Ein starkes Herz überwindet alles - Marianne Schüller - E-Book

Ein starkes Herz überwindet alles E-Book

Marianne Schüller

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Beschreibung

Marianne Schüller, 1933 in Berlin geboren, hat vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg zahlreiche einschneidende Erlebnisse. Es ist eine unruhige Zeit mit Bombenterror, Evakuierung und Schulwechseln. 1945 kehrt sie in das zerstörte Berlin zurück und erlebt 1945-46 einen eiskalten Winter. Es fehlt an Nahrung, warmer Kleidung, Heizmaterial, Strom … einfach an allem, so dass improvisiert werden muss, zum Beispiel durch Tabakanbau, Kippen sammeln und über den Schwarzmarkt. Der Umzug nach Nürnberg 1955 stellt sie neben den Herausforderungen durch die allgemeine Wohnungsnot erst einmal vor größere Sprachbarrieren, die sie als „Neig’schmeckte“, also als „zugereister Preuß“ jedoch mit Humor meistert. Bereits drei Jahre später grüßt sie schon bei einem Berlin-Besuch mit „Grüß Gott“ … Sie gründet ihre eigene Familie, bekommt drei Kinder - und 2002 geht ihr Leben nach einem schweren Schicksalsschlag noch einmal ganz von Neuem los.

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Seitenzahl: 705

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Inhalt

Impressum

Zitat

Ein starkes Herz überwindet alles

Meine Kleinkindzeit bis 1939

Die Adventszeit im Jahre 1936

1938

Die Volksschulzeit 1939 bis 1943

Unsere Spiele

Kriegsbeginn

1940–

1941–

1942–

1942

1943 bis 1945

1944

Ende Juli 1945

1945 bis 1946

1946 bis 1948

1946 bis 1948

1948 bis 1952

Mitte November 1948

1950 bis 1952

1951

1952 bis 1955

November 1952

1953

1954

1955

1955 bis 1966

Januar 1956

1957

1958

1959

1960

1961

1962

1964

1965

1966

1967 bis 1977

1979

1983

Ab 1985

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2016 novum Verlag

ISBN Printausgabe: 978-3-95840-046-7

ISBN e-book: 978-3-95840-047-4

Lektorat: Stefanie Krüger

Umschlagfoto: Marianne Schüller

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum verlag

Innenabbildungen: Marianne Schüller (15)

www.novumverlag.com

Zitat

Die Vergangenheit und die Erinnerung

haben eine unendliche Kraft,

und wenn auch

schmerzliche Sehnsucht daraus quillt,

sich ihnen hinzugeben,

so liegt darin doch

ein unaussprechlich süßer Genuss.

Wilhelm von Humboldt

Ein starkes Herz überwindet alles

Wenn ich jetzt über mein Leben berichte, dann geschieht das auf Anregung meiner jüngsten Tochter, die stets mit großem Interesse zugehört hat, wenn ich von meiner Kindheit, Jugend sowie der Kriegs- und Nachkriegszeit erzählt habe. Ihr immer wieder zu hörender Wunsch war: „Schreib das doch alles einmal auf.“

Vielleicht können meine vielen Erlebnisse, Erfahrungen und Erduldungen zum Nachdenken anregen. Schließlich wird es auch gut tun, durch das Aufschreiben aller Geschehnisse die Vergangenheit zu bewältigen, Fehler, aus denen ich gelernt habe, zu bekennen und schöne Stunden noch einmal Revue passieren zu lassen.

Da ich von Natur aus kritisch veranlagt bin, will ich versuchen, wahrheitsgemäß nichts zu beschönigen, aber auch die guten Seiten der Personen, die mich durch meine Kindheit und Jugend begleitet haben, so zu schildern, dass man noch an das Gute im Menschen glauben darf. Manches wäre anders verlaufen, wenn es das Schicksal anders gewollt hätte!

Liane, eine junge Kollegin, zu der Zeit war ich selber erst 20 Jahre alt, sagte einmal zu mir: „Ein starkes Herz überwindet alle Schicksalsschläge!“

Das Schicksal mischt die Karten, und wir spielen.

Schopenhauer

Mit diesem mich auf meinem Lebensweg begleitenden Motto will ich meine Autobiografie beginnen, nicht ohne mir darüber im Klaren zu sein, dass ich wegen der bedingungslosen Offenheit meiner Schilderungen mit Sicherheit Kritik werde einstecken müssen!

