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Professor Rota, seine Familie, seine Freunde, Bekannte und Feinde finden sich in immer komplexeren Wirklichkeitsentwürfen wieder, deren Bewältigung wohl hoffnungslos scheint, es vielleicht aber gar nicht ist.... Der geneigte Leser, (politisch korrekt:) auch die zutrauliche Leserin mögen sich in der Fortsetzung davon überzeugen.
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Seitenzahl: 30
Veröffentlichungsjahr: 2015
Europäische Grenzübertritte waren nach dem Scheitern diverser Fiskalpakte durchaus wieder ein Problem – für einen US-Bürger zumal. Am besten war es, man erwirkte erst einmal die Einreise nach England, was Cora Felicitas Clay auch irgendwie gelang. Irgendwie – sie mochte sich auch später nicht dazu äußern.
Zu Zeiten der US-Immigrationsbehörde war die USA-Einreise unproblematisch. Nach der anfänglichen 9/11-Schockstarre überreagierte jedoch die neue Institution Homeland-Security, was auch Folgen für US-Bürger mit langjährigem Auslandsaufenthalt hatte. Diesen brachte man sogar ein besonderes Misstrauen entgegen; denen aus Asien eher weniger, als aus ‚Old Europe‘, (ein Politiker-Unwort).
„Warst Du schon einmal in Kanada?“
„Nein.“
„An Kanada geht kein Weg vorbei.“
„Meinst Du das politisch, Samuel?“
„Nein, Cora. Persönlich. Es macht die Sache wesentlich einfacher, über Kanada einzureisen, obwohl das natürlich keine offizielle Einreise sein muss, denn Grenzkontrollen sind de facto abgeschafft. Die Yankees sind so mit ihren sonstigen Außengrenzen beschäftigt, dass sie sich die so beliebten Kabbelleien mit ihren nördlichen Nachbarn abgewöhnt haben.“
„Aber das Schiff soll doch in New Haven/Connecticut einlaufen.“
„Den amtlichen Einreisedokumenten nach. Der Zielhafen ist jedoch Saint John/New Brunswick. Und das ist eindeutig Kanada.“
„Das weißt Du sicher?“
„Vom Zweiten Offizier.“
„Hast Du ein Hierarchieproblem? Wieso nicht vom ersten?“
„Oder vom Kapitän oder gleich von der Admiralität. Cora, Du bist undankbar.“
„Samuel, Du weißt, dass ich das nicht bin. Ich würde Dich jetzt gern umarmen; dieses 3 D-Bild auf dem Iridium-Smartphone ist ja nur eine unzureichende Substitution. Glaubst Du, ich habe vergessen, dass Du mich bereits geortet hattest, als ich dabei war, mit dem Speedboot das Achterwasser zu verlassen. Ich wusste doch nicht, dass Du Loge kanntest. Der muss Dir etwas besorgt haben, was die Lehrbuch-Physik außer Kraft setzte.“
„Zeitweise.“
„Aber effektiv. Der hellgraue Ami-Hubschrauber mit Schwimmern schien mit denselben auf dem Achterwasser wie festgefroren, und das im Sommer.“
Der von Krapp sorgsam ausgearbeitete Fluchtplan war nunmehr Makulatur: Connecticut – New York – Pennsylvania – Ohio – Indiana – Illinois – Iowa.
Auf ein Neues! Jetzt also: New Brunswick – Quebec – Ontario / Minnesota – Iowa.
Bei Thunder Bay am Lake Superior gab es auf amerikanischer Seite (Minnesota) den Superior National Forrest. Diese grüne Grenze galt es zu überschreiten, um dann etwa in Duluth auf ein Fortbewegungsmittel zu setzen.
Über grüne Grenzen schmuggelte man einst ziemlich problemlos diverse Güter; nun schmuggelte man sich selbst.
Was Krapp fast vergessen hatte, war nach dem Patriot Act die sogenannte Smart border policy nebst der ihr innewohnenden philosophy: securitization.
Die Globalisierung hatte die Grenzen nicht zum Verschwinden gebracht; sie hat sie nur nachdrücklich verändert. Sie sollten undurchlässig sein für illegale Migranten, Drogenschmuggler, Waffenhändler und Terroristen. Tourismus und Wirtschaftsbeziehungen sollten gefördert bleiben.
Nach 9/11 stellten die USA für die Grenze zu Canada verstärkt Personal ein; zur Kontrolle der Güter und Menschen.
Das war jedoch kein Vergleich zur Southwest Border: Grenzzäune von über 1000Kilometer Länge. Der Erfolg blieb zweifelhaft, denn die Drogenkartelle wurden smarter und brutaler. Und die Korruptionsanfälligkeit beim Grenzkontroll-Personal hatte erheblich zugenommen. Das war ferner auch kein Vergleich zu den ausgedehnten Grenzen von Indien zu Pakistan (Infiltration von Terroristen) und Bangladesh (illegale Migration).
Coras Großvater würde sich einen gebrauchten Pickup gekauft haben; gegen einen geringen Aufpreis hätte der Händler eine Winchester und eine Double Action-Colt dazugegeben. Oder wären das schon damals romantische Träume gewesen? Es war ja so eine Sache mit den vermuteten Realitäten.
Das letzte Teilstück sollte vielleicht doch etwas flotter angegangen werden, als die Realisierung des europäisch-atlantisch-kanadischen Reiseabschnitts. Es ging dann auch reichlich flott. Die GPS-gesteuerten Selbstfahrer folgten in etwa den Greyhound-Fernbusstrecken. Programmierbar war ein Halt erst in Des Moines (Iowa). Man fuhr also (genauer: wurde gefahren) an Ames vorbei, wo man in exakt westlicher Richtung nach Carroll und Maple River gekommen wäre.
