Ein Teil von dir - Cindy Hildmann - E-Book

Ein Teil von dir E-Book

Cindy Hildmann

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Beschreibung

An jenem Tag teilte er mir mit, dass ich kein Teil der "offiziellen Welt" war. Ich sei etwas Anderes, Besonderes. . . Doch ich dürfte es nie jemandem zeigen. Die Wesen, von denen er sprach, waren in der Tat Wesen, die häufig die Hauptpersonen der Märchen waren, die mir als Kind vorgelesen wurden. Wer hätte gedacht, dass sie mich mein Leben lang begleiten würden?

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Seitenzahl: 208

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Über die Autorin:

Cindy Hildmann wurde 1992 in Hamburg geboren. 2018 schloss sie das Masterstudium Psychologie in Braunschweig ab, wo sie seither lebt. Sie arbeitet als psychologische Betreuerin in der Jugend- und Eingliederungshilfe. Bereits in der Schulzeit verfasste sie ihre ersten literarischen Texte. Ein Teil von dir ist ihre erste Buchveröffentlichung.

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Prolog

Vorsichtig öffnete Karin die Tür zum Badezimmer und tastete in der Dunkelheit nach dem Lichtschalter. Es klickte und der Raum wurde erleuchtet. Verschlafen kniff sie die Augen zusammen und wartete einige Sekunden. Ihre Augen gewöhnten sich nur langsam an das Licht. Schließlich konnte sie etwas sehen und trat weiter in den Raum hinein. Der Stoff des Vorlegers gab sanft unter ihren Füßen nach, als sie sich vor den Spiegel stellte und sich betrachtete. Ihre Augen waren noch halb geschlossen, ihr Gesicht ausdruckslos. Mit einer schnellen Bewegung drehte Karin das Wasser auf und wusch ihr Gesicht ein wenig. Mit zusammengekniffenen Augen streckte sie ihren Arm nach rechts aus und suchte nach dem Handtuch. Schließlich fand sie es und konnte sich abtrocknen.

Wieder betrachtete sie sich im Spiegel. Ruhig strich sie sich ihre kurzen, braunen Haare hinter die Ohren; erst rechts, dann links. Ihre Augen waren nun weiter. Doch noch immer lag ein Schatten über ihnen, als sollten sie in diesem Moment noch nicht aktiv sein. Als sollte sie in diesem Moment nicht hier sein. Karin schaute aus dem Fenster des Badezimmers und sah, wie sich die Sonne langsam am Horizont erhob. Ihre Augen zuckten reflexartig. Schnell drehte sie ihren Kopf zur Seite und drehte sich zurück zum Waschbecken.

Sie nahm ihre Zahnbürste und gab etwas Zahnpasta darauf. Wie in Trance schob sie die Borsten in ihren Mund und begann ihre Hand nach links und rechts zu bewegen. Sie stockte. Nur langsam senkte sie ihren Kopf und spülte sich den Mund aus. Sie schaute in den Spiegel. Wassertropfen umspielten ihren Mund und ihr Kinn. Zögernd hob Karin ihre rechte Hand und schob ihre Oberlippe sanft nach oben. Ihre andere Hand berührte vorsichtig den spitzen Eckzahn, der sich darunter verborgen hatte. Sie zuckte schmerzvoll. Sie zog den Finger zurück und betrachtete das Blut daran. „Sie sind wieder gewachsen.“, dachte sie und starrte weiter auf die kleinen, roten Flecken auf ihrem Fingernagel und der Haut darunter.

