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Diese Bergroman-Serie stillt die Sehnsucht des modernen Stadtbewohners nach einer Welt voller Liebe und Gefühle, nach Heimat und natürlichem Leben in einer verzaubernden Gebirgswelt. "Toni, der Hüttenwirt" aus den Bergen verliebt sich in Anna, die Bankerin aus Hamburg. Anna zieht hoch hinauf in seine wunderschöne Hütte – und eine der zärtlichsten Romanzen nimmt ihren Anfang. Hemdsärmeligkeit, sprachliche Virtuosität, großartig geschilderter Gebirgszauber – Friederike von Buchner trifft in ihren bereits über 400 Romanen den Puls ihrer faszinierten Leser. Nach dem Stammtischbesuch schlenderte Förster Hofer zur nächtlichen Stunde die Hauptstraße entlang. Das Haus der Tierärztin Doktor Beate Brand war voll erleuchtet. Hofer blieb stehen und betrachtete die erleuchteten Fenster. In diesem Augenblick trat Beate, die von allen in Waldkogel liebevoll die Viehdoktorin genannt wurde, aus der Haustür. Hofer ging auf sie zu. »Grüß Gott, Beate! Mei, des ist gut, dass ich dich sehe.« »Grüß Gott, Lorenz! Ich bin wieder da. Gerade eben bin ich angekommen.« »Wie war dein Urlaub?« »Schön war er. Aber so schön er auch war, hier ist es am schönsten. Die letzten Tage war ich schon ganz unruhig und konnte es kaum erwarten heimzukommen.« »Das verstehe ich.« Lorenz Hofer folgte Beate zu ihrem Geländewagen und half ihr, das Gepäck ins Haus zu tragen. »Magst einen Schluck trinken?«, fragte sie. »Gern, danke für die Einladung!« Beate lächelte. »Es scheint ruhig gewesen zu sein, während meiner Abwesenheit.« »Wie man's nimmt«, sagte Hofer und lächelte. »Was willst du damit sagen? Der junge Tierarzt, den ich mit der Vertretung betraut hatte, langweilte sich mächtig. Er brannte darauf, aus dem ruhigen Kaff, wie er sagte, zurück nach München zu kommen«, lachte Beate. »Ich denke mir aber, dass unsere guten Waldkogeler nur gewartet haben, bis ich wieder da bin.« »Des stimmt. Sie waren alle sehr beunruhigt. Immerhin war es das erste Mal, dass du in Urlaub gefahren bist und dann gleich für mehrere Wochen.« »Auch eine Viehdoktorin braucht gelegentlich Erholung«, sagte Beate leise. »Des streite ich nicht ab. Ich gebe aber zu, dass ich und der Fellbacher glücklich sind, dass du wieder da bist. Es gibt nämlich etwas,
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Seitenzahl: 135
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Nach dem Stammtischbesuch schlenderte Förster Hofer zur nächtlichen Stunde die Hauptstraße entlang. Das Haus der Tierärztin Doktor Beate Brand war voll erleuchtet. Hofer blieb stehen und betrachtete die erleuchteten Fenster.
In diesem Augenblick trat Beate, die von allen in Waldkogel liebevoll die Viehdoktorin genannt wurde, aus der Haustür. Hofer ging auf sie zu.
»Grüß Gott, Beate! Mei, des ist gut, dass ich dich sehe.«
»Grüß Gott, Lorenz! Ich bin wieder da. Gerade eben bin ich angekommen.«
»Wie war dein Urlaub?«
»Schön war er. Aber so schön er auch war, hier ist es am schönsten. Die letzten Tage war ich schon ganz unruhig und konnte es kaum erwarten heimzukommen.«
»Das verstehe ich.«
Lorenz Hofer folgte Beate zu ihrem Geländewagen und half ihr, das Gepäck ins Haus zu tragen.
»Magst einen Schluck trinken?«, fragte sie.
