Ein verlorener Traum - Kiko - E-Book

Ein verlorener Traum E-Book

Kiko

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Beschreibung

Die Geschichte beginnt in den Jahren des Krieges. An Friedas sechzehntem Geburtstag verändert ein Einberufungsbefehl ihr Leben unwiderruflich. Sie erfährt Liebe und Zuneigung von zwei Män­nern, die unterschiedlicher nicht sein könnten – doch Frieda hat auch Angst, denn Gustav überschattet ihr Schicksal mit Härte und Gewalt. Zwiespältige Gefühle begleiten sie auf einem Weg zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Ein wunderbarer Roman – großartig entwickelt, gefühlvoll und tiefgründig.

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EPUB
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Seitenzahl: 183

Veröffentlichungsjahr: 2026

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Kiko

Ein verlorener Traum

KIKO

Ein verlorener Traum

Die Wahrheit lauert im Schatten

R. G. Fischer Verlag

Die in diesem Roman genannten Städte existieren tatsächlich. Alle Figuren, ihre Geschichten und fast alle Orte sind jedoch frei erfunden. Lediglich der kleine See in Pinneberg existiert tatsächlich. Sollten dennoch zufällige Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen bestehen, so sind diese nicht beabsichtigt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

© 2026 by R. G. Fischer Verlag

Sontraer Str. 13, D-60386 Frankfurt/Main

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Schriftart: Baskerville

Herstellung: rgf/2B

ISBN 978-3-8301-2001-8 EPUB

Inhalt

Ein verlorener Traum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Ein besonderer Dank gilt meinem Mann, der mir mit unendlicher Geduld zur Seite stand und mich während des Schreibens liebevoll verwöhnt hat.

Auch meine beiden Zwergpudel, Sammy und Peggy, haben große Geduld bewiesen – manch langer Spaziergang musste warten, damit dieses Buch entstehen konnte.

Ein verlorener Traum

Sie war erst zweiundzwanzig, als sie am Ufer des kleinen Sees im stillen Park ihrer Heimatstadt stand.

Der Abend lag wie ein sanfter Schleier über dem Wasser, das in matten Schimmern die letzten Spuren des Tageslichts trug. Noch einmal ließ sie den Blick schweifen, als wollte sie jedes Detail in sich einbrennen – das leise Zittern der Blätter, das ferne Lachen eines Kindes, den flüchtigen Glanz auf der Wasseroberfläche. Es war, als wollte sie all das ein letztes Mal sehen.

Doch dann – ein kaum spürbarer Augenblick, ein innerer Riss – erlosch das Licht. Die Farben, eben noch warm und lebendig, verblassten. Die Geräusche erstickten in einer fahlen Stille. Die Wärme, die eben noch in ihr gewesen war, wich einer unendlichen Kälte. Sie stand da, und alles, was sie getragen hatte, glitt von ihr ab.

Wie in Trance, vom eigenen Körper losgelöst, setzte sie sich in Bewegung. Ihre Gedanken lagen im Nebel, fern und unerreichbar. Schritt um Schritt führte sie ihr Weg zum Wasser. Das Ufer nahm sie auf, die weiche, morastige Erde gab unter ihren Füßen nach. Die Kühle des Wassers kroch in ihre Schuhe, aber sie spürte nichts – nur die Leere.

Eine Stimme, kaum mehr als ein Hauch, flüsterte tief in ihr: »Komm. Lass dich fallen. Hier ist Ruhe. Hier ist kein Schmerz.«

Es war kein Zwang, kein Befehl – nur ein leises Versprechen, das sie wie ein unsichtbarer Strom ins Dunkel zog.

Die Wellen kräuselten sich um ihre Knöchel, kleine Ringe liefen hinaus in die stille Fläche. Tränen mischten sich mit dem Wasser, verschwanden darin so, wie sie selbst verschwinden wollte. Bilder flackerten vor ihrem inneren Auge auf – ein

Lächeln, das erste Lachen ihres Bruders, warme Sommerabende, Worte, die ihr etwas bedeutet hatten. Alles glitt davon wie ein Film, der zu Ende ging.

