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Das "Reqiuem für Peter M." ist der Versuch die Erfahrungen, die ich in den Jahren 1972 - 1976 machte, in eine literarische Form zu bringen. Von der Perspektive herkömmlicher "Knastliteratur" unterscheidet sich das "Requiem" dadurch, dass die Perpektive der Gefangenen aufgenommen wird, dass diese also nicht als Objekte der Beobachtung erscheinen, sondern möglichst authentisch als Subjekte zu Wort kommen. Zum Teil habe ich dabei auf Texte zurück gegriffen, die Gefangene selbst verfasst haben, zum Teil habe ich auch dort, wo mir keine Originaltexte zur Verfügung standen, aus meiner Erinnerung heraus versucht, den Gefangenen eine Stimme zu geben.
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Seitenzahl: 140
Veröffentlichungsjahr: 2014
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„Der Westen sperrt seine Verbrecher zu Tausenden hinter Gitter und lässt sie bei lebendigem Leib verfaulen – selbst Menschenfresser verhalten sich humaner. Den meisten Gesellschaften, die wir primitiv nennen, würde diese Sitte tiefen Abscheu einflößen; sie würde uns in ihren Augen mit derselben Barbarei behaften, die wir ihnen anzulasten versuchen.“
Claude Lévy-Strauss
Ihr habt uns
weggestellt
wie einen alten Schirm.
Den man vergisst.
Vergessene Schirme
verrotten -
Habt ihr uns deshalb
weggestellt
wie einen alten Schirm?
E.S.
Vorbemerkung
Requiem aeternam
Die „Hammelsgasse“
Erste Eindrücke in dem neuen Gefängnis
Der erste Selbstmord im neuen Gefängnis
Mein Name ist Peter M
.
Festnahme und Einlieferung
Ich lernte Peter M. Im Frühjahr 1973 kennen
Der Peter war ein richtig guter Kumpel (Jörn L.)
Ralf K. Ist der King …
37 Jahre später – Warum die alten Erinnerungen?
„Kleiner Eierdieb“
Kyrie eleison
Die Zelle ist 4 Meter lang und 2,50 Meter breit
.
Ich habe Manfred J. In seiner Zelle besucht
Hin und wieder kommt es auch zu einem Gespräch …Randale
Aus dem Bunker (Gerd V.)
Staatsanwaltliche Ermittlung wegen gewalttätigerÜbergriffe
Ich hatte einen alten Freund gebeten …
Dies irae
Protokoll der Unruhen Mai 1976
Station in Aufruhr
Presseerklärung: Ich bin seit 7 Monaten in Haft
Offertorium
Predigt über Römer 8, 19-24
Die Apfelsinenstory
Die goldene Uhr
Der Evangelische Arbeitskreis
Gruppenarbeit im Gustav-Radbruch-Haus
Beim Staatssekretär
Sanctus
Mein Weg ins Gefängnis
Die Ordination im Gefängnis
Der Pfarrer und seine Kirche
Agnus dei
Es beginnt ganz harmlos
Peter M. Aus der Haft entflohen
Im Polizeipräsidium
Die „93“ und der Gefangenenrat
Ein Brief (Klaus Z
.)
Der Pfarrer und sein Jäger
Ich komme nicht klar damit …
Peter M. in Christiania
Peter M. - Das Ende
Communio
Das Dilemma der Kirche und der Gefangenenseelsorge angesichts der geltenden Strafpraxis
Anhang
Ein Leserbrief
Eine Anklageschrif
Ein Vernehmungsprotokoll
Briefwechsel mit dem Anstaltsleiter
Die folgenden Seiten wollen einen Einblick gewähren in eine Welt, die der „Normalbürger“ nicht zu Gesicht bekommt. Es ist eine Welt hinter Mauern und Stacheldraht – aber die Menschen, die dort leben, sind unsere Mitmenschen.
Die meisten Ereignisse, von denen hier die Rede ist, fallen in die Jahre 1972 bis 1976. Als junger Pfarrer arbeitete ich damals im Untersuchungsgefängnis, zunächst in der alten „Hammelsgasse“ in Frankfurt, dann in einem neugebauten Untersuchungsgefängnis in Frankfurt-Preungesheim.
Es sollen nicht nur meine Erfahrungen, Erlebnisse und Reflexionen zu Wort kommen, sondern auch die Gefangenen, die ich dort kennenlernte.
