Ein Weg ohne Ende - Günther Floner - E-Book

Ein Weg ohne Ende E-Book

Günther Floner

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Beschreibung

"Ein Weg ohne Ende" beschreibt einen kurzen Ausschnitt aus der unendlichen Lebensschwingung der menschlichen Seele. Die Geschichte spielt im Diesseits und im Jenseits und umspannt die Zeit eines einzigen irdischen Lebensweges. Die Reise des Aamar Synin ayon Freejab, dem Protagonisten dieser Geschehnisse hat kein Ende. An den Anfang kann er sich nicht erinnern, jetzt, da er den irdischen Namen Michael Blankenheim trägt und auch sein Ziel kennt er nicht. Der Weg hier in dem verdichteten Lebensraum der Erde beginnt für ihn also ganz im Dunklen und führt dann durch eine überlang erscheinende Phase der Einsamkeit. Ohne Erinnerung an seinen Auftrag und doch immer diese Ahnung mit sich tragend, etwas Lebensnotwendiges tun zu müssen, taumelt er über weite Strecken am Rande des Abgrundes der Verzweiflung. Was ist seine Aufgabe? Was ist sein Sinn? Das sind die brennenden Fragen seiner Reise. Und dann, zu einer Zeit, in der er schon fast aufgegeben hat und kaum mehr Hoffnung keimt, da kommen plötzlich diese Augenblicke der Dämmerung.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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„Ein Weg ohne Ende“ beschreibt einen kurzen Ausschnitt

aus der unendlichen Lebensschwingung der menschlichen Seele.

Die Geschichte spielt im Diesseits und im Jenseits

und umspannt die Zeit eines einzigen irdischen Lebensweges.

Dies sind die Abenteuer von Aamar Synin ayon Freejab, der schon ein großer Krieger ist und trotzdem wieder von ganz vorne beginnen muss zu lernen.

Inhaltsverzeichnis

Aamar Synin ayon Freejab ist ein cooler Typ

Die Zwiesprache mit dem Schöpfer

Eekylelie, die große Liebe von Aamar

Der Abstieg

Das Vergessen

Der neue Lebensweg hat begonnen

Michael Blankenheims Familie

Eine schlimme, dunkle Periode nimmt ihren Lauf

Michael Blankenheim bringt die anderen zum Lachen

Die Augen werden schwach

Es ist wie ein Zauber, wenn man sich nicht mehr alleine fühlt

Die erste Freundschaft

Die Geschichte der Zeiträuber, den Regenten dieser Welt

Wunder sind geheimnisvoll. Kaum sind sie geschehen, regiert schon wieder die Unaufmerksamkeit

Das mir verhasste Militär

Es ist die Zeit der Hippies, Freiheitskampf und Liebeshunger paaren sich mit Selbstüberschätzung

Und da ist niemand, der ihn festhält

Yikanan Fillim eyen Monaat und Uufardin Naamib eyen Seem wandern in den Lichtstrahlen des Hochwaldes

Das Alleinsein bedeutet das Ende, es heißt aufhören zu existieren

Gefangen im Strome der eigenen Gedanken – und plötzlich: ein Mensch ist da

Diese Lehre vom unsichtbaren Gott klingt so dumm hier auf Erden, denn alles Streben nach Erfolg verträgt keine Nächstenliebe

Schüchterne Unsicherheit, eine liebenswerte Eigenschaft

Ich habe nicht funktioniert, nein, ich habe mich auf die Suche gemacht

Michael Blankenheim und Irene Liebenfels werden ein Paar

Einmal ist es warm und gleich darauf wieder furchtbar kalt

Johann Liebenfels ist ein fleißiger und braver Mann

Erste Schritte – erste Brüche

Wer bin ich? Was bin ich? Wie soll ich mich vorstellen bei euch?

Ein erschütternder Blick in die schreckliche ‚Alles-ist-in-Ordnung-Welt‘

Michael Blankenheim versucht, diesem Alptraum zu entkommen

Jeder Mensch hat diesen göttlichen Funken in sich, jeder

Der Augenschein trügt

Diese irdische Liebe, sie verblasst inmitten der täglichen Verletzungen

Die Freude in diesen Augenblicken der Sichtbarwerdung der himmlischen Kraft ist gewaltig und mächtig

Auf einmal hat er diese dramatische Angst verloren, die das erlösende Aufbegehren immer verhindert

Die Betroffenheit ist stark – handelt es sich doch um eine letzte, vergebene Chance

Bitte, geliebter Schöpfer-Gott, schicke ihm Wahrheitsfunken und zeige ihm Wegweiser in diesem finsteren Tal

Frieda C. Sangbrecht, die außergewöhnlich begabte Geschäftsfrau ist erfolgreich unterwegs in aller Welt

Ich bin dir egal und du bist mir egal

Der Geist beginnt zur Wurzel zurückzufinden

Was bin ich denn ohne diese meine Arbeit? Ein Nichts, ein Niemand

Der Wunsch zu lernen, das Streben nach Weisheit, dies ist wie ein roter Faden, der sich durch all seine Jahre zieht

Das kann doch nicht Gottes Wort sein

Weit weg, einfach nur weit weg

Die Unlesbarkeit der Bibel macht betroffen

Die Suche nach der Wahrheit ist mühevoll

„Ich weiß, es ist verboten, die Mauer der Erinnerung einzureißen, aber bitte Vater, lass’ Aamar Deine Wahrheit wiedererkennen“

Oooohhmmm – Oooohhmmm – Oooohhmmm

„Määähh … Määähh … Määähh“

Aus den tiefen Abgründen des Daseins entspringen erst die fabelhaften Rührungen

Es ist ein Reigen, es ist ein Fest. Die Seelen haben das Glück. Sie machen sich auf den Weg.

Der Most wird heuer sicher a wieder recht guat werden

Britta F. Haag und Frieda C. Sangbrecht treffen sich bei Fela Kuti

Der Tag der Ernte ist gekommen

Da haaab’ ich noch im Duunkel die Augen zuuuhuugemacht

Richtig spüren das ist schön

Ein Sonnenstrahl verklärt die Begegnung

Sie sehen sich nur an und erkennen das Wunder ohne Worte

Der erste Brief von Frieda C. Sangbrecht an Michael Blankenheim

Meine kommenden Aufgaben drängen sich dichter in die vorhandene Zeit

Wenn ich traurig bin, bin ich zu schwach, um mich selbst davon zu befreien

Ich will nur zusammensein mit diesen wenigen Außergewöhnlichen

Das Große Tier herrscht global

Es scheint sie doch zu geben, die wahre Liebe, irgendwo da draußen

Ich bin am Weg und ich werde ihn gehen

Ich bin ganz alleine am Weg und ersehne, dass ich ihm weiter gewachsen sein werde

Das Alleinsein mit lebenswichtigen Botschaften aus dem Himmel

Die Liebe geht ihrer Regierung entgegen

Ein Zusammentreffen ohne leere Worte

Eine nicht enden wollende Fülle

Und sie beschlossen sich nicht mehr zu trennen

Das Lieben lernen dauert unzählbar viele Erdenjahre

„Verboten g’hörats, des blöde Geld! Obgschofft und verboten“

Es ist tröstlich zu wissen

„Es war sicher nicht leicht für Dich, Gott, mir mit meinem einfältigen Dickschädel Deine Liebesbotschaft zu erklären“