In Berlin-Hohenschönhausen, Genslerstraße 38, kam ich, Marianne Schüller, geb. Kronberg, am 02. 01. 1933 zur Welt.

Bis zu meinem 22. Geburtstag wohnte ich bei meinen Eltern in Berlin. Seit Januar 1955 bin ich in Nürnberg ansässig, verheiratet, habe drei Kinder und zurzeit, 2016, vier Enkel und zwei Urenkel.

In Berlin, zuerst in der Invalidenstraße, später Genslerstraße, wohnten meine Großeltern mütterlicherseits, Samuel Karl August Pape, geb. 1870, und Luise Marie Alma Pape, geb. Buchholz, geb. am 18. 05. 1881 in Bad Wilsnack sowie deren Sohn Ernst. Bei diesen Großeltern mütterlicherseits habe ich, so konnte ich in Erfahrung bringen, ungefähr die ersten 2 ½ Jahre meiner Kindheit verbracht.

Bad Wilsnack, den Geburtsort meiner Großmutter, und die nähere Umgebung möchte ich, bevor ich weitere Familienmitglieder vorstelle, einmal beschreiben: Die Westprignitz, zu der Bad Wilsnack gehört, ist der westliche Teil der Mark Brandenburg. Das Eisenmoorbad Wilsnack liegt im Elbetal an dem kleinen Flüsschen Karthane, ca. 15 km südöstlich von Wittenberge an der Elbe. In Richtung Wittenberge wird Landwirtschaft betrieben mit Ackerbau, Viehzucht, Wiesen und Weiden. In südlicher Richtung ist der Wilsnacker Forst, ein Waldgebiet von größtem Erholungswert und Nutzen. Fünf Städte gehören zur Westprignitz: Perleberg, Havelberg, Lenzen, Putlitz und Bad Wilsnack. Diese Städte und auch kleinere Orte bieten eine Fülle von Sehenswürdigkeiten: Kirchen, Burgen, denkmalgeschützte Bauten, Bauernhäuser, Hünengräber und vieles mehr. Und das alles in einer noch zum größten Teil erhaltenen und nicht dem modernen Zeitalter geopferten, zerstörten Umgebung. Die Prignitz war, wie reiche prähistorische Funde beweisen, altes germanisches Siedlungsland.

Wilsnack war ein zunächst im 12. Jahrhundert gegründetes Dorf, welches im Jahre 1383 ein Ritter v. Bülow in Brand steckte. Die Sage erzählt: Über der zerstörten Dorfkirche blieben unversehrt drei Hostien mit frischen Blutstropfen auf dem Altar zurück. Diese Zeichen wurden zur Pilgerstätte für die Bevölkerung. 1384–1390 wurde an diesem Ort der Dom zu Wilsnack erbaut. Damals wurde er die „Wunderblutkirche“ genannt, der heutige Name ist „Wallfahrtskirche St. Nikolai“.

Das heilkräftige Moor, das „zweite Wunder“, wurde in der Neuzeit entdeckt. Das kleine Bade-Kurhaus wurde später zu einer modernen Kurklinik ausgebaut und heutzutage ist es, so kann man sagen, eine komfortable Kuranlage.

Die Große Straße, derBoulevardvon Bad Wilsnack, zeigt auch heute noch die niedrigen Fachwerkhäuser, Kopfsteinpflaster, den Marktplatz mit dem alten Rathaus als Mittelpunkt.

Was während der Sowjetregierung mit den geschlossenen Grenzen nicht möglich war, konnte ich nach der Wiedervereinigung nachholen: Ein Wiedersehen feiern mit dem mir, bis zum Tode meiner Großmutter als ich zwölf Jahre alt war, liebsten Ort.

Die Heimat meiner Stiefmutter Brunhilde ist Schulzendorf bei Gransee, Mark Brandenburg. Ihr Vater ist im Ersten Weltkrieg gefallen. Ihre Mutter heiratete wieder und starb, als Brunhilde 14 Jahre alt war, an Tuberkulose. Sie kam zu den Großeltern nach Berlin und wurde sehr streng erzogen.

Die Heimat meines Vaters ist Mariendorf, ein Stadtteil von Berlin. Der Boden, auf dem Mariendorf liegt, war schon in grauer Vorzeit germanisches Land. Altertumsfunde aus der Stein-, Bronze- und Eisenzeit geben Zeugnis von der Besiedelung unserer Heimat und aus dem Leben in längst vergangenen Tagen. Germanische Familien hatten sich hier vor Jahrtausenden angesiedelt. Um das Jahr 500 rückte ein slawisches Volk, Wenden genannt, in diese damals halb entvölkerte Gegend. Sie lebten in Runddörfern eng zusammen, von Seen, Sümpfen und Bruchland umgeben.

