Ein Sommerabend - Cécile Tlili - E-Book

Ein Sommerabend E-Book

Cécile Tlili

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Beschreibung

An einem heißen Sommertag in Paris treffen sich zwei Paare, um den Abend gemeinsam zu verbringen. Was nach einer harmlosen Essenseinladung klingt, entpuppt sich als eine aufwendige Maskerade, bei der alle versuchen, den Schein zu wahren, um ihre ganz eigenen Ziele zu verfolgen.
Gastgeber Étienne will Johar, die Frau seines Freundes Rémi, dazu bringen, seiner Anwaltskanzlei ein wichtiges Mandat zu verschaffen. Die jedoch hat ganz andere Sorgen und ist vollkommen mit ihren eigenen Karriereperspektiven beschäftigt, eine Entscheidung muss genau an diesem Abend gefällt werden. Unterdessen gelingt es Rémi zusehends schlechter, ein bislang wohlgehütetes Geheimnis zu bewahren. Und Claudia, die gesellschaftliche Anlässe gern meidet, setzt zu Beginn alles daran, für ihren Lebensgefährten Étienne einen gelungenen Abend vorzubereiten, überdenkt ihre Rolle als Gastgeberin und Frau aber bald vollkommen neu. Am Ende verläuft nichts wie geplant, und das Kartenhaus gerät gefährlich ins Wanken.

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Seitenzahl: 168

Veröffentlichungsjahr: 2024

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INHALT

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ÜBER DIE AUTORIN

Cécile Tlili hat in Paris Ingenieurwesen studiert. Sie ist Mitbegründerin einer alternativen Schule für neuro-atypische Kinder. Ein Sommerabend ist ihr erster Roman. Er wurde für zahlreiche Preise nominiert und mit dem Prix Littéraire Gisèle Halimi ausgezeichnet. Cécile Tlili lebt in Paris.

Über das Buch

An einem heißen Augusttag treffen sich zwei Paare, um den Abend gemeinsam zu verbringen. Schnell wird jedoch klar, dass es sich dabei nicht nur um eine unverfängliche Verabredung zum Essen handelt. Gastgeber Étienne will Johar, die Frau seines Freundes Rémi, dazu bringen, seiner Anwaltskanzlei ein wichtiges Mandat zu verschaffen. Die jedoch hat ganz andere Sorgen und ist vollkommen mit ihren eigenen Karriereperspektiven beschäftigt, eine Entscheidung muss genau an diesem Abend gefällt werden. Währenddessen gelingt es Rémi zusehends schlechter, ein bislang wohlgehütetes Geheimnis zu bewahren. Und Claudia, die gesellschaftliche Anlässe gern meidet, setzt zu Beginn alles daran, für ihren Lebensgefährten Étienne einen gelungenen Abend vorzubereiten, überdenkt ihre Rolle als Gastgeberin und Frau aber bald vollkommen neu. Am Ende verläuft nichts wie geplant, und das Kartenhaus gerät gefährlich ins Wanken.

1

Claudia lehnt sich gegen die Küchenwand. Die am Tag vom Gips gespeicherte Wärme breitet sich in ihren Hüften, Schulterblättern, Schultern aus. Ihr Kopf sinkt nach vorne, unendlich schwer. Beim Anblick der quer über ihren Ausschnitt verteilten Rötungen lässt sich Claudia noch etwas schwerer in die Wand sinken, die Flecken ihrer vom Einreiben des Hühnchens fettigen Hände auf der weißen Wand sind ihr gleichgültig.

Die Küche ist zum Ersticken. Es ist beinahe acht Uhr abends, aber die Sonne dringt immer noch zwischen den Lamellen der Fensterläden hindurch, um ihr die Haut zu verbrennen. Oder vielleicht macht das Curry aus dem Raum einen Backofen. Was hat sie sich dabei gedacht, bei diesen Temperaturen ein warmes, scharfes Gericht zuzubereiten. Étienne hatte ihr doch gesagt, ein Salat würde genügen.