Zwei Träume und zwei Begegnungen

Sie haben sich Liebe geschenkt

Vater unser

Eine kleine Schrift aus der Unendlichkeit, ein Widerhall für Ein Weg ohne Ende

Kurzbiografie von Hermann Samthaler

Ich, Yillach Gardeen eyon Saaph

Der Empfang in Bildern

Freie Botschaften aus dem Himmel

Aamar Synin ayon Freejab ist ein cooler Typ

Aamar Synin ayon Freejab hat sich viel vorgenommen. Ja, er hat sich sogar freiwillig gemeldet, obwohl ihn alle gewarnt haben. „Wieso willst du dir das antun? Bist du verrückt geworden? Bitte, denke nach, überlege dir das noch.” Fortwährend hört er solche Sätze. Lange und immer wieder haben sie auf ihn eingeredet, aber Aamar hat sich nicht abhalten lassen. Er hat sich das in den Kopf gesetzt oder – naja, heute ist er nicht mehr so sicher. Wie ist ihm das eingefallen? Wann und in welchem Zusammenhang? Hatte er die Idee während eines Gesprächs oder …? Aber vielleicht ist da auch...? Möglicherweise ist da auch so etwas wie ein Auftrag, eine Aufgabe, eine himmlische Vorgabe, ein aufweckendes Zeichen. Eine Intuition oder eine höhere Gewalt, die ihn dazu bewegt hat. Vielleicht. Aamar Synin kann sich heute nicht mehr daran erinnern. Auf jeden Fall ist er sich ganz sicher, dass er diesen Weg auf sich nehmen muss und wenn er noch so unvorhersehbar schwer sein sollte. Ist es ihm bewusst, worauf er sich einlässt? Kann er die Dramatik seines jetzt bald beginnenden Abenteuers wirklich richtig einschätzen?

Aamar Synin ayon Freejab war und ist ein cooler Typ. Cool nicht im Sinne von kalt, nein ganz im Gegenteil. Cool im Sinne von heißblütig, mutig und herzgesteuert. Hat er sich also alles genau überlegt? Nein, wie auch. Er ist ganz einfach sicher, diesen Weg gehen zu müssen. Ohne große Überlegungen, ohne Abwägen von Für und Wider. Ein Ausweg, eine Ausrede, eine Schwäche kommt überhaupt gar nicht in Frage. Und Schwierigkeiten, Ängste und Abgründe? An die will und kann er jetzt gar nicht denken. Was sollte das? Sich fürchten, bevor die Reise überhaupt begonnen hat? Solche Überlegungen waren und sind Aamar völlig fremd.

So kommt es wie es kommen muß: Aamar wird noch einmal liebevoll belehrt. In Liebe, wie er es gewohnt ist, ohne zu ahnen, was es heißen kann, ohne sie leben zu müssen, einsam zu sein, ohne Hoffnung auf Veränderung, inmitten von Massen von Unwissenden. Es wird ihm gesagt, dass ihm die Erinnerung genommen und er aus diesem Grund über eine gar lange Zeit herumirren wird und suchen muss, ohne zu wissen was. Ja, einmal wird er noch belehrt im duftenden Garten der Liebe, in dem er ganz selbstverständlich im Hohen Geiste aufwachsen darf.

Die Prophezeiung von der fehlenden Erinnerung

„Die Erinnerung”, hört er sie noch sagen, „sie wird dir fehlen. Du wirst auf dich allein gestellt sein, angewiesen auf das Wissen deiner Seele, die dort wo du hingehst niemand kennt. Du wirst ganz von vorne beginnen müssen und nichts mehr wissen von uns, deinen Schwestern und Brüdern, und von der Liebe, die uns verbindet und leben lässt. Alles Wissen wird tief in dir vergraben sein und niemand außer dir selbst wird Kenntnis davon haben.“

Es ist Eemiret Fysin ayel Braan, seine Schwester und Lehrerin. Sie schaut ihn ernst an.

„Aber ich will sie ja mitbringen und den anderen zeigen“, erwidert Aamar Synin, „das ist doch meine kommende Aufgabe dort, die Kraft der Liebe zu verteilen.“

„Diese Kraft wird verschüttet sein“, mischt sich nun Yikanan Fillim eyen Monaat ein, der die ganze Zeit schweigend bei ihnen steht. „Du wirst großen Schmerz empfinden und Leid – dort in dir – wo die Kraft der Liebe wohnt.“ Er schaut gedankenversunken in die Ferne. Dann wendet er sich wieder direkt an Aamar Synin ayon Freejab. „Diese Schmerzen aber werden dir helfen, dich zu erinnern. Sie werden jene Kraft sein, die notwendig ist für deine Aufgabe.“ Yikanan, der schon immer nur wenige Worte gebrauchte, macht eine kurze Pause. „Ja, mein Bruder, es wird unvorstellbar weh tun und genau das wird dir helfen, dich zu erinnern.“

Aamar versucht zu verstehen. Langsam scheint ihm klar zu werden, dass seine Reise unbegreiflich sein wird und er… „Du sagtest, die Zeit spielt eine große Rolle dort, Eemiret“ unterbricht er seine Gedanken, die zum ersten Mal den leuchtenden Funken in Gefahr sehen.

„Ja, sie leben in einer beengten Zeit. Im Kleinen von Sonnenlicht zu Sonnenlicht und im Großen, vom Aufstieg einer Erfindung bis zu deren Untergang. Sie leben in Zyklen von erfolgreicher Ausbeutung und darauf folgendem Zusammenbruch. Ja, sie werden dich fesseln mit ihrer Zeit.“

Aamar blickt auf. Seine Augen treffen auf jene von Yikanan Fillim. Sie lächeln. „Ich bin Aamar Synin ayon Freejab“, wendet er sich wieder Eemiret zu, „mich kann man nicht gefangen nehmen. Weder mit Zeit, noch mit Geistlosigkeit, von der du mir erzählt hast.“ Er geht ein paar Schritte und dreht sich dann zu ihr hin. „Ich danke dir für deine Belehrungen, sie werden mich auf meiner Reise begleiten und mir eine große Hilfe sein.“

„Du bist ein Großer, Aamar Synin ayon Freejab. Wenn ich dir helfen darf, ist das eine Freude für mich und natürlich weiß ich, dass du entschlossen bist und rein. So bist du ein Sieger, und du stehst im ewigen Licht. “Eemiret Fysins Augen leuchten. „Ich bin mit Freude erfüllt, hier von Angesicht zu Angesicht mit dir zu stehen, Aamar Synin.“ Ihr langes, buntes Kleid schwingt mit der kreisenden Bewegung ihres Körpers mit. Sie hat sich zu Yikanan hingedreht und ruhevoll entfernen sie sich gemeinsam.

„Es ist nur die fehlende Erinnerung, die mich nachdenklich stimmt. Aamar wird dort nichts mehr wissen von uns und unserem Leben im Garten der Liebe“, sagt sie zu Yikanan, während sie zu Boden blickt. Aamar sieht sie zwischen einem Meer wild wachsender Blumen langsam verschwinden.

Die Zwiesprache mit dem Schöpfer

Aamar Synin ayon Freejab ist wirklich ein cooler Typ. Jetzt, in diesem Moment ist er aber doch nachdenklich geworden. Er hat sich nach dem Zusammensein mit Eemiret und Yikanan entschlossen, einen Spaziergang zu machen. Einen Streifzug, eine Lustwandelei, wie es hier heißt, um mit sich sein zu können und den Geist fließen zu lassen.