Erst im 12. Jahrhundert setzte die Kolonisationsbewegung ein. Die Ritter- und Mönchsorden begannen ihre weit ausgreifende Arbeit, die immer um zwei Ziele kreiste: Evangelisation und Zivilisation. Sie zeigten den Wenden, wie man den Kampf gegen Wasser und Sand aufnimmt und in planmäßiger Arbeit dem kargen, märkischen Sandboden Ertrag abringen konnte.

Die Tempelritter gehörten zu jenen Ritterorden, die sich in den Kreuzzügen des 12. Jahrhunderts die Aufgabe stellten, das Land von den Ungläubigen zu befreien und die heiligen Stätten des Christentums zu schützen und zu bewahren. Die ritterliche Kleidung bestand aus einem weißen Mantel mit dem achtspitzigen roten Kreuz.

In der Mariendorfer Gegend gingen die Tempelritter als Kolonisatoren ans Werk. Etwa um das Jahr 1200 wurden Stützpunkte und Kirchen gebaut. Einen solchen Stützpunkt nannten sie Tempel-Hof, welcher durch Wall und Wassergraben geschützt inmitten eines Sumpfgebietes entstand. Weitere baute man in Mariendorf und Marienfelde.

Der Orden der Tempelritter, der das Dorf zu gründen half, wurde nach einer Zeit von nur 200 Jahren von König Philipp IV. und Papst Clemens als ketzerisch verboten und im Jahre 1312 aufgelöst. Auf heimatlichem Boden siedelten die Johanniter-Ritter deutsche Bauern als Kolonisten an. Mariendorf wurde ein märkisches Auendorf. Zu beiden Seiten einer breiten Dorfaue mit einem Teich befanden sich Fahrwege. An diesen lagen die Höfe mit damals noch schlichten, hölzernen Bauernhäusern. In der Mitte des Dorfes gab es eine Dorfschmiede und zur Versorgung des Trinkwassers zwei Ziehbrunnen.

Im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts wurde mit dem Bau der wunderschönen Dorfkirche begonnen. Aus Granitquadersteinen, gesammelt von den umliegenden Äckern, wurde sie mit 1,85 m dicken Mauern im romanischen Stil errichtet. Ein wertvoller Altar von 1626, der im Zweiten Weltkrieg vorsichtig auseinandergenommen, in Holzkisten verpackt und in Sicherheit gebracht wurde, blieb unauffindbar nach dem Krieg verschwunden.

Schäden, die durch Kriegseinwirkung entstanden waren, wurden 1953 von dem Regierungsbaumeister Herrn Mellin liebevoll, mit viel Einfühlungsvermögen restauriert.

1970 bekam diese Kirche ein Glockenspiel mit 16 Bronzeglocken. Von 7 Uhr früh bis 23 Uhr erklingt immer drei Minuten vor der vollen Stunde ein geistliches Volkslied oder ein Choral.

Friedhof-Erbbegräbnisse dürfen nur die alten Mariendorfer Familien in Anspruch nehmen. Einige Grabsteine halten die Erinnerung an diese Familien aufrecht.

Mein Vater, Friedrich Wilhelm Albert Kronberg, geb. am 12. 05. 1903, wohnte in Berlin Mariendorf, ein Bezirk im Süden von Berlin, zwischen Tempelhof und Lichtenrade. Die Familie Kronberg war alteingesessen in Mariendorf, denn seit Generationen war dieses Haus mit Grundstück und Ländereien in Familienbesitz.

Mein Elternhaus 1925

Im 16. Jahrhundert etwa könnte es erbaut worden sein, es wurde immer wieder angebaut und vergrößert. Ich glaube mich zu erinnern, dass 1948 die 400-Jahrfeier war. Mein Urgroßvater P. Kronberg lebte, soweit ich das aus Erzählungen meines Vaters entnehmen konnte, auf diesem Grundstück und betrieb, wie auch der Großvater Albert, Landwirtschaft. Große Ländereien, entlang der jetzigen Fritz-Werner-Straße bis hinter zum heutigen Siemens-Gelände, waren im Besitz der Kronbergs.