Étienne tritt zu ihr. »Sie kommen bald, Claudia. Warum gehst du nicht duschen.«

Er selbst ist frisch und sauber. Er legt seiner Lebensgefährtin eine Hand an den Hals. Als er spürt, wie ihre Arterie gegen seinen Daumen pulsiert, fragt er ungläubig: »Hat dich das Kochen so mitgenommen? Du solltest duschen gehen, das wird dir guttun.«

Die Hand gleitet vom Hals zum Nacken, um den er vorsichtig seine Finger legt, Claudia unmerklich in Richtung Flur und Badezimmer dirigierend. Schmaler Hals. Der Hühnerhals ist im Müll gelandet, mit den Innereien. Der Metzger besteht immer hartnäckig darauf, ihr alle Teile eines Viechs mitzugeben, und jedes Mal aufs Neue muss sie einen Moment verwundert diese Fremdkörper im Fleisch mit der orangen Haut betrachten: die glänzende und dunkle Oberfläche der Organe, die Krümmung des Halses, die Krallen, nunmehr harmlos.

»Ja, ich gehe.«

Claudias nackter Körper im Badezimmerspiegel ist ein Mosaik aus Krebsrot und Weiß. Sie hat fast drei Stunden in der Küche gestanden. Hat dünne Scheiben aus Zwiebeln geschnitten, deren Geruch sich an ihren Händen festgebissen hat und sie nicht loslassen will. Hat Karotten und Zucchini gewürfelt, Rosinen in Wasser eingelegt, Öl in heißen Pfannen zum Sieden gebracht. Kaum dass sie ein paar Minuten dem Dampf der Töpfe entkommen konnte, hat sie sich vom ordnungsgemäßen Zustand der Wohnung überzeugt, Kissen aufgeklopft und Dekoration zurechtgerückt. Der Tisch ist hübsch eingedeckt, wie in einer Puppenstube. Überall im Salon hat sie Schälchen mit Pistazien und Oliven platziert.

Claudia dreht den Temperaturregler der Dusche auf kalt, in der Hoffnung, der eisige Strahl wasche nicht nur ihren nach Curry und Knoblauch riechenden Schweiß ab, sondern mit ihm die grässlichen roten Flecken. Sie schaut dem Wasser nach, wie es zwischen ihren Brüsten hindurchrinnt, über den schon leicht gewölbten Bauch, dann die Beine hinab und in den Abfluss. Den Blick auf die Venen gerichtet, die sich unter der durchscheinenden Haut ihrer Füße schlängeln, spürt sie etwas wie Scham in sich aufsteigen. Die erste echte Begegnung mit Étiennes Freunden, und sie wollte die perfekte Gastgeberin spielen. Ohne darüber nachzudenken, hat sie diese Rolle an sich gerissen. Das Ambiente sollte perfekt und das Abendessen köstlich sein, und nun ist sie an der Reihe, sich schön zu machen. Denn selbstverständlich ist es das, was Étienne in Wirklichkeit erwartet: »Geh doch duschen, das wird dir guttun«, heißt »sei vorzeigbar, mach dich hübsch, so hübsch wie das Dekor«.

Vom Rubbeln mit dem Handtuch kribbelt ihre Haut. Unter der kalten Dusche hat sich das Rot von ihren Wangen zurückgezogen, kehrt aber beim Gedanken an das bevorstehende Treffen umso heftiger zurück. Claudia schlüpft in ein schwarzes Kleid. Sie schminkt sich, unter der Grundierung versucht sie, die knallroten Flecken, die sich weiter in ihrem Gesicht ausbreiten, verschwinden zu lassen. Sie denkt darüber nach, noch einmal unter die Dusche zu gehen – ihr ist, als nähme sie neben dem Eisenkrautgeruch der Seife noch einen Hauch von Curry wahr, aber es ist zu spät, die Gäste sind im Anmarsch.

