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Wie viel Schönheit passt in ein Leben, und wann ist es Zeit loszulassen? Theo Engel ist in den Niederlanden als Sterbehilfearzt tätig. Fast jede Woche verabreicht er Menschen, die unzumutbar und ausweglos leiden, die erlösende Spritze. Doch der Beruf zehrt an ihm, Theo kämpft mit Depressionen. Eines Tages erhält er einen bemerkenswerten Brief: Darin bittet ihn ein zwar nicht mehr junger, aber vollkommen gesunder Mann um Sterbehilfe. Gerrit Blauw möchte sterben, weil er sein Leben für vollendet hält. Um den Arzt zu überzeugen, ihm zu helfen, erzählt Gerrit Theo von der Schönheit, die sein Leben erfüllt hat. Von seiner Arbeit für das Theater, vor allem aber von seiner großen Liebe Saartje, für die er einmal sogar eine Giraffe auf eine Nordseeinsel verschifft hat. Und zum ersten Mal beginnt Theo sich zu fragen, ob der Mensch nicht nur ein schönes Leben, sondern auch einen schönen Tod verdient hat. »Eine Ode an das Leben, eine Feier der Lebendigkeit.« Dagblatt van het Noorden
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Seitenzahl: 195
Veröffentlichungsjahr: 2026
Joost Oomen
Roman
Aus dem Niederländischen von Lisa Mensing
Die Originalausgabe erschien 2024 unter dem Titel Het paradijs van slapen bei Em. Querido’s Uitgeverij, Amsterdam.
Die Übersetzung dieses Romans wurde von der niederländischen Stiftung für Literatur gefördert.
© der deutschsprachigen Ausgabe
2026 Arche Literatur Verlag, ein Imprint der Atrium Verlag AG, Zürich
© 2024 by Joost Oomen
Covergestaltung: Olàlà Studio für Grafikdesign, Katharina Thim, Leipzig, unter Verwendung des Gemäldes Paths we choose von © Jack Standish
Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt, jede Verwertung bedarf der Genehmigung des Verlages.
Alle Rechte vorbehalten. Der Verlag untersagt ohne ausdrückliche schriftliche Zustimmung die Nutzung dieses Werkes im Sinne des §44b UrhG für das Text- und Data-Mining.
ISBN978-3-03790-164-9
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Ein volles Leben
»Denn als er einst auf seinem Bette lag und sich voll Andacht und mit dem ganzen Herzen auf den Tod vorbereitete, erschien ihm die glorreiche Jungfrau und Gottesmutter Maria mit einer sehr großen Anzahl von Engeln und heiligen Jungfrauen in wunderbarem Glanze und näherte sich seinem Bette. Als er sie nun sah, wurde er ungemein gestärkt und erfreut an Seele und Leib. Er begann sie demütig zu bitten, sie möge bei ihrem geliebten Sohne erflehen, daß er ihn durch ihre Verdienste aus dem Kerker des elenden Leibes befreie. Da er nun in dieser Bitte mit vielen Thränen verharrte, antwortete die allerheiligste Jungfrau Maria, ihn beim Namen nennend, und sprach: ›Zweifle nicht, mein Sohn, deine Bitte ist erhört und ich bin gekommen, um dich ein wenig zu stärken, bevor du aus diesem Leben scheidest.‹
Zur Seite der Jungfrau Maria befanden sich drei heilige Jungfrauen, welche in ihren Händen drei Büchsen mit ungemein lieblichem und wohlriechendem Safte trugen. Da nahm und öffnete die Jungfrau eine dieser Büchsen und das ganze Haus ward mit Wohlgeruch angefüllt; sie nahm mit einem Löffel von diesem Safte und gab ihn dem Kranken. Sobald der Kranke ihn gekostet, fühlte er so große Stärkung und Süßigkeit, daß es ihm schien, als ob seine Seele nicht mehr im Körper verbleiben könne. Deshalb begann er zu rufen: ›Nicht mehr, o heiligste Jungfrau, seligste Mutter, gebenedeite Helferin und Retterin des Menschengeschlechts, nicht mehr, denn ich kann so große Süßigkeit nicht ertragen!