute. Hier fiel es ihr nicht schwer, Kontakte zu knüpfen. Wie die meisten Menschen war auch sie in den Ferien offen für Eindrücke und Beziehungen.
Doch der Junge da, mit dem kleinen, praktischen Zelt schien das Alleinsein und die Musik zu mögen. Oft saß er vor seiner Behausung auf der erwähnten Matte, schien aber die Umwelt nicht wahrzunehmen. Entweder war er in ein dickes Buch vertieft, döste vor sich hin. Oder er zeichnete und hörte dazu Musik aus einem tragbaren Gerät, das unscheinbar neben ihm stand. Er schloss sich niemandem an, und sie sah ihn nie mit Kollegen zusammen. Auch an dem frühen Abend, an dem alles begann, saß er mit einem großen Block auf den Knien still da, angelehnt an den robusten Stamm des Baumes und zeichnete konzentriert. Musik von King Roger begleitete sein Tun. Er hatte offensichtlich eine Kassette eingelegt. Damit bewies er ihrer Meinung nach Geschmack. Außerdem war Katie inzwischen neugierig auf ihn geworden und zusätzlich ein bisschen mutiger. Darum trat sie leise näher, um ihm zuzusehen. Sofort hob er den Kopf. Seine feuchten Haare glänzten in der Sonne.
Eine dunkle, undurchdringliche Brille verdeckte seine Augen. Als er sie ansprach, empfand sie es als erstaunlich, dass er überhaupt reden konnte. "Gefällt es dir?" Er sprach sehr ruhig. Da wagte sie sich noch näher, um besser zu sehen. Eine heitere, sonnige Camargue-Landschaft hatte er leicht aufs Papier skizziert. Die Ausführung zeugte von Können und Einfühlungsvermögen. "Ja, das ist gut. Sie ist sehr schön, zeigt, dass du einen eigenen Stil hast. Die Sonne, das Licht lebt darin. Bist du ein Künstler?"
"Nein. Das ist ein Hobby."
"Du zeichnest viel." Er lächelte und wirkte überhaupt nicht zugeknöpft. Weiße, ebenmäßige Zähne wurden sichtbar. Einen sinnlichen Mund hatte er, und der warme Klang seiner Stimme erzeugte ein angenehmes Vibrieren in ihr. "Bist du schon lange hier? Ich habe dich einige Male gesehen."
"Du hast mich bemerkt?"
"Was ist daran so seltsam?"
"So vertieft wie du immer bist."
"Aha." Nun grinste er, und sie sprach hastig weiter. Es war ihr peinlich, dass er sie beim Beobachten erwischt hatte. Das sah ja aus, als ob... "Etwa eine Woche bin ich hier."
"Und? Bleibst du noch eine Weile?" Auf einmal fühlte sie sich befangen, irgendwie ihm ausgeliefert. "Noch fünf Wochen."
"Das ist stark! So lange hast du Ferien? Du musst einen großzügigen Chef haben. Oder studierst du? Am Ende Kunst?"
"Nein. Ich arbeite in einem Reisebüro. Ich habe alles zusammengelegt, hatte viel zu gut. Davon profitiere ich mehr, als wenn ich hier und da eine Woche oder vierzehn Tage beziehe."
"Du musst dich nicht vor mir rechtfertigen." Bevor sie darauf eingehen konnte, fragte er weiter: "Zeichnest oder malst du? Du hast so sachkundig geschaut."
"Nein. Ich mag Kunst, und vor allem Zeichnungen."
"Warum? Warum Zeichnungen?"
"Die Möglichkeiten des Bleistifts, die feinen Nuancen, die Kontraste; die Aussagekraft, die mit diesem einzigen Instrument erreicht werden kann. Sie sprechen mich an." Ihre Befangenheit hatte sich gelegt. Sich mit ihm zu unterhalten, war anregend. Ihr fiel etwas ein. Vielleicht konnte sie ihn unter die Leute locken. "Heute Abend ist vorne Tanz. Kommst du?"
