Ein wahrer Gentleman - Martina Lode-Gerke - E-Book

Ein wahrer Gentleman E-Book

Martina Lode-Gerke

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Beschreibung

Lord Richard Fairfax lernt in Frankreich die schöne Madeleine kennen, eine französische Gräfin, aber auch eine Frau, die emanzipiert ist und weiß, was sie will. Nach einem Jahr Bedenkzeit nimmt sie Richards Heiratsantrag an und geht zu ihm nach London. Doch schon bald tauchen dunkle Wolken am Honrizont auf, denn Richard hat viel zu tun, während Madeleine eigenlich nur für die Führung des herrschaftlichen Hauses zuständig ist - eine Aufgabe, die sie nicht ausfüllt. Und dann ist da noch Richards attraktiver Sohn David, der ein Auge auf seine attraktive Stiemutter geworfen hat ...

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Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Martina Lode-Gerke

Ein wahrer Gentleman

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

Kapitel 1: Die Ankunft

Kapitel 2: Erkundungen

Kapitel 3: Schatten der Vergangenheit

Kapitel 4: Ein lästiger Verehrer

Kapitel 5: Der Unfall

Kapitel 6: Der Crash

Kapitel 7: Sally

Kapitel 8: Kindheitserinnerungen

Kapitel 9: Bäumchen, wechsle dich

Kapitel 10: Wer ist der Vater?

Kapitel 11: Eine Mésalliance

Kapitel 12: Unter der Haube

Kapitel 13: Freud und Leid

Anmerkungen

Impressum neobooks

Prolog

Martina Lode

Ein wahrer Gentleman

Pramousquier, Cote d'Azur, August 1902

Lord Richard Arthur Fairfax blickte über das Meer, das in der Abendsonne vor ihm glitzerte. Von der Terrasse des terracottafarbenen Château hatte man einen wunderbaren Ausblick auf die Bucht von Pramousquier, der, wenn das Wetter klar war, bis auf die vorgelagerten Inseln reichte. Ein wenig machte die Abendstimmung ihn schwermütig, denn sie weckte viele Erinnerungen in ihm. Sehr viele. Zu viele.

„Möchtest du noch ein Glas?“ Lächelnd trat Madeleine, immer noch im Brautkleid, auf die Terrasse und hielt ihm ein Glas Rosé hin. Stolz betrachtete er seine schöne Braut. Eigentlich hatte er in London heiraten wollen, wo er seit Jahrzehnten, genauer gesagt seit seiner ersten Ehe, ein Haus im Nobelviertel Belgravia bewohnte. Wo sein Sohn, seine alten Eltern und seine Freunde an seinem Glück hätten teilhaben können. Wo er eine opulente Hochzeitsfeier entweder im eigenen Haus oder in einem der ersten Londoner Hotels ausgerichtet hätte. Aber Madeleine hatte eine Hochzeit in ihrer Heimat vorgezogen, in dieser zugegebenermaßen wunderschönen kleinen Kirche in dem mittelalterlichen Stadtkern von Bormes-les-Mimosas, die, egal, wann man sie betrat, stets ein wenig nach Weihrauch roch und deren dicke Mauern Kühle verhießen.

„Wir haben hier garantiert schönes Wetter und können draußen feiern“, hatte Madeleine argumentiert, aber das zweite Argument, von ihr zwar mit einem Augenzwinkern vorgetragen, denn traditionelle Sitten und Gebräuche betrachtete sie als überholt, was ihn zunächst ein wenig befremdet hatte, war durchaus ernst zu nehmen gewesen und hatte ihn schlussendlich überzeugt: „Wir können nicht als unverheiratetes Paar in einer Kabine reisen.“ Zu spät nämlich hatte er sich um die Tickets für sie beide und den ihn begleitenden Kammerdiener für die Überfahrt nach England gekümmert, und es war nur noch eine einzige Kabine erster Klasse zu haben gewesen. Da er zur Wiedereröffnung des Parlamentes wieder an seinem Platz sein musste, war man auch terminlich nicht flexibel gewesen.

Die vier weißen Pferde hatten schwer geschnauft, als sie die über und über mit weißen Rosen geschmückte Hochzeitskutsche die steile Straße hinauf zu dem mittelalterlichen Stadtkern gezogen hatten. Richard hatte erst gar nicht gefragt, wo man mitten im August diese Unmengen von Rosen hergeholt hatte, aber Geld schien im Hause der du Montignacs keine große Rolle zu spielen. Die Kirche war nicht besonders voll gewesen, denn Madeleine hatte außer ihrem 15 Jahre älteren Bruder Jean-Pièrre, der sie zum Traualtar geführt hatte, und ihrer Schwägerin und deren kleinem Sohn keine weiteren Verwandten. Nur einige wohlhabende Nachbarn und Angestellte des Weingutes waren unter den Gästen gewesen. Dementsprechend klein war auch die Gesellschaft bei der Hochzeitsfeier ausgefallen, aber die Tische, die man unter den Palmen und Pinien im Park des Château aufgestellt hatte, hatten sich unter dem exquisiten Hochzeitsmahl, das vornehmlich aus Spezialitäten der Provence und dem Périgord bestand, gebogen, und Champagner und Wein waren in Strömen geflossen. Richard hatte schon nach zwei Gläsern Champagner in der mörderischen Hitze einen leichten Schwips verspürt und sich danach entsprechend zurückgehalten, während Madeleine, ihr Bruder und ihre Schwägerin das prickelnde Getränk wie Wasser getrunken hatten, ohne dass man ihnen auch nur das Geringste angemerkt hätte, was vermutlich der Tatsache geschuldet war, dass die drei im Gegensatz zu ihm selbst an das heiße Klima gewöhnt waren.

„Ja, gern“, antwortete er und griff nach dem Glas, das außen ganz beschlagen war und trank einen Schluck von dem eiskalten Wein, der ein wenig Erfrischung verhieß. „Warum ziehst du nicht den Frack aus? Die Gäste sind gegangen, du kannst es dir bequem machen.“ Madeleine stellte ihr Glas auf den Tisch und machte sich an Richards Fliege zu schaffen.

„Nein Liebes, lass.“ Er trat einen Schritt zurück und betrachtete sie. Das Brautkleid, das sie in Paris hatte anfertigen lassen, ein Traum aus weißer Brüsseler Spitze, der mit unzähligen Perlen bestickt war, betonte ihre Taille auf das Vorteilhafteste und hatte ein Dekolleté, das die Mutter seiner verstorbenen ersten Frau schlichtweg als skandalös bezeichnet hätte. Aber es brachte ihre vollen, wohlgeformten Brüste trefflich zur Geltung. „Wir wollen doch die Form wahren, trotz der Hitze.“ Madeleine lächelte und ließ von ihm ab.