‹ Die erbarmungsvolle und gütige Mutter aber reichte dem Kranken oft von jenem Safte und ließ ihn davon nehmen, bis die ganze Büchse geleert war. Nachdem sie die erste Büchse geleert, nimmt die seligste Jungfrau die zweite und steckt den Löffel hinein, um ihm davon zu geben, worüber Jener sich beklagt mit den Worten: ›O seligste Gottesmutter, meine Seele ist beinahe ganz geschmolzen durch die Kraft und Süßigkeit des ersten Saftes, wie soll ich also den zweiten ertragen können? Ich bitte dich also, die du gesegnet bist über alle Heilige und über alle Engel, du wolltest mir nicht mehr davon geben!‹ Die glorreiche Jungfrau Maria antwortet: ›Koste nur ein wenig, mein Sohn, von dieser zweiten Büchse.‹ Und ihm ein wenig hievon gebend setzte sie hinzu: ›Nun hast du, soviel dir genügen kann. Sei frohen Muthes, mein Sohn, denn ich werde bald zu dir kommen und dich zum Reiche meines Sohnes geleiten, den du immer gesucht und begehrt hast.‹ Nach diesen Worten nahm sie von ihm Abschied und verschwand. Er aber blieb so getröstet und gestärkt durch die Süßigkeit jener Speise, daß er noch mehrere Tage gesättigt und gestärkt lebte ohne irgend welche körperliche Speise. Nach wenigen Tagen schied er, fröhlich mit den Brüdern redend, mit großer Freude und Wonne aus diesem elenden Leben.«
Die Blüthen des heiligen Franziskus von Assisi
Something’s happening
happening to me.
My friends say I’m acting peculiarly.
Weil sich in der Aula des Bestattungsunternehmens hinter dem Sarg eine Art Wintergarten befindet, beobachten wir während der gesamten Zeremonie einen Rasenmäher, der Bahn für Bahn die Wiese abgrast. Auf dem Fahrzeug sitzt ein Mann in einem neonfarbenen Gärtneroverall. Er hört vermutlich Radio, wahrscheinlich einen Sender mit viel Musik aus den Neunzigern und den frühen Nullerjahren, wenige Wortbeiträge, ab und zu Werbung für Fensterrahmen, E-Bikes, heruntergesetzte Zahnpasta. Aber das alles können wir nicht hören, denn wir sitzen drinnen und lauschen »Everywhere« von Fleetwood Mac. Zwei Stühle weiter übertönt eine junge Frau die Musik mit ihrem Schluchzen, aber alle anderen im Saal sitzen still auf ihren Plätzen, die Arme verschränkt, den Kopf leicht zur Seite geneigt. Friesinnen und Friesen, die nachdenken oder so tun, als würden sie nachdenken – über den Tod. Als das Lied verklingt, ziehen ein paar Leute die Nase hoch, jemand hustet laut.
Nachdem ich mein Fahrrad an den Zaun gelehnt hatte, bin ich einem Mann auf Klompen über denVorplatz des Bestattungsunternehmens gefolgt. Er trug nicht die Holzvariante, sondern diese modernen Lederclogs, mit Maserung an den Spitzen, ausgetrocknet von der Land- und Stallarbeit. Hart gewordener Dung und Matsch an den Hacken, klickklack. Der Mann, soweit ich weiß der Geselle vom dritten Hof hinterm Dorf, wollte die Klompen am Eingang des Instituts ausziehen und neben die Tür stellen, aber bevor er sein Vorhaben umsetzen konnte, bekam er von seiner Frau einen Stoß in die Rippen und eine geflüsterte Ermahnung. Anschließend stellte sie sich für die Beileidsbekundungen an und kicherte über die Einfältigkeit ihres Mannes noch kurz in sich hinein. Bis sie bemerkte, dass ich mich der Schlange ebenfalls angeschlossen hatte, und mir ein ernstes »Doktor Engel« zumurmelte. Sie arbeitet als Arzthelferin in Dronrijp, deshalb hat sie mich erkannt. Ihr Mann sagte nichts, sah mich nur böse an und wandte mir dann seinen breiten Rücken zu.