Noch einmal hob sie den Blick zum Himmel, ohne wirklich zu sehen. Alles war nur noch Schatten – Wolken, Vögel, Bäume. Dann senkte sich Dunkelheit über ihre Sinne.

Und der See schwieg.

Was war geschehen?

Kapitel 1

Pinneberg, 14. Mai 1940.

Der Morgen roch nach Regen und warmem Brot. Ein dünner Streifen Licht schob sich unter der Verdunkelung hindurch und zeichnete einen goldenen Balken über Friedas Bettdecke. Für einen Atemzug vergaß sie alles, was gestern noch schwer auf ihr gelegen hatte: den Einberufungsbescheid, das frühe Aufstehen, das Unbekannte. Heute wurde sie sechzehn. Heute durfte die Welt, wenigstens für ein paar Minuten, weich sein.

»Aufstehen, mein Mädchen«, sagte Anni leise an der Tür, und in ihrer Stimme schwang dieses helle Lächeln mit, das selbst müde Tage trug. »Nur ein Schluck Kakao, dann holen wir von Frau Andersen das Brot ab. Horst ist schon ganz kribbelig.«

Frieda richtete sich auf. Das Herz schlug schneller – vor Vorfreude und einem Hauch von Angst. Draußen glomm der Himmel, irgendwo rief eine Amsel.

Aus der Backstube an der Ecke stieg der vertraute Duft, der nach Kindheit und sicheren Händen schmeckte. »Sechzehn«, murmelte sie und strich die Decke glatt. »Ich schaff das.«

Anni kam näher, rückte eine Haarsträhne aus Friedas Stirn. »Natürlich schaffst du das. Und wenn die Welt groß wird, bleiben wir klein und nah. Das ist unser Trick.«

Unten auf der Treppe stand Horst schon im Hemd und tippelte auf der Stelle, als müssten seine Füße das Warten verbrennen. »Können wir jetzt? Ich habe geträumt, das Brot singt!«

»Wenn du es nicht gleich aufisst, singt es dir vielleicht ein Ständchen«, neckte Anni.

Frieda lachte, und für einen Moment war alles leicht.

Auf der Straße lag die Stille, wie sie nur ganz früh existiert: ein flacher Atem, der die Pflastersteine wärmt.

Vor der Tür der Backstube wischte Frau Andersen sich die Hände an der Schürze ab, das Gesicht vom Ofen gerötet. »Na, Geburtstagskind«, sagte sie und schob ihnen einen noch warmen Laib zu, »heute soll’s ein guter Tag werden.«

Horst bekam ebenfalls ein Stück, das er mit beiden Händen festhielt, als könnte es ihm sonst entgleiten. »Danke, Frau Andersen!«, nuschelte er mit vollem Mund.

Die Bäckerin schmunzelte, nickte ihnen noch einmal freundlich zu und verschwand dann in der Tür der Backstube, wo schon das nächste Blech auf sie wartete.

Der Duft blieb wie eine helle Spur in der Luft zurück. Frieda schloss kurz die Augen und atmete tief ein, als wollte sie den Moment in sich einschließen. Dann spürte sie es: diesen winzigen Stich, der nichts mit Hunger zu tun hatte. Eine Ahnung. Etwas war wach in der Stadt, was nicht hierhergehörte. Sie öffnete die Augen.

Am Ende der Gasse stand ein Mann im Schatten der Mauer, die Hände in den Manteltaschen, der Hut tief. Ein Blick nur, kaum länger als ein Wimpernschlag – und doch reichte er, damit Kälte zwischen die warmen Brotgerüche kroch.

Der Mann wandte sich ab, als hätte er es eilig, und verschwand um die Ecke.