Einigen habe ich versucht, aus der Erinnerung eine Stimme zu geben, um ein möglichst vielfältiges Bild entstehen zu lassen. Die mit „Rudolf“ und „Gerd“ bezeichneten Abschnitte sind Aufzeichnungen von Gefangenen, die ich wörtlich übernommen habe.
Das Requiem, die traditionelle Messe für die Verstorbenen, ist nicht nur Totengedenken, sondern in wesentlichen Teilen eine Mahnung an die Lebenden, ihr Leben sub specie aeterni – im Angesicht der Ewigkeit – zu überdenken.
Besonders in der Sequenz „Dies irae“ wird ein regelrechter Gerichtsprozess geschildert, mit allem, was dazugehört: Das Zittern beim Kommen des Richters, der Aufruf der Tuba, das Herbeitragen der Akten und das Aufdecken all dessen, was bisher verborgen war. „Was soll ich Elender dann sagen, wo doch auch der Gerechte kaum sicher ist?“
Als Richter und gleichzeitig Anwalt wird Jesus beschworen, dem reuigen Angeklagten Gnade zu gewähren – wie er ja auch den Schächer am Kreuz begnadigt hat.
Diesem Bewusstsein, dass wir alle auf Vergebung angewiesen sind, steht diametral die uns selbstverständliche Praxis entgegen, Menschen ins Gefängnis zu stecken. „...damit sie nicht der Tartarus aufsaugt, damit sie nicht ins Finstere stürzen“ heißt es im Offertorium. Gerade diesen Strafort, diesen finsteren Tartarus, von dem der Beter verschont sein möchte, finde ich in unseren Gefängnissen und besonders im Untersuchungsgefängnis wieder.
Und darum ein „Requiem für Peter M.“, der für all die Gefangenen steht, die wir gnadenlos einer solchen Strafe ausliefern.
Requiem aeternam dona eis, Domine, et lux perpetua luceat eis.
Te decet hymnus, Deus in Sion, et tibi reddetur votum in Jerusalem.
Exaudi orationem meam, ad te omnis caro veniet.
Ewige Ruhe gib ihnen, Herr, und das ewige Licht leuchte ihnen. Dir gebührt Lobgesang, du Gott in Zion, und zu dir betet man in Jerusalem.
Erhöre mein Gebet, zu dir wird alles Fleisch kommen.
Die „Hammelsgasse“
Das Untersuchungsgefängnis „Hammelsgasse“, mitten in Frankfurt gelegen, war Teil des Gerichtskomplexes. Im 19. Jahrhundert erbaut, verkörperte es den alten „Knast“ in Reinkultur. Die Zellen waren mit Inschriften übersät. Zweimal am Tag wurde „gekübelt“ - d.h. die Kalfaktoren mussten die Abortkübel aus den Zellen zu sogenannten „Kübelzellen“ transportieren und dort ausleeren. Wegen des dabei erzeugten Gestanks hielt man sich während dieser Prozedur besser nicht auf den Gängen auf.
Die Zellen waren Einzelzellen, aber meist mit zwei Gefangenen belegt. Eine Ausnahme bildete die sogenannte „Ranch“, ein Raum mit etwa 20 Betten. Hier hausten die „Penner“, eine besonders im Winterhalbjahr recht zahlreich vertretene Randgruppe auch im Gefängnis.
In diesem Gefängnis machte ich meine ersten Knasterfahrungen in einem halbjährigen Praktikum.
Besonders prägend war dabei die Begegnung mit Gerhard B. Mir waren bereits die Warnhinweise an seiner Zellentür aufgefallen: „Einzelfreigang“ stand da und „Keine Freizeitveranstaltungen“.
Ich erkundigte mich bei dem Stationsbeamten und bekam die Auskunft, das sei ein besonders gefährlicher Mörder, und deshalb seien besondere Vorsichtsmaßnahmen erforderlich.
Ich erwirkte die Erlaubnis, mit Gerhard B. Einzelgespräche führen zu können – auf seiner Zelle. Es war keine Sensationslust, die mich dabei bewegte, sondern ich lehnte mich auf gegen diese Abstempelung als „besonders gefährlich“, die einen Menschen im Gefängnis noch einmal zusätzlich isolierte und brandmarkte.