Eigentlich gehe ich nie zu den Beerdigungen von Patienten. Ich würde mehr Zeit in Gebäuden wie diesem hier als zu Hause verbringen, und eigentlich ertrage ich es nicht, immer wieder den Familienmitgliedern die Hände schütteln zu müssen. Ich weiß, dass es nicht so ist, aber es fühlt sich jedes Mal so an, als trüge ich die Schuld an der Situation. Wie sehr sich der Patient den Tod gewünscht hat, wie erleichtert die Familie auch ist, es wäre nicht dazu gekommen, wenn ich nicht mit meinen Spritzen vorbeigeschaut hätte. Aber weil der Mann dort im Sarg vor den Fenstern letzten Endes doch eines natürlichen Todes gestorben ist – Lungenkrebs – und das Verfahren mit mir nicht bis zum Ende durchlaufen hat, bin ich heute im Sonnenschein aus Leeuwarden hierhergeradelt. Seine Tochter ist Krankenpflegerin, manchmal begleitet sie mich zu meinen Einsätzen, und ich finde, es gehört sich, zu den Beerdigungen der Eltern von Freunden zu gehen. Streng genommen ist die Krankenpflegerin keine richtige Freundin, sondern eine Kollegin, aber es hat sich trotzdem richtig angefühlt, gerade weil ich ihren Vater gekannt habe, er aber ohne mein Zutun gestorben ist.
Dieser Mann im Krankenhausbett, kaum noch imstande, einen vollständigen Satz zu formulieren, ich auf einem Hocker daneben. Auf dem gelblich weißen Krankenhausnachttisch lag eine große silberne Armbanduhr mit Gliederarmband, daneben stand ein Plastikbecher mit Strohhalm. Zwischen zwei Gliedern steckte ein schwarzes Haar.
Die letzte Rednerin ist seine Frau. Sie trägt ihre Locken kurz und unnatürlich schwarz gefärbt.
»Piet hatte Krebs«, sagt sie. »Piet war am Ende.«
Weil es im Saal jetzt ganz still ist, hören wir, wie das Getöse des Rasenmähers erstirbt. Der Gärtner steigt ab und bückt sich, um die Klingen zu säubern. Als die Frau sich umdreht, um ihrem Mann ein letztes Mal zuzunicken, fällt das Sonnenlicht auf ihre Armbanduhr, und ein weißer, zittriger Lichtpunkt erscheint an der Decke.
Der Weg nach Hause führt mich durch Wiesen und Felder. Nach der Zeremonie habe ich mich so schnell vom Acker gemacht, dass ich vergessen habe, etwas zu trinken. Der Durst bringt mich fast um. Zu Hause liegt ein dicker Umschlag in meinem Briefkasten. Ich inspiziere ihn im Fahrstuhl genauer: Auf der Rückseite steht als Absender nur Doarpsstrjite 19 und eine Postleitzahl. Als ich ihn am Küchentisch aufreiße und ausschütte, fallen eine Mappe und ein kleinerer Briefumschlag heraus. Auf dem Umschlag steht noch einmal mein Name.
Lieber Herr Doktor Engel,
Sie kennen mich nicht, ich habe Ihren Namen auf der Webseite des Fachzentrums Sterbehilfe gefunden und bin dann über Umwege an Ihre Adresse gekommen. Mein Name ist Gerrit Blauw, ich bin einundsiebzig, und ich möchte sterben. Ich weiß, dass das hier nicht der übliche Weg ist, einen Sterbehilfearzt zu kontaktieren, aber da ich auch nicht für eine übliche Sterbehilfe infrage komme, schreibe ich Ihnen diesen Brief.