»Kommst du?«, rief Horst. »Mein Stück wird kalt!«

»Gleich«, antwortete Frieda und merkte, dass ihre Stimme zu ruhig war. Sie hakte ihren Arm bei Anni ein. »Hast du den gesehen?«

Anni folgte ihrem Blick, schüttelte den Kopf. »Nur Gespenster so früh am Morgen. Und Gespenster haben Wichtigeres zu tun, als Geburtstagskinder zu beobachten.«

Frieda nickte, aber das Bild blieb. Sie presste das warme Brot fester an sich, als könnte es sie schützen. Heute würde sie zum ersten Mal in die Kaserne gehen, zu Dr. Brodersen, und sie wollte stark sein. Und doch flackerte in irgendeiner stillen Ecke ihres Herzens ein anderer Gedanke auf – dunkelbraune Augen, eine Stimme, die man nie vergaß. Ein Gesicht, das sie noch nicht kannte und doch schon suchte. Liebe und Gefahr, dachte sie, ohne das Wort zu denken. Vielleicht begann alles an einem Tag, der nach Brot roch. In der Ferne heulte kurz eine Sirene auf, der Probealarm, der mittlerweile zu den Geräuschen der Stadt gehörte wie das Schlagen der Kirchturmuhr. Frieda atmete aus. »Komm«, sagte sie. »Bevor es wirklich losgeht.«

Kapitel 2

Frieda hatte sich in den ersten Tagen ihres neuen Einsatzes schnell in ihre Tätigkeit eingefunden. Die langen Flure, das leise Klappern von Metallschalen, der Geruch nach Desinfektionsmittel – all das war ihr inzwischen vertraut geworden. Anni nahm sich immer wieder Zeit für sie, erklärte geduldig Handgriffe, die in der Eile kaum auffielen, und Dr. Brodersen lobte ihre rasche Auffassungsgabe. Die erfahrene Krankenschwester Ann-Marie war eine besondere Stütze. Sie verstand es, in den hektischsten Momenten ruhig zu bleiben, und hatte ein feines Gespür dafür, wenn Frieda unsicher war. Zwischen den beiden entwickelte sich schnell eine stille, kameradschaftliche Nähe.

Doch nicht jeder in der Kaserne war ihr wohlgesonnen. Gustav, ein kräftiger, unberechenbarer Soldat, schien immer wieder in ihrer Nähe aufzutauchen. Anfangs waren es nur flüchtige Blicke und zweideutige Bemerkungen, doch bald merkte Frieda, dass er gezielt Gelegenheiten suchte, um ihr zu nahe zu kommen. Sie wich ihm aus, hielt sich an Orte, wo andere in der Nähe waren, und Ann-Marie, die es ebenfalls bemerkt hatte, stellte sich schützend an ihre Seite.

An einem kühlen Herbstabend, als die Gänge fast leer waren und nur das Summen der Neonlampen die Stille durchbrach, wartete Gustav auf seine Gelegenheit – doch nicht, um Frieda anzutasten. Sein Zorn hatte sich inzwischen gegen Ann-Marie gerichtet, die ihm mehr als einmal deutlich die Stirn geboten hatte.

Ann-Marie war gerade auf dem Weg in den kleinen Lagerraum, um Verbandsmaterial zu holen. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss, und in diesem Moment packte Gustav sie von hinten. Sie schrie auf, doch der Laut hallte nur dumpf gegen die geschlossenen Wände. Mit brutaler Gewalt drängte er sie in die Ecke, seine Hand presste sich fest auf ihren Mund. Sie wehrte sich verzweifelt, trat nach ihm, doch er hielt sie im Griff wie ein Schraubstock.

Conrad, der junge Sanitäter, hatte den Schrei gehört. Er rannte den Gang entlang, riss die Tür auf und stürzte auf Gustav zu. Für einen Augenblick ließ der von Ann-Marie ab – nur um sich gemeinsam mit einem Kumpan, der plötzlich aus dem Schatten trat, auf Conrad zu stürzen. Die beiden Männer schlugen auf ihn ein, bis er blutend und benommen am Boden lag.

Ann-Marie, zitternd und mit zerrissener Kleidung, kroch zur Wand. Ihre Augen waren weit aufgerissen, als sich Gustav noch einmal zu ihr umwandte.

