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James Bond ist am Leben. Zumindest war er das noch, als er an dem geheimen Ort, an dem die heimtückische private Militärfirma Rattenfänger ihn gefangen hielt, einen Hinweis hinterließ. Der MI6 kann keine weiteren Verluste riskieren, um einen einzigen vermissten Agenten aufzuspüren – keine Ausnahmen, nicht mal für Bond. Aber Johanna Harwood, 003, hat ihre eigenen Pläne. Nach dem Verlust eines geliebten Menschen wurde sie von ihren Vorgesetzten kaltgestellt und begibt sich nun auf eine nicht genehmigte Mission: Sie will 007 finden. Währenddessen hat der MI6 ein ganz anderes Problem … In London wurde eine Bombe gezündet. Doppelnullagenten, die den verantwortlichen Terroristen auf der Spur waren, haben das Schlimmste verhindern und dabei viele Leben gerettet. Dennoch ist es dem MI6 nicht gelungen, die Feinde der Nation zu neutralisieren, bevor sie zuschlagen konnten, und einer ihrer eigenen Leute wurde bei der Explosion schwer verletzt. Sie werden nicht noch einmal versagen. Hier kommen Joseph Dryden, 004, und Conrad Harthrop-Vane, 000, ins Spiel. Die beiden werden damit beauftragt, die Geldquelle der Terroristen ausfindig zu machen. Sie verfolgen die Spur vom Auktionshaus Sotheby's über Kreta bis nach Venedig und decken ein Geldwäschesystem auf, in das Diamanten, gestohlene Antiquitäten und Menschenhandel verwickelt sind. Nach einem weiteren großen Deal beginnt ein sechstägiger Countdown bis zum nächsten Terroranschlag. Während die Doppelnullagenten den verworrenen Hinweisen folgen, kommen sie Bond unerwartet näher …
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Seitenzahl: 543
Veröffentlichungsjahr: 2024
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Für meine Schwester Rosie,meine (künstlerische) Komplizin,die immer Zeit zum Reden und Spazierengehen hat.
»Ich werde meine Zeit nutzen.«
Ian Fleming, Man lebt nur zweimal(nach Jack London)
TEIL I: DETONATION
1 EILMELDUNG
2 VIBRATIONEN
3 WILDCARD
4 EIGENTUM EINER DAME
5 »VERNICHTEN SIE IHN.«
6 000
7 KLEINE KATASTROPHEN
8 GALERIE DER SCHURKEN
9 DER BÖSE BLICK
10 NACHTDIENST
11 KANONE
12 GESPRÄCH MIT DEM TEUFEL
STERNZEIT
13 HINTER DEM SCHWARZEN STUMPF
TEIL II: GESTOHLEN
14 EINBRUCH
15 DAS LABYRINTH
16 LE MILIEU
17 »WOLLEN SIE AUF EINE BEERDIGUNG?«
18 BRÜDER
19 DAS EISERNE TOR
20 DER CAPU
21 »WIR HABEN DIE ZEIT.«
22 DIE TAHILWIDAR
STERNZEIT
23 WILDUNFALL
TEIL III: GESCHMUGGELT
24 DER LEBENDE SARG
25 DAS ENDE VON ALLEM
26 DER GAP
27 KORRIDOR X
28 DIE WÜSTE DES TODES
STERNZEIT
29 DER ALBTRAUM
TEIL IV: VERKAUFT
30 DIE MONDSTADT
31 EINE SEITE WÄHLEN
32 DER DIAMANTEN-JANUS
33 DOPPELBLINDSTUDIE
34 DIE BIENNALE
35 HALTET DIE UHREN AN
36 AGENT AM BODEN
37 DAS TELEGRAMM
38 SCHAMBHALA
STERNZEIT
39 NÖTIGUNG
TEIL V: DETONATION
40 DIE JAGD
41 ÜBERFÜHRUNG
42 ZWISCHEN ZWEI FEUERN
43 INS MAUL DES BÄREN
44 RUF ZU DEN WAFFEN
45 PATT
46 ZURÜCKGESPULT
47 DIE ZEIT IST ABGELAUFEN
48 VERLUST
49 DETONATION
50 HOFFNUNG
DANKSAGUNG
IAN FLEMING
London
Am meisten fürchtet Moneypenny, zu spät zu kommen. Der Gedanke hält sie nachts wach: dass sie als Leiterin der Doppelnullabteilung zwar die Rädchen, Schrauben und Bolzen sieht, nicht aber die gesamte Maschinerie erkennt. Um 13:25 Uhr wird im neuen Funkhaus der BBC eine Bombe explodieren. Vielleicht kommt Moneypenny zu spät, um das zu verhindern, genau wie sie letzten Monat den Bombenanschlag auf die ägyptische Botschaft oder eine Woche davor die Schießerei in der Pariser Synagoge nicht verhindern konnte oder dass zwei Monate zuvor der Internationale Währungsfonds gehackt worden war. Sie weiß, dass der Bombenattentäter Jason Kent heißt. Er ist fünfundzwanzig Jahre alt, weiß, arbeitslos. In der Vergangenheit wurde er wiederholt wegen häuslicher Gewalt verhaftet und verurteilt. Da er Verbindungen zu rechtsextremistischen Gruppierungen pflegt, wurde der MI6 eingeschaltet und agiert gemeinsam mit dem MI5 im Inland. All das weiß Moneypenny und trotzdem ist es Viertel nach eins und 004 und 008 haben den Bombenattentäter vor Ort noch nicht identifiziert.
Sie stützt sich auf Aisha Asantes Stuhllehne und blickt über den Kopf der jungen Frau hinweg auf die Bildschirme, auf denen sie unzählige Überwachungsvideos sichten. Dahinter scheint es in der gläsernen Kammer, die Q schützt, vor Strom beinahe spürbar zu knistern, während der Quantencomputer die Datensätze analysiert. Seine goldenen Streben wirken wie die Tentakel eines Kraken, der verbissen an etwas arbeitet. In Wahrheit stammt das unterschwellige Summen jedoch von Ibrahim Suleiman, der den Audiostream von 004s Gehirn-Computer-Schnittstelle überwacht, die Joseph Dryden im Schädel installiert wurde – wenn man dieses Wort benutzen möchte –, nachdem er im Dienst bei den Sondereinsatzkräften ein Hirntrauma erlitten hatte. Die Explosion durchtrennte ihm den Hörnerv unter dem rechten Ohr, sodass er auf einer Seite sensorineural taub wurde, und die Schockwelle beschädigte sein Sprachzentrum. Das versteckte Mikrofon, das Dryden von der Q-Abteilung in den Gehörgang implantiert wurde, umgeht in Verbindung mit der Gehirn-Computer-Schnittstelle den durchtrennten Nerv und das beschädigte Hirngewebe und verbindet 004 direkt mit Q. An diesem Tag aber empfangen seine Ohren nichts Nützliches.
»Keine Treffer«, sagt Aisha eher zu sich selbst als zu Moneypenny. Die Ärmel ihres pinken Blazers hat sie bis zu den Ellbogen hochgeschoben. »Warum finden wir keine Übereinstimmungen bei den Stimmmustern oder der Gesichtserkennung?«
»Vielleicht hat Jason Kent sich heute gegen Massenmord entschieden«, murmelt Ibrahim und fährt sich nervös durch die bereits zerzausten Haare.
Moneypenny streckt den Arm aus und drückt auf die Verbindungstaste. »004, 008, Bericht.«
Durch den unterirdischen Raum schallt die Stimme von Joseph Dryden. »Ich weiß, M hat eine Evakuierung ausgeschlossen, damit die Zielperson nicht aufgeschreckt wird und die Detonation verfrüht auslöst, aber uns rennt die Zeit davon, Ma’am.«
Wie gern hätte Moneypenny Mrs Keators herrischen Ton gehört, aber diese Bastion der Q-Abteilung ist in den Ruhestand gegangen, nachdem Bill Tanner vor vier Monaten als Verräter enttarnt worden war und sich erhängt hatte. Moneypenny greift nach einem Telefon – die Leitung zu M nach Vauxhall und zu Vallance beim MI5 ist offen. »Hier Moneypenny. Ich empfehle die Evakuierung.«
»Bestätige«, antwortet Vallance knapp.
»Bestätige«, meint M leise.
Moneypenny hämmert auf die Verbindungstaste. »008, beginnen Sie mit der Evakuierung. 004, Sie suchen weiter.«
»Ja, Ma’am«, bestätigt Dryden.
Dodger Macintyre – für seine Eltern Roger, aber seit seiner Schulzeit am Wideawake-Flugfeld auf Ascensions Island für alle anderen Dodger – ist erst kürzlich von der Position als Geheimdienstoffizier beim MI6 zur Doppelnullabteilung gewechselt. Als Pilot und studierter Philologe hat er den Großteil seines Lebens im Ausland verbracht, von seiner Kindheit über die Universität bis hin zu seinen Einsätzen. Eigentlich hat er erwartet, dass sich dieser Trend als 008 fortsetzen würde, und nicht, dass er gemeinsam mit dem MI5 und Scotland Yard die BBC evakuieren würde.
Bei der Architektur des New Broadcasting House aus dem Jahr 2010 steht Transparenz im Mittelpunkt: Eine geschwungene Glasfassade verbindet das ursprüngliche Gebäude aus dem Jahr 1932 mit dem Ostflügel, wodurch ein Atrium in Form einer herabrinnenden Träne entsteht. Der Gedanke der Transparenz – eine von den Menschen finanzierte BBC, die den Menschen gehört und von den Menschen gesehen wird – findet sich auch im Inneren wieder. Im Hintergrund der täglichen Sendungen erhaschen die Zuschauer einen Blick auf die 4.000 Quadratmeter große Etage der Nachrichtenredaktion, die sich im Glastrakt des Gebäudes befindet. Transparente Besprechungsräume sind mit Fotografien aus Doktor Who und EastEnders dekoriert. Perspex-Lampen tauchen Sitzbereiche in rotes Licht. Ziemlich viel Glas, das da in die Luft gehen könnte.
008 holt Leute aus den Sitznischen an den Wänden des Atriums, wo der Rundhorizont des Londoner Himmels nichts als Regen verspricht. Er ignoriert schallgedämpfte Türen, die um Ruhe bitten, und fordert die Moderatoren auf, jetzt vom Sender zu gehen.
