Glut im Herz - Esther Grünig-Schöni - E-Book

Glut im Herz E-Book

Esther Grünig-Schöni

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Beschreibung

Die Geschichte um Florent, der sein Leben meistert. Wie aus Schlechtem Gutes werden kann? Einfache Formel? Nein. Vielleicht Konstruktives versus Destruktives? Alles, was gesagt werden kann, trifft es nicht annähernd. Aber es ist. Florents Leben wirbelt Fragen auf. Nicht immer können schlüssige Antworten gefunden werden. Sein Leben erschüttert und führt in eine Welt, die vielleicht lieber nicht betreten wird. Die Welt eines Opfers. Und doch lohnt es sich, dies kennen zu lernen. Flo - Weggeworfenes Kind - Schönes Kind - im Heim missbraucht, gequält Objekt - Straßenjunge - Kleinkrimineller - Rocker - Biker - Lernender - Unternehmer - Mensch - Schöner Mann - Freund und Geliebter - bewegtes und bewegendes Leben. Muss er seine Kindheit töten, um seine Traumata überwinden zu können, um leben zu können. Wohin geht er? Es kann in der Stadt, in der Gegend, im Land geschehen, wo wir uns aufhalten. Überall hautnah und bewegend eine Geschichte über die Ursachen, Hintergründe und die Folgen des Missbrauchs von Kindern und der Gewalt an Kindern. Die Folgen einer verlorenen Kindheit. Und doch ein Blick auf Hoffnung und Licht.

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Seitenzahl: 483

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Esther Grünig-Schöni

Glut im Herz

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

1. Diagnose und Begegnung

2. Buchvernissage

3. Nachdenken

4. Anregung

5. Erstaunen

6. Überraschungen

7. Golfspiel?

8. Aufwühlend und ein zartes Blühen

9. Alte Wunden

10. Anspannung

11. Heiße Diskussion

12. Die Aufzeichnungen

13. Die Idee

14. Erkennen

15. Recherchen

16. Was war damals?

17. Das Haus der Schatten

18. Schrecken

19. Zweifel und Scham

20. Hoffnung

Impressum neobooks

1. Diagnose und Begegnung

Florent schloss die Türe hinter sich, auch wenn es nicht nötig gewesen wäre. Er hörte das Einschnappen des Schlosses. Es klang übermäßig laut. Es dröhnte in seinen Ohren. Das konnte auch von seiner jetzt empfindlichen Wahrnehmung her stammen. Es war wie das Zuschlagen einer Gefängnistüre. Oder das endgültige brutale ‚Zu‘ einer dicken Kellertüre. Brutal wie das, was er gehört hatte. Das was auf ihn zukam hatte er nicht in der Hand. Das umklammerte ihn. Er nahm in seine Hände, was ihm möglich war. War es ein Tumor oder nicht? War es ein bösartiger, konnte es zu Ende sein oder er behindert weiterleben müssen. Gehindert am Leben. Verhindert zu handeln. Wenn er gutartig war, bestanden bei der Operation ebenfalls Risiken. Es konnte einiges zerstört werden, er auch da behindert hervor gehen. Aber auch das Weitergehen auf der Straße barg Risiken. Wenn ihm ein Gerüst auf den Kopf donnerte, er hinfiel oder er auf die Straße gestoßen wurde. Er lachte freudlos. Er machte sich bereits zu viele Gedanken.

Es verfolgte ihn. Er musste Lösungen finden für sein Leben und den Umgang mit der Vergangenheit. Wucherte das, was ihn seit seiner Kindheit begleitete? Es hatte ihn nicht los gelassen. Er hatte es nur eine Weile auf die Seite gelegt. Nun drängte es erneut nach oben. Er wusste, er musste es aktiv und lebendig angehen. Noch konnte er das.

Er streckte sich. Er wollte den Kopf jetzt nicht hängen lassen. Das war noch nie seine Art gewesen. Noch war das, was er gehört hatte, kein Todesurteil. Es war noch nicht einmal klar, was in ihm vor sich ging. Sie wussten noch nicht, was wuchernd um sich griff. Also wusste auch er es nicht. Und er war ein Kämpfer. Früher und heute.

Er sah den Neurologen vor sich. Sein Hausarzt hatte ihn nach einigen für ihn verdächtigen Vorfällen zu diesem Spezialisten geschickt. Zu einem Mann mit leichtem Bauchansatz und lebendigen Augen. In seinem Mund blinkte ein Goldzahn. Er trug eine Brille auf der geraden, schmalen Nase. Diese Brille gab ihm etwas Gewichtiges. Auch wenn das im Ganzen eine Nebensächlichkeit war. Es war ihm aufgefallen. Kleinigkeiten fielen ihm oft auf. Aber wozu? Er zuckte die Schultern. Er hasste Ärzte. Ein Überbleibsel aus einer früheren Zeit.

***

Weißkittel mit kalten Augen an seinem Bett, die ihn ausschimpften, wenn er weinte. Weißkittel, die lachten, wenn er um den Freund im Bett neben sich weinte. Ärzte, die ihn quälten, nicht ihm halfen. Ärzte, die Ungeheuer waren.

***

Nein! Er schüttelte es ab. Er hatte ihn aufsuchen müssen, so wie er zu seinem Hausarzt gegangen war, als ihn diese Vorfälle gebremst hatten. Manchmal diese starken Schmerzen, manchmal Ausfälle und manchmal Ausraster, die er nicht verstand. Oh, er war durchaus temperamentvoll, aber das ging darüber hinaus. Aber vor allem die Schmerzen, die Gleichgewichtsstörungen, das Flimmern vor den Augen und die schneller auftauchende Müdigkeit. Er war noch nicht alt. Sein Körper war nicht verbraucht. Der war im Gegenteil in einem fitten Zustand. Überarbeitet konnte er nicht sein. Obwohl … er arbeitete viel. Er hielt allerdings etwas aus. Das konnte es nicht sein. Er wusste noch nicht, was mit ihm los war. Aber er sah diesen Neurologen vor sich, aus dessen Praxis er gerade kam.

"Es sind weitere Untersuchungen nötig, bevor wir Klarheit haben." Er saß vor dem Arzt. Es dröhnte in seinem Kopf. Aus den Worten wurden Schläge. Sie trafen ihn am ganzen Körper, brannten, schnitten ihn, zerfleischten ihn. Da war Druck. Im Kopf. Überall. Angst. Wie früher, große Angst. Er musste es sich eingestehen. Er hatte Angst. Und er hasste dieses Gefühl ganz besonders. Und da! Wieder ein Blitzlicht. Ein Wetterleuchten aus seinem Innersten.

***

"Nein, ich will nicht. Er soll das nicht tun. Nein. Es tut weh. Es ist nicht schön. Es ist hässlich. Ich mag das nicht. Es stinkt. Ich ersticke, wenn er das tut, ich will das nicht. Es ist scheußlich. Nein, ich mag das nicht." "Du musst ein lieber Junge sein. Lächeln. Lächle in die Kamera. Schau doch, der kleine Vogel. Da. Da wird er zu sehen sein."

"Nein. Da ist keiner. Das ist gelogen." „Sieh doch. Da ist er.“ „In Kameras sind keine Vögel. Das weiß ich schon lange.“ „Wie kann man so klein nur schon so farblos sein. Sieh es dir an, stell es dir vor.“ „Ich bin nicht dumm.“ "Gut. Das ist gut. Aber... Hast du mich denn nicht lieb?" "Nein!"

"Das ist nicht schön. Da bin ich traurig. Komm, wir haben einander wieder lieb. Du bist so ein hübscher kleiner Junge. Wenn du weinst, ist dein Gesicht nicht hübsch. Es ist rot gefleckt und hat Runzeln. Komm lächle, sei lieb." "Nein!" Lippen zusammenpressen. Augen zumachen. Ganz steif. Hässlich sein. Ich will nicht. In Ruhe lassen soll er mich. Ein ärgerliches Gesicht machen, dann geht er vielleicht wieder.

"Dann muss ich es ihnen sagen." Ich reiße erschrocken meine Augen auf. "Nein! Bitte nicht. Tu das nicht." "Dann sei lieb und lach mich an. Fass mich an. Streichle. Nimm es in den Mund." Es ist grässlich. Groß. Dick. So groß. Ich mag es nicht. Es ekelt mich. Besonders das klebrige Zeug und der Geruch. Es stinkt. Es schüttelt mich. Aber sie dürfen keine Tränen sehen. Niemand darf Tränen sehen. "Nein! Bitte nicht. Es tut weh. Nicht schlagen. Nicht das. Nein. Ich will mich nicht umdrehen …"

***

Es zerplatzte wie eine Seifenblase, aber laut und nicht sanft und weich. Nicht so wie es bunt glitzernde Seifenblasen der Clowns, der Poeten und der Kinder in der Regel tun. Nein, nicht so. Es war keine solche. Er verscheuchte es. Es dröhnte. Er kam zurück. Diese Bilder wollte er nicht zurück haben, also vertrieb er sie. Sie zerstörten sein Leben. Oder war es anders? Konnte es sein, dass sie vielmehr an die Oberfläche aufsteigen mussten, damit er weiter leben konnte? Aufsteigen - Bis alles rot war wie ein See aus Blut und Dreck, damit er ihn reinigen konnte. Das konnte sein. Die Wut kam wieder. War es nicht das … auch das ein Geschwür wie das, welches vielleicht in ihm wucherte. Geschwüre überall. Auf der Straße, in Fenstern, in Heften, in Büchern, in der ganzen Gesellschaft, in den Kirchen, im sogenannten Guten, in den Braven, den... Er schüttelte wieder den Kopf, legte es ab, wie man altes Zeug abzulegen pflegte.