„Hast Du mir das eingegeben, mein Vater, Du Schöpfer allen Lebens? Ist es Dein Auftrag an mich, dass ich mich auf die lange Reise begebe? Willst Du, dass ich mich aufmache, sendest Du mich oder ist das nur so eine Idee von mir persönlich?“

Der helle, süße Duft einer Bukulelie strömt in seine Nase. Aamar liebt ihn, denn er ist so schwerelos mit diesem Anflug von leicht säuerlicher Fruchtigkeit.

„Ja, Vater, diese Prophezeiung der fehlenden Erinnerung hat mich nachdenklich gemacht. Was meinst Du, ist das wirklich so unvorstellbar schlimm?“

„Ja, es ist ein Schrecken unvorstellbaren Ausmaßes und dein Herz, das ich dir geben werde, wird beben. Aber ich, Dein Schöpfer werde immer bei dir sein, mein Sohn.“

„Dann ist es leicht, Vater. Was soll mich schon erschüttern, wenn Du bei mir bist,“ meint Aamar. Seine immerwährende Lebensfreude kommt sehr deutlich zum Vorschein.

„Du wirst mich nicht sehen, mein Sohn und die Unwissenden haben mich und mein Wesen in ihrem Irrsinn vernebelt. Im Angesicht des freien Willens, den ich ihnen gestattet habe, dürfen sie das. Keiner von ihnen wird dir helfen können. Im Gegenteil, sie werden dich beschimpfen und für verrückt erklären. Für dich bedeutet dies: du wirst dich vorübergehend absolut alleine fühlen. Du wirst in einer düster finsteren Schlucht sein und mit diesen deinen Augen wirst du weder mich noch irgendeine dir bekannte Seele sehen. Das wird dir entsetzlich weh tun und du wirst daraus viel lernen können. Und dann, erst viel später, wirst du den Sinn erkennen.“

„Du bist es also, mein allmächtiger Schöpfer, der mir den Gedanken, diese Reise machen zu wollen, eingegeben hat. Das beruhigt mich ganz und gar.“

Aamar pflückt sich eine saftige Omarella von dem Baum, an dem er gerade vorübergeht, und orangegelber Fruchtsaft fließt beim Hineinbeißen aus seinen Mundwinkeln.

„Ja, mein Wille ist dein Wille. Das ist deine Aufgabe und das ist deine Sicherheit und dein Schutz, mein Sohn. Mein Wille ist die Liebe, wie du weißt, und sie wird dich begleiten. Zeige sie ihnen und lasse dich von der Dunkelheit des Geistes nicht beunruhigen. Niemals, mein Guter.“

Eine hochaufschwingende Welle pulsierenden Lichts durchflutet Aamar Synin ayon Freejab in diesem Augenblick mit solch umfassender Kraft, wie sie auch im Garten der Liebe nur selten geschieht. Seine Augen senken sich in tiefer Dankbarkeit.

Eekylelie, die große Liebe von Aamar

„Du schaust so gut aus, mein lieber Aami! Und heute leuchten deine Augen noch strahlender als sonst.“

Aamar erkennt natürlich diese Stimme schon von weitem, die vom Fluss her auf ihn zukommt. Es ist Eekylelie, seine Herzensliebe. Eekylelie Gomman eyel Hymnate ist eine junge Frau von feingliedriger, zarter Gestalt und hellbraunen, gelockten Haaren. Ihr blaues, mehrschichtiges Kleid steht im Gegensatz zu ihrer hell-kupferfarbigen Haut, die im Sonnenschein leuchtet und in perfektem Zusammenspiel mit ihren wassergrünen und doch auch blauglänzenden Augen steht. Sie treffen sich in diesem Moment mit den dunkel-haselnussbraunen von Aamar. Für einen Augenblick versinken sie ineinander.

„EElili, du duftest so gut. Bitte komm’ her,“ und er zieht sie zu sich auf den Wiesenboden. So bleiben sie und sind voll in Gedanken zueinander. In der Umarmung zeigen sie sich zum anderen hin.

„Du wirst gehen?“ Eekylelie sieht Aamar bei dieser Frage nicht an.

„Ja, ich möchte das erleben und meine Aufgabe erfüllen.“

„Was ist eigentlich deine Aufgabe dort?“ Aamar Synin ayon Freejab überlegt.

„Eigentlich kann ich das gar nicht so leicht in Worte fassen, ich weiß es letztlich selbst nicht wirklich. Es hat natürlich mit des Schöpfers Willen und Seinem Auftrag dieser Erfüllung zu tun, wie alles und immer. Und in diesem Sinne ist es sicher meine Aufgabe, dort das Kennenlernen Seiner – des Schöpfers Liebe – anzufachen. Aber was ich da so genau tun soll, hm?“ Aamar sieht seine Freundin an.

„Ich soll ihnen Seine Botschaft bringen und vielleicht vom Garten der Liebe erzählen und ich soll mich auf jeden Fall nicht aus der Ruhe bringen lassen.“

Eekylelie erwidert seinen Blick. „Das ist absolut gefährlich, wie mir alle, die einmal dort waren, erzählen. Diese Unwissenden sind verzweifelt und verbittert, sie können dich stark verletzen. Sie werden dich nicht sehen und natürlich auch nicht hören können. Bist du sicher, dass du dahin gehen möchtest, Aami?“

„Das ist nicht mehr die Frage und vor allem: ich bin im Handumdrehen wieder hier. Hörst du, meine Liebe, kaum hast du eine von den Bukulelien genascht, schon ist dein Abenteurer zurück.“

Eekylelie nimmt seine Hand in die ihre. „Ich hörte, dass diese Wesen unseren Schöpfer nicht mehr wahrnehmen, weil ihnen habgierige, religionspredigende Männerbanden mit unreinen Halbtatsachen die Sicht auf die rettende Wahrheit verstellen. Deshalb und aus verschiedenen anderen Gründen soll ihr Geist so furchtbar vernebelt sein. Sie sind verwirrt und infolgedessen haben sie sicher große Angst. Das macht sie so grausam und unzurechnungsfähig, sie werden dir sehr weh tun.“ Eekylelie hat die Augen geschlossen. Der Druck ihrer Hand wird fester.

Der Abstieg

Tief verbunden mit Eekylelie schließt auch Aamar seine Augen. Sie sind verbunden für immer und dann fliegt Aamar’s Geist, getragen von der Hand des Schöpfers, hinein in die Weiten des Universums. Es ist beflügelnd und doch auch irgendwie beengend, es ist ihm als gäbe es Probleme beim Luftholen. Das Atmen fällt Aamar Synin ayon Freejab schwer.

