Ein Tischlergeselle wird Lehrer - Georg Schneider - E-Book

Ein Tischlergeselle wird Lehrer E-Book

Georg Schneider

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Beschreibung

Georg Schneider (1919-2008) wuchs in bescheidenen Verhältnissen in Neustadt in Oberschlesien auf. Von seiner Arbeit als Tischler wurde er durch den Krieg abberufen und konnte nach einer schweren Verwundung zwar in seine Heimat zurückkehren, doch dann verschlug es ihn nach Anhalt, wo er Schuldirektor in Osternienburg und Oberlehrer in Köthen wurde. In seinen als Autobiographie verfassten Aufzeichnungen schildert er prägnante Episoden sowie die scheinbaren Kleinigkeiten des Lebens.

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Lebenslauf von Georg Schneider

Drei starke Frauen in der Familie

Emilie Schneider

Lucia Arndt

Amanda Schneider

Neustadt O.S. und Köthen (Anhalt)

Neustadt O.S.

Köthen

Neustadt O.S. (Prudnik)

Der erste Wohnungswechsel

Die Bewohner des Hauses Niedertor 24 in Neustadt O.S.

Nichtalltägliches im Hause Niedertor 24

Das Luftschiff

Der Großbrand

Die milde Gabe

Das Untier

Ein Wechselgesang

Unsere Familie

Ich habe das Christkind gesehen!

Die weitere Verwandtschaft

Mein Onkel Georg

Meine Lehrer

Die Schulausflüge

Prügel – das Salz der Erziehung?

Des armen Jungen Mittagstisch

Weitere Episoden aus der Schulzeit

Die Kretschamstraße in Neustadt O.S.

Einige nicht ungefährliche Kinderspiele

Spielen und Basteln

Der nächste Winter kommt bestimmt!

Die große Wäsche

Erste Gelderwerbsmöglichkeiten

Neustadt O.S. als Garnison

Die Neustädter wollten wallfahrten giehn…

Wartha

Schaufensterbummel in Neustadt O.S.

Neustädter Originale

Das Altvatergebirge

Über die Grenze

Vereins- und Musikleben in Neustadt O.S.

Jugendorganisationen

Bei den Pfadfindern

Die Gewässer

Wo die Oppa fließt

Der Koberstein

Mut und Mutproben

Im Blauen Stollen

Badefreuden am Schustertempel (-tümpel)

Osterfahrten 1934 und 1935 nach Würbenthal

Aus meiner Lehrzeit

Auf Arbeitssuche

Als Bürger von Köthen in Anhalt

Wallfahrt nach Schwanebeck

Dom zu Halberstadt

Der Naumburger Dom

Burgen an Saale und Unstrut

Petersberg bei Halle

Elbefahrten 1940

Zoo in Halle

Quedlinburg

Mit dem Fahrrad von Köthen an die Nordsee

Harzwanderungen

Erinnerungen an die kurze Rekrutenzeit

Als „Besatzer“ in Frankreich

Wie die Offiziere in Frankreich lebten

Am Gestade des Ärmelkanals

Frühling in Belgien

Im französischen Kohlenpott

Der Juni des Jahres 1941

Wie ich den Überfall auf die Sowjetunion miterlebte

Brückenschlag über die Beresina

Zwischen Beresina und Dnepr

In Ruhestellung

Weite Ebenen, große Wälder und Ströme

Minen und Pferde

In den herbstlichen Schlammschlachten

In den Wäldern um Moschaisk

Scharfschützen

In den vordersten Stellungen vor Moskau

Der Tag meiner Verwundung

Im Verwundetentransport

Im Reservelazarett in Biała Podlaska

Im Reservelazarett in Wien

Im Reservelazarett in Neustadt O.S.

Wieder beim Ersatztruppenteil in Magdeburg

Wie ich Amanda kennenlernte

Wir gründen eine Familie

Umsiedlung oder wie man es nennen will

Wie der Krieg den Charakter verdirbt

Erinnerungen an meine Schwiegermutter

Tod und schwere Krankheit in der Familie

Werdet Neulehrer!

Im Schuldienst in Weißandt-Gölzau

Von „Dozenten“ für Neulehrer

Als Lernender und Lehrender

Über die „grüne Grenze“

Unsere ersten Anfänge in Gartenarbeit

Fleißige Gartenarbeit lohnt sich immer

Wir bauen uns ein Gewächshaus

Schellerhau im Osterzgebirge

Im Striegistal bei Bräunsdorf, Kreis Hainichen

Paul Heinrich, ein ferner Jugendfreund

Mit den Mopeds an die Ostsee

Winter an der Ostsee in Ahlbeck

Urlaubstage im Eichsfeld

Am Nordrand der Zauche in Lehnin

Der Schulinspektor kommt!

Klassenfahrt nach Köthen am See

Klassenfahrt zur Leuchtenburg

Das Heimatgefühl

Was man im Leben so hinzulernt

Pilzfahrten

Fotografieren

Die lieben Nachbarn

Vom Mieter zum Hausbesitzer

Osternienburg erhält eine Abwasseranlage

Das Schicksal unseres Hauses und die Wende

Funktionen, Kommissionen u.a.

Große Autopannen und Unfälle

Nebenschauplätze aus Goethes Leben

Glockenmuseen in der DDR

Urlaub im kleinen Dorf Hagen auf Rügen

Klassenfahrt im Winter an die Ostsee

Im Vogtland 1977

Der Oberharz im Spätherbst

Zur GST-Ausbildung im Lager Breege auf Rügen

Klassenfahrt nach Drei-Annen-Hohne

Memleben

Im Riesengebirge

Krakauer Impressionen

Wie man seinen Pass nicht behandelt

Görlitz und Herrnhut

Schloss Rheinsberg

Am Möserschen See

Auf alten berühmten Schlachtfeldern

Mein Eintritt ins Rentenalter (1984)

Zimmergenossen und Besucher im Klinikum Kröllwitz

Im Spreewald

Familienfeste

Vreden, fast in den Niederlanden

Velen in westfälischer Landschaft

Fahrten nach Schöningen bei Helmstedt

Öschelbronn 1987

Warum ist es am Rhein so schön?