Die Praxis des Neurologen stand in einer Gegend, in der er sich sonst nicht aufhielt. Er sah sich um. Es war morgens. Er mochte weder herumfahren, noch an seine Arbeit gehen. Er musste Luft holen. Aber die Landschaft bot ihm dafür zu viel an Luft. Heute fand er dort nicht, was er brauchte. Er wollte allein sein und doch inmitten der Leute. Dazu eignete sich ein Lokal, in dem er sonst nicht verkehrte.

Es gab Bereiche in seinem Leben, die klarer werden mussten. Vorsichtig nach und nach. So wollte er es. Er stand neben seiner Maschine, löste den Helm vom Haken, hielt ihn in seinen Händen, hielt inne. Warum nicht hier bleiben? Er sah das Lokal auf der anderen Straßenseite und entschloss sich dort zu frühstücken. Er fuhr sich durch seinen Haarschopf, hielt inne, als er seinen Schädel bewusst spürte. Doch er vertrieb die erneut aufkommenden Gedanken. Zum Henker noch mal. Er war jung. Vor ihm lag das Leben. Alle Türen standen offen. Er hatte Möglichkeiten wie nie zuvor. Viel hatte sich geändert. Ja vor ihm lag das Leben. Um ihn her genauso. Kein Trübsal blasen, Flo. Leben. Jetzt erst recht. Seine Augen begannen zu glitzern. Er sprintete in einer Verkehrslücke über die Straße, mit seinem Helm am Arm und betrat das Restaurant.

Etwas später war es, als auf der gleichen Straßenseite, wo Flo’s Motorrad stand, ein anderer Mann aus dem Haus trat und eine Lücke im Straßenverkehr suchte. Es war einer, der zu dieser Gegend gehörte, der hier heimisch war. Chris hatte sich im Büro über alles orientiert und eine erste Besprechung hinter sich.

Gerade lächelte er zufrieden. Erstaunlich wie sehr er im Betrieb akzeptiert wurde. Er hatte nach Übernahme von seinem Vater mit mehr Problemen gerechnet. Mit Machtkämpfen vor allem, als er ihm alles in die Hände legte und sich zurückzog. Natürlich redete er im Hintergrund noch mit. Sie verstanden sich nicht besonders. Es konnte sein, dass es Gleichgültigkeit war oder der Alte glaubte, gute Arbeit bei seinem Sohn geleistet zu haben, so dass dieser ganz in seinem Sinne weiter machte. Vermutlich war es so. Sein Vater wirkte nicht nur kalt und hart. Er war es. Die Schwester war früh ausgezogen und wollte vom Verlagsgeschäft nichts wissen. Zu Gabriele hatte er in der Folge kaum noch Kontakt. Sie lebte in Australien. Sie war in Urlaub geflogen und nicht wiedergekommen.

Umso mehr war von ihm erwartet worden, dass er seine Pflicht tat und sich auf die Aufgaben eines Verlegers vorbereitete. Da es ihm lag, hatte er sich gerne in dieses Schicksal gefügt. Gabriele war die Rebellin in der Familie, nicht er oder wenn, nur in unwesentlichen Dingen, die von den Eltern kaum beachtet wurden. Allerdings war es wohl mehr als Rebellion, dass sie so viel Abstand zwischen sich und die Familie gebracht hatte. Sie hatte nicht so recht zu ihnen gepasst. Und er? Die Mutter hatte ihm, so gut sie das konnte, etwas Wärme vermittelt, aber im Grunde kannte er sie kaum. Sie war verschlossen, achtete auf Manieren, aber fröhlich oder zufrieden hatte er sie nie erlebt. Es hatte in den Kindertagen Zeiten gegeben, in denen er mehr Nähe und Herzlichkeit gebraucht hätte. Da er diese nicht bekam und nicht kannte oder nur von anderen, arrangierte er sich damit. Er tat seine Pflichten, lebte gut, hatte alles, was er brauchte und sogar mehr. Als er in das passende Alter kam, merkte er, dass sich die Mädchen für ihn interessierten und später die Frauen. Er hatte früh geheiratet, aber feststellen müssen, dass es Michaela nur um sein Geld und Ansehen oder Aussehen gegangen war. Vielleicht war das bei allen so. Vielleicht tat er einigen unrecht, aber das war ihm egal, es belastete ihn nicht. Er hatte sich mehr erhofft. Worum ging es ihm? Um Geld nicht, aber vielleicht das Körperliche und es war möglich, dass es nicht ausgereicht hatte. Wie auch immer. Da nicht mehr kam, hatten sie die Sache beendet.

Nun war er ein geschiedener Jungchef. Wenn er einmal Begleitung wollte, etwas wie Wärme oder schlicht Sex, ging er die Namen seiner Liste durch und rief eine an. Er machte sich keine Gedanken. Er fühlte sich nicht unglücklich, nahm das Leben wie es war und packte seine Gelegenheiten und Möglichkeiten beim Schopf. Das hatte der Vater ihm vermittelt. Alles und jeder und jede war käuflich, alles und jeder bezahlbar. Man musste nur die richtigen Mittel finden und anwenden. Was sollte er sich beklagen. Es ging ihm gut.

Hässlich war er nicht. Er war groß und schlank, stellte etwas dar, trug seine dunkelbraunen Haare gepflegt und modisch, seine braunen Augen wurden oft als geheimnisvoll bezeichnet, obwohl in ihm kein Geheimnis lag. Vielleicht waren das nur Schmeicheleien. Es war wie es war. Er trug gerne gute Kleidung. Preis spielte keine Rolle und er fuhr seinen Liebling, einen roten Porsche. Sein Zuhause ließ keine Wünsche offen, auch wenn alles nicht so groß angelegt war wie bei Herbert, dem Alten.

Es war Zeit für eine Kaffeepause im Stammlokal gegenüber dem Verlagshaus. Der Tag war grau in grau und auf seinem kurzen Weg begegneten ihm mürrische Gesichter. Seinem sonnig beschwingten Gemüt tat dies keinen Abbruch. In seinem Stammlokal nahm er meist sein Mittagessen ein. Man kannte sich hier flüchtig. Mehr war nicht nötig. Er konnte in Ruhe Zeitung lesen oder mit jemandem über Aktualitäten diskutieren. Insofern war es eine Art Wohnzimmer für ihn geworden. Er trat durch die Glastür ein und erwartete das Gewohnte.

In gewissem Sinne fand er es. Aber nicht ganz. An diesem Morgen roch es wie immer: nach Kaffee, Brot, Gebäck, nach Zigarettenrauch und Parfums unterschiedlicher Marken. Aber es war nicht wie sonst. Keine Sinfonie an Stimmengemurmel, dezenter Musik und Kaffeemaschinenbrummen, Klappern von Besteck in Tassen und Teller, ab und zu ein Lachen, der vertraute Klangteppich, sondern da war Tumult. Laute Stimmen. Erstaunt hielt er inne. Er ließ sich an seinem Tisch nieder, in einer guten Ecke am Fenster, von der aus er alles überblicken konnte. Wo er selbst nichts im Rücken hatte, das zu verpassen war. Er sah zu den beiden Männern, die in einen immer lauter werdenden Disput verwickelt waren. Der eine war der Kellner, den er bis dahin noch nie richtig wahrgenommen hatte. Der dienstbare Geist, der ihm brachte, was er brauchte. Nach und nach, indem er die anderen Geräusche ausblendete, verstand er, worum es ging. Die Lautstärke war angeschwollen, so dass es keine Mühe bereitete, die Sache zu verfolgen. Der junge Fremde fühlte sich unhöflich behandelt. Eine erstaunliche Feststellung! Anstatt einfach zu gehen, brachte er das energisch an den Mann. Das war hier ein außergewöhnliches Verhalten.