Doch Schritte näherten sich – Dr. Brodersen kam, alarmiert durch den Lärm. Gustav stieß nur ein kurzes höhnisches Lachen aus und verschwand mit seinem Komplizen in der Dunkelheit des Flures.

Conrad wurde sofort versorgt, sein Gesicht gezeichnet von den Schlägen.

Ann-Marie schwieg lange, ihre Stimme war brüchig, als sie später im Schwesternzimmer saß. Frieda legte behutsam ihre Hand auf die ihre. Zwischen ihnen war kein Wort nötig, um zu wissen, dass sich in dieser Nacht etwas Unumkehrbares ereignet hatte.

In der Stille, die nach dem Tumult zurückblieb, schien der Raum kleiner geworden zu sein. Ann-Marie saß zusammengesunken auf einem Stuhl, die Hände fest um eine Tasse gekrallt, in der der Tee längst kalt geworden war. Ihr Blick war leer, als sähe sie irgendwohin, wohin niemand folgen konnte.

Frieda saß neben ihr, unsicher, ob sie reden oder schweigen sollte. Alles in ihr drängte danach, etwas Tröstendes zu sagen, doch sie ahnte, dass es keine Worte gab, die das Geschehene ungeschehen machen konnten.

Dr. Brodersen kam herein, legte Ann-Marie eine Decke um die Schultern und wechselte einen kurzen, ernsten Blick mit Frieda. Es war ein Blick, der sagte: Pass auf dich auf. Sie verstand sofort, dass das nicht nur eine freundliche Ermahnung war, sondern eine Warnung.

Conrad lag im Behandlungsraum, während Anni vorsichtig eine Platzwunde an seiner Stirn vernähte. Trotz der Schmerzen versuchte er zu scherzen, um die Anspannung zu vertreiben, doch sein Blick suchte immer wieder Ann-Marie – als wollte er sich vergewissern, dass sie noch da war.

In dieser Nacht schlief Frieda nicht. Sie lag auf ihrem schmalen Bett im Schwesternzimmer, lauschte den fernen Geräuschen aus den Fluren und dachte an die starren Augen Ann-Maries, an das Blut in Conrads Haaren – und an das höhnische Lachen Gustavs. Es war ein Laut, der in ihr nachhallte wie ein Echo in einem kalten, leeren Raum.

Am nächsten Morgen war die Kaserne äußerlich wieder dieselbe, doch für Frieda hatte sich etwas verändert. Sie wusste nun, dass hinter den gleichförmigen Tagesabläufen eine Gefahr lauerte, die nicht in den Einsatzplänen verzeichnet war. Und sie wusste, dass sie von nun an nicht nur Patienten versorgen, sondern auch sich selbst schützen musste.

Frieda begann den folgenden Tag, als hätte es die Nacht davor nicht gegeben – zumindest nach außen hin. Sie zog die frische Schwesterntracht an, band sich die Haare streng zusammen und ging mit dem gleichen festen Schritt wie immer durch die Gänge. Doch in ihrem Inneren lag eine neue Wachsamkeit wie ein unsichtbarer Schatten.

Ann-Marie war ebenfalls im Dienst, blass und wortkarg, doch sie arbeitete wie immer zuverlässig. Ihre Hände zitterten manchmal leicht, wenn sie eine Nadel anreichte oder einen Verband wechselte, und Frieda bemerkte, wie sie gelegentlich den Blick in die dunkleren Ecken des Flures vermied.

Conrad trug einen Verband über der Stirn und bewegte sich langsamer als sonst, doch er ließ sich nichts anmerken. Jedes Mal, wenn er Ann-Marie begegnete, huschte ein flüchtiges Lächeln über sein Gesicht, das mehr Trost als Fröhlichkeit war.

Gustav ließ sich an diesem Tag nicht blicken – nicht während der Schicht. Doch Frieda spürte, dass er irgendwo in der Kaserne war. Dieses Gefühl, beobachtet zu werden, ließ sie nicht los. Es war, als würde er in ihrem Schatten stehen, den richtigen Moment abwartend, um sich wieder in ihr Leben zu drängen.