»Gern, danke für die Einladung!«
Beate lächelte.
»Es scheint ruhig gewesen zu sein, während meiner Abwesenheit.«
»Wie man’s nimmt«, sagte Hofer und lächelte.
»Was willst du damit sagen? Der junge Tierarzt, den ich mit der Vertretung betraut hatte, langweilte sich mächtig. Er brannte darauf, aus dem ruhigen Kaff, wie er sagte, zurück nach München zu kommen«, lachte Beate. »Ich denke mir aber, dass unsere guten Waldkogeler nur gewartet haben, bis ich wieder da bin.«
»Des stimmt. Sie waren alle sehr beunruhigt. Immerhin war es das erste Mal, dass du in Urlaub gefahren bist und dann gleich für mehrere Wochen.«
»Auch eine Viehdoktorin braucht gelegentlich Erholung«, sagte Beate leise.
»Des streite ich nicht ab. Ich gebe aber zu, dass ich und der Fellbacher glücklich sind, dass du wieder da bist. Es gibt nämlich etwas, was unserem guten Bürgermeister schlaflose Nächte bereitet. Darüber wollte er mit deiner Vertretung nicht sprechen.«
Beate schenkte zwei Obstler ein.
Sie setzten sich an den Küchentisch.
»Fellbachers Kinder haben ein Kaninchen. Damit hätte er ruhig in die Praxis kommen können, auch wenn ich nicht da war.«
Lorenz Hofer schaute Beate ernst an.
»Darum geht es nicht. Es ist ernster. Wenn wir uns jetzt nicht zufällig getroffen hätten, wäre ich morgen bei dir vorbeigekommen.«
Er hob das Glas. Sie prosteten sich zu und tranken.
»Also Beate, ich sage es gerade heraus. Eine Redakteurin einer Münchner Zeitung behauptet, es gäbe Wölfe oder zumindest einen Wolf in Waldkogel.«
»Wie bitte?«, rief Beate aus.
Sie konnte kaum glauben, was sie eben gehört hatte.
»Doch, so ist es. Die Frau in München behauptet, sie wäre von Augenzeugen darauf aufmerksam gemacht worden. Fellbacher ist sehr beunruhigt.«
»Das glaube ich dir aufs Wort, dass unserem guten Bürgermeister die Nerven flattern. Aber ich halte es für Unsinn. Oder hast du gerissenes Wild im Wald gefunden? Hast du einen Wolf oder Wölfe heulen gehört?«
Lorenz Hofer schüttelte den Kopf.
»Na also, Lorenz! Die Geschichte soll wohl das Sommerloch in dem Blatt füllen. Bedenke doch, wie viel Vieh überall auf den Almen steht, darunter auch kleine Kälbchen. Wenn sich hier ein Wolf oder ein Wolfsrudel herumtreiben würde, dann gäbe es dafür Anzeichen.«
»Was ist mit einem Einzelgänger?«, fragte Hofer nach.
Beate seufzte.
»Man soll ja nie, nie sagen, Lorenz. Aber ich kann es mir nicht vorstellen.«
Sie sprachen eine Weile darüber, wie beunruhigt Fellbacher war. Er hatte bis jetzt nur mit Anstrengung verhindern können, dass etwas in der Zeitung veröffentlicht wurde und zitterte jeden Morgen, wenn er am Frühstückstisch das Blatt aufschlug.
Beate gab Lorenz Hofer ein Betäubungsgewehr und zeigte ihm, wie er es bedienen konnte.