Sie mustert sich im Badezimmerspiegel, und sie sieht sich, wie Étiennes Freunde sie sehen werden: eine fade und unbeholfene Frau, eine Frau, die nichts zu sagen hat, eine Frau, die er wahrscheinlich wegen ihrer Hausfrauenqualitäten gewählt hat, keine, die ihn in den Schatten stellen könnte. Gewissenhaft und dumm hat sie alles dafür gegeben, dieser Karikatur zu entsprechen und sich als Gegenteil dessen zu präsentieren, was seine Freunde sind und wie sie selbst hätte wirken wollen: immer in Eile, immer viel Arbeit, keinesfalls fünf Minuten Zeit, um sich mit Alltagsdingen zu befassen, getrieben von ihrem Job und dem Leben in Paris.

Sie hätte sich vorher zurechtlegen sollen, was sie ihnen sagen, wie sie sich geben will. Sie hätte an ihrem Auftreten arbeiten können, statt so viel Zeit mit der Deko zu verplempern.

Claudia, die Blasse. Was sie so oft gehört hatte, würde sie jetzt gerne geschehen lassen. Verblassen, verschwinden. Sich nicht den neugierigen oder gleichgültigen Blicken aussetzen, sich die Peinlichkeit ersparen, in den Augen ihrer Gesprächspartner Langeweile aufziehen zu sehen, sobald sie zu sprechen beginnt. Natürlich kann sie sich auch immer fürs Schweigen entscheiden: schweigen, lächeln, lachen, wenn die anderen scherzen. Sie weiß aber auch, dass ihr Urteil dann umso unerbittlicher ausfallen wird, Claudia, das Vorzeigepüppchen, die Belanglose.

Sie setzt sich zu Étienne aufs Sofa. Er arbeitet an mitgebrachten Akten. Ohne aufzusehen, drückt er Claudia an sich, seine Hand ist so groß, dass sie um ihren halben Brustkorb reicht. Seine Finger klimpern auf und zwischen Claudias Rippen herum. Schwarze Taste, weiße Taste, weiße Taste, schwarze Taste. Seine Finger begleiten Claudias Herzschlag im Presto. Sie würde ihn gerne bitten, ihr etwas über Johar und Rémi zu erzählen – was sie außerhalb ihrer Arbeit machen, was sie mögen. Vielleicht ist noch Zeit, sich auf die Begegnung vorzubereiten. Aber Étienne würde sie nicht verstehen, nur erstaunt von seinen Verträgen aufblicken und sie auffordern, ihnen die Fragen doch selbst zu stellen.

Unruhig steht Claudia wieder auf und geht zurück in die Küche. Im Flurspiegel mit der Krone aus Gipsfrüchten und Trauben schaut die Frau im schwarzen Kleid sie durch braune Strähnen hindurch an, anstelle eines Gesichts – ein Feuerball.

2

Johar spaziert durch den Abend. Sie hat den Fahrer gebeten, sie einige Blöcke vor Étiennes Haus abzusetzen. Sie braucht etwas frische Luft, bevor sie sich für den Rest des Abends wieder hinter verschlossene Türen begibt. Sie geht langsam, sie hat es nicht eilig, bei diesem Abendessen zu sein, das überraschend kam und sie jetzt schon langweilt. In aller Ruhe füllt sie ihre Lungen mit dem schweren Sommerabendduft. Hier sind die Straßen breit. Über einige Fenster spannen sich gestreifte Marquisen, die sich sanft in der Brise wellen. Das Rauschen der Bäume begleitet ihre Schritte, die Blätterkronen formen über ihrem Kopf einen schützenden Bogen.

Sie ist nun am Boulevard Raspail angekommen, bei Étiennes Haus. Johar setzt sich auf eine Bank. Sie atmet ein. Am Himmel sind ein paar graue Schleier aufgetaucht. Windstöße treiben spielerisch trockene Blätter vor sich her und drücken ihren warmen Atem gegen ihren Mund. Es bräuchte endlich ein Gewitter, einen Regen, der die Feuchtigkeit des späten Augusts auflöste und den Schweiß und die Müdigkeit der Tage wegschwemmte. Sie lässt sich mit dem Kopf hintenüberfallen. Das Blattwerk der Platanen schneidet über ihren Augen ockerfarbene geometrische Formen ins Himmelblau, die sie an die Stereogramme ihrer Jugend erinnern. Sie denkt, wenn sie wie damals nur lange genug auf die abstrakten Muster starrte, würde sich vielleicht ein verstecktes dreidimensionales Bild daraus formen.