„War es atmen? War es der Wind, der mich umgibt?“ Wie unwirkliches Aufwachen aus einem Schlaf, in dem man nie gefallen war. „Träume ich?“ kommt ihm in den Sinn. Leicht vibrierendes, eher gleichförmiges Pochen umgibt ihn. So kommt es ihm zumindest manchmal vor. Dann ist er wieder gar nicht da. Den Duft vom Garten der Liebe spürt er nicht mehr. Und dann wieder dieses Pulsieren. „Bumm, bumm, bumm…“ Es hüllt ihn förmlich ein. Dieses schwere Atmen, es bedrückt ihn. Er muss sich bemühen, er muss förmlich arbeiten, um zu diesem Lebenshauch zu kommen. Es ist Mühsal, Bedrängnis. Es ist ungewöhnlich beklemmend. Sonst geht das immer ganz von alleine. Einatmen, ausatmen. Ganz ohne konkret daran mithelfen zu müssen. „Bumm, bumm…“ manchmal doch etwas unrhythmisch, wie es Aamar dünkt. Ist es in ihm, ist es um ihn? Er kann es nicht sagen. Dann aber auch gleich wieder, der Wechsel fällt ihm gar nicht sonderlich auf, ist er frei und unterwegs. „Bin ich gebunden?“ fragt eine Stimme, „bin ich gefangen?“, es ist seine eigene. „Wo?“ „Bumm, bumm, bumm…“, das schlagende Geräusch wird aufdringlicher, kommt irgendwie näher. Die Enge nimmt zu.

Das Vergessen

Die Enge wird dramatisch. „Das Pochen, es ist eindeutig in mir“, Aamar scheint der Lebensfaden abzureißen. Seine Sinne kochen. Seine Gedanken rasen im Kreis. „Atmen!“ Sonst ist nichts mehr möglich. „Schmerzen!“ Chaos überall. Innen, außen.

„Das ist das Ende!“ Aamar Synin ayon Freejab gibt es jetzt nicht mehr. Das sind seine letzten Gedanken. Hier und jetzt hört er auf zu existieren. Scheinbar.

Schreie. Schrilles Licht. Beißender Geruch. Ohrenbetäubender Lärm. Alles auf einmal. Die allerletzten Sinne schwinden. Die Gedanken versinken in einem Strudel der Übermacht. „Atmen!“ brüllt es in ihm. Enge und Druck. Das ist der Abstieg. „Wann ist er endlich zu Ende?“

Das ist erst der Anfang. Schrille, klirrende Geräusche zerschneiden die gleißende Luft. Strahlleuchten zersplittern das Denken. Gestank! „Das muss die Hölle sein!“ Der Faden reißt. Der Kampf ist eröffnet. „Atmen!“

Der neue Lebensweg hat begonnen

Michael Blankenheim saß auf dem Schoß seines Großvaters. Es ist ein schöner, gemütlicher Abend. Michael war glücklich. Er war jetzt schon fünf Jahre alt. Aufmerksam lauschte er Opas Worten, der, wie oft schon, an der Geschichte weitererzählte, die er selbst laufend erfunden hatte. Sie handelte vom Ameisenbär und seinen Freunden, den Tieren des Waldes.

„,Jetzt reicht’s mir aber – diese dummen Hasen‘, ruft der Ameisenbär grantig. ,Wenn die dauernd mit ihren Kindern – ich kann sie schon gar nicht mehr zählen – hin- und herlaufen, wie die Wilden, finde ich gar keine Ameisen mehr. Aber denen ist ja egal, wie es mir geht.‘ Lautstark vor sich hin grummelnd zieht sich Anton, der Ameisenbär, zu seiner Lieblingsfichte zurück und genehmigt sich ein kleines Kräuterpfeifchen.“

Michael saß ganz ruhig und zufrieden beim Großvater, der sich auch einen Schluck von seinem Most erlaubte, „zum Lippenbefeuchten und zum Schauen, wie es weitergeht,“ so seine allseits bekannte Erklärung.

„,He, Anton, lass’ dich nicht ärgern. Mir verscheuchen sie auch alle Mäuse.‘ Der Ameisenbär kennt die sonore, tiefe Damenstimme von oberhalb.

,Ja, du. Bist wahrscheinlich gerade erst aufgewacht und hast noch genug Zeit, Ulla. Ich bin schon seit den frühen Morgenstunden unterwegs und überall dieses Gebrülle und Gejaule. Keinen Respekt vor dem Alter diese Jugend von heute.‘

Die Uhufrau kommt einen Ast tiefer. ,Aber geh’ du alter Grantler, wirst schon nicht verhungern. Und übrigens: hast du vergessen, wie das war, wie dein alter Herr – Gott hab’ ihn selig – noch gelebt hat und du ihn geärgert hast mit deinem jugendlichen Übermut? Kannst du dich nicht mehr erinnern, wie wir uns immer Nächtens verabredet haben und er nicht schlafen konnte. Wir sind dann im Wald herum gestreift, ich hab’ dir den Weg gezeigt, weil du mit deinen nachtblinden Augen… naja, auf jeden Fall … weißt du noch, wie wir den kleinen Hirschbuben erschreckt haben. Sein Papa war ja nie zuhause, da konnten wir ganz leicht die Starken spielen. Das hat Spaß gemacht was, Anton? Und Dieter, der alte Dachsvater, der mit dem verknacksten Hinterlauf? Er humpelte und konnte nicht nachkommen und geschrien hat er, ihr Lausebengel ihr verlumpten, wenn ich euch zu fassen kriege, ihr Sackpack! Ja und du bist weggelaufen und ich habe dir den Weg gezeigt. Weißt du noch Anton?‘

Anton Ameisenbär süffelte genüsslich an seiner Pfeife und grinste vor sich hin. ,Das waren noch Zeiten. Da war die Welt noch in Ordnung. Und kannst du dich erinnern, wie er dann verschlafen und griesgrämig aus der Wäsche geschaut hat, der Dieter Dachsvater? Und er wusste nicht, was wir wussten. Er hatte keine Ahnung, wer die Übeltäter waren, die ihn um seinen Jagderfolg brachten.‘

,Ja und dass die Dachskinder dann hungrig waren den ganzen Tag über, haben wir auch nicht bedacht, damals. Dumm halt. Wie die Jungen heute.‘ Anton seufzte. Und ich auch“, erklärte der Großvater, tief durchatmend, „und jetzt warten wir noch ein winzig kleines Weilchen, dann gehen der Michael und auch die Hasenkinder schlafen und der Ameisenbär kann sich in Ruhe eine paar Ameisen zum Abendbrot einwerfen.“

Auch Michael holte tief Luft und stellte sich langsam auf seine eigenen Füße. Es war schon spät geworden und Zeit zum Schlafengehen. Wortlos umarmte Michael noch einmal den Großvater, gähnte lautstark und verschwand dann in seinem Zimmer.

Michael Blankenheims Familie

Michael Blankenheim lebte nicht nur mit seinem geliebten Großvater. Nein, da waren noch Marlene, seine – seiner Meinung nach – überhebliche Schwester, gerade einmal zwei Jahre älter als Michael. Oben, darüberstehend, Vater Franz, der immerzu arbeiten musste, und Mutter Rosa, die zu keiner Zeit schweigen konnte. Später dann, Michael wusste momentan noch nichts davon, sollte noch Klein-Ralph dazukommen, ein zartes Bruderherz. Nicht zu vergessen Großmutter Leonie – in Wirklichkeit hieß sie Eleonore, aber niemand nannte sie so – die versuchte alles zusammenzuhalten und friedensstiftend zu wirken. Dies war deshalb aussichtslos, da alle Beteiligten die meiste Zeit gegeneinander wirkten.