»Also, sollten die Waldarbeiter einen Wolf ausmachen, dann zögere nicht, ihn zu betäuben. Ich komme dann sofort und schaue mir das Tier an. Ich denke, die Spaziergänger haben vielleicht einen großen ausgesetzten Hund beobachtet, ich vermute, einen Mischlingshund. Wenn es zur Kreuzung zwischen Schäferhund und Husky kommt, dann können die Nachkommen für Laien schon wie Wölfe aussehen.«
»Ich sagte meinen Forstarbeiter, sie sollten nach Hundespuren suchen. Den Verdacht, dass sich hier ein Wolf herumtreibt, habe ich für mich behalten.«
»Das ist gut.«
»Mei, jetzt bin ich schon beruhigter, Beate. Fellbacher und ich, wir haben die Verantwortung. Wenn eine Gefahr besteht, müssen wir den Wald sperren.«
»Bist narrisch, Hofer? Wir haben Ferienzeit. Des würde zur Krise führen. Das Wort ›Wolf‹ ist für Viele ein Reizwort. Nicht Wenige würden sofort abreisen und andere Sommergäste die Buchung stornieren, besonders, wenn sie Kinder haben. Aber ich denke, das geht vorüber. Die Sommerferien sind bald vorbei und damit auch das Sommerloch in den Zeitungsredaktionen. Du hältst Augen und Ohren offen und ich auch. Auf jeden Fall sollte Panik
verhindert werden, solange es keine stichhaltigen Beweise gibt. Außerdem meidet der Wolf Menschen, denn er hat Angst vor ihm. Der Mensch ist sein Feind, von dem ihm der Tod droht. Die Angst der Menschen vor Wölfen, ist also völlig übertrieben. Es ist gefährlicher, eine stark befahrene Straße zu überqueren. Ich verstehe nicht, dass die Leute solche Angst vor Bären und Wölfen haben. Der Verkehrsdschungel ist viel gefährlicher. Das nehmen alle hin. Es macht mich wütend, Lorenz, diese Unvernunft.«
»So denke ich auch. Aber die Angst vor Wölfen und Bären wird bereits in den Märchen geschürt.«
»Ja, leider ist es so, war es so und solange diese Märchen weiter erzählt werden, wird es so sein. Himmel, damals machte es vielleicht Sinn, den Kindern auf diese Art und Weise die Gefahren der Natur beizubringen. Aber heute leben wir im dritten Jahrtausend. Die Wildtiere stehen unter Naturschutz. Das Gleichgewicht in Wald und Feld hier in Europa ist außer Kontrolle, weil es keine Raubtiere mehr gibt. Außerdem wurden die Märchen damals so erzählt, dass die Kinder, besonders die Mädchen, schön auf den Wegen blieben, aber noch mehr im übertragenen Sinn. Der Wolf stand symbolisch für den Mann, der nach dem unschuldigen Mädchen trachtete oder den Kindern. Doch die Symbolik geriet in Vergessenheit und der Wolf wurde zum Feind. Dabei hatten die Wölfe eine wichtige Aufgabe innerhalb des Waldes.«
»Das musst du mir nicht sagen. Denke doch nur mal an die Überzahl der Wildschweine, die immer mehr die Vorstädte verwüsten und bereits Gärten zerstören. Es gibt immer noch Leute, die nicht einsehen wollen, dass die Jagd nötig ist und der Mensch so für einen Ausgleich sorgen muss.«
»Lassen wir es gut sein, Lorenz. Das ist ein endloses und trauriges Thema. Wir ereifern uns umsonst. Man kann nur immer wieder aufklären. Der Mensch hat es selbst zu verantworten. Leute wie du und ich können nur immer wieder darauf hinweisen, dass es ein Gleichgewicht geben muss. Manchmal komme ich mir vor wie der einsame Rufer und Mahner in der Wüste.«
Beate seufzte und schenkte noch einen Obstler ein. Sie tranken.