Im Bergischen Dom zu Altenberg

In Köln 1985

Im Schwarzwald 1987

Im Allgäu

In den Allgäuer Alpen

Am Bodensee

Die Hansestadt Hamburg

Nebelfahrt auf westdeutschen Autobahnen

In Hannover-Herrenhausen

Stadtbummel in Hannover

Ich ging in Hannover auf den „Strich“

Mit Martin in Hannover 1990

Reise nach Italien im Herbst 1990

Fahrt nach Ostfriesland 1991

Vom Erben

Im grenzüberschreitenden Verkehr

Fahrten nach Velen

Rentengeschichten meiner Schwiegermutter

Fahrt zu einem Autokauf nach Kempen

Der Krankenhausaufenthalt meiner Schwiegermutter

Das Hermanndenkmal bei Detmold

Hameln, die Stadt des sagenhaften Rattenfängers

In Bielefeld

Lesen und Bücher

Adalbert Stifters Roman „Witiko“

Frau Kleefeld

Todesfälle

Meine alternden Brüder

Unser Schwiegersohn Günter Heuer

Reise nach Frankreich im Sommer 1993

Meine zweite Reise in die Bretagne

Treffen mit ehemaligen Neustädtern

Herthas 70. Geburtstag in Neuhaus am Rennweg

Mein 80. Geburtstag 1999

Größte Arbeit an unserem Haus 2001

Die Saale

Zu Besuch in Velen 2001

Reise nach Schlesien im April 2003

Reise nach Südtirol 2003

Die geplante Reise nach Jesenik in Böhmen

Georg Schneider

Die Herausgeber

Dr. Agathe Beitz

Martin Beitz

Anhänge

Anhang 1: Stammbaum

Anhang 2: Schulentlassungszeugnis von 1934

Anhang 3: Übersiedlungsbescheinigung 1945

Anhang 4: Bescheinigung über Einstiegsgehalt

Anhang 5: Zeugnis Fachlehrer-Ausbildung 1950

Anhang 6: Zeugnis Erste Lehrerprüfung 1949

Anhang 7: Zeugnis Zweite Lehrerprüfung 1951

Anhang 8: Karte von Oberschlesien

Bildverzeichnis

Orte, Gewässer und Landschaften

Vorwort

Dr. Agathe Beitz

Mein Vater, Georg Schneider, geb. im Jahr 1919 in Neustadt O.S., hat mir seine Aufzeichnungen und Fotoalben hinterlassen. Es geht darin um seine Kindheit und Jugend in Neustadt in Oberschlesien, seine Lehrzeit, Dienst in der Wehrmacht, Verwundung im Zweiten Weltkrieg, Umsiedlung, Arbeitssuche und seine Ausbildung zum Lehrer nach dem Krieg, seine Tätigkeit im Schuldienst sowie um sein Leben als Rentner. Während er in den Fotoalben bereits vor dem Krieg zu bestimmten Ereignissen Texte verfasst hatte, begann er später seine Erinnerungen zu verschiedenen Themen niederzuschreiben. Mit Hilfe unserer Mutter, Amanda Schneider, sowie weiterer Verwandter und Bekannter, die alle aus Neustadt O.S. stammen, fügten sich mit der Zeit zahlreiche Details aneinander. Viele Dinge schreibt er aus der Sicht der 1980er Jahre, führte aber seine Memoiren bis etwa 2003 weiter. Mehrere Anekdoten, wie sie jeder von uns in sich trägt, lebten wieder auf.

Georg Schneider wurde in eine arme Familie hineingeboren, die in bescheidenen Verhältnissen lebte. Sobald er etwas Geld verdiente, unterstützte er seine Mutter, die nach dem frühen Tod ihres Mannes mit den drei Söhnen allein dastand.

Mit den Pfadfindern erkundete er ab 1931 intensiver seine Heimat Oberschlesien, die von vielen Wäldern, Flüssen und Bergen geprägt wird. Wir erfahren hier von seiner tiefen Liebe zu dieser herrlichen Landschaft, die er 1945 als „Umsiedler“ mit der Familie verlassen musste. In seiner neuen Umgebung in Köthen (Anhalt), in der er gleich Arbeit als Tischlergeselle fand, war er zunächst etwas von dem flachen Land ernüchtert. Doch schon bald begann er, nähere und weitere Landschaften und interessante Städte zu besichtigen und lieben zu lernen.

In Köthen begann er eine Ausbildung als Neulehrer und qualifizierte sich dann in insgesamt zehn Jahren Studium zum Fachlehrer für Geschichte und Deutsch. Georg Schneider war ein ganz besonderer Lehrer, den seine Schüler wirklich liebten. Viele Schüler hielten noch jahrelang nach der Schulzeit Kontakt zu ihm, besuchten ihn zu Hause, schrieben ihm Briefe und Ansichtskarten. Er verstand es hervorragend den Unterrichtsstoff aufzulockern, mit praktischen Beispielen und teilweise selbst gebasteltem Material interessant zu gestalten.

Als er sich dem Rentenalter näherte, erhielt mein Vater das Angebot, eine Chronik der Schulen im Landkreis Köthen zu erstellen. Daran hat er noch einige Jahre gearbeitet. Er fuhr mit dem Auto in jedes Dorf, fotografierte das Schulgebäude und schrieb die Geschichte der jeweiligen Schule nieder. Daraus entstand ein beachtliches Werk, dessen Verbleib im Moment leider unklar ist.

Schwere Schicksalsschläge, der frühe Tod der ersten Tochter und seine schwere Verwundung im Zweiten Weltkrieg nahmen ihm nicht seine positive Lebenseinstellung. Immer wusste er Rat und unterstützte jedes seiner vier Kinder beim Studium. Er half uns allen bei jedem Umzug mit seinen handwerklichen Fähigkeiten, die er in seiner Lehre als Tischler vor dem Krieg erworben hatte. In seinen Erinnerungen schreibt er auch ganz erheiternd über seine Anfänge in der Gartenarbeit und wie er nach und nach immer mehr dazugelernt hat.

Seine Aufzeichnungen übergab er mir schon vor etlichen Jahren. Geschwächt durch Unfälle und den Tod unserer Mutter im Jahr 2005 hatte er keinen Mut mehr, sich um eine Veröffentlichung zu bemühen. Nachdem unser Vater im Juli 2008 verstorben war, blieben seine Memoiren noch ein paar Jahre liegen. Inzwischen gelangte ich gemeinsam mit meiner Familie zu dem Schluss, dass so viele wertvolle Erinnerungen an eine Zeit, die vor über hundert Jahren begann, nicht verlorengehen sollten. Gemeinsam mit meinem Sohn Martin wurden die Texte meines Vaters abgeschrieben, Wiederholungen zusammengefasst, zahlreiche Erklärungen in Form von Fußnoten sowie Fotos zur Veranschaulichung eingefügt. Die Namen von Freunden, Kollegen und Bekannten wurden aus Gründen des Personenschutzes geändert. Wenn es um Neustadt geht, ist immer Neustadt in Oberschlesien (O.S.) gemeint, das heutige Prudnik. Wir freuen uns, die Erinnerungen meines Vaters, Georg Schneider, nunmehr in Buchform vorlegen zu können.

Georg Schneider

Lebenslauf von Georg Schneider

Am 14. September 1919 wurde Georg Schneider in Neustadt O.S., dem heutigen Prudnik, geboren. Seine Eltern, Emilie und Alfred Schneider, arbeiteten in derselben Fabrik als Schuhmacher und waren oft arbeitslos. Die Mutter war erst in den Jahren des Zweiten Weltkrieges vollbeschäftigt. Der Vater starb bereits im Jahr 1936, die Mutter lebte bis 1978. Georg hatte noch zwei jüngere Brüder.

Nach dem Besuch der Volksschule in Neustadt kam Georg in eine vierjährige Lehrausbildung als Bau- und Möbeltischler. Die Gesellenprüfung legte er im Jahre 1938 ab. Anfang 1939 zog Georg auf ein Inserat hin nach Köthen (Anhalt) und arbeitete bis zu seiner Einberufung zur Wehrmacht im Oktober 1940 bei der Köthener Bautischlerei Richard Binder.