„Na, Buberl, kommst du nicht rauf“, röhrte Marlene vom Apfelbaum herunter, wissend, dass Michael nicht so geschickt beim Klettern war. Das nur als ein Beispiel von vielen. Michael hasste seine Schwester abgrundtief, konnte ihr aber schwer entkommen. Sie war klüger, schneller und geschickter und es schien ihr ein Vergnügen zu sein, auf Michaels Schwachpunkte aufmerksam zu machen, in allen alten und neuen Wunden zu bohren. „Irgendwann werde ich ihr eins auswischen“, nagte es in Michael immer wieder, “wenn ich groß bin, werde ich es ihr heimzahlen.“

Mutter Rosa hatte es auch bald leid, sich nur um die Kinder zu kümmern und bemühte sich mit großem Eifer um Weiterbildung und eine damit verbundene Stellung im Amt. Sie war oft gereizt und überfordert mit den Zankereien der Kinder und schickte sie oft zu Großmutter. Ja, warum sie dann später noch Klein-Ralph zur Welt brachte, bleibt ihr und ihres Mannes Geheimnis.

Franz aber, der große Schweiger, nahm kaum Teil am Familienleben. „Er muss viel arbeiten“, wurde den Kindern immer wieder erklärt, „ihr seid ja nicht gerade billig.“

Zu dieser Zeit erfuhr Michael Blankenheim übrigens zum ersten Mal von diesem Wettlauf um Geld und er sollte ihn, wie scheinbar viele hier, weiter verfolgen.

Bei der Oma war Michael eigentlich am liebsten. Opa erzählte zwar wunderschöne Märchengeschichten, aber Großmutter war einfach da. Ja, sie war einfach da. An guten und an schwierigen Tagen war sie da und Michael wurde erst dann viele Jahre später bewusst, welches Glück er mit ihr hatte. Aber, wie gesagt, auch jetzt schon, in der unbewussten, vielleicht in vielen Fällen gar ahnungslosen Kindheit, war Michael am liebsten und auf jeden Fall am öftesten bei ihr. Michael ist sozusagen bei seiner Großmutter aufgewachsen. Sie hat ihn begleitet und getröstet, auch dann, als Großvater plötzlich und vor allem für Michael überraschend gestorben ist.

„Er ist jetzt im Himmel“, hat Großmutter erklärt und Michael hat das zwar gehört, aber nicht verstanden. Er hat das damals eingeordnet wie die Lüge vom ‚Christkind‘ von dem alle Erwachsenen erzählt haben. Jenes Christkind, das zu Weihnachten anscheinend vom Himmel hier herunter kommt und den Kindern Geschenke bringt. Michael hat im Geheimen aber schon mitbekommen, dass es gar kein Christkind gibt und die Erwachsenen nur lügen. Und das Lügen, das hasste der Michael. Ja, er hasste die Lügen, mehr noch als Marlene, seine gemeine große Schwester. Und das sollte zu denken geben.

Eine schlimme, dunkle Periode nimmt ihren Lauf

Die Schulzeit hatte begonnen. Michael saß auf seinem Platz und war nervös, wie immer in dieser Zeit, und es kam ihm schon irgendwie normal vor. Dieses schlimme Gefühl im Bauch, ganz oben, dort wo fast die Brust beginnt und vielleicht auch noch weiter hinauf und auch tiefer hinunter. Es begleitete Michael Blankenheim durch lange Jahre, aber das konnte er sich damals noch nicht vorstellen. Diese Schmerzen – heißen sie Angst? – waren so durchdringend, dass es nicht auszumachen war, wohin sie sich überall ausbreiteten. Wo sie herkamen allerdings, das war ganz eindeutig. Sie hatten mit diesen vielen unbekannten Kindern zu tun und mit der Tatsache, dass man alles abspeichern musste, was die Frau Lehrerin vorsagte. Das wurde nämlich tags darauf überprüft und es wurde mehr und mehr und Michael hatte das Gefühl, diesem Wettbewerb nicht gewachsen zu sein. Begonnen hatte das schon am ersten Schultag und noch früher eigentlich, bei der sogenannten Aufnahme- oder Einschreibeprüfung. Michael ging mit seiner Mutter dahin. Seine Großmutter meinte, es schickt sich nicht, wenn sie das übernähme. Mutter Rosa war sehr aufgedreht, sie hatte endlich ihren angestrebten Dienstposten am Amt erreicht und hatte Tag und wahrscheinlich auch Nacht ihren Kopf nur bei ihren herausfordernden Arbeitsaufgaben. Sie gingen also hinein in das Schulgebäude und Michael klammerte sich an Mutters Hand, obwohl er wusste, dass er über dieses Alter schon hinaus war, und auch Mutter war es peinlich.

„Stell’ dich nicht so an“, zischte sie Michael zu, so leise und doch deutlich, dass es die anderen Anwesenden vermeintlich nicht hören konnten. Das Warten kam Michael wie eine Ewigkeit vor und seine Hände wurden damals schon kalt und feucht. Die Tür öffnete sich, ein Mann forderte sie auf einzutreten. Er besprach mit Rosa Blankenheim diverse Formalitäten ehe er sich Michael zuwandte.

„Du brauchst dich nicht zu fürchten, Kleiner, hier beißt dich niemand.“ Michael brachte kein Wort heraus, sondern lächelte nur freundlich. Es war dies das erste Pflichtlächeln in seinem irdischen Leben. Der Mann legte Farbstifte auf den Tisch, vor dem sich Michael hinsetzen musste. Er legte seinen Zeigefinger abwechselnd auf diese oder jene Farbe und Michael sollte sie benennen. Wenn die Antwort richtig war, sprang der Finger zum nächsten, wenn nicht, blieb er da liegen und bewegte sich nicht weiter. Er sagte kein unfreundliches Wort, aber sein Blick ruhte unablässig auf Michaels Gesicht. Die Situation war äußerlich sehr höflich und formgewandt, innerlich rumorten bei Michael aber schon damals dramatische Gefühlszustände. Es war ja nicht so, dass er die Farben nicht erkannte, aber die Worte, die Bezeichnungen, für diese Mischfarben zwischen blau und grün oder blau und rot wollten ihm partout nicht einfallen und je länger diese angespannte Situation andauerte, desto unmöglicher wurde das Funktionieren.

„Ich habe dir ja gesagt, ich beiße dich nicht, Hermann – äh Michael, entschuldige. Konzentrier’ dich, ich weiß, du kannst das.“

Mutter Rosa, die etwas abseits auf einem Sessel Platz genommen hatte, konnte sich nur mehr mit aller Kraft zurückhalten.

„Bitte stell’ dich nicht so an, Michael, wie oft haben wir das geübt und jetzt… – es ist unglaublich. Sie müssen wissen, Herr Fachlehrer, Michael kann nicht nur die Farben bestimmen, er kennt auch schon fast alle Buchstaben und die Zahlen bis 100. Er stellt sich nur momentan so komisch ungeschickt an.“

„Machen sie sich keine Sorgen, Frau Blankenheim, das ist schon in Ordnung“, der Prüfer machte eine beschwichtigende Abwehrbewegung mit seiner rechten Hand. „Gut, Michael, hören wir jetzt auf. Du wirst das schon lernen.“

Den ganzen Tag über war Mutter dann außer sich vor Aufregung und abgrundtief beleidigt über die demütigende Vorführung ihres Sohnes Michael.