Christoph, durch diesem Umstand neugierig geworden, betrachtete ihn von seiner Ecke aus genauer. Er stellte als erstes fest, dass er den anderen noch nie gesehen hatte. Der Mann war nicht groß und eher zierlich gebaut, trug enge dunkle Jeans, einen hellgrauen Pullover und eine offene Lederjacke mit Fransen, außerdem unter dem Arm einen Helm. Den knallte er auf einmal ärgerlich auf die Ausgabe-Theke, so dass Tassen und Teller hüpften, das Besteck und die Gläser klirrten. Ein Biker hier? In der Tat ungewöhnlich. Ungepflegt wirkte er nicht. Er trug seine Haare zwar etwas lang, aber nicht so, dass er sie hinten hätte zusammen binden können. Sie waren leicht gewellt, aber nicht gekräuselt, hellbraun mit Lichtern darin. Es sah aus wie Lichter. Strähnen, die heller wirkten, vermutlich ein Werk der Sonne und nicht eines Friseurs. Sein Gesicht hatte die Farbe eines Menschen, der sich oft im Freien aufhielt und sah so aus, dass es bestimmt manche Frau zum Schwärmen anregte. Bei genauer Betrachtung musste zugestanden werden, dass dies der ganze Kerl mühelos schaffte. Gut aussehend der Mensch! Was er für Augen hatte, konnte er von seinem Platz aus nicht sehen. Frauen schauten auch auf diese, nicht nur auf den Hintern. Wie kam er nun auf so einen Gedanken? Na ja, eigentlich war ihm die Augenfarbe und der Ausdruck der Augen egal, der Hintern auch. Er war keine Frau und nicht anders herum veranlagt.

Auf jeden Fall war der Kerl verärgert. Chris hörte ihn brüllen: "Das ist eine Schweinerei! Ich werde zur Seite geschoben, vertröstet und ignoriert. Hören Sie auf mit ihren lahmen Lügen. Erst wird mir erzählt, der Tisch sei für jemanden reserviert, kaum setz ich mich hin. Aber ich sehe kein Schild weit und breit. Kein Anzeichen, dass es so ist. Gut, vielleicht ist das jahrelang so und Gewohnheit, die ich nicht riechen kann. Soweit ist mein Riechorgan nicht entwickelt. Vielleicht stör ich an dieser Stelle nur das biedere Bild. Ich setz mich woanders hin und warte. Keiner kommt auch nur in meine Nähe. Ich warte geduldig eine ganze Viertelstunde lang. Nichts. Ich mache endlich auf mich aufmerksam und höre 'ich bin gleich bei Ihnen'. Wieder warte ich. Wieder vergehen Minuten. Nichts tut sich. Ich stehe auf und komme zu Ihnen, um meine Bestellung aufzugeben. Ich werde angeschnauzt, ich solle nicht so ungeduldig sein und beim Tisch warten. In der Zwischenzeit werden alle prompt bedient, die nach mir herein kommen und ich..." "Einen Moment..."

Der Kellner hatte während der Ansprache Kaffee bereit gemacht und stellte den nun in aller Ruhe Chris hin, dazu einen Korb mit Brötchen und Croissants und lieferte damit weitere Argumente, die sogleich aufgenommen wurden. Es war ein Beweis, dass stimmte, was er bemängelte.

"Verflixt noch mal!" schimpfte der unbequeme Gast "Ich rede mit Ihnen. Was soll das? Dem feinen Pinkel ist der Tisch zugedacht? Der kam lange nach mir herein und ist bereits bedient. Dem kriechen Sie in den Arsch?" Einige verschluckten sich. Ein Husten ging durch die Reihen. Chris hätte beinah den Kaffee über seine Zeitung verteilt, weil er lachen musste.

" Ich darf doch sehr bitten! Mäßigen Sie sich. "

"Warum? Ich sag wie es ist. Was war das anderes? Sie haben mich stehen lassen..."

"Ich muss bedienen. Das ist meine Aufgabe." "Ach? Ich staune. Das ist Ihre Aufgabe? Und warum mich nicht? Gehöre ich nicht mit zur Aufgabe? Hab ich die Krätze? Oder stimmt sonst etwas nicht?"

Er sah an sich herunter, untersuchte seine Kleidung auf Läuse und alles, was er dabei hatte auf anderes Ungereimtes. "Was stimmt nicht? Ich kann nichts finden. Ich bin ein Gast und Geld hab ich auch."

Chris konnte den Mann verstehen. Da lief etwas falsch. Es war deutlich, dass er benachteiligt wurde. Er vergaß vor lauter Zusehen und Zuhören das Kauen.

"Bitte, mein Herr, nicht so laut. Die anderen Gäste werden gestört. Sie suchen hier Ruhe und..." "Was!!! Was denn? Ich lass mir den Mund nicht verbieten und mir nicht auf diese Weise übers Maul fahren. Das habe ich nicht nötig und muss ich mir nicht bieten lassen. Bin ich Gast zweiter Klasse?"

Ein ärgerlicher Blick traf Christoph, den feinen Pinkel in der Ecke. Der konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Dies löste ein Zusammenkneifen der Augen bei dem Mann aus. Der Aggressionspegel stieg. Anspannung wie vor einem Unwetter wurde spürbar. Chris amüsierte sich. So eine Aufregung hatte es hier noch nie gegeben. Sein eigener Adrenalin-Spiegel stieg an. Auf einmal fühlte er sich unternehmungslustig. Der Junge schien es anders zu sehen. Nichts von lustig.

Der Kellner wirkte hochmütig, seine ganze Körperhaltung drückte es aus, seine Stimme, sein Gesicht und er äußerte sich: "Sie sehen doch, mein Herr, dass viel zu tun ist und..." "... andere eindeutig bevorzugt werden. Passt Ihnen meine Nase nicht? Ist sie zu lang oder zu kurz oder zu dick, zu dünn?" "Darum geht es nicht."

"Nicht? Worum also? Passe ich nicht in das spießbürgerliche Bild hier?" Er sah sich herausfordernd um, nickte hier und dort, verbeugte sich vor einem provokant und schüttelte den Kopf. Einige begannen Bemerkungen von sich zu geben.

"Unverschämter Kerl." "Kann man nicht einmal hier in Ruhe Zeitung lesen." "Kommt seit neustem Kreti und Pleti herein?" "Gibt es bald Ruhe!"

Das trug nicht zur Beruhigung des Bikers bei. Wieder fiel sein Blick auf Chris, der die Szene zu seinem Kaffee schmunzelnd verfolgte und immerhin das Kauen wieder aufgenommen hatte. Chris hielt seinem Blick stand, sah dass er darüber noch wütender wurde. In der Zwischenzeit schien er auf den eingebildeten Kellner beängstigend zu wirken, denn der rief nach seinem Chef. Der Morgen war gut.

Der Mann verließ seinen Platz an der Theke und näherte sich ihm. Er stellte sich vor seinen Tisch hin, stütze seine Hände darauf und sah ihn wütend an. Chris konnte aus nächster Nähe sehen, dass er große helle Augen hatte, bevor sie zu Schlitzen wurden. Chris ließ sich nicht beirren und merkte, dass sein Grinsen breiter wurde. Er konnte nichts dagegen tun. Es war seine Natur. Es amüsierte ihn, machte ihm Spaß und so hielt er dem Blick stand und wurde angefaucht. "Ist das für dich ein amüsantes Spektakel?" "Ja."

„Und ich bin der Gegenstand in der Suppe hier.“ „Es ist Abwechslung.“

„Ich bin aber nicht zur Erheiterung der werten Leute hier.“ „Ach?“ Die Augen des Mannes glitzerten noch bedrohlicher und Chris ahnte, dass er besser den Mund hielt, anstatt ihn noch weiter hoch zu kochen. Aber das fiel ihm schwer.

Bevor ihr Gespräch weiter gehen konnte und vielleicht tragisch geendet hätte, kam der Chef des Hauses bedeutend anmarschiert, um das Problem zu beseitigen und die Ordnung und vor allem die Ruhe wieder herzustellen. Ein anderes Wort als >anmarschieren< wäre falsch gewesen, denn er bemühte sich sehr darum, Autorität auszustrahlen. Er tippte dem unangenehmen Gast auf die Schulter, worauf dieser herumfuhr und die Fäuste ballte. Der Chef des Hauses wich einen Schritt zurück, streckte sich und setzte eine wichtige Miene auf. Vorerst kam er nicht zu Wort. Was die Fäuste bereits gezeigt hatte, bekam seine verbale Verdeutlichung. "Fassen Sie mich nicht an! Wagen Sie das nicht noch einmal!" kam es scharf und unmissverständlich von dem Angetippten.

Der Chef des Hauses räusperte sich und gab seiner Stimme die nötige Sicherheit zurück, die angesichts der Fäuste verschwunden war. Er plusterte sich auf. "Das geht zu weit, mein Herr! Ihr Ton ist unangebracht und Ihre Belästigung der Gäste inakzeptabel. Wir pflegen hier einen anderen Umgangston."

"Ton hin oder her. Es ändert nichts an der Art und Weise, wie ich von Anfang an behandelt wurde." "Das werden Sie sich selbst zuschreiben müssen. Darf ich Sie bitten, unser Etablissement unverzüglich zu verlassen. Und das ohne weiteres Aufsehen zu erregen. So ist uns allen gedient. Bestimmt fühlen Sie sich in einem anderen Lokal weniger fremd und besser verstanden."