Karin ließ ihre Lippe wieder los und schaute in ihre Augen. Sie rührte sich nicht. Plötzlich hob sie ihre rechte Hand und schlug ihre Nägel gegen den Spiegel. Sie stieß einen kurzen Schrei aus und senkte den Kopf. Ihre Augen waren geschlossen. Behutsam hob sich ihr Blick wieder und sie nahm die Hand von ihrem Spiegelbild. Ein Halbkreis aus fünf kleinen Bruchstellen hatte sich darauf gebildet. Erschrocken betrachtete Karin ihre rechte Hand, doch ihre Finger sahen normal aus. Sanft ergriff sie mit ihrer linken Hand ihre rechte und schloss die Augen. Sie schluchzte leise, doch keine Träne drang durch ihre Lider. Sie öffnete die Augen wieder und sah noch einmal in den Spiegel. Ihr Gesicht war kalt und emotionslos. Sie drehte sich um und ging wieder zur Tür.

Als sie sie öffnete, sah sie Amelie davor stehen, die gerade die Klinke umfassen wollte. Erschrocken sahen die beiden Mädchen sich an. Karins Gesicht wechselte wieder zur Ausdruckslosigkeit und sie strich sich eine dünne Strähne hinters Ohr. Hastig schob sie sich an Amelie vorbei und verschwand in ihrem Zimmer.

Amelie trat durch die Tür, ohne sich umzusehen, und schloss sie leise hinter sich. Ihr Blick wanderte ruhevoll durch den hell erleuchteten, weiß gefliesten Raum, der von einem matten Schimmer durchzogen wurde. Ein orangener Lichtkegel fiel durch das Fenster schräg in den Raum. Amelie betrachtete den Spiegel. Ohne ihre Augen von ihm zu nehmen, ging sie mit leichten Schritten auf ihn zu und blieb wenige Zentimeter vor ihm stehen. Ihr Blick war trübe, doch lieblich. Der Hauch eines Lächelns lag auf ihren Lippen, als sie die Hand hob und ihre Finger auf die Kratzer im Spiegelglas legte. Mitleidig betrachtete sie, wie ihre Finger genau in die Kerben passten. „Es ist nicht fair…“, dachte sie, als sie ihre Hand betrachtete. Sie atmete kaum hörbar durch ihren leicht geöffneten Mund.

Unbedacht hob sie ihren Blick auf ihr eigenes Bild. Ihre Augen weiteten sich langsam, als sie die zwei weißen Schatten hinter ihrem Rücken wahrnahm. Sie hielt einen Moment lang die Luft an. Dann zog sie ihre Hand ruckartig vom Spiegel zurück und krümmte sich leicht zusammen. Wild tastete sie mit ihren Händen ihren Rücken ab, wühlte in ihren blonden Haaren, griff in den Stoff ihres Nachthemdes. Sich selbst mit den Händen umschlingend hockte sie sich erst hin und ließ sich schließlich auf die Knie fallen. Ein leichter Ruck ging durch ihr ansatzweise gelocktes Haar und ließ die weißen Schimmer darauf elegant tanzen. Mit aller Kraft presste Amelie ihre Augen zusammen, aus denen immer mehr glitzernde Tränen ihre Wangen hinunter rannen. Nur schwer konnte sie vermeiden zu schreien. Krampfhaft bohrten sich ihre Fingernägel in die Haut an ihren Schultern.

Sie zuckte zweimal und erhob sich langsam. Nur stockend lösten sich ihre Hände von ihrem Rücken und sie ließ die Arme sinken. Sie betrachtete ihr Gesicht und berührte es vorsichtig im Spiegel. Ihre Hand glitt die Spiegelfläche entlang, bis zu der Stelle, an der die Kratzer gewesen waren. Sie stockte, als sie das makellose Glas unter ihren Kuppen fühlte. Schließlich ließ sie die Hand ganz sinken und drehte den Wasserhahn auf, um ihr Gesicht zu reinigen…

Kapitel 1

„In der offiziellen Welt stellen Menschen, Tiere und Pflanzen die Hauptlebensformen auf der Erde dar. Doch eigentlich gibt es noch mehr Wesen in unserer Mitte, die die meisten nur für Fabelwesen halten. Sie leben verborgen, unerkannt… Und das müssen sie auch, denn die Geschichte hat zeigt, dass die Menschen, die diesen Wesen in der Überzahl sind, jene Wesen meist aus Angst töten…“ Mit diesen Worten begann damals die Rede des Schulpsychologen vor mir, der mir an jenen Tag mitteilte, dass ich kein Teil der offiziellen Welt war. Ich sei etwas Anderes, Besonderes… Doch ich dürfte es nie jemandem zeigen. Die Wesen, von denen er sprach, waren in der Tat Wesen, die häufig die Hauptpersonen der Märchen waren, die mir als Kind vorgelesen wurden. Wer hätte gedacht, dass sie mich mein Leben lang begleiten würden?