Vom Ausbildungsbataillon 4 (Pioniere) in Magdeburg kam er nach Nordfrankreich zur 267. Infanteriedivision, die später nach Belgien und Polen verlegt wurde und schließlich mit ihrer Zuständigkeit für die Fortbewegung der Truppe am Überfall auf die Sowjetunion im Mittelabschnitt beteiligt war. In der Schlacht um Moskau wurde Georg am 13. Dezember 1941 schwer verwundet. Danach befand er sich zwei Jahre in Lazaretten in Biała Podlaska, Wien und Neustadt O.S. Zu Weihnachten 1942 heiratete er die Sekretärin Amanda Hoke aus Neustadt O.S. Anfang des Jahres 1943 wurde er durch den Ersatztruppenteil als dienstunfähig aus der deutschen Wehrmacht entlassen. Bis zur Evakuierung arbeitete er in der Tischlerei Preiß in Neustadt als Geselle. Im Dezember 1943 wurde in Neustadt das erste Kind von Georg und Amanda geboren, die Tochter Irene-Mathilde.

Georgs Familie wurde am 17. März 1945 durch die deutschen Behörden nach Zwittau (Svitavy, Tschechien) umgesiedelt. In Zwittau arbeitete Georg wieder in einer Tischlerei und erlebte dort den Sieg der Roten Armee, die am 09. April 1945 in Zwittau einzog. Er durfte noch bis Ende August in Zwittau bleiben und arbeiten, weil Ende Mai 1945 seine zweite Tochter, Christine, geboren worden war. Mit zwei kleinen Kindern wurde die Familie Ende August 1945 aus der damaligen ČSR1 ausgesiedelt und gelangte über Lager in Dresden und Riesa wieder nach Köthen.

In Köthen arbeitete Georg zunächst bei der Bautischlerei Binder und wurde dann für den Wiederaufbau beschädigter Gebäude in Dessau eingesetzt. Seine erste Tochter Irene-Mathilde verstarb im Oktober 1945 in Köthen an Diphtherie. Anfang 1946 absolvierte Georg einen Neulehrerkurs in Köthen. Nachdem er seine erste Lehrerstelle an der Volksschule Weißandt-Gölzau angetreten hatte, zog die Familie im Juni 1946 dorthin. In den Jahren 1948, 1951 und 1952 wurden zwei weitere Töchter und ein Sohn geboren. Dann wurde Georg als stellvertretender Schuldirektor 1952 nach Osternienburg versetzt und die Familie zog im selben Jahr in diesen Ort. 1955 wurde er Direktor der Schule, die zur Mittelschule aufgestockt wurde. In weiteren Studien erwarb er die Anerkennung als Fachlehrer für Deutsch und Geschichte. Im Jahre 1964 wurde er in die Abteilung Volksbildung Köthen als Schulinspektor und 1966 als Kaderreferent berufen. Von 1968 bis zum Erreichen des Rentenalters arbeitete er als Fachlehrer an der Erweiterten Goethe-Oberschule Köthen, dem heutigen Ludwigsgymnasium. Georg Schneider verstarb am 15. Juli 2008 in Köthen, drei Jahre nach seiner Frau Amanda.

1 Tschechoslowakische Republik (1945-1948).

Drei starke Frauen in der Familie

Dr. Agathe Beitz

Bei den uns vorliegenden Aufzeichnungen von Georg Schneider fällt auf, dass er Mutter Emilie, Schwiegermutter Lucia und Ehefrau Amanda eher selten erwähnt, wahrscheinlich aus dem Grund, dass sie einfach zuverlässig und fleißig immer da waren und sich untereinander stets gut vertragen haben. Sie haben die Weltkriege erlebt, immer in Sorge um ihre Familie. Sie haben durch die Umsiedlung alles verloren und wieder neu angefangen. Nie haben sie über Verluste und Krankheiten geklagt. Es ist uns ein Anliegen, an dieser Stelle einige Ergänzungen und bleibende Erinnerungen zu diesen drei starken Frauen einzufügen.

Emilie Schneider, geb. Weiner, wurde am 9. Januar 1898 in Neustadt O.S. geboren. Sie hatte acht Schwestern. Ihr einziger Bruder, Wilhelm Weiner, fiel im Ersten Weltkrieg. Nach ihrer Heirat 1919 mit Alfred Schneider kamen ihre drei Söhne Georg, Alfred und Walter in den Jahren 1919, 1922 und 1931 zur Welt. Nachdem ihr Ehemann 1936 im Alter von 45 Jahren plötzlich verstorben war, hat sie sich allein um ihre drei Jungen gekümmert, der kleine Walter war erst fünf Jahre alt. Mit ihm erlebte sie 1945 die Umsiedlung aus Neustadt O.S. Später beaufsichtigte sie ganz selbstverständlich häufig ihre Enkelkinder. Nur so war es wohl möglich, dass ihr Sohn Georg und seine Frau Amanda 1954 allein in den Urlaub fahren konnten, waren doch vier kleine Kinder zu Hause. Es hat wohl auch ein Kindermädchen aus der Nachbarschaft zur Betreuung der Kinder gegeben, Erika Schwiefert, aber unsere Oma Emilie Schneider war eine stets zuverlässige Hilfe.

Sie wohnte in Weißandt-Gölzau und kam immer, wenn sie gebraucht wurde, mit dem Bus nach Osternienburg und machte darum kein großes Aufsehen. Ebenso half sie auch ihren anderen Söhnen bei der Betreuung ihrer Kinder. Als wir Kinder etwas älter waren, konnten wir uns wunderbar mit ihr unterhalten und über manchen Spaß lachen. Wir spielten mit ihr Karten und Brettspiele. Dabei konnte sie ihre wahre Leidenschaft entfalten. „Gerührt ist geführt!“, klang ihr berühmter Schlachtruf beim Spiel, da gab es kein Pardon. Hatte man etwas angestellt und sie fragte warum, durfte man nicht so anfangen: „Ich dachte…“ Sofort kam von ihr der Spruch, der wohl aus ihrer Jugend in Oberschlesien herrührte: „Dochte sein keine Lichte!“ Sie war stets ruhig und gutmütig, hat uns niemals ausgeschimpft.

Sie hat noch unsere erste eigene Wohnung in Halle miterlebt. Besuchte sie uns dort, mussten wir sie immer lange überreden, bei uns zu übernachten und noch etwas zu bleiben. „Ich nehme niemanden in Anspruch“, lautete stets ihr Kommentar, aber sie hatte doch immer ihr Nachtzeug dabei und war ein gern gesehener Gast. Als unser Sohn Martin geboren war, schrieb sie, dass sie sich unseren Stammhalter noch ansehen wolle. Leider ging dieser Wunsch nicht mehr in Erfüllung. Sie starb vier Monate später, im April 1978.