»Bleiben Sie ruhig, verhalten Sie sich so, als würden Sie bloß Mittag machen.«
Von den sechstausend Angestellten erwartet er Panik, doch die kommt nicht auf, die Moderatoren wechseln ohne Nachfragen auf bereits aufgezeichnete Sendungen. Jeder Schreibtisch bildet einen eigenen Lebensraum, hier steht ein Mehrwegbecher mit Lippenstiftrand, dort ein Schreibtischstuhl, an dessen Rückenlehne ein Zettel mit der Aufschrift Helens Stuhl, von HR bereitgestellt – NICHT wegstellen klebt. An Kurzzeitarbeitsplätzen hängen abgewetzte Post-its: Besetzt oder Bin in 5 Minuten zurück. Journalisten schnappen sich ihre Jacken oder Handys und folgen 008, während sie sich angespannt unterhalten. Einige finden sich nervös unter Schildern zusammen, die rot auf gelbem Grund verkünden: Notfallsammelpunkt. Bei Übungen haben sie gelernt, sich im Fall einer Bombendrohung hier zu versammeln, weit weg von der Glasfassade. Doch Dodger schickt die Journalisten weiter, sagt ihnen, dass sie die Glasfahrstühle mit ihrem orangen Stahlgerüst ignorieren und stattdessen durch die Türen gehen sollen, die in den Flügel aus dem Jahr 1932 führen.
Die hellen Lichter und leuchtenden Bildschirme aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert werden ersetzt von kaltem Stein und einer braunen Wandvertäfelung, die den Kurven der Art-Deco-Treppe folgt. Dodger setzt darauf, dass er den Bombenattentäter nicht aufschreckt, wenn er den Haupteingang meidet. »Weitergehen, weitergehen, weitergehen« – Dodger hofft, dass ihm sein Vorhaben nicht anzusehen ist, während er die Vorbeiziehenden genauestens betrachtet und nach dem blassen, beinahe unsichtbaren Gesicht von Jason Kent sucht.
Das geschäftige Summen im New Broadcasting House erinnert Joseph Dryden an eine Einsatzbasis. Die Leute kommen her, um ihre Arbeit zu erledigen. An den geschwungenen Arbeitsplätzen herrscht Solidarität und das Gefühl, zum selben elitären Verein zu gehören, vielleicht sogar zu einer Art Heiligtum, doch sie nehmen es leicht, verdrehen die Augen in Richtung der ausgefallenen, zusammengewürfelten Sofas. Nun aber wird das Summen lauter. Dryden riecht die Gefahr in der Luft. Sie nähert sich. Wartet der Bombenattentäter wie geplant bis 13:25 Uhr oder zündet er den Sprengsatz früher? Dryden schlendert am Tisch des Nahost-Teams vorbei, dann am nächsten Bereich, der sich mit Berichten über den Dschihadismus befasst. Er nickt den Journalisten zu, die sich ihre Tupperdosen schnappen und hinauseilen, ihre Schritte vom dicken grauen Teppich gedämpft. Dann geht er die Wendeltreppe zur Etage der Nachrichtenredaktion hinunter.
Wie unwirklich, hinter der Glaswand zu stehen. Die Ein-Uhr-Nachrichten der BBC sind noch auf Sendung. Dryden sieht, dass die Sprecherin unter dem Tisch nervös mit den Beinen wippt – durch ihren Ohrhörer wurden sie über die Drohung unterrichtet, aber auch angewiesen, bis zum letztmöglichen Augenblick zu senden. Um Dryden herum sitzen die Journalisten, die täglich im Hintergrund der Nachrichten zu sehen sind, wie erstarrt vor ihren Bildschirmen und sehen zu, wie Kollegen evakuiert werden, die sich außerhalb des Kamerabereichs aufhalten.
»Wir sollten die Nachrichtenetage evakuieren«, meint er. »Es wird zu knapp.«
»Wenn die Nachrichten unterbrochen werden, weiß er, dass wir ihm auf der Spur sind, und zündet die Bombe frühzeitig«, widerspricht Moneypenny. »Wir haben ihnen gesagt, dass sie bereits aufgezeichnete Bilder einspielen sollen. Sobald das passiert, können die Leute im Hintergrund gehen. Aber die Sprecher müssen so lange wie möglich am Platz bleiben.«
»008, haben Sie was?«, fragt Dryden.
Von seiner neuralen Verbindung übertragen, schallt Dodger Macintyres schottischer Singsang Dryden durch den Schädel. »Negativ, Sir.«
Das entlockt Dryden ein schwaches Lächeln. »004 reicht. Ich könnte mich sogar zu Joe breitschlagen lassen, wenn Sie diesen Hurensohn finden.«
Ein nervöses Lachen. »Ja, Sir.«
Am Rand von Drydens Blickfeld kommt ein Fahrstuhl aus der obersten Etage herunter. Bei einer Evakuierung dürfen die Fahrstühle nur von Angestellten mit Behinderungen genutzt werden. Laut Leuchtanzeige fährt der Fahrstuhl in die Nachrichtenetage. Angestellte, die gerade evakuiert werden, würden allerdings nicht ins Erdgeschoss kommen, da es dort keinen Ausgang zur Straße gibt. An drei Seiten ist der Fahrstuhl durchsichtig. In seinem Innern steht ein weißer Mann mit roten Haaren und einer Kampfjacke. Nicht Jason Kent. Der falsche Mann. Aber deshalb gehört er noch lange nicht hierher.
»Fahrstuhl nach unten«, sagt Dryden. »Nachrichtenetage.«
Moneypenny hält den Atem an, als Aisha die Bilder der Überwachungskamera aus dem Fahrstuhl aufruft, in dem laut einem Plakat über dem Tastenfeld BBC Radio Asian Network läuft. Der Mann trägt eine Kuriertasche mit dem Logo eines angesehenen Kurierdiensts – leicht zu fälschen, und die Poststelle befindet sich weit weg von der Nachrichtenetage.
»Wir überprüfen sein Gesicht«, sagt Ibrahim.
»Was meinen Sie?«, fragt Moneypenny.
»Ich würde die Straßenseite wechseln«, antwortet Aisha.
»Mhm. Er wird nervös – sieht, dass die Leute rausgehen.«
»Die könnten aber auch Mittagspause machen«, meint Aisha.
Moneypenny ballt die Fäuste und erinnert sich: »In den Fahrstühlen läuft Radio. Ist das ausgegangen?«
Aisha wirft ihre Braids zurück und setzt sich Kopfhörer auf. »BBC Radio Asian ist noch auf Sendung.«
»004, ich dachte, Sie haben die Sendestudios evakuiert? Wir hören noch immer das Radio«, sagt Moneypenny.
»Ja, Ma’am«, bestätigt Dryden. »Die haben auf aufgezeichnete Sendungen umgeschaltet.«
Da atmet Moneypenny durch. Das weiß sie doch. Sie weiß, dass die BBC nie aufhört zu senden. Wenn irgendwann das Radio verstummt, weiß man, dass man wirklich in der Scheiße sitzt.
»Wie kommt 004 in diesen Fahrstuhl?«
»Er könnte durch den Schacht klettern, der besteht aus Stahlträgern. Aber er fährt zu ihm runter. Mit beunruhigender Geschwindigkeit.«
»Hab ihn!«, verkündet Ibrahim. »Grant Bishop. Er spielt dieses Terrorspiel in den sozialen Netzwerken. Da bekommt man Punkte, wenn man im echten Leben Minderheiten angreift. Mehrfach Kontakt zu Kent.«
Moneypenny hebt den Hörer ans Ohr. »Vallance? Irgendwas über Kent?«
»Noch immer nichts, seit er an der Oxford Street aus der Tube raus ist«, antwortet Vallance.
»Wie kann das sein? Wie kann ein Terrorist einfach von unseren Überwachungsvideos verschwinden?«, fragt Ibrahim und antwortet dann selbst: »Das kann er nicht.«
Moneypenny flucht. Wieder hämmert sie auf die Taste. »004, der Mann im Fahrstuhl stellt eine tödliche Bedrohung dar.«
Mit einem knappen »Verstanden« geht Joseph Dryden mit langen, lässigen Schritten an den ängstlichen Journalisten vorbei zum Fahrstuhl. Keine Zeit für Luftakrobatik, auch wenn er Aishas Vertrauen in ihn zu schätzen weiß. Er glaubt nicht, dass die Zielperson sich allein im Aufzug in die Luft jagt – sicher, damit würde sie das Gebäude beschädigen, aber keine Todesopfer fordern. Wahrscheinlich will die Zielperson in die Nachrichtenetage, wo sie die laufenden Kameras erfassen und sie von Journalisten umringt ist. Dryden geht wenige Meter vor den Fahrstuhltüren in Position. Er lehnt sich an einen Schreibtisch und holt sein Handy heraus, als würde er sich die Zeit vertreiben, während er auf Kollegen wartet. Dann schlägt er die Beine übereinander. Wippt mit dem Fuß. Drei Etagen. Zwei. 13:23 Uhr.
»008, behalten Sie die Straße im Blick«, meint er. »Vielleicht arbeiten sie zusammen.«
Eine Etage.
»Viel Glück«, erwidert 008. Doch inzwischen achtet Dryden nicht mehr auf Stimmen.
Mit einem Zischen öffnet sich die Fahrstuhltür.
Dryden steht auf, zieht die Waffe aus dem Schulterholster und richtet sie mit einer geschmeidigen Bewegung auf den Mann, der zögernd aus dem Aufzug tritt und erstarrt, die blauen Augen aufgerissen wie zu stark aufgeblasene Luftballons.
Grant Bishop bemerkt den eins dreiundneunzig großen Schwarzen, ein Muskelpaket von neunundachtzig Kilogramm mit kurz geschorenem Haar und Dreiteiler. Er könnte Schauspieler oder erfolgreicher Produzent sein, hält aber eine echte Waffe in der Hand und fordert laut, aber bestimmt, während die anderen Leute unter Schreibtische hechten und jemand einen Schrei unterdrückt: »Polizei, Hände hoch.«
Bishop kneift die Augen zusammen, dann steckt er die Hand in seine Kuriertasche.
Dryden feuert.
In einem roten Nebel spritzt Hirnmasse an die Rückwand des Fahrstuhls. Mit einem Ping schließt sich die Tür. Der Aufzug fährt hoch und trägt die forensischen Beweise in die nächste Etage.