„In drei Tagen fahren wir nach England“, bemerkte sie und konnte einen winzigen Seufzer nicht unterdrücken.

„Ich bringe dich in deine neue Heimat, und ich hoffe, dass du dich dort sehr wohl fühlen und bald heimisch werden wirst. Zum Glück ist dein Englisch vortrefflich, so dass du keine Schwierigkeiten mit der Verständigung haben wirst, was ein großer Vorteil ist.“

Madeleine nickte und blickte auf das Meer hinaus, wobei ihr eine kleine Träne entwischte. Sie würde ihr geliebtes Mittelmeer so bald nicht wiedersehen. Sie hoffte, dass Richard ihre Träne nicht bemerkt hatte und wischte sie verstohlen mit dem kleinen Finger weg. Der Abschied vom Meer, von ihren Weinreben und dem Maurengebirge, dem südlichen Ausläufer der Alpen, würde ihr doch schwerer fallen, als sie zunächst gedacht hatte. Vor allem das Wetter bereitete ihr Sorgen, insbesondere der berüchtigte Londoner Nebel, den sie als Kind, als sie mit ihrer Gouvernante in der britischen Hauptstadt gewesen war, erlebt und der ihr ein mulmiges Gefühl bereitet hatte. Aber Richard war ein verständnisvoller und zudem äußerst gut aussehender Mann – zweiundzwanzig Jahre älter als sie zwar, wie ihr Bruder kritisch angemerkt hatte, als sie ihm Richard vorgestellt und er in aller Form um ihre Hand angehalten hatte, aber das machte ihr nichts aus – mit bereits vor allem an den Schläfen leicht ergrautem, aber noch vollem, leicht gewelltem, an den Seiten und im Nacken sehr kurz geschnittenem Haar, das sich, wäre es etwas länger gewesen, sicherlich in schönen Locken gekringelt hätte und dem man auf den ersten Blick anmerkte, dass es ebenso penibel gepflegt wurde wie die elegante Garderobe, die er stets und unter allen Umständen trug, egal, wie heiß es war, und die zweifellos professionell manikürten Fingernägel, war er durch und durch ein Gentleman, was sie von den Männern, die dem ortsansässigen Landadel angehörten und die ihr Bruder ihr hin und wieder zugeführt hatte - denn seiner Meinung nach war es für sie höchste Zeit zu heiraten - nicht unbedingt behaupten konnte. Richard hatte sich ihr stets nur mit dem größten Respekt genähert – viel respektvoller, als sie es sich manchmal im Geheimen gewünscht hätte, und hatte nie mehr von ihr erwartet, als sie ihm zu gewähren bereit war.

Von der Seite betrachtete sie ihren frischgebackenen Ehegatten und stellte wieder einmal befriedigt fest, dass das Alter noch nicht allzu viele Spuren an ihm hinterlassen hatte. Er war fast einen Kopf größer als sie und schlank, ohne dünn und sehnig zu wirken, wie es viele Engländer taten, mit breiten, straffen Schultern, die auf Willensstärke schließen ließen. Bis auf die bereits ergrauten Schläfen und einige Pigmentflecken auf den gepflegten, durchaus großen und muskulösen aber dennoch schlanken Händen waren keine Altersspuren zu erkennen.

In drei Tagen würde es losgehen, sie würde ein neues Leben an der Seite dieses Mannes beginnen, den sie erst vor einem Jahr kennengelernt hatte … Ein wenig fürchtete sie sich vor dem, was sie in London erwartete.

Ein Jahr zuvor

Es waren bereits fünf Jahre vergangen, seit Margaret, die geliebte Ehefrau von Lord Richard Fairfax, an einer kurzen, aber schweren Krankheit verstorben war. Richard hatte seit dieser Zeit ein einsames Witwerndasein geführt und sich von gesellschaftlichen Ereignissen, zu denen er als Mitglied des Kabinetts und zweitältestem Sohn eines Earl regelmäßig eingeladen wurde, ferngehalten, so weit dieses möglich war, ohne unhöflich zu wirken. Es machte einfach keinen Spaß, stets fremde Damen, zumeist verwitwete ältliche Herzoginnen, zu Tisch führen zu müssen, die ihn während des Dinners mit langweiligen Geschichten aus ihren Wohltätigkeitskommittees zu unterhalten versuchten und sich anschließend beim Tanzen nach dem ersten Walzer entschuldigten, weil ihnen die Füße weh taten.

Seinem Sohn David war es zu verdanken, dass er zum ersten Mal nach Margarets Tod Urlaub machte, und zwar in Monte Carlo, wo er einmal mit seiner Frau gewesen war, als die beiden Kinder noch nicht geboren waren. David hatte gemeint, dass sein Vater endlich einmal wieder einen Tapetenwechsel brauche, nachdem er sich die ganzen Jahre in die Arbeit vergraben habe. Doch auch hier im mondänen Monte Carlo war es so, dass die meisten Urlauber Paare waren und die Frauen, die allein im Hotel dinierten, eher ältlich und durchaus nicht nach seinem Geschmack waren.

Eigentlich war das Spiel nicht seine Leidenschaft und es entsprach auch nicht seinen moralischen Grundsätzen, doch Richard beschloss an einem besonders heißen Augustabend, das berühmte Spielcasino zu besuchen. Die prachtvolle neobarocke Ausstattung gefiel ihm, und er bewunderte mehr das Ambiente denn dass er dem Glücksspiel gefrönt hätte. Doch er fand es durchaus interessant, die Menschen dabei zu beobachten, wie sie spielten und ihre Gewinne einstrichen oder mit ihren Verlusten umgingen. Er konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass mancher, der hier spielte, es sich eigentlich nicht leisten konnte.

Besonders widerlich fand er einen ziemlich beleibten Mann, der, wie es sein roter Kopf vermuten ließ, schon ziemlich viel Champagner oder auch stärkere Getränke genossen hatte und fürchterlich schwitzte, und der mit dem Geld am Roulettetisch nur so um sich warf. Richard, der zufällig in der unmittelbaren Nähe dieses vermutlich russischen Großfürsten gestanden und sich bereits abgewendet hatte, hörte hinter seinem Rücken, wie dieser Mann aufbrüllte und etwas in einer ihm unverständlichen Sprache – wahrscheinlich Russisch – dem Croupier an den Kopf warf, worauf dieser mit den Achseln zuckte und seine Arbeit stoisch weiter fortsetzte. Der Oligarch hatte offenbar genug vom Roulette und wollte zum Durchgang in den nächsten Saal stapfen, wobei ihm eine junge Frau im Weg stand, die er achtlos beiseite stieß.

Das Schicksal wollte es, dass die junge Frau, ein zartes und überaus ansehnliches Geschöpf, das Gleichgewicht verlor und Richard geradewegs in die Arme fiel, wobei sie den Inhalt ihres Champagnerglases über Richards sorgfältig gebügelten Frack verschüttete.