In den Gesprächen war denn auch kaum von den Taten die Rede, die man Gerhard B. zur Last legte,
sondern ich hörte eine Geschichte von Ablehnung und unterdrückter Rebellion – gegen eine lieblose (Pflege-)mutter, gegen den Zwang der Pflegeheime und Erziehungsanstalten, in denen der immer renitenter werdende Junge bald landete, hörte von sexuellem Missbrauch durch eine Erzieherin, von Ausbruchsversuchen, die immer scheiterten, von dem allmählichen Anwachsen eines Frauenhasses, der dann schließlich in den Morden an jungen Frauen gipfelte.
Der Prozess wegen dieser Taten stand damals dicht bevor. Gerhard B. erzählte mir, dass er nichts Ordentliches zum Anziehen habe. Ich habe ihm dann einen alten Anzug von mir überlassen, den er auch während des ganzen Prozesses getragen hat.
Habe ich mich mit ihm als Frauenmörder identifiziert? Oder mit dem gedemütigten, unterdrückten, vergewaltigten, stigmatisierten Jungen, der zum Täter geworden war? Jedenfalls hatte die Überlassung des Anzugs auch einen Aspekt, der aufschlussreich für meine Haltung zum gesamten Gefängniswesen ist, wie ich es kennenlernte - als eine höchst problematische Reaktion auf schlimme Taten.
Den Prozess gegen Gerhard B. habe ich zu großen Teilen verfolgt. Was ganz und gar nicht selbstverständlich war: Ein souveränes Gericht, ein verständnisvoller Staatsanwalt, brillante Sachverständigengutachten – fast ein Wunder angesichts einer durch die Sensationspresse geschürten Stimmung, die im Prozess auch durch die Vertreter der Nebenklage Eingang fand. Das Urteil lautete: Freispruch wegen durch Hirnanomalie bedingter Unzurechnungsfähigkeit. Das bedeutete Unterbringung in einer psychiatrischen Anstalt – also bei aller Problematik auch dieser Einrichtungen eine wesentliche Verbesserung für Gerhard B. Und die Chance, zum ersten mal in seinem Leben menschenwürdig behandelt zu werden.
Erste Eindrücke in dem neuen Gefängnis
Das neue Untersuchungsgefängnis, offiziell Justizvollzugsanstalt I, ist, anders als die alte „Hammelsgasse“, an der Peripherie Frankfurts gelegen. Mit seinen hohen Betonmauern, den vergitterten vorgelagerten „Freizeit“-Höfen und den Beton-Sichtblenden vor den Zellenfenstern - acht Stockwerke purer Beton – wirkt es wie eine moderne Festung oder Zwingburg.
Mir wird in diesem Gebäude ein Raum zugewiesen, aus dessen Fenster ich direkt auf einen düsteren Innenhof und den dahinter aufragenden Zellentrakt blicke. Nach kurzer Zeit wird dieser Innenhof völlig verdreckt sein von dem Müll und den Essensresten, die Gefangene aus dem Fenster werfen.
Die schweren Schlüssel, mit denen ich die zahlreichen Zwischentüren und auch die Zellentüren öffnen kann, werden mir an der Pforte ausgehändigt. Die Handbewegung des Auf- und Zuschließens wird mich bald bis in die Träume hinein verfolgen. Allein um die Toilette aufzusuchen muss ich mich durch fünf Türen hindurchschließen. Hin und zurück erfordert das zwanzig Schließbewegungen.
In meinen spartanisch ausgestatteten Arbeitsraum darf ich Gefangene zu Gesprächen holen. Bald verzichte ich aber in der Regel darauf und führe die Gespräche lieber in den Zellen. Auch um in den Zellentrakt zu gelangen muss ich mehrere Zwischentüren auf- und zuschließen. Eine wahre Schließorgie ist es, wenn ich die ca. 15 Gefangenen zum Evangelischen Arbeitskreis aus allen Stockwerken zusammenhole. Das dauert etwa eine halbe Stunde, die gleiche Zeit wieder beim Zurückbringen.
Eine Liste der „Neuzugänge“ bekomme ich wöchentlich. Zunächst versuche ich, alle zu besuchen, merke aber schnell, dass das nicht zu schaffen ist. Die Fluktuation ist groß, weil viele Untersuchungsgefangene „auf Schub“, also nur vorübergehend hier sind. So konzentriere ich mich auf die länger „Einsitzenden“ und auf diejenigen, von denen ich auf einem „Anliegen“ - einem vorgedruckten Zettel – erfahre, dass sie meinen Besuch wünschen. Meist geht es dann um konkrete Wünsche: Ich soll Kontakt zu Angehörigen aufnehmen, aber auch zu Richtern, Staatsanwälten und Anwälten.
