Ein ungewohntes Verbrechen - Claudia Hanson - E-Book

Ein ungewohntes Verbrechen E-Book

Claudia Hanson

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Beschreibung

Ein etablierter Test hat die Verbrecherrate drastisch gesenkt. Man ist sich sicher, dass kein Psychopath unerkannt ist. Doch ausgerechnet nach einer Veranstaltung, in der die Erfinderin des Tests ausgezeichnet wurde, wird in einem Dorf ein abscheuliches Verbrechen gemeldet. Die Bereichspolizei der nahen Stadt hat nicht nur mit einer personellen Änderung zu kämpfen. Schnelle Ergebnisse werden bei den Ermittlungen erwartet. Doch der Fall ist weitaus komplizierter als gedacht. Aber nicht nur die Stadtpolizisten sind mit der Tätersuche beschäftigt. Auch in dem Dorf gibt es jemand, der sich auf Spurensuche begibt. Die Handlung spielt in der nahen Zukunft, in der eine Kluft zwischen fortschrittlichen Stadtbewohnern und konservativen Dorfbewohnern besteht.

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Seitenzahl: 513

Veröffentlichungsjahr: 2014

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Claudia Hanson

Ein ungewohntes Verbrechen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

1. Die Versammlung

2. Im Dorf

3. Ein unüblicher Morgen in der Stadt

4. Eine Dorfbewohnerin in der Stadt

5. Nachdenken im Dorf

6. Nacht und Tag

7. Kommunikation

8. Der Besuch

9. Die Show

10. Schmerzhafte Erkenntnis

11. Private Neuigkeiten

12. Nachtunruhe

13. Die Recherche

14. Die Stunden nach Mitternacht

15. Mittags im Dorf

16. Der geheimnisvolle Besucher

17. Die stockende Besprechung

18. Die Gedenkstätte

19. Im Niemandsland

20. Die Quarantäne

21. Der Alleingang

22. Alte Spuren

23. Die Spurensuche

24. Die Schatten der Vergangenheit

25. Explosive Stimmung

26. Spurlos verschwunden

27. Gefangen

28. Das Versteck

29. Zu spät

Epilog

Impressum neobooks

Prolog

Es konnte nur Wasser sein, was Tropfen für Tropfen aufprallte und sich zu einer immer größer werdende Menge sammelte. Deutlich hörbar, aber unerreichbar.

Es klang nicht wie Regen sondern eher wie ein tropfender Wasserhahn. Sie hatte erst vor Kurzem einen tropfenden Wasserhahn gesehen. Wo war das noch gewesen? In welcher Wohnung war ein tropfender Wasserhahn?

War es überhaupt Wasser, was dort tropfte? Es musste Wasser sein. Was sollte es sonst sein? Kaltes frisches Wasser. Wasser!

Sie durfte nicht schon wieder an Wasser denken. Und sie musste den Reflex zu schlucken unterdrücken. Das Schlucken tat weh. Ihre Zunge fuhr über das trockene Tuch, das in ihrem Mund steckte. Es fühlte sich an, als wäre der Stoff viel härter als vorhin. Sie hatte ihr Zeitgefühl verloren.

Es gab nur noch Phasen. Eine Phase, wo das Licht zurückkehrte und mit ihm die Angst. Eine Phase, wo es dämmrig war. Die dritte Phase war absolute Dunkelheit. Diese Phase war die Längste und Schlimmste.

Jedenfalls war das Tuch vorhin nicht so trocken gewesen. Von diesem Gedanken etwas aufgeschreckt, schärfte sich wieder ihr Bewusstsein.

Sie füllte, dass die Panik zurückkehrte. Sie wollte nicht daran denken, in welcher Situation sie sich befand. Es war so viel einfacher den Bildern der Erinnerung nachzugeben.

Aber die Tropfen trommelten unnachgiebig. Sie schienen sogar lauter zu werden.

Sie hob ein wenig den Kopf. Es war zu dunkel um etwas zu sehen. Als sie das letzte Mal bewusst geschaut hatte, war es dämmrig. Sie konnte zumindest schemenhaft ihre Umgebung erkennen.

Jetzt war wieder die dunkle Zeit und auf die folgte die dämmrige. Wenn eine Phase nicht von dem hellen Licht unterbrochen wurde. Das Licht bedeutete aber, dass diese große unheimliche Person wieder anwesend war. Nur dann wurde es hell. Es schmerzte in den Augen, dieses Licht. Anfangs hatte es noch nicht so geblendet und geschmerzt. Vielleicht lag es daran, dass das Licht da noch Hoffnung bedeutet hatte. Die Hoffnung ließ den Schmerz in den Augen schnell vergessen. Doch nun hoffte sie nicht mehr, wenn das Licht aufflammte. Licht bedeutete nun Qual.

Wie oft hatte sie das Licht gesehen? Dreimal, fünfmal oder schon achtmal? Wann war zuletzt die Lichtphase gewesen?Ihr Kopf sank wieder nach unten.

Wie lange kann ein Mensch auf einer Stelle stehen? Eine dumme Frage. Sie versuchte den Gedanken nicht zu denken, der auf ihre stumme Frage folgte. Doch die Antwort war schon gedacht. Es ist nicht wichtig, dass zu wissen. Und ich werde es auch nicht feststellen. Ich kann gar nicht umfallen. Ich bin gefesselt. Mein rechter hochgestreckter Arm ist oberhalb meines Kopfes mit einer Kette befestigt. Mein linker Arm ist nicht gefesselt. Mein linkes Bein ist an den Knöcheln ebenfalls gefesselt. Dass mein linker Arm und mein rechtes Bein nicht gefesselt sind, hilft mir nicht weiter. Ich habe schon versucht, die Fesseln zu lösen, aber ich habe es nicht geschafft.

Die Panik drohte sie wieder zu überwältigen, aber sie war mittlerweile selbst für eine Panikattacke zu erschöpft. Ihre Gedanken wurden wieder zu Bildern und die Bilder zu einem Traum. Dort bildeten Wasserhahntropfen ein Meer, das aus durchsichtigen kleinen Ovalen bestand. Licht formte die Konturen des Tropfenmeeres, das verheißungsvoll glitzerte. Der Rhythmus der Tropfen wurde zu einem beruhigenden Rhythmus, der wie ein Versprechen für das Leben klang.

Als sie glücklich in das köstlich nasse Meer eintauchte, vermischte sich der Traum mit einer Erinnerung. Es war der Abend, an dem sie den tropfenden Wasserhahn in der fremden Wohnung gesehen hatte. Es war eine große Wohnung gewesen, zumindest ihr kam sie sehr groß vor. Und die vielen Möbel. Gestrichene Wände, sogar in verschiedenen Farben. Was war sie erstaunt und auch erfreut gewesen. Es gab so viele Dinge, die sie noch nicht kannte. Sie lief wie ein kleines Mädchen hin und her und bestaunte die Einrichtung. Dabei hatte sie viel gelacht. Und der Mann, der nachsichtig lächelte, sah gut aus, zumindest, dass was sie von ihm sehen konnte. In ihrem Traum war sein Gesicht, etwas undeutlich, die Konturen leicht verschwommen. Sie konnte ihn nicht genau erkennen. Nur seine hellen Augen wirkten wie scharf gezeichnet.

Das Licht gehörte nicht mehr zu dem Traum, wie sie blinzelnd feststellte. Das Licht bedeutete, dass sie nicht mehr allein war. Dass die vermummte Gestalt wieder da war. Warum eigentlich vermummt? Damit sie nicht erkennen konnte, wer es war? Wurde sie doch noch frei gelassen? Wenn es so wäre, würde sie nun auf jeden Fall vorsichtiger sein. Sie würde sich die Ratschläge, die sie oft, oh ja so oft, gehört hatte, mehr zu Herzen nehmen. Die Welt außerhalb ihres kleinen Lebensraum war wirklich gefährlich. Das hatte sie jetzt begriffen.

Neben dem Licht nahm sie nun den Geruch wahr. So roch Sauberkeit, hatte sie schon mehrmals gedacht. Ja, Sauberkeit, Frische und Reinheit. Ein angenehmer Duft. Sie hob wieder ihre schweren, geschwollenen Lieder. Das Licht war unangenehm und schmerzhaft. Die Lider senkten sich automatisch. Es war schwierig, die Augen offen zu halten, obwohl das Licht diesmal doch Wasser und Rettung bedeuten konnte. Wurde sie gerettet? Warum sprach niemand? Und wieso war der Geruch wieder da?

Weil es keine Rettung gab. So roch nicht die Rettung, sondern die Demütigung. Sie sollte nicht mehr länger hoffen. Es war sehr unwahrscheinlich, dass sie ihr Gefängnis lebend verlasen würde. Sie war dabei zu sterben, das fühlte sie. Sie würde still, schmutzig und stinkend sterben. Mit aufgesprungenen Lippen und gefühllosen Gliedmaßen.

Sie öffnete sie die Augen etwas länger.

Grau, die Farbe, die sie sah, war Grau. Jemand stand vor ihr in einem grauen Anzug. Ein Anzug mit schwarzen Knöpfen. So einen Anzug hatte sie noch nie zuvor gesehen. Doch, natürlich, sie hatte den Anzug schon mal gesehen. Mehrmals sogar. Auf jeden Fall, seit sie in diesem Gefängnis war. Apathisch senkt sie den Kopf, es gab keine Rettung.

„Meine Güte, wie du stinkst. Das ist ja ekelerregend.“

Sie schaute nicht auf. Warum auch? Es war nur wieder der Schrecken, der im grauen Anzug vor ihr stand.

„Sieh mich gefälligst an, wenn ich mit dir spreche.“ Die Stimme war so eigentümlich. Sie klang heiser, aber dennoch melodisch. Wo hatte sie die Stimme schon mal gehört? Vermutlich vermischen sie nur die letzten Tage mit anderen Erinnerungen und sie kannte die Stimme nicht von früher.