»Alle unten bleiben«, mahnt Dryden und klingt in den eigenen Ohren verzerrt, als würde die ängstliche Stille seine Stimme verschlingen. Er steckt seine Waffe ein und kniet sich neben die Leiche. Ein Loch von der Größe einer Fünfpencemünze in der Stirn führt zu einem zweipfundmünzengroßen Krater am Hinterkopf. Vorsichtig greift er um den schmächtigen Arm der Zielperson und öffnet die Klappe der Tasche.
Sie ist leer. Dieser Idiot hat einen tödlichen Bluff versucht und ist dabei als Einziger gestorben. Aber das heißt …
»Dodger, das war ein Lockvogel! Evakuieren!«, ruft Dryden.
Er sprintet die Wendeltreppe hinauf, rast an einem Modell der TARDIS vorbei. Nun ist er nur noch wenige Schritte von den Glastüren entfernt, die in den Innenhof führen. Draußen stehen die Journalisten hinter den Sicherheitspollern rund um die All Souls Church in ordentlichen Reihen. Dodger spricht mit einigen MI5-Agenten und der Polizei. Dryden sieht, wie ein Polizeihund offenbar einen Gully anbellt, kann es durch das Glas aber nicht hören.
»008«, drängt er, »melden Sie sich, 008 …«
Unter all den vibrierenden Handys und Journalisten, die in Kameras sprechen und die Nachricht verbreiten, hört Dodger Macintyre sein Funkgerät nicht. Dann bemerkt er einen bellenden Hund und erinnert sich, was ein dreimaliges Anschlagen bedeutet. Er drängt sich durch die Polizisten, die ihm zu 004s Erfolg gratulieren. Rempelt den Hundeführer an. Der Hund kratzt an einem vergitterten Lüftungsschacht im Pflaster, der wahrscheinlich zur Tube führt.
»Zurück!«, brüllt Dodger. »Alle weg!«
Aber die Poller sind ausgefahren und der Verkehr strömt vorbei, sodass die Leute sich nicht vom Fleck rühren, und die Menge ist zu groß, um sie zu lenken. Dodger sieht auf seine Armbanduhr: 13:25 Uhr. Er zieht das Gitter auf.
Die Bombe ist mit Klebeband an der Tunneldecke befestigt. Er schluckt – es klingt laut in seinen Ohren. Der selbst gebastelte Sprengsatz ist groß genug, um den Boden des Innenhofs und alle, die darauf stehen, in die Tube hinunterkrachen zu lassen. Er muss das Teil von der Menge wegbekommen.
All Souls haben sie evakuiert.
Dodger reißt die Bombe aus den silbernen Klebestreifen.
»Bombe! Alle zur Seite!«
Er rennt auf die Kirche zu, an den leuchtend gelben Westen der Polizisten und den verstörten, erstarrten Gesichtern der Journalisten und blinkenden Kameralichtern vorbei – in die Ruhe von All Souls. Dann wirft er die Bombe ins Hauptschiff, wo sie in der Luft explodiert und ihn zur Tür hinauskatapultiert, Polizisten von den Beinen reißt und Buntglas zum Bersten, Säulen zum Einstürzen und Glocken zum Läuten bringt.
Mit dem Blut des Toten unter den Schuhsohlen rennt Dryden los und hinterlässt einen langen Streifen, als er in der Eingangshalle schlitternd zum Stehen kommt.
Die Glastüren des Gebäudes verwandeln sich in Sand und werfen ihn zu Boden. Er umklammert schützend seinen Kopf, in dem er Moneypennys Stimme hört, die einen Bericht fordert. Dryden schluckt Staub. Steht auf. Rennt durch den Rauch auf die Stufen der Kirche zu.
Moneypenny presst die Hand an den Mund, bis sich ihr die Nägel in die Wangen graben. Sie ist zu spät gekommen.
London
Das Herz Londons ist von einer Ringstraße umgeben. Im Norden begrenzt dieses Herz die Euston Road, eine stinkende, viel befahrene Umgehungsstraße, auf der sich der Verkehr Zentimeter um verpesteten Zentimeter voranschiebt. Wer hier über den Gehweg läuft, beeilt sich und zieht den Kopf gegen das Getöse ständiger Baustellen und abgewürgter Motoren ein. Niemand hält an, um das University College Hospital zu betrachten. Am besten ignoriert man es, flüstert das Unterbewusstsein, drängt zu Fuß weiter zur Stille der British Library oder nutzt eine Grünphase, um dem Gewühl aus orangen Pylonen zu entfliehen. Heute jedoch ist etwas anders. Das Herz Londons stockt, irgendwo zwischen Vertrauen und Versagen. An der blaugrünen Glasfassade der Klinik spiegeln sich die Scheinwerfer von Rettungswagen und Pressefahrzeugen. Lkw-Fahrer halten an. Fußgänger auf dem Weg zur Nachtschicht oder auf dem Heimweg von einer Party bleiben stehen und betrachten die unzähligen erleuchteten Fenster, Leuchtfeuer, die gleichzeitig das Schlimmste und das Beste verheißen.
Hinter einem dieser Fenster steht das Leben von 008 auf der Kippe. Hinter einem anderen ist 004s Glaube längst gestorben.
Joseph Dryden erzählt der Ärztin, er hätte sich beim Rasieren geschnitten. Netterweise lacht sie darüber. Er liegt unter einem Laken, das seine Scham bedeckt, während die schottische Assistenzärztin, die Glasgow vermisst und London zu unpersönlich findet, ihm mit der Pinzette Glassplitter herauszieht und dabei beruhigenden Small Talk pflegt. Als Ibrahim kommt, um Drydens Implantat zu testen, sagt dieser ihm, dass er doch besser das Hörvermögen von 008 überprüfen soll. Ibrahim beißt sich auf die Lippe, tritt von einem Bein aufs andere und geht dann mit hängenden Schultern hinaus. Die Ärztin verkneift sich jeglichen Kommentar.
Dryden blickt zum Fernseher im Wartezimmer, der durch die Glastür zu erkennen ist. In diesem Leben würde er am liebsten keine Glastüren mehr sehen. Es läuft BBC News 24. Dort zeigen sie immer wieder die Explosion: herumfliegende Mauerstücke, die graue Pilzwolke, dann wird die Kamera nach oben geschleudert und wackelnd auf Wolken gerichtet, die wie ein Kindermobile zu schwingen scheinen. Politiker, die sich mit blassen Gesichtern an die Nation wenden, werden untertitelt und beschreiben die ruhige Reaktion der Journalisten und der Öffentlichkeit als »Geist des Blitzkriegs«. Dryden dröhnt der Schädel wie Kirchenglocken. Nicht weil das Implantat versagt und sein Gehirn die Worte verdreht – das haben Aishas und Ibrahims Verbesserungen behoben, nachdem das Gerät im Vorjahr durch einen K.-o.-Schlag ausgeschaltet worden war –, sondern weil er dermaßen wütend ist.
Als die Nachrichten sich von London abwenden, bemerkt die Ärztin, wie Dryden sich am gesamten Körper anspannt. Sie blickt ihm ins Gesicht, wendet sich dann dem Fernseher zu und sieht, dass nun über Afghanistan berichtet wird. Auf den Bildern fahren die Taliban triumphierend durch Kabul. Bald ist der Truppenabzug ein Jahr her.
»Haben Sie gedient?«, fragt sie.
»Ja«, antwortet er. »Aber das hat nichts bewirkt.«
»Heute haben Sie viel bewirkt«, hält die Ärztin dagegen.
Er lacht zynisch auf. »Haben Sie jemals das Gefühl, dass Sie in einer Schlacht kämpfen, die Sie verlieren werden?«
»Ich arbeite für den NHS. Was glauben Sie denn?«
Da bemerkt Dryden zum ersten Mal die Ringe unter ihren Augen. »Proletarier aller Länder, vereinigt euch.«
Die Ärztin tut so, als wollte sie die Faust gegen seine drücken, hält aber etwas Abstand von seinen blutigen Fingerknöcheln. »Amen.«
Auf dem Schild steht: Gebrauchte Gehstöcke. Die Stöcke lehnen wild durcheinander in einer Ecke des Klinikflurs. Aluminium und Kunststoff, durch Zeit und zu viele Hände abgegriffen und fleckig, die Spitze abgestoßen von schlecht gepflasterten Straßen. Das Schild ist gar kein richtiges Schild, sondern ein Zettel, mit einem Streifen Kreppband befestigt. Moneypenny wartet auf einer Reihe harter Stühle und fragt sich, ob 008 einen Gehstock brauchen wird.
Falls überhaupt …
Wer sie so dasitzen sieht, könnte sie für eine Mutter halten, die sich nach einem Notfall um die Zukunft ihres Kindes sorgt, die Haare streng zurückgebunden, die Hände im beigen Trenchcoat vergraben, die offenen Schnürsenkel ihrer rostroten Budapester unbemerkt, ihr Blick – sonst so direkt und kühl – leer wie ein ausgetrockneter Brunnen.
Als sie ihren Namen hört, schreckt sie aus ihren Gedanken auf.
Ein weiterer Gehstock ist in ihr Blickfeld getreten, aus glatt polierter Birke mit Goldmontur und Elfenbeingriff, den M in der roten Faust hält. Ein neues Accessoire. Moneypenny hebt das Kinn. Das Neonlicht des Krankenhauses spiegelt sich auf der glatten Kuppel seines Kopfes. Sein kurzer weißer Bart ist zerzaust, wie das Fell einer Katze, das man gegen den Strich gebürstet hat. Den Mantel hat er schief geknöpft. Noch nie hat sie Sir Emery Ware derart derangiert gesehen. In diesem Augenblick könnte er hier Patient sein. »Ich nehme an, der PM will meine Kündigung«, sagt sie.
»Der PM will Ihren Kopf und meine Eier, die Reihenfolge ist ihm dabei relativ egal«, erwidert M gutmütig. Er zieht die Hosenbeine hoch und setzt sich neben sie.