Ein Aquarell aus dem Jahre 1858 zeigt die Dorfstraße in ländlicher Idylle mit einem Kuhweiher als Mittelpunkt. Die alle im gleichen Stil erbauten Häuser vermitteln einen beschaulichen Eindruck. Die alte Dorfkirche, aus Bruchsteinen erbaut mit einem sechseckigen, holzverkleideten Glockenturm und die Pferdefuhrwerke runden das anheimelnde Bild ab.

Wer die Dorfstraße mit dem fließenden Autoverkehr (damals Gegenverkehr, jetzt Einbahnstraße) heutzutage kennt, dem wird es, genau wie mir, schwerfallen, sich in die Beschaulichkeit der damaligen Zeit zu versetzen.

Mein Großvater Friedrich Wilhelm Albert, geb. am 06. 09. 1875, war verheiratet mit Ernestine Pauline Anna, geb. Hönow, am 30. 03. 1879 in Gütergotz geboren. Dort fand die Eheschließung am 10. 04. 1902 statt. Der Großvater übernahm von seinem Vater Haus und Hof. Auch er war zunächst Ökonom.

Mein Vater hatte zwei Schwestern, Lucie und Fridel. Er studierte in Strelitz Automobilbauingenieur, die Schwestern besuchten, wie es früher zum guten Ton zu gehören schien, die Hauswirtschaftsfachschule, ich glaube die Lette-Schule.

Die drei Geschwister spielten hervorragend Klavier, mein Vater auch Geige. Er und Lucie bevorzugten schwungvolle Operettenmusik und Schlager, während Fridel nur klassische Musik auf dem Klavier spielte.

Jedenfalls ist mir das so in Erinnerung. Hausmusik wurde damals sehr gepflegt, wie auch familiäre Festlichkeiten. Dazu später Genaueres.

Nun genug dieser ermüdenden familiären Erklärungen! Im Hinblick auf ein besseres Verständnis weiterer Ausführungen war das leider notwendig.

Wenn ich nun das Haus beschreibe, so komme ich wahrscheinlich ins Schwärmen. Die Vorderfront hat sechs große Fenster, es gibt zwei Eingänge mit Balkon. Über ein paar Treppenstufen konnte man so von der Straße aus das Haus betreten. Jeweils der obere Abschluss der Fenster ist abgerundet und genau wie der Dachabschluss mit Einzelstuckmotiven und ornamentalem Zierstuck versehen. Rechts war ein kleiner Laden für Auto-Bedarf, jedenfalls zu der Zeit, da ich mich an das Haus erinnern kann. Sicher war auch an dieser Stelle früher ein schönes Fenster mit Stuck. Gut, dass das Haus seit Langem unter Denkmalschutz steht, sonst wären all die architektonischen Schönheiten längst der Unvernunft und der Moderne gewichen.

Umzäunt war das Haus, natürlich nur an der Straßenseite, mit einem Lattenzaun, der sehr viel später durch eine Hecke ersetzt wurde. Ein kleines Mandelbäumchen zierte den Vorgarten und stand im Frühjahr in herrlichster Blüte. Die schönen Kastanienbäume entlang der ganzen Dorfstraße sind erwähnenswert, denn die stehen heute noch und haben gewaltig an Umfang und Größe zugenommen.

Irgendwann, es könnte vor oder während der Studienzeit meines Vaters gewesen sein, hat mein Großvater die Landwirtschaft aufgegeben und das Grundstück in einen Garagen-, Autoreparatur- und Tankstellenbetrieb umfunktioniert. Nicht mehr Pferdefuhrwerke waren gefragt, sondern immer mehr Autos hielten Einzug in Berlin. Die Zapfsäulen hatte er natürlich von Benzinfirmen gepachtet. Fotobilder belegen, dass die erste Benzinmarke DELOP war, später SHELL und zu meiner Zeit ARAL. Die große Einfahrt rechts neben dem Haus mit der Aral-Reklame belegt das.

Interessant war für mich zuzusehen, wie durch Hin-und-Herbewegen des Zapfschwengels das Benzin in die Zuleitung gepumpt wurde und dann in den Tank floss. Als ich klein war, bedienten der Großvater oder Tante Fridel, Vaters Schwester, die Kunden. Das Vertrauensverhältnis war groß und ich erinnere mich, dass eine freundschaftliche Atmosphäre herrschte.