Manchmal gerate ich dabei in seltsame Situationen. So bittet mich ein Hausarbeiter inständig, seine Verlobte aufzusuchen, mit Blumen und einer Schallplatte (selbstverständlich von seinem Hausarbeitergeld bezahlt) und sie seiner unwandelbaren Liebe zu versichern. Also stand ich bald mit einem Strauß roter Rosen und mit Peter Alexanders „Bist du einsam heut Nacht“ vor der Wohnungstür der Angebeteten. Sie war jedoch überhaupt nicht begeistert und ließ mich schnöde stehen. Die Rosen und die Platte solle ich wieder mitnehmen und mit ihm wolle sie nicht das Geringste mehr zu tun haben. So musste ich wie ein verschmähter Liebhaber wieder abziehen. Auf den Kosten blieb ich natürlich auch sitzen.
Trotz solcher eher heiterer Flops habe ich mich doch nur selten geweigert, auf die Wünsche der Gefangenen einzugehen, dort, wo sie den Wunsch erkennen ließen, Beziehungen nach „draußen“ nicht verkümmern zu lassen. Immer mehr wurde mir bewusst, was es heißt, von allen gewohnten menschlichen Kontakten abgeschnitten zu sein. Daher wird mir bei diesen Gesprächen auch oft ein fast unbegrenztes Vertrauen entgegengebracht. Nur wenige sind misstrauisch oder reserviert. Gerade bei diesen zunächst verschlossenen Gefangenen erlebe ich aber nach einigen Gesprächen, dass es zu einem besonders vertrauensvollem Gesprächskontakt kommt. Die Untersuchungshaft dauert manchmal bis zu vier Jahren – in einem Fall waren es sogar sechs Jahre – und in dieser Zeit gilt der Gefangene nach dem Gesetz als unschuldig. Das ist aber eine reine Fiktion, denn die Untersuchungshaft wird in der Regel als der härteste Teil der Strafe erlebt. Die völlige Isolation von der Außenwelt, das Fehlen von Arbeitsmöglichkeiten, die Ungewissheit über den Ausgang des Prozesses oder der Revision, dies alles wirkt zusammen und führt zu einer psychisch extrem belasteten Situation, die das Gesetz so nicht intendierte.
Der erste Selbstmord im neuen Gefängnis
Siegfried F. war mir nur flüchtig bekannt. Ich ahnte nicht, dass er Selbstmordgedanken hegte. Wenige Wochen nach Bezug der neuen Anstalt kletterte er in einem der vergitterten Freistundenhöfe am Seitengitter hoch und stürzte sich in den Hof. Er war sofort tot.
Die Nachricht von diesem Selbstmord verbreitete sich wie ein Lauffeuer durchs ganze Gefängnis. Viele Untersuchungsgefangene hatten ja die Befürchtung, dass der neue Betonbau, eine „Haus ohne Himmelsblick“ eben auch ein Haus sein würde, „das Leichen produziert“ (so hatten einige Gefangene es in einem Leserbrief vorhergesehen), Jetzt schien sich diese Befürchtung zu bestätigen. Unter den Gefangenen entstand der Wunsch, in irgendeiner Weise aktiv zu werden. An der Beerdigung konnten sie ja nicht teilnehmen. Aber – das war eine Idee, die im evangelischen Arbeitskreis auftauchte – man könnte doch eine Sammlung für einen Kranz veranstalten. Ich unterstützte diese Initiative, die im übrigen von den Gefangenen ein richtiges Opfer verlangte, da der Kranz vom sogenannten „Hausgeld“ bezahlt werden musste, das den meisten nur in sehr begrenztem Maß zur Verfügung stand und für den Einkauf von Obst, Kaffee und Tabak genutzt wurde.
Aber diese Aktion wurde durch die Gefängnisdirektion untersagt. Sie gefährde „Sicherheit und Ordnung“ in der Anstalt. Die Enttäuschung unter den Gefangenen war groß.
Wenige Monate später tötete sich ein Aufsichtsbeamter mit seiner Dienstpistole. Ich habe ihn auf Wunsch der Witwe beerdigt. Auch unter den Bediensteten war die Verunsicherung groß.
Bald wurde die zunächst großzügige Freizeitregelung eingeschränkt. Die Gefangenen mussten 23 Stunden auf ihren Zellen bleiben.