»Was haben Sie ihm gesagt?«
M lässt den Blick den Flur entlangschweifen, in dem sich lediglich Sicherheitsleute befinden, die sich zurückziehen und ihnen einen Neunmeterradius andächtiger Stille gewähren. »Ich habe ihn respektvoll daran erinnert, dass zwei Dutzend Verletzte besser als zwei Dutzend Tote sind, unsere Chirurgen beim NHS ihr Bestes geben und dank der Tapferkeit unserer Agenten eine geliebte britische Institution gerettet wurde – von etwas Glas einmal abgesehen.«
»Das reicht nicht«, widerspricht Moneypenny.
M zieht die Augenbraue hoch. »Übernehmen Sie jetzt seinen Teil des Gesprächs?«
Unbeeindruckt begegnet sie seinem Blick. »Wir wissen noch nicht, wie viele Tote es geben wird.«
M sieht auf die Uhr an der Wand.
»008 hat einen kollabierten Lungenflügel.«
»Und er hat sich so viele Knochen gebrochen, dass man daraus die Zukunft lesen könnte. Ich weiß.« Er reibt sich die Nase. »Sie wollten den Job, Penny. So sieht er aus.«
Sie lockert die Schultern. »Ja, Sir.« Dann wiegt sie ihr Handy, dessen Display schwarz ist, in den Händen. »Ich verstehe einfach nicht, wie Kent in die Betriebstunnel der Tube gelangen konnte, ohne dass die Überwachungskameras ihn erfasst haben.«
M legt ihr die Hand auf den Arm. »Warten Sie’s ab. Als der MI5 die Wohnung des Bombenattentäters durchsucht hat, wurde größtenteils genau das gefunden, was man erwarten würde. Eine kleine rechtsextremistische Zelle, im Inland aufgewachsene Terroristen, die Verbindungen zu internationalen Neonazis pflegen. Sie haben die BBC als Ziel ausgewählt, weil sie glauben, diese Institution stehe für eine ›Agenda der Fake News, die die liberale Elite stützt‹, und genau die wollen sie zerstören. Als Mitglied dieser liberalen Elite muss ich zugeben, dass wir schon bessere Tage erlebt haben. Trotzdem gönnen wir diesen Arschlöchern die Befriedigung nicht, richtig?«
Moneypenny hört das Dröhnen der Militärhubschrauber, die über London kreisen. Darunter mischt sich eine Sirene. Ansonsten hört sie nichts – keine Schreie, keine panischen Unruhen auf den Straßen. So kennt sie den Terror auf britischem Boden. Je leiser es wird, desto schlimmer ist die Lage.
Auch M spitzt die Ohren und sagt: »Ich muss zurück zu COBRA. Selbstverständlich haben wir die Bedrohungslage auf Kritisch hochgestuft und behalten das bei, bis die Zelle beseitigt ist. Wir müssen ernsthaft in uns gehen und alles überprüfen, erst recht, weil wir es nicht mit einer ausländischen Bedrohung zu tun haben, sondern schlicht mit nicht gestellten Fragen zum wachsenden Faschismus im eigenen Land. Selbstverständlich wird es Vorwürfe gegen uns und den MI5 geben, weil uns einer durchgegangen ist. Aber wir lassen die Politiker ihre Reden halten. Im Dunkeln arbeiten wir am besten. Holen Sie 000 nach Hause. Setzen Sie ihn zusammen mit 004 hierauf an.«
»Sie wissen, dass er und 004 nicht gut miteinander auskommen«, widerspricht Moneypenny.
M zuckt mit den Achseln. »Conrad Harthrop-Vane ist arrogant und kalt. Genau wie Bond es war. Genau deshalb sind sie gute Waffen, Herrgott noch mal.«
»Wie Bond es war?«
M räuspert sich. Die Türen gehen auf und lassen den Lärm frisch eingelieferter Notfallpatienten herein. »Sie wissen, was ich meine. Ein Mann muss glauben, dass er am besten für die Risiken geeignet ist, die dieser Job ihm auferlegt. Und er muss ihn eiskalt ausführen, wenn er ebenjene Opfer bringen will, die Philosophiestudenten in Oxbridge beim Bewerbungsgespräch ins Schwitzen bringen. Zugegeben, 000 hält sich nicht immer an moderne Höflichkeitsformen. Das muss er auch nicht. Er ist charmant, macht im Anzug eine gute Figur und ist dazu noch intelligent. Als Junge hatte Conrad schlechte Karten, hat diese aber in ein siegreiches Blatt für sein Land verwandelt. Ich würde für ihn jederzeit die Hand ins Feuer legen. Bedingungslos. Das habe ich bereits.«
Moneypenny nickt. Schlechte Karten ist eine freundliche Umschreibung. 000s Vater entstammte einer Adelsfamilie, die alles verloren hatte, sodass Conrad Harthrop-Vane der Erste eine Mischung aus Betrüger, Diplomat und Spion war, Kontaktperson des MI6 zur Unterwelt von Verbrechen und Politik. Auf die Scheidung und einen aufreibenden Sorgerechtsstreit folgte kurz darauf Krebs, der Conrads Mutter das Leben kostete. Die Psychiaterin in Shrublands meinte, dass sich in diesem Augenblick im jungen Conrad Harthrop-Vane dem Zweiten zwei wichtige Glaubenssätze herausbildeten. Zunächst einmal der Glaube, dass die Welt nicht richtig ist, nicht gerecht, dass es keine Gerechtigkeit gibt und es keinen Sinn hat, irgendjemandem zu vertrauen. Und dann, vielleicht eher eine Frage als ein Glaube – wenn er ein besserer Sohn gewesen wäre, hätte er dann verhindern können, dass seine Mutter starb?
Natürlich gehören Waisen im MI6 zum Alltag. Die Psychiaterin stellte heraus, dass unverarbeitete Trauer in Wut umschlüge, und genau dies sei nach dem Tod von Conrads Mutter geschehen, als sein Vater ihn in ein Internat schickte, in dem er härter werden musste und den eiskalten Zorn kanalisierte, indem er andere Jungs beim Boxen, Laufen und Fechten schlug, sodass er Medaillen und Applaus erntete. Doch in den Sommerferien war Conrad nicht der große Fisch im kleinen Teich. Er war ein kleiner Fisch im Piranhabecken seines Vaters.
Als Conrad sein erstes Trimester in Cambridge absolvierte, beging sein Vater Selbstmord. Verlassen, abgelehnt – und wenn er ein besserer Sohn gewesen wäre, hätte er dann verhindern können, dass sein Vater starb?
Eine Person in seinem Leben vermittelte ihm Sicherheit: M, ein alter Schulfreund seines Vaters. Nachdem Conrad Harthrop-Vane der Erste gestorben war, warf M ihm einen Rettungsring zu und der MI6 holte den gebrochenen Jungen an Bord. Ganz auf sich gestellt, wütend, vom Ehrgeiz zerfressen und von dem Bedürfnis angetrieben, anderen zu gefallen. Der perfekte Rekrut.
Was das Temperament und Sozialverhalten angeht, ist er damit natürlich das absolute Gegenteil von 004. »Sie haben recht, wir müssen all unsere Kräfte hierauf konzentrieren, aber ich würde lieber 004 und 003 zusammenarbeiten und 000 allein agieren lassen. Das kann er am besten«, entgegnet Moneypenny.
Ms Handy vibriert. Mit einem düsteren Blick aufs Display sagt er: »Ich muss Sie doch nicht daran erinnern, Moneypenny, dass Johanna Harwood nicht für den aktiven Dienst freigegeben ist.«
»Wir haben gerade einen Schlag in unser transparentes Gesicht kassiert, live in den Nachrichten, sodass alle Welt es sehen konnte«, widerspricht Moneypenny. »Mir ist egal, was Shrublands sagt. Wenn ich zurückschlage, will ich dafür ein Schwergewicht im Ring haben.«
»Boxen und Poker«, sagt M, als sein Handy erneut klingelt. »Ist Ihnen schon aufgefallen, dass wir, wenn wir Bilder für unser großes Spionagespiel suchen – was an sich bereits eine Metapher ist –, meist Sportarten wählen, bei denen man einzeln antritt? Kipling hat damals gesagt: Wenn er in das große Spiel eintritt, muss er allein gehen.«
»Worauf wollen Sie hinaus?«
»Das hier ist kein Mannschaftssport. Es kann nicht jeder mitspielen.«
»Wissen Sie, wie das Zitat weitergeht?«
»Hm?« M krampft die Hand um den schwarzen Klotz, der sein Todeslied verbreitet.
»Wenn er in das große Spiel eintritt, muss er allein gehen – allein und seinen Kopf riskieren. Mir persönlich wäre es lieber, wenn mir jemand Rückendeckung gäbe.«
»Selbst wenn«, widersprach M, »manchmal muss ein Kopf geopfert werden. Und ich fürchte, diesmal könnte es meiner sein. Aber ich erwarte und will kein Mitleid. Nur, dass ein Mann weiß, wann das Spiel vorbei ist. Ein solcher Angriff auf unserem Boden. Vallance und der MI5 stehen offensichtlich auf der Abschussliste. Aber ich spüre es in den Knochen, wie meine Mutter zu sagen pflegte. Ich werde für dieses Spiel zu alt.«
Moneypenny bemerkt, dass seine Hand am Griff des Gehstocks zittert. Sie streicht ihm über die kalten Finger. »Sie spielen nicht allein«, meint sie, »und ich auch nicht. Wir brauchen Sie, also bieten Sie Ihren Kopf nicht zu vorschnell an.«
M ergreift ihre Hand und drückt einen Kuss darauf.
Moneypenny lacht auf. »Ich will wissen, woher diese rechtsextremistische Zelle ihr Geld, ihre Ausbildung und ihre Waffen bezieht. Und wen 004 als Nächstes erschießen muss, um eine weitere Explosion zu verhindern.«
Turnschuhe quietschen auf Linoleum. Ibrahim Suleiman räuspert sich. Die Hände hat er im Stoff seines übergroßen T-Shirts vergraben. Dann sagt er: »Q hat etwas.«
Aisha Asante ist vor Adrenalin und Erschöpfung ganz grau im Gesicht, aber als Moneypenny sie bittet, es noch einmal zu erklären, leckt sie sich über die Lippen und deutet auf den Quantencomputer, der hinter ihr im Vakuum hängt.