Christoph hatte Mühe, nicht laut zu lachen und wunderte sich nicht, dass der Junge einen Moment schwieg. Aber er sah seiner Körperhaltung an, dass er nicht kampflos abtreten würde. "War das in Ihren Worten: Hau ab hier! Oder eher noch: Verpiss dich! --- Da braucht man einen Übersetzer." Er schüttelte verwundert den Kopf.

Chris war nun sehr neugierig auf den Mann geworden, stand auf, ging um den Tisch herum und versuchte zu beschwichtigen. "Lass gut sein. Bestimmt alles halb so wild." Er grinste. "In der Sprache hier nun." Er lachte und versuchte die Situation auf elegante Weise zu entschärfen. "Ich lade dich an meinen Tisch als mein Gast ein und bin überzeugt, dass es dir gefallen wird und du gut bedient wirst. Bestimmt ist es ein unglückliches Missverständnis." Der Wirt schaute betroffen von einem zum anderen. Sein Gesicht veränderte sich von einem Moment zum anderen.

"Oh entschuldigen Sie bitte, Herr Weigert. Sie kennen sich? Hätten Sie früher etwas erwähnt, wäre es nicht zu diesen unangenehmen Szenen gekommen." Erstaunlich war, dass nicht zusätzlich ein Bückling folgte. Das fiel Chris heute auf, ihm fiel mehr auf, als die ganzen Jahre zuvor.

Chris lächelte beschwichtigend und nahm wahr, dass der Junge von einem zum anderen schaute und überlegte, was er davon halten sollte und wie darauf zu reagieren war. Chris sprach weiter: "Bis jetzt habe ich nicht festgestellt, dass hier jemand mit Absicht übersehen wurde. Auch feine Pinkel wie ich müssen zuweilen warten, wenn etwas vergessen wurde oder etwas Eiligeres dazwischen kommt." Der Chef des Hauses lief leicht rot an. Die kleine Spitze saß an der richtigen Stelle.

"Ich werde verrückt. Wohin bin ich geraten? Was ist das für eine Sprache? Wie nennt sich die?" "Die des Hauses." Chris lachte. „Muss ich die in einem Kurs der Volkshochschule erlernen?“ „Meinetwegen nicht. Ich kann dir auch so folgen.“ Er fand den Morgen äußerst gelungen. Der Fremde musterte ihn ausführlich, zog eine Augenbraue in die Höhe und bedachte ihn mit einem langen forschenden Blick, leicht spöttisch und sehr skeptisch. Er traute der Sache nicht. "Was versprichst du dir davon?"

"Nichts." "Erzähl mir keine Märchen. Stör ich nicht deine Ruhe?" "Meine? Vielleicht. Aber vermutlich mehr die der anderen." "Und du willst die Ruhe wieder herstellen?" "Und?" "Dann sag mir genau das und nicht irgendwelchen Schmus."

„Lässt du dir vorschreiben, wie du etwas sagen willst." „Nein.“ „Ich mir auch nicht.“ „Ok. Gehört und kapiert.“

"Ist das alles ein Hinderungsgrund für dich, an meinem Tisch Kaffee zu trinken oder zu essen?" "Nein, ist es nicht. Ich nehme dein Angebot an. Aber ich habe nur halb so viel Unterhaltungswert wie du dir erhoffst. Klar? Ich bin Flo." "Okay Flo. Das zu beurteilen, überlass bitte ebenfalls ganz mir selbst. Ich bin Chris." Ein kleines Schmunzeln von seinem Gegenüber zeigte ihm an, dass es wieder angekommen war. Der Junge hatte was.

Flo ging seinen Helm holen, legte ihn auf einen leeren Stuhl am Tisch, zog sich die Jacke aus und setzte sich vis-à-vis von ihm hin, musterte ihn noch einmal eingehend, bestellte beim Kellner sein Frühstück und hatte es in kurzer Zeit vor sich stehen. "Mann, jetzt an deinem Tisch mit deiner Hilfe, klappt das." "Ist es keine Überreaktion?" "Nein. Ich kenne das. So krass war es schon lange nicht mehr."

Chris betrachtete ihn. "Provozierst du es nicht? Mit Absicht?" "Und du bist Psychologe?" "Nein. Aber ist das hier deine Welt?"

"Deine Welt, meine Welt, was soll der Scheiß! Sehe ich heruntergekommen aus? Deine Andeutungen nerven." Seine Augen funkelten wieder ärgerlich. Chris kam der versteckten Aufforderung nach, betrachtete ihn und sah ihm in die Augen. "Nein, das tust du nicht. Du siehst gut aus. Aber wie ein Biker, der sich in ein Lokal wie dieses verirrt hat."

"Das habe ich mich nicht, auch wenn es mir in der Zwischenzeit selbst so vorkommt." "Also keine Absicht. Was dann?" "Ganz banal. Ich hatte um die Ecke zu tun, sah das. Es sah von außen okay aus, wie ein Lokal, in dem man trinken und essen kann. Konnte ich ahnen, dass es etwas anderes ist? Das war nirgends vermerkt. Es gab kein Schild: Nur für feine Pinkel. Ich hatte Hunger und wollte frühstücken. Etwas anderes ist nicht dahinter."

"Das kannst du tun." "Heißt das übersetzt: Halt die Klappe und iss? Ich muss mich erst an die Sprache gewöhnen. Meine ist direkter." "Nein, das wollte ich damit nicht ausdrücken. Nur das, was ich gesagt habe. Interpretiere nicht hinein, was nicht da ist." „Punkt für dich Chris.“

Er lachte, nahm seine Zeitung wieder auf, öffnete sie und überflog die Meldungen. Der Kerl hatte doch gewaltigen Unterhaltungswert. Er musste grinsen. Da er hinter der Zeitung steckte - unbemerkt. Er blieb still und Chris hörte, dass er sein Frühstück zu genießen schien. "Ohne zu schmatzen, zu rülpsen und alles voll zu kleckern", kam es von der anderen Seite der Zeitung. Chris lachte, senkte kurz das Blatt und kontrollierte nach. "Stimmt. Manieren sind vorhanden."

„Du stufst mich irgendwo ein und bist erstaunt, dass es anders ist.“ „Aha. Und du? Stufst du mich nicht ein?“ Ein langer Blick. „Doch.“ „Wusste ich es. Ich bin schließlich für dich der feine Pinkel.“

„Na schau dich an.“ „Ja und du dich.“ „Auf den Mund gefallen bist du echt nicht. Wieder ein Punkt für dich. Das gebe ich neidlos zu. Lassen wir also das Einstufen. Gegenseitig.“ Flo grinste und jeder von ihnen ging wieder seiner Tätigkeit nach.

Nach einer Weile griff sein noch weitgehend unbekannter Tischnachbar nach einem der Flyer, die Chris hingelegt hatte. Er wollte die Zettel danach an der Theke auflegen lassen. Chris legte die Zeitung hin, die heute wenig Neues hergab, sah auf und direkt in diese durchdringenden Augen. Flo schmunzelte leicht, wurde aber gleich ernst und wies auf den bunten Zettel. "Hast du damit zu tun?"

Chris nickte. "Der Verlag gehört mir." "Oh. Aha." Er sah aus dem Fenster zum Gebäude mit dem Schriftzug und musterte ihn wieder eingehend und abwägend. Er winkte dem Kellner, ohne weiter etwas zu äußern und Chris, der merkte, dass er bezahlen wollte, wandte sofort ein: "Nein, nein, lass es. Ich habe dich eingeladen."

Wieder kam ein spöttisches "Aha", das sich anhörte wie "Oh wie großzügig" und etwas später hinterher ein "Danke". Flo stand auf, zog sich die Lederjacke über, nahm den Helm. Er nahm auch einen der Flyer, musterte Chris noch einmal neugierig und schritt auf die Türe zu. Einige der Leute im Raum traf ein spöttischer Blick, andere ein ärgerlicher. Dem Kellner, der ihn hatte weg haben wollen, hinterließ er kurz vor dem Ausgang ein eindeutiges Zeichen mit einem der Finger, lachte und ließ dabei seine weißen Zähne sehen. Chris grinste er zu, tippte wie ein Soldat an eine nicht vorhandene Mütze, bevor er beschwingt und gut gelaunt hinausging.

Chris sah hinaus. Flo wechselte forsch auf die andere Seite der Straße, so dass jeder anhielt und entdeckte, dass dort ein Motorrad stand. Und was für eines. Eine Harley Davidson. Was für ein Morgen. Seit Flo weg war, war es erschreckend still geworden. Der Raum hatte an Farbe verloren. Chris hatte die Zeit vergessen. Seine Pause war länger als beabsichtigt ausgefallen. Der Kellner ärgerte sich offensichtlich immer noch, vor allem über die Geste beim Abschied. Chris hingegen fand das unterhaltsam. Nun musste er sich sputen, denn sie warteten bestimmt mit der nächsten Besprechung auf ihn. Er ließ die Flyer wie vorgesehen auflegen und ging genauso forsch wie zuvor Flo über die Straße. Es klappte. Alle hielten an. Er lachte. Und lachend ging er an seine Arbeit.