Zu gerne würde sie den Abend auf der Bank verbringen und dem Straßenkino zusehen. Sie sieht überhaupt nichts mehr von der Stadt. Das Monster aus Granit und Beton, in dem sie arbeitet, verlässt sie nur im Tausch gegen die angenehme Wohligkeit der Limousine, die sie zu ihrer großen Wohnung in einem westlichen Pariser Vorort bringt. Sie kommt heim, duscht, verbringt manchmal Zeit mit Rémi, meistens aber Zeit alleine, wenn Rémi nicht mehr auf sie warten wollte und alleine ausgegangen ist oder schon schläft.

Sie geht überhaupt nicht mehr nachts draußen spazieren. In dem Geschäftsviertel, wo sich ihr Leben abspielt, gibt es keine Nacht. Es gibt keine Gerüche, keine sich verlangsamenden Schritte. Und gegen das intensive Grau kann die Klarheit der Sommerabende nichts ausrichten. Einige magere Bäume, mit den Wurzeln verfangen zwischen grässlichen steinernen Zahnstummeln, wollen sich den Blicken entziehen, als schämten sie sich, ein Störfaktor in der mineralischen Monotonie der Stadt zu sein. Johar sieht sie nicht mehr. Den Blick auf den Boden geheftet, klackert sie mit ihren quadratischen Absätzen über die Granitplatten – spitze Absätze würden in den Fugen stecken bleiben und sie die Knöchel kosten. Wie alle Frauen dort trägt sie dunkle Blazer und glättet ihr Haar. Niemals hebt sie den Blick zu den Spitzen der Glas- und Stahltürme. Sie rennt von einem Termin zum nächsten, die Kopfhörer immer im Ohr.

Johars breiter Hintern bildet auf der Bank ein bequemes Kissen. Während des Urlaubs hat sie zugenommen, hat sich zu viel gegönnt. Wenn das höllische Tempo ihrer Arbeitstage etwas Gutes hat, denkt sie, dann dass es sie von Süßigkeiten fernhält. Sie hätte jetzt gerne ihre Beine angezogen und die Knie gegen den Oberkörper gedrückt, wie Jugendliche es gerne tun – eine Haltung, die sie glaubte, vergessen zu haben. Aber der Blazer ist zu eng. Es war der einzige Blazer, in den sie heute Morgen hineingepasst hat, eigentlich zu warm für diese Jahreszeit, aber für den Lunch mit dem Vorstandsvorsitzenden, mit Carl, passender als die Kleider, die ihre sommerlichen Rundungen nur betont hätten.

Sie muss eine Diät machen. Im Grunde hat sie heute schon damit begonnen, obgleich ungewollt: Sie war während des Mittagessens zu nervös, um einen Bissen hinunterzubekommen. Jetzt ist sie hungrig, und ihr ist heiß. Die Müdigkeit drückt sie auf diese Bank am Boulevard Raspail nieder. Johar hat das Gefühl, niemals mehr aufstehen zu können. Sie weiß, dass sie tausend Dinge zu tun hat – zu diesem Abendessen hasten, wo ihre Verspätung schon an Frechheit grenzt, über die Entscheidung nachdenken, um die Carl sie gebeten hat, Carl anrufen, um ihm ihre Entscheidung mitzuteilen. Aber sie lässt all diese Gedanken von sich weggleiten und gibt sich der beruhigenden Lähmung hin, die sie ergreift.