Der Psychologe war mir unheimlich gewesen. Ich hatte ihn noch nie zuvor gesehen, denn ich war gerade erst von der Grundschule in das Gymnasium unserer Stadt versetzt worden. Mein zehnter Geburtstag war etwa einen Monat her. Ich hatte mich gerade mit einigen Mädchen in meiner Klasse angefreundet. Eine meiner besten Freundinnen aus der Grundschule hatte sich von mir abgewandt, um mit einer anderen Clique zu verkehren. Ich mochte diese Clique nicht und sie mich auch nicht.

Ich glaubte dem Mann natürlich nicht. Selbst als Zehnjährige ist man nicht so beeinflussbar. Ich sollte zukünftig mit weißen Flügeln und einem Heiligenschein durch den Himmel fliegen und Glückseligkeit verbreiten? Das war zumindest die Vorstellung eines Engels, die ich aus dem Religionsunterricht mitgenommen hatte. Doch der Psychologe korrigierte mich sofort und mein Lachen verstummte. Was mir widerfahren würde, wie mein Körper und ich mich entwickeln würden… Ich hielt das, was er sagte, für einen Scherz, doch ich konnte nicht lachen. Es machte mir Angst. Heute weiß ich, dass ich das Ausmaß meiner Besonderheit damals noch nicht vollständig erkennen konnte. Hätte ich es gekonnt… Ich wäre schreiend weggelaufen. Doch vor sich selbst zu fliehen, ist unmöglich!

Ich saß auf dem für mich noch zu großen Stuhl und versuchte möglichst entspannt zu wirken. Ich wollte ihm nicht glauben, denn was er erzählte, konnte nicht der Wahrheit entsprechen. Dennoch war ich verunsichert. Die Vorstellungen in meinem Kopf waren zu konkret, zu real… Die kindliche Phantasie ist grenzenlos, auch wenn sie diese Grenzenlosigkeit noch nicht völlig ausnutzen kann. Er wollte, dass ich ihm zuhöre und ihm glaube. Wie hätte ich das gekonnt?

Er erklärte mir, dass ich niemandem von mir oder dem, was er gesagt hatte, erzählen dürfte. In Gedanken legte ich mir schon die Worte zurecht, mit denen ich meinen Freunden von diesem Freak berichten würde. Ich hörte genau zu, um seinen Wortlaut bei meiner Geschichte wiedergeben zu können. Zum Abschluss unseres Gespräches bat er mich, in den Raum nebenan zu gehen, um eine besondere Person zu treffen. Er sagte, es sei völlig normal, dass ich ihm nicht glaubte. Doch die Frau, die auf mich wartete, sollte mich von der Echtheit des Gesagten überzeugen… und von dem Ernst, der in ihm lag. Sie teile das gleiche Schicksal wie ich. Mit einem amüsierten Lächeln stand ich auf, verabschiedete mich und ging in den Raum nebenan. Als ich die Tür hinter mir schloss, begann ich jedes einzelne Wort zu glauben…

Kapitel 2

„Geh schon mal vor!“, bat Amelie Rebekka und blieb vor dem Eingang der Cafeteria stehen. „Ich geh noch schnell zu meinem Schließfach.“ „Ok.“, erwiderte diese schnell und machte einen Schritt Richtung Tür. Sie stoppte, als sie den großen Jungen mit den dunklen Haaren, die sich trotz seines etwas stampfenden Ganges nicht bewegten, an sich vorbeigehen sah. Er ging direkt auf Amelie zu, die gerade die Tür ihres Schließfachs öffnete, und Rebekka verschwand.