"Nein!" Sie kam sich wie eine Verbrecherin vor. Wie hatte sie es wagen können. Dieses Gefühl vermittelte er ihr, mit seiner schroffen, harten Antwort. Hatte sie ihn mit der Frage beleidigt? Aufdrängen wollte sie sich natürlich nicht und so zog sie sich frustriert zurück. "Okay. Na dann. Mach's gut."
Ein reichlich seltsamer Bursche war das. Rätselhaft, ganz unerwartet hatte er das Gespräch angefangen, war zugänglich gewesen. Und genauso schnell hatte er sich wieder verschlossen. Das verwirrte sie. "He, warte!" Er war ihr schnell, lautlos gefolgt, stand bereits neben ihr. Erst jetzt sah sie bewusst, welch einen gutaussehenden Mann sie vor sich hatte, mit einem schlanken, durchtrainierten Körper, an dem kein Gramm zu viel zu finden war, glatt und straff. Ein eher kleiner Mann war er zwar, aber perfekt gebaut, die Proportionen stimmten. Zartgliedrig war er und wirkte trotzdem stark.
"Das vorhin war nicht böse gemeint, auch wenn es sich so anhörte. Und es war schon gar nicht gegen dich gerichtet."
"Gut."
"Gehst du mit mir hin?" Katie hätte in dem Augenblick viel darum gegeben, seine Augen zu sehen. Es war nicht zu erkennen, was in ihm vorging. Trotzdem antwortete sie: "Ja, ich gehe mit dir hin, obwohl... ich dich nicht kenne. Du wirst hoffentlich kein Unhold sein, oder?"
"Nein, bloß keine Angst."
"Okay." "Ich heiße Rob."
"Ich bin Katie. Um halb zehn komme ich zu dir."
"Katie? Woher kommt der Name?"
"Von Cathérine." Niemand nannte sie je so. Der Name, den er ihr angegeben hatte, klang ebenfalls nach einer Abkürzung.
Sie freute sich auf den Abend in seiner Gesellschaft, denn er ließ merkwürdigerweise ihr Herz schneller schlagen. Diese verrückte Reaktion auf einen Unbekannten war ihr unverständlich. Sie war kein Mensch, der leicht den Kopf verlor. Und nun reichte es, wenn sie ihn nur von weitem sah. Das war mit ein Grund, dass sie sich besonders sorgfältig zurecht machte. Sie betonte ihre großen, graublauen Augen, bürstete ihr braun gelocktes Haar, bis es schimmerte und befestigte eine große rosa Blume darin. Sie wählte enge dunkle Jeans und ein rosa fantasievolles T-Shirt mit aufgesetzten Spitzen. Trotz all der Bemühungen, all dem Aufwand, war sie mit sich unzufrieden. "Ich bin nun mal keine Schönheit. Da hilft alles nichts." Außerdem war sie viel zu früh bei ihm. Doch er war bereit. Und wie. Dieser Rob sah fantastisch aus, wenn er in Alltagsklamotten herumlief, aber nun war er umwerfend. "He! Katie. Was ist denn?" Er lachte laut. "Entspricht meine Aufmachung deinen Vorstellungen?"
Eine ganze Weile starrte sie ihn stumm an. Als es ihr bewusst wurde, weil er lachte, war es ihr peinlich, und sie stammelte nur ein leises "Ja" hervor. Er trug hautenge Jeans aus einem elastischen, weichen Material und ein weißes Hemd, das aus federleichtem Stoff zu sein schien, sich im warmen Wind luftig bauschte. Er hatte es unten nur leicht zusammengebunden. Seine gebräunte Haut war ein aufregender Kontrast dazu. Er hatte einen guten Geschmack. Etwas passte allerdings nicht zur Erscheinung, störte das Gesamtbild. Sie runzelte nachdenklich die Stirne. Er trug die dunkle Brille immer noch. Zwar stand sie ihm, trotzdem... das war albern.
"Musst du die Scheuklappen tragen?"
"Ja."
"Wieso das? Die Sonne scheint nicht und..."
"Wenn's dich stört, bleibe ich hier. Darüber will ich nicht diskutieren." Wieder war er heftig, und sie schüttelte verständnislos den Kopf. "Du bist echt überempfindlich."