Johar nimmt sich Zeit. Sie schindet Zeit. Sie lehnt sich zurück, fühlt, wie die warme, stickige Luft sie umweht. Sie macht eine kleine Bewegung mit der Hand, wie um die gewitterpralle Blase, die sie umgibt, platzen zu lassen. Sie lauscht dem Geräusch der Schritte auf dem Asphalt, macht sich einen Spaß daraus zu erraten, zu wem jener schnelle und fröhliche Gang gehört, dreht sich langsam, um ihr Bild des Passanten mit der Realität abzugleichen. Sie stellt sich vor, sie hätte sich in eine Eule verwandelt und würde nun, auf ihrem Ast im Wind schaukelnd, die Menschen beobachten.

Auf dem Boulevard Raspail ist nur das Säuseln von ruhigem und sittsamem Leben zu hören. Pärchen im Sonntagsstaat entweichen den Gebäuden am Straßenrand. Johar überlegt, wie es wäre, könnte sie das Schnurren der in Gang kommenden Konversation in Étiennes Wohnung hören, indem sie die Ohren spitzt. Sicher plaudern sie über Kunst, Kultur und Reisen und lächeln dabei zufrieden. Während der Fahrt mit dem Taxi ärgerte sie sich darüber, dass Rémi sie zu diesem Abendessen gedrängt hat, aber jetzt sieht sie, dass sie der Einladung immerhin diesen gestohlenen Moment verdankt – wahrscheinlich der letzte für lange Zeit. Der letzte vor dem großen Sprung.

Könnte man sie doch nur auf dieser Bank vergessen.

Ihr erlauben, diesen Augenblick, der am Zweig einer Platane hängt, auszudehnen. Sie mit Eulenaugen die brodelnde Stadt betrachten lassen.

Ihr Telefon vibriert. Es ist Rémi. Viertel nach Neun. Alles gut, tippt Johar ihrem Mann als Antwort. Bin unterwegs.

3

Claudia hört das Klappern der Absätze im Treppenhaus. Sie drückt ihre Hand fest auf den Bauch.

Rémi ist schon seit einer guten Weile da, aber nach den üblichen Begrüßungsfloskeln ist es ihr gelungen, sich in die rettende Einsamkeit der Küche zu flüchten. Er hat ihre roten Wangen bemerkt, natürlich, er hat über ihre roten Wangen gescherzt, getan, als wäre es ihm unangenehm, die beiden, Étienne und sie, gestört zu haben, im Streit oder beim Liebesspiel, sie hat es nicht begriffen, zu hoch oder zu vulgär für sie, aber nachfragen wollte sie nicht, also hat sie nur gelacht und gemerkt, wie die Flecken in ihrem Gesicht ins Hahnenkammrot wechselten.

In Wirklichkeit gibt es in der Küche nichts mehr zu tun. Das Essen ist fertig. Durch die Glaswand zwischen Küche und Salon kann Claudia die beiden Männer sehen, denen ihre Abwesenheit nicht weiter auffällt. Sie schiebt sich hinter den Tresen, der den Raum teilt, erleichtert, außer Sichtweite zu sein. Sie macht noch ein paar Schritte rückwärts, bis sie hinter sich die vertraute Wärme der Wand beim Fenster spürt. Das große Schachbrettmuster am Boden breitet sich von ihren Füßen bis hin zur Glaswand aus. Sie hat die Partie schon verloren, Dame ohne Deckung.

Sie versucht, sich vom Singsang der beiden Männerstimmen davontragen zu lassen und das unmittelbar bevorstehende Eintreffen von Johar zu vergessen, zu vergessen, dass sie gleich aufgestöbert werden wird. Étiennes Stimme sticht besonders heraus, sie ist höher, nasaler. Von Rémi sind nur kurze und enthusiastische Zwischenrufe zu vernehmen. Wie Kläffen, denkt Claudia. Sie lauscht Rémis Schmatzgeräuschen nach jedem Schluck Whisky. Sie wünscht sich, sie dürfte auch ein bisschen von ihrer Angst mit Alkohol verdünnen.