„Pardon“, hauchte sie und eine zarte Röte färbte ihr schönes Gesicht, das eine ansonsten frische, bräunliche Farbe hatte.

„Das ist nicht Ihre Schuld“, antwortete Richard, „dieser Trunkenbold hat sie angerempelt, ich hoffe, er hat Ihnen nicht weh getan.“

„Nein, nein“, beeilte sie sich zu sagen, wobei sie ihm offen ins Gesicht sah.

Richard bemerkte, dass sie strahlende grüne Augen hatte, in denen die Funken sprühten. Sein Herz zog sich auf merkwürdige Weise zusammen. Sie nestelte in ihrem Pompadour und brachte ein zartes, spitzenbesetztes Taschentuch zum Vorschein, mit dem sie begann, die Tropfen, die der Champagner auf den Revers seines Fracks hinterlassen hatte, wegzutupfen.

„Das macht wirklich nichts, das trocknet in der Hitze ganz schnell wieder“, beeilte er sich zu versichern, „aber Sie haben nichts mehr zu trinken. Vielleicht darf ich Sie auf ein Glas einladen?“

Sie nickte nur und sah ihm offen in die Augen, wobei sie den Kopf in den Nacken legen musste, da er fast einen Kopf größer war als sie.

„Vielleicht auf der Terrasse, da ist es kühler“, schlug sie vor.

Richard folgte ihr und bewunderte von hinten ihre schlanke Silhouette und das kunstvoll aufgesteckte, blauschwarze, perlengeschmückte Haar, das einen hübschen Kontrast zu der eher hellen Haut ihres Nackens bot.

„Sie sind Engländer?“ fragte sie, als sie einen Tisch gewählt und sich niedergelassen hatten.

Richard erhob sich wieder eilig von seinem Stuhl und verbeugte sich formvollendet: „Verzeihen Sie, wo sind meine Manieren! Ich habe mich gar nicht vorgestellt: Lord Richard Fairfax.“

„Madeleine du Montignac“, sagte sie und reichte ihm mit einer unnachahmlich galanten Geste ihre Hand zum Kuss, den er andeutungsweise auf ihren weißen, bis über die Ellbogen reichenden Handschuh hauchte.

„Sie wohnen in Monte Carlo?“

„Nein“, antwortete sie und sah ihm dabei direkt in die unglaublich blauen Augen, „aber ich wohne nicht weit von hier, ein Stück die Küste hinauf Richtung Westen. Es ist nur ein kleiner Ort, aber sehr hübsch. Die Ballsaison verbringe ich allerdings meist in Paris, wo mein Bruder und ich gemeinsam ein Stadtpalais haben ...“

„Sie machen hier Urlaub?“ fragte sie überflüssigerweise, nachdem sie eine Flasche Champagner bestellt hatten.

„Ja. Ich wohne gegenüber im Hotel.“

„Allein?“ Madeleine biss sich sofort auf die Lippen, denn natürlich ziemte es sich nicht, eine solche Frage einem ihr bislang völlig unbekannten Mann zu stellen, doch manchmal ging ihr Temperament mit ihr durch.

„Ja. Ich bin Witwer“, gestand Richard, „schon seit fünf Jahren.

„Oh.“

„Und Sie, Sie sind sicherlich nicht allein hier, eine attraktive Dame wie Sie.“

„Doch, ich bin unverheiratet, und manchmal fällt mir in Pramousquier die Decke auf den Kopf, und dann komme ich her und suche ein bisschen Abwechslung. Im Herbst gibt es immer viel zu tun, wenn Weinlese ist, aber der August ist meist ziemlich langweilig.“

„Weinlese?“ Wenn Richards Interesse an der schönen jungen Frau nicht schon längst geweckt gewesen wäre, wäre es jetzt spätestens erwacht, denn er war ein Weinliebhaber und auch ausgezeichneter Weinkenner – seine zweite Schwäche neben der für schöne Frauen.

„Mein Vater hatte ein sehr großes Weingut, das er meinem Bruder und mir jeweils zur Hälfte hinterlassen hat.“

„Sehr fortschrittlich, Ihr Vater“, bemerkte Richard, der mit Verbitterung daran dachte, dass sein unfähiger älterer Bruder nicht nur den Titel seines Vaters, sondern auch das große Herrenhaus, die Ländereien und den größten Teil des Vermögens erben würde.

Madeleine lächelte versonnen: „Ja, das war er vermutlich.“

Es war bereits in den frühen Morgenstunden, der Champagner längst ausgetrunken und die Kellner warteten schon mehr oder weniger ungeduldig, als Richard sagte: „Ich glaube, die wollen uns nicht mehr hier haben.“

Madeleine lachte: „Ja, das sieht so aus.“

Als sie sich erhoben, sagte Richard, nachdem er die Rechnung beglichen hatte: „Ich hoffe, dass wir uns sehr bald wiedersehen.“

Madeleine drehte sich unvermittelt um, so dass ihre Gesichter sich sehr nahe kamen und er den zarten Duft einatmen konnte, den ihr gepudertes Gesicht und das gepuderte Dekolleté verströmten.

„Haben Sie schon einmal einen Sonnenaufgang auf dem Meer beobachtet?“ fragte sie.

Richard schüttelte den Kopf: „Nein, noch niemals.“

„Das sollten Sie unbedingt erleben. Wie wäre es, wenn Sie mich zu meiner Jacht begleiten und wir hinausfahren?“

Richard hatte den Eindruck, dass Mademoiselle du Montignac, genau wie er, den Abschied hinauszögern wollte. Sie hatte ihm erzählt, dass sie in Monte Carlo nicht im Hotel, sondern auf ihrer eigenen Jacht im Hafen wohnte, und der Gedanke, in ihre Privatsphäre vordringen zu können, erschien ihm einerseits äußerst ungehörig, andererseits aber auch äußerst reizvoll. Dennoch fragte er skeptisch: „Können Sie denn eine Jacht steuern?“

„Auf dem offenen Meer ist es kein Problem, das habe ich schon oft gemacht, aber aus dem Hafen heraus lasse ich doch lieber meinen Bootsführer steuern.“

„Können wir ihn denn um diese Zeit wecken?“ fragte er überflüssigerweise, denn auch er hatte eigentlich keine Probleme damit, nachts seine Bediensteten aus dem Bett zu klingeln, wenn er etwas brauchte.

„Dafür wird er bezahlt“, war Madeleines einziger Kommentar.

An der Garderobe ließ sie sich von Richard ihre hauchzarte Chiffonstola um die Schultern legen, die mehr Dekoration war, als dass sie wirklich ihre Schultern gewärmt hätte.