»Q hat ein Muster identifiziert«, erklärt sie. »Ich habe die Daten des heutigen«, kurz schielt sie auf die Uhr, »gestrigen Anschlags gemeinsam mit denen aller anderen Terroranschläge der letzten zwölf Monate eingegeben. Dann habe ich sie mit größeren Finanztransaktionen innerhalb eines Monats rund um die Anschläge abgeglichen. Bei fünfundsiebzig Prozent der Anschläge wurde sechs Tage vorher bei Sotheby’s ein Verkauf im Wert von über einer Million Pfund getätigt.«
»Solche Verkäufe tätigen die doch sicherlich täglich«, merkt M an.
»Das tun sie«, bestätigt Aisha. »Aber die Objekte, die innerhalb des Zeitfensters von sechs Tagen vor den Anschlägen verkauft wurden, sind alle über dieselben zwei Freihandelshäfen verschifft worden, Heraklion auf Kreta und Venedig in Italien. Wenn man bedenkt, wie viele Häfen mit Steuerfreiheit es in Europa gibt, sticht dieser Aspekt heraus.«
Vallance, der Direktor des MI5, erscheint per Videotelefonie vor einem verschwommenen Hintergrund auf Aishas Bildschirm. »Die Neonazi-Gruppe, die wir wegen der BBC-Explosion untersuchen, scheint nicht so organisiert oder begütert, dass sie mit regelmäßigen Kunstverkäufen in Verbindung stehen könnte.«
»Wir könnten es mit einer größeren Organisation zu tun haben, die durch Verkäufe von Kunstwerken, Antiquitäten und anderen hochwertigen Artikeln eigenständige Gruppen finanziert, damit diese Anschläge verüben«, widerspricht Moneypenny. Sie wendet sich M zu. »Rattenfänger.«
M schüttelt den Kopf. »Rattenfänger ist – oder vielmehr war – ein privates Militärunternehmen, das sich an Umstürzen, Konflikten und Bürgerkriegen beteiligt hat. Und dessen Topmann sitzt bei uns im Knast.«
»Rattenfänger wird auch mit Bombenanschlägen auf Botschaften, Entführungen, Datenlecks und anderem in Verbindung gebracht … Wir haben nie herausgefunden, womit sie sich finanzieren, wer sie kontrolliert oder wie tief sie die Finger im Spiel haben. Seit wir Colonel Mora inhaftiert haben, ist die Zahl der weltweiten Terroranschläge sogar noch gestiegen. Vielleicht ist Rattenfänger dazu übergegangen, einzelne Terrorgruppen zu finanzieren.«
M verschränkt die Arme vor der Brust. »Und das tun sie, indem sie Klunker verkaufen?«
Moneypenny stützt sich auf Aishas Stuhllehne. »Sind diese Artikel alle von derselben Person verkauft worden?«
»Das ist schwer zu sagen«, erwidert Aisha, »weil die Verkäufer häufig Agenten einsetzen. Allerdings führt Sotheby’s Hintergrundüberprüfungen durch, um die Herkunft zu verifizieren, sodass wir vielleicht ein eindeutigeres Muster erkennen, wenn wir Zugriff auf ihre Akten erhalten.«
»Überprüfen sie die Käufer?«, erkundigt sich Vallance.
»Bis zu einem gewissen Grad, Sir«, bestätigt Aisha. »Sotheby’s stellt sicher, dass die Käufer über die finanziellen Mittel verfügen, um den Kauf zu tätigen. Es ist nicht ihre Aufgabe, herauszufinden, woher das Geld stammt. Beispielsweise haben sie große Geschäftseinbußen erlebt, seit russischen Oligarchen plötzlich ihr Vermögen eingefroren wurde. Sotheby’s Aufgabe bestand nie darin, die Bankkonten jener Oligarchen moralisch zu bewerten.« Sie wirft M einen Blick zu. »Das war unsere Aufgabe.«
»In Ordnung, in Ordnung«, beschwichtigt M. »Das muss ich mir schon dauernd von meiner Enkelin anhören.«
Aisha grinst. »Q hat regelmäßige Käufer bei Sotheby’s aus dem letzten Jahr überprüft. Ein Name sticht heraus, weil sie zurzeit von der National Crime Agency untersucht wird, allerdings eher als Helferin und nicht als Zielperson. Marilyn Aliyeva, Valentin Wiltshires Geliebte. Er ist die Zielperson.«
»Teddy Wiltshire?«, stutzt M und klopft mit seinem Gehstock auf den Boden.
In diesem Augenblick betritt Ibrahim den Raum. »Bitte keine Vibrationen.«
M wirkt gereizt. »Haben Sie Angst, dass ich Q kitzeln könnte, Jungchen?«
»Ja«, bestätigt Ibrahim ehrlich, dann setzt er sich an seinen Arbeitsplatz und öffnet eine Datei.
M und Moneypenny lächeln sich an.
»Was haben Sie da, Ibrahim?«, fragt Moneypenny.
»Die NCA hat gerade Wiltshires Eintrag geschickt. 1970 in Turkmenistan geboren. 1995 ins Vereinigte Königreich emigriert, wo er seinen Nachnamen von Kerimov zu Wiltshire geändert hat, weil er, wie er sagte, eine spirituelle Verbindung zu Stonehenge spürte. Sein voller Name lautet Valentin Eduard Wiltshire, Rufname Teddy.«
»Dem wird er auch gerecht«, meint M. »Ich bin ihm schon einige Male bei Benefizveranstaltungen begegnet, Partys, auf denen alle zu viel Geld besitzen und nicht wissen, wie sie es ausgeben sollen, mir aber nur zu gern etwas zuflüstern würden, wenn es mich nicht zu sehr stören würde. Teddy ist mir immer wie ein Playboy vorgekommen, der aus dem Leim gegangen ist. Ein zahnloser Tiger.«
»Tja, vielleicht hat er keine Zähne, aber er hat definitiv die Klauen ausgefahren, als er sich vor ein paar Jahren ein Haus für dreißig Millionen Pfund in der Tite Street in Chelsea unter den Nagel gerissen hat«, erklärt Ibrahim. »Da lebt er mit seiner Frau, die ironischerweise Chelsea heißt, und ihren Töchtern Virginia, Adelaide, India und Paris. Der Sohn Jordan studiert an der NYU BWL.«
»Also sammelt er nicht nur Antiquitäten, sondern auch Immobilien«, stellt Moneypenny fest. Sie deutet auf Aishas Bildschirm. »Was für Artikel kauft Marilyn Aliyeva in Teddys Namen?«
Aisha scrollt durch ihre Liste. »Es gibt kein festes Muster. Saurierschädel. Kunst. Wein. Möbel. Antike Masken. Götterstatuen. Alles, was sehr selten und sehr teuer ist.«
»Wo kommt das ganze Geld her?«
»Das will die National Crime Agency auch wissen«, erklärt Ibrahim. »Er arbeitet im Transport- und Bankenwesen, aber mit seinen Steuern stimmt etwas nicht. Die NCA untersucht ihn wegen ungeklärter Vermögenswerte nach dem Gesetz zu Einkünften aus Verbrechen.«
»Wann hat Marilyn zuletzt etwas gekauft?«
Aisha klickt einen der unzähligen Tabs an. Dann dreht sie sich um und sieht Moneypenny in die Augen. »Vor sechs Tagen. Eine sogenannte Blindenuhr. Die hat sie noch nicht abgeholt.«
»Warum nicht?«
Sie scrollt weiter. »Weil sie letzte Woche verhaftet wurde, nachdem sie in einem Laden einen Aufstand gemacht hat. Sie wird festgehalten, während die NCA versucht, mit ihr einen Deal zu machen.«
Über den Lautsprecher ertönt die Stimme von Vallance: »Das wäre gute Werbung für die NCA, nehme ich an. Ich sehe kurz nach. Ja, hier haben wir es … Die NCA setzt sie unter Druck, damit sie über Teddy auspackt, aber bisher erfolglos.«
»Vielleicht hätten wir ja mehr Glück«, meint Moneypenny.
Vallance unterbricht sie: »Sie dürfen nicht auf britischem Boden operieren. Heute – oder besser gesagt gestern – war eine Ausnahme.«
M räuspert sich. »Also bitte, alter Freund. Der Bombenanschlag auf die BBC war die Ausnahme. Solche Anschläge finden meistens im Ausland statt. Das ist unser Feld. Lassen Sie uns das erledigen, ja?«
»Die Ecke dieses Feldes ist und bleibt England, alter Freund. Ihr Feld liegt jenseits des Meeres«, kontert Vallance.
»Und wer hat die Zahl der Toten auf Ihrem Feld eingedämmt?«, blafft M.
»Ein MI6-Agent, der es für die beste Lösung hielt, dabei eine John-Nash-Kirche zu zerstören«, sagt Vallance. »Denn warum sich mit nur einem Symbol zufriedengeben, wenn man gleich zwei beschädigen kann?«
»Dieser Agent kämpft gerade um sein Leben, also halten Sie sich zurück.«
Moneypenny hebt beschwichtigend die Hände. »Einigen wir uns auf einen Kompromiss. Wir nutzen unsere Wildcard. 003 braucht sowieso andere Aufgaben als ständig nur Nachtdienste.«
»Ich habe Ihnen doch gesagt, Harwood ist noch nicht so weit«, beharrt M. »Shrublands besteht darauf …«
»Es geht nur um eine einzige Befragung«, unterbricht Moneypenny. »Außerdem ist Johanna Harwood besonders gut darin, Menschen zu überreden.«
»Es handelt sich um eine delikate Angelegenheit.«
»Ich glaube an 003.«
M seufzt schwer. »Und genau dann brechen sie einem üblicherweise das Herz. Na gut, Moneypenny. Spielen Sie die Wildcard aus.«
London
Einhunderteinundsechzigtausendsechshundertvierzig ungelebte Minuten. Einundvierzig. Zweiundvierzig.
Heutzutage trägt Johanna Harwood zwei Armbanduhren. Ihr Hermès-Modell mit den goldenen und orangen Pferden auf dem Keramikziffernblatt trägt sie am rechten Handgelenk. Diese Uhr war mit einem einfachen Morsecodesender ausgestattet, über den 003 mit Moneypenny kommunizieren konnte, während sie Leib, Leben und Seele als Dreifachagentin riskierte, die zuerst gefoltert, dann »umgedreht« und bei Rattenfänger eingeschleust worden war. Über diese Uhr schickte sie Moneypenny das Signal, mit dem sie den Maulwurf im MI6 aufdeckten – Bill Tanner, den Stabschef, der höchstes Vertrauen genoss.