Sie bekam unvermittelt eine krachende Ohrfeige. Erschrocken sah sie auf.

Sie musste den Kopf ziemlich weit heben, bis sie die Augen sehen konnte.

Und immer noch die schwarze Maske, mit den drei runden Löchern. Zwei für die Augen eins für den Mund. Ein geschwungener blassrosa Mund, schöne Augen. Obwohl alles ein wenig farblos wirkte. Selbst die Augen schienen grau zu sein.

„Was glotzt du so?“

Grob wurde ihr Knebel entfernt.

„Sag, was glotzt du so?“ Die Stimme war nun deutlich heller im Klang, fast keifend.

„Wasser. Bitte Wasser.“ Ihre Stimme klang unwirklich und verzerrt in ihren Ohren.

Lachen, überspanntes gemeines Lachen. Nein es hörte sich eher irre als gemein an, ein Lachen, das sie noch mutloser machte.

„Wasser? Du hast dir dein Wasser leider nicht verdient.“

Die Verachtung in dem Blick hexte Tränen in ihre Augen. Obwohl sie doch dachte, sie habe keinerlei Flüssigkeit mehr in ihrem Körper.

„Ich hasse heulende Weiber.“ Es klang soviel Wut in der Stimme.

Sie spürte wieder die Übelkeit. Sie hörte ihr Blut in den Ohren rauschen. Sie schloss kurz die Augen, als sie die Augen wieder öffnete, trennte sie von ihrem Peiniger nur noch wenige Zentimeter. So nahe hatten sie noch nie zusammengestanden.

Es erschreckte sie nicht sehr, dazu war sie viel zu erschöpft. Sie wollte schlafen nur noch schlafen und vergessen, dass sie so durstig war.

„Du hast es immer noch nicht verstanden.“ Die Stimme klang wieder tiefer, ruhiger, fast freundlich belehrend.

Der Klang ließ sie wieder aufschauen. Ihr trüber Blick tauchte kurz in die hellen Augen, die sie fixierten.

Sie versuchte etwas zu sagen, doch es war nur ein Räuspern, was zu hören war.

Sie hob noch einmal den Blick. In den Augen, die sie so unvermittelt anstarrten, war ein roter Faden zu sehen, der Faden teilte sich am Augenrand in viele kleine Fäden. Ihre Aufmerksamkeit verweilte kurz bei den Fäden. Sie fragte sich absurderweise, warum in dem perfekten Auge eine Ader geplatzt war.

„Du begreifst es einfach nicht. Aber gut, ich bin geduldig. Eine Chance hast du noch.“

Eine Chance? Sie sollte noch eine Chance haben? Erneut hob sie den Kopf.

Doch es wurde ihr nur der Knebel in den Mund gezwängt.

„Denke doch einfach mal nach! Oder bist du wirklich so blöde? Magst du das vielleicht sogar? Bist so ein Mädchen? Gefällt dir das?“ Zwei Finger kniffen in ihre Wange. Aber es sollte keine schmerzhafte Geste sein, eher so, als wäre es eine unbeholfene, fast sanfte Geste, die einfach nur mit viel Kraft ausgeübt wurde und dadurch wie eine brutale Zurechtweisung wirkte.

Es ist nur ein Reflex, doch sie griff nach der Hand, hielt sie fest.

„Und nun?“ Jetzt klang die Stimme gespannt, fast schon vergnügt.

Da war diese Wut in ihr, diese grenzenlose Wut, und sie trat, einfach so. Sie traf ein Bein.

Erschrocken schaute sie hoch.

„Mädchen, Mädchen, was machst du nur für Sachen?“ Der maskierte Kopf drehte sich hin und her.

Und eine Hand griff nach dem Knebel. Dann wurde ihr Wasser ins Gesicht geschüttet. Sie öffnete hastig den Mund. Verschluckte sich, aber sie hielt weiterhin den Mund offen. Gierig versuchte sie sogar noch die Tropfen von den Lippen abzulecken, doch der Knebel kam wieder in den Mund und saugte das kostbare Wasser von den Lippen auf.

„Wie gesagt, noch eine Chance.“

Kurz darauf war das Licht wieder weg. Ihr Kopf sackte langsam nach unten.

Sie wusste Minuten später nicht mehr, ob sie sich das nur eingebildet hatte. Denn das Wort Chance war nur noch ein fernes Rauschen in den Ohren, der saubere Geruch war verschwunden, oder nie da gewesen. Als sie noch einmal die Augen mühsam öffnete, sah sie, dass sie wieder alleine in der Dunkelheit war.

1. Die Versammlung

Mit einem neutralen und etwas weniger müdem Blick, könnte man die Veranstaltung durchaus als brillant bezeichnen.

Ein stilvoller Saal, in dem die moderne Technik nicht deplatziert wirkt. Die aufmerksamen Zuhörer auf den riesigen Monitoren, die im Saal zu schweben scheinen, sind alle ausnahmslos schön anzusehen. Die zugeschalteten Repräsentanten der anderen Kontinente präsentieren sich interessiert und höflich. Selbst ihre Fragen sind angemessen und beinhalten mehr als nur höfliche Konversation.

Lampen oder sonstige Lichtquellen sind nicht zu sehen, doch der Raum strahlt eine angenehme Helligkeit aus. Die Frau auf dem Podest, ganz in weißer Kleidung, scheint dieses Licht zu bündeln, sie strahlt geradezu. Ihre hellblonden Haare wirken fast wie ein zusätzliches Leuchtmittel. Ihre Stimme klingt angenehm. Sie spricht genau so laut, wie es sein muss, ihr Sprechtempo wohldosiert. Sie wirkt außergewöhnlich, nicht nur in der Halle, sondern auch im alltäglichen Geschehen, was jeder bestätigen kann, der sie einmal persönlich getroffen hat.

Aaren Kazim blinzelt mehrmals um die Müdigkeit zu vertreiben. Sie findet die ganze Situation grotesk. Sie sitzt in der Reihe der Polizisten. Sie hört sich einen Vortrag über moderne Verbrechensbekämpfung an und ist selbst als latent kriminell eingestuft. Sie gehört zu den Besten ihrer Zunft, obwohl sie ein hellgelbes Testergebnis hat. Das Ergebnis brandmarkt sie zu einer leicht gefährlichen oder gefährdeten Person. Die Frau, die dieses System eingeführt hat, steht auf einem Podest und berichtet anmutig von ihren Erfolgen. Kazim soll begeistert wirken, obwohl das Testergebnis ihre Zukunft ruiniert hat. Neben ihr sitzt ihr Kollege Tarik Mertlo. Aaren schaut zu ihm. Er sitzt ein wenig verkrampft auf dem bequemen Sessel.

Er bemerkt den Seitenblick von Aaren und versucht sich zu entspannen. Es fällt ihm schwer zuzuhören. Seine Gedanken schweifen immer wieder ab. Er zwingt sich wieder und wieder zur Aufmerksamkeit, aber seine Gedanken befinden sich tags zuvor. Mag der heutige Tag auch ein besonderer sein, Tarik ist nicht bei der Sache. Dass ihn sein Privatleben dermaßen aus der Bahn katapultieren hat, entsetzt ihn. Doch er kann nicht gegen seinen Kummer ankämpfen. Zu schwerwiegend ist sein Schock, zu groß ist seine Verzweiflung.Der Platz neben ihm ist leer. Jemand hat sogleich den Sessel entfernt, als sicher war, dass sein Chef Amid Jörgison nicht an der Veranstaltung teilnehmen kann. Sowohl Aaren als auch Tarik fragen sich, warum er nicht hier ist. Sie wissen nur, dass Tarik ihn vertreten soll und dass er sich später bei ihnen melden wird. Diese Information haben sie unmittelbar vor der Konferenz erhalten. Tarik blickt zu den Anwesenden, die ihm ungefähr fünf Meter entfernt gegenübersitzen. Er sieht Aufmerksamkeit, Bewunderung und in manchen Gesichtern eine gewisse Zufriedenheit. Der Vortrag ist ein voller Erfolg, daran gibt es keine Zweifel. Alle, die er im Blickfeld hat, wirken außerdem entspannt und unbekümmert. Er fragt sich, ob er der einzige Mensch in diesem Raum ist, der unglücklich ist. Seine Augen wandern von den vielen Gesichtern gegenüber weiter nach links, wo er die Menschen nur noch schemenhaft wahrnehmen kann, sie sitzen zu weit entfernt. Aber er ist sich sicher, dass sich in deren Minen der gleiche Ausdruck widerspiegelt. Gerade jetzt, wo Line diese vielversprechenden Prognosen erläutert, die für noch mehr Wohlwollen sorgen.

Die Menge klatscht auf diese rührende altmodische Art, sie schlagen die Hände zusammen. Diesen Ausdruck der Begeisterung würde man in dieser Halle nicht unbedingt erwarten. Überschwängliche Gestik ist nicht die Ausdrucksart des vornehmen modernen Menschen.Er übermittelt seine Zustimmung oder Ablehnung eher im Netz, indem er einen entsprechenden Button klickt oder eine Rezession schreibt. Bei öffentlichen Veranstaltungen kann man mit entsprechenden Knöpfen an den Armlehnen, auch seine Meinung ohne Klatschen zum Ausdruck bringen. Tarik kennt den Applaus eigentlich eher von den Sportveranstaltungen, die wieder Live übertragen werden. Und zurzeit gerade in sind.

Aber das Klatschen bewirkt zumindest, dass sich seine Aufmerksamkeit wieder der Rednerin Dr. Line Perkson, Verhaltenspsychologin und beratende Vorsitzende der Kriminalabteilung, zuwendet.