Richard staunte nicht schlecht, als er das relativ große Schiff sah, das am Kai im Hafen sicher vertäut lag und ruhig vor sich hin dümpelte, und das Madeleine, das hatte sie ihm auf dem Weg zum Hafen erzählt, sich mit ihrem Bruder teilte. Ein weißlivrierter Steward hatte offenbar auf seine Herrin gewartet und kam sofort an Deck, als sie das Schiff betraten und ihre Schritte auf den perfekt geölten Planken aus Mahagoniholz zu hören waren. Madeleine bestellte eine Flasche Champagner und Austern, die sofort, nachdem der vom Steward aus dem Schlaf geholte Bootsführer die großen Motoren der Jacht brüllend zum Leben erweckt hatte, auf dem Oberdeck in einer veritablen schweren Silberschale auf Eis und mit Zitronen und Petersilie garniert serviert wurden.

Richard hatte eigentlich keinen Appetit, denn er war voll und ganz auf die schöne Frau vor ihm konzentriert und Schmetterlinge schienen in seinem Bauch zu flattern, wie er es nicht mehr erlebt hatte, als er noch ein junger Mann gewesen war und um Margaret geworben hatte. Madeleine hatte, nachdem er ihr seine Identität verraten hatte, sofort und problemlos ins Englische gewechselt, nachdem sie bemerkt hatte, dass er, obwohl er die französische Sprache sehr gut beherrschte, bisweilen nach Worten suchen musste. Das Schiff hatte Fahrt aufgenommen und der Fahrtwind verschaffte eine angenehme Frische, Madeleines Kleid flatterte ein wenig im Fahrtwind, so dass er besorgt fragte, ob ihr nicht zu kühl sei.

„Nein, außerdem werden wir gleich anhalten.“

Wie auf Kommando stoppte der Bootsführer die Jacht auf, die Motoren verstummten und man hörte nur noch das leise Plätschern der Wellen. Die Küste war nur noch zu erahnen, weil am Ufer einige Lichter zu sehen waren, und es war abgesehen vom Wellengeräusch unglaublich still um sie herum und angenehm temperiert. Richard fragte sich unwillkürlich, mit wie vielen Verehrern Mademoiselle du Montignac diesen Ausflug wohl schon gemacht hatte, als sie aufstand und an die Reling ging.

„Kommen Sie, gleich geht es los“, sagte sie und streckte ihren schlanken Arm nach Osten aus. In der Tat war am Horizont ein Lichtstreif zu erkennen, der zunächst nur die Wasseroberfläche aufblitzen ließ, bis dann die ersten Strahlen der Sonne aus dem Meer aufzutauchen schienen.

Richard hatte sich dicht hinter Madeleine gestellt und abwechselnd auf die aufgehende Sonne und die hübschen schwarzen Löckchen in ihrem Nacken gestarrt. Dass er ihr dabei sehr nah gekommen war, so dass er die Wärme ihres Körpers spüren konnte sowie sie die Wärme des seinen verspüren musste, schien sie nicht zu stören. Das Schauspiel, das sich ihnen bot, war atemberaubend.

„Habe ich Ihnen zuviel versprochen?“ fragte Madeleine, als die Sonne sich vollständig aus dem Meer erhoben hatte und ihre sanften, goldenen Strahlen über das Meer zu ihnen schickte und das Deck in ein warmes goldenes Licht tauchte.

Richard räusperte sich, denn er hatte Madeleine angeschaut, und sie hatte beim Herumdrehen seinen auf ihr ruhenden Blick bemerkt.

„Sie haben gar nicht den Sonnenaufgang angeschaut.“

„Doch“, verteidigte er sich, „nur nicht ausschließlich.“

Er nahm sich ein Herz und fasste sie bei dem Oberarmen, die so schlank waren, dass er sie mit seinen großen Händen mit den langen Fingern ganz umfassen konnte und die sich angenehm kühl anfühlten.

„Sie sind schöner als jeder Sonnenaufgang.“ Was wie ein Klischee klang, kam Richard aus dem vollen Herzen.

Madeleine schaute ihn an und wollte etwas erwidern, wobei sie ihre Lippen ein klein wenig öffnete, doch Richard nahm allen Mut zusammen und drückte seine Lippen auf die ihren. Er hatte das Gefühl, dass sein Blut in seinen Adern kochte. Madeleine wehrte sich nicht. Auch sie durchströmte eine wohlige Wärme und sie genoss den männlich-herben Duft, der von Richard ausging.

Es dauerte eine Weile, bis er von ihr abließ, und sie ließ sich viel Zeit, dem Bootsführer den Befehl zur Rückfahrt zu erteilen.

Im Hafen angekommen, trennten sich beide schweren Herzens voneinander, nicht, ohne dass Madeleine ihn für den nächsten Abend zum Dinner auf ihre Jacht einlud. Richards Herz hüpfte vor Freude und Erregung, als er leichtfüßig wie ein Zwanzigjähriger zu seinem Hotel zurückging. Doch er war sich auch der Tatsache bewusst, dass er in einer Woche würde wieder nach England zurückfahren müssen … Er ging sofort zu Bett, um noch ein wenig Schlaf zu bekommen, doch er wälzte sich in seinem Bett hin und her. Einerseits verfolgten ihn Bilder aus der Vergangenheit, glückliche Tage mit Margaret und den Kindern, andererseits konnte er das Bild dieser schönen jungen Frau, ihre Silhouette vor dem Sonnenaufgang nicht vergessen. Erst gegen Mittag schlief er tief ein, von Müdigkeit überwältigt, um am späten Nachmittag durch die Sonne, die ihm heiß und unbarmherzig ins Gesicht schien, denn er hatte vergessen, die Vorhänge zuzuziehen, wieder geweckt zu werden – gerade rechtzeitig, um sich anzukleiden und in der Stadt ein kleines Gastgeschenk für Madeleine zu besorgen.

Das Dinner auf ihrer Jacht, die an diesem Abend im Hafen vertäut blieb, weil ein recht kräftiger Mistral wehte, verlief in äußerster Harmonie. Richard war erstaunt und lobte, welche Köstlichkeiten Madeleines Koch auf dem Schiff gezaubert hatte, wobei Madeleine lächelnd gestand, dass einiges im Delikatessengeschäft in der Stadt erstanden worden war. Während sie sich angeregt unterhielten, konnte Richard sich einmal mehr davon überzeugen, dass diese Frau nicht nur ungewöhnlich schön, sondern auch außerordentlich klug war – viel klüger, als die meisten Frauen, die er bisher kennengelernt hatte, seine Margaret ausgenommen.