Wegen seines Verrats trägt Harwood nun eine zweite Armbanduhr. Eine Casio-AE1200WHD-1A-Weltzeituhr mit Silbergehäuse und Edelstahlarmband. Ein Klassiker mit integriertem Kompass und Karte, wenn auch nicht besonders selten. Trotzdem ist diese bestimmte Casio Johanna Harwood mehr wert als irgendein anderer Besitz. Sid trug sie, als er starb. 009, Aazar Siddig Bashir. Johannas Verlobter. Sid hatte die Stoppuhr eingestellt, als er und Harwood sich in den Tunneln im syrischen Gebirge voneinander trennten. An jenem Scheidepunkt. Obwohl Tanner in Isolationshaft Selbstmord beging, warnte jemand Mora, den Colonel von Rattenfänger, dass sie und Sid einen Angriff vorbereiteten. Nach Harwoods Berechnungen dauerte es weitere sechsundzwanzig Minuten, bis der Schuss Sid traf – als dieser sich vor die Kugel warf, die für 003 und Dr. Nowak bestimmt war, die Klimaforscherin, deren Sicherheit das Ziel der Mission der beiden Doppelnullagenten war. Dann weitere fünf Minuten, bis Sid in Harwoods Armen verblutete. Bemerkenswert, wie schnell man alles, was einem wichtig war, verlieren konnte.
Erst nachdem die Rechtsmedizin 009s persönliche Sachen freigegeben hatte, fiel Harwood auf, dass die Armbanduhr noch immer die Minuten zählte, die Sid Bashir nicht mehr erleben würde. Irgendetwas war kaputtgegangen, sodass sich die Stoppuhr nach elf Stunden, neunundfünfzig Minuten und neunundfünfzig Sekunden nicht wieder auf null stellte. Die Zeit lief einfach weiter. Sie trägt die Casio am rechten Unterarm, wo sie leicht hin und her rutscht.
Nun drückt Harwood unnötigerweise den Knopf, der die Zahlen von hinten in sanftes oranges Licht taucht. Ihr kommt es eigenartig vor, bei Tageslicht aus dem Haus zu gehen. Seit dem Tod von 009 wird Harwood von der Psychologin in Shrublands als für den aktiven Außendienst untauglich eingestuft. Körperlich fehlt ihr nichts, aber sie geht davon aus, dass sie nach Sids Tod die »heilende Kraft der Zeit benötigt, da 003 durch den Verlust von 009 nicht nur einen Kollegen, sondern auch einen Geliebten und Verlobten verloren hat – Hinweis: Genau deshalb werden intime Beziehungen zwischen Doppelnullagenten nicht empfohlen, insbesondere, da 003 bereits mit 007 zusammen war, dem Mentor von 009 …« Harwood beobachtete in der Spiegelung der Taschentuchbox aus Stahl, wie Dr. Kowalczyk das im Therapiezimmer notierte, und musste beinahe lächeln. Am liebsten hätte sie den Arm über den fröhlichen Teppich ausgestreckt und Dr. Kowalczyks Stift angehalten. Und der Psychologin gesagt: »Ich weiß, dass Sie es gut meinen, aber die Bombe ist bereits explodiert. Sehen Sie nicht, dass ich bereits derart gebrochen bin, dass Zeit keine Rolle mehr spielt?«
Aber ihr war klar, dass Dr. Kowalczyk ihr, falls sie das täte, wieder die Frage stellen würde: »Warum tragen Sie dann noch immer zwei Uhren?«
Tatsächlich ist Zeit alles, was Harwood hat, daran erinnern sie die beiden Armbanduhren, die in Sekunden die Stunden im Nachtdienst zählen, die sie zwischen kurzen Einsätzen als Wildcard ableistet. Das ist eine neue Initiative – wenn Doppelnullagenten sich nicht im aktiven Dienst befinden, sollen sie im Inland operieren und mehr über ihre Schwesterorganisationen erfahren, indem sie nachts Notrufnummern in London bedienen. Man hält Harwood von allem fern, bei dem etwas auf dem Spiel steht. Auch davon, am Vortag die BBC zu beschützen, sodass sie auf ihrem Balkon stand und den Rauch über Londons Zentrum aufsteigen sah, als die Eilmeldung über Sids grünes Weltempfängerradio hereinkam und hinter allen Fenstern die Fernseher aufleuchteten. Nun aber setzt man sie auf den Stufen einer Polizeiwache in Knightsbridge ab, eine Wildcard, die man auf eine dürftige Spur ansetzt, von Moneypenny angewiesen, den Job zu erledigen – und von M, sich nicht zu sehr zu verausgaben, die Genesung erfordert Geduld …
Harwood weiß, dass sie allein durch Moneypennys Insistieren überhaupt noch eine Stelle hat. Nach Sids Beerdigung schien M zu wissen, was die Berichte aus Shrublands sagen würden, bevor Harwood überhaupt untersucht worden war. Im Gemeindezentrum Barton Hill nahm er sie mit einer sanften Hand an ihrem Arm zur Seite.
»Johanna, Sie haben keinen Vater, daher möchte ich kurz diese Position einnehmen. Schließlich habe ich Sid versprochen, Sie zum Altar zu führen. Sie haben für Ihr Land alles gegeben. Nun schuldet Ihr Land Ihnen Frieden.«
»Ich will keinen Frieden«, erklärte Harwood.
»Genau da liegt das Problem. Sie und ich wissen beide, dass es unsichtbare Wunden gibt, die schlimmer sind als alles, was man auf Röntgenbildern sehen kann, unabhängig davon, was Sie in Ihrer Ausbildung zur Chirurgin gelernt haben. Von manchen Wunden erholen wir uns nie. Wenn ich Ihnen nur eines wünschen dürfte, Johanna, dann ein neues Leben. In diesem hier gibt es zu viele Geister. Erst James. Jetzt Sid.«
Harwood entwand sich seinem Griff. »James lebt. Ich werde ihn finden.« Sie wartete auf eine Erwiderung. »Glauben Sie das etwa nicht?«
M ließ den Blick seiner geröteten Augen über die Köpfe der Trauergäste schweifen. Als er schließlich etwas sagte, klang es, als hätte er vergessen, mit wem er sprach – als würde er über die Jahrzehnte hinweg mit sich selbst sprechen. »Vermutlich habe ich zu vielen Beerdigungen beigewohnt.«
Als Harwood in einer Höhle, die mit einem eisernen Gitter verschlossen war, die Zahlen 007 in den Felsen geritzt fand und außerdem Anzeichen dafür, dass man einen Häftling hinausgeschleppt hatte, war sie von der Überzeugung überwältigt worden, dass James Bond noch lebte. Sie forderte vom MI6, dass man ihr die Aufgabe übertrug, herauszufinden, wohin Rattenfänger ihn gebracht hatte. Aber Moneypenny und M betonten beide, dass die Q-Abteilung noch immer ihre Erkenntnisse darüber, wie Rattenfänger Menschen vor Satelliten verbergen konnte, mit ihren neuen Informationen abglich. Man würde 003 Bescheid geben, sobald es eine Spur zu verfolgen gab. Diese Nachbesprechung stand allerdings noch aus, ihre Hermès-Armbanduhr hatte noch kein eindringliches Lied aus kurzen und langen Tönen angestimmt – denn Harwood wollte nicht glauben, dass Tanner allein gehandelt hatte. Wer hatte Mora gewarnt, dass sie und Sid auf dem Weg waren? In den Sekunden, Minuten und Stunden des Nachtdienstes stellte sie sich vor, wie Moneypenny sie mit Morsecodes über eine weitere inoffizielle Mission informieren würde: den zweiten Maulwurf zu enttarnen, der für Sids Tod verantwortlich war, und James Bond zu finden. Doch es kamen keine Befehle.
Nun schlüpft 003 in ihre Jacke, tritt über die Schwelle der Polizeiwache und ignoriert die unwiderlegbare Tatsache, dass ihr die Hände zittern. Einmal, als sie Nachtdienst im MI6 hatte, begegnete sie 000. Conrad Harthrop-Vane fragte sie fröhlich: »Rostest du immer noch hier vor dich hin, Harwood? Aber Vorsicht. Wenn du zu stark einrostest, gehst du noch kaputt.«
Also, wie sieht’s aus, Johanna? Bist du eingerostet?
Marilyn Aliyeva hat sich häuslich eingerichtet. Jemand hat ihr einen Tee gebracht, der nicht nach Pappe – laut dem Beuteletikett ist es Darjeeling – schmeckt und Wasser, absurderweise in einem Weinglas, das wahrscheinlich noch von der Weihnachtsfeier hinten im Schrank stand. Am Rand befinden sich rote Flecken vom Lippenstift der Zielperson. Die trägt Pelz, der eigentlich hätte konfisziert werden sollen, als sie in die normale Haft überführt wurde. Sie trägt mehr Geld am Körper, als Johanna in ihrem ganzen Leben in Händen gehalten hat. Es offenbart sich in ihrer Haltung, den Highlights in ihren Haaren und der schweren Sonnenbrille. Dass sie ihre Verletzlichkeit so gründlich verbirgt, sagt Harwood, dass sie behutsam vorgehen, abwarten und dasselbe Trauma widerspiegeln sollte, um das Vertrauen des Opfers zu gewinnen – Taktiken, die sie früher hätte mühelos anwenden können, nun jedoch eher unsicher ins Spiel bringt.
Harwood hebt die angeschlagene Tasse, die man ihr serviert hat. »Warum bin ich nicht darauf gekommen, beim Lieferdienst zu bestellen?« Sie setzt sich der anderen Frau gegenüber an den Tisch. »Man sagt mir, dass Sie seit einigen Tagen mit niemandem sprechen. Wie es der Zufall will, geht es mir genauso, darum bin ich leider etwas eingerostet. Vielleicht müssen Sie den Anfang machen.«
»Wer sind Sie? Sie sehen nicht wie eine Polizistin aus.«
Harwood kratzt sich an der Stirn. »Wie sehe ich denn aus?«
»Wie eine Geflüchtete, die nach einer Katastrophe, von der ich nichts wissen will, am Strand angespült wurde, also ersparen Sie mir Ihre Floskeln.«
Einen Augenblick lang schweigt Harwood, dann lacht sie. Verständnis zu heucheln ist eine gängige Verhörtaktik, mit einer offenen Wunde die Zelle zu betreten nicht. Vielleicht hat M recht.