„Hi, Amelie.“, grüßte der Junge vorsichtig und Amelie schaute auf. „Hey, Basti.“, erwiderte sie lächelnd und wandte sich wieder ihrem Spind zu, in den sie sorgfältig den Großteil des Inhaltes ihres Rucksacks einräumte. Sebastian blieb stumm und Amelie blickte zu ihm auf. „Ist was?“, fragte sie verwundert und richtete sich vor ihm auf. Sebastian wich ihrem Blick aus und sagte nichts. Amelie blieb ruhig. Sie wartete, bis er von sich sagen konnte, was er auf dem Herzen hatte. Sebastians Blick schnellte zu Amelie und sie zuckte leicht erschrocken. „Hast du am Wochenende irgendwas vor?“, fragte Sebastian schließlich. „Nicht rot werden, nicht rot werden, nicht rot werden…“, dachte Amelie verkrampft, doch es half nichts. Sie blickte zu Boden und lächelte sanft.

„Ich…“, begann sie einen Satz und schaute zu Sebastian auf. Ihr Blick glitt wieder nach unten. „Also, die Sache ist die… Ich geh mit meinen Eltern essen, mit einer Verwandten, die Geburtstag hat.“ Sie hörte ein leises Seufzen und entspannte sich wieder. Endlich konnte sie Sebastian in die Augen schauen. „Es tut mir leid.“, fügte sie vorsichtig hinzu, ohne ihn ihre Erleichterung spüren zu lassen. „Das meine ich ernst…“, dachte sie und beobachtete, wie Sebastians Augenlider leicht zuckten, als er auf seine Füße starrte. Langsam, ohne dass er es bemerken sollte, griff Amelie in ihren Spind nach ihrer Essensdose und führte sie gemächlich zu ihrem Rucksack, den sie noch immer in der Hand hielt. Sebastian blickte auf und Amelies Hand fuhr in den Rucksack. „Ok, schade.“, sagte er gefasster und Amelie setzte einen mitleidigen Blick auf. „Man sieht sich!“, verabschiedete Sebastian sich, indem er die Hand hob. „Ok, bye.“, erwiderte Amelie freundlich und versuchte das Mitleid in ihren Augen aufrecht zu erhalten, bis er gegangen war.

„Und, was wollte Basti von dir?“, fragte Rebekka sofort, als Amelie sich neben sie auf die steinerne Fensterbank in der Cafeteria setzte. Sie seufzte leicht und schloss die Augen für einen Moment. Dann griff sie mit ihrer Hand in den Rucksack und kramte ihre Essensdose wieder hervor. Rebekka sah sie gespannt an und trank einen Schluck aus ihrer Wasserflasche. „Er… wollte mit mir ausgehen, glaube ich.“, antwortete Amelie schließlich. Rebekka grinste: „Ehrlich? Cool! Und was hast du gesagt?“ Amelie lächelte sie schuldbewusst an und sagte: „Ich habe gelogen!“ „Was?“, Rebekkas Augen wurden groß. „Ich habe gelogen und gesagt, ich habe keine Zeit.“, wiederholte Amelie und biss in das belegte Brötchen aus ihrer Dose.

Rebekka seufzte übertrieben laut und warf den Kopf zurück. Schwungvoll ließ sie ihn wieder nach vorne fallen und ihre braunen, glatten Haare bedeckten ihr Gesicht. Mit der Hand strich sie sie zurück und sah Amelie an. „Warum haben die Leute, die so begehrt sind, eigentlich nie Interesse an den ganzen Typen, die bei ihnen ankommen? Das ist doch unfair…“ Sie stützte ihr Kinn auf die Hand und trank missmutig einen Schluck. „Sorry.“, lachte Amelie und biss wieder ab. „Ich gehe halt nur mit Jungs aus, die mich interessieren! Das ist doch kein Verbrechen, oder?“ „Warst du überhaupt schon mal mit einem Jungen weg?“, fragte Lukas, der am Tisch vor den beiden saß und die Füße auf einen anderem Stuhl abgelegt hatte. Die Papiertüte neben ihm knisterte, als er hineingriff und ein Zimtbrötchen daraus hervorzog.