Sie hatte den beiden Männern Gläser gebracht, und bevor sie wieder in ihren Unterschlupf flüchten konnte, hatte Étienne sie am Handgelenk festgehalten, in einer diskreten Geste seines Besitzanspruchs. Er wandte ihr sein Gesicht mit der unwiderstehlichen Mischung aus Kanten und weichen Linien zu und strahlte sie im Vorbeigehen mit seinem mondänen Lächeln an. Sie weiß nicht, ob er sich über ihre Angst lustig machte, die immer spürbarer wurde, je näher Johars Eintreffen rückte, oder ob er darüber hinwegtäuschen wollte, wie unangenehm ihm die Unbeholfenheit seiner Partnerin war.

Von ihrem früheren und bisher einzigen Zusammentreffen mit Johar hat Claudia nur noch das laute und raue Lachen in Erinnerung, das eine breite Lücke zwischen den Vorderzähnen entblößte. Der Rest des Abends ist in ihrem Kopf wie mit einer Watteschicht überzogen, ohne dass sie wirklich sagen kann, ob ihr Gehirn diese nachträglich eingefügt hat, um die schmerzende Wunde abzudecken, die der Ablauf des Abends hinterlassen hatte, oder ob ihre Kopfschmerzen sie damals alles nur gedämpft hatten empfinden und wahrnehmen lassen.

Es war ganz am Anfang ihrer Beziehung mit Étienne gewesen, vor etwas über zwei Jahren. Damals, als er noch nicht zulassen wollte, dass sie sich in ihrer Schüchternheit einmauerte, als er noch verliebt genug gewesen sein muss, oder mindestens stolz genug, sie erobert zu haben, und sich darum wünschte, dass sie seine Freunde kennenlernte. Mit der gleichen Hartnäckigkeit, mit der er seine junge Physiotherapeutin erst davon überzeugt hatte, mit ihm etwas trinken zu gehen, dann, einen ganzen Abend mit ihm zu verbringen, bevor sie schließlich bei ihm einzog, hatte er sie dazu gebracht, ihn zu einer Geburtstagsparty zu begleiten, die einer seiner Freunde in einer Pariser Bar ausrichtete. Claudia hatte sich den ganzen Tag eingeredet, dass es in einer großen Gesellschaft leichter wäre, unentdeckt zu bleiben, und hoffte, ein schummeriges Eckchen zu finden, wo sie unauffällig abwarten könnte, bis die Zeit um war. Étienne hatte sie nach der Arbeit bei ihr abgeholt, und sie waren unter den letzten Eintreffenden gewesen. Mit einem Blick hatte sie erfasst, wie hoffnungslos ihre Vorstellung gewesen war, sich verstecken zu können. Keine Bank, auf der sie sich niederlassen konnte, stattdessen vier bereits lückenlos in Beschlag genommene Stehtische. Überall Grüppchen, Stirn an Stirn und Champa-gnerglas an Champagnerglas, alle mit lautem Gerede die Musik übertönend und von den herumgereichten Tabletts mit den goldgelben Köstlichkeiten immer eines in Griffweite.

Étienne, der sich letztlich lieber mit seinen Freunden amüsierte, als Claudia herumzuzeigen, hatte sie buchstäblich in Johars Arme befördert und sich dann zu einer Gruppe gesellt, die ihn mit exaltiertem Gegacker empfing. Sie einander vorstellend, schrie er über den Lärm hinweg: »Claudia, das ist Johar, Rémis Frau, ich habe dir von ihr erzählt, ihr werdet euch lieben, Johar ist brillanter und authentischer als alle Frauen, die ich kenne.«

Über mich gibt es nichts zu sagen, ging Claudia durch den Kopf.

Johar hatte Claudia daraufhin einen Arm um die Schulter gelegt, und in der Spontaneität dieser Umarmung, in der Offenheit dieses Lächelns mit Zahnlücke lag eine beinahe mütterliche Wärme, in die sich Claudia, einem ersten Impuls nach, gerne hineingeschmiegt hätte.