Ich komme nicht für eine reguläre Sterbehilfe infrage, weil ich nicht krank bin. Ich bin physisch und psychisch gesund, ich habe immer gern gelebt. Ich möchte nur deshalb sterben, weil ich mein Leben als abgeschlossen, als vollendet betrachte und nicht das Risiko eingehen möchte, dass ich irgendwann nicht mehr gern lebe. Ich habe mich mein ganzes Leben lang mit schönen Dingen beschäftigt, ich habe mein ganzes Leben lang schöne Dinge in vollen Zügen genossen, und am liebsten möchte ich auch schön sterben.
Es wäre wirklich wunderbar, wenn Sie in Betracht ziehen würden, mir dabei zu helfen. Dafür müssen Sie natürlich wissen, wer ich bin und warum ich glaube, dass mein Leben abgeschlossen ist. Aus diesem Grund habe ich meine Lebensgeschichte aufgeschrieben – ich hoffe, Sie haben Lust, sie zu lesen. Ich habe mich bemüht, sie so vollständig wie möglich aufzuschreiben – wahrscheinlich ohne Erfolg, doch die wichtigsten Eckpfeiler meines Lebens kommen vor.
Wenn Sie alles gelesen haben und sich mit mir über den Gegenstand meiner Bitte austauschen möchten, finden Sie nachstehend meine Kontaktdaten.
Herzliche Grüße
Gerrit Blauw
Ich lege den Brief und die Mappe auf denKüchentisch und seufze. Dann stehe ich auf und verlasse die Wohnung, nehme den Fahrstuhl, gehe einkaufen. Als ich aus dem Supermarkt komme, dämmert es schon, der Himmel über der Stadt ist plötzlich blutorange. Zu Hause mache ich mir Abendbrot und esse vorm Fernseher. Auf dem großen Bildschirm schaue ich auf YouTube Wiederholungen berühmter Fußballszenen an.
Später am Abend rauche ich auf dem Balkon eine Zigarette. Als nur noch der Stummel übrig ist, hocke ich mich vor den Abfluss der Regenrinne und lasse die noch brennende Kippe hineinfallen. Ein kurzes Zischen. Danach lasse ich die silberne Armbanduhr mit dem Haar zwischen den Gliedern hinterherrutschen.
Come on, baby
we better make a start.
You better make it soon
before you break my heart.
Ich bin ein knappes Jahrzehnt nach dem Krieg in Friesland, genauer gesagt in Sneek, geboren worden, und wenn man mich jetzt fragen würde, was das erste Schönste war, das ich in meinem Leben gesehen habe, würde ich die weißen Pferde nennen, die am Tag von Königin Wilhelminas Begräbnis die Trauerkutsche zogen. Die Beerdigung fand 1962 statt, und meine Eltern hatten nur ein Radio. Ich konnte die Pferde nicht sehen.
Aber ich konnte sie doch sehen, zwölf Pferde in Zweiergespannen, die mit klitschnassen Decken über den schwitzenden Rücken im Schritt durch den Regen stolzierten. Sie waren das einzige Weiße an jenem Tag, abgesehen von den Prinzessinnen, die genau wie die Pferde Weiß trugen, aber der Rest der Welt war schwarz und grau und traurig; die Pferde dazwischen nicht weniger als sechs Sonnen und sechs Monde, die über die Wellen des Radios auf mich zuliefen. Ich konnte ihnen fast über die warmen Nüstern streicheln.
Das zweite Schönste war eine Kolonne von Fahrradlichtern in der friesischen Nacht.