Auf unserem Hof war immer etwas los, und es war nicht ungefährlich. Deshalb hatte mein Vater es strengstens verboten, im Tankstellen- und Garagenbereich zu spielen. Wenn er nicht zu Hause war, taten wir es natürlich trotzdem, denn nur da hatten wir genügend Bewegungsspielraum. Der Hof im Wohnbereich war arg beengt, mit einem Walnussbaum vor den Fenstern neben dem Weg und einem Fliederbusch in der Ecke zur Scheune an der Schulhofmauer.

Zu diesem Zeitpunkt war der zum Hof hin ausgebaute Dachstuhl vermietet. Erinnern kann ich mich gut an eine Familie mit Sohn Wolfgang, welcher ein Jahr älter war als ich. Die linke Haushälfte, von der Straße aus gesehen, war von der Familie Jacks bewohnt, mit den Söhnen Bubi und Werner sowie Tochter Inge, welche wohl so zehn Jahre älter war als ich. In dem alten Backsteinhaus, rechts neben der Toreinfahrt, wohnte oben eine Familie mit Tochter Margot, unten eine Familie mit Sohn Horst und Tochter Reni. Diese Familien haben mich während meiner Kindheit und Jugend begleitet und Wesentliches zu meinen Erlebnissen beigetragen.

Frau Jacks war mir bis zu ihrem Tode, als ich längst meine eigene Familie in Nürnberg hatte, stets eine lieb gewordene Vertrauensperson, ohne die ich wohl während meiner Kindheit und Jugend seelisch verkümmert wäre in den vielen Jahren des Alleingelassenseins und der familiären Kälte.

Meine Kleinkindzeit bis 1939

In der ersten Zeit habe ich also noch bei Oma Pape in der Genslerstraße gewohnt.

Meine Mutter, Großmutter, Urgroßmutter

Sie fuhr häufig mit mir nach Mariendorf. Dann bin ich schön brav an der Hand gelaufen, aber sobald wir im Hof waren, durfte ich losrennen. Ganz gleich, ob die Großeltern oder Tante Jacks mich mit offenen Armen aufgefangen haben, es war jedes Mal eine große Freude. Sie hat mir später oft erzählt, dass ich schon sehr bald und deutlich sprechen konnte, sodass ich ihr mit lautem Freudenschrei: „Tante Jaaacks!“ entgegengerannt bin. Drollig und flink wie ein Wiesel, niedlich war ich und ein großer Schäker, sagte sie tatsächlich immer.

Irgendwann war ich nämlich nicht mehr lieb und niedlich, sondern nur noch böse, hässlich und unfolgsam. Sagte man mir wieder und wieder. Doch darüber später!

Sehr gern hatte ich meinen Opa Kronberg, der immer lustig war und dauernd Späße machte. Seinen Schäferhund Rolli liebte ich über alles, ich habe ihn gekrault und umarmt und hatte nie Angst vor seiner Größe. Das hat natürlich dem Opa gefallen. Es gab viele Tiere auf dem Hof. Er führte mich zu den Hühnern, Kaninchen und den Vögeln in einer Voliere.

Tante Jacks hatte eine Katze – sie hatte, so lange ich denken kann, immer eine Katze. Zu ihrem Leidwesen bin ich jedoch zu der Zeit allen Katzen aus dem Weg gegangen. „Katzen sind böse“, soll ich gesagt und die Mieze auch dementsprechend angesehen haben. Das hatte allerdings einen besonderen Grund: Ich brauchte, so erzählte man mir später, obwohl ich schon zweieinhalb Jahre alt war, noch immer meinen Nuckel (Schnuller). Mit keinem Trick, nicht mit Verschwindenlassen, nicht mit Wegwerfen hatte meine Oma Pape es geschafft, mir den abzugewöhnen. Dann habe ich so lange gebrüllt, bis ich ihn wiederbekam. Zum Abgewöhnen hat sie es auch mit Mostrich (Senf) probiert, ohne Erfolg! „Mehr haben!“, rief ich, denn Mostrich, so stellte sich heraus, leckte ich für mein Leben gern! Erst, als sie mir erzählte, dass die Katze drauf gemacht hatte, da war endgültig Schluss. Mit dieser Mieze und allen anderen habe ich lange Zeit nichts im Sinn gehabt.