„Nimm dir doch ein Beispiel an Marlene. Die führt sich nicht so blödsinnig auf wie du. Immer war das schon so, bei dir ist alles so kompliziert und so umständlich. Ich fasse es nicht.“

Das war also vor ein paar Monaten gewesen. Jetzt saß Michael in einer Klasse mit 26 Gleichaltrigen und war nervös. Nicht nur wegen der Rechenprüfung, die nach dem Läuten der Schulglocke beginnen wird. Irgendwie hatte das mit dem Leben allgemein zu tun, glaubte Michael. „Wie soll ich das nur schaffen?“

Michael Blankenheim bringt die anderen zum Lachen

Die Mittelschule hatte begonnen. Schon seit eineinhalb Jahren war Michael Blankenheim dort als Schüler eingeschrieben und die Spannung hat sich weiter vertieft. Der Schulstoff war in seiner Logik für Michaels Geist nicht fassbar und erschien überaus oft sinnlos. Die Aneinanderreihung von Unterrichtsstunden, getrennt durch schrilles Läuten, und die laufende Nachprüfung alles Gehörten weitete sich immer mehr aus. Im Außen war alles meist fröhlich, lachend und lautstark, im Innern aber wurden die Ängste stärker und stärker. In einigen Gegenständen, so hießen die Fachgebiete des Unterrichts, konnte Michael dem Gang der Dinge nicht mehr folgen, was zusätzliche Belastungen und Auseinandersetzungen zur Folge hatte.

„… die Population wird in verschiedenen Stadien voranschreiten, wie heißen diese, Michael?“

Kurz wurde es ganz leise im Klassenraum. Michael erwachte geschockt aus seiner Gedankenwelt, die vorübergehend abgedriftet war in… – er konnte sich jetzt auch daran nicht mehr erinnern. Blut schoss ihm ins Gesicht.

„ …Po-Popu-lation? - …“ Ein gnadenloser Lachsturm brach los. Ein Brüllen und Toben fletschte Michael entgegen. Ein Lachen und ein Gejauchze, welches sich immer dann erhob und erhebt, wenn jemand anderer gedemütigt wird. Eine Tollerei und Lustigkeit, die hier immer dann am größten ist, wenn andere darunter leiden.

„Wo hörst du hin, mein hochverehrter Herr Blankenheim?“ setzte Fachlehrer Phillip unbeirrt fort, ohne sich um seine Schmerzen zu kümmern.

„Was glaubst du, wer du bist?“

„Ich…“

„Du glaubst, du kannst den ganzen Tag beim Fenster rausschauen und am Ende schreiben wir dir dann trotzdem einen positiven Abschluss? Da bist du am Holzweg, Freundchen.“

Der Heiterkeitssturm legte sich langsam. Michaels Gesicht war noch immer rot und starr. „Nein, ich …“

„Hör‘ jetzt auf herumzueiern. Fräulein Gerlinde, sagen Sie uns und unserem Traummännlein bitte wie die verschiedenen Stadien der Käferpopulation genannt werden.“

Dann schaute er noch einmal nachdrücklich zu Michael und bemerkte sarkastisch: „Und jetzt hören Sie gut zu, hochverehrter Herr Blankenheim!“

Nach dem Pausenläuten der Schulglocke, Michael wollte gerade das Klassenzimmer verlassen, weil er das verstohlene Grinsen seiner Sitznachbarn nicht mehr ertragen konnte, da bemerkte er, dass die bezeichnende Szene noch nicht beendet war.

„Kommen Sie noch kurz zu mir, Herr Blankenheim!“ hörte er Fachlehrer Phillip von vorne rufen. „Ich möchte ein ernstes Wörtchen mit Ihrem Vater reden, Blankenheim. So kann das nicht weitergehen.“

Michael musste sein Mitteilungsheft holen und sogleich wurde Franz Blankenheim schriftlich mit dem Vermerk ‚Bitte um eine Zusage‘ zu einem Gesprächstermin eingeladen. Michael wusste um Vaters Zornanfälle. Das Drama sollte also noch weiter gesteigert werden.

Die Augen werden schwach

Seit Monaten schon, Michael konnte sich nicht mehr erinnern, wann es begonnen hatte, war es ihm unmöglich geworden, Worte von der Schultafel abzuschreiben. Alles da weiter vorn, alles in einem größerem Abstand als seine Hände, war verschwommen. Die Worte, die auf die Tafel geschrieben wurden, waren unleserlich. Michael Blankenheim war kurzsichtig geworden. Lange bemühte er sich, es zu verbergen, aber das verschlimmerte seine Situation noch zusätzlich. Die Lehrer glaubten, er würde mutwillig seine Sitznachbarn belästigen, weil er begonnen hatte, alles von ihnen statt von der Tafel abzuschreiben. Den Unterrichtsstoff verstand er zusätzlich auch immer weniger und jetzt auch noch das. Die Eltern durften nicht mitbekommen, wie schlecht es um ihn stand, und wie gering in Wirklichkeit die Aussicht, einen positiven Schulabschluss zu erreichen, war.

„Aber das ist ihr ganzer Stolz, mein Schulerfolg, “ dachte er bei sich, „Marlene hat ohne mit der Wimper zu zucken ihren Abschluss geschafft. Sie werden mich steinigen.“

Wieder einmal blickte er zum Fenster hinaus. Er konnte nicht viel sehen von seinem Platz aus, nur das Verschwommene störte ihn in diesem Fall gar nicht. Im Gegenteil, durch seine verschlechterte Sehstärke, durch seine Krankheit im Außen, konnte er sich irgendwie besser auf sein Innenleben konzentrieren. In diesem Fall war dieser Umstand aber bei weitem mehr dramatisch als vorteilhaft. Sein Herz schlug aufdringlich.

„Hoffentlich kann es niemand hören“, dachte er zu Recht bei sich, „das finden sie sicher wieder sehr witzig.“

Michael fühlte sich, wie so oft und immer mehr, allein und unglücklich.

„Was ist nur los mit mir, wieso bin ich so komisch, so anders, wie die anderen? Wieso bin ich immer der, der ausgelacht wird? Ist es nicht viel angenehmer ganz normal zu sein, ganz durchschnittlich? Gehorsam bin ich ja und auch brav, wie man so schön sagt. Eigentlich zu brav, habe ich schon fast das Gefühl, aber das hilft anscheinend nichts, immer wieder läuft etwas schief und ich stehe saublöd da.“

Michael warf einen kurzen Blick nach vorne. Er war nicht aufgefallen. Die Frau Fachlehrerin Heimbichler, die gerade ihren Geografieunterricht hielt, redete unbeeindruckt darauf los. Sie war in Asien, „…Ural… – Fluss… Gebirgszug…Grenze“, egal, die Abwesenheit Michaels war ihr nicht aufgefallen. Trotzdem, er konnte sich nicht konzentrieren, nicht auf das Innenleben hier in dieser Situation, auch wenn die Frau Lehrerin ihn gerade nicht zur Rede stellte und auch nicht auf Taiga oder Tundra oder wie das hieß ansprach. Er musste seine Augenkrankheit seiner Mutter erzählen und das war noch das kleinere Übel.

„Das mit dem Schulabschluss…“, Michael schauderte. Zwei Wochen später dann, oder waren es drei, hatten Michaels Mitschüler dann wieder etwas zu lachen: Der Augenarzt hatte die Dioptriestärke berechnet, Mutter Rosa eine besonders altmodische Brillenfassung für Michael ausgesucht, und heute kam er zum ersten Mal damit in die Schule. Alles brüllte. Das war ein Mordsspaß.