Es war Sommer, und die Fahrradlichter waren unterwegs zu einer Feier – und ich mittendrin. In langen Reihen fuhren wir über die Pfade entlang der Viehweiden. Es war eine warme, sternklare Nacht, und weil die Weiden in ziemlich exakten Rechtecken angelegt waren (Friesland ist durch die Flurbereinigung zu einem merkwürdigen Flickenteppich geworden), sah man alle Fahrradfahrer von hinten, sodass alle Lichter dunkelrot leuchteten, nie weiß. Die Stimmen, die zu den Lichtern gehörten, trieben über die dunklen Grasmeere zu mir, und hin und wieder ging ein Flirren durch die Nacht, wenn jemand überein zwischen den Weiden liegendes Viehgitter rollte.
Rrrrrrrringggggg, so klang das.
Die Stimmen waren alle betrunken oder zumindest beschwipst, denn in der Lichterkolonne wurde Alkohol herumgereicht. Colaflaschen aus Glas, die zu Hause heimlich mit Stroh-Rum aufgefüllt worden waren, ohne dass unsere Eltern etwas davon mitbekamen. Alte, ausgespülte Kakaoflaschen, eilig mit Genever aus dem Vorratsschrank gefüllt. Die Kunst bestand darin, die Flasche beim Fahren zu öffnen, sie an den Mund zu führen und strampelnd zu trinken. Manchmal kippte jemand um, aber das störte nicht weiter, Gras ist weich. Man blieb lachend liegen, während alle anderen weiterfuhren. Wenn alle vorbei waren, rappelte man sich auf und stand plötzlich ganz allein im Dunkeln. Umzingelt von misstrauisch starrenden Schafsaugen, glänzend im Mondschein.
Ich war achtzehn, fast neunzehn, und es war der endlose Sommer zwischen dem Schulabschluss und dem Studienbeginn in Groningen. Viele der Rücklichter in der Schlange hatten genau wie ich in diesem Juni die weiterführende Schule abgeschlossen, aber genauso viele waren Schüler, die bald ihr letztes Jahr antraten oder sogar noch zwei Jahre vor sich hatten. Auch mit einigen von ihnen war ich befreundet. Man musste und muss sich seine Freunde in Friesland ein bisschen zusammensuchen, es gab und gibt immer zu wenige von einer Sorte, um eine vollwertige Clique zu bilden: zu wenige modische Mädels, zu wenige Bauernsöhne, zu wenige Hippies. Aber in dem Jahr unter mir, dem Jahrgang, der noch ein Schuljahr vor sich hatte, gab es genug Leute, die sich genau wie ich bereits behutsam mit schönen Dingen beschäftigten.
Da war der Junge mit den riesigen Händen, der Bildhauer werden wollte. Während einer langen Fahrradfahrt im strömenden Regen erklärte er mir den Unterschied zwischen zwei Typen von Brüsten: »Brüste, die mit Wasser gefüllt sind, und Brüste, die mit Getreide gefüllt sind.«
Der Junge, der in jeder Pause an die Schließfächer gelehnt Posaune übte, ohne hineinzublasen, also tonlos. Er schob den Steg blitzschnell, aber kontrolliert hin und her, die Lippen lose am Mundstück, die Augen auf die Noten fixiert, die neben ihm auf dem Linoleumschulboden lagen.
Die Bühnenbildnerin mit dem breiten Lächeln und dem Sägemehl im Haar.
Und der Junge, der am wenigsten einem Schüler glich und schon an einen Jazzschlagzeuger erinnerte. Er trommelte sich den ganzen Tag lang mit seinen Drumsticks auf die Oberschenkel, ließ die Namen von Amerikanern fallen, als hätte er damals schon mit ihnen zusammen im New Yorker Telefonbuch gestanden. Er hatte langes blondes Haar und konnte fantastisch pfeifen. Ein spitzes, aber nicht unfreundliches Gesicht, aus dem er manchmal äußerst lässig eine Zigarette hängen ließ.
Aber er roch auch nach Waschmittel und starkem Tabak, und ich wusste, dass das die Gerüche seiner strengen Eltern waren, über die er eigentlich mit niemandem sprach, außer mit mir.