Da lachte er: "Ich weiß, ich weiß. Ich bin verrückt. Mach dir nichts daraus. Okay, ich erkläre es dir. Ich muss momentan meine Augen vor jedem Licht schützen. Sie brauchen dringend Erholung. Dass ich damit solche Probleme habe, nervt mich ganz schön. Und Fragen jeder Art, Neugierde kann ich nicht ausstehen. Nimm es nicht persönlich, wenn ich so reagiere. Ich bin schnell auf der Palme. Das ist einer meiner vielen Fehler." Wenigstens gab er es ganz ehrlich zu und wurde ihr dadurch noch sympathischer. "Ich versuche, es mir zu merken. Gehen wir?"
Als sie nebeneinander durchs Zeltplatz-Sträßchen schlenderten, legte er ganz natürlich den Arm um ihre Schultern, und sie ließ es gerne zu. Sie fühlte sich wohl dabei. Es war, als gehörten sie schon lange zusammen. Katie hätte Bäume ausreißen oder sonst etwas Irres tun können, etwas, das alles aus den Angeln hob. So stark war ihr zumute. War das Robs Ausstrahlung, seine Kraft, die sich auf sie übertrug? Sie erlebte ihn ausgelassen und fröhlich. Er scherzte herum, von Menschenscheu war nichts zu merken. Im Gegenteil, er schien unter all dem Volk glücklich zu sein, lebte auf. Das passte nicht zu ihrem ersten Eindruck von ihm. Was spielte er für ein Spiel? Er hatte sich vorher stark abgesondert. Er war kein Einzelgänger. Beeindruckend war, wie selbstverständlich er sich beim Tanz bewegte. Die Musik und der Rhythmus in ihr flossen in ihn hinein, wurden verstärkt durch seine geschmeidigen Bewegungen und seine Ausstrahlung. Die Musik erwachte durch ihn zu pulsierendem und kraftvollem Leben. Einen solchen Tänzer hatte Katie noch nie erlebt. Oder doch? Seine schöne, natürliche Erotik ließ sie erneut innerlich erzittern.
Den anderen fiel er ebenfalls auf. Das wurde offensichtlich, als sie ihnen Platz schafften. Besonders ihm sahen sie zu, zuerst heimlich und verstohlen, doch schließlich hielten sie sich nicht mehr zurück, gaben ihrer offenen Bewunderung begeistert Ausdruck. "Der ist großartig! Eine Freude, ihm zuzusehen. Sensationell. Der macht mich ganz verrückt. Spitze! Die Musik hat er im Körper, nicht nur im Kopf. Wer ist das? Kann nicht ein normaler Feriengast sein. Das muss ein Profi sein...." Katie befand sich mitten drin in dieser Beachtung und Aufregung, fühlte sich unbehaglich. Sie steckte in einem Strudel, dem sie hilflos ausgeliefert war, fühlte sich unsicher und klein, nicht gut genug neben ihm. Und deswegen zog sie sich langsam in die große Masse, in den Hintergrund, zurück. Vertieft, wie er war, merkte er nichts davon.
Schwerelos und ungebunden schien er zu schweben, nicht mehr am Boden festgehalten mit der Erdschwerkraft. Er entführte die, welche ihm folgten, in andere Sphären. Sie beobachtete ihn ungestört. Wieder packte sie dieses Gefühl. Etwas in ihm war ihr vertraut. Irgendwo musste sie ihm begegnet sein. Sie überlegte angestrengt, ließ innere Bilder an sich vorbei gleiten und kam doch zu keinem Ergebnis.
Auf einmal bemerkte er, dass sie nicht bei ihm war. Sie freute sich darüber, dass er sich suchend nach ihr umsah und winkte ihm zu. Er bahnte sich seinen Weg durch die Menge. "He! Schon müde? Groß in Form bist du nicht. Ich könnte stundenlang weitermachen."
"Nein, ich..."
"Oder magst du Tanzen nicht?"
"Doch, aber..."