Es ist wie ein Zauber, wenn man sich nicht mehr alleine fühlt

An Dienstagen, immer wenn die Schüler von Michael Blankenheims Klasse in den Musiksaal in den 2. Stock zum Unterricht hinaufgehen mussten, gab es die Begegnung mit einer Gruppe von Schülern, die zwei bis drei Jahrgänge älter waren als sie. Unter ihnen war ein Junge, der Michael vom ersten Zusammentreffen an aufgefallen war. Er war einen halben Kopf größer als er, hatte lange, struppige Haare und blickte immer gereizt und missgelaunt um sich. Ein schlaksiger Typ mit etwas hängenden Schultern und mit einer Kleidung, die so aussah, als hätte er sie schon seit Tagen, auch beim Schlafen, getragen. Immer etwas abseits von seiner Gruppe, schien er nie auf sein Umfeld zu achten.

„Er hat mich sicher noch nie bemerkt. Auch am Bahnhof bin ich ihm sicher noch nie aufgefallen“, dachte Michael, als er und seine Mitschüler gerade im Begriff waren, den Musikraum der Schule zu betreten. Michael hatte ihn auch am Bahnhof schon von weitem gesehen, der Junge dürfte auch von auswärts mit dem Zug in die Schule fahren, wie er. Eines Tages, Michael war beauftragt worden, einen Landkartenständer für Frau Fachlehrerin Heimbichler vom Lagerraum zu holen, saß der besagte Junge vor der Tür.

„Du brauchst gar nicht zu probieren, es ist zugesperrt“, erklärte er, ohne weiter aufzuschauen.

Michael setzte sich in einigem Abstand auf einen Stuhl und sagte nichts, was ihn gleichzeitig schon wieder verunsicherte. Für den Jungen gegenüber schien das aber in Ordnung zu sein. Ohne sich weiter um Michael zu scheren, blieb er völlig ungerührt sitzen. Sein Blick war teilnahmslos, leicht gesenkt geradeaus gerichtet, seine Hände in den Taschen seiner viel zu großen Hose vergraben. Bei genauerem Hinsehen bemerkte man, dass er mit seiner Zunge spielte oder vielmehr mit seinen Lippen. Von Zeit zu Zeit sog er Ober- und Unterlippe gleichzeitig zwischen seine Zähne nach hinten und ließ sie dann mit einem „Plop“ wieder nach vorne schnalzen. Dann leckte er genussvoll mit der Zunge über beide Lippen, dass sie nassfeucht glänzten und wiederholte den Vorgang. Er tat so völlig entspannt und losgelöst von seiner Umwelt, als wäre er ganz alleine hier. Michael schenkte er nicht den Hauch einer Beachtung. Irgendwann einmal, der Aufenthalt hier fühlte sich schon sehr lang an, obwohl es natürlich nur einige wenige Minuten gedauert haben konnte und Michael war auch schon etwas aufgeregt wegen der Frau Fachlehrerin, konnte er nicht mehr an sich halten und sagte: „Du gehst in die Sechste?“ Michael hasste sich wegen dieser blöden Frage, er wusste ja die Antwort und überhaupt… Schweigen. Dann, irgendwann – „Hm? Redest du mit mir?“

„Ich… naja… ja“

„Was hast du gesagt?“

„Oh… nicht so wichtig. Tut mir leid… ich…“

„Nein, passt schon. Stimmt, ja. Sechste. Und du gehst in die vierte. In die 4A, ich weiß. Ich hab’ dich schon des Öfteren gesehen.“

Michael war ganz perplex. „Du schaust so brav aus… – aber irgendwie… hm, ich weiß nicht…“ Er schleckte sich wieder über die Lippen, grinste freundlich und schaute Michael zum ersten Mal ins Gesicht.

„Irgendwie hast du was, was mir trotzdem gefällt, Kleiner.“

„Ich…Du…“

„Passt schon, Kleiner, ich bin der Roland und du heißt Michael, wie mir die Claudia von deiner Klasse schon erzählt hat. Stimmt‘s?“

„Ich…ja, Michael… stimmt, ja. Hallo…“ „Freut mich Michael“, sagt er und streckte ihm die Hand entgegen. In dem Moment als Michael dies freundliche Angebot noch unsicher entgegennahm, näherten sich lautstark Schritte.

„Wartet ihr auf mich? Bin schon da. Braucht ihr was vom Lager?“ Es war der Hausmeister. Sie trugen ihre Aufträge vor, die verlangten Dinge wurden herausgereicht und mit einem Zwinkern und ohne ein weiteres Wort verabschiedete sich Roland. Michael ging mit dem Landkartenständer, wie verzaubert, zurück in seine Klasse.

Die erste Freundschaft

„Magst du auch eine?“ Roland Frommwald hält Michael Blankenheim das geöffnete Päckchen Zigaretten hin.

„Äh…mh…danke“, erwiderte Michael und Roland reichte ihm auch das Feuerzeug dazu. Ohne viele Worte machten sie sich auf den Weg zum Stadtpark. Sie hatten sich in den vergangenen Monaten, nach ihrem Kennenlernen in der Schule, mehrmals getroffen und ihr Ziel war bis jetzt immer das Gleiche gewesen.

„Kennst du die Geschichte von den Zeiträubern, Michael?“ Michael war auf das Rauchen fokussiert, er neigte dazu schwindlig zu werden, wenn er den Rauch in die Lunge hinab saugte, wie er es von Roland gelernt hatte. Es war zu seinem großen Geheimnis geworden und er war sehr stolz darauf. Es machte ihn zu einem Jugendlichen und er brauchte nicht mehr nur der kleine, brave Loser sein, den alle blöd herabmachten.

„Die Zeiträuber, musst du wissen, Michael“, setzte Roland ohne eine Antwort abzuwarten fort, “haben alles hier in dieser Scheißwelt im Griff. Sie saugen uns die Lebenszeit ab und das nicht nur märchenhaft im Kinderbuch. Ich hab’s nur kürzlich wo gelesen und es hat gleich geklickt bei mir. Sie haben graue Anzüge an, was natürlich nur Fiktion ist, aber egal, diese Mistschweine sind total real, musst du wissen. Sie tauschen Zeit gegen Geld und der Kurs wird immer schlechter und schlechter. Es wird den Menschen eingetrichtert, ihre Zeit herzugeben, sie werden dann irgendwie beschäftigt und dafür bekommen sie dann Geld. Und denk’ dir, das ist nicht jetzt irgendwann passiert, die haben nicht erst gestern damit angefangen, nein, das ist schon vor …, ich weiß nicht, schon vor geraumer Zeit, hm ja, wahrscheinlich schon vor langer Zeit passiert, als sie damit angefangen haben. Böse Schweinebacken, ich sag’s dir Michael. Und jetzt sind alle drauf, alle eingeschlafen, keiner wehrt sich mehr dagegen. Der Zug ist abgefahren, Kleiner. Hörst du! Es schaut verdammt beschissen aus.“ Roland holte tief Luft. Er war ergriffen und fieberhaft aufgeregt. „Bitte begreif’ mein Freund, verstehst du mich?