Amelie nickte lächelnd und sah zu Lukas hinüber. „Einmal in der sechsten Klasse, mit Thomas Haas.“, erklärte Amelie und trank einen Schluck Apfelsaft aus ihrer Flasche. „In der Sechsten?“, fragte Rebekka erstaunt. „Wer ist Thomas Haas?“, ergänzte Lukas und biss in sein Zimtbrötchen. „Der war mal in unserer Fünften und Sechsten.“, erklärte Sarah, die gerade zu der Gruppe hinzukam und sich auf den Stuhl vor Lukas Füßen fallen ließ. Erschöpft nahm sie ihre Tasche ab und ließ sie auf den Boden knallen. „Was schleppst du denn alles mit?“, fragte Rebekka überrascht und starrte auf die ausgebeulte, schwarze Tasche. „Zu viele Bücher, von denen ich die Hälfte nie wieder brauchen werde und die andere Hälfte jetzt schon nicht brauche!“, antwortete Sarah grinsend und blies ihren Pony nach oben. „Wie kommt ihr auf Thomas?“, fragte sie und beugte sich zu ihrer Tasche, um ihr Mittagessen hervorzuholen. „Er scheint Amelies erstes und einziges Date zu sein.“, grinste Rebekka und holte eine Mandarine aus ihrer Tasche, die neben ihr auf dem Fensterbrett lag.

„Du bist mal mit Thomas ausgegangen?“, fragte Sarah interessiert und löffelte ihren Jogurt. Amelie nickte und sagte: „Er war damals der erste Junge, der mich nach einem Date gefragt hatte.“ „Wie süß…“, säuselte Lukas sarkastisch und stopfte das letzte Stück Zimtbrötchen in seinen Mund. Amelie streckte ihm die Zunge raus. „Ich find’s wirklich süß!“, meinte Rebekka von der Seite. „Mit 11 Jahren nach einem Date zu fragen… Schnuckelig!“ „Ja, fand ich auch.“, erwiderte Amelie lächelnd, „Ich bin mit ihm ausgegangen, weil ich nicht wusste, wann mir das das nächste Mal passiert. Ich wollte die Chance nutzen.“ „Tja, hättest du damals schon gewusst, dass dich die Typen über den Haufen rennen, nicht?“, stichelte Rebekka und ging zum Mülleimer, um die Mandarinenschale wegzuwerfen.

„Was hat der arme Kerl denn verbrochen, dass du nie wieder mit einem weg bist?“, fragte sie im Zurückkommen und setzte sich wieder neben sie. „Gar nichts, hör auf!“, entgegnete Amelie und stieß sie mit der Schulter sanft an. Sie sah Thomas‘ Gesicht vor sich. Die verschreckten Augen, der Schweiß auf seiner Stirn. Amelie blinzelte ein paar mal, um das Bild zu vertreiben.

„Der Typ war sowieso komisch.“, meinte Sarah plötzlich. Amelies Augen entspannten sich wieder, doch sie sah sie nicht an. „Wieso?“, fragte Lukas mehr oder weniger interessiert. „Na ja…“, Sarah stand auf und warf den leeren Jogurtbecher in den Müll. „Am Ende der Sechsten ist er nicht mehr zur Schule gekommen und zur Siebten hin ist er dann ganz weg.“, erklärte Sarah und ließ sich abermals auf den Stuhl fallen. „Mach mal Platz!“, meinte sie zu Lukas und legte ihre Füße zu seinen auf den Stuhl. Dieser meckerte leise vor sich hin. „Ich weiß, dass er in der Schule oft gruselige Bilder gemalt hat. Von sterbenden Menschen und so. Unheimlich… Wahrscheinlich hatte er psychische Probleme…“ Sie trank einen Schluck Wasser. Amelies Blick wurde leidig.