»Ich habe schon mehrmals versucht, die Ella Waldner zu treffen. Aber sie war nie daheim.«
»Du kennst sie, Lorenz. Sie macht weite Wanderungen, um ihre Kräuter zu suchen. Hast du ihr keine Nachricht in ihrer Kate hinterlassen?«
»Na, Beate, ich hatte Angst, die Nachricht käme in falsche Hände.«
»Verstehe! Versuche es an einem Sonntag. Sonntags geht die Ella nicht fort. Das weiß ich genau.«
»Der Sonntag ist ihr heilig, das stimmt. Da hätte ich auch selbst drauf kommen können. Aber ich hoffe, dass an der Geschichte nichts dran ist. Hätte die Ella Waldner Wolfsspuren entdeckt, dann hätte sie es mir gesagt.«
»Das denke ich auch, Lorenz!«
Beate war von der langen Heimfahrt müde. Sie stand auf und brachte den Förster zur Tür. Lorenz Hofer machte sich auf den Heimweg.
Trotz ihrer Müdigkeit ging Beate noch kurz in die Praxis und las in ihren Fachbüchern noch eine Weile über Wölfe nach. Sicher konnte es vorkommen, dass ein Wolfsrudel einen alten Wolf vom Rudel ausschloss und dieser allein umherstreifte. Aber dann hätte dieser Wolf hunderte Kilometer zurücklegen müssen. Das war die eine Möglichkeit oder er war aus einem Gehege ausgebrochen, aber das wäre bekannt geworden.
Beate nahm sich vor, sich am nächsten Tag bei Kollegen zu erkundigen, die sich mit Wölfen gut auskannten und sich auf die Behandlung von Wölfen spezialisiert hatten. Sie mussten wissen, wo eventuell ein Wolf vermisst wurde.
Beate schaltete den Anrufbeantworter ein und legte sich schlafen.
*
Der Butler servierte das Abendessen in der vornehmen Villa. Das Ehepaar Heinrich und Liane Stamm, beide erfolgreiche Mediziner, saßen am Tisch und warfen einen Blick auf ihre Tochter Alexandra. Nachdem der Butler den Wein eingeschenkt hatte, griffen die drei nach ihren Gläsern.
»Wollen wir auf deine Zustimmung trinken, Alexandra? Auf eine glanzvolle Zukunft«, sagte Professor Stamm lächelnd.
Die Gesichtszüge seiner Tochter gefroren für einen kurzen Augenblick zu Eis. Bedächtig stellte sie das Glas ab. Sie nahm all ihre Kraft zusammen und sah ihre Eltern abwechselnd an. Bis jetzt hatte sie es immer geschafft, die Entscheidung und eine Antwort hinauszuschieben. Gleichzeitig hatte sie gewusst, dass der Augenblick der Wahrheit kommen würde. Jetzt war er da.
Alexandras Mutter schaute ihre Tochter an. Sie presste die Lippen zusammen, sodass sie nur noch wie ein dünner Strich aussahen. Streng musterte sie ihre Tochter. Ihre Augen sprachen Bände, bis sie sich endlich äußerte.
»Alexandra, ich sehe, du lehnst unser Angebot ab. Das ist keine kluge Entscheidung, Kind«, zischte sie leise.
Alexandra schoss das Blut in die Wangen.
»Ich habe noch nichts gesagt, Mutter«, bemerkte Alexandra.
»Unsinn, dein ganzes Verhalten spricht Bände. Du hast den Trinkspruch deines Vaters wohl verstanden und wir deine Antwort. Du willst nicht!«
Alexandra wäre am liebsten aufgesprungen und davongerannt, bis ans Ende der Welt. Schon immer hatte sie diese tiefe Sehnsucht nach Freiheit in sich gespürt und sie wusste, nur Flucht konnte ihr sie geben. Bisher hatte sie dieses Gefühl immer unterdrückt und sich stattdessen kleine Fluchten ausgedacht, Studium in einer weitentfernten Stadt, Auslandssemester in Amerika und Australien, Facharztausbildung in Kanada. Doch jetzt sollte sie durch eine Tür in einen Raum gedrängt werden. Das Zimmer wollte sie nicht betreten, es kam ihr wie eine Falle vor. Die Tür würde sich hinter ihr schließen und dann wäre sie gefangen wie ein Hamster in seinem Rad.