Der verdammte Zug ist abgefahren. Oder kennst du noch einen, der Zeit hat?“ Roland schaute auf. „Warum sagst du nichts? Das ist kein Spaß!“

„Hm… äh… die Zigaretten sind saustark…“

„Nerv‘ mich nicht, Michael. Wirklich, das ist kein Spaß. Das ist eine riesige Tragödie. Die Leute… schau dich um… da, sie – und der Typ da drüben und all die anderen. Keiner hat mehr Zeit zum Leben. Alle laufen nur wie besessen hinter dem Geld her. Krank, sag ich dir. Verstehst du, Kleiner. Das ist echt kein Spaß.“

„Ich hör’ dich, Roland. Lass’ mich nachdenken.“

Das Zigarettenrauchen behagte Michael von Grund auf und er war deshalb in gehobener Stimmung. Etwas schlecht im Magen und auch leicht drehend im Kopf, aber dieses Gefühl des Erwachsenwerdens und das Heraufdämmern einer wirklichen Freundschaft, das beschwingte ihn.

„Zeiträuber sagst du? Daran hab’ ich noch nie gedacht, Roland. Ein Wahnsinn!“

Michael dämpfte den Rest der Zigarette mit dem Schuh am Gehsteig aus. Sie waren beim Park angekommen.

„Erzähl’ mir mehr davon, Roland.“

„Was soll ich da noch sagen, Michael? Sie sind unsichtbar, nur im Märchen sind sie grau, aber das ist kindisch. Nein, sie sind unsichtbar. Sie sind die Regenten dieser Welt. Überlege einmal: Alle müssen für sie arbeiten. Wenn nicht, bekommen sie kein Geld mehr, kannst du dir überhaupt vorstellen, was das bedeutet. Die haben alle und alles in ihrer Hand!“

Roland machte eine wegwerfende Bewegung mit seiner rechten Hand. Er war außer sich.

„Wie soll man da leben in diesem Wahnsinn? Alle tun so, als sei das so normal und gleichzeitig sind sie komplett abhängig von diesen verfluchten Gangstern. Ja, begreifen die das nicht? Sind die alle blind geworden?“

„Roland ist einer, der sich alles, was wirklich wichtig ist zu Herzen nimmt, einer mit Tiefgang. Roland ist wirklich einer mit Geist und Ehrlichkeit“, dachte Michael bei sich. „Ich freue mich, dass du mein Freund geworden bist, Roland“, sagte er laut.

Roland erwiderte nichts. Todernst blickte er geradeaus.

„Ich freu’ mich, dass du mir das erzählst von den Zeiträubern, obwohl es natürlich schrecklich ist. Aber mir wäre es ehrlich gesagt nicht aufgefallen und es ist wichtig, davon zu wissen.“ Michael atmete tief durch, dann setzte er laut und klar nach.

„Ich will nicht einer von denen sein, die einfach darüber hinwegsehen. Du weißt schon was ich meine, nichts hören, nichts wissen, sich nur nicht damit beschäftigen, nur nicht damit belästigt werden. Das alte Spiel halt: ich habe nichts davon gewusst. Nein, von denen will ich keiner sein.”

Roland zeigte auf eine Parkbank und sie setzten sich. Die Luft war warm, die Sonne wärmte sie.

„Ich brauche noch Zeit, Roland. Ich will darüber nachdenken.“

Sie sahen sich in die Augen.

„Danke.“

Die Geschichte der Zeiträuber, den Regenten dieser Welt

Abends saß Michael dann in seinem Zimmer. Er hatte das Gefühl, dass er mit dem heutigen Tag den ersten Schritt auf seinem Weg zum Erwachsenwerden gegangen war. Die Sache mit den Zeiträubern ging ihm nicht mehr aus dem Kopf. Er spürte ganz genau, ja, er wusste: das ist eine grundwichtige Angelegenheit. Ein zentrales Element in diesen absurd lieblosen Bruchstücken, die er bisher vom Leben erfahren hatte. Komisch, wie das perfekt hineinpasste in dieses System, das er überhaupt nicht durchschauen konnte. Sie waren noch sitzen geblieben im Stadtpark. Er hatte Roland Fragen gestellt. Viele Fragen. Ja, er war beeindruckt gewesen von dieser Geschichte, von dieser Information.

„Vielleicht ist dieser Zeitraub auch so etwas wie ein Schlüssel“, dachte er jetzt, alleine zuhause sitzend. „Ein Schlüssel, der mir zumindest ein wenig erlaubt, hineinzuschauen in die Zusammenhänge dieser Welt, in der ich lebe. Ein Türöffner, der mir die Möglichkeit gibt, zumindest ein wenig hinter die Kulissen zu blicken.“

Michael ließ sich heute auch nicht von dem Geschwafel Marlenes stören, die im Nebenzimmer gerade lautstark in ihr Telefon hineinkicherte. Nein, er wollte mehr wissen, er wollte wirklich lesen lernen. Gut, er konnte natürlich lesen, aber… wirklich lesen wollte er lernen, Bücher, wie das über die Zeiträuber und sicher gab es noch viel verborgenes Wissen, von dem er nicht einmal zu träumen wagte. Ja, er wollte wissen, es war wie ein Instinkt plötzlich. Wissen, entdecken, Neuland. Es war, als hätte er einen Schatz gefunden. Einen Schatz, der ihm den Weg weist zu weiteren, verborgenen, noch viel, viel wertvolleren Schätzen. Er war… – er wusste das Wort nicht. Er war auf jeden Fall auf einen Weg gestoßen, auf einen bis jetzt verborgenen, geheimnisvollen und interessanten Weg. Einen, den er – und da war er sicher – weitergehen, weiter verfolgen wollte, so gut und so schnell er nur konnte.

„Hast du deine Hausübungen schon gemacht? Es ist schon spät.“ Mutters Stimme holte ihn wieder zurück in die Welt dieser geraubten Zeit hinein.

„Ja, ja, sicher doch. Klar!“ rief er zurück. Und noch etwas scheint passiert zu sein heute: er hatte etwas von seiner Angst verloren.

„Michael, der schüchterne, zitternde Angsthase. Das war gestern“, dachte er bei sich. Michael Blankenheim atmete tief durch. „Hoffentlich.“

Gedankenverloren holte er sein Abendbrot zu sich in sein Zimmer. „Vater und Mutter, beide sind sie Gefangene dieser Zeiträuber“, sagte er sich, „das ist sicher und eindeutig. Und vor allem: sie sind Unwissende. Sie haben nicht die geringste Ahnung davon.“

Wunder sind geheimnisvoll. Kaum sind sie geschehen, regiert schon wieder die Unaufmerksamkeit

Michael Blankenheims Schulzeit hatte ein Ende gefunden. Damit war hier sein erstes großes Lebenswunder geschehen, aber er konnte es noch nicht richtig einordnen. Michael hatte weder Selbstmord begangen, noch war er sonst wie aggressiv geworden, was ja angesichts der erduldeten Erlebnisse leicht hätte passieren können. Er hatte einen Abschluss in die Hand bekommen, obwohl er dieses „sinnlose Einpauken von Unwissenheit“, wie er es damals selbst bezeichnete, keineswegs annehmen, geschweige denn aufnehmen konnte. Niemand hatte sich dagegenstellen, niemand es verhindern können. Alle notwendigen Prüfungen waren zufriedenstellend oder zumindest genügend absolviert, ohne dass ihm der Lehrstoff und dessen Schwere geistigen Schaden zugefügt hatte.