Am Abend, als Frieda das Schwesternzimmer abschloss, blickte sie noch einmal über die Schulter in den langen, dämmrigen Gang. Nichts bewegte sich, nur das ferne Summen der Lampen lag in der Luft. Und doch beschleunigte sich ihr Herzschlag. Sie wusste, dass die Gefahr nicht vorbei war – sie hatte nur eine andere Gestalt angenommen. Mit diesem Bewusstsein trat sie hinaus in die kühle Nachtluft.

Der Wind roch nach feuchtem Laub und Rauch aus den Schornsteinen, und irgendwo in der Ferne bellte ein Hund. Frieda zog den Mantel enger um sich. Sie hatte das Gefühl, dass die kommenden Tage ihr mehr abverlangen würden, als sie je gedacht hätte.

Kapitel 3

Die nächsten Tage waren geprägt von einem unaufhörlichen Kommen und Gehen. Verwundete Soldaten wurden eingeliefert, manche erschöpft, andere schwer verletzt. Frieda arbeitete Seite an Seite mit Anni, Dr. Brodersen, Conrad und Ann-Marie. Es blieb kaum Zeit zum Durchatmen, und doch war da ständig dieses Gefühl, dass etwas im Verborgenen lauerte – wie ein Gewitter, das sich über Tage hinweg zusammenbraute. Frieda gewöhnte sich schnell an die Abläufe, wusste bald, in welchem Schrank die Spritzen lagen, wie der Wagen für die Verbandsrunden bestückt werden musste und wann es Zeit war, den Wasserkessel für den Nachtdienst anzustellen. Sie hörte inzwischen allein am Klang der Schritte im Flur, wer sich näherte.

Ann-Marie hielt sich seit jener Nacht mehr im Hintergrund. Sie sprach wenig, arbeitete jedoch mit eiserner Disziplin. Nur wenn ihre Finger versehentlich diejenigen Friedas berührten, war für einen kurzen Augenblick etwas in ihrem Blick – Dankbarkeit vielleicht oder die stille Bitte, nicht nachzufragen.

Eines Abends, als Frieda gerade die letzten Instrumente in die Schubladen räumte, fiel ein Schatten in den Türrahmen. Sie erstarrte. Es war jedoch nur Conrad, der mit einer kleinen Schale Suppe hereinkam.

»Du hast seit Stunden nichts gegessen«, sagte er, und in seiner Stimme schwang Wärme mit.

Frieda nahm die Schale dankbar entgegen, doch als ihr Blick flüchtig über seine Schulter glitt, glaubte sie, ganz hinten im Korridor eine Bewegung zu sehen – zu schnell, um sicher zu sein. Später, als sie durch den Hof ging, roch sie den kalten Rauch einer Zigarette. Der Wind trug den Geruch heran, dann war er wieder verschwunden. Kein Mensch zu sehen. Frieda zog den Mantel enger um sich und ging schneller. In dieser Nacht träumte sie von langen, endlosen Fluren, in denen sich die Lampen immer wieder ein- und ausschalteten. Hinter ihr Schritte – leise, aber stetig –, und jedes Mal, wenn sie sich umdrehte, war da niemand. Sie wachte auf mit einem Herzschlag, der ihr bis in die Schläfen pochte.

Am Morgen lächelte Anni ihr zu und reichte ihr eine Tasse heißen Kaffee. »Heute wird ein langer Tag«, sagte sie. Frieda nickte nur und beschloss, sich nichts anmerken zu lassen. Doch tief in ihr wusste sie: Gustav war nicht verschwunden. Er wartete.

Die Tage vergingen, doch die Schatten in der Kaserne schienen länger zu werden. Frieda bemerkte, wie Ann-Marie zunehmend in sich gekehrt war. Früher hatte sie selbst in den Pausen mit Conrad und Frieda gelacht, jetzt mied sie fast jede Unterhaltung. Ihr Blick wanderte oft unruhig zu den Fenstern, als erwartete sie etwas – oder jemanden.