Doch Madeleine war, obwohl hohen Standes, sehr viel unkonventioneller als seine verstorbene Frau, vermutlich aufgrund ihres viel geringeren Alters. Hin und wieder erinnerte sie ihn an seine Tochter, die sich in ihrer Jugend einige Freiheiten herausgenommen und damit hin und wieder nicht nur sich selbst, sondern die ganze Familie in Schwierigkeiten gebracht hatte. Als sie sich gegen Mitternacht voneinander trennten und Richard ihr mitteilte, dass ihm nur noch wenige Tage in Monaco vergönnt sein würden, lud sie ihn spontan ein, sie für die restlichen Tage auf ihr Weingut zu begleiten. Richard war perplex ob dieser Ungezwungenheit und Spontaneität, willigte aber ohne zu zögern ein und versprach, am nächsten Morgen pünktlich um elf Uhr am Hafen zu sein, um mit ihr zu fahren.

Im Hotel angekommen fragte er sich, was Margaret wohl dazu gesagt hätte, dass er die Einladung dieser ihm eigentlich noch unbekannten Frau ohne zu zögern angenommen hatte. Vermutlich hätte sie tadelnd den Zeigefinger erhoben, aber dennoch gelächelt und ihm alles Gute gewünscht. Da er entgegen seiner üblichen Gewohnheit ohne Kammerdiener gereist war, machte er sich daran, seine Koffer zu packen und beglich die Hotelrechnung, denn er hatte nach reiflicher Überlegung beschlossen, am nächsten Morgen vor der Abfahrt noch einen Juwelier aufzusuchen …

„Willkommen!“ Madeleine schlang, nachdem sie in dem kleinen Küstenort Pramousquier auf dem Weingut der Montignacs angekommen waren, beide Arme um Richards Hals und küsste ihn flüchtig auf beide Wangen. Er errötete und erwiderte vorsichtig ihre Umarmung, indem er seine Hände auf ihre schmale Taille legte.

Das Chateâu, das Madeleine ganz allein – von der Dienerschaft, die ihn mit fast unverhohlener Neugier musterte, einmal abgesehen – bewohnte, war um einiges weitläufiger als sein Haus in London, aber nicht zu vergleichen mit dem großen Herrensitz, auf dem er aufgewachsen war und der einmal seinem Bruder gehören würde. Ein Butler geleitete ihn auf seine Zimmer, die mit hellem, freundlichem Mobiliar ausgestattet waren, und deren Marmorfußböden eine angenehme Kühle ausstrahlten. Über die Ausstattung des Bades, das ihm ganz allein zur Verfügung stand, konnte er nur staunen, denn es war um einiges fortschrittlicher als die Bäder in seinem Haus in London, obwohl man sich hier auf dem Lande befand.

Am Abend dinierten sie, da sich der Mistral wieder gelegt hatte, auf der Terrasse, die einen unvergleichlichen Ausblick auf das tiefblaue Meer bot, und Richard musste sich mehrfach klarmachen, dass dieses Wirklichkeit und kein Traum war.

Am nächsten Tag zeigte Madeleine ihm das Anwesen, und, da er gut im Sattel saß, ritten sie auch eine Weile an der Küste entlang, die zwar felsig war, aber immer wieder an herausragenden Punkten zum Verweilen einlud, weil sie unglaubliche, spektakuläre Ausblicke auf das Meer bot.

Am späten Nachmittag, sie hatten sich umgezogen, um auf der Terrasse einen Apéritif zu nehmen, näherte sich Richard Madeleine und strich ihr mit einem Finger zart über die Schulter und den Hals. Er hatte sich gerade zu ihr hinuntergebeugt und war im Begriff, ihr einen Kuss auf die Lippen zu drücken, als unangemeldet ein nicht mehr ganz junger, groß gewachsener Mann, etwa von Richards eigener Größe, erschien.

„Pardon“, sagte der Mann, „ich wollte nicht stören.“

Madeleine fuhr herum.

„Tust du aber“, zischte sie.

„Entschuldige, meine Liebe, aber ich bin gekommen, um einen Blick in die Abrechnungsbücher zu werfen.“

„In die Bücher?“ fragte Madeleine entgeistert.

„Ich weiß doch, dass du es mit dem Rechnen nicht so hast, Schwesterchen. Aber vielleicht stellst du uns einander vor?“

Madeleine schäumte vor Wut, aber das wollte sie vor Richard nicht zeigen. Mit zusammengebissenen Zähnen stellte sie Richard ihren Bruder Jean-Pièrre vor.

„Wenn du nun die Güte hättest, die Bücher zu holen?“ wandte sich Jean-Pièrre freundlich an seine Schwester.

„Ich werde läuten.“

„Wenn du sie selbst holst, geht es schneller und du bist mich wieder los.“

Madeleine war klar, dass ihr Bruder mit Richard allein sein wollte, und sie fragte sich, wie er so schnell von Richards Anwesenheit erfahren hatte. Da hatte der Dorftratsch einmal wieder richtig gut funktioniert.

„Bin gleich wieder da!“ sagte sie hoheitsvoll und warf ihrem Bruder einen Blick zu, aus dem Dolche zu stoßen schienen.

Als sie verschwunden war, wandte sich Jean-Pièrre du Montignac freundlich an den Besucher.

„Sie sind Engländer?“ fragte er.

Nachdem Richard bejaht und kurz geschildert hatte, wer er war und welche Position er bekleidete, fragte der Franzose ohne Umschweife: „Haben Sie ernste Absichten in Bezug auf meine Schwester?“

Richard räusperte sich, zunächst sprachlos ob dieser Direktheit, doch dann nickte er.

„Ich kann Ihnen versichern, dass meine Absichten ehrenvoll sind. Ich kenne Ihre Schwester zwar noch nicht lange, aber ich liebe sie und möchte ihr einen Antrag machen. Allerdings weiß sie noch nichts davon“, sagte er in seinem besten Französisch.

Jean-Pièrre legte ihm leicht eine Hand auf die Schulter: „Lassen Sie uns ein paar Schritte gehen.“ Er dirigierte ihn in den Garten. Richard blickte sich um, doch Madeleine war nicht zu sehen. Dann zog er ein kleines, mit Samt bezogenes Kästchen aus der Tasche seines Fracks, das er schon seit dem gestrigen Abend dort deponiert hatte, und zeigte dem Franzosen den Inhalt.

Ungeachtet seiner ansonsten eleganten und untadeligen Erscheinung pfiff dieser ziemlich derb durch die Zähne. Dann schaute er Richard ins Gesicht.

„Meine Schwester ist an einen bestimmten Lebensstil gewöhnt.“

„Ich kann Ihnen versichern, dass es ihr an nichts fehlen wird. Ich besitze ein großes Haus in London, und es gibt ausreichend Personal, das für ihre Bequemlichkeit sorgen wird.“

Der Franzose nickte. „Ich habe eigentlich auch nichts anderes erwartet“, sagte er. Aber ich denke da auch an … verzeihen Sie, wenn ich persönlich werde … Ihr Alter.“

Damit hatte Madeleines Bruder den einen wunden Punkt getroffen, über den Richard sich auch schon Gedanken gemacht hatte.