Emilie Schneider und Lucia Arndt um 1966 im Garten in Osternienburg

Lucia Arndt, geb. Hoke, geboren am 1. September 1903, stammte ebenfalls aus Neustadt O.S. Sie war mit dem Soldaten Paul Görlich befreundet. Ihr gemeinsames Kind, Amanda Hoke, kam 1922 zur Welt. Paul hat sie verlassen und Lucia musste allein für ihre Tochter sorgen. Lucia war noch sehr jung. Sie lebte bei ihren sehr strengen Eltern und ein uneheliches Kind war zur damaligen Zeit eine große Schande. Um diese Pein abzumildern, wurde stets erzählt, Lucia sei bereits im Jahr 1902 geboren. Amanda blieb ihr einziges Kind. Später gab Lucia ihre Tochter gegenüber Bekannten als ihre Schwester aus. Erst nach dem Krieg hat sie 1947 in Velen den Schneider Alois Arndt geheiratet. In der Leinenweberei „S. Fränkel“ hat Lucia den Beruf einer Weißnäherin gelernt. Ihr Leben lang hat sie als Schneiderin gearbeitet, erst in Neustadt O.S. und nach dem Krieg in ihrer neuen Heimat Velen. War hier eine Hochzeit angesagt, nähte sie für die ganze Familie die Kleider, natürlich auch das Brautkleid. Bis etwa zu ihrem 85. Geburtstag hatte sie noch immer mehrere Jobs in Velen. Sie bügelte bei einer Familie die gesamte Wäsche, half in der Gaststätte in der Küche und machte gelegentlich den Ausschank. Überall war sie beliebt und sehr zuverlässig. 1991 zog sie nach Osternienburg zu ihrer Tochter Amanda Schneider, wo sie im Haus ein eigenes Zimmer mit Bad bekam. Bei einem Treppensturz brach sie sich einige Zeit später den rechten Oberschenkel und musste lange ins Krankenhaus. Dies war ihr erster Krankenhausaufenthalt überhaupt und sie war bekannt für ihre rüstige Gesundheit, da sie nie etwas hatte, außer Arthrose im Knie. Ihr Spruch dazu: „Am Knie stirbt man nicht.“

Für uns Kinder war sie immer die „Hoke-Oma“. Über ihre beliebteste Geschichte können wir noch immer lachen: Sie versteckte ihr Sparbuch stets in der Waschmaschine und wusch es einmal aus Versehen mit. Ein anderer Klassiker: Sie hackte mit der Axt ein gefrorenes Huhn aus der Kühltruhe, verletzte dabei die Haut des Aggregats und die Kühlflüssigkeit lief aus. Sie aber behielt den Kühlschrank und funktionierte ihn zum Küchenschrank um. Einmal saugte sie mit dem Staubsauger die verbrannten Streusel vom Kuchen. Sie lachte gern auch selbst über solche Geschichten und erzählte sie immer wieder. Sie war ein echtes Original. Zum Geburtstag und zu Weihnachten gab es für jeden ein Paket und sie kam jedes Jahr für vier Wochen nach Osternienburg. Hier half sie im Haushalt und erledigte Näharbeiten. Sie war immer gut gelaunt, erzählte gern Witze, saß an der Nähmaschine und trällerte Schlager.

Lucias Nachbarin in Velen im Münsterland, Frau Laubegast, war ihre beste Bekannte und ihr genaues Gegenteil: Sie heiratete im Krankenhaus ein alten Mann, der kurz darauf starb und ihr sein ganzes Geld hinterließ. Von dem Geld lebte sie allein und zurückgezogen und kaufte sich sinnlosen Kram. Sie hatte z.B. in ihrer Wohnung in jeder Ecke einen riesigen Stapel unausgepackter Wäsche liegen. Kommentar der Hoke-Oma: „Wenn die Stube acht Ecken hätte, würde sie sie auch alle vollpacken.“ Sie rauchte zirka 40 Jahre lang HB-Zigaretten (bis in die hohen 80er) und brachte es auch zwei Enkelkindern bei.

Lucia war immer auf Diät: Sie verzehrte niemals den Obstsaft vom Kompott wegen der Kalorien.

Sie verstarb 1998 im Alter von 95 Jahren in Köthen an einer Lungenentzündung.

Amanda Schneider, geb. Hoke, Jahrgang 1922, wuchs wohlbehütet bei ihrer Mutter Lucia Hoke und ihrer Großmutter in Neustadt O.S. auf. An der Handelsschule erhielt sie eine Ausbildung zur Sekretärin und arbeitete bis 1943 in der Leinenweberei „S. Fränkel“ in ihrem Beruf. Nach der Hochzeit mit Georg Schneider brachte sie in den Jahren 1943 bis 1952 fünf Kinder zur Welt, von denen die älteste Tochter Irene-Mathilde im Kleinkindalter starb. Die anderen vier Kinder konnten alle studieren und wurden stets von den Eltern unterstützt. Amanda war die älteste von insgesamt 21 Cousins und Cousinen, die ihr alle sehr viel bedeuteten. Stets hat sie den Kontakt zu allen gesucht und sich mit ihnen ausgetauscht.

Amanda Hoke 1938

Amanda war für ihre eigenen Kinder immer die treusorgende Mutter, sehr ordentlich, zuverlässig und fleißig. Sie hat den gesamten Haushalt allein erledigt, später mit Hilfe ihrer Kinder, konnte wunderbar kochen und backen, las gern und machte viele Handarbeiten. Amanda stand ihrem Mann in der schweren Zeit nach seiner Verwundung bei und besuchte ihn mit seiner Mutter im Lazarett in Wien. Sie war es, die Georg ohne sein Wissen nach dem Krieg zum Neulehrerkurs angemeldet hat, weil sie erkannte, dass ihm seine Arbeit als Tischler mit der verletzten Schulter sehr schwerfiel. Ab 1960 arbeitete Amanda in Osternienburg, zunächst in der Schule als Sekretärin und danach einige Jahre in der Finanzbuchhaltung der Solvay-Werke. Als junge Frau war Amanda sehr ernst und streng, aber durch ihre Kinder wurde sie allmählich aufgetaut und man konnte herrlich mit ihr über manchen Spaß lachen.

Amanda starb plötzlich am 10. Juni 2005 zu Hause in Osternienburg.

Neustadt O.S. und Köthen (Anhalt)

Martin Beitz

Die beiden Städte, die das Leben von Georg Schneider am meisten geprägt haben, sind Neustadt O.S. (kurz für Oberschlesien) und Köthen (Anhalt).

Neustadt O.S. heißt heute nach dem Fluss, der es durchfließt, Prudnik, ein Beiname, den es wohl von Anfang an trug. Die Stadt befindet sich im Süden Polens nahe der Grenze zur Tschechischen Republik am Nordrand der Ostsudeten, die hier vom Altvatergebirge geprägt werden. In der polnischen Woiwodschaft Opole, die im Wesentlichen den Westteil Oberschlesiens umfasst, ist Prudnik mit etwas mehr als 20.000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt. Die Jahrhunderte verliefen relativ ruhig im Dreieck der Großstädte Breslau (110 Kilometer nordwestlich), Krakau (knapp 200 Kilometer östlich) und Brünn (175 Kilometer südwestlich), von denen es je weit genug entfernt war, um nicht in ihren Sog gezogen zu werden. Im Grenzgebiet zwischen Mähren und Schlesien war es der böhmische Oberstmarschall Wok von Rosenberg, der in der Mitte des 13. Jahrhunderts eine Schlinge des Flüsschens Prudnik am Fuße der Bischofkoppe nutzte, um eine Burganlage zu gründen, die den Landesausbau absichern sollte.

An einer Handelsstraße im Schutze dieser „Wogendrossel“ genannten Burg, deren Bergfried bis heute erhalten blieb, entstand ab dem Jahr 1302 eine Planstadt mit Gittermuster. Welche Rolle der bis zu seiner Auflösung im Jahr 1312 angeblich in der Stadt nachweisbare Templerorden spielte, ist nicht sicher ermittelt. Bereits im Jahr 1337 wurde die böhmische Stadt an den Herzog von Oppeln-Falkenberg verkauft.