...“Als wir das Projekt im Jahre 2035 starteten, konnte niemand ahnen, welch ein Erfolg es sein würde. Jetzt nur 14 Jahre später ist es uns gelungen, die Zahl der Morde drastisch zu reduzieren. Die Mordrate in unserer Region hat um mehr als 75% abgenommen! Wir haben ein Verfahren entwickelt, das uns Sicherheit garantiert. Ja wir können abends mit der Gewissheit heimkehren, das alle morbiden, kranken Menschen in unserer Gesellschaft erkannt und in Behandlung sind." Dr. Perkson hat nun eine andere Tonart angeschlagen. Sie wirkt entschieden, ein Zweifel an ihren Ergebnissen scheint unangebracht.

"Aber wir sind uns natürlich darüber im Klaren, dass es meistens traurige Umstände, krankmachende Konstruktionen in ihrer Kindheit sind, die sie zu dem werden lassen, was sie selbst gar nicht sein wollen. Deswegen behandeln wir sie gut. Deswegen geben wir ihnen die Möglichkeit human zu leben. An sehr gut gesicherten Orten zu leben. Wir helfen ihre krankhaften Triebe zu kanalisieren und oftmals sogar zu heilen." Nun wirkt sie tolerant, verständnisvoll für Deformationen im menschlichen Charakter.

"Und alle Zweifler konnten sich hinreichend davon überzeugen, dass es keine unmenschliche Behandlung für die krankhaft Gestörten gibt. Ja das Gegenteil ist der Fall. Nur die ganz schweren Fälle sind in den Hochsicherheitszonen. Und auch dort sind es nur Wenige, bei denen wir keine Hoffnung auf Besserung haben. Die Hochsicherheitszonen sind Orte, wo menschenwürdiges Leben garantiert ist.“ Hier hält die Rednerin kurz inne und blickt lächelnd von ihrem Pult, wo auf dem Display ihre Rede steht, auf. Die Daten sind natürlich sicher, für niemanden sonst zugreifbar. Nur ein Schlüssel aus drei ständig wechselnden Merkmalen macht den Zugriff auf ihre persönlichen Ordner im Netz möglich. Sie nippt kokett an ihrem Getränk und fährt mit lebhafter Stimme fort:

„Sexuelle Mordtaten können wir heute so gut wie ausschließen. Auch Serienmörder sind äußerst selten geworden und in unseren Breitengraden schon lange nicht mehr in Erscheinung getreten. Die höchste Mordrate vermerken wir in den Gewalttaten, die im Affekt begangen werden. Aber auch da haben wir eine Senkung von 65% Prozent erreicht, da sich diese Art von Gewaltbereitschaft nun auch verstärkt in den Prognosen des Tests ablesen lässt. Wir erkennen jetzt meistens, wie Personen auf außergewöhnlichen Situationen reagieren, und können deshalb präventiv eingreifen.

Line Perkson hält kurz Blickkontakt zu einem Zuhörer, der ihr frontal gegenübersitzt und sie fasziniert, wie ein eifriger Schüler ansieht. Ihr Blick deutet an, dass sie die Aufmerksamkeit wahrgenommen hat.

„Soweit ein kurzer Abriss. Nun meine sehr verehrten Damen und Herren möchte ich mich ihren Fragen stellen. Wer möchte die erste Frage stellen?“ Line Perkson blickt aufmunternd in die Menge. Sie ist es gewohnt in die Menge zu schauen, es ist für sie weder berauschend, noch beängstigend.

„Wie sind sie auf die Idee gekommen diesen Test auszuarbeiten und wie haben sie diese Perfektion des Tests erreicht?“

Die Frage kommt von dem Mann frontal vor ihr. Line überrascht es nicht, das er fragt. Sie hat ihm angesehen, dass er nicht nur stiller Zuhörer sein kann, sondern auch als kompetenter Fragensteller beeindrucken möchte.

„Oh das sind ja gleich zwei Fragen auf einmal.“ Sie verpackt ihre Schelte in ein freundliches Lächeln.

Der Mann lächelt zurück, vermutlich ist ihm die kleine Zurechtweisung entgangen, da er nun ihre Aufmerksamkeit hat.

„Um die erste Frage zu beantworten: Es war mir schon immer ein Anliegen, etwas mit meiner Arbeit zu bewirken, das der Menschheit von Nutzern ist. Ich widme mich der Verbrechensbekämpfung,“ Line schluckt unhörbar, „ weil ich sie als das Übel einer jeglichen Gesellschaft betrachte. Meine Arbeit mit vielen kranken Menschen zeigt mir, wie vorhersehbar auch die krankhafte Psyche letztlich agiert. Und wie hilfreich es ist, durch ein ausgetüfteltes Testverfahren wirkliche Prävention zu schaffen. Eine Tat zu verhindern, ist erstrebenswerter als einen Täter zu fassen. Das war schon immer meine Motivation. Der Erfolg des Projektes ist natürlich in erster Linie meinem Team zu verdanken. Fantastische Mitarbeiter haben sehr hart gearbeitet um das hohe Ziel zu erreichen.“

Der Mann nickt, ganz so als wäre er mit dieser Antwort einverstanden. Er sieht aus als wolle er noch etwas sagen, seine gute Erziehung scheint ihn davon abzuhalten. Zu sehr möchte er sich nicht in den Vordergrund stellen und damit unangenehm auffallen. Line Perkson ist amüsiert. Fast ist sie versucht, den Mann durch eine nonverbale Gestik zu einer weiteren Frage zu animieren. Sie unterlässt es natürlich, auch sie weiß, was sich gehört. Eine öffentliche Veranstaltung ist kein Ort, um zu testen, inwieweit sie ein Verhalten vorhersagen kann. Sie nimmt sich jedoch vor, sich eine Teilnehmerliste mit Sitzordnung zukommen zu lassen und dem Mann eine persönliche Nachricht zu übermitteln. Er ist ein perfektes Studienobjekt.

„Können wir mit Sicherheit behaupten, dass wirklich alle sich diesem Test unterziehen?“ Der Mann, der repräsentativ für die östlich vereinten Länder spricht, blickt ein wenig skeptisch. Er ist eine der zugeschalteten Personen, die auf einem der Monitore zu sehen ist.

„Nun ich denke, ich kann diese Frage durchaus mit einem "Ja" beantworten.“ Line Perkson schweigt kurz, streicht mit dem Finger über ihre linke Augenbraue und fährt fort:

„Es sei denn, es leben noch Menschen unterhalb der Erdoberfläche, von denen wir nichts wissen.“

Ihrer Bemerkung folgt beipflichtendes Gelächter. Line nimmt es gelassen zur Kenntnis. Sie wartet bis wieder Ruhe einkehrt:

„Aber um ihre Frage adäquat zu beantworten. Seit fünf Jahren ist der Test weltweit verpflichtend. Wir prüfen bis zum 14. Lebensjahr jährlich, bis zum 25. Lebensjahr zweijährlich und danach alle drei Jahre. Bei auffälligen Ergebnissen ist das Intervall natürlich entsprechend kürzer.“ Line blickt dem jungen Mann aus den östlich vereinten Ländern direkt in die Augen. Es sind sehr dunkle Augen, die von Gelassenheit und Selbstkontrolle zeugen.

„Werden wir Mord damit in naher Zukunft ausschließen können?“ Diese Frage kommt von einer Frau, die den Titel "Dr. der Sozialpsychologie" hat. Sie ist auch eine zugeschaltete Teilnehmerin. Das Gesicht wird aus den vereinigten südlichen Ländern übertragen. Doch die Frau ist blond und sieht eher so aus, als hätte sie Vorfahren aus den nördlichen Breitengraden.

„Einen Mord naher Zukunft völlig auszuschließen, halte ich zu dem jetzigen Zeitpunkt für schwer erreichbar. Aber zumindest alle Psychopaten mit Mordabsichten, sollten sich in Sicherheitszonen befinden.“ Line Perkson wirkt nun sehr ernst.

„Es ist sehr schwer, uraltes Übel komplett auszumerzen. Allerdings wird das Testverfahren ständig verfeinert, und da sich parallel eine immer größere soziale Zufriedenheit in der Bevölkerung verbreitet, denke ich das sich die Rate kontinuierlich verringern wird.“ Fügt sie hinzu.

„Können sie eine Prognose wagen? Wie schätzen sie die nahe Zukunft ein?“

Tarik, der beide Rednerinnen abwechselnd betrachtet hat, schaut, jetzt immer länger zu der zugeschalteten Frau Dr. der Sozialpsychologie. Er hört jetzt dem aktuellen Dialog nicht mehr. Zu sehr ist er in den Anblick versunken. Die Ähnlichkeit ist so augenscheinlich, dass sein Blick schließlich nur noch auf das Gesicht auf dem Monitor gerichtet ist. Ein Gesicht, das er bisher für einzigartig hielt, schaut ihm nun bei dieser Versammlung entgegen. Und für einen Augenblick glaubt Tarik, dass sie zu ihm schaut. Das ist zwar technisch möglich, aber natürlich absurd. Auch wenn die Frau nicht nur zu Line schaut, sondern auch ab und an zu den Teilnehmern blickt, bedeutet das noch lange nicht, dass sie Tarik bewusst ansieht.

Tarik fällt ein Satz von seinem Vater ein: Wenn du nur lange genug am gleichen Ort verweilst, dann siehst du die Wiederholung. Warum er ausgerechnet jetzt an diesen Spruch denken muss, ist sonderbar. Aber es ist schließlich nur ein Gedanke, der wieder verschwindet und an Bedeutung verliert. Zu sehr ist da diese Ähnlichkeit. War es wirklich erst gestern Nacht? Da war dieses Gesicht, was diesem auf dem Monitor so ähnlich sieht. Das Gesicht seiner Freundin. Die so ernst und so ganz anders wirkte als sonst. Und ihre Gestik, diese außergewöhnliche Gestik, die unmissverständlich das Ende ihrer Beziehung bedeutete. Tarik sah sie einfach nur an. Ihre Worte, die wenigen Worte, wurden nicht mehr von ihm erfasst. Sie redete weiter, merkte gar nicht, dass er nicht mehr zuhörte. Er ging, sagte noch etwas Banales. Nein etwas Wichtiges, was aber banal war, angesichts ihrer Gestik.