2. Buchvernissage

Der Flyer brachte es auf den Punkt. Das Plakat weckte Neugierde. Eine gute Arbeit der Grafiker. Sie lancierten mit einem Großprojekt einen neuen Autor. Sie setzten alle Medien ein. Er versprach sich eine Menge von ihm.

Chris erhoffte sich viel Publicity und Aufsehen durch ihn. Dieser Autor war eine schillernde Persönlichkeit und sein Schaffen speziell. So etwas kam meist gut an. Chris hatte ihn entdeckt. Mit der Aufmerksamkeit in Medien und Gesprächen würde der Verkauf richtig anlaufen und den anderen Werken und vor allem dem Verlag viel bringen. Einige schrien vielleicht Skandal, obwohl genau dieses Projekt kaum skandalöser war, als einige anderer ihrer Bücher, Fotobände und Kalender. Aber man schrie schnell und andere amüsierten sich darüber. Es schadete nicht, im Gegenteil, es förderte den Verkauf. Er nutzte beides zum Vorteil des Verlages. Ein guter Schachzug. Er musste sich dafür selbst auf die Schultern klopfen. Sein Vater hatte ihm gute Tipps gegeben. In diesem Fall war er für einmal mit ihm einig.

Weigert Senior hatte ein goldenes Händchen. Aber es gab Verlagsprodukte, für die sein Vater stand, die er selbst zu gewagt oder noch mehr, als pervers ansah. Schilderungen von sexuellen Straftaten, in Romanen, in Berichten, in Bildern. Es war zum Teil Glorifizierung von Gewalt als Ausdruck von Lust. Nicht etwa einfach SM, oder wenn doch, die krassesten Formen davon. Solche, bei denen Grenzen überschritten wurden und die sogar zum Tod führen konnten. Darstellungen von Quälereien, zum Teil ausgehend von alten Gemälden, von historischen Ereignissen. Künstlerische Darstellungen von grausamen Orgien. Das war das eine ja. Dinge, die hart an Grenzen gingen. Das andere waren Bildbände, die auf den ersten Blick harmlos schön daher kamen. Die auf den zweiten Blick Fragen aufwarfen und auf den dritten Blick – je nach Neigung – unruhiges Flattern der Libido oder Unbehagen auslösten. Die Grenzen waren fließend. Für die einen vorhanden, für andere gar nicht. Eines der älteren Bildbände, der Anfang dieser Serie, war sehr schön. Es war Fotokunst der genialen Art. Er zeigte Mütter mit Kindern. Es waren großartig belichtete, erotisch und weich wirkende Bilder. Er sah sich den Band ab und zu an. Die Nachfolgebände widmeten sich den Kindern allein, in verschiedenen Umgebungen. Die Themen unterschiedlich abgehandelt. Es war keineswegs Porno, denn schließlich war das verboten und hätte ihnen große Probleme einbringen können. Aber es waren größtenteils Aktbilder. Keine Schnappschüsse. Es waren künstlerisch arrangierte Bilder. Für ihn waren einige davon, in den Nachfolgebänden, knapp an der Grenze. Nicht verboten, aber dennoch sehr gewagt. Auch wenn sie die Schönheit des Menschen zeigten, vom kleinsten bis zum Erwachsenen.

Nun gut, allzu viele Gedanken machte sich Chris darüber nicht. Er hatte Erfolg. Nur ab und zu stieß ihm das eine oder andere, über das er stolperte, schräg auf. Seiner Ansicht nach hatte sich sein Vater damit des Öfteren zu weit aus dem Fenster gelehnt und war knapp an der Illegalität vorbei geschrammt. Der Fenstersturz war nicht weit entfernt. Ab und zu bereitete ihm dieser Teil Kopfzerbrechen. Der Vater hatte ihn ausgelacht. Darum ließ er es vorerst dabei bewenden. Das Unbehagen trat wirklich nur ab und zu sporadisch auf und verschwand wieder, so wie ein unangenehmer Geruch aus einer Latrine, der die Nase kurz beleidigte und an den man sich mit der Zeit gewöhnte. Das war nicht sein Stil, obwohl gerade damit das große Geld geflossen war oder noch immer floss. Sein Stil war feiner.

Sie verlegten in drei Hauptrichtungen. Wirtschaft – Fach- und Sachliteratur. Die gemischte Sparte: Romane, Bildbände, Kalender und zum Teil sogar Tonträger, die dazu gehörten. Hier waren die Übergänge zum dritten Bereich fließend: Erotik und Pornoin Schrift und Bild. Nein, es ging nicht darum. Gegen Porno war an sich nichts zu sagen. Aber wie gesagt, der Übergang vom Guten zum Fragwürdigen war sehr fließend.

Seine Leute hatten die Buchvorstellung gut hingekriegt. Er besah sich die Arrangements, die Anordnung der Gläser, die Formen und Farben der Dekorationen, die exquisiten Häppchen, die künstlerisch passend zum Buch aufgetischt waren. Nichts war dem Zufall überlassen. Das Buch selbst war eine Mischung aus erotischer Kunst und darauf abgestimmten Texten, belebt durch eine dazu produzierte CD und einer besonderen Anleitung zum Gebrauch, um den ganzen Genuss erleben zu können. Er hatte es ausprobiert. Es knisterte und funkte, wenn man alles beachtete. Texte und Bilder stammten vom vorgestellten Autor. Es war ein spektakulärer Bildband mit Texten, etwas Spezielles in der Aufmachung, in der Form und in den Farben. Der Autor hatte es super hingekriegt. Es erzeugte eine außergewöhnliche Stimmung. Dieser Stimmung entsprechend war die CD, die zum Anlass unterstreichend und dezent abgespielt wurde. Die Räume waren dem angepasst. Alles stimmte.

Zufrieden nahm er an seiner Erscheinung noch einige kleine Veränderungen vor, steckte eine Blume ins Knopfloch, band sich die Krawatte, klaubte ein paar Haare vom Ärmel. Perfekt. Ein Gesamtkunstwerk. Sein Vater hatte sein Kommen zugesichert. Kunst mochte er, da musste mehr heraus zu holen sein. Diese Richtung lag ihm, schöne Dinge mochte er. Er umgab sich gerne damit. Davon zeugte selbst sein Büro, das nicht nur zweckmäßig war, sondern einen eigenen Stil aufwies. Er zupfte noch einmal dies und das an die richtige Stelle oder in die richtige Position wie ein Schauspieler oder Musiker vor seinem Auftritt. Als er von nebenan das Stimmengemurmel anschwellen hörte, stellte er sich auf das Kommende ein und öffnete die Tür. Er schritt in den Raum, begrüßte hier und dort jemanden, sah wie sich die Räume füllten, wie hierhin und dorthin geschlendert wurde. Er registrierte die üblichen wohl gestylten Gäste, die begehrlich zum Buffet schielten, untereinander Smalltalk betrieben, lästerten oder andere begutachteten. Weigert mit Gattin stand zwischen ihnen. Chris nickte ihm zu und erhielt ein Nicken zurück. Er begrüßte eine seiner Lieblingsautorinnen, Rebecca. Er mochte ihr helles Lachen. Aber sie war keine Autorin seines Verlages. Er hatte sie nicht dazu bewegen können, bei ihnen etwas heraus zu geben, obwohl ihr das bestimmt weiter geholfen hätte. Sie war ein angenehmer Mensch und schrieb gut. Weigert dachte anders über sie – wenig schmeichelhaft. Natürlich hatte Chris versucht, bei ihr als Mann zu landen, aber es hatte nicht geklappt. Es konnte gut sein, dass es auch Weigert versucht hatte. Der konnte so etwas schlecht weg stecken. Chris allerdings war einer, der es leicht akzeptieren konnte. Sie verstanden sich weiterhin gut. Keine Probleme dadurch. Wer nicht wollte, hatte schon. Es gab genügend andere. Er hatte es nicht nötig zu betteln oder sich groß zu bemühen. Nicht nötig und keine Lust dazu.

Er musste seine einführenden Worte sprechen und den Autor vorstellen, damit endlich die Köstlichkeiten ihrer Bestimmung dienen konnten. Also nahm er das Mikrofon zur Hand, das ihm von einer Assistentin gereicht wurde, setzte zu seinem Willkommen, zu seiner Rede an, zur Vorstellung der Neuerscheinung und des Autors. Alle Augen richteten sich auf ihn, die Musik wurde leiser und... es war nichts aus dem Lautsprecher zu hören. Na toll! Einbruch in seiner Inszenierung. Ärgerlich.

Chris blickte in die Runde und fordernd in Richtung Technik, zeigte dem Publikum eine bedauernde Geste, bat um Geduld. Er hasste solche Pannen in gut inszenierten Anlässen. Genau da sah er ihn in der Nähe des Eingangs stehen und auf seine spöttische Art grinsen. Flo! Herausforderung pur.