Er hieß Douwe. Ich fuhr in der langen Rücklichterkolonne neben ihm.
Nur ich war noch absolut nichts. Oder, na ja, vielleicht für andere schon, ich schrieb manchmal Gedichte und hatte einmal bei einer Diskussion in der Klasse etwas über modernes Theater geäußert, aber das war meines Erachtens zu wenig, um mir eine Rolle zuteilwerden zu lassen. Ich hatte schlechte Haut. Ich las vorm Schlafengehen Romane und redete in der Schule nicht darüber.
Ich bewarb mich weder an der Kunstakademie noch an der Schauspielschule. Ich studierte nicht einmal Kunstgeschichte oder Niederländisch; um meine Eltern zufriedenzustellen, hatte ich mich in Groningenfür Jura eingeschrieben. Im September würde ich anfangen. Es war mein letzter Sommer hier.
*
»Eins, zwei, drei, vier …«
Die Fahrradkolonne kam in Grüppchen an, und die Räder landeten kreuz und quer im Gebüsch. Die Feier fand auf einem Bauernhof statt, die Gastgeberin war eine Bauerntochter, die ich nicht kannte und der ich den ganzen Abend nicht begegnete. Das war aber kein Problem, denn bei diesen Sommerfeten waren immer alle willkommen – solange man eigene Getränke mitbrachte. Eine Auffahrt aus Betonplatten, die Umrisse eines Stalls mit schnaubenden und stampfenden Kühen darin, ein Feuerkorb und ungefähr sechzig junge Menschen, die nichts Besseres mit sich anzufangen wissen, als mit einem Bier in der einen und einer Zigarette in der anderen Hand in die Flammen zu starren.
Irgendwann wird auf solchen Feiern aber immer irgendjemand unruhig, wie eine grüne Grille in einem gelben Feld, die plötzlich nicht mehr still sein kann und anfängt zu zirpen, woraufhin alle damit anfangen.
»Wir spielen Verstecken«, sagte ein Junge mit Pickelgesicht. »Und wer sich versteckt hat, muss sich im Versteck etwas Schönes ausdenken. Wenn ich euch dann finde, müsst ihr mir die schöne Sache erzählen, und erst wenn ich sie wiederholt habe, darf ich weitersuchen. Am Ende habe ich dann eine lange Reihe schöner Dinge, und wenn es gut läuft, kann ich sie am Ende aufsagen. Dann entscheiden wir, was das Allerschönste ist, und die Person bekommt einen Preis.«
»Was denn für schöne Dinge?«, fragte jemand.
»Irgendwas, eine schöne Situation oder so was, oder eine Geschichte. Etwas, das du dir vorstellen kannst.«
»Muss es eine wahre Geschichte sein?«
»Nein, alles ist erlaubt.«
»Was ist der Preis?«
»Das ist eine Überraschung.« Er drehte sich mit dem Rücken zum Feuer und fing an zu zählen, und die zwölf Leute, die dieses Spiel spielen wollten (die anderen blieben schweigend am Feuer stehen und hofften darauf, spontan geküsst zu werden), stoben auseinander.
»Sechs, sieben, acht, neun …«
»Siebenundsechzig!«
»Dreizehn, vierzehn, fünfzehn, sechzehn …«
»Zwölf!«
Ich hörte drei Stimmen leiser werden: Die des Zählenden und die der beiden Jungs, die ihn durcheinanderbringen wollten. Mit klopfendem Herzen und schneller Atmung rannte ich in den Garten des Bauernhofs; hinter einer Rabatte mit vom Mondlicht grau gefärbten Erdbeerpflanzen sprang ich über einen ausgetrockneten Graben, der den Garten von der Weide trennte. Auf der anderen Seite ließ ich mich im hohen Gras auf den Bauch fallen. Es war den ganzen Sommer über noch nicht gemäht worden.