In der Folgezeit vollzogen sich zahlreiche Herrschaftswechsel (Habsburg, Polen, Preußen, Hohenzollern), bei denen die Kleinstadt zumeist verkauft oder verpfändet wurde und sich nur allmählich selbst behaupten konnte: 1384 nahm Neustadt am oberschlesischen Städtebündnis teil. Ab 1562 erwarb es die Pfandherrschaft und etablierte so ein kleines Territorium mit den umliegenden Dörfern. Im Jahr 1708 wurde es zur unveräußerlichen böhmischen Königsstadt („Königlich Neustadt“) und unter preußischer Herrschaft schließlich Kreisstadt des Landkreises Neustadt O.S. (1743-1945). Im 17. und 18. Jahrhundert war es mehrfach Schauplatz von kriegerischen Auseinandersetzungen, zudem wütete die Pest (1624-1625) und ein Stadtbrand (1627) zerstörte fast die gesamte Stadt, so dass sie viele Einwohner verlor.

In der Mitte des 16. Jahrhunderts begann die Reformation des bis dahin katholischen Ortes, bei der auch die 1321 ersterwähnte Pfarrkirche evangelisch wurde. Doch schon einhundert Jahre später erfolgte die Gegenreformation, in deren Zuge die Pfarrkirche im Jahr 1629 wieder katholisch wurde. Zudem entstanden bald darauf das Kapuzinerkloster (1654) und die Mariensäule (1694). Im 18. Jahrhundert folgten die Nepomuksäule (1733), die Wallfahrtskapelle auf dem Kapellenberg und das Rathaus (1782). Zudem errichteten die Barmherzigen Brüder Krankenhaus, Kirche und Kloster (1746). Unter der preußischen Herrschaft erhielten die evangelischen Einwohner wieder eine eigene Kirche, indem ihnen zunächst das Schloss zur Umnutzung überlassen wurde. Dieses wurde im Jahr 1806 durch angreifende Österreicher zerstört, woraufhin den Protestanten ab 1811 das säkularisierte Kapuzinerkloster zur Verfügung gestellt wurde. Erst in der Mitte des 19. Jahrhunderts kamen die Franziskaner in die Stadt. Auch die etwas über 100 Juden besaßen im 16. Jahrhundert sowie ab dem Jahr 1877 ihr eigenes Gotteshaus, welches am 9. November 1938 in der „Reichsprogromnacht“ zerstört wurde.

Wirtschaftlich war Neustadt seit dem Mittelalter von der Weberei geprägt, so dass die Tuch- und Webwarenproduktion auch in der Zeit der Industrialisierung weiter der Haupterwerbszweig blieb, wobei sich die Fränkelsche Leinenwarenfabrik („S. Fränkel“ genannt), besonders hervortat, zum Weltmarktführer aufstieg und auch Arbeitgeber von Georg Schneiders Schwiegermutter Lucia Hoke und seiner Frau Amanda Hoke sowie anderer Verwandter wurde. Zeitweise arbeitete jeder vierte Einwohner der Stadt bei S. Fränkel.

Nach dem Ersten Weltkrieg (1914-1918) war Neustadt bei Deutschland verblieben, nach dem Zweiten Weltkrieg (19391945) wurde die jahrhundertelang deutschsprachig geprägte Stadt polnisch. Die heutige Einwohnerzahl entspricht in etwa der des frühen 20. Jahrhunderts.

Köthen ist eine Kleinstadt in Anhalt. Die Großstädte Halle (Saale), Leipzig und Magdeburg sind jeweils etwas über 50 Kilometer entfernt, die ehemalige Großstadt Dessau, heute Teil von Dessau-Roßlau, befindet sich etwas über 20 Kilometer östlich. Die Geschichte der Stadt ähnelt in mancherlei Hinsicht der von Neustadt. Köthen ist in seiner Stadtwerdung im frühen 14. Jahrhundert eng mit einem bereits vorhandenen Schloss verbunden, besaß Gotteshäuser verschiedener Glaubensrichtungen und ist heute Kreisstadt mit zirka 26 000 Einwohnern, was in etwa der Einwohnerzahl von 1900 entspricht. Ähnlich wie Neustadt erlebte Köthen zudem zunächst die Reformation und Jahrhunderte später eine Phase der Gegenreformation, in der unter anderem die imposante Kirche St. Maria (1827-1832; Architekt Gottfried Bandhauer) entstand. Dieser vom Herrscherhaus angestrebte Prozess dauerte aber nicht allzu lange an.

Im slawischen Territorium Serimunt, das vermutlich von den Flüssen Elbe, Mulde, Fuhne und Saale begrenzt war, befand sich die heutige Stadt Köthen zentral und wurde im Hochmittelalter Mittelpunkt eines askanischen Herrschaftsgebietes, das bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts zumeist als „Fürstentum Anhalt-Köthen“ bezeichnet wurde. Von 1509 bis 1606 sowie ab dem Jahr 1847 war es Teil des vereinten Anhalt. Neben der Stadtkirche St. Jakob gab es lange Zeit keine zweite Kirche, bis die Fürstin Gisela Agnes von Rath am Nordrand der Stadt die Kirche St. Agnus (erbaut 1694-1699) stiftete.

Heute besitzt Köthen mehrere katholische und protestantische Kirchen. Die Synagoge der jüdischen Gemeinde wurde auch hier im November 1938 zerstört. Zu den einstigen Sakralbauten der Stadt zählt außerdem die reizvolle Martinskirche sowie das Kloster der Barmherzigen Brüder, in dessen Spitalgebäude in der Wallstraße (erbaut 1829; Architekt Gottfried Bandhauer) eine Tischlerei eingerichtet wurde, in der Georg Schneider im Jahr 1939 eine Anstellung fand. Heute befindet sich dort die Europäische Bibliothek für Homöopathie. In der Schule direkt gegenüber sollte Georg Jahrzehnte später Lehrer werden. Zuvor führte ihn sein Weg aber in die industriell geprägten Dörfer Weißandt-Gölzau und Osternienburg, wo er es bis zum Schuldirektor brachte.

Literatur

Dehio, Georg, Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen Anhalt II. Regierungsbezirke Dessau und Halle, München/Berlin 1999, hier S. 376-389.

Geschichte Anhalts in Daten, hrsg. v. Studium Hallense e.V., Halle (Saale) 2014.

Menzel, Josef Joachim, Prudnik, in: Handbuch der Historische Stätten. Schlesien, hrsg. v. Hugo Weczerka, Stuttgart 1977, S. 353-355.

Müller, Karl A., Vaterländische Bilder in einer Geschichte und Beschreibung der alten Burgfesten und Ritterschlösser Schlesiens (beider Antheile) sowie der Grafschaft Glatz, Glogau 1837, hier S. 174-176.

Schwineköper, Berent, Köthen, in: Handbuch der Historische Stätten. Provinz Sachsen-Anhalt, hrsg. v. Berent Schwineköper, Stuttgart 1987, S. 253-255.