Er stand lässig dort, in dunklen Jeans und einem schwarzen Pullover, sah ihn an, hob kurz eine Augenbraue wie er es schon an ihm gesehen hatte und wartete der Dinge. Warum ihn das nervös machte, verstand er nicht. Flo war ein Gast wie jeder andere. Er hatte ihn vergessen gehabt, trotz ihrer ersten amüsanten Begegnung. Er hatte keinerlei Mühe, vor Menschen zu sprechen. Pannen ärgerten ihn zwar, aber mehr nicht. War Flo Provokation? So ein Unsinn. Er stand dort und wartete wie die anderen. Mehr nicht. Verrückt. Chris straffte sich, als das Problem behoben war, und konnte seine Rede starten. Diese unübliche Verunsicherung machte ihn ärgerlich und prompt verhaspelte er sich. Er hörte Flo's Lachen überdeutlich, sah seine Augen schadenfreudig glitzern oder glaubte, dass sie es deswegen taten und hatte große Lust, ihm die Zunge heraus zu strecken. Das war eine seltsame Anwandlung. Zugegeben. Nicht sehr erwachsen. Weil er jedoch erwachsen war, unterließ er es selbstverständlich. Der Rest der Rede verlief wie es sein musste, gewohnt souverän. Ja. So war das richtig. Er schaltete das Mikrofon ab und war zufrieden.

Nach dem Applaus und Schulter klopfen und sonstigen Äußerungen der normalen Art, nach dem Loslassen der anscheinend hungrigen Meute auf das Buffet und auf den Autoren, kämpfte sich Chris durch die Leute. Zu einem späteren Zeitpunkt las der Autor in einem weiteren Programm-Highlight aus seinen Texten. Er nickte hier und da, sagte jenem und diesem ein paar Worte und drang zu Flo vor, der noch immer lässig am gleichen Fleck stand und ihm herausfordernd entgegen sah. "Hallo Flo! Schön, dass du gekommen bist." Der Mann hob erneut eine Augenbraue an, sein Gesicht drückte Spott aus und außer einem dazu passenden Blick kam nichts von ihm. "Gefällt es dir?"

"Das weiß ich noch nicht. Ich sehe es mir an und werde dir danach antworten. Dekor ist gut." "Dekor ist gut?" "Ja. Reicht das nicht als Antwort?" "Nein. Ich vermute, da wird noch mehr kommen. Ich bin gespannt." "Ja, ja bestimmt bist du das. Schön, mich zu sehen? Solche Floskeln kannst du dir bei mir sparen. Ich steh nicht auf Gesülze." „Was soll ich deiner Meinung nach zu dir sagen?“

„Etwas Gescheiteres.“ „Hatten wir das nicht schon geklärt?“ „Was?“ Chris ließ es stehen. "Schlechte Laune?" "Nein. Nicht die Spur. Meine Art. Ich bin immer so." "Worauf stehst du denn? Auf Provokationen? Konfrontationen?"

„Hör auf mit den Analysen.“ „Hör du auf mir vorzuschreiben, was ich soll oder nicht. Du weichst übrigens aus.“ „Nicht die Bohne. Ich hasse solches Gerede um nichts und alles.“ „Ich meinte es ehrlich.“ "Ok. Wenn es sein muss, stell ich mich allem. Empfindest du Ehrlichkeit als Provokation?" "Ist es Ehrlichkeit oder Grobheit?" "Nenn es wie du es willst. Ich nenne es Ehrlichkeit. Aber du – nun weichst du meiner Frage aus. Mit Absicht?" "Ich schätze Ehrlichkeit."

"Wir werden sehen, ob es so ist oder ob du nur geistreich rüber kommen willst." Flo musterte ihn unverhohlen weiter mit seinen großen Augen, die alles zu durchschauen oder zu durchleuchten schienen. "Deine Rede war okay. Du kannst das gut. Und sonst? Ich werde sehen, ob es stimmt, was du sagst. Dann nämlich, wenn dir meine Antworten nicht gefallen. Warten wir ab, wie es sich entwickelt und ob du nur tust als ob." „Gut. Damit kann ich leben.“ „Und wenn es schmerzhaft wird?“ Chris schüttelte den Kopf. „Ich werde es ertragen. Und ich muss es vor allem nicht als für mich maßgebend ansehen, was du mir zu sagen hast.“ „Das stimmt.“

Chris nahm die Blicke der anwesenden Damen zur Kenntnis und wusste, dass sie nicht ihm sondern Flo galten. Und er musste schmunzeln, als sich eine davon wie eine Katze auf Mäusefang anschlich. Ihr Lächeln war sehr süß. Eigentlich zu süß. Er dachte sich: "An dieser Maus, liebe Katze, könntest du ziemlich zu würgen bekommen. Es besteht die Möglichkeit, dass die Maus die Katze frisst." Es war unglaublich, wie charmant sie sein konnte und wie lauernd sie gerade so wirkte. Sie kam näher und säuselte wie ein zartes Rosenblatt in der Sommerbrise: "Chris! Chris, willst du mich nicht vorstellen? Wer ist dieser aufregende attraktive Mann? Ich habe ihn noch nie auf einer Veranstaltung gesehen." Er seufzte hörbar. Sie setzte den aller schönsten Augenaufschlag ein und brachte einen leichten Schmollmund ins Feld. Peinlich und so offensichtlich. Er ärgerte sich über sie und war auf die Reaktion gespannt. Flo hob seine Augenbraue an. Er stellte vor: "Flo, das ist Michaela, meine Ex. Das ist Flo."

"So betonen musst du das mit der Ex nun auch wieder nicht", kam es etwas schärfer, um gleich wieder lieblich zu flöten: "Wir sind immer noch Freunde." "Einseitig", brummte Chris vor sich hin und wurde mit einem Seitenblick in den Boden gestampft. Sie widmete sich dem Unbekannten. "Flo? Wie reizend! Woher stammt der Name?"

Flo musterte sie taxierend, um nicht zu sagen frech, denn er verbarg nichts dabei. "Von Florent. Eine Abkürzung." "Oh wie süß! Das gefällt mir. Sind Sie Franzose?“ „Das spielt keine Rolle.“ „Ich finde die Franzosen so unglaublich sexy, so..."

Hätte das "so charmant" werden sollen? Tja, das passte nicht zu diesem Mann. "Ich halte heute keine Frage-Antwortstunde ab. Und Autogramm gebe ich prinzipiell keines." Er ging davon, mischte sich unter die Leute, sah sich alles an und ließ alle, die Annäherungsversuche starteten, links liegen – vorerst. Was für ein Abgang. Chris grinste.

"Das ist... das gibt es doch nicht! So ein... Was für ein Rüpel!" „Nanu? Ich dachte, er ist...“ „Halt den Mund Chris!“ "Was pflaumst du mich an! Dort drüben ist die richtige Adresse dafür. Ach egal! Nur weil er kein Interesse an dir hat?" Chris lachte offen. Die Anspannung war von ihm abgefallen. Wie das letzte Mal amüsierte er sich. Sie ging nicht darauf ein.

"Autogramm? Hm... warum das? Aber gut sieht er aus. Was für eine Figur. So ein knackiger kleiner Hintern, hmmm. Oh ja! Sieh ihn dir an.“ „Nee. Ich steh nicht drauf.“ „Und die Augen. Hast du schon einmal solche Augen gesehen und in seinem eher dunklen Gesicht? Groß und so hell mit diesem dunklen Iris-Ring? Ich nicht. Und... der wäre etwas zum Vernaschen."

"Hörst du bald auf! Du gerätst ja in Verzückung. Aber ich stimme dir zu. Er hat was. Das sehe selbst ich. Aber eindeutig mehr als einen schönen Hintern. Typisch Michaela."

"Was dachtest du denn? Deiner ist auch nicht hässlich Chris." Nun lachte sie schelmisch. Es gab wohl Dinge, die er an ihr auch heute noch mochte. Dieses Lächeln gehörte dazu, ihre erfrischende Frechheit eigentlich auch. Aber leider überwogen die anderen Seiten. Vielleicht war er ungerecht, aber wozu Zeit mit Nachdenken darüber verschwenden. Vorbei war vorbei. Ab und zu erwischte er sie bei einem rätselhaften Blick, wenn sie ihn heimlich ansah, den er kaum deuten konnte. Denn Liebe war es bestimmt nicht, konnte es nicht sein. Auch wenn es so aussah. Sie liebte sein Geld. Und er? Ja, was hatte er an ihr denn gemocht? Einiges. Warum hatte es nicht geklappt zwischen ihnen? Sie lenkte ihn von seinen ungewohnt aufgekommenen Gedanken ab.