»Was ist so witzig?«, fragt Marilyn.
»Ach, gar nichts. Höchstens, dass Sie wohl in letzter Zeit nicht in den Spiegel gesehen haben. Oder dass ich dem Bild darin zu sehr ähnele.«
Marilyn verkriecht sich in ihrem Pelz. »Ohne meine Anwältin rede ich mit keiner Polizistin.«
»Ihre Anwältin würde Ihnen sagen, dass Sie die Gelegenheit nutzen sollten, sich aus diesem kleinen Schlamassel zu winden, anstatt noch tiefer in der Katastrophe zu versinken, in die Sie bereits verwickelt sind. Zumindest, wenn Teddy nicht dafür sorgen würde, dass Sie keine Anwältin aufsucht.«
Marilyn erstarrt. »Was wissen Sie über Teddy?«
»Nicht so viel, wie mir lieb wäre«, sagt Harwood und schlägt die Beine übereinander. »Ist er Ihr … Gönner?«
Marilyn Aliyeva reißt die Hände hoch. Ihre Armreifen klimpern wie ein Windspiel, nachdem man die Tür zugeknallt hat. »Glauben Sie etwa, er finanziert mich wie ein Kunstmuseum? Halten Sie mich für eine Prostituierte?«
Darauf fragt Harwood mit leichter Neugier: »Halten Sie sich denn für eine Prostituierte?«
»Woher kommen Sie? Dunkle Haare, olivfarbene Haut, englischer Akzent – sind Sie reine Engländerin?«
»Warum fragen Sie das?«
»Ich frage mich, wie naiv Sie sind, mich zu fragen, ob ich mich als Hure sehe.«
Harwood zieht eine Akte aus der Tasche. »Sie haben innerhalb eines Jahrzehnts dreizehn Millionen Pfund bei Harrods ausgegeben.«
Als Marilyn mit den Achseln zuckt, schwingt ihr Mantel. »Das ist bei mir ganz in der Nähe, sehr praktisch.«
»Vierundzwanzigtausend Pfund für Tee und Kaffee. Zehntausend Pfund für Obst und Gemüse. Zweiunddreißigtausend Pfund für Pralinen.«
»Kaufen Sie diese Sachen nicht im Tante-Emma-Laden?«
Harwood lächelt. »Bei mir im Tante-Emma-Laden verkaufen sie nichts von Cartier. Fast fünf Millionen für Schmuck. Zehntausende im Bibbidi-Bobbidi-Boo-Shop, um sich wie eine Disney-Prinzessin zu fühlen. Teddy Wiltshire bezeichnet Sie als seine Prinzessin, nicht wahr?« Ihr Lächeln erstirbt. »Fühlen Sie sich wie eine Prinzessin, Ms Aliyeva?«
Marilyn nimmt die Sonnenbrille ab und pfeffert sie über den Tisch. Klappernd fällt sie zu Harwoods Füßen auf den Boden. »Ich bin kein Opfer«, sagt sie. Ihre Augen sind dunkel unterlaufen.
»Fühlt Mr Wiltshire sich besser, wenn er sie schlägt?«
Marilyn lacht auf. »Sie sind tatsächlich so naiv, wie ich gedacht habe.«
»Wissen Sie, warum man Sie heute zum Gespräch mit mir hergeholt hat?«
Keine Antwort.
»Ich erzähle Ihnen mal, was meiner Meinung nach Sache ist. Mr Wiltshire hat Ihnen eine Kreditkarte gegeben, mit der Sie nur bei Harrods Einkäufe tätigen dürfen. Er bekommt die Rechnung. Er sieht alles, was Sie kaufen. Alles, was Sie tun. Ihm gefällt das. Aber er ist häufig unterwegs. Mit seiner Ehefrau und den Kindern. Und manche Sachen, die Sie sich wünschen, würden ihm nicht gefallen. Also kaufen Sie bei Harrods eine Tasche oder Jacke und bringen sie in eine der nahe gelegenen ›Boutiquen‹, wo man sie Ihnen bar abkauft und weiterverkauft. Dadurch verfügen Sie über Bargeld, das Sie von Teddy unbeobachtet ausgeben können. Einen Teil dieses Bargelds legen Sie zur Seite – für den Notfall. Vielleicht warten Sie schon so lange auf die Katastrophe, dass Sie glauben, sich den Knall nur einzubilden, aber ich sage Ihnen: Der Notfall ist jetzt eingetreten.«
»Das ist doch nicht illegal, Sachen von Harrods zu verkaufen. Das machen alle Geliebten so.«
»Wissen Sie, was das Gesetz zu ungeklärtem Vermögen ist?«
Auf der Suche nach einer Antwort lässt Marilyn den Blick durch den Raum schweifen. »Das ist nicht mein Geld.«
»Aber auch nicht Teddys. Er hat es von einer turkmenischen Bank unterschlagen und wäscht es mit faulen Krediten, indem er Gebäude und Unternehmen auf der ganzen Welt erwirbt, die er in den Ruin treibt und verscherbelt.«
»Das kann niemand beweisen.«
»Ich nehme an, dass Teddy seit etwa einem Jahr gewalttätiger geworden ist, seit sein Vermögen in den Fokus der Ermittlungen geraten ist. Er musste sein Geld irgendwie anders umlegen – um es zu waschen.«
»Darüber weiß ich nichts.«
»Aber Sie wissen, dass er sich für Kunst und Antiquitäten interessiert, oder? Mit dem schmutzigen Geld kaufen Sie für ihn Objekte.«
»Sie sind nicht ganz richtig im Kopf. Das denken Sie sich alles aus«, beharrt Marilyn.
Harwood beißt die Zähne zusammen. »Sie haben mit der Ladeninhaberin über den Preis gestritten. Sie sagt, dass Sie aggressiv geworden sind. Geraten Sie in Panik, Marilyn?«
»Warum sollte ich in Panik geraten?«
»Teddy hat Probleme. Wenn sein Schiff sinkt, glauben Sie, dass er dann in seinem Rettungsboot neben seiner Ehefrau Platz für Sie hat? Da wirft er Sie vorher über Bord. Wir haben für Sie einen Rettungsring.«
Marilyn wirft ihre schwere Mähne zurück. »Wenn Sie unbedingt mit Klischees um sich werfen wollen, bitte schön. Ich bin die Herrin über mein Schicksal. Ich habe eigene Pläne.«
»Über Ihre Pläne lacht Teddy nur, ist Ihnen das klar?«
»Er liebt mich.«
»Er wird noch lachen, wenn er sie beerdigt hat«, meint Harwood. »Ich will nicht böswillig klingen. Es ist einfach eine Tatsache. Aber Ihnen muss ich das ja nicht erzählen.« Harwood hebt die Sonnenbrille auf, klappt sie zusammen und schiebt sie ihr über den Tisch zu. »Wir können Ihnen helfen, wenn Sie uns helfen.«
Marilyn greift nach dem Weinglas, doch dann schiebt sie es vehement weg, sodass das Wasser darin schwappt.
»Wir wollen wissen, ob er mehr ist als jemand, der Staatsgelder veruntreut. Mehr als nur ein Gauner.«
»Wieso mehr? Es gibt nur Gauner. Große und kleine Gauner.«
»Das haben Sie schön gesagt. Hat Teddy damals als kleiner Gauner angefangen?«
»Woher soll ich das wissen?«
»Er zahlt Ihnen seit einem Jahrzehnt die Miete.«
»Sie und Ihre Leute beobachten ihn seit einem Jahr! Was haben Sie dabei erfahren? Nichts, was Sie beweisen können, sonst hätte diese NCA ihn schon verhaftet.«
Harwood klappt die Akte auf und breitet Überwachungsfotos auf dem Tisch aus. Teddy beim Abendessen mit seiner Frau im Connaught. Teddy beim Abendessen mit Marilyn in St. John’s. Teddy beim Golfen. Teddy, der seine Töchter zur Schule bringt. Teddy bei der Eröffnung des Clubs eines Freundes. Teddy, der ein mit Blattgold verziertes Steak isst. »Bei unseren Beobachtungen haben wir erfahren, dass er sehr vorsichtig ist, mit einer Ausnahme. Ein wirklich vorsichtiger Gauner würde sein Geld verstecken. Aber Teddy ist nicht der unauffällige Typ. Er will angeben. Deshalb hat er Ihnen lieber die Karte für Harrods gegeben und nicht einfach ein diskretes Konto bei einer Privatbank. Er will seinen Besitz vorführen.« Sie dreht ein Foto um, auf dem Marilyn bei einem Treffen mit Teddy und seinen Freunden, alle männlich und bekleidet, nackt in ihrem Dachgarten liegt. »Er will Sie vorführen.«
Marilyn mustert Harwood unverhohlen. »Das Recht hat er sich verdient.«
Harwood verzieht den Mund. »Glauben Sie, dass ein Mensch einen anderen kaufen kann?«
»Das weiß ich sogar.«
»Also kann er mit Ihnen anstellen, was er will? Bis Sie eines Tages auf einer Bahre in der Leichenhalle liegen?«
»Das wird nicht geschehen. Ich habe ihn im Griff.«
»Wir wissen, dass er über Sotheby’s Geld wäscht«, sagt Harwood.
»Wenn Sie das beweisen könnten, hätten Sie ihn verhaftet.«
»Das ist wahr.« Harwood lehnt sich zurück. »Im Augenblick können wir nur beweisen, dass Sie über Sotheby’s Geld waschen. Wie viel ist dieses Leben wert, das Teddy Ihnen finanziert, Marilyn? Wir können Ihnen ein ganz neues anbieten. Vielleicht haben Sie darin keinen Kreditrahmen bei Harrods, aber Sie haben Frieden. Was würden Sie dafür geben, keine Angst mehr zu haben? Was würden Sie dafür geben, ruhig zu schlafen?«
Damit setzt Harwood alles auf eine Karte, ohne wirklich überzeugt zu sein, dass ihre Taktik aufgehen wird. Aber nun sieht Marilyn – die den Blick zuletzt wie ein Rotkehlchen auf der Suche nach Krümeln durch das Verhörzimmer huschen ließ – Harwood von der Seite an, so wie besagtes Rotkehlchen einen Menschen anstarrt, wenn es bemerkt, dass dieser es beobachtet. »Sie schlafen auch nicht, oder?«, sagt Marilyn.