„Ich glaube, wenn Madeleine mein Alter nicht stört, sollte es das Sie auch nicht“, antwortete er steif.

Jean-Pièrre nickte und wollte etwas erwidern, doch da kam Madeleine auf dem Kiesweg herbeigeeilt und warf förmlich ihrem Bruder mehrere dicke Kontorbücher in die Arme, die dieser mit einem Grinsen auffing, während er zwischen den Zähnen so etwas wie „Wildkatze“ murmelte.

„Dann kannst du uns ja jetzt allein lassen“, zischte sie, „grüß Marie-Ange von mir!“

Mit einer angedeuteten Verbeugung verabschiedete sich Jean-Pièrre.

„Was hat er Ihnen gesagt, was wollte er?“ fragte sie.

Richard zögerte, denn eigentlich wollte er die Katze noch nicht aus dem Sack lassen.

„Hat er Sie vor mir gewarnt?“

„Nein, nicht im Mindesten“, beeilte Richard sich zu versichern, „er hat nur gefragt, ob … ob ich ernste Absichten habe … äh … Ihnen gegenüber.“

Madeleine schaute zu ihm auf.

„Und, haben Sie?“ wollte sie fragen, doch sie verstummte, als Richard, ungeachtet der Tatsache, dass der Weg etwas staubig war und er sich vermutlich die Frackhose ruinierte, vor ihr in die Knie sank und ein Kästchen aus der Tasche seines Fracks hervorholte und aufklappte. Darin blitzte ein wunderschöner Ring, rundherum mit Brillanten besetzt, und vorne thronte ein größerer Brillant, eingefasst mit Saphiren.

Madeleine schluckte.

„Würden Sie mir die große Ehre erweisen, meine Frau zu werden, Madeleine?“ fragte Richard mit belegter Stimme.

Madeleine zögerte einen Augenblick. Sie hatte, da sie seine Gefühle für sie geahnt hatte und dieselben Gefühle für ihn hegte, schon befürchtet, dass er ihr einen Antrag machen würde, und sich mehrfach gefragt, ob es klug gewesen war, ihn einzuladen, wo sie sich erst so kurze Zeit kannten. Natürlich machte er sich nun Hoffnungen. Sie hätte sich wieder einmal ohrfeigen können, dass sie so impulsiv gewesen war.

Was sie dann tat, tat ihr selbst in der Seele weh: Sie nahm das Kästchen - Richard erhob bereits erfreut seinen Blick – klappte es zu und drückte es ihm wieder in die Hand. Verwirrt und enttäuscht stand er auf.

„Es ist mein Alter, Sie glauben, dass ich zu alt für Sie bin“, krächzte er mit vor Enttäuschung belegter Stimme.

Madeleine trat ganz dicht an ihn heran, legte eine Hand in seinen Nacken, zog seinen Kopf zu sich herunter und drückte ihm einen Kuss auf die Lippen.

„Nein, Richard, das denke ich nicht. Und es ist kein Nein.“

Richard blickte sie verwirrt an.

„Wenn ich glauben würde, dass Sie zu alt sind, hätte ich den Kontakt nach dem Abend im Casino abgebrochen.“

„Was ist es dann?“

„Das wissen Sie selbst sehr gut. Kommen Sie!“ Sie fasste ihn bei der Hand und zog ihn auf die Terrasse, wo der Butler meldete, dass das Dinner serviert sei.

„Das muss jetzt warten, stellen Sie es warm“, befahl Madeleine.

Als der Bedienstete verschwunden war, setzte Madeleine sich auf einen der Korbstühle und klopfte auf den, der neben dem ihren stand, damit auch Richard sich setzte.

Als sie zunächst schwieg, begann er: „Was ist es dann?“

„Glauben Sie an Liebe auf den ersten Blick?“ fragte sie.

„Ja. Sonst hätte ich Ihnen wohl kaum einen Antrag gemacht.“

„Das tue ich auch, aber wir sollten unseren Verstand einschalten, wir sind beide keine jungen Leute mehr.“

Als er protestieren und sagen wollte, dass das wohl auf ihn, nicht aber auf sie zuträfe, hob sie die Hand und brachte ihn zum Schweigen.

„Lassen Sie mich bitte ausreden, Richard. Ich liebe Sie, daran besteht kein Zweifel, ich wusste es von dem Augenblick an, als ich in Ihre Arme gefallen bin. Aber wir kennen uns noch so wenig, es ist unbedingt erforderlich, dass wir mehr voneinander erfahren. Und es gibt so viele Dinge zu klären.“

„Ich glaube, dass alles, was wir wissen müssen, die Tatsache ist, dass wir uns lieben“, sagte Richard verzweifelt, doch er wusste selbst nur zu gut, dass das nicht stimmte. „Was gibt es da noch groß zu klären?“

„Nun ...“ Madeleine lächelte maliziös, „zum Beispiel die Frage, wo wir leben sollen.“

Richard blickte verwirrt, denn diese Frage hatte sich ihm nie gestellt.

„Nun, in London natürlich, ich habe dort ein großes Haus ...“

„Und wieso ist das natürlich?“ fiel Madeleine ihm ins Wort.

„Weil ...“

„ … das Weib dem Manne folgen muss?“

Richard nickte und war sich bewusst, dass er damit wahrscheinlich selbst einer Beziehung das Todesurteil gegeben hatte, die es eigentlich noch gar nicht gab.

„Es ist traditionell so, dass ...“

Madeleine nickte. „Das heißt aber nicht, dass es gut ist und immer so sein muss.“

„Ich habe Ihnen gesagt, dass ich Politiker bin, Mitglied des Parlaments, Madeleine, und das kann ich nur in meinem eigenen Land sein ...“

„Und ich kann meine Weinberge nicht mit nach England nehmen.“

„Ihr Bruder kümmert sich doch darum, wie ich sehe.“

„Nein, normalerweise nicht. Ich kümmere mich um meinen Anteil selbst. Mein Brüderchen ist heute nur gekommen, um zu spionieren, ich kenne ihn. Er denkt immer noch, er muss auf mich aufpassen. In Wirklichkeit wollte er Sie kennenlernen. Ich kann nämlich besser rechnen als er.“

Richard lächelte, ergriff ihre Hand und küsste sie.

„Wollen Sie es sich noch einmal überlegen?“

„Lassen Sie uns wie Erwachsene handeln und nicht wie verliebte Teenager“, sagte sie, „ich liebe Sie, Richard, das habe ich Ihnen gesagt, aber ich brauche Zeit.“

„Wie lange?“

„Drängen Sie mich bitte nicht. Ich denke, dass wir uns in einem Jahr noch einmal unterhalten sollten.“

„In einem Jahr?“ fragte er entgeistert.