Die Stimmen sind grundverschieden. Das unterscheidet die Frau, die heute der Konferenz zugeschaltet ist, von der Frau, die gestern gegangen ist. Doch die Frau, die heute zugeschaltet ist, spricht schon längst nicht mehr, Line Perkson hat wieder das Wort ergriffen:

“...Aber lassen wir doch diejenigen jetzt sprechen, die uns direkt aus der Praxis berichten können.“ Line zeigte mit ihrer linken Hand auf die Polizisten, die sogleich angeleuchtet werden.

Aaren Kazim blickt freundlich lächelnd in das Publikum. Sie weiß, dass sie nun wie auf einem Präsentierteller sitzt. Fast ein wenig widerwillig zollt sie Line Perkson Anerkennung, für ihre Fähigkeit im Rampenlicht zu glänzen. Aaren denkt an Amid Jörgison, auch er hat die Gabe sich einnehmend in der Öffentlichkeit zu bewegen. Tarik ist für solche Aktionen nicht unbedingt die erste Wahl. Seine Stärken liegen eher in der praktischen Arbeit. Seine Verdienste in der Detailarbeit sind unumstritten. Aaren fragt sich nicht, warum er Jörgison vertreten soll, obwohl sie schon zwei Jahre länger im Dienst ist. Sein fast weißes Testergebnis ist für einen Repräsentanten der Polizei natürlich weitaus besser geeignet als ihr Testergebnis. Aaren versucht sich nicht mehr darüber zu ärgern. Es wäre kindisch, weil sie diese Aufgabe gar nicht haben möchte.

Das Schweigen dehnt sich aus, alle blicken erwartungsvoll auf die Einheit der Mordkommission. Niemand spricht, noch nicht einmal ein dezentes Räuspern unterbricht die Stille.

Aaren unterdrückt den Impuls, Tarik ihren Ellbogen in die Seite rammen. Sie weiß, dass sie damit die Situation nur verschlimmern wird. Gerade als sie es für das kleinere Übel erachtet, anstelle von Tarik zu reden, spricht Tarik endlich:

„Ja, die Zahlen, die wir eben gehört haben, sind natürlich sehr ausdrucksstark.“

Erneut tritt Schweigen ein. Tarik braucht zu lange, bis er den nächsten Satz formuliert hat. Er bemüht sich verzweifelt, etwas zu sagen, ohne durchblicken zu lassen, dass er überhaupt nicht weiß, was Line Perkson zuletzt erwähnt hat. Er spürt seinen überschnellen Herzschlag. Er bezwingt den Impuls die Doktorin der Sozialpsychologie anzuschreien oder sie zumindest zu bitten, sich aus der Konferenz auszuschalten.

„Wir sind sehr zufrieden mit den Ergebnissen.“ Tarik schluckt schwer, er greift nach seinem Getränk und nimmt zwei oder drei Schlucke. Er hat die komplette Aufmerksamkeit der Teilnehmer, die auf seine Worte warten, die ihn gespannt ansehen, natürlich blickt auch die Sozialpsychologin ihn an.

„Wenn das so weiter geht, wird unsere Abteilung bald überflüssig sein und wir können uns einen anderen Job suchen.“ Tarik lächelt, er versucht die Situation ein wenig auflockern. Doch seine scherzhafte Bemerkung kommt bei dem Publikum nicht an. Aaren liest es in den Gesichtern. Sie blicken irritiert. Sie warten auf einen Bericht, eine Untermauerung von dem, was Line Perkson eben geschildert hat. Für Scherze ist noch viel zu früh.

„Jedenfalls ist der Test eindeutig ein Gewinn im Rahmen der Verbrecherbekämpfung.“ Tariks Stimme klingt nun angespannt.

Line Perkson sieht nicht so aus, als wenn ihr diese Äußerungen gefallen, sie versucht es wieder hinter einem Lächeln zu verbergen. Sie nutzt die erneute Pause von Mertlo und nimmt den Verlauf wieder in ihre Hand:

„Das sind doch eindeutige Worte von einem Praktiker. Ich denke ein besseres Kompliment hätte er dem Projekt nicht machen können. Seine knappen Äußerungen lassen uns Zeit ...“ Perkson hat die Zuhörer sofort wieder im Griff, sie sehen wieder gespannt zu ihr.

Jetzt wo die Aufmerksamkeit wieder Dr Perkson gilt und sie nicht mehr angeleuchtet werden, beugt Aaren sich zu Tarik, jedoch schaut dieser starr zu Line Perkson hin. Er scheint Aaren nicht zu bemerken oder vermeidet bewusst Augenkontakt. Aaren ist erstaunt, Tarik verhält sich äußerst unprofessionell. Er mag zwar öffentliche Reden genauso wenig schätzen wie sie, aber seine Darbietung war deutlich unter seinen Möglichkeiten.

Tarik spürt ihre Blicke, hat sich aber entschlossen, sie zu ignorieren. Er hat sich gerade mehr als stümperhaft verhalten, nur vier Sätze hat er gesprochen und ihm wurde sehr schnell wieder das Wort entzogen. Seine vorhin hastig zusammengestellte Rede wird niemals gehört werden.

Es sind nicht Aarens Augen, in die er jetzt schauen möchte. Er möchte ohnehin in diesem Moment nicht in irgendein Augenpaar schauen müssen. Am liebsten würde er jetzt ein Glas, gefüllt mit einem herrlichen Whisky, ansehen. Das Glas heben, es zum Mund führen und das Brennen auf der Zunge und kurz darauf in der Kehle spüren. Er stellt sich die angenehme Wärme im Magen vor. Und die Leichtigkeit der Gedanken, wenn der Alkohol seine Wirkung zeigt. Obwohl er sich alkoholischen Genüssen eher selten hingibt, weiß er, dass er heute Abend betrunken sein wird.

Während er unvermittelt auf Line Perkson blickt, aber nicht ein Wort von dem, was sie sagt, aufnimmt, sehnt er sich den Abend herbei.

Aaren ist bedrückt und senkt den Kopf, damit niemand ihre Mimik sehen kann. So war das Mitwirken ihrer Abteilung an diesem Nachmittag bestimmt nicht geplant. Sie fragt sich, ob Line Perkson noch einmal nach der Meinung der Kriminalpolizei fragt oder es nun vermeidet. Sie geht von der zweiten Möglichkeit aus, nimmt sich jedoch vor, selbst zu sprechen, wenn Tarik nicht sofort das Wort ergreift. Sie zupft an ihrem Kostüm, das zwar tadellos sitzt, sie aber dennoch einzuengen scheint. Sie sehnt sich nach ihrer bequemeren Alltagskleidung.

Sie schaut zu Tarik, der in seinem grauen Anzug ebenfalls sehr festlich aussieht. Seine dunklen, fast schwarzen Haare sind frisch geschnitten und gut frisiert. Die hellgraue Krawatte hebt seine hellen Augen hervor. Er ist ein wirklich gut aussehender Mann, obwohl seine Gesichtszüge ein wenig zu fein gezeichnet sind. Sein athletischer großer Körper wirkt hingegen sehr maskulinen. Eine reizvolle Widersprüchlichkeit.

Aaren blickt wieder zu der Rednerin. Sie nähert sich dem Ende des Vortrages. Vermutlich hat sie improvisiert. Sicherlich hat sie mit einem etwas anderen Verlauf gerechnet. Aber sie hat Tarik sehr schnell eingeschätzt und es für sinnvoller erachtet, ihn nicht weiter sprechen zu lassen. Hinter ihrer positiven, dezenten Fassade, verbirgt sich sicherlich ein wacher analytischer Verstand.

Line weiß, dass ihr Vortrag gut ankommt. Sie hat eine Methode entwickelt, Verbrechen deutlich zu mindern. Ein Traum ist für sie in Erfüllung gegangen. Sie nimmt die Konferenzhalle deutlich, wie scharf gezeichnet wahr. Die Übertragungsmonitore, die so groß sind wie eine große Kinoleinwand aus vergangenen Tagen. Der Bau erinnert, ein wenig an das Kolosseum, obwohl er natürlich deutlich kleiner ist.

Der Architekt dieses Raumes ist ein wahrer Meister seines Faches. Es ist nicht der einzige Bau in dieser Stadt, der seiner genialen Fantasie entsprungen ist. Line hat erst vor Kurzem eine Reportage von ihm ausgewählt und aufmerksam den Schilderungen gelauscht. Architektur gehört zu ihren besondern Vorlieben. Um so mehr freut es sie, dass die Veranstaltung hier stattfindet.

Der merkwürdige Polizist, der durch seine vier dilettantischen Sätze nicht unbedingt zu dem Gelingen des Vortrags beigetragen hat und ihr zudem auch noch die kurze Pause zunichtemachte, blickt zu ihr herüber. Sein Gesicht ist ausdruckslos und Line scheint es, als wäre er nicht bei der Sache. Seine Kollegin blickt wachsam, sie wirkt konzentriert. Aber Line interessiert viel eher der Mann, der so abwesend wirkt. Was mag in seinem Kopf vorgehen? Line weiß, dass eigentlich heute jemand anderes sprechen sollte. Warum er nicht anwesend war, wird sie sicherlich bald erfahren.

Line nimmt den nicht enden wollenden Applaus, als sie sich verabschiedet, erfreut zur Kenntnis. Die offensichtliche Begeisterung des Publikums pinselt eine zarte Röte auf ihre Wangen.

Obwohl Aaren nicht unbedingt ein Line Perkson Fan ist, muss sie zugeben, dass sie heute patent und sympathisch gewirkt hat. Sie erkennt, dass Line Perkson nicht nur eine hervorragende Wissenschaftlerin ist, sondern auch über exzellente kommunikative Talente verfügt. Sie ist ein Mensch der Spuren hinterlässt. Alles an ihr wirkt hell und sonnig. Wo Licht ist, muss auch Schatten sein, diese Lebensweisheit kommt Aaren in den Sinn. Sicherlich hat auch eine Line Perkson Eigenschaften, die nicht dem idealen Bild entsprechen, was sie heute von sich zeigt.