Eines Abends, kurz nach Dienstschluss, wollte Frieda ihre Tasche aus dem Schwesternzimmer holen. Als sie den Gang entlangging, hörte sie Schritte hinter sich. Sie blieb stehen, doch der Flur war leer. Gerade als sie weitergehen wollte, öffnete sich am Ende des Korridors die Seitentür. Zwei Männer traten ein – groß, in langen, dunklen Ledermänteln. Das fahle Licht der Flurlampen spiegelte sich auf dem nassen Stoff. Sie wechselten kein Wort, gingen direkt auf Ann-Marie zu, die gerade den Schlüssel im Schwesternzimmerschloss umdrehte.

Frieda blieb wie angewurzelt stehen. Einer der Männer sagte etwas zu Ann-Marie, so leise, dass sie es nicht verstand. Doch Ann-Maries Gesicht verlor jede Farbe. Der andere stellte sich dicht neben sie, sodass sie kaum ausweichen konnte. Nach wenigen Sekunden drehten die Männer sich um und verschwanden wieder durch die Seitentür – ohne Hast, aber mit einer Selbstverständlichkeit, die keinen Zweifel ließ: Sie waren gekommen, um eine Botschaft zu hinterlassen.

Ann-Marie kehrte wortlos ins Zimmer zurück. Auf Friedas Frage, ob alles in Ordnung sei, antwortete sie nur mit einem kurzen Nicken – zu schnell, um glaubwürdig zu wirken.

Am nächsten Morgen erschien Ann-Marie nicht zum Dienst. Niemand wusste angeblich, wo sie war. Dr. Brodersen wirkte ernst, doch er sagte nichts. Die offiziellen Erklärungen waren dünn – zu dünn.

Wenig später erhielt Conrad plötzlich den Befehl, sich an der Front zu melden. Kein Abschied, keine Erklärung. Er verschwand noch am selben Tag, mit einem Rucksack und einem starren Blick, der keinen Zweifel daran ließ, dass er diese Versetzung nicht gewollt hatte. Frieda ahnte, dass beides – Ann-Maries Verschwinden und Conrads plötzlicher Abmarsch – kein Zufall war. Gustav war in den letzten Tagen nicht mehr zu sehen gewesen, doch das machte ihn nur gefährlicher. Sie hatte inzwischen erfahren, dass sein Vater ein einflussreicher Mann war, hochrangig und bestens vernetzt. Wenn Gustav etwas zu vertuschen hatte, konnte er auf mächtige Helfer zählen. In den stillen Stunden der Nacht fragte sich Frieda, ob Ann-Marie überhaupt noch lebte – und ob Conrad jemals zurückkehren würde.

Kapitel 4

Zwei Tage nach Conrads Abreise herrschte in der Kaserne eine unheimliche Ruhe. Die Geräusche des Alltags – klirrende Metallschalen, hastige Schritte, das dumpfe Schließen der Türen – klangen gedämpfter als sonst, als würde alles unter einer unsichtbaren Glocke stehen.

Frieda versuchte, sich in die Arbeit zu vertiefen, doch ihr Blick wanderte immer wieder zu der leeren Ecke im Schwesternzimmer, in der sonst Ann-Maries Tasche gestanden hatte. Am Abend ging sie allein durch den Hof, um die leeren Schüsseln in die Küche zu bringen. Der Himmel war wolkenverhangen, und ein kalter Wind fegte durch die dunklen Gassen zwischen den Gebäuden. Plötzlich hörte sie das Knirschen von Schritten hinter sich – gleichmäßig, schwer. Sie beschleunigte unwillkürlich ihren Gang, bis sie den schwach beleuchteten Eingang erreichte. Als sie die Küchentür aufstieß, schlug ihr ein beißender Geruch entgegen: kalter Tabak, schwer und fremd. Auf dem abgenutzten Holztisch lag ein zusammengefalteter Zettel. Kein Name, kein Absender – nur ein einziger, hastig mit Bleistift gekritzelter Satz: »Halte dich fern – sonst bist du die Nächste.«