"Dann versteckst du dich also? Vor wem denn? Ist da ein Ex- oder Noch-Freund aufgetaucht?" Das klang überheblich, und vor allem spöttisch und tat ihr weh. Was hatte er nur für unterschiedliche Gesichter. "Mit dir kann ich nicht mithalten. Und dir sehen alle zu. Du bist eine Show. Da..." Er verzog sein Gesicht und war nur noch beißender Spott: "Ach nein! Hast du Komplexe?" Bevor sie darauf antworten konnte, polterte er weiter: "Tu mir das nicht an. Jetzt kommt wohl noch: Ich bin nicht hübsch, viel zu dick oder zu dünn, die Nase ist zu lang, die Ohren sind zu klein, die Beine zu krumm oder zu gerade und weiterer Schwachsinn..."
"Hör auf!"
"Stimmt's nicht?"
"Nein."
"Umso besser. Lass das sein, ja."
"Sag mal, wie sprichst du mit mir?" Darauf ging er nicht ein: "Damit lockst du mich nicht aus der Reserve. Das kannst du dir sparen. Und jetzt, du armes verschüchtertes Ding, legen wir zusammen eine tolle Nummer hin. Alle werden die Mäuler aufreißen."
"Ja, vor Schreck." Da lachte er auf einmal wieder liebens-würdig. "Ach Katie! Ich weiß, ich bin eklig. Nein, nein, nicht vor Schreck; vor wohligem Erstaunen."
"Jetzt redest du geschwollen."
"Wenigstens lachst du wieder und vergiftest mich nicht mit deinen Blicken. Na komm schon. Kennst du die Songs von King Roger?"
"Oh ja!"
"Etwas Spezielles?"
"Ich kenne sie alle."
"Und du magst sie?"
"Was für eine Frage? Und wie!" Ihre Begeisterung war nicht zu übersehen. Er schien zufrieden. "Siehst du. Etwas Gemeinsames. Ich habe eine tiefe Beziehung zu seiner Musik." Ihre Augen strahlten noch mehr. "Du bist ein Fan?"
"So kannst du's meinetwegen nennen. Okay. Da trifft wohl Fan auf Fan, wie? Also gut. Nehmen wir Songs von ihm, ein paar richtig heiße Tanzstücke. Ich organisiere das. Lauf mir inzwischen nicht weg." Und doch suchte sie noch immer verzweifelt nach Einwänden. "Und wenn sie nichts von ihm haben?"
"Oh Mädchen, natürlich haben sie."
"Du bist verrückt." Sie begann, resigniert aufzugeben.
"Ja, das bin ich. Gerne. Und du bist ein elender Angsthase und Drückeberger." Sein Ton gefiel ihr ganz und gar nicht. Er dirigierte sie herum. Das war ihr verhasst. Als er merkte, dass sie sich versteifte, und gleich losschimpfen wollte, wurde er friedlicher, aber von seinem Vorhaben war er nicht abzubringen. "Du bringst das. Ich weiß es. Du musst dir mehr zutrauen, nicht so ängstlich sein. Lass dich einfach gehen. Gib dich deinen Gefühlen, mir und der Musik hin."
Der Bursche konnte verflixt aufbrausend und herrisch sein. Das waren Eigenschaften, die sie nicht mochte. Offensichtlich war er hart und kompromisslos, wenn er es für nötig hielt. Das war nicht unbedingt negativ, manchmal wichtig. Trotz all dem, seine Hände waren so zart. Die Bilder, die er zeichnete, zeugten von viel Feingefühl. Diese Wiedersprüche. Oder waren das nicht Wiedersprüche, sondern die vielfältigen Facetten eines Menschen?
Am Schaltpult der Musikanlage hantierte der muntere DJ Jean-Marc. Er verstand es, die Leute in gehobene Stimmung zu versetzen. Er hatte ein geschliffenes Mundwerk und immer gute Laune. Mit ihm diskutierte Rob, lachte und alberte mit ihm, als wären sie alte Bekannte, winkte ihr schließlich zu. Ohne Erbarmen zog er sie mitten hinein in die Tanzenden. Da gab's kein Entrinnen. "Mach einfach mit Katie. Fühle den Rhythmus, die Musik, den Klang, fühle die Aussage in ihr, die Kraft und deine Empfindungen und vergiss die Umwelt, alles um dich herum. Lass dich vollkommen treiben, ganz locker. Ist' egal, was hier einer denkt, vor allem, was ich denke. Klar?"
"Das sagst du so."