Tarik räuspert sich und unterbricht damit Aarens Gedanken. Sie blickt ihn erwartungsvoll an, doch er schweigt, schaut dumpf geradeaus. Sie sitzen immer noch, da zunächst Block A zum Ausgang geht, jetzt wo Line Perkson die Halle verlassen hat. Diejenigen, die bisher noch nicht in der Halle waren, haben überrascht bemerkt, dass das Podest, gleichzeitig ein Lift ist, der Line unmittelbar nach ihren Schlussworten, aus der Halle transportiert hat.

Aaren sieht wie sich die Menschen aus Block B nun zum Ausgang bewegen. Erst wenn sie und anschließend Block C den Raum verlassen haben, können sie gehen. So ist die Raumordnung. Für diejenigen, die bisher noch nie diese Stätte betreten haben, ist die Information nun auf den Monitoren eingeblendet. Die Zugeschalteten haben die Verbindung schon getrennt.

Aaren macht das Warten nervös. Sie ärgert sich zudem über Tariks Haltung, der einfach nur dasitzt und kein Wort sagt.

„Wir können weiterhin schweigen, wir können aber auch so etwas wie ein Gespräch versuchen.“ Aaren sieht Tarik etwas spöttisch an.

„Von gesprochenen Worten habe ich erst einmal genug.“

Aaren mustert Tarik erstaunt. Endlich dreht er sich zu ihr und weicht ihrem Blick nicht mehr aus. Doch sie kann in seinen Augen nichts erkennen. Tariks Augen wirken fremd und leer. Seine Bemerkung ist weder scherzhaft gemeint, noch soll sie die Möglichkeit bieten, auf diese Feststellung einzugehen.

„Na schön dann schreib mir wenigstens was.“

Tarik muss widerwillig grinsen, obwohl ihm Kommunikation, in jeder Form im Augenblick zuwider ist. Aber er muss reagieren. Seufzend nimmt er sein Smartphone und tippt ein:

„Es gab schon bessere Tage in meinem Leben. Von dem heutigen Tag erhoffe ich mir nur noch eins, das er so schnell wie möglich vorbei ist.“

Aaren hört den speziellen Message Ton, der immer dann zu hören ist, wenn ein Kollege die interne Nachrichtenapp benutzt. Der Satz ihres Kollegen lädt nicht gerade zu einer Unterhaltung ein. Trotzdem schreibt sie:

"Wollen wir uns nach Dienstschluss noch etwas unterhalten?"

Tarik schüttelt genervt mit dem Kopf.

Diese ablehnende Geste reicht Aaren. Sie wird keinen weiteren Versuch unternehmen. Wenn er nicht reden möchte, dann eben nicht.

Es dauert ungefähr zehn Minuten, bis sie zum Ausgang gehen. Gemeinsam, aber doch wie Fremde. Ein kleiner Riss in der sorgfältig aufgebauten Kameradschaft.

Aarens Aufmerksamkeit ist auf ihre Umgebung gerichtet. Tarik ist noch unaufmerksamer als üblich. Seine Aufmerksamkeit wird generell nur von den Dingen angezogen, die nicht in das Gesamtbild passen. Heute hat er auch dafür nicht den Blick. Seine Gedanke sind schon wieder ganz woanders. Ihm ist noch nicht einmal bewusst, dass sie die Station der Schwebebahn erreicht haben. Er sieht nicht die Anzeigentafel, die leuchtend den nächsten Zug in zwei Minuten ankündigt. Sein Blick ist nach innen gerichtet, obwohl er sonst eher bei einem äußeren Detail verweilt.

Er setzt sich abwesend neben Aaren, die zwei von den wenigen Sitzplätzen gesehen und beschlagnahmt hat. Er sieht nicht, dass sie mit dem linken Fuß wippt. Er hört nicht das Gespräch der zwei gut gekleideten Männer die gegenübersitzen.

Sie steigen an der fünften Haltestelle aus. Von hieraus sind es nur wenige Gehminuten bis zu dem Präsidium. Das Präsidium ist in einem unauffälligen Neubau untergebracht. Es gibt einen Eingang für Besucher und einen für die Angestellten. Das macht durchaus Sinn, da sich das öffentliche Leben nur im vorderen Bereich abspielt.

Die Kriminalisten sehen so Presse und Senatsmitglieder äußerst selten. Wird jemand zur Vernehmung geladen, wird er in das erste Untergeschoss geführt und dort von dem ermittelnden Gesetzesdiener erwartet. Im Untergeschoss ist die vorherrschende Farbe blau, mit grauen und vereinzelt gelben Tupfern. Alles ist nach modernen ergonomischen Erkenntnissen gestaltet. Ziergegenstände oder Bilder gibt es hier nicht.

Es gibt noch ein zweites Untergeschoss, dort sind unter anderem die Zellen. Es kommt aber nicht sehr häufig vor, das mehr als zwei oder drei Zellen belegt sind. In diesem Bereich wurde deutlich mehr mit der Farbe gespart. Alles ist Weiß, nur vereinzelt gibt es Farbkleckse.

Tarik und Aaren erreichen die Eingangstür. Nach der üblichen Erkennungsprozedur, die aus Irisscan, Dienstausweisscan und Zahlencode besteht, öffnet sich für Tarik und Aaren die Tür. Sie betreten das freundlich gestaltete Erdgeschoss. Bilder, die sich ständig zu neuen Ansichten formen, eine Theke vor der Informationstafel mit Getränkespender. Sitzgruppen mit kleinen Tischen, auf denen Eingabefelder implementiert sind und die Zugang zum Netz bieten.

Sie gehen nach links zu den Aufzügen, warten kurz auf einen freien Lift, um kurz darauf im 6. Stockwerk auszusteigen. Der sechste Stock ist das Herzstück der Abteilung. Die Farben sind hier nicht ganz so freundlich. Viele dunkle blaue Töne, die durch rote Farbkleckse aufgehellt werden. Aber es scheint so, als wäre hier nur halbherzig gestaltet. Oder vielleicht ist auch bewusst auf harmonische Finessen verzichtet worden, weil sich hier alles um die Bekämpfung der schweren Verbrechen dreht. Neben Aaren und Tarik arbeiten vier weitere Kommissare hier. Sie sind für Suchtmitteldelikte, Kapitalverbrechen, Erpressung und organisiertes Verbrechen zuständig. Die Bereiche sind meistens fließend. Deswegen arbeiten sie manchmal im großen Team.

Nur Tarik und Aaren arbeiten meistens alleine, da sie hauptsächlich mit Mord beschäftigt sind. Ihre Arbeit hat sich in den letzten Jahren geändert, sie sind nun manchmal auch mit der theoretischen Prävention beschäftigt. Tatorte untersuchen sie nun seltener. Meistens werden die Mörder von der Schutzpolizei verhaftet und in die unteren Zellen gebracht. Aaren und Tarik verhören sie dann, und wenn die Testauswertung durch das Team von Line Perkson erfolgt ist, schreiben sie die Einweisungspapiere.

Im siebten und achten Stockwerk sind die Wissenschaftler. Sie sind ein eigentümlicher Menschenschlag, zur seichten Unterhaltung kaum fähig. Sich dort aufzuhalten, ist jedes Mal so als würde man eine andere Welt betreten. Die Büros sind viel größer und sehen eher wie kleine Labore aus. Die Wände wirken farblos, aber das liegt vor allem daran, dass die Wissenschaftler Modernisierung rigoros ablehnen. Zu wichtig ist ihre Arbeit, sie darf durch nichts unterbrochen werden.

Das Büro, das Aaren und Tarik sich teilen, ist groß, hell und sehr modern eingerichtet. Sie haben die Schreibtische in einer Raumnische untergebracht, ein orangefarbener Tisch mit weißen Stühlen dient für interne Besprechungen. Die Holografien an den Wänden haben beide privat erworben. Was Bilder angeht, besitzen sie einen ähnlichen Geschmack. Ihre Arbeitstische bestehen aus Eingabefeldern, in denen man per Tastaturansicht, per Fingerschrift oder auch mit Zeichenstift, seine Eingabe tätigt. Man kann natürlich auch Sprachbefehle nutzen.

Fast gleichzeitig drücken sie auf eine Taste und auf der Trennwand erscheinen die Displays. Beide sehen, dass noch einiges zu erledigen ist. Eine Bildschirmkonferenz ist jedoch mit hoher Priorität gekennzeichnet. Es ist ihr Chef Amid Jörgison, der sie sprechen möchte.

Tarik seufzt.

Es dauert keine fünf Sekunden und das Gesicht von Amid Jörgison ist auf dem Display über dem Konferenztisch zu sehen. Er sieht erschreckend schlecht, aus. Die Nase rot, die Augen verquollen. Tarik tippt auf einen grippalen Infekt, obwohl er bisher noch nicht daran erkrankt ist.

„Sie sehen ja schrecklich aus.“ Aaren sieht ihren Chef ungläubig an.

„Danke für das Kompliment.“ Amid Jörgison hustet laut, verschleimt. Seine blauen Augen blinzeln trüb, sein dünnes Haar klebt ihm wie ein schmutziges gelbes Piratentuch am Schädel.

„Ich habe eben erfahren, dass sich unsere Abteilung nicht gerade ruhmreich präsentiert hat.“

Jörgison kommt gleich auf den Punkt. Nach einer einleitenden Rede steht ihm wohl nicht der Sinn oder er traut es seiner Stimme nicht zu, lange Gespräche führen zu können.

Tarik nickt, ihm ist klar, dass er seinen Schnitzer nicht schönreden kann.

„Ja, ich habe mich nicht gerade souverän verhalten.“

„Mehr haben sie dazu nicht zu sagen?“ Erneutes Husten.