»Siebenundneunzig, achtundneunzig, neunundneunzig, hundert – ich komme!«
Kauernd spähte ich zu den anderen, mein Kopf knapp über den Halmen. Abgesehen von einerMücke, die mir ins Ohr stechen wollte, war es in dieser Grashöhle merkwürdig still. Die Silhouette des Suchenden bewegte sich in die entgegengesetzte Richtung, darum musste ich mir also keine Sorgen machen. Eine Gruppe von Jungs prostete sich theatralisch zu, rief etwas, aber so unartikuliert, dass ich nichts verstehen konnte. Zwei von ihnen waren letztes Jahr in meiner Klasse gewesen. Einer war sitzen geblieben.
»Prost, Jungs«, flüsterte ich aus der Dunkelheit und hob einen Arm, um mit einem nicht existenten Bier mit ihnen anzustoßen. Aber noch bevor ich die Geste zu Ende führen konnte, zog ich den Arm schnell runter, weil ich aus dem Augenwinkel sah, dass noch jemand an den grauen Erdbeerpflanzen vorbei auf die Weide zukam.
Ein sich langsam bewegendes Unterwasserlamm in der Dunkelheit, das war sie. Sie rannte nicht einmal, sie stieg vorsichtig über alle Pflanzen, sprang geschmeidig wie eine Giraffe aus Butterbrotpapier über den ausgetrockneten Graben.
Eine Giraffe aus Butterbrotpapier. Wenn man mich jetzt danach fragen würde, wäre das das Schönste, was ich in meinem ganzen Leben gesehen habe.
»Pst … hier!«, wollte ich sagen, aber sie lag schon ausgestreckt neben mir im Gras.
*
Obwohl ich noch nie mit ihr gesprochen hatte, wusste ich genau, wer sie war. Ich wusste, dass sie von den Inseln stammte, von Terschelling. Ich wusste, dass sie zwei Klassen unter mir war, aber auch, dass wir ungefähr gleich alt waren, wahrscheinlich, weil sie zweimal ein Schuljahr hatte wiederholen müssen. Sie roch stark nach Feuer, die Grashöhle brannte sofort lichterloh.
Ich wusste, dass sie Saartje Schaap hieß. Schaap wie das Schaf.
Zuerst schwiegen wir, denn wer Manieren hat, weiß, dass man das beim Versteckspiel so macht. Zwei pulsierende Herzen im Gras, wie ein Kiebitznest mit zwei pochenden Eiern im Dunkeln.
»Ich glaube, er sucht an der Straße«, sagte Saartje nach einer Weile. »Hallo erst mal, du bist Gerrit, oder? Lust auf ein Bier?«
Sie hatte in ihren Taschen zwei Flaschen verstaut, die wir mit meinem Fahrradschlüssel öffneten. Zuerst flüsterten wir noch, dann redeten wir in normaler Lautstärke. Im Hintergrund hörten wir, wie die Feier weiterging, jemand schrie, Leute lachten, irgendwas Großes landete im Feuer, was zu Jubelrufen führte. Saartje streckte sich auf demRücken aus, und kurz danach lag ich etwas verlegen auf der Seite neben ihr.
Wir redeten über Dinge, über die junge Leute nachts reden (die Sterne, Schule, andere junge Leute), und auch über Dinge, zu denen junge Leute eigentlich nie etwas zu sagen haben, Saartje und ich in jener Nacht aber plötzlich schon (die Echoortung der Fledermäuse über uns, als Badewannen getarnte Marsmännchen, ob U-Boot-Matrosen etwas frittieren können, wenn sie Lust auf Pommes haben).