Am 07. 07. 1934 ist Opa Pape im Alter von 64 Jahren gestorben. Natürlich kann ich mich an ihn nicht erinnern, nur anhand dessen, was die Oma mir später erzählt hat, konnte ich ihn mir bildlich vorstellen. Wenn er einen Arm waagerecht ausgestreckt hat, konnte meine Oma, ohne den Kopf einzuziehen, durchgehen. Ich fand diese Vorstellung als Kind recht lustig, ein ungleiches Paar! Sie erzählte mir auch, dass Opa Zigarrenhändler gewesen war und dass er während der großen Arbeitslosigkeit nach dem Ersten Weltkrieg alle möglichen Arbeiten verrichtet hatte, nur um die Familie mit fünf Kindern über Wasser zu halten. Zwei davon starben im Kindesalter an Diphtherie, eines an Angina. Sie erzählte das alles mit einer großen Traurigkeit, es muss schlimm gewesen sein damals, durch Krankheiten Kinder zu verlieren, die mit der heutigen Medizin gerettet werden können. Der Großvater soll zum Beispiel auch an der Neuauflage eines Wörterbuches mitgearbeitet haben. Vielleicht war es der Duden? Sie berichtete von der schweren Zeit der Inflation und zeigte mir die riesengroßen Geldscheine, für die man dennoch kaum etwas bekam.

Ich, Marianne, ein Jahr alt, 1934

Meine Oma Pape habe ich in Erinnerung als kleine, zierliche, flinke Person, ungefähr 1,55 m groß, mit glatten, zurückgekämmten Haaren. Ich habe sie nie in ausgelassener Fröhlichkeit erlebt, immer mit einem ernsten, aber gütigen Blick. Manchmal hat sie sich die Haare ondulieren lassen. Es wurden mit einer heißen Brennschere Wellen in die Haare gepresst, dass ich, wenn ich zugesehen habe, es richtig mit der Angst zu tun bekam. Ich glaubte immer, dass man ihr die Kopfhaut verbrennt. Diesen scheußlichen Geruch nach versengtem Horn meine ich jetzt noch in meiner Nase zu haben.

Von meinem Vater und mir gibt es ein paar Fotos, die belegen, dass er mit mir zusammen, so in den ersten drei Lebensjahren, zeitweise etwas unternommen hat. Er wohnte zu jener Zeit bei seinen Eltern in Mariendorf, und so habe ich ihn höchstens sehen können, wenn wir, meine Oma und ich, einen Besuch bei ihnen machten. Er trug stets Knickerbocker, ähnlich wie die Kniebundhosen nur etwas weiter, mit einem Bündchen unterm Knie, und eine Schirmmütze.

Erinnern kann ich mich vage, als er uns, meine Oma und mich, eines Tages in der Genslerstraße besuchte, und zwar mit einer mir bis dahin fremden Frau. Hilde nannte er sie, und er kam des Öfteren mit ihr vorbei oder sie holten mich ab. Ganz genau ist mir der Tag in Erinnerung als sie, diese Frau und mein Vater, mit mir zur Familie Beig fuhren. Zuerst dachte ich, es sollte nur ein Besuch sein, als sie sich aber anschickten zu gehen und mich dazulassen, habe ich bitterlich geweint. Ich konnte mich lange nicht beruhigen. „Ich will zu meiner Oma!“, rief ich immer wieder. Dann hörte ich, wie Frau Beig sagte: „Gehen Sie nur jetzt, wir schaffen das schon.“ Danach saß ich lange, lange Zeit im Kinderbett mit meinem Teddy im Arm. Ich presste ihn eng an mich, mein einziger Trost!

Wie lange ich bei der Pflegefamilie war, weiß ich nicht, ich denke mir, einige Monate werden es gewesen sein. Diese netten Leute hatten es geschafft, mich zu beruhigen. Niemals ist ein böses Wort gefallen, nie wurde ich angebrüllt. Nur sehr einfühlsame Erklärungen, wenn ich wie immer viele, viele Fragen stellte, weswegen Tante Jacks mich oftmals „mein kleiner Fragekasten“ nannte.

Nun begriff ich auch, dass ich nicht sofort zu meiner Oma konnte, weil sie aus Berlin weggezogen war, zurück in ihre Heimat nach Bad Wilsnack. Sie muss sehr einsam gewesen sein. Später erfuhr ich, dass sie mich gerne mitgenommen hätte, was ihr jedoch untersagt wurde. Ich habe lange warten müssen, bis ich sie endlich wiedersehen durfte. Dieses Warten habe ich als eine Ewigkeit in Erinnerung.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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