„Nein, nichts was meinen Fehler rechtfertigen kann. Ich habe sie leider nicht sonderlich gut vertreten können.“

„Leider nicht sonderlich gut vertrete ..." Amid will ihn nachäffen, scheitert aber kläglich, da seine Stimme nur noch ein verschleimtes Pfeifen ist. Seine Krankheit passt so gar nicht zu ihm. Er ist ein vitaler Mann, der Schwächen, vor allem aber Krankheit schlecht tolerieren kann.

„Ich denke nicht, dass es dem Vortrag sehr geschadet hat. Mrs Perkson war brillant und hat ... “ Aaren versucht, die Situation zu entschärfen, doch sie wird von Jörgison unterbrochen.

„Natürlich war Mrs Perkson brillant. Aber von unserem Auftritt kann ich das leider nicht behaupten. Das war noch nicht mal schlecht. Das war das Schlechteste, was ich mir überhaupt vorstellen kann." Jörgison wird ganz rot im Gesicht, ob das vom Husten ist, oder ob sein Zorn für die verstärkte Durchblutung sorgt, ist nicht offensichtlich.

Tariks Mine wirkt jetzt verschlossen. So zurechtgewiesen zu werden, trifft ihn empfindlich.

Jörgison hustet sich frei für einen neuen Wortschwall.

„Mertlo! Was haben sie sich bloß dabei gedacht? Die ganze Welt denkt jetzt, wir sind nur eine Ansammlung von kläglichen Nichtskönnern.“

„Diese Aussage dürfte ein wenig übertrieben sein.“ Tarik Mertlo klingt gelassen, sein Gesicht wirkt emotionslos.

„Übertrieben? Ich übertreibe? Sie maßen sich also an meine Urteilsfähigkeit infrage zustellen? Wenn sie mich reizen wollen ...“ Ein Niesen unterbricht Amid. Er unterbricht die Verbindung kurz, vermutlich um sich die Nase zu putzen.

Aaren und Tarik warten, bis er wieder zu sehen ist.

„Wir werden uns nächste Woche darüber unterhalten.“ Amid ist wieder auf dem Monitor zu sehen, seine Augen fixieren Tarik.

„Wann sind sie wieder im Dienst?“ Aaren fragt vorsichtig.

„Ich hoffe Mittwoch. Sobald ich nicht mehr als ansteckend gelte. Diese dumme Krankheit. Es gibt noch etwas anderes, was zu besprechen ist.“

Jörgison sieht beide kurz an so als wolle er sich vergewissern, dass sie wirklich zuhören.

„Leider ist es mir so nicht möglich, die neue Kollegin vorzustellen. Sie wird Montag antreten. Kazim, sie werden sie einweisen und den Kollegen aus den anderen Abteilungen vorstellen.“

Aaren nickt.

„Noch was. Unsere neue Kollegin ist Soziologin.“

„Wie bitte? Was soll sie hier bei uns? Wir sind hier im Bereich Mord!" Aaren sieht Jörgison ungläubig an.

„Das neue Programm sieht vor, dass wir verstärkt präventiv arbeiten sollen.“

„Haben wir dazu nicht den Test?“ Fragt Aaren lakonisch.

„Der Test ist natürlich der Stützpfeiler. Aber es wird darum gehen, noch präventiver zu arbeiten.“

„Aber warum eine Soziologin? Warum keine Psychologin?“

„Unser Programm sieht vor, dass sozialen Verhalten mehr mit einzubeziehen. Dazu bedarf natürlich eines Soziologen.“

„Was soll sie denn bei uns machen? Wäre sie nicht besser in einem anderen Bereich untergebracht?“ Aaren will sich so schnell nicht geschlagen geben.

„Kazim! Das ist eine Anordnung.“

„In welchem Raum wird sie sitzen?“ Fragt Aaren verdrießlich.

„Sie wird in ihrem Raum sitzen. Die ersten drei Monate wird sie genau die Arbeit machen, die gerade bei ihnen ansteht. Sollte es zu einem Einsatz kommen, werden sie die Dame mitnehmen.“ Amid Jörgisons Mine ist nicht anzusehen, ob er den Gedanken eine Soziologin im Team zu haben gut findet oder der Tatsache eher ablehnend gegenübersteht.

„Ich werde mich Montag noch einmal melden.“

Jörgison blickt zu Tarik Mertlo. Dieser blickt ihn ausdruckslos an. Ohne weitere Worte trennt Jörgison die Verbindung.

„Na das sind ja tolle Neuigkeiten. Als ob wir hier eine Soziologin brauchen könnten.“ Aaren verzieht das Gesicht. Ihre rotbraunen Haare schlängeln sich schon wieder viel zu tief in die Stirn. Verärgert schiebt sie ihre Haare zur Seite.

„Na, wenn es so beschlossen ist.“ Antwortet Tarik zerstreut.

Aaren widmet sich wieder den Aufgaben, die sie angezeigt bekommt. Sie brütet über eine Zusammenfassung der Schutzpolizei, die über erhöhte Aggressionsbereitschaft in einem nahen Dorf berichtet. Ob es sich hier um einen Trend handelt, ist fraglich. Vermutlich sind sie nur wieder sauer, weil jemand den Test nicht bestanden hat.

Ein paar Stunden später tauscht Aaren, als sie zuhause ist, als Erstes ihr Kostüm gegen gemütliche Freizeitkleidung aus. Sie ist froh in ihrer Wohnung zu sein. Es sind sehr geschmackvoll eingerichtete Räume. Sie hat Talent für die Raumgestaltung. Jeder, der sie besucht, denkt zunächst, dass ihre Wohnung größer ist. Dabei hat sie nur sehr geschickt ihre Möbel platziert und mit Farbakzenten für mehr Weite gesorgt.

Ihre Wohnung sei außergewöhnlich schön, sagte mal eine Freundin. Dieses Kompliment hat Aaren gefreut und sie denkt oft daran, wenn sie ihre Wohnung betritt. Doch heute sind ihre Gedanken wieder Tarik Mertlo.

Obwohl sie sich schon Jahre kennen und ein vertrautes kollegiales Verhältnis aufgebaut haben, hat er sie heute abgeblockt. Es kommt ihr so vor, als wenn die Beziehung, die sie zueinander haben, nicht so tief ist, wie sie angenommen hatte.

Ob er jetzt nach Hause gegangen ist? Aaren ist nicht gerade beglückt über diese Entwicklung. Gut sie stehen sich nicht so nahe wie enge Freunde, jedoch sind sie Partner, die sich auch privat etwas zu erzählen haben.

Aaren seufzt und geht in die Küche. Als sie den Kühlschrank öffnet, sieht sie, dass ihre Getränkebehälter nicht nachgefüllt wurden. Sie schaut sich die Leitung an, die für die Befüllung der verschiedenen Getränke zuständig ist, doch sie scheint fehlerfrei.

Doch weder das Bier noch das Wasser und auch nicht das Orangensaftgefäß sind gefüllt.

„Auch das noch.“ Aaren knallt verärgert die Kühlschranktür zu.

Das hat sie nun von ihrem Pioniergeist. Sie ist eine der Ersten, die die neue Art der Getränkelieferung testet.

Ihre Bedenken waren eher bei der Frische und dem Geschmack der Ware gewesen, aber dass der Dienst komplett ausfallen würde, damit hatte sie nach den vollmundigen Werbeversprechen nicht gerechnet.

Sie stillt ihren Durst mit Leitungswasser und öffnet anschließend eine Flasche Wein, die sie eigentlich für besondere Anlässe aufbewahrt hat.

Der Automat hat also keinen Nachschub geordert. Aaren spricht eine Nachricht an den Lieferanten, die per Nachricht und als Anruf übermittelt wird.

Anschließend wählt sie per Sprachbefehl ihren Lieblingsessenlieferanten aus. Er liefert nicht nur ausgezeichnete Qualität, sondern ist auch sehr fortschrittlich, was den Service angeht.

Sie gibt ihre heutigen Tätigkeiten an, was sie bisher gegessen hat und anhand der verbrauchten Kalorien, werden ihr drei Gerichte vorgeschlagen. Sie entscheidet sich für Sojawürfel in Jägersoße mit Reis.

Eine freundlich klingende Computerstimme fragt, ob sie ihr Essen in 20 Min. geliefert werden soll und ob sie die übliche Bezahlungsart wählen möchte. Aaren bestätigt beides. Sie schätzt diesen Lieferservice, da er gesund und praktisch ist. Obwohl sie gerne auch in Restaurants isst. Doch kann man in einigen Restaurants nicht sicher sein, ob man nicht doch Fleisch vorgesetzt bekommt. Aaren mag kein Fleisch, nicht erst, seit die Gesundheitsprophylaxe vehement gegen den Fleischverzehr ist.

Genau nach zwanzig Minuten wird ihr Essen geliefert.

Aaren betätigt einen Schalter, eine Trennwand schiebt sich zusammen und ein weiterer Raum wird sichtbar. Sie balanciert ihr Tablett in den Schlafbereich. Sie stellt als Wandfarbe lindgrün und als Beleuchtung indirekt und für den Bereich am Monitor helleres Licht ein.

Per Knopfdruck verwandelt sie ihr Bett in einen riesigen bequemen Sessel. Sie startet den Computer und kurz darauf ist sie mit dem Netz verbunden.

Zunächst schaut sie sich die allgemeinen, für jeden zugänglichen, Nachrichten an. Über ein sprachgesteuertes Menü gelangt sie schließlich zu ihren persönlichen Nachrichten.

Drei davon haben den „Das könnte ihnen gefallen“ Charakter. Eine ist von einer Kollegin aus einer anderen Stadt, mit der sie einmal gemeinsam einen Fortbildungslehrgang besucht hat. Sie bittet um weiterführende Quellen zu einem Thema, falls Aaren welche weiß.