»Jeder junge Mediziner würden sich freuen, solch eine Chance zu erhalten, Alexandra. Deine Mutter und ich, wir haben ein Leben lang dafür gearbeitet, damit du es einmal besser hast. Wir führen die Klinik einige Jahre zusammen, dann scheide ich aus und du bist Chefin. Du wolltest doch immer Ärztin werden oder?«
Tausende Gedanken schossen Alexandra durch den Kopf. Man sagt, dass vor dem Ableben oder in großer Gefahr das Leben eines Menschen vor seinem geistigen Auge abläuft, in diesem Moment lief in Alexandras Kopf ein Film ab: Alexandra, das kleine Mädchen, das Ärztin spielte, die Schülerin, die für gute Noten büffelte, die Abiturfeier, auf der ihr Vater stolz verkündete, dass Alexandra in zehn Jahren die Klinik übernehmen würde. Jetzt war es so weit. Aber nicht nur an ihre medizinische Laufbahn musste sie denken, sondern noch mehr an Luis, dem seit Jahren ihr Herz gehörte. Alexandras Herz schlug schneller, als sie an ihn dachte. Er war ihr wichtiger als alles auf der Welt, wichtiger als Ruf, Ruhm und Karriere.
»Alexandra, wo bist du mit deinen Gedanken?«, zischte ihre Mutter. »Du bist uns eine Antwort schuldig.«
Alexandra fühlte sich ertappt und errötete.
»Ich bin noch nicht so weit«, verteidigte sie sich.
»Unsinn!«, brach es aus ihrer Mutter hervor.
In ihrer Stimme lag deutlicher Tadel. Alexandras Vater legte beruhigend seine Hand auf die Hand seiner Frau.
»Ruhig, Liane, lass Alexandra es erklären.«
Er lächelte sie an.
»Also, Alexandra, warum scheust du vor dem Schritt zurück?«
»Es ist der falsche Zeitpunkt«, behauptete Alexandra.
Insgeheim schämte sie sich vor sich selbst, dass sie so feige war. Aber sie wollte keinen Streit.
»Warum ist es der falsche Zeitpunkt?«, hakte ihr Vater nach.
Ihre Mutter spielte nervös an ihrer Perlenkette herum.
»Ich schreibe an meiner Habilitation. Die Forschung ist sehr zeitintensiv, das wisst ihr. Ich habe noch einige Monate im Labor zu tun. Ich wäre in der Klinik nicht voll einsatzfähig. Das wäre ein schlechter Start.«
»Darüber musst du dir keine Gedanken machen. Wir finden gemeinsam eine Lösung«, wandte ihr Vater ein.
»Das möchte ich aber nicht. Ich will nicht auf zwei Hochzeiten gleichzeitig tanzen. Ich will alles richtig machen und mich voll und ganz einbringen, wenn ich in deine, pardon, eure Klinik eintrete.«
Ihr Vater legte die Stirn in Falten.
»Wann? Nenne mir bitte ein konkretes Datum!«
Alexandra zuckte mit den Schultern.
»Nach meiner Habilitation, denke ich. Es soll mir niemand nachsagen, dass ich nur meinen Professorentitel erhalten habe, weil ich eure Tochter bin und in eurer Klinik arbeite.«
»Himmel, du hast vielleicht Gedanken! Sei nicht päpstlicher als der Papst«, tadelte ihre Mutter. »Außerdem solltest du deine Forschung schnell abschließen. Du hast genug Daten. Das kannst du nicht leugnen, Alexandra.«
»Das stimmt schon, Mutter, aber sie müssen neu ausgewertet werden. Ich muss noch einmal eine Kontrollreihe durchführen. Ich will ganz sicher sein, dass ich alle Ergebnisse zweifelsfrei belegen kann.«
Professor Doktor Heinrich Stamm lächelte seine Tochter an.