„Alles klar?“, fragte Rebekka sie vorsichtig. „Wahrscheinlich war das Date mit Amelie so schlimm…“, rief Lukas und knüllte seine Papiertüte zusammen, um sie von seinem Platz aus in den Mülleimer zu werfen. Er traf nicht. „So ein Blödsinn!“, schnauzte Rebekka ihn an, „Geh lieber deinen Müll einsammeln.“ Mit einem lauten Stöhnen stemmte Lukas sich aus seiner eingefallenen Position nach oben und ging zum Mülleimer rüber. Amelie sah Rebekka liebevoll an und beruhigte sie: „Es ist alles in Ordnung. Ich bemitleide Thomas nur…“ „Ach komm, du warst ja nicht Schuld…“, wollte Rebekka sie aufmuntern und umarmte sie. Amelie lächelte und erwiderte leise: „Richtig…“

Die anderen führten das Gespräch fort, während Amelie auf ihre Hände starrte und in Gedanken versank. Die Stimmen um sie herum wurden leiser. „Es ist doch meine Schuld…“, dachte sie traurig und rief sich die Erinnerungen wieder vor Augen. Ein glücklicher Thomas, ein lachender Thomas, ein verwirrter Thomas, ein besorgter Thomas, ein panischer Thomas, ein ängstlicher Thomas, ein weinender Thomas. „An jenem Tag hatte ich zum ersten Mal Bekanntschaft mit meiner Besonderheit gemacht.“, dachte Amelie und drückte ihre Hände leicht zusammen. „Sie hatten mir davon erzählt, dass so etwas passieren würde, doch ich hatte es noch nie erlebt. Und der Zeitpunkt war mehr als ungünstig gewesen… Ich hatte eine solche Entscheidung noch nie getroffen gehabt, aber ich durfte Thomas ja nichts erzählen. Also hab ich ihn gefragt, was er tun würde. Er war panisch, er meinte, wir sollten die Polizei rufen, doch ich hielt ihn ab. Ich fragte ihn noch mal, wie er entscheiden würde, doch er konnte mir nicht antworten. Er hat mich nicht verstanden. Er hat geweint, als er sah sie litt. Das Blut lief über ihren nackten Kopf. Er hat noch mehr geweint, als er sah, wie sie starb. Ihr magerer Brustkorb hob sich nicht mehr. Er wusste, dass ich es war, doch er hat nicht verstanden, was ich getan hatte. ‚Sie war unheilbar krank.’, hatte ich zu ihm gesagt. Er verstand es nicht. Er lief schreiend und weinend davon…“

„Fertig!“, rief Clara halblaut in den mit Stimmen erfüllten Raum und weckte Amelie aus ihren Gedanken auf. Sie hatte gar nicht bemerkt, dass sich Clara in der Zwischenzeit zu ihnen gesetzt und, wie immer, sofort angefangen hat, etwas in ihren Block zu zeichnen. „Zeig mal her!“, sagte Sarah barsch und zog den kleinen Zeichenblock über den Tisch zu sich heran. Lukas schaute nach links zu Clara und fragte: „Wieso stehst du eigentlich so auf Engel?“ Clara zuckte mit den Schultern und nahm ihren Haarreif aus dem Haar.