„Gemeinsam den Wahnsinn aushalten“
Auf einer Jubiläumsveranstaltung der „Anlaufstelle für straffällige Frauen“ im Jahr 2012 spricht der Landtagsabgeordnete Leif B. ein Grußwort. Bei allem Lob für die Bemühung, aus dem Gefängnis entlassenen Menschen zu helfen, hält es Herr B. Doch für notwendig, zu betonen, dass die Gefängnisstrafe unverzichtbar ist – für Leute, die die Gesetze nicht respektieren.
Dem gleichen Leif B. wird wenig später in mehreren Verfahren nachgewiesen, Steuerhinterziehung in nicht unerheblichem Umfang begangen zu haben.
Muss Leif B. nun ins Gefängnis? Natürlich nicht. Mit einer Geldbuße kommt er glimpflich davon.
Was mag in einem Menschen vorgehen, der so im Brustton der Überzeugung die Gefängnisstrafe verteidigt und gleichzeitig gegen Gesetze verstoßt?
Mir ist nicht daran gelegen, über Leif B. den Stab zu brechen. Aber macht sein Beispiel nicht deutlich, wir ver-rückt es in unserer Gesellschaft zugeht?
In den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es eine relativ breite Diskussion über Sinn und Unsinn der Gefängnisstrafe. So interviewete der Journalist Ernst Klee die Leiterin der Frankfurter Frauenhaftanstalt Helga Einsele. Das Buch trug den Titel „Das Verbrechen, Verbrecher einzusperren“. Beide waren sich einig darin, den Vollzug der Gefängnisstrafe in der derzeitigen Form für fragwürdig, ja selbst für verbrecherisch zu halten. Allerdings prognostiziert Helga Einsele: „Ich glaube, dass es legitim ist, von der Strafe abzugehen – ich weiß aber, dass es in der deutschen Zukunft nicht so laufen wird.“
Und so ist es auch gekommen. Der gesellschaftliche Diskurs, der vor 40 Jahren so verheißungsvoll begann, ist einem fast totalen Stillschweigen gewichen.
„Gemeinsam den Wahnsinn aushalten“ - so beschreibt ein langjähriger Gefängnisseelsorger seine Situation. Es klafft wohl weit auseinander, was speziell Pfarrer im Gefängnis erleben und was „draußen“ vermittelt werden kann. Hier die alltägliche Begegnung mit Menschen, die buchstäblich als Aus-Wurf aus der Gesellschaft ausgestoßen wurden – und dort die Vielen, die sich Schutz und Sicherheit davon versprechen, dass die „Bösen“ hinter Schloss und Riegel gesperrt werden,
Nur, dass diese „Bösen“ so gar nicht dem Bild entsprechen, das sich eine breite Öffentlichkeit von ihnen macht. Ein Bild, das durch die massenhaft konsumierten Fernsehkrimis und durch die Sensationsberichterstattung der Medien geprägt ist.
Etwa 120 000 Menschen kommen jährlich in Deutschland in Haft – aber die wenigen spektakulären Kriminalfälle beherrschen die öffentliche Meinung. Dagegen argumentierend anzukommen, ist so gut wie aussichtslos. Keine politische Partei könnte es sich leisten, an diesem Tabu zu rütteln. Und in den Kirchen heißt es: Wir sind all zumal Sünder (aber doch nicht so schlimm wie die dort hinter den dicken Mauern).
Ich kann mich nicht abfinden mit diesem Schweigen. Und statt einer theoretischen Diskussion über Sinn und Unsinn der Gefängnisstrafe möchte ich in der Person des Peter M., den ich in den siebziger Jahren im Gefängnis kennengelernt habe und dessen Weg bis zu seinem Tod ich mitverfolgen konnte, einen Menschen zeigen, der in gewisser Weise für alle Gefangenen steht, so wenig er auch „typisch“ sein mag.
Mein Name ist Peter M..
Meine Zelle ist kahl und kalt. Um ein Stück vom Himmel zu sehen muss ich den Hals verrenken.
Im Gefängnishof hallen die Rufe der Ausländer wieder. Erst gegen Morgen wird es still.
Hat es einen Sinn, irgendetwas aufzuschreiben, was diese Mauern überwinden könnte? Und schon stocke ich, denn diese Mauern kann man nicht überwinden, nicht mit Geschriebenem, nicht mit Rufen, nicht mit Gebeten, selbst mit Träumen nicht. Meine Träume sind aus Beton und Stahl. Allerdings gibt es die Träume, die vom Ausbrechen handeln. Aber in diesen Träumen fange ich mich selbst immer wieder ein.