The Encyclopedia of Jewish Life before and during the Holocaust, Bd. 2 (K-Sered), hrsg. v. Shmuel Spector, New York 2001, hier S. 885.

Topographisches Handbuch von Oberschlesien, hrsg. von Felix Triest, Breslau 1865, hier S. 1042-1044.

Gedicht aus dem Album von Georg Schneider

Du oberschlesische Heimat,

Du wälderrauschendes Land;

Wie festlich schmückt deine Fluren

Der Oder silbernes Band!

Still betend falt ich die Hände,

Schau froh zum Himmel hinauf,

Und seh’ mit dankbarem Blicke

Der Sonne segnenden Lauf:

In Treue will ich dich lieben,

mein Schwur sei heiliges Pfand,

Du oberschlesische Heimat,

Du wälderrauschendes Land!2

2 Fritz Lubrich. In: Wie’s daheim war. Liederbuch der Oberschlesier, 1953.

Neustadt O.S. (Prudnik)

Um 1250 gründete Wok von Rosenberg bei dem polnischen Fischerdorfe Prudnika eine Burg und eine deutsche Ansiedlung. Um 1930 zählte die Stadt etwa 18 000 Einwohner. Sie arbeiteten in Leinenwebereien, Schuhfabriken und vielen Handwerksbetrieben.

Im Süden und Südwesten liegen die Vorberge des Altvatermassivs. Im Osten und Norden dehnt sich die fruchtbare oberschlesische Lößerde aus. Bei klarem Wetter sieht man den 50 Kilometer entfernten St. Annaberg.

Neustadt O.S.: Ansichten aus dem Album von Georg Schneider

Prudnik: Klosterkirche der Barmherzigen Brüder, 2003

Umgebung von Neustadt O.S., aus dem Album von Georg Schneider

Der erste Wohnungswechsel

Im Jahre 1922 zogen meine Eltern aus einem engen Hinterhaus am Ring (Markt) in Neustadt O.S. aus. An die Wohnung am Ring habe ich keinerlei Erinnerungen. Ich weiß nur noch von späteren Besuchen bei Leuten, die offensichtlich früher unsere Nachbarn waren.

Mit dem Umzug in die Niedertorstraße 24 hängt meine früheste Kindheitserinnerung zusammen. Ich weiß noch, dass es in der neuen Zweiraumwohnung schon dunkel war, als sich meine Eltern beim Schein einer Kerze darum bemühten, ihre Betten wieder aufzustellen. Das war nicht einfach, weil die Betten ungleich waren, denn jeder Elternteil hatte sein Bett in die Ehe eingebracht. Schließlich wurde mir das Ganze zu langweilig und ich fing an zu weinen. Ich nörgelte immerzu: „Hu, hu, ich will nach Hause!“ Alle Erklärungen meiner Mutter, dass wir jetzt hier zu Hause sind und nicht mehr in der engen Stube im Hinterhaus der Schokoladenfirma Lux und Krause, halfen nicht. Ich muss mich wohl dann langsam in den Schlaf geweint haben.

Die Wohnung bestand aus einem Raum, der durch eine Spanische Wand in zwei Zimmer unterteilt war. Der vordere Raum diente als Küche mit einem Arbeitsplatz für meinen flickschusternden Vater. Wir hatten einen Gasanschluss, jedoch noch kein elektrisches Licht. Die Wohnung kostete meine Eltern monatlich zehn Reichsmark Miete.

Die Bewohner des Hauses Niedertor 24 in Neustadt O.S.

Das Haus war ziemlich groß; es hatte im Parterre zwei kleine Geschäfte mit einer kleinen dahinterliegenden Wohnung. Darüber lagen zwei Stockwerke und ein niedriger aufgeteilter Boden. Den Abschluss bildete ein flaches Pappdach. Der kleine Hof war von kleinen Gelassen für jede Mietpartei umgeben. In der rechten Hofecke führte eine Tür zum am Haus vorüberfließenden Mühlgraben. Das Haus hatte dem Vater der jetzigen Wirtin, dem Mehl-Schneider, gehört. Der Hauswirt hieß Groß und betrieb im Erdgeschoss einen sehr bescheidenen Lebensmittelladen. Rechts hatte er den Bäckermeister Adolf Wilde und links die Kaffeerösterei und Kolonialwarenhandlung Hartsch als Nachbarn.

Prudnik Niedertorstraße 24 (Wohnhaus Georg Schneider seit 1922)

Das rechts gelegene Geschäft gehörte dem Hauswirt, ebenso die dahinterliegende Wohnung. Großes hatten nur ein Kind, die Tochter Liesel, oft auch Lili gerufen. Im linken Laden unseres Hauses hatte sich der Uhrmacher Wagner niedergelassen. Das Hinterzimmer dieses Ladens diente als Wohnung und Werkstatt. Wagners lebten ein paar Häuser weiter in ihrer eigentlichen Wohnung mit ihrem Sohn Dietmar.

Im ersten Stock wohnten das Rentnerehepaar Fraas (oder Frahs) sowie die Familie des Handelsreisenden Metzner. Hier lebte auch die Schwester von Frau Metzner, Fräulein Borsuzki, sowie eine weitere Verwandte, die Mehl-Anna. Von Metzners Sohn Max erbte ich alle abgetragenen Sachen, die meine Mutter meistens in Länge und Weite etwas abänderte. Dabei fällt mir ein, dass wir als Kinder kaum etwas Neues bekommen konnten. Auf unserer Etage wohnten die hochbetagten Hettwers, typische alte Leute. Herr Hettwer gab sich sehr würdig und trug einen Hindenburg-Bart. Hettwers hatten zwei Töchter, kurz die Hettwer-Mädel genannt, und einen bereits erwachsenen Sohn, der außer Haus lebte.

Die dritte Kleinwohnung gehörte der Familie Pohl. Herr Pohl starb um 1924, von da an lebte Frau Pohl mit ihrer Tochter Maria (Mariechen) allein. Maria betrieb in der Wohnung das Gewerbe einer Putzmacherin, wovon Mutter und Tochter ein bescheidenes und sehr frommes Leben fristeten.

Nichtalltägliches im Hause Niedertor 24

Das Luftschiff

Es war ein strahlender Sommertag so um 19293, als es plötzlich hieß: „Heute fliegt ein Zeppelin über unsere Stadt!“ Fast alle Hausbewohner stiegen in der Mittagshitze auf unser klebriges Teerdach und hielten geduldig Ausschau. Endlich wurde in der Ferne ein dumpfes Brummen immer lauter und schließlich überflog uns das schöne Luftschiff, der LZ 127.4

Der Großbrand

Eines Nachts war große Aufregung im Haus; wieder strebte alles dem Hausdach zu. Eine weithin sichtbare Feuersbrunst erhellte den nächtlichen Himmel. Seitab der Kunzendorfer Straße, dort wo der Zeisigberg5 begann, brannte die mit Erntegut gefüllte Scheune des Großbauern Habel nieder.

Die milde Gabe

In der Zeit um Neujahr führten die katholischen Geistlichen bei den Familien, die es wünschten, Hausbesuche durch. Wir Schneider-Jungen drückten uns scheu im Haus herum. Zu uns kam der Besuch ja nicht, aber wir waren doch auch neugierig. Eines Abends jedoch kam der Geistliche mit den Ministranten und dem begleitenden Glöckner Jahn doch nach dem Besuch bei Pohls zu uns. Meine Mutter bekam plötzlich ein glückliches Gesicht und sagte leise: „Danke!“ Der Geistliche hatte ihr das bei Pohls erhaltene Neujahrsgeld in die Hand gedrückt.