„Das ist richtig gut, Clara!“, rief Sarah und zeigte das Bild Rebekka und Amelie. „Cool…“, äußerte Rebekka begeistert, „Man erkennt sofort, dass es Amelie ist!“ Amelies Blick glitt hinüber zu dem Block. Sie lächelte glücklich. „Es ist wunderschön…“ „Danke.“, gab Clara zurück und steckte den Haarreif wieder in ihr rot-braunes Haar. „Amelie inspiriert mich dazu. Immer wenn ich sie sehe, bekomme ich Lust, einen Engel zu zeichnen.“ Sarah schob den Block wieder zu Clara zurück und sie betrachtete ihr Werk noch einmal. Sie kniff die Augen ein wenig zusammen und sagte fröhlich: „Ich denke, in Wirklichkeit würde sie noch schöner aussehen…“

Es klingelte. „Das war der Gong, Leute!“, rief Sarah lustlos, „Auf in die zweite Runde!“ Sie schwang ihre Tasche über die Schulter und schnaubte leise, als das Gewicht an ihren Körper fiel. Lukas setzte seinen Rucksack schwungvoll auf und verfehlte nur knapp Clara, die sich halblaut beschwerte, während sie gemütlich ihre Arme durch die Träger ihres Rucksacks schob. Auch Rebekka und Amelie hatten ihre Sachen gepackt und standen von der Fensterbank auf. „Kommt schon, das eine Jahr schaffen wir auch noch!“, versuchte Rebekka die Gruppe zu motivieren und warf ihre Tasche über die Schulter. Amelie stand mit ihrer Jacke über dem Arm daneben und lächelte sanft. Mit weichen Schritten und leicht gesenktem Blick folgte sie dem Strom der anderen, die sich allmählich in Bewegung setzten.

Kapitel 3

Gedankenversunken saß Karin auf der dunkelblau gestrichenen Bank auf dem Schulhof und starrte auf ihre Hände. Sie sahen so normal aus, so unscheinbar… Wie konnten diese Hände dafür bestimmt sein, so schreckliche Dinge zu vollbringen, wie sie Karin vorbestimmt worden waren? „Es sind ja nicht wirklich meine Hände, die es tun…“, dachte sie lächelnd, „Es sind meine…“ „Ähm, hi.“, eine fröhliche, aber auch schüchterne Mädchenstimme riss Karin aus ihren Gedanken. Sie versteckte ihr Lächeln und sah auf. Vor ihr stand Melanie, ein Mädchen aus ihrer Parallelklasse, dass sie nur flüchtig aus dem Englischkurs kannte. Ihr brauner Zopf fiel in Strähnen über ihre Schulter auf den blauen Pullover, der sich recht eng um ihre Brust legte und weiter unten locker ihre Hüfte umfloss. Karin strich sich eine Strähne hinters Ohr und grüßte zurück.

„Darf ich mich setzen?“, fragte Melanie und wartete kaum, bis Karin ihr ein leises „ok“ entgegen murmelte. Melanie drehte sich freundlich zu Karin und lächelte sie an. Fast automatisch rückte Karin ein Stück von ihr weg und starrte kurz auf das Buch in Melanies Hand. Ihr Blick glitt in die Richtung, aus der Melanie gekommen war, auf die beiden Mädchen und den Jungen, die auf sie zu warten schienen. Sie führten ein Gespräch, doch immer wieder schnellten ihre Blicke auf die Bank, auf der Karin und Melanie saßen, und zurück.

„Wolltest du was Bestimmtes?“, wollte Karin schließlich fragen, doch Melanie unterbrach sie sofort. „Also, ich wollte dich fragen, ob du mir eventuell ein wenig in Mathe helfen könntest.“, erklärte Melanie vorsichtig, „Ich komme in Mathe nicht wirklich mit und ich weiß, dass du Herrn Ziegler in Mathe hast und dass er ein sehr guter Lehrer ist, also…“ Karin lächelte so schnell, dass Melanie es nicht sehen konnte und entgegnete: „Sorry, aber ich bin auch grottig in Mathe. Trotz Herrn Ziegler. Du wirst dir wohl jemand anderen suchen müssen.“ Melanie sah entmutigt auf ihr Buch. Dann strahlte sie Karin wieder an und meinte: „Also, wenn du schlechter bist als ich, kann ich dir ja auch Nachhilfe geben! Du brauchst auch nicht bezahlen oder so…“ Karin winkte sofort ab und Melanie verstummte. Karin drehte den Kopf zur Seite weg und antwortete gelangweilt: „Brauch ich nicht, danke.“