"Ist er Autor?" "Das weiß ich nicht. Keiner von uns. Ich kenne ihn noch kaum. Frag ihn selbst." "Er will nicht antworten. Schätze ich. Nach dem Auftritt eben?" "Das ist dein Problem. Du willst es genauer wissen, nicht ich. Bezirz ihn weiter. Vielleicht hilft es." Er zuckte die Schultern und sie ärgerte sich. Ihre Stimme war nicht mehr säuselnd. "Ach, du weißt nie etwas!" „Stimmt. Und außerdem soll ich den Mund halten. Da musst du schon selbst ran, um etwas zu erfahren.“ Sie wandte sich ab und stolzierte lohnenden Begegnungen zu. Er sah ihr nach. Auch kein schlechter Hintern. Wieder grinste er.

Flo fühlte sich nicht wohl. Er passte nicht her oder die Leute nicht zu ihm. Er fragte sich, warum er gekommen war. Das war eine dumme Idee gewesen. Diese Anmache von allen Seiten. Er verschloss sich dadurch immer mehr. So etwas konnte er nicht haben. Da kam schon wieder eine auf ihn zu gewackelt und lächelte ihn an. "Hallo! Gut gemacht das Ganze hier nicht?"

"Ja, vermutlich." Er brummte nur, wollte nicht reden, aber sie blieb hartnäckig. Das waren sie alle. Er war keine Beute, verflixt noch mal. Sie hatte dunkle lange Haare und grüne Augen, war eine angenehme Erscheinung, aber er wollte sich mit keiner näher einlassen. Die Frauen hier waren alle von der gleichen Sorte. Sein Blick blieb entsprechend düster. "Sie wirken nicht zufrieden. Ich bin Rebecca oder auch Becki." "Was kümmert Sie, wie ich wirke? Ob zufrieden oder nicht, das ist meine Sache." "Ja, natürlich, aber …"

„Da gibt es kein aber.“ „Na dann.“ Er seufzte genervt. "Flo, kommt von Florent. Ich sage es gleich, dann können Sie sich die Frage wegen meinem Namen sparen und weiter gehen. Ich bin weder charmant noch an irgendwelchen Spielchen interessiert."

„Das mit dem nicht charmant müssen Sie nicht betonen. Das ist klar.“ „Gut.“ „Aber Spielchen könnten gerade das von Ihnen sein.“ „Ich bin...“ "... ein Flegel?" "Und?"

"Willst du dich damit interessant machen Flo?" Sie sah ihn an und ihre Augen blitzten. Sie war ohne Umstände zum du übergegangen und musterte ihn. Schöne Augen hatte sie wirklich, besonders jetzt, als sie zu funkeln begannen. Sollte er sie noch mehr funkeln lassen? Er hatte kein wirkliches Interesse daran. Das lohnte nicht. Er betrachtete sie trotzdem absichtlich unverschämt. Schlank, nicht zu groß, passend gekleidet, nicht aufgetakelt, schöne leicht gebräunte Haut, kleine offensichtlich feste Brüste. Ja, eigentlich wirklich nicht übel. Und doch, ihm war nicht nach Kontakt. Nicht mit diesen Weibchen hier. Auf diese reichen Püppchen konnte er verzichten. Dass dies möglicherweise Vorurteil war und nicht sehr sympathisch fiel ihm in seiner eher schlechten Stimmung nicht auf. "Nein. Kein Interesse. Ich pfeife darauf. Das brauch ich nicht. Ich will nicht diskutieren. Klar?"

"Klar. Aber provozieren willst du?" "Lass es. Jeder kommt mit dem Mist an. Fällt dir nichts Besseres ein?" „Wozu sollte ich mir Mühe geben, originell zu sein?“ „Dass ich nicht vor Langeweile krepiere.“ „Es ist nicht meine Aufgabe, dich zu unterhalten.“ „Das wäre ja noch schöner!“ "Wozu bist du hier? Hat dich jemand gezwungen?"

"Nein. Ich schau es mir an. Dazu brauch ich meinen Mund nicht. Nur die Augen. Heute sagen mir Konversationen dieser Art und Smalltalk nichts. Zwingen lass ich mich nicht." "Zu anderen Dingen?" "Verflixt noch mal. Blöde Fragerei. Ich will meine Ruhe, merkst du das nicht? Verkrümle dich sonst wohin, es hat andere Kerls hier, mit denen du ins Bett hüpfen kannst heute Abend, wenn dich etwas juckt. Ich bin nicht der Richtige." "Aber einer, der das verdient."

Bevor er es sich versah, hatte er sich eine kräftige Ohrfeige eingefangen und staunte hinter ihr her, als sie sich abwandte und mit jemandem anderes ein Gespräch begann. Da war er wohl falsch gelegen. Die meisten waren eindeutig darauf aus. Hatte er ihr Unrecht getan? Und wenn. Er rieb sich sein Gesicht. Der hatte gesessen. Als er ihr später auf seinem Rundgang wieder begegnete, nachdem er sie die ganze Zeit etwas beobachtet hatte, entschuldigte er sich für seinen Ausrutscher. Sie nahm es mit ärgerlichen Augen entgegen, wandte ihm den Rücken zu und bediente sich am Buffet. Er zuckte die Schultern und betrachtete derweilen ihre Rückseite. Auch die war nicht übel.

Chris war nach Michaelas Abgang in die üblichen Gespräche verwickelt worden. Es lief ab wie es musste: oberflächlich oder geschäftlich. Er versuchte, sich darauf zu konzentrieren. Das war schließlich einer seiner Aufgaben als Gastgeber. Der Vater fand anerkennende Worte. Und doch. Heute war es anders. Er ertappte sich immer wieder dabei, wie er sich selbst beobachtete, so als trete er aus sich heraus und betätige sich als neutraler Zuschauer. Was war los? Es war nicht seine Art. Er war kein grüblerischer Mensch. Er versuchte diesen seltsamen Zustand abzuschütteln und den Anlass zu genießen, sah die Gäste, sah den Vater, der dort stand mit einem Glas in der Hand und mit einem seltsam nachdenklichen Gesicht Flo beobachtete. Nun ja, Flo war anders, aber besonders auffällig nicht. Oder irrte er sich? Immerhin war Vater keine Frau und so viel er wusste, hatte er auch keine anderen Neigungen. Aber es konnte durchaus Dinge geben, die er nicht über ihn wusste oder die er verdrängte. Verflixt noch einmal, was war heute mit ihm los?

Ab und zu sah auch er, was Flo tat. Er bekam die Episode mit Rebecca mit und freute sich ein bisschen über ihre Reaktion. Er sah ihn lesend, sich unterhaltend, etwas betrachtend, die Bilder, die Bücher, die aufgelegten Prospekte und Kataloge, wie alle anderen. Auf einmal bekam er mit, wie er den Katalog, in dem er aufmerksam geblättert hatte, heftig auf den Tisch zurück legte und hinausging. Hatte ihn etwas geärgert? Später war er wieder da. Ruhig und beherrscht bewegte er sich in den Leuten. Er wollte diese verschiedenen Seiten, die er an dem Mann sah, entdecken, ihn erforschen. Es war spannend. Flo war nicht wie die meisten. All die anderen kannte er mehr oder weniger. Viele waren nach ähnlichem Muster gestrickt. Oder waren das nur Fassaden? Ach, egal. Das war schlimm heute mit ihm. Flo interessierte ihn und nicht die anderen. Ob Fassaden oder nicht, war ihm egal. Sollte jeder es handhaben wie er wollte.

"So sehr in Gedanken? Dich kann man von hier weg tragen und du merkst nichts. Ich steh schon eine ganze Weile neben dir." Er zuckte zusammen. Flo sah ihn an. Chris kam aus seinen Gedanken zurück. "Ja. Und das ist selten. Ich bin sonst nicht so abwesend. Mir geht einiges durch den Kopf."

"Das mit dem selten wird zutreffen. Es kann nicht schaden, besonders in deinem Fall, dass du nachdenkst. Ich frage mich, ob dieses Selten dir die Fähigkeit dazu nicht schon gemopst hat.“ „Hey! Warum?“

„Kannst du es noch? Kannst du noch nachdenken? Oder willst du es überhaupt? Tust du das jemals?" Was waren das für Fragen? "Sag mal, warst du auch so zu Becki? Kein Wunder, dass sie dir eine geschmiert hat. Sie hat Temperament und lässt sich nichts gefallen." "Du nicht? Kein Temperament? Und du lässt dir alles gefallen? Gut zu wissen. Das werde ich testen und ausnützen." "Nein. So mein ich das nicht." "Du lenkst übrigens ab."

Dazu wollte er sich nicht äußern. Chris versuchte zu erforschen, wie es gemeint war, bevor er falsche Schlüsse zog. Aber sein Gegenüber ließ ihm keine Chance, war verschlossen, also musste er nachfragen. "Wovon lenk ich ab? Erklär mir erst, warum du das sagst. Wie ist es gemeint? Vielleicht kann ich dir danach antworten."