Das Untier

Eines Tages stand plötzlich der junge Glombitza im Hausflur und begehrte, an den Mühlgraben zu dürfen. Der Hauswirt erlaubte es und wenige Minuten später stieg Herr Glombitza mit einer großen lebenden Bisamratte in den Hof. Das Tier war aus seiner Farm geflohen. So ein merkwürdiges Tier hatte ich nie zuvor gesehen.

Ein Wechselgesang

Früher vollzogen sich Beerdigungen vom Trauerhaus aus. In der Nacht vor der Beerdigung wurde die Leiche im unteren Hausflur aufgebahrt. Am Morgen führte dann der Trauerzug durch die ganze Stadt bis zum Friedhof. Als ich etwa fünf Jahre alt war, war Herr Pohl gestorben und meine neugierige Mutter sah mit mir auf die Straße hinab, wo sich die notwendigen Zeremonien und die Formierung des Trauerzuges vollzogen. Der Kaplan und der Oberglöckner Jahn stimmten einen lateinischen Wechselgesang, ein Gebet an. Bald konnte ich mich nicht enthalten, recht laut mitzukrähen. Herr Jahn sah herauf und drohte mir mit dem Finger. Meine Mutter sagte später, er habe heraufgesungen: „Willst du ruhig sein!“ Diese Würdigung beeindruckte mich sehr.

3 Vermutlich Sonderfahrt am 20. Juli 1930.

4 Graf Zeppelin, 1928 in Dienst gestellt.

5 Czyżykowa Góra, liegt südlich der Stadt.

Unsere Familie

Emilie & Alfred Schneider, Hochzeit 1919

Bald nach unserem Einzug am Niedertor wurde mein Bruder Alfred im Oktober 1922 geboren. Er wurde nach unserem Vater benannt, ich dagegen nach dem 1919 noch in Frankreich vermissten älteren Bruder meines Vaters. Mein zweiter Bruder kam erst 1931 zur Welt und wurde auf den Namen Walter getauft. Nach wem er genannt wurde, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass ein Cousin in der zahlreichen Familie meiner Tante Martha Famula zehn Tage früher den gleichen Namen erhielt – wie sinnvoll!!

Georg 1920 mit den Eltern Emilie & Alfred Schneider

Die Brüder Georg und Alfred Schneider, etwa 1926

Mein Vater war, solange ich denken kann, arbeitslos und Schuhzwicker von Beruf. Die Haushaltskasse der Familie besserte er durch Flickschusterei ein wenig auf. Er saß den ganzen Tag in einer Ecke des kleinen Küchenzimmers, flickte aller möglichen Leute heruntergerissene Schuhe. Oft schimpfte meine Mutter mit ihm, weil er für seine Arbeit kaum mehr verlangte, als das Material kostete. Doch er klopfte, nähte, wachste und polierte unverdrossen weiter. Bald durfte ich mit am Schustertisch sitzen. Mit dem Ort6 bohrte ich Löcher in das brüchige Tischlein, die Löcher schlug ich mit Holznägeln voll, die auf Vaters Tisch reichlich herumlagen. Wenn es dunkel war, musste ich dann reparierte Schuhe zu den Leuten austragen. Oft bekam ich nicht das Geld für Vaters Arbeit. Der Preis stand mit Kreide geschrieben auf den Schuhsohlen. Manchmal bekam ich fünf oder sogar zehn Pfennig als Trinkgeld. Seltener zog der Vater in den Wald, um mit Bekannten Stubben7 zu roden. Manchmal fuhr er mit einem Schwager auf die Dörfer, um von den Bauern Hunde zum Schlachten zu erbetteln!

Meine Mutter war Schuhstepperin und ebenfalls lange Jahre arbeitslos. Die Eltern hatten sich in der Zeit des Ersten Weltkrieges bei der Schuhfirma Hahnel kennengelernt. Nun arbeitete Mutter als Zugehfrau und Haushilfe. Das Haushalten hatte meine Mutter vor dem Ersten Weltkrieg und auch während des Krieges bei zwei Schornsteinfegermeistern in Berlin gelernt. Sie half unseren Hausleuten bei der großen Wäsche für 50 Pfennig und Suppe zu Mittag. Sie übernahm auch von einigen Familien die sogenannte Hausbereinigung am Wochenende für 20 Pfennig. Dann ging sie meistens sonnabends früh zu Fräulein Haarstrich, die ihre große „herrschaftliche“ Wohnung reinigen ließ. Das war eine ihrer wichtigsten und zeitlich längsten Stellen. Sonst saß meine Mutter am Küchenfenster oder zusammen mit anderen Frauen am Sandkasten bei meiner Großmutter in der Kretschamstraße und häkelte für einen „wasserpolnischen“8 Auftraggeber im Dorf Grabine Kopftücher aus Seide. Manchmal brachte sie diese Tücher selbst ins 16 Kilometer entfernte Grabine zu Fuß hin, nur um zu Geld zu kommen. Die Arbeit an einem solchen Kopftuch dauerte etwa 50 bis 60 Stunden und brachte dann drei bis vier Reichsmark ein! Eine feste Arbeitsstelle erhielt unsere Mutter erst Jahre nach dem Tode unseres Vaters in der Schuh- und Stiefelfabrik Hahnel, als so viele Stiefel zur Eroberung der Welt benötigt wurden. Aber da war ich schon als junger Tischlergeselle in die Weite gezogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat meine Mutter dann keine Arbeit mehr aufgenommen. Sie betreute nun einige Jahre die Kinder ihrer Söhne.

Vaters Sonntagsvergnügen war das Konzert im Park. Hierzu nahm er uns Jungen meist mit. Die Kapelle unseres Reiterregiments 11 bot neben Militärmärschen auch viel klassische und Opernmusik. Der Vater machte hier gern ein Schwätzchen mit Bekannten, was uns Kinder sehr langweilte.

Übrigens haben wir Kinder nie gehört, dass sich unsere Eltern mit dem Vornamen angeredet oder Vater oder Mutter genannt hätten. Es hieß zwischen ihnen immer nur „du“. Allerdings hörten wir auch niemals Schimpfnamen.

6 Eine Ahle, Schusterwerkzeug.

7 Baumstümpfe.

8 Bedeutet: schlesisch, hier vermutlich oberschlesisch.

Ich habe das Christkind gesehen!

Eines Abends im Dezember ging ich allein zu meinen Großeltern in der Kretschamstraße. Es schneite und war zeitig finster. Ich mochte etwa acht Jahre alt sein und war im Dunkeln doch recht furchtsam. Einige Häuser vor dem Haus der Großeltern fuhr mir plötzlich ein scharfes, grelles Licht ins Gesicht, das vom Himmel zu kommen schien. Als ich, bei meinen Großeltern angekommen, schüchtern davon erzählte, redeten mir die Tanten gleich ein, ich hätte sicher das Christkind gesehen, das jetzt schon fleißig mit Gaben unterwegs sei. Seitdem glaubte ich fest daran, ich hätte das Christkind oder mindestens seine Engel fliegen sehen.