Einen Moment lang verharrten die beiden Mädchen in ihren Positionen, ohne etwas zu sagen. Schließlich stand Melanie auf und sagte kleinlaut: „Ok, sorry für die Störung.“ Karin konnte hören, dass sie beleidigt war. Sie wollte den Kopf herumdrehen und etwas sagen, doch sie tat es nicht. Als sie sich schließlich doch überwand, sah sie Melanie mit schnellen Schritten zu den zwei Mädchen und dem Jungen gehen, die sie freundlich empfingen. Sie redeten einen Moment und gingen dann geschlossen weg. Melanies Blick streifte sie noch einmal und Karins Gesicht schnellte in die andere Richtung. Sie hasste es, so sein zu müssen. Doch hatte sie etwa eine Wahl?

„Das war aber nicht nett!“, ertönte eine andere Stimme plötzlich von der Seite. Ohne die Person zu betrachten, rückte Karin wieder ein Stück nach rechts, um dem Mädchen Platz zu machen, sackte ein Stück zusammen und verschränkte die Arme. „Ich weiß…“, erwiderte sie gleichgültig. Ihr Blick ging herum zu dem Mädchen mit den schwarzen Haaren, die geschmeidig über ihre Schultern fielen. Die vordersten Strähnen hatte sie mit einer Klammer nach hinten gesteckt, doch einige kurze Strähnen fielen dennoch in ihr Gesicht. „So bin ich nun mal…“, ergänzte sie genervt, „Das weißt du doch, Isi!“ „Ich weiß!“, antwortete Isabelle und stellte ihre Tasche, aus der sie gerade ein belegtes Brötchen genommen hatte, neben die Bank auf den Boden. „Ich weiß nur nicht, warum du immer so unfreundlich bist.“, sagte sie, den ersten Bissen kauend. „Man spricht nicht mit vollem Mund!“, erwiderte Karin ausweichend und lächelte kurz. Isabelle schluckte ihr Essen herunter und fuhr fort: „Ich denke, du könntest zumindest ein paar mehr Freunde haben, wenn du ein wenig netter wärst.“

„Ich brauch keine Freunde.“, entgegnete Karin und richtete sich auf. „Und was bin ich dann?“, fragte Isabelle beleidigt. Karin grinste und schlug ihr mit der Faust leicht gegen die Schulter. „Ich meinte, ich brauche keine neuen Freunde!“, erklärte sie lächelnd. Isabelle legte ihr Brötchen auf die Knie und schlang ihr Arme um Karin. „Das wollte ich hören, Schnuckie!“, rief sie fröhlich. Karin verlor fast das Gleichgewicht und versuchte Isabelle vorsichtig von sich wegzudrücken. „Eine Freundin ist Plage genug!“, ergänzte sie und hoffte, dass Isabelle bald von ihr ablassen würde. In ihren Adern pulsierte das Blut.

„Ich umarme dich trotzdem!“, lachte Isabelle und drückte Karin noch ein wenig fester. Karin ballte ihre Hände zu Fäusten, um Isabelle nicht zu verletzten. Sie drückte stärker gegen sie und endlich ließ Isabelle von ihr ab. Karin konzentrierte sich auf ihren Kreislauf. Sie versuchte, das Verlangen, dass in ihr kochte, zu unterdrücken. Sie sah sich um. Etwa 20 Schüler waren in Gruppen oder alleine über den Schulhof verteilt. Sie aßen, redeten, lasen… Ein Mädchen saß auf dem Gras und entspannte zu den Klängen der Musik, die aus ihrem Handy schallte. „Es sind zu viele Menschen hier!“, machte Karin sich klar, „Ich darf es nicht, nicht jetzt, nicht hier! Heute Abend gehe ich wieder los! Bis dahin muss ich durchhalten…“