„Das wird das Beste sein.“

Richard versuchte noch einmal, Madeleine umzustimmen, doch sie blieb hart. Ein Jahr wollte sie Bedenkzeit haben, und als er auf der Rückfahrt auf der Fähre an der Reling stand und auf die Küste seines Heimatlandes blickte, musste er sich eingestehen, dass Madeleine Recht gehabt hatte, auch wenn es weh tat – ihr vermutlich genauso wie ihm. Doch es war eine Entscheidung der Vernunft. Er sah ein, dass Madeleine nicht von heute auf morgen ihr ganzes bisheriges Leben, ihren Besitz und ihre Familie hinter sich lassen wollte, und dass er ihr die Frist einfach zugestehen musste. Schlussendlich, so sagte er sich, hatte er auch nichts davon, wenn sie zwar bei ihm in London aber unglücklich war.

Pramousquier, Cote d'Azur, August 1902

Das Chateâu, das Madeleines Bruder bewohnte, war noch etwas größer und luxuriöser als Madeleines. Madeleines Schwägerin Marie-Ange war eine ebenso perfekte und charmante Gastgeberin wie Madeleine, konnte ihr aber, was Aussehen und Intelligenz betraf, nicht im Entferntesten das Wasser reichen. Dennoch schienen die beiden Frauen sich gut zu verstehen und hatten die Männer, nachdem Jean-Pièrre Richard in sein Arbeitszimmer gebeten hatte, um ihm seine Cognac-Sammlung zu zeigen, ziehen lassen. Richard ahnte, dass Jean-Pièrre ihn noch einmal unter die Lupe nehmen wollte und rüstete sich entsprechend.

Zwei Abende zuvor hatte Madeleine seinen Antrag, den er von London aus auch brieflich mehrfach noch einmal bekräftigt hatte, angenommen, nicht, ohne ihn vorher auf eine Sache hinzuweisen, die ihr am Herzen lag.

Er hatte den Verlobungsring, den er ein Jahr zuvor gekauft hatte, demonstrativ auf den Tisch gelegt, als sie sich zum Diner auf der Terrasse niederließen. Madeleine war bei seinem Anblick aufgestanden.

„Du möchtest eine Antwort“, hatte sie gesagt.

„Ich denke, dass ich jetzt eine verdient habe, Madeleine. Ich habe ein Jahr gewartet, und ich werde nicht länger warten. Wenn du einwilligst, mich zu heiraten, werden wir das in den nächsten Wochen tun, ob hier oder in London, bleibt dir überlassen, wenn du 'nein' sagst, reise ich morgen ab.“

Richard hatte forscher geklungen, als er es beabsichtigt hatte, deshalb fügte er rasch hinzu: „Ich habe ein Jahr gewartet, ich möchte nicht noch länger warten, schließlich bin ich nicht mehr der Jüngste.“

„Bevor ich dir eine Antwort gebe, solltest du etwas wissen“, hatte sie verkündet und ihn ins Haus und geradewegs zu ihrer Schlafzimmertür geführt. Richard wurde ziemlich heiß, weil er nicht ahnte, was sie vorhatte, doch er folgte ihr in ihr Allerheiligstes.

„Setz' dich“, befahl sie und wies auf eine bequeme Chaiselongue, die mitten im Raum stand.

Richard gehorchte und sah sich verstohlen um. Das Schlafzimmer war mit prachtvollen weißen Möbeln, die mit Blattgold verziert waren, ausgestattet, Tapeten und Vorhänge waren rosa, und es duftete nach Mimosen und Lavendel. Ob dieser Zurschaustellung opulenten weiblichen Geschmacks wurde ihm noch heißer. Und er geriet vollends ins Schwitzen, als er beobachtete, wie sie zu ihrem Bett ging und den rechten Schuh auszog. Kurz darauf warf Madeleine ihr Strumpfband auf das Bett und er fragte sich, was das werden sollte, wobei er seinem Herzen ständig befahl, doch bitte nicht so wild zu klopfen. Nachdem Madeleine ihren rechten Strumpf herabgerollt und ausgezogen hatte, bat sie ihn, zu ihr zu kommen.

Richard erhob sich und trat voller Erwartung, aber doch zögernd, zu ihr.

„Komm, setzt dich bitte zu mir.“

Richard gehorchte und ließ sich neben ihr auf der seidenen Tagesdecke – ebenfalls rosa – nieder.

„Ich wollte, dass du das hier vorher siehst“, sagte sie und streckte ihm ihr rechtes Bein entgegen.

Was er sah, ließ Richard schlucken. Der halbe Unterschenkel wie der Fuß waren von mehreren Narben bedeckt.

„Ich wollte, dass du das weißt, bevor ich dir eine Antwort gebe“, sagte sie und wollte beginnen, den Strumpf wieder anzuziehen.

Richard hinderte sie daran und zog ihren Fuß an seine Lippen.

„Hast du befürchtet, dass mich das stört?“ fragte er, nachdem er einen Kuss auf den Fuß gehaucht hatte, „dass mich das von meinem Entschluss, dich zu heiraten, abbringen könnte?“

„Ich dachte einfach nur … du solltest es vorher wissen.“

„Ich danke dir, dass du ehrlich bist, aber es stört mich nicht im Geringsten. Woher … ?“

Doch sie antwortete nicht. Nachdem er ihr einen Moment in die Augen geschaut hatte, sagte er mitfühlend: „Das muss furchtbar weh getan haben.“

„Es sind Narben von Brandwunden. Und ja, es hat sehr weh getan, es ist vor vielen Jahren passiert ... wie genau, erzähle ich dir vielleicht später einmal. Ich habe damals Morphium gegen die Schmerzen bekommen.“

Dass sie damals süchtig geworden war und was die wahre Ursache des Brandes gewesen war, verschwieg sie – Ehemänner, vor allem zukünftige, mussten nun doch nicht alles wissen.

„Darf ich dir den Ring jetzt anstecken?“ fragte er schüchtern.

Madeleine strahlte ihn an.

„Ja.“

„Du machst mich zum glücklichsten Mann der Welt.“

Hastig nestelte er an seiner Fracktasche und zog das Kästchen mit dem Ring hervor.

„Er ist zu groß“, stellte er enttäuscht fest, nachdem er ihr den Ring über den Ringfinger gestreifte hatte.

„Steck ihn auf den Mittelfinger“, sagte Madeleine, „wir können ihn später einmal kleiner machen lassen.“

Richard tat, wie ihm geheißen und nahm Madeleine in seine Arme.

„Wie Sie sicher vermuten, wollte ich Sie allein sprechen, Lord Fairfax“, eröffnete Jean-Pièrre das Gespräch.