Als wir Kinder schon zur Schule gingen, durften wir wenige Tage vor dem Fest einen Wunschzettel an das Christkind schreiben. Ach Gott, was waren das für bescheidene Wünsche! Meine Eltern versuchten sie uns zu erfüllen. Was gab es dann alles für Reden der Eltern, die das Christkind wegen der Nichterfüllung der Wünsche entschuldigen sollten. Ich weiß nicht mehr, wie lange wir an die ganzen Christkindgeschichten glaubten. Aber es war bei aller Armut eine selige Kinderzeit. Ich weiß aber noch ganz sicher, dass mich eine Art von Geschenken nie so recht beglückte. Das waren alle Dinge zum Anziehen, von denen wir Kinder damals meinten, die Kleinigkeiten wie Strümpfe, Socken oder Handschuhe müssten uns die Eltern doch sowieso kaufen.

Wenn am Heiligabend die Stunde der Bescherung nahte, öffnete meine Mutter ein kleines Fenster im Schlafraum, damit das Christkind auch zu uns hereinfliegen konnte. Dann verschwand die Mutter und ich stellte mir immer vor, wie sie vor dem Christkind betend knien musste, etwa wie die Hirten an der Krippe. Die Mutter zündete als letztes die Kerzen am geschmückten Baum an und öffnete die Tür. Der Vater führte uns in die festlich erleuchtete Stube und wir sangen mit den Eltern ein Weihnachtslied.

Als ich schon älter war, gingen wir spät am Abend durch stille Wiesen und durch den Wald zur Mitternachtsmette in das vor der Stadt gelegene Franziskanerkloster. Ich glaube, niemals im Leben friedvollere Tage durchlebt zu haben als damals. Und doch hingen die düstersten Wolken schon über uns allen. Sie sollten mit der „UMSIEDLUNG“ im Jahre 1945 den dunkelsten Punkt erreichen.

Georg Schneider 1929, Erstkommunion

Die weitere Verwandtschaft

Ich hatte viele Tanten, Onkels, Cousinen nebst Cousins. Die meisten kamen vonseiten meiner Mutter, denn sie hatte acht Schwestern. Ihr einziger Bruder fiel im Ersten Weltkrieg.

Mein Großvater, Julius Weiner, war wie mein Vater ein Flickschuster und arbeitslos. In meiner Erinnerung saß er zu Hause auf einem Schemel und flickte Schuhe (in Schwarzarbeit natürlich). Hier brauchten wir keine reparierten Schuhe austragen. Das besorgten die im Haushalt der Weiner-Großeltern lebenden Cousins und Cousinen. Im Kriege war der Großvater Aufseher über Kriegsgefangene, deren Geschenke an ihn hübsch geordnet auf dem Boden des Hauses lagen. Da waren Armreifen aus Führungsringen von Granaten, holzgeschnitzte Schlangen und Stäbe, auch kleine Tiere. Ferner lagen da Helme, Seitengewehre und Alben mit vielen Postkarten über den Krieg. Wir Enkel haben dann vieles verstreut und verdorben.

Meine Großmutter Anna Maria Weiner, ich hatte nur die Großeltern mütterlicherseits, war klein und rundlich, gemütlich, kaum aus der Ruhe zu bringen, immer beschäftigt und umsichtig. Sie stand den ganzen Tag am Küchenherd und versorgte die Familie. Auf ihrem Herd befand sich von morgens bis abends ein großer Topf mit Malzkaffee, aus dem die Schöpfkelle zur gefälligen Bedienung ragte. Getrunken wurde aus „Blechtipplan“9, deren Emaille schon sehr gelitten hatte. Wenn wir die Großmutter um eine „Schniete“ baten, schnitt sie uns Kindern zwischen den Mahlzeiten vom großen runden Brot Scheiben ab und schmierte sie uns mit Margarine, Quark oder Sirup. Im Glasschrank hielt sie stets Hingfong-Tropfen10 und Würfelzucker bereit, das Allheilmittel, wenn wir Kinder unpässlich waren.

Mein Onkel, Wilhelm Weiner, war das älteste Kind der Familie. Er musste in den Ersten Weltkrieg ziehen und fiel schon 1914 oder 1915.11 Er muss ein hochintelligenter Mensch gewesen sein. In meiner frühen Kindheit existierten von ihm noch zahlreiche Sammlungen, so z.B. viele einheimische Schmetterlinge in Kästen zu etwa 100 Stück, alle fein präpariert und aufgespießt, die er dann an seine zahlreichen Schwestern verschenkte. In jeder der Weiner-Familien hing mindestens eine solche Sammlung in der Stube, auch bei uns zu Hause. Darüber hinaus gab es umfangreiche Postkartenalben über Städte und Landschaften sowie auch Schlachtenbilder, ferner Bilder von Tieren aller Erdteile, eine umfangreiche Sammlung von Uniformstücken und Waffen. Wir Enkel erhielten davon viele Dinge zum Betrachten und zum Spielen, das heißt sie wurden ruiniert. Ich kann mich an kein Bild von Mutters großem Bruder erinnern, den übrigens alle meine Tanten hoch verehrten.

Im Haushalt meiner Großeltern lebten deren Töchter, meine Tanten Gertrud, Luise und Martha. Gertrud und Luise starben schon, als ich noch klein war. Aber da waren auch noch die unehelichen Kinder einiger Tanten; der Großvater war Vormund über Ernst (von Hedwig), Else (von Frieda), Margot (von Martha) und Willi (von Luise).

An Tante Luise kann ich mich noch dürftig erinnern. Sie stand meist mitten in der Stube am Waschschaff.12 Zu ihrem Sohn Willi war sie oft barsch und traktierte ihn mit ausgewundener Nasswäsche. Er war wohl keine fünf Jahre alt, als sie um 1928 starb. Willi geriet im Kriege zur Waffen-SS. Darum wurde er nach dem Krieg als Bergmann in den Kupferbergbau nach Mansfeld geschickt. Er arbeitete unter Tage und wurde dann infolge einer schweren Erkrankung Frührentner. Als ich 1984 in Halle in der Klinik lag, besuchte mich Willi mehrmals, aber ein Kontakt zu seiner Familie kam später nicht zustande. Er starb an seiner Krankheit einen schweren Tod.

Tante Gertrud, die älteste Tochter, habe ich nicht kennengelernt, denn sie verstarb um die Zeit meiner Geburt. Diese Tante soll unserer Großmutter Anna in allem sehr ähnlich gewesen sein: rundlich, gemütvoll und fleißig. Die Tanten Gertrud, Lena und Klara hatten keine Kinder, dafür aber hatte Martha acht.

Tante Martha wohnte fast immer bei den Großeltern, war aber seit etwa 1928 mit dem in Neustadt stationierten Reitersoldaten Rafael Famula aus Ringwitz13 verheiratet. Der Onkel wurde dann nach Hitlers Machtantritt schnell befördert und blieb als Oberfeldwebel im Kampf um Stalingrad. Die Tante starb in den 1970er Jahren im Schwarzwald. Die Kinder Hildegard, Hans und Dagobert, Traudel, Margot, Klaus, Ruth und Walter leben alle noch irgendwo.

In den 20er Jahren heirateten die Tanten Anna und Klara in