»Glaubst du, es könnte sein, dass nicht Paris, sondern Reykjavík die eigentliche Stadt der Liebe ist?«, fragte sie. »Dass sie das die ganze Zeit geheim gehalten haben, es aber einen Kreis von Eingeweihten gibt, der das schon seit Jahrhunderten weiß?«
»Denn die wahre Stadt der Liebe muss natürlich auf einer Insel liegen«, sagte ich sofort begeistert. »Sonst zählt das nicht.«
»Ist Reykjavík nicht zu kalt?«
»Das ist ein Vorteil«, sagte ich. »Denn das Überleben dort muss schon ein bisschen mühsam sein. Gerade wenn man sich fühlt wie Robinson Crusoe, haut es einen so richtig von den Socken, wenn man plötzlich auf die Stadt der Liebe stößt.«
Ihr Lachen wob sich in den Geruch von Gras und Kuhfladen, der immer über dem nächtlichen Friesland hängt und sich inzwischen mit dem Feuergeruch ihrer Kleidung vermengt hatte. Der Mond war gigantisch, und ich zeigte ihr die Stelle, wo die erste Mondfähre gelandet war.
»Ich habe auf Terschelling mal eine Giraffe gesehen«, sagte sie. »Am Nordseestrand, nachts. Ich bin mit meinem Vater hingegangen, da war ich ungefähr fünf oder sechs Jahre alt, wir wollten uns das Meeresleuchten ansehen, und plötzlich lief eine Giraffe die Dünen herunter, zur Brandung. Sie stolperte fast über ihre eigenen Beine, als sie den Hang hinabging. Aber als sie erst mal auf dem Strand war, beruhigte sie sich, und nachdem sie eine Weile am Wasser gestanden hatte, ging sie einfach wieder zurück.«
Ich hätte natürlich sagen können, dass es auf Terschelling keine Giraffen gibt, aber das tat ich nicht. Ich wüsste auch nicht, warum ich so was hätte sagen sollen.
»Gerrit! Saartje!«, rief jemand in der Ferne. »Kommt raus. Wir spielen nicht mehr!«
Sie stand schneller auf als ich, kurz ragte ihre vor dem Sternenhimmel klar umrissene Gestalt hoch über mir auf. Gemeinsam sprangen wir über den Graben und gingen durch den dunklen Garten zum Lichtkreis am Feuerkorb zurück.
»Siehst du den Sucher irgendwo?«, fragte sie. »Ich will ihm noch erzählen, was ich mir ausgedacht habe.«
»Ist nicht mehr nötig, der ist schon längst mit etwas anderem beschäftigt.«
»Mir egal, ich will jetzt wissen, was der Preis ist. Wir sehen uns später.«
Jemand warf ein Holzscheit ins Feuer, wodurch Funken hoch in den Himmel stoben. Jemand spielte auf einer verstimmten Gitarre ein Lied von The Byrds. Im dunklen Stall muhte eine Kuh, die schon längst hätte schlafen sollen.
*
Douwe war betrunken. Er saß an den Schuppen gelehnt auf dem Boden und sah mit verquollenen Augen zwei Jungs dabei zu, wie sie versuchten, mit Bierflaschen eine Bierflasche zu treffen. Sie warfen immer zu weit, es lagen schon etliche Flaschen im Graben. Douwes Gesicht wurde vom Feuer beleuchtet. Seine langen Haare und das verschwitzte Antlitz verpassten ihm das Aussehen des gekreuzigten Jesus, nur die Lederjacke sprengte das Bild.
»Kennst du die Platte von John Coltrane?«, fragte Douwe, als ich mich neben ihn setzte. »Nicht A Love Supreme, sondern die andere, Giant Steps. Da spielt Art Taylor mit, und das ist vermutlich der beste Schlagzeuger der Welt. Meiner Meinung nach jedenfalls.«
Immer, wenn Douwe betrunken war, redete er über den besten Schlagzeuger der Welt. Das war eigentlich jedes Mal ein anderer und eigentlich immer ein Schlagzeuger, von dem er zufällig an dem Tag eine Platte gehört hatte. Die LPs hörte er sich oft in einem kleinen Plattenladen in Sneek an, der auf Jazz spezialisiert war, aber auch Vinyl von Soft Machine und T. Rex verkaufte.