»Mein Liebe, ich kenne dich, du bist in allem, was du tust, sehr gründlich und gewissenhaft. Deine Mutter und ich sind stolz auf dich. Doch man kann es auch übertreiben. Außerdem bist du jetzt in einem Alter, in dem du auch an dein Privatleben denken solltest. Du bist Medizinerin. Deshalb muss ich dir nicht sagen, dass deine biologische Uhr tickt. Schließe meinetwegen innerhalb des nächsten halben Jahres deine Habilitation ab. Sagen wir, bis spätestens zum Jahresende bist du damit fertig und übernimmst Verantwortung in der Klinik, an meiner Seite.«
Er lächelte sie wieder an.
»Ich habe mir alles genau überlegt. Ich werde dir viel Freiheit lassen, auch Freizeit. Du musst dich auch deiner privaten Zukunft widmen können. Gehe aus, treffe dich mit Freunden! Gehe tanzen! Du bist eine junge Frau, die immer nur arbeitet und kein Privatleben hat. Denkst du nicht einmal daran, dass es auch an der Zeit wäre für eine Familie? Verspürst du keine Sehnsucht nach einem Mann und nach Kindern?«
Alexandra sah verlegen unter sich und kämpfte mit ihren Gefühlen. Ihr Herz klopfte wild und flüsterte mit jedem Schlag, Luis – Luis – Luis. Verlegen griff sie sich mit den Händen in die Locken und zuckte mit den Schultern. »Liebe kann man nicht planen«, sagte sie leise.
»Das stimmt, Alexandra«, stimmt ihr Vater zu. »Aber die Liebe findet man nur, wenn man auf der Suche ist. Uns scheint es, dass du nicht auf der Suche bist. Unglücklich scheinst du über dein Singledasein aber nicht zu sein. Das kommt deiner Mutter und mir etwas unnatürlich vor. Damit will ich dir nicht zu nahe treten.«
»Ich habe mich auf meine Karriere konzentriert, Papa«, sagte Alexandra leise. »Da blieb mir keine Zeit für eine Beziehung.«
»Das wissen wir und wir sind stolz auf dich. Du hast alle Prüfungen mit Auszeichnung bestanden. Die Kollegen sind voller Lob für dich. Alle beneiden uns um unsere fleißige und gewissenhafte Tochter. Deine Mutter und ich, wir denken aber, dass du das Thema Familie, also Mann und Kind oder Kinder fest ins Auge fassen solltest. Wir wollen nicht, dass du eines Tages allein dastehst und bereust, dich für ein einsames Leben entschieden zu haben. Es wäre doch sehr schade, wenn es später keine nächste Generation gäbe, die alles weiterführt. Weißt du, liebe Alexandra, auch deshalb will ich dich bei mir haben. Ich und deine Mutter wollen, dass du dir mehr Zeit für dich nimmst und nach deiner glänzenden und brillanten Medizinerkarriere, Familienplanung ganz oben auf deinen Lebensplan setzt. So hat es deine Mutter auch gemacht. Sie hatte eine halbe Stelle an der Universität, genau wie ich, wegen der Lehrtätigkeit. Daneben lief unsere Privatklinik und wir planten dich. Für dich wird es heute einfacher sein, als für uns damals. Wir freuen uns, dir einfach ein ›gemachtes Nest« zu übergeben, wie man sagt. Du suchst dir einen netten Mann, gebildet, aus gutem Hause, dann Heirat und ein bis zwei Kinder. Ich halte dir den Rücken frei, bis die Kinder aus dem Gröbsten sind. Dann ziehe ich mich nach und nach zurück und überlasse alles dir. Wie gefällt dir der Gedanke? Das ist doch ein guter Plan, findest du nicht auch?«
Alexandra hatte hochrote Wangen. »Das ist ein guter Plan. Aber wo und wie finde ich …«, sie brach den Satz ab, denn sie wollte nicht lügen.
Ihre Mutter lächelte sie an.