»Claudia, Claudia, endlich ein Gesicht zu diesem Namen, den ich so oft gehört habe! Ich dachte schon, Étienne versteckt dich, aber jetzt verstehe ich, warum. Er hat einen Schatz gefunden!«, hatte Johar ausgerufen und war dann in ein überwältigendes Lachen ausgebrochen.

Mit einfältiger Vertrauensseligkeit hatte Claudia die Schmeicheleien vernommen und geglaubt, darin eine aufrichtige Note zu hören. Mit derselben Schwäche, die sie glauben machte, in Étiennes Augen Liebe, vielleicht sogar Bewunderung zu erkennen, mit derselben Eitelkeit, die sie denken ließ, dass er sie ausgewählt habe, weil er unter den Schichten aus Schüchternheit und Zurückhaltung eine Goldader erahnte, hatte sie gedacht, dass Johar sie erkannte. Kurz hatte sie sich vorgemacht, sich Johar öffnen zu können.

Aber dann näherte sich ein Mann und flüsterte Johar etwas ins Ohr, woraufhin diese rief, »was? was?«, wobei sich das zunächst gegen Claudia zu richten schien, und Claudia, die nicht sagen konnte, ob Johar den Mann aufforderte, seine Worte zu wiederholen, weil sie ihn schlecht hörte, oder ob sie damit nur ihrer Überraschung Ausdruck verlieh, lächelte dümmlich – und plötzlich stürzte sich die brüllende Musik auf sie, Johar hatte ihr Gesicht ganz abgewendet und ihren Arm von Claudias Schultern genommen. Das Gefühl des Verlassenwerdens schnürte Claudia die Kehle zu, und die Lächerlichkeit ihrer Lage treibt ihr noch heute die Röte ins Gesicht.

Alleine, nun von Johars Ankerplatz wegdriftend, wo sie sich kurz in Sicherheit gewähnt hatte, ließ sich Claudia traurig durch das Meer der Feiernden treiben, hin und her geworfen zwischen der nervösen Bedienung und den Gästen, deren strahlendes Lächeln nie ihr galt. Vielmehr hatte Claudia das Gefühl, dass diese Unbekannten sie jetzt peinlich berührt anschauten. Ich stehe als Einzige alleine herum, dachte sie und suchte dämlich, Haltung zu bewahren, tat, als würde sie ihr Telefon checken, während auf ihre Konsternierung über das Stehengelassenwerden Wut und ein Gefühl der Demütigung folgten, die in ihr einen pochenden Kopfschmerz auslösten. Étienne beachtete sie natürlich nicht, Étienne, der sie umgarnt hatte, damit sie einwilligte, sich dieser Pein auszusetzen. Was Rémi betraf, den sie bei verschiedenen Gelegenheiten zuvor schon getroffen hatte, so nickte er ihr lediglich kurz lächelnd zu und machte sich nicht einmal die Mühe, sie aus der Nähe zu begrüßen. Alle segelten in gleitenden Bewegungen um sie herum, bildeten Gruppen, gingen wieder auseinander, mit klirrenden Gläsern, als wären sie Teil einer Choreographie, in deren Leitmotiv einzig Claudia nicht eingeweiht war. Besonders Johars Körper zog ihren Blick an, denn er schwebte, obgleich voluminöser als ihrer, wie durch Wasser, als wäre er durch seine Rundungen und das den Kopf wie ein Helm umgebende, dicke braune Haar vor Zusammenstößen geschützt. Immer wieder hörte Claudia das schallende Lachen, wagte aber nicht hinzusehen, aus Angst, diese Frau könnte entdecken, dass Claudia seit dem kurzen Austausch mit ihr keinen neuen Gesprächspartner gefunden hatte, und Mitleid empfinden.

Sie hatte sich daraufhin geschworen, sich nie mehr in solche Situationen bringen zu lassen, hatte Étienne mit für ihn ungekannter Entschlossenheit Widerstand geleistet und jede weitere Einladung abgelehnt. Er dürfe gerne ausgehen, so viel er wolle, nur eben ohne sie. Das tat er dann auch.