Harwood schluckt. »Schon lange nicht mehr.«
»Warum?«
Harwoods nächste Worte sind wahrer, als ihr lieb ist. »Ich habe alles verloren.«
»Wie fühlt sich das an?«
»Sagen Sie es mir«, entgegnet Harwood.
Marilyn sieht sie unverwandt an, durchdringend und drängend. »Können Sie mich wirklich beschützen?«
»Ja.«
»Aber ich weiß nichts über seine Vergangenheit oder darüber, was er tut, wenn er nicht bei mir ist.«
»Was wissen Sie denn?«
Marilyn legt die Hand flach auf die Fotografien. »Diese Bilder zeigen Teddy bekleidet.«
»Ja und?«
»Unter seiner Kleidung ist er überall tätowiert. Er geht nirgendwo schwimmen, wo die Leute ihn sehen könnten. Im Club geht er nicht mal in die Dampfsauna. Aber er will die Tattoos auf keinen Fall entfernen lassen.«
»Was für Tattoos?«
»Vor-Tätowierungen. Von den Dieben im Gesetz.«
Harwood hält den Atem an. »Wollen Sie damit sagen, dass Teddy ein Mitglied der Diebe im Gesetz war, der Mafia, die in den Gulags der UdSSR entstanden ist?«
Ein kaum merkliches Nicken.
»Aber um ein Dieb im Gesetz zu werden, muss man im Gefängnis sitzen und einen Eid schwören, dass man niemals mit Gefängniswärtern, der Polizei oder irgendwelchen anderen Staatsrepräsentanten zusammenarbeitet. Teddy hat eine Staatsbank geleitet«, fährt Harwood fort.
»Ich habe es Ihnen doch gesagt«, meint Marilyn. »Es gibt kleine Gauner. Und es gibt große Gauner. Das läuft nicht so wie früher. Heute leiten die großen Gauner Regierungen. Dann quittieren sie reich und neugeboren den Dienst. Sie werden Teddy aus einem bestimmten Grund niemals verhaften können, egal welche Beweise oder Theorien Sie haben. Er hat genug Geld, um sich eine grandiose neue Zukunft zu erkaufen. Die größten Gauner, die es gibt, sind keine Kriminellen mehr.«
Endlich atmet Harwood durch. »Wir können auch Ihnen diese neue Zukunft schenken. Er wird sie nicht finden.«
Marilyn schüttelt den Kopf. Ihr kommen die Tränen, doch ihr Mascara ist so teuer, dass er nicht verwischt. »Das wird er. Ich bin eine Idiotin. Seine Aufgabe ist, Leute verschwinden zu lassen. Vor ihm kann sich niemand verstecken.«
»Was meinen Sie damit?«
»Wenn er wütend ist, erzählt er mir, dass er mich verschwinden lassen kann. Jeden verschwinden lassen kann. Endgültig.«
Rattenfänger hatte Harwood beinahe endgültig verschwinden lassen, als sie undercover gearbeitet hat. Sie haben James verschwinden lassen. Könnte es sein, dass Teddy der Zauberkünstler war? »Marilyn – können Sie seine Tätowierungen beschreiben?«
»Warum?«
»Die Tätowierungen aus russischen Gefängnissen bilden eine Sprache. Sie erzählen die Geschichte der Verbrechen eines Mannes. Teddy verbirgt sie, weil sie praktisch ein Geständnis darstellen – zumindest von seinen Verbrechen aus der Vergangenheit. Hat ein Mann drei Katzen tätowiert, bedeutet das, dass er Menschenhandel betreibt. Hat Teddy eine solche Tätowierung?«
Marilyn legt die rechte Hand an die Brust. »Ja. Hier. Die sind fast schon niedlich, wenn nicht das andere Bild drum herum wäre.«
»Was für ein Bild?«
»Eine Motte. Eine furchtbare Motte.«
Unbewusst spiegelt Harwood Marilyns Bewegung, wie um ihr Herz zu beschützen. Plötzlich scheint sie die Tätowierung auf der Brust von Colonel Mora zu sehen, den Totenkopfschwärmer, der über ihrem Gesicht umherflattert, sobald sie zu tief in den Schlaf hinabgleitet – sie spürt ihn im Verhörzimmer, er schlägt ihr alle Fragen zurück in den Mund, erstickt sie, und dann spürt sie Moras furchtbaren Mund, seinen blutigen Zungenstumpf, genau wie der Kikimora, nach dem er benannt wurde, der sich seinem Opfer auf die Brust setzt und ihm den letzten Atemzug – und seine Seele – aussaugt.
Wie sieht’s aus, Johanna? Gehst du kaputt?
London
Es ist Lieferzeit in der New Bond Street. Vor Sotheby’s steht ein Lieferwagen mit laufendem Motor. Der gepflegte Eingang des Auktionshauses wird von Läden flankiert, die Handtaschen und Kristall in den Schaufenstern ausstellen und ein sorgenfreies Leben vorgaukeln. Die BBC liegt nur einen kurzen Spaziergang entfernt. An der Ecke stehen mehrere Polizisten mit Suchhunden. Die Fassade von Sotheby’s wirkt bescheiden, über dem Türbogen mit zwei Säulen hängt eine blaue Fahne, doch hinter dem Rücken seiner Nachbarn breitet es sich beinahe über den gesamten Häuserblock aus. Damit prahlen sie hier nicht. Man sieht nur zwei kleine Fenster, das eine verspricht impressionistische Gemälde, das andere auf einem schimmernden Banner über funkelnden Diamanten Zeitlosigkeit. In eleganter Kalligrafie steht dort Jewels of Time. Ein Banker in fünfter Generation, der sich plötzlich an einen Jahrestag erinnert, bleibt stehen und betrachtet die Diamanten.
Joseph Dryden lehnt sich an die Regenrinne, die im selben Cremeton wie das Gebäude lackiert ist. Beinahe unbeteiligt fragt er sich, ob der Mann im grauen Anzug ihn bemerken wird oder er genauso unsichtbar wie die Regenrinne oder die Lieferanten bleibt, die ebenfalls alle Schwarze sind.
Der Banker schlurft ins Gebäude. Er wird in der Luxusabteilung eine Halskette kaufen, die von seinem Fahrer abgeholt oder nach Dubai oder Paris geliefert wird. Auf etwas Gutes zu warten ist eine aussterbende Kunst.
Dryden wendet seine Aufmerksamkeit von dem breit lächelnden Pförtner ab, der den nervösen Kunden mit einer Verbeugung hineinbittet, und sieht Johanna Harwood zu, wie sie ihren Alpine A110S in mattem Tonnerre-Grau in eine Lücke einparkt, die ein abfahrendes Taxi frei macht.
Als 003 die Tür öffnet und sich aus dem Schalensitz schwingt, überrascht ihn zunächst die hochtaillierte Hose aus hellgrüner Seide, zu der sie eine enge graue Baumwollbluse und eine cremefarbene Leinenjacke trägt, dann wird ihm klar, dass er sie in letzter Zeit nur in Schwarz gesehen hat. Außerdem überrascht ihn Harwoods entschlossener Schritt, als sie über die Straße auf ihn zugeht und ihm die Hand reicht.
»So schlimm siehst du gar nicht aus«, meint sie. »Vielleicht ein paar Kratzer hier und da.«
Er lacht. »Das haben Sprengsätze so an sich. Aber die Sorgen überlasse ich heutzutage lieber Q. Ist ja nicht mehr meine Sache, mir um meinen Körper Gedanken zu machen.«
Im Gleichschritt gehen sie hinein und nicken dem Pförtner zu.
»Wenn du mir erzählen willst, dass dein Körper Königin und Vaterland gehört«, sagt Harwood, »muss ich dich auf ein Werbeplakat für neue Rekruten kleben.«
Dryden zuckt mit den Achseln. »Nenn es Pflicht. Oder allostatische Belastung. Ich hab’s aufgegeben, eine Erklärung zu finden.«
»Das Gefühl kenne ich.«
In der Eingangshalle herrscht Stille wie in einer Erste-Klasse-Lounge. Dryden nennt seinen Namen und die Empfangsdame bittet sie, einen Augenblick zu warten. Sie schlendern in die angrenzende Galerie, wo in einer Vitrine Perlen und ein frühes Paar Air Jordans liegen.
»Heutzutage gibt es einen Schwarzmarkt für Turnschuhe«, kommentiert Harwood. Als sie seinen Blick bemerkt, fügt sie hinzu: »Im Nachtdienst hat man viel Zeit zum Lesen. Es gibt sogar einen Schwarzmarkt für Öl, das sie aus Pommesbuden klauen.«
»Während meiner Einsätze in Afghanistan wurde einfach alles verkauft. NATO-Ausrüstung, Heroin, Öl«, erwidert Dryden.
»Trotzdem«, meint Harwood, »hätte ich lieber die Perlen.«
Er lacht. »Ich würde zu den Jordans nicht Nein sagen. Von dem Zeug, das in Afghanistan vertickt wurde, würde die Hälfte auch hierher passen. 1978 hat ein sowjetischer Archäologe da draußen in der Wüste den baktrischen Goldschatz entdeckt. Überreste der Seidenstraße. Zu den tapfersten Menschen, die mir je begegnet sind, gehören die Kuratoren des afghanischen Nationalmuseums, die die Überreste der Grabungen am goldenen Hügel versteckt und nie an die Taliban ausgeliefert haben. Als wir sie überzeugt hatten, dass es endlich sicher war, den Schatz des Landes auszustellen, haben sie das Gold aus dem tiefsten Loch im Boden geborgen, das du je gesehen hast. Und jetzt haben wir sie und ihr Land den Taliban überlassen und Gott allein weiß, was der Sammlung zustoßen wird. Oder den Kuratoren.«
»Kennst du Leute, die immer noch dort sind?«, erkundigt sich Harwood.
»Ja.« Dryden reibt sich das Kinn. »Mein Dolmetscher und seine Familie. Ganz egal an wie viele Türen ich klopfe, ich kriege sie in kein Flugzeug nach London. Früher hatte ich das Gefühl, Macht zu haben. Vielleicht war das alles eine Illusion. Ich kämpfe schon mein ganzes Leben lang, aber es wird alles immer schlimmer. Jetzt glauben die Bösen, dass sie uns