Ihre Hände zitterten, als sie das Papier zusammenknüllte. Niemand war in der Küche, kein Geräusch außer dem Ticken der Wanduhr. Frieda steckte den Zettel tief in die Tasche ihres Kittels und verließ den Raum, ohne das Licht zu löschen. In dieser Nacht fand sie keinen Schlaf. Immer wieder sah sie im Halbdunkel das höhnische Lächeln vor sich, das sie nach der Nacht mit Ann-Marie nie vergessen hatte. Sie wusste nun, dass Gustav nicht einfach verschwunden war. Er war noch hier – und er wusste genau, wo er sie finden konnte.

Die Tage nach dem Drohzettel waren ein ständiger Balanceakt zwischen Routine und Anspannung. Frieda arbeitete wie immer, half beim Verbinden, beim Umlagern der Verletzten, beim Auffüllen der Medikamente – doch in ihrem Inneren war sie wie ein Tier, das jederzeit auf ein Geräusch im Unterholz achtete. Jeder Schatten, jeder unerwartete Schritt ließ sie zusammenzucken.

Gustav zeigte sich wieder. Nicht direkt – er sprach sie nicht an, machte keine offenen Anspielungen. Aber er war da. Sie sah ihn am anderen Ende des Hofes stehen, rauchend, die Hände tief in den Taschen, die Augen auf sie gerichtet. Ein anderes Mal kam er aus einem Seitengang, als sie gerade mit einem Tablett voller Verbandsmaterial unterwegs war. Er sagte nichts, doch sein Mundwinkel zuckte zu diesem spöttischen Lächeln, das sie inzwischen mehr fürchtete als jede Drohung.

Anni hatte längst bemerkt, dass Frieda sich verändert hatte. »Du bist nicht mehr so unbeschwert, mein Schatz«, sagte sie eines Abends leise, während sie gemeinsam den Wagen für die Nacht vorbereiteten. Frieda wich der Frage aus, aber Anni ließ nicht locker. »Wenn dir jemand zu nahe kommt, sag es mir. Ich will es wissen.« Frieda nickte nur, doch sie wusste, dass selbst Annis Fürsorge nicht ausreichen würde, um sie vor Gustav zu schützen, wenn er es wirklich darauf anlegte.

Eines Morgens kam Dr. Brodersen ins Schwesternzimmer. Sein Blick war ernst, als er den Umschlag in der Hand hielt. »Frieda …, du wirst versetzt.«

Sie starrte ihn an, unfähig, sofort zu begreifen. »Versetzt? Wohin?«

»Nach Sylt. Wenningstedt. Dort gibt es eine Einrichtung, in der du angeblich eine Weiterbildung machen sollst.«

Anni, die im selben Moment den Raum betreten hatte, war entsetzt. »Das ist doch Unsinn! Wir brauchen sie hier – und Weiterbildung? Wozu, bitte schön? Sie macht ihre Arbeit ausgezeichnet.«

Doch Brodersen schüttelte nur den Kopf. »Der Befehl ist schon durch. Ich habe nachgefragt, aber … Die Entscheidung kommt von ganz oben.«

Frieda spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegrutschte. Sie wusste instinktiv, dass diese »Weiterbildung« nur ein Vorwand war. Es passte zu gut in das Bild: Ann-Marie verschwunden, Conrad an die Front geschickt – und nun sie, weit weg von hier.

Anni und Brodersen versuchten noch, Einwände zu erheben, sprachen von Personalmangel, von laufenden Aufgaben, doch der Befehl blieb bestehen. Der Abreisetermin: in drei Tagen.

In dieser Nacht saß Frieda lange am kleinen Fenster ihres Zimmers. Der Wind strich kalt durch die Ritzen, und irgendwo im Hof knarrte eine lose Tür im Wind. Sie fragte sich, ob Gustav zufrieden lächelte, weil er sie losgeworden war – oder ob er womöglich schon einen Plan hatte, wie er ihr auch auf Sylt nahekommen könnte.