„Selbstverständlich habe ich damit gerechnet. Ich stehe Ihnen Rede und Antwort. Ihre Schwester hat mir schon gesagt, dass Sie nach dem Tode Ihrer Eltern so etwas wie die Vaterstelle bei ihr vertreten.“

Jean-Pièrre führte Richard an ein Regal, auf dem in teilweise verstaubten Flaschen geschätzte hundert verschiedene Cognacs darauf warteten, verkostet zu werden. Jean-Pièrre griff zielsicher nach einer Flasche und goss von der klaren dunkelbraunen Flüssigkeit großzügig etwas in zwei prachtvolle Kristallgläser.

Der Cognac war über siebzig Jahre alt, wie das Etikett verriet, und schmeckte vorzüglich. Genießerisch sog Richard zuerst den Duft ein und ließ dann das Getränk, das lange vor seiner Geburt hergestellt worden war, zuerst im Glas hin- und herkreisen und dann im Mund hin- und herwandern, bevor er es die Kehle hinabrinnen ließ.

„Ich sehe, ich habe es mit einem Kenner zu tun“, bemerkte Jean-Pièrre zufrieden.

„In der Tat interessiere ich mich für Wein und auch Cognac. Wir Engländer sind nicht solche Banausen, was kulinarische Dinge betrifft, wie in Frankreich immer behauptet wird.“

„Ich kann Ihnen versichern, dass ich diese Auffassung meiner Landsleute nie geteilt habe – Madeleine übrigens auch nicht.“

Richard ahnte, dass sie nun beim eigentlichen Thema angekommen waren und wartete ab.

„Meine Bedenken bezüglich Ihres – Verzeihung – Alters hatte ich Ihnen bereits mitgeteilt. Aber wenn es Madeleine nicht stört, sollte es mich auch nicht stören, wie Sie damals richtig bemerkt haben.“

„Was ist es dann?“ fragte Richard angriffslustiger, als er es beabsichtigt hatte.

„Wenn ich ehrlich bin, vermutlich einfach der Gedanke, dass meine kleine Schwester nicht mehr in meiner Nähe sein wird, ich nicht mehr auf sie aufpassen kann.“

Richard lächelte. „Das wird ab jetzt meine Aufgabe sein, denke ich. Und: England ist nicht aus der Welt … Sie und Ihre Gattin sind uns jederzeit herzlich willkommen. Außerdem musste ich Madeleine versprechen, dass wir jeden Sommer hier verbringen.“

Jean-Pièrre lächelte. „Lassen Sie mich einige Dinge über meine Schwester sagen“, begann er. „Dass ich damals auf Ihr Alter angespielt habe, hat einen gewissen Grund. Sie sind genau das, was man sich unter einem englischen Gentleman vorstellt: distinguiert, aus bester Familie, reich, mit einem gewissen Standesbewusstsein. Und mit erheblichem politischen Einfluss.“

Richard blickte auf.

„Ja, mein lieber Richard, ich habe meine Hausaufgaben gemacht und gebe zu, dass ich Erkundigungen über Sie eingezogen habe, äußerst diskret natürlich. Sie sind, wie man so schön sagt, eine sehr gute Partie. Worauf ich aber hinauswill ist die Tatsache, dass meine kleine Schwester nicht einfach ist. Sie hat Ihren eigenen Kopf und ist sehr selbstständig. Andere würden sagen: kapriziös. Ich fürchte, sie wird sich nicht viel von Ihnen sagen lassen, auch wenn Sie ihr Ehemann sind. Sie ist vielleicht nicht so, wie sich ein Mann Ihrer Generation und Ihres Standes eine Ehefrau vorstellt ...“

„Jean-Pièrre, was ich mir seit dem Tod meiner ersten Frau wünsche, ist erneut eine Partnerin an meiner Seite, kein dekoratives seidenes Sofapüppchen, das man bei offiziellen Gelegenheiten hervorholt, um damit anzugeben und es bewundern zu lassen, um es ansonsten in den Wänden des Hauses einzumauern oder in eine Vitrine zu stellen. Ich bin, wenn ich das so sagen darf, ein erfahrener Ehemann, und ich weiß, dass es in jeder Ehe auch Schwierigkeiten geben kann. Auch mit meiner ersten Frau habe ich bisweilen … diskutiert.“

„Das werden Sie mit Madeleine vermutlich sehr häufig tun müssen. Sie ist sehr selbstständig, und sie hat lange allein gelebt. Sie hat mehr oder weniger immer genau das getan, was sie wollte.“

„Ich werde damit umzugehen wissen“, sagte Richard im Brustton der Überzeugung und genoss den letzten Schluck von dem herrlichen Cognac.

„Sagen Sie nachher bitte nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Ach ja, da ist noch eine Sache ...“

Richard blickte zu seinem zukünftigen Schwager und wartete ab.

„Ich kann Ihnen nicht garantieren ...“

„Was?“

„Dass … äh … dass sie noch Jungfrau ist“, brachte Jean-Pièrre schließlich ein wenig verlegen hervor.

„Nun ... das habe ich auch nicht erwartet, sie ist immerhin über dreißig und eine sehr schöne Frau. Ich bin nicht davon ausgegangen, dass ich ihr erster Verehrer bin, wenn ich es einmal so formulieren darf.“

„Dann ist es ja gut. Ich möchte nur nachher keine … Reklamationen.“

Da sprach der Geschäftsmann und Jean-Pièrre merkte an Richards Blick, dass diese Bemerkung eher unpassend war. Er versuchte, es zu überspielen, indem er Richard noch einen Cognac anbot.

„Dann darf ich wohl als Älterer meinem neuen Schwager das Du anbieten“, sagte Richard, um ebenfalls die etwas peinliche Situation zu überspielen. Jean-Pièrre und er stießen an, und nachdem sie den Cognac schweigend genossen hatten, bemerkte Richard: „Wir sollten die Damen nicht länger warten lassen.“

„Nein, das sollten wir nicht. Madeleine ist zuzutrauen, dass sie hier hereinplatzt, wenn es ihr zu lange dauert.“

Gemeinsam gingen sie in den Speisesaal zurück, wo Madeleine und ihre Schwägerin Marie-Ange bereits zum Kaffee übergegangen waren.

Kapitel 1: Die Ankunft

London, August 1902

„Sie kommen. Alle in einer Reihe aufstellen. Sind Ihre Schuhe geputzt, Alfred?“ Der Hausdiener nickte. Dem strengen Blick des Butlers entging leider nichts.

„Es muss alles perfekt sein, wenn die neue Herrin kommt“, dozierte Arthur Hotchkins, „der erste Eindruck ist der entscheidende. Wir wollen uns von unserer besten Seite zeigen, das sind wir unserem Herrn schuldig.“