Aaren überlegt kurz, sagt verbinden, doch die Verbindung wird nicht aufgebaut. Anscheinend ist niemand zu Hause oder sie hat sich nicht eingeloggt. Aaren beschließt es morgen noch einmal zu probieren und sagt „Merken.“

Die letzte Nachricht stammt von ihrer Erzieherin. Mit schlechtem Gewissen sagt sie „Merken“ Sie meldet sich viel zu selten bei ihr.

Mit drei knappen Befehlen beendet sie die Sitzung bleibt aber eingeloggt.

Sie hat noch ein altes Laptop, das fährt sie nun hoch. Darauf befindet sich eine von ihr angelegte Datenbank. Die Datenbank ist modular aufgebaut und hat sämtliche Schwerverbrechen gespeichert, die Aaren bekannt sind.

Sie hat ein grafisches Menü programmiert, dass es erlaubt neben einer Stichwortsuche auch Fragen einzugeben. Diese Datenbank ist kostbar, sie arbeitet jetzt seit zehn Jahren daran. Zwar ist sie mit der Datenbank im Netz der Polizei nicht zu vergleichen, doch Aaren hat hier auch persönlichen Anmerkungen und Einschätzungen eingegeben, die manchmal zu erstaunlichen Ergebnissen führen.

Neben der Tat, wie Mord, Vergewaltigung und Erpressung hat sie auch soziale, charakterliche und verhaltensrelevante Daten erfasst.

Aaren würde gerne auch die Orte stärker herausarbeiten. Nicht nur die bereits vorhandene Verknüpfung zu den Tätern, sondern auch weitere Verbindungen erstellen. Sodass der Computer auch mögliche Orte ausgibt, wenn sie charakterliche oder soziale Eigenschaften eingibt. Aber langsam ist ihre Datenbank an den Grenzen ihrer Programmierfähigkeit.

Es ist schon nach Mitternacht, als Aaren überlegt, ob sie sich einen Klassiker ansehen soll oder lieber selbst einen Film zusammenstellt. Sie entscheidet sich für eine eigene Komposition. Vor Kurzem hat sie ihre Person eingescannt und kann diese nun in den eigenen Filmen integrieren. Sie wählt als Handlung Gesellschaftsdrama. Als Zeit Vergangenheit, als Ort Los Angeles, Hauptpersonen, sie, als unglückliche Teenagerin, Handlung Beziehungsdrama, als Ende kein Happy End.

Es dauert ungefähr zehn Minuten und der Film ist fertig.

Der Film ist nur mittelmäßig. Aaren überlegt, ob sie sich das teure neuere Modul kaufen soll. Mit diesem Modul sind die Möglichkeiten des modernen Films fast unbegrenzt. Man kann damit sogar Klassiker wunschgemäß ändern. Allerdings ist dieses Modul sehr teuer. Zumindest noch.

Erst beim Einschlafen taucht die Frage auf, die sie seit dem Vortrag beschäftigt.

Kann man das Testergebnis genauer betrachten, also entschlüsseln und sehen welche Fragen zu der farblichen Einschätzung geführt haben? Sie ist sich sicher, dass zumindest Line Perkson es kann.

2. Im Dorf

Bei klarem Wetter kann man die Stadt sehen. Hohe leuchtende Gebäude, mit einer riesigen Schwebebahn, die sich wie ein Ring um die Stadt schließt. Ist die Sicht getrübt, wirkt die Stadt wie eine schemenhafte Sammlung von bedrohlichen Riesen.

Bodin Schmidt ist jetzt fast fünfundsechzig Jahre alt. Er ist in seinem ganzen Leben nicht einmal in der Stadt gewesen. Es hat ihn nie wirklich gereizt dort hinzuziehen oder auch nur hinzufahren. Noch nicht einmal vor 15 Jahren, als der Stadtrat zum letzten Mal mit großartigen Angeboten lockte, überzusiedeln.

Mindestens die Hälfte der Bewohner seiner Stadt, damals war das Dorf noch eine Stadt, waren dem Lockruf gefolgt.

Schmidt war nicht einmal auch nur in Versuchung gekommen. Auch als klar wurde, dass die Stadt sich bald nicht mehr sonderlich für die übrig gebliebenen Dorfbewohner interessieren würde.

Ihm gefällt es immer noch hier zu leben. Es gibt einen See, es gibt Wald und Wiesen. Auch wenn sehr viel Land an die Stadt übertragen wurde.

Schmidt hat ein Haus. Alt und ziemlich heruntergekommen zwar, aber immerhin ein richtiges Haus. In der Stadt gibt es natürlich keine Häuser dieser Art. Dort bekommt man, wenn man gut verdient, eine anonyme Wohnung. Oder wenn man sehr gut verdient ein kleines Stadthaus. Aber falls es stimmt, was Rana erzählt hat, leben viele zusammengepfercht auf engsten Raum und haben nicht mehr als 18 Quadratmeter Privatsphäre.

Schmidt legt viel Wert auf seine Privatsphäre, was ihn aber nicht daran hindert, ab und an die Nachbargebäude unter die Lupe zu nehmen. Damit es nicht so offensichtlich ist, hat er immer seinen Hund dabei. Mit seinem vierbeinigen Alibi unternimmt er täglich zwei bis drei Stunden ausgiebige Kontrollgänge.

Am meisten interessieren ihn die beiden Nachbarhäuser, die links von seinem Haus sind. Das äußerste linke Grundstück grenzt schon an den Wald.

Da es in der Nacht leicht geregnet hat, glitzern die Blätter der Bäume im hellen Frühjahrslicht.

Etwas weiter entfernt rechtsseitig von seinem Haus, befinden sich ein paar enger zusammenstehende Wohnhäuser. Hier leben meistens Familien, die man nicht unbedingt als wohlhabend bezeichnen kann. Aber nicht nur deshalb zieht es Schmidt nicht dorthin. Er geht immer nach links, weil dort Wald und Wiese leicht zu erreichen sind.

Schmidt führt seinen Hund gerade am äußeren linken Haus vorbei. Mit dem Typen, der dort zurückgezogen lebt, hatte er schon einmal Ärger. Richtigen Ärger, also nicht den kleinen Ärger, den man nach ein paar Wochen gegenseitiger Missachtung und anschließendem Versöhnungsdrink, vergisst.

Der alte Louis Petit, der dort lebt, hat ihn so richtig angeblafft. Er hat ihm gedroht, die Polizei aus der Stadt zu rufen, wenn er es noch einmal wagen würde mit seinem Köter, sein Grundstück zu betreten. Dabei hatte sich, Hazel seine Hündin, wirklich nur kurz am äußersten Rand aufgehalten und war einer Spur gefolgt, die irgendein Tier hinterlassen hatte.

Schmidt wirft einen finstern Blick Richtung Haus. Er sieht, dass die Jalousien herunter gelassen sind. Dabei ist es schon nach acht Uhr.

„Penner“ Seine Stimme klingt laut im stillen Morgen. Schmidt hebt drohend die Hand, um seinen Groll zu unterstreichen.

Fast scheint ihm, als hätte sich ein Spaltbreit die Jalousie geöffnet und ohne sich dessen bewusst zu sein, senkt sich augenblicklich seine geballte Faust. Er hat keine Angst vor Petit, er hat aber Angst irgendwie unangenehm aufzufallen. Seitdem alle zu diesem Test müssen und manche nach dem ersten Test sogar in der Sicherheitszone untergebracht worden sind, verhält man sich im Dorf nach Möglichkeit unauffällig.

Amy Feldmeyer bemerkte einmal zu Schmidt, dass dies völlig bescheuert sei, weil der Test ja aus überwiegend aus Fragen besteht.

Schmidt kennt aber niemanden, der den Test so richtig verstanden hat. Sie wissen zwar, dass er ihre Psyche durchleuchtet und verborgene Charakterdefekte aufzeigt, aber sie wissen nicht, welche ihrer Antworten zu einer negativen Diagnose führen.

Einige haben sogar behauptet der Test sei immer noch nicht fundiert.

Doch die Angst vor dem Test ist da. Manche sind sogar schon unter falschen Verdacht geraden, weil herauskam, dass sie den Test nicht so gut bestanden haben.

Amy Feldmeyer, die rüstige Frührentnerin, deren Haus zwischen Schmidts und Petits steht, beteiligt sich so gut wie nie an den dorfüblichen Testdiskussionen.

Mit ihrer Zurückhaltung hat sie sich keine Freunde gemacht. Besonders die Schusters, die in einem großen Mehrfamilienhaus wohnen, waren sauer. Ihr neunjähriger Sohn wurde mitgenommen, da er als gefährlich eingestuft wurde.

Aber anderen gefällig zu sein, scheint die Feldmeyer nicht zu interessieren. Schmidt kennt sie recht gut. Er mag sie schon seit Jahren deutlich mehr, als freundschaftlich.

Mann und Hund treten den Rückweg an. Sie kommen nun an dem Schuppen von Petit vorbei. Hazel bleibt stehen und sie schnuppert.

„Na los komm.“

Der Hund steht immer noch bewegungslos da. Als ihn ein Windhauch entgegen weht, fängt er zu bellen an.

„Hazel. Sei still“ Bodin Schmidt zerrt an der Leine.

Der Hund blickt kurz irritiert, um dann um so lauter zu kläffen.

Schmidt zieht den bellenden Köter hinter sich her.

„Bist du wohl ruhig!“

Immer wieder dreht der Hund sich um, versucht zurück zu gehen. Schmidt geht schneller. Erst als sie an dem Grundstück von der Feldmeyer sind, gibt der Hund auf und kläfft nicht mehr.

Amy Feldmeyer ist schon auf, in merkwürdigem Outfit, mit schwarzer Stoffhose, grauem T-Shirt und sonderbaren Schlappen, füttert sie zwei Katzen.

Das gnadenlose Morgenlicht zeigt graue Fäden in dem dunklen Haaren. Feldmeyer hat sie straff nach hinten gekämmt und zu einem Zopf zusammengebunden.