"Darüber, schätze ich, reden wir besser ein andermal unter vier Augen. Vorausgesetzt es interessiert dich tatsächlich und du wagst es, dich dem auszusetzen." Das waren vielleicht Eröffnungen. Schon ging es damit weiter: "Nur so viel, damit du die Richtung kennst und wenn du es als nötig ansiehst, aufrüsten kannst, um mich in den Boden zu rammen. Das hier, die ganze Inszenierung, sowie der Verlag, mag niveaureich, weltmännisch und toll oder was auch immer du ausdrücken möchtest, daherkommen, aber darunter oder dahinter verbirgt sich Dreck. Haufenweise. Stinkender Scheiß. Nein, ich rede nicht von diesem Band, der heute vorgestellt wird. Der ist okay und hat schöne Aspekte. Aber wenn ich im Katalog blättere, frage ich mich, ob du weißt, was du tust, was du anrichtest. Natürlich ja, zusammen mit so vielen anderen. Es scheint heute zum guten Ton zu gehören. Je verruchter etwas ist, desto mehr In ist es. Ich höre sie schon, die Argumente, die von dir kommen."

„Was!“ „Tu nicht so. Nicht so empört und schon gar nicht ahnungslos.“ Ahnung war vorhanden. Herunterputzen lassen musste er sich deswegen noch lange nicht. „Wer ist nun eingebildet?“ „Ich nicht.“ "Bist du ein Moralist?" "Nein." "Was dann, wenn du so daher kommst?"

Flo musterte ihn eindringlich. "Mir scheint, du weißt genau, worum es geht. Sag nur, dass du bei gewissen Dingen deine Zweifel hast? Und du gehst denen nicht nach? Änderst nichts? Aha. Aber wie gesagt. Reden wir ein andermal. Mach dich auf unangenehme Wahrheiten gefasst. Ich könnte fies sein, will es aber nicht. Heute nicht. Manchmal schon. Ich will dir den Anlass nicht verderben. Das wäre falsch."

Flo suchte einen Zettel und einen Stift, kritzelte etwas darauf und hielt es ihm hin. "Meine Telefonnummer. Nur für dich, nicht für alle Welt. Untersteh dich, sie weiter zu geben. Wenn doch, gibt es große Probleme. Wenn du Kontakt aufnehmen willst, tu es. Wenn nicht, lass es. Kann sein, dass du die Hosen voll hast und es lässt. Deine Sache und für mich kein Unglück. Dann war es das eben. Ich frage mich, ob du den Mut dazu hast."

Chris ärgerte sich. "Ich meinerseits frage mich, wann du von deinem hohen Ross herunter steigst, von dem du so erhaben auf mich herab siehst? Ich würde es mir überlegen, sonst landest du auf einmal unsanft. Du bildest dir eine Menge auf dein Urteil ein."

Ja. Es glitzerte erstaunt und erfreut in Flo's Augen. Wieder wurde Chris gemustert und ein freundliches Schmunzeln erschien diesmal in seinem Gesicht. "Ach? Sieh an. Doch ganz schön Pfeffer im Hintern! Sehr gut." Er nickte ihm zu, sah noch zu Rebecca hin, die nicht weit entfernt stand und ging. Chris steckte den Zettel ein.

"Ein verflixt arroganter Kerl ist das." Er sah Rebecca an. "Ich weiß nicht. Nicht eigentlich. Er hat was. Er ist gnadenlos direkt. Spannend. Er macht mich neugierig." "Ich finde, er geht nicht gut mit dir um Chris. Warum lässt du dir das gefallen? Du weißt dich sonst besser zu wehren.“ „Das hat sich nicht geändert. Schonfrist. Er ist außergewöhnlich.“

„Ach was!... Er nimmt sich zu viel heraus. Der braucht einen Tritt in seinen Hintern. Er ist mir auch ganz schön frech vorbei gekommen. Meine Quittung dafür hat er. Wer ist er?"

"Genau weiß ich das nicht. Wir sind uns erst einmal begegnet und auch das war... ach lass nur, ich kann damit umgehen. So schnell haut mich nichts um. Und dass du ihm Kontra gegeben hast, habe ich gesehen. Das war gut."

Sie lächelte. Er widmete sich wieder seinen gastgeberischen Aufgaben. Forderte ihn dieser Kerl ständig heraus? Warum fühlte er sich so und meinte, sich verteidigen zu müssen? Berührte Flo wunde Stellen in ihm? Er wusste nicht, ob er solche überhaupt hatte. Nein, die gab es nicht.

3. Nachdenken

Flo war viel aufgewühlter, als er es sein wollte, als er es zeigen wollte. Warum ließ der ihn nicht kühl, wie es sonst war, bei solchen wie er einer war, dieser Chris? Er ließ die Menschen nicht leicht an sich heran, nicht diejenigen, die er gut kannte und andere schon gar nicht, darum konnten sie ihn nicht erschüttern. Vom ersten Moment an, in dem Lokal, als er ausgerastet war, vom allerersten Moment an, hatte er etwas an Chris gemocht und es nicht herausgefunden, was eigentlich. Dabei entsprach dieser Kerl in keiner Weise seinem üblichen Bekanntenkreis. Mensch, wohin entwickelte er sich. Und all die Tussis in ... oh Mann!

"He warte! Bleib stehen Flo." Er sah sich um und stand wieder dieser Rebecca gegenüber. Ihre Augen blitzten. Er hatte seinen Helm schon in der Hand, setzte ihn aber noch nicht auf und sah sie an. "Ja? Was ist?"

"Wie du mit Chris sprichst, ist die Höhe, finde ich. Du behandelst ihn mies. Er ist okay und du bist ein unverschämter großkotziger Flegel." "Ist er dein Lover?"

"Sag mal, willst du noch eine gescheuert? Das geht dich nichts an." "Das mag sein. Unsere Gespräche gehen dich nichts an. Ist er es oder nicht?" "Nein, ist er nicht. Ist dir eigentlich bewusst, wie du rüber kommst? So etwas von arrogant. Tust du so oder bist du so?"

"Was bedrückt dich daran?" "Ich hab so etwas noch nie erlebt. Denkst du, du hast die Weisheit mit Löffeln gefressen?" "Nein, das denke ich nicht, aber …" Er sah ihr unentwegt in die Augen und war in keiner Weise von irgendetwas, das sie sagte, beeindruckt. "Rebecca, wie ich rüber komme, ist mir scheißegal. Verstehst du? Ich sag, was ich sagen will und in der Art, wie ich es tun will und keiner und auch keine redet mir rein. Wem das nicht passt, muss sich nicht weiter mit mir abgeben. Wer es doch tut, muss sich mit meiner Art abfinden. Verbiegst du dich etwa für jeden, der dir begegnet? Wenn ja, ist nicht viel an Echtheit in dir. Wenn nein, wie kommt es, dass du dieses Verhalten von mir verlangst? Ich heuchle nicht."

„Siehst du mich so an? Als unecht?“ Er zögerte sie musternd. „Nein. Aber deine Aussagen... denk mal darüber nach. Dann siehst du, was ich meine.“

Ganz kurz erschien ein Lächeln in seinem sonst ernsten Gesicht. Sie ließ sich davon nicht einlullen. „Du schulmeisterst.“ „Glaub ich nicht. Ich gebe nur Anregungen.“

"Auf jeden Fall handelst du dir so Probleme ein. Das ist mir allerdings egal, das ist deine Sache. Doch du verletzt andere damit und das ist nicht in Ordnung." "Quatsch … verletzen …? Er steckt das weg, dein Schützling, oder er lässt es. Er ist nicht gezwungen, weiter mit mir Kontakt zu haben. Das was ich gesagt habe, war richtig. So sehe ich es."

"Man kann Wahrheiten auch anders sagen. Freundlicher. Anständiger." „Anständiger? Das passt toll. Und... Man --- ja vielleicht. Aber ich nicht. Weißt du eigentlich, was in diesem Verlag alles verkauft wird? Und wenn du es weißt, kannst du dich damit einverstanden erklären, verteidigst du es auch noch? Dann passt du hin. Wenn du es nicht weißt, kümmere dich um Dinge, von denen du etwas verstehst. Geh kochen. Steck deine Nase nicht in meine Angelegenheiten."

Sie sah, dass er wütend war, aber sie war es noch mehr und sie hätte ihm wirklich gerne noch einmal eine geknallt oder ihn übers Knie gelegt. Doch ein Tritt? Jetzt? Das war vielleicht ein... Was bildete der sich ein? Geh kochen? Eine Frechheit war das! "Was weißt du schon von mir?"

"Nichts. Stimmt. Und mehr als nichts wird es auch in Zukunft nicht werden. War es das nun? Ich will weg." Er wusste, dass er sich daneben benahm und merkte, dass sie nicht zu den Luxusweibchen zu gehören schien. Er wusste, dass er ungerecht war, dass er verallgemeinerte und ungezogen rüber kam und sah sehr wohl, dass er nahe daran war, sich wieder etwas einzufangen. Aber er konnte nicht anders. Er war aufgewühlt und wollte gehen.