„Guten Morgen.“

„Morgen Schmidt.“

„Wird ein schöner Tag.“ Schmidt blickt kurz zum Himmel, dann wieder zu Feldmeyer.

„Einer von vielen.“ Antwortet Feldmeyer verstimmt.

„Kann ich einen Kaffee haben?“

„Nein.“ Ihre Antwort klingt träge. Sie bewegt sich sparsam, aber geschmeidig, als sie Futter verteilt.

„Hast du Petit in den letzten Tagen gesehen?“ Schmidt blickt sie nun an.

„Nein, wie auch? Er ist doch verreist.“ Feldmeyer Aufmerksamkeit gehört noch immer den Katzen.

„Ach so. Wann kommt er denn zurück?“ Schmidt schaut kurz zu seinem Hund.

„So genau weiß ich das nun auch wieder nicht. Denke mal in ein paar Tagen. Wieso?“ Feldmeyer schaut Schmidt fragend an.

„Weil ... Hazel etwas gewittert hat.“

„Na was hat sie denn gewittert?“

„Keine Ahnung, ich dachte schon, der Alte liegt tot in der Scheune.“

„Ach komm. Er ist nicht da. Mach dir keine falschen Hoffnungen.“ Feldmeyer klingt nun boshaft.

„Als wenn ich mir so etwas wünschen würde.“ Schmidt gibt sich empört.

„Nicht?“

„Hey das ist wirklich eine überzogene Behauptung!“ Schmidt überlegt, was er noch Entkräftigendes sagen könnte, aber Feldmeyer wendet sich wieder ihren Katzen zu.

„Ist dir nicht kalt?“ Er wechselt das Thema.

„Wieso?“

„Es ist noch recht kühl.“ Schmidt blickt auf Feldmeyers spärliche Bekleidung.

Feldmeyer wirft Hazel etwas von dem Katzenfutter zu, was sie noch in der Luft fängt und genüsslich verspeist.

„Mir wird nicht so schnell kalt.“

Schmidt vermutet, dass es in ihrem Haus nicht wärmer ist als hier draußen, sagt aber nichts. Er befürchtet, dass sie sich üppiges Heizen nicht leisten kann. Aber er will sie nicht darauf ansprechen. Sie will keine nutzlose Plauderei. Das hat sie oft genug betont.

„Ich gehe dann mal.“

„Adiós“ Feldmeyer lächelt ihn erleichtert an.

Schmidt geht zu seinem Haus. Seine Gedanken sind bei Amy Feldmeyer. Er kennt sie nun schon so lange. Doch was weiß er wirklich von ihr? Wenn er ehrlich ist, interessiert ihn eher ihr Äußeres. Sie ist eine hübsche Frau mit vollem Haar, die anscheinend nicht einmal auf den Gedanken kommt, etwas gegen die graue Farbe zu unternehmen. Ihre Figur ist schlank, wirkt fast mädchenhaft. Natürlich nur, wenn man von der nicht mehr jugendlichen Haut absieht. Obwohl ihre Arme nicht schlaff sind, sind es doch Arme, die schon ein paar Jahrzehnte alt sind.

Und ihre ausdruckstarke Mimik hat deutliche Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Ihre dunklen Augen blicken meist träge, doch da ist ab und an ein Funkeln in ihren Augen, das sehr sinnlich wirkt. Wenn Schmidt etwas zu lange in ihre Augen schaut, bekommt er manchmal sogar weiche Knie.

Als er sich seinen Kaffee aufbrüht, hat er die Scheune und Hazels aufgeregtes Verhalten erst einmal vergessen.

„Gib das her, das gehört mir.“

„Dir gehört gar nix.“ Der Junge, der das verächtlich sagt, ist ein Kopf größer als sie und von kräftiger Gestalt. Triumphierend hält er seine Beute, eine abgenutzte uralte kleine gelbe Kinderschaufel hoch.

Sarah Schuster blickt auf die Schaufel. Sie hat nicht viel Spielzeug. Und gerade die Schaufel ist ihr Lieblingsspielzeug. Damit kann man Löcher in die Erde buddeln. Tiefe, nicht so tiefe, man kann einen Graben ziehen. Der eine Grenzen ist. Das hat sie gerade gemacht. Eine Grenze auf dem Weg gezogen, um ihren Platz von dem Rest des Weges abzusichern. Doch der Junge steht vor ihr. Die Grenze hat ihn nicht abgehalten. Hämisch sieht er sie an. Hält ihr die Schaufel vor ihr Gesicht.

Sie will danach greifen, doch der schleudert die Schaufel ganz weit weg.

Entsetzt folgen Sarahs Augen der Flugbahn der gelben Schaufel. Irgendwo, sehr weit weg, verliert sie an Höhe und fällt auf dem Boden.

„Na los hol sie dir. Oder bist du zu doof dafür?“ Der Junge lacht verächtlich. Sarah sieht die vielen Sommersprossen in seinem Gesicht, die wie kleine braune Flecke auf der weißen Haut wirken. Es ist ein hübscher Junge. Sarah hat ihn schon ein paar Mal in der Schule gesehen. Er gehört zu einem Rudel Jungs, die sehr laut und ausgelassen sind, wenn sie auf dem Schulhof hin und her rennen und sich schubsen und raufen.

Sarahs blickt in die himmelblauen Augen des Jungen. Sie sitzt nichts als Verachtung und Häme.

Sie weiß, nicht warum er sie verachtet, aber sie kann es genau in seinen Augen lesen. Unsicher senkt sie den Blick, dreht sich um und geht dorthin, wo sie die Schaufel vermutet. Ihr Gang ist ein wenig schlurfend, ihre Haltung schlecht. Sie fühlt sich gedemütigt, obwohl sie gar nichts getan hat.

Vor dem Grundstück von Petit bleibt sie stehen. Hinter dem hohen Zaun sieht sie die Schaufel liegen.

„Na weg ist sie“ Der Junge, der ihr gefolgt ist, lacht schadenfroh.

Sarah antwortet nicht. Ihre Augen schauen zu der Schaufel, dann zum Zaun.

„Du hast sie dorthin geworfen. Ich werde sagen, dass du sie dort hingeworfen hast.“ Sarah klingt ganz ruhig, so wie immer.

„Pah, sag es doch. Na und? Alle wissen doch, dass dein Bruder einer von denen ist. Und beim nächsten Test wirst du auch durchfallen. Und du wirst in die Sicherheitszone müssen. Dann brauchst du sowieso keine Schaufel mehr.“

Sarah unterdrückt die Tränen mit ganz vielen Blinzeln.

„Mein Bruder kommt bald zurück. Und dann wird er dich verhauen.“ Sarah sagt es leise, aber überzeugt.

„Träum weiter. Dein Bruder kommt nicht mehr zurück.“

Verächtlich spukt der Junge auf den Boden. Betont angewidert wendet er sich ab und geht aufreizend langsam zurück.

Sarah hat ihm nur kurz nachgesehen. Ihre Aufmerksamkeit gehört wieder der Schaufel. Obwohl sie in Sichtweite ist, scheint sie unerreichbar. Es ist nicht nur der Zaun. Es ist Petits Grundstück. Das Grundstück von Petit zu betreten, ist gar nicht gut. Es ist gefährlich. Petit mag es nicht, wenn man sein Grundstück ohne Einladung betritt.

Sarah setzt sich vor das Tor. Ihr Blick ist fest auf die Schaufel geheftet. Es scheint als habe sie die Kränkung schon wieder vergessen. Sarah kann Unangenehmes schnell verdrängen.

Leider kommen die verbannten Gefühle ab und zu nachts. Als erschreckende Bilder, in den Träumen. Wenn die Träume ganz schlimm sind, kann sie nicht mehr richtig Atem. Ihr Atem wird schneller, weil sie das Gefühl hat, keine Luft mehr zu bekommen. Dann kribbelt es immer so heftig in ihrem Gesicht und bald auch in den Armen Sarah findet es schrecklich, aber zum Glück passiert das nur selten. Und immer nur dann, wenn sie unvorbereitet ist. Hat sie rechtzeitig daran gedacht sich eine schöne Geschichte auszudenken, passiert es überhaupt nicht.

Sarah spielt in ihrem eigenen Leben noch keine größere Rolle. Sie beobachtet eher ihr Leben. Es ist so, als wartet sie noch auf ein Stichwort, um endlich ihre eigene Bühne betreten zu können. Noch ist die eigene Person nicht wichtig, noch gilt es nur zu überleben. Sie weiß nicht, dass ihr Testergebnis nicht gut ausgefallen ist. Sie hat keine Ahnung, dass ihre Psyche schon gefährlich verletzt ist.

Doch sie hat eher Nehmer- als Geberqualitäten, so wird sie vermutlich nicht zu einer Gefahr für ihre Mitmenschen heranwachsen. Sie ist nicht so wie ihr Bruder, der Druck nur durch Aggression kompensieren kann.

Sarah schaut weiterhin auf die Schaufel, sie braucht ihre Schaufel. Sie muss die Schaufel holen! Sie steht immer noch ratlos vor dem Tor. Alles sieht sehr friedlich aus. Vorsichtig berührt sie mit der Hand die Klinke. Zu ihrer Überraschung ist das Tor nicht verschlossen. Sie überlegt, ob sie rufen soll. Doch sie hat Angst. So schnell es ihre stämmige Gestalt erlaubt, rennt sie zu der Schaufel. Etwas außer Atem bleibt sie stehen. Petit scheint nicht da zu sein. Er ist nirgends zu sehen.

Das Grundstück ist leicht verwildert, wirkt aber nicht sehr vernachlässigt. Es fehlt nicht unbedingt die Hand eines Gärtners, sondern eher Interesse für die Gartengestaltung. Petit scheint es egal zu sein, was in seinem Garten wächst. Er wässert auch das Unkraut.

Sarah geht über die Wiese, die Schaufel ist nun in greifbarer Nähe und Sarah hebt